[Illustration:
Phot. The Exclusive News Agency.
Abb. 406. Griechisch-orthodoxe Prozession,
bei der Heiligenbilder (Ikones) mit im Zuge geführt werden.]
[Illustration:
Phot. P. Postel.
Abb. 407. Eine Wohltat, die Reisende in den Karpathen genießen.
Da das Wasser im Gebirge knapp ist, pflegt man hin und wieder am Wege
einen Krug mit Wasser und einen Becher hinzustellen zur Labe für die
Vorübergehenden. Um ihnen zu einem Dankgebet Gelegenheit zu geben, hat
man gewöhnlich daneben ein Kruzifix errichtet.]
Ihrem +Glauben+ nach bekennen sich die meisten Slawen zur
griechisch-orthodoxen Kirche (Abb. 406 und 407); nur Tschechen, Polen,
Kroaten und die Slawen Deutschlands sind Anhänger der katholischen
Kirche. Unter den Letztgenannten gibt es auch Evangelische. --
Zahlreich sind die +Feste+, die das slawische Volk feiert. Beginnen
wir mit einer Schilderung der wichtigsten russischen Feste und
Feiertage. Ihre große Zahl beginnt mit dem Feste der +Wasserweihe+
(Abb. 409) am Erscheinungsfest, dem 6. Januar. Die Bevölkerung
der an einer Wasserstraße, und sei es auch nur ein Gebirgsbach,
gelegenen Gebiete strömt an diesem Tage festlich gekleidet zusammen.
Am Flusse hat man eine Brücke oder Rampe in diesen hineingebaut und
mit Blumen, Teppichen, Fahnen und so weiter ausgeschmückt. Begleitet
von den Spitzen der Behörden, den Offizieren in Paradeuniform -- in
Petersburg nimmt auch der Zar mit dem gesamten Hofstaat an der Feier
teil -- und zahlreichen Bürgern des Ortes, begibt sich die gesamte
Geistlichkeit, angetan mit ihren reichsten, von Gold strotzenden
Gewändern, zum Flusse, wobei ein griechisches Kreuz auf einer langen
Stange vorangetragen wird. Nachdem ein Tauflied gesungen worden ist,
taucht der höchste geistliche Würdenträger das Kreuz am Ende der
Brücke dreimal in die Fluten und besprengt die Umstehenden mit einem
Weihwedel, den er ins Wasser getaucht hat. Die Frauen füllen sodann die
mitgebrachten Krüge mit dem geweihten Wasser, um es das ganze Jahr lang
aufzubewahren und teils zum Einfüllen in die Weihwasserbecken, teils
zum Austreiben von allerlei Krankheiten und Gebrechen zu verwenden.
In den ländlichen Bezirken endet die Wasserweihe mit einem größeren
Volksfest, bei dem gegessen, getrunken und getanzt wird. -- Unsere
Fastnacht findet in Rußland ihr Gegenstück in der Masljanza oder
+Butterwoche+, der Zeit ausgelassener Freude. Für die Unterhaltung des
Volkes sorgen Jahrmärkte mit den üblichen Buden und sonstigem Zubehör;
besonders in Moskau sind diese auf dem „Jungfernfeld“ stattfindenden
Veranstaltungen zu einer Berühmtheit geworden. In den Familien feiert
man die Butterwoche durch festliche Zusammenkünfte, zu denen man die
Verwandten und Bekannten auf „Blini“ einladet. Blini sind Pfannkuchen,
die mit zerlassener Butter, saurer Sahne und Kaviar genossen werden
und ein Meisterstück der Hausfrau darstellen. -- Die siebenwöchige
+Fastenzeit+, die sich an die Butterwoche anschließt, wird in
Rußland im allgemeinen ziemlich strenge innegehalten. Im Innern des
Zarenreiches sind während dieser Zeit sogar geräuschvolle Vergnügungen
und Tanz gänzlich verpönt. Mit dem Palmsonntag, der die letzte
Fastenwoche einleitet, beginnt überall vollständige Ruhe einzuziehen.
