Abb. 409. Szene von der Wasserweihe am Erscheinungsfest

zu Petersburg, an der der kaiserliche Hof teilzunehmen pflegt. Der

Geistliche taucht zuerst dreimal feierlich das russische Kreuz und

sodann einen Weihwedel in die Newa; mit diesem werden hierauf die

Teilnehmer besprengt.]

[Illustration: Abb. 410. Russischer Nationaltanz.]

[Illustration: Abb. 411. Osterkuß.]

Mit dem +Weihnachtsfest+ beginnt dann ein neues Feiern. Die Sitte,

einen Christbaum auszuputzen und anzuzünden, sowie die Familie und

die Hausgenossen zu beschenken, hat in Rußland schon vielfach Eingang

gefunden, selbst der Knecht Ruprecht stellt sich um diese Zeit ein,

und zwar als „Weihnachtsgroßväterchen“. In manchen Gegenden Rußlands

läßt man am Heiligen Abend einen Platz bei der Festmahlzeit unbesetzt

für ungebetene Gäste, weil man annimmt, daß unter den Wanderern, die

an diesem Abend möglicherweise um Nachtlager und Speise vorsprechen,

sich der Herr Jesus in Verkleidung befinden könnte. Die Sage berichtet

nämlich, daß in einzelnen Fällen solche Gäste von der Landstraße

am anderen Morgen verschwunden waren, ohne daß die Tür oder das

Fenster geöffnet wurde. Im allgemeinen ist Weihnachten in Rußland

bei weitem nicht in dem Grade ein kirchliches Freudenfest wie bei

uns. Es besteht vielmehr in einer Reihe von weltlichen Vergnügungen,

die vom 25. Dezember bis zum 6. Januar dauern; an diesem Tage, den

Drei-Königen, erreicht die Festesfreude ihren Höhepunkt. Besonders in

Moskau geht es hoch her. Hier besteht der Weihnachtstrubel in allerlei

Schießbelustigungen, Schlittenausflügen, Festgelagen und ähnlichem

mehr. Gewerbe und Handel liegen in dieser Zeit ganz still danieder.

-- Überall ist zu Weihnachten das Wahrsagen beliebt, von dem man wohl

gegen dreißig Arten kennt. In waldreichen Gegenden wird es in der

Weise betrieben, daß ein Beil in einen Holzklotz geschlagen und dieser

herumgedreht wird, wobei man die Namen der anwesenden Mädchen nennt;

dasjenige, bei Nennung von dessen Namen das Beil zu wackeln beginnt,

wird am ehesten der Freuden der Ehe teilhaftig werden. In anderen

Gegenden suchen die Mädchen aus der Beschaffenheit eines Holzscheites,

das sie mit verbundenen Augen aus einem Holzstoß hervorziehen, ihr

eheliches Schicksal zu ergründen. Ein glattes Scheit mit dünner,

gleichmäßiger Rinde zeigt einen hübschen und guten Bräutigam an, eines

mit rauher Rinde einen häßlichen; ein Scheit mit dicker, aber gut

erhaltener Rinde verkündet einen reichen, eines mit schadhafter Rinde

einen armen, ein dickes Scheit einen dicken Zukünftigen; eines mit

vielen Astansätzen endlich wird auf reichen Kindersegen gedeutet.

Wieder in anderen Gegenden gehen die Mädchen nachts auf den Hof und

lauschen auf Hundegebell. Aus der Richtung, aus der es ertönt, kommt

der Bräutigam; hört man es leise, dann ist dieser ein schon älterer,

erklingt es dagegen laut, ein junger Mann, und so fort. -- In manchen

Gegenden besteht auf dem Lande noch ein eigenartiger Weihnachtsbrauch,

die Brautwahl der jungen Leute (Abb. 414). Am Heiligen Abend begeben

sich die Dorfschönen zu dem Gemeindeältesten und setzen sich hier eine

neben der anderen hin, worauf jede mit einem großen Tuch bedeckt und

auf diese Weise unkenntlich gemacht wird. Die jungen Burschen kommen

nach und nach in die Stube herein und gehen aufs Geratewohl auf eines

der verhüllten Mädchen zu, machen ihm eine Verbeugung und lüften das

Tuch. Das auf diese Weise zusammengekommene Paar gilt als verlobt.

Natürlich ist das meistens eine schon vorher ausgemachte Sache. Das

Mädchen hat mit seinem Liebsten ein Zeichen verabredet, das es ihm

ermöglicht, die richtige herauszufinden.

[Illustration:

Phot. P. Postel.

Abb. 412. Der Starost eines ruthenischen Dorfes mit den

Hochzeitsgeschenken des Bräutigams

auf dem Wege zum Hause der Braut.]

