Abb. 363. Eine Frau aus der Provinz Galicien (nordwestliches Spanien)

in ihrer anmutigen Tracht.]

In Toulouse besteht noch heutzutage der merkwürdige Brauch der

+Verunstaltung des Schädels+ durch das beständige Tragen einer festen

Kappe von frühester Kindheit an; der Schädel wird dadurch in eine

langgezogene Form gedrängt. Einen schädlichen Einfluß auf die geistigen

Fähigkeiten übt diese Verunstaltung indessen nicht aus. Sehr verbreitet

ist unter den Romanen auch die Unsitte des Tatauierens. In Süditalien

herrscht sie besonders im Gebiete von Loreto, wo sich nach dem

Volksglauben das von den Engeln dorthin gebrachte Haus der Jungfrau

Maria befindet. Zu Ehren der Himmelskönigin lassen sich die Tausende

von Besuchern dieses Wallfahrtortes deren Monogramm in die Haut

„einschreiben“.

Ebenso wie in körperlicher Hinsicht unterscheiden sich Romanen und

Germanen auch in geistiger streng voneinander. Während der Germane

ein ernstes, nachsinnendes, gemessenes Wesen zur Schau trägt, viel

überlegt, nachdenkt, sich nur langsam und erst durch Vernunftgründe

überzeugen läßt und zur Innerlichkeit neigt, zeigt der Romane ein

heiteres, leichtlebiges, leidenschaftliches Temperament, begeistert

sich schnell für alle Neuerungen, ohne viel zu überlegen, ist sehr

leicht bestimmbar und läßt sich gern durch Äußerlichkeiten und

Förmlichkeiten beeinflussen. Seine durchschnittliche +Bildung+ steht

auf einer viel niedrigeren Stufe als die des Nordeuropäers; es gibt

unter den Spaniern und Italienern noch ungemein viel Leute, die weder

lesen noch schreiben können. Daher haben in Städten und Dörfern auf

Plätzen, in Straßen und vor den Posthaltereien öffentliche Schreiber

ihre Buden aufgeschlagen, die einen kleinen Tisch mit Papier, Tinte

und Feder enthalten; hier wird der Briefwechsel der Schreibunkundigen

erledigt, eingelaufene Briefe ihnen vorgelesen und die Antwort

geschrieben. Lebhaften Zuspruch erhalten diese öffentlichen Schreiber

auch von Liebenden; über deren Angelegenheiten bewahren sie tiefstes

Amtsgeheimnis.

Mit der leichten Erregbarkeit der Südländer hängt auch ihre große

+Vorliebe für Duelle+ (Abb. 370) zusammen. Dies gilt schon von

Frankreich, noch weit mehr aber von Spanien und Italien. In Frankreich

kommt der Zweikampf hauptsächlich unter den oberen Zehntausend vor,

besonders unter Offizieren, Leuten, die im öffentlichen Leben stehen,

und Journalisten. Sie tragen ihre Streitigkeiten meistens mit dem

Florett aus, und zwar sind die Anlässe in der Mehrzahl der Fälle ganz

geringfügig, ja lächerlich. Sehr wenige dieser Zweikämpfe endigen mit

gefährlichen Verletzungen für die Kämpfenden; ein kleiner Stich mit dem

Degen oder ein paar in die Luft abgegebene Schüsse genügen meistens, um

die verletzte Ehre wiederherzustellen. Viel häufiger und ernster sind

dagegen die Duelle bei den Leuten aus dem Volk auf der italienischen

und der spanischen Halbinsel. Hier werden sie meistens mit dem Messer

ausgetragen. Nur zu leicht fühlen sich die Südländer in ihrer Ehre

verletzt und greifen daher sogleich zum Messer oder zum Revolver.

Zahlreiche Kreuze, denen man auf seinen Wanderungen in Italien

begegnet, legen davon Zeugnis ab, daß hier ein Mord begangen wurde,

und bilden eine stillschweigende Mahnung an die Gesetzlosigkeit, die

noch immer im Lande herrscht. Auch Eifersucht spielt bei der Entstehung

derartiger Duelle eine große Rolle. Nicht selten ist die Italienerin

stolz auf die Wunden, die ein verschmähter Liebhaber ihr im Gesicht

beibrachte, um es zu entstellen; sagen sie ihr doch, daß sie imstande

ist, Leidenschaften unter den Männern zu einfachen.

[Illustration: Abb. 364.

Vom Haarmarkt in Saint-Jean in der Bretagne.

Die Frauen lassen sich das Haar von umherziehenden Haarschneidern

kürzen und verkaufen es an diese.]