Besonders feierlich wird der +Gründonnerstag+ begangen, vornehmlich
in den beiden Hauptstädten. Hier spielt sich in den Hauptkirchen die
Zeremonie des Fußwaschens in größter Feierlichkeit vor einer Kopf an
Kopf gedrängten Menge ab. Mitten im Schiff des Gotteshauses ist eine
Rampe errichtet, auf der zwölf Archimandriten Platz nehmen; mit ihren
langen wallenden Bärten und bis auf die Schulter herabhängenden Locken
machen sie ganz den Eindruck von Patriarchen der ersten christlichen
Zeit. Unter den ergreifenden Gesängen der Domsänger vollzieht der
Metropolit an jedem von ihnen die Fußwaschung in einem silbernen
Becken. Nach der Feierlichkeit sucht jeder der Kirchenbesucher seine
brennende Kerze noch flammend nach Hause zu bringen, denn wer sein
Heim mit der unverlöschten Flamme erreicht, hat Glück und Segen im
kommenden Jahre. Es gewährt einen drolligen Anblick, wie groß und
klein auf der Straße sich bemüht, seine Kerze vor dem Erlöschen zu
schützen. Am +Karfreitag+ sind die Kaufläden und Auslagen nicht wie
bei uns geschlossen, sondern es drängen sich im Gegenteil auf den
Märkten und Plätzen die Leute an die massenhaft aufgespeicherten
Lebensmittel, um sich für die Feiertage vorzusehen. In der +Nacht vom
Sonnabend der Karwoche zum Ostersonntag+ strömt alles wieder in die
Kirchen, die buchstäblich bis auf den letzten Platz angefüllt sind,
und wartet auf den Glockenschlag zwölf, wo der Geistliche aller Welt
das „_Christos woskress_“, Christus ist auferstanden, verkündet. In
Petersburg gestaltet sich dieser Augenblick ganz besonders feierlich
und erhebend. Sobald der Priester die frohe Botschaft verkündet hat,
stimmt der Domchor den Lobgesang an; Tausende von Kerzen erhellen
plötzlich das Düster des Gotteshauses -- jeder hat die mitgebrachte
Kerze angezündet --, alle Glocken läuten, und die Peter-Pauls-Festung
feuert einen Salut von hundert Schüssen. In der Kirche und auf der
Straße pflanzt sich der Ruf „Christus ist auferstanden“ durch Tausende
und aber Tausende von Kehlen fort; ein jeder antwortet darauf mit
„_Woistinje woskress_“, Er ist wahrhaftig auferstanden, und besiegelt
diese Wahrheit durch einen dreimaligen Kußwechsel (Abb. 411). Kein
Mensch darf sich diesem Osterkuß entziehen, ob alt oder jung, ob reich
oder arm, ob vornehm oder gering, alles küßt sich, selbst der Zar
seine niedrigsten Soldaten. Alle Rang- und Klassenunterschiede sind in
diesem Augenblick weggewischt, ein wirklicher Freudentaumel hat die
ganze Bevölkerung ergriffen. Vor dem Hochaltar oder auch auf den Stufen
vor der Kirche haben inzwischen die Gläubigen ihre Bündel geöffnet
und die Osterspeisen ausgepackt, damit sie der Geistliche segne.