Bei den übrigen Slawenstämmen verlaufen die Feste in ziemlich ähnlicher

Weise; hier und da gibt es noch besondere Gebräuche (Abb. 413). So

veranstalten die Slowaken Mährens zu +Pfingsten+ einen prächtigen

Aufzug, das Königsreiten oder Königsuchen, auch Königsfahrt genannt

(hierzu die farbige Kunstbeilage, in deren Unterschrift statt Slowaken

irrtümlich Slowenen gesetzt wurde). Die jungen Burschen bitten sich

für den Pfingstmontag aus einer der angesehenen Familien des Dorfes

einen etwa vierzehn- bis fünfzehnjährigen Jungen als König aus

und stellen ihm zwei tüchtige „Adjutanten“, drei „Abgesandte“ und

ebensoviele „Ausrufer“ und „Einnehmer“. Man vereinigt sich darauf zu

einem Festzug in die Dörfer. Die Reiter tragen weiße Schürzen mit

roten Schärpen und rote Fähnchen in den großen Schaftstiefeln; der

„König“ ist als Mädchen verkleidet, trägt einen Blumenkranz auf dem

Kopfe und reitet meistens auf einem Schimmel. Die Pferde sind sämtlich

mit bunten Bändern und Tüchern ausgeputzt. Im Galopp reitet die Schar

nun in die nächstgelegenen Dörfer und sammelt hier unter umständlichen

Förmlichkeiten allerlei Fleisch- und Wurstwaren, die dann abends im

Hause des Königs oder im Wirtshaus gemeinsam verzehrt werden, wozu der

Vater des Königs das nötige Bier spendet. -- Während es bei den Russen

am Weihnachtsfest lustig und üppig hergeht, wird dieser Tag von den

Slowaken sehr ernst und erhebend begangen. An ihm ruht alle Arbeit, in

vielen Dörfern wird nicht einmal gekocht. In einzelnen Orten verbindet

die Bäuerin sogar den Rindern das Maul, um zu verhindern, daß das

Geräusch des Wiederkauens die Feiernden in ihren Gebeten und in dem

Absingen frommer Lieder störe.

[Illustration:

Phot. P. Postel.

Abb. 413. Lustbarkeiten am Osternachmittag,

wie sie die ruthenische Jugend auf dem Kirchplatz zu treiben pflegt.

Sehr beliebt ist das im Bilde wiedergegebene Bauen von lebendigen

Pyramiden.]

Das russische Landvolk verharrt noch vielfach in ganz krassem

+Aberglauben+ und hält mit großer Zähigkeit an allerlei Gebräuchen

fest, die altheidnischen Ursprungs sind. Ganz allgemein verbreitet ist

der Glaube an die Damovoi, elfen- oder zwergähnliche Wesen, die man

sich schwarz oder rot bekleidet und mit einem langen grauen Barte sowie

mit flachsgelben Haaren und roten, leuchtenden Augen vorstellt und

in jedem Hause als ständige Genossen anwesend denkt. Von ihnen hängt

das Wohl und Wehe der Insassen ab. Daher pflegt man die Überreste des

Abendbrots noch eine Zeitlang auf dem Tische stehen zu lassen, um sich

dadurch die Hausgeister gut zu stimmen; sollte man ihnen diese Wohltat

etwa nicht erweisen, dann würden sie sich zu rächen suchen und das Haus

samt seinen Bewohnern ins Unglück stürzen. Der russische Bauer kennt

noch verschiedene andere geisterähnliche Wesen, die bestrebt sind,

den Menschen Böses zuzufügen. Um ihnen den Eintritt in die Häuser zu

wehren, kritzelt man in die Wand und in die Türe das heilige Kreuz und

malt es rot oder weiß aus.

[Illustration:

Phot. The London Electrotype Agency.

Abb. 414. Brautwahl am Heiligen Abend.

In einigen Dörfern Rußlands ist es Sitte, daß sich die jungen Mädchen,

die zu heiraten wünschen, im Hause des Dorfältesten zusammenfinden.

Hier nehmen sie nebeneinander Platz und werden mit großen Tüchern

verhüllt. Darauf treten die heiratslustigen jungen Männer einer nach

dem andern ein. Jeder macht vor einer der verhüllten Gestalten eine

Verbeugung, das Tuch wird gelüftet, und die beiden gelten fortan

als Brautleute. Natürlich haben die einander gewogenen Paare vorher

irgendein Erkennungszeichen vereinbart.]

In vielen Gegenden besteht auch die Sitte, daß der Pope bei Beginn

des Frühlings die Häuser, Ställe, Scheunen, Wiesen und Äcker segnet,

um dadurch die bösen Geister zu vertreiben, die etwa beim Aufbrechen

des Eises aus dem Wasser auftauchen und sich an den genannten Orten

einnisten könnten. Die Furcht vor Hexen, Teufeln, Zauberern und anderen

übelwollenden Wesen ist unter allen Slawenvölkern sehr verbreitet; sie

kommt in zahlreichen abergläubischen Vorstellungen und Handlungen bei

wichtigen Lebensereignissen zum Ausdruck, hauptsächlich aber bei der

Geburt eines neuen Weltbürgers.

[Illustration:

Phot. Newton & Co.

Abb. 415. Serbische Braut im Hochzeitstaat,

neben ihr der Priester in vollem Ornat. Der Brautkranz ist aus

Basilikum gewunden, das bei der Landbevölkerung als heilig gilt.]

Während der +Entbindung+ klopft im Gouvernement Wilna die Hebamme

mit einem Besen an die Zimmerdecke. Früher war es in ganz Rußland

allgemein üblich, einen Besen in einen Winkel der Stube zu stellen;

man glaubte dadurch die Wöchnerin und ihr Kind gegen böse Geister

zu schützen, diese sollten damit gleichsam hinausgekehrt werden.

Jetzt noch pflegt man bei einer Geburt alles im Hause zu lösen, also

auch alle Knoten. Bei den Weißrussen nimmt man aus diesem Grunde der

Kreißenden sogar die Finger- und Ohrringe ab -- sie sind auch etwas

Gebundenes, Geschlossenes -- und öffnet vor Beginn der Geburt alle

Kästen, Schübe und selbst die Ofentüren, weil auch alles Verschlossene

geöffnet werden muß; die Kreißende selbst ruft durch Klopfen mit der

Ferse auf die Schwelle des Zimmers die Ahnengeister, deren Sitz dort

angenommen wird, zu ihrem Beistande an.

Wenn das Kind geboren ist, muß man sehr darauf achten, daß es nicht

vertauscht wird mit einem sogenannten Wechselbalg, einem mißgestalteten

Wesen, das vom Teufel mit einer Hexe erzeugt sein soll. Derartige

Wechselbälge sind nach dem Volksglauben dadurch gekennzeichnet, daß

sie bis zu ihrem zwölften Lebensjahre weiter nichts tun als essen,

trinken, schlafen und schreien, daß sie ferner geistesschwach sind,

aber über ungeheure Körperkräfte verfügen und mit Ablauf der ersten

zwölf Lebensjahre in den Wald zu entwischen trachten. Gelingt ihnen

diese Flucht nicht, so müssen sie zeit ihres Lebens unter den Menschen

bleiben; sie werden dann zu bösen Zauberern. Um das eigene Kind

wiederzuerhalten, muß man eine heilige Messe lesen lassen, doch darf

das entführte Kind bis dahin noch nicht von den Speisen des Waldgeistes

genossen haben. Trifft diese Voraussetzung zu, dann bringt der Geist

das Kind wieder zurück. Man kann sich der Wechselbälge auch auf andere

Weise entledigen, indem man sie mit geweihten Ruten peitscht -- auf ihr

Geschrei hin bringt die Drude oder der Waldgeist das geraubte Kind dann

wieder -- oder die Wiege umkehrt, so daß der Balg herausfällt. --

Der Aberglaube, daß böse Mächte, die bald Waldfrauen oder Waldgeister,

bald Hexen, Druden, Alpe, Nixen, Zwerge, Unterirdische und ähnlich

heißen, darauf ausgehen, ihre eigene Brut gegen Menschenkinder

auszutauschen, hat sich besonders bei den Slawen bis in unsere Tage

herein unerschüttert erhalten. Als einem solchen Tausch am meisten

ausgesetzt gilt die Stunde des Ave-Maria. Man schützt die Wöchnerin und

ihr Kind gegen die Belästigungen von seiten der bösen Geister, indem

man das Kind möglichst schnell taufen läßt oder wenigstens den Segen

über dasselbe ausspricht, ein Gesangbuch unter sein Kopfkissen steckt,

einen hölzernen Hammer und einen Besen kreuzweise unter sein Bett legt,

und durch andere derartige Maßnahmen. Auch darf die Frau ihr Kind

niemals ohne Aufsicht lassen; daher versammeln sich bei den Südslawen

Bekannte und Verwandte sofort nach der Geburt im Hause der Wöchnerin

und bleiben stets um sie, wobei sie einander durch Erzählen und Singen

die Zeit vertreiben.

[Illustration:

Phot. The London Electrotype Agency.

Abb. 416. Schwerttanz der Serben (Kolo).

Er wird nur von den jungen Mädchen aufgeführt, die einander bei der

Hand fassen und im Kreise tanzen. Die Vortänzerin trägt Helm und Küraß

und schwingt ein Schwert, eine andere Tänzerin eine Lanze.]

[Illustration:

Phot. P. Postel.

Die Sitten der Völker, Dritter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 176 / 203 题