Für gewöhnlich sind dies die Kulitsch, der hohe, unserem Napfkuchen
ähnelnde Kuchen, die Pascha, eine Art Käsekuchen mit Rosinen, und die
gefärbten Ostereier, die bei wohl allen slawischen Stämmen sich großer
Beliebtheit erfreuen und mit schönen Zeichnungen versehen werden;
durch den Reichtum und die vollendete Kunstfertigkeit ihrer Bemalung
zeichnen sich die Ostereier der Huzulen und Slowaken, auch die der
Wenden aus. In den Häusern der Vornehmen auf dem Lande setzt die
Hausfrau ihren ganzen Stolz darein, einen prächtigen Ostertisch mit den
eben genannten Speisen, wozu natürlich noch Kaviar und alle möglichen
geistigen Getränke kommen, herzurichten und durch Ausschmückung mit
Blumen in eine Art Gewächshaus zu verwandeln. Der Pope segnet hier
gleichfalls die Speisen und besprengt auch das übrige Haus, ja sogar
die Tiere mit Weihwasser. Das Gesinde, das der Feier beigewohnt hat,
findet sich darauf mit prächtig bemalten Ostereiern bei der Herrschaft
ein und tauscht sie gegen weniger schöne um. Natürlich besiegelt alles
diesen Austausch mit einem Kuß. Die festlich gekleideten Burschen und
Mädchen ziehen dann noch die Dorfstraße entlang und entbieten allen,
die ihnen begegnen, den Ostergruß, den sie außerdem noch in die Häuser
hineinrufen. Den übrigen Teil des Tages entschädigt sich alles durch
tolle Ausgelassenheit für das siebenwöchige Fasten, wobei ähnliche
Lustbarkeiten wie in der Butterwoche stattfinden (Abb. 404). Auf
dem Lande haben sich auch noch allerlei abergläubische Gebräuche
erhalten. Um ein paar Beispiele anzuführen, so wäscht man sich in der
Frühe mit dem geweihten Wasser das Gesicht, um sich dadurch gegen
Hautkrankheiten zu schützen, oder trinkt es wohl auch, um gegen
allerlei Gebrechen gefeit zu sein. An dem gedeckten Ostertisch nimmt
man niemals sitzend, sondern nur stehend seine Mahlzeit ein. -- Acht
Tage nach Ostern ist die „Krasnaja gorka“, das „rote Berglein“; an
diesem Tage steigt die Jugend auf die sonnenbeschienenen Hügel und
begrüßt mit frohen Liedern den Frühling. Am 9. Mai findet +Mikula+,
das Fest des Wundertäters Nikolas, statt. Daran schließt sich der
„Namenstag der feuchten Mutter Erde“ an, an dem die Zauberinnen, die
wohl in keinem russischen Dorfe fehlen, unter Hersagen feierlicher
Formeln zum erstenmal im Jahre auf die Suche nach heilkräftigen
Kräutern gehen. Weiter folgt dann der +Semik+ (das heißt der siebente
Donnerstag nach Ostern), der Tag der Mädchenfreundschaften. An ihm
zieht die weibliche Jugend, festlich gekleidet, in den Wald, flicht
Kränze, tauscht Küsse aus und schließt Freundschaften für das ganze
Leben. Die Kränze werden schließlich noch ins Wasser geworfen, um aus
ihrem Verhalten in diesem einen Schluß auf die Zukunft zu ziehen. Den
Dorfschönen, deren Kranz oben auf dem Wasser weiterschwimmt, steht
in Bälde die Heirat in Aussicht; hingegen diejenigen, deren Kranz
untersinkt, kommen noch nicht unter die Haube oder werden, falls sie
doch heiraten sollten, schon frühzeitig Witwe werden. So gehen die
Feste weiter bis zum Peter-Pauls-Tag, mit dem sie vorläufig ihr Ende
finden; denn mit diesem Tage beginnt die Straba, die Arbeitszeit, die
Zeit der Ernte (Abb. 421) und der Bestellung der Wintersaat.
[Illustration:
Phot. The Preß Picture Agency.
Abb. 408. Russische Bäuerin in der Landestracht.
Die sehr mannigfaltigen slawischen Volkstrachten zeichnen sich meist
durch grelle Farben aus; viele von ihnen sind sehr kleidsam. Als
Kopfputz werden gewöhnlich Blumen getragen.]
[Illustration:
Phot. Underwood & Underwood.