Sobald ein Mord begangen ist, flüchtet der Mörder in den nächsten Wald

oder ins Gebirge; seine Freunde sorgen dafür, daß er unentdeckt bleibt,

und bringen ihm Nahrung. Dagegen machen die Verwandten und Freunde

des Ermordeten die größten Anstrengungen, des Angreifers habhaft zu

werden und ihn gleichfalls niederzustechen oder, falls ihnen dies nicht

gelingt, an seinen nächsten Verwandten Rache zu üben. Es ist dies die

bekannte +Blutrache+, die Vendetta, die oft genug immer weitere Kreise

zieht und sich vielfach von Geschlecht zu Geschlecht fortpflanzt.

Bisher konnte sie durch keine Macht ausgerottet werden. Die Obrigkeit

in Italien hat nicht die Macht, diesem gefährlichen Treiben Einhalt zu

tun; das Volk kümmert sich eben nicht um die Gesetze der Regierung und

regelt das Unrecht nach ungeschriebenem Sittenkodex. In Süditalien ist

es die Kamorra, auf Sizilien die Mafia, die diese Volksgerichtsbarkeit

in die Hand genommen haben. Beide Geheimbünde erfreuen sich immer

noch eines guten Gedeihens, wenngleich sie dem Namen nach unterdrückt

sein sollen. Denn gerade die Polizei, die sie zu Fall bringen

sollte, ist ihr bester Freund und Bundesgenosse. Eine einheitliche

Organisation besitzen weder die Kamorristen noch die Mafiosen; es

bestehen vielmehr in verschiedenen Gemeinden verschiedene Verbände der

Kamorra beziehungsweise Mafia, die unabhängig voneinander ihr Gebiet

bearbeiten, manchmal aber auch sich gegenseitig befehden. Die Tätigkeit

der beiden Geheimbünde ist nach den Örtlichkeiten verschieden, meistens

besteht sie in gegenseitiger Selbsthilfe und gelegentlich im Rächen

von Unbilden nach dem Faustrecht, aber auch in der Unterstützung

unterdrückter, dem Bunde fernstehender Personen. Sie reicht von den

niedrigsten bis in die höchsten Schichten hinein, so daß ebensogut

die Wahl eines Gemeindedieners wie die eines Parlamentsmitgliedes

von diesen Geheimbünden abhängen können, und zwar erstreckt sich ihr

Einfluß über mehr als die Hälfte des ganzen Landes. Der feste Glaube,

daß sein besonderer Schutzheiliger, dessen Reliquie der Kamorrist oder

Mafiose in einem kleinen Beutel um den Hals trägt, ihn vor jeder Kugel

der Truppen, die zu seiner Verfolgung ausgesandt werden, behütet,

verleiht ihm den zu seinem gefährlichen Handwerk erforderlichen Mut.

[Illustration:

Phot. J. Laurent & Co.

Abb. 365. Tracht der Bevölkerung von Valencia.

Sowohl die männliche wie die weibliche Tracht ist reich, eigenartig und

malerisch.]

[Illustration:

Aus: Gallichan, Spain Revisited.

Abb. 366. Spanierin mit der Mantille.

Dieses Kleidungstück aus zartem, weißem Spitzengewebe, das vielleicht

die anmutigste Kopfbedeckung ist, die es gibt, wird noch viel in der

Provinz Galicien und überhaupt in den Provinzstädten Spaniens getragen.]

Der Südländer mit seinem lebhaften Temperament ist +sehr für Spiel und

Tanz eingenommen+. In Spanien ruft kein Vergnügen größere Freude und

Begeisterung hervor, als der +Stierkampf+, die Corrida. In den Augen

des Spaniers ist dies der einzige wissenschaftliche, heldenmütige

und gleichzeitig künstlerische Sport. Kein anderes Land der Welt hat

einen Sport aufzuweisen, der eine ähnliche Stellung einnimmt oder eine

ähnliche Anziehungskraft auf die Bevölkerung ausübt. Er ist in dem

Grade dem gesamten Volk gleichsam in Fleisch und Blut übergegangen,

daß jeder Bürger mit allen Förmlichkeiten, Gesetzen und Regeln des

Spiels -- und bei einer Corrida wird ganz planvoll verfahren --

vertraut ist, die Fehler, die etwa begangen werden, sogleich erkennt,

die Teilnehmer, ganz gleich ob Mensch oder Tier, in ihren Leistungen

streng beurteilt und unerschöpflich ist, wenn es gilt, über diesen

Gegenstand zu plaudern. Pünktlichkeit kennt der Spanier sonst nicht,

aber in Sachen des Stierkampfes läßt er auch hierin nichts zu wünschen

übrig; zur festgesetzten Stunde findet er sich zum Stierkampf ein mit

einer Pünktlichkeit, die geradezu überrascht. Wenn sich die Uhrzeiger

der für die Schaustellung festgesetzten Stunde langsam nähern,

dann wird der Stimmenlärm, der bisher in der tausendköpfigen Menge

herrschte, beinahe zum Schweigen gebracht; alles ist ganz Ohr und

Auge. Mit dem ersten Glockenschlag erscheint der Präsident in Frack

und hohem Hut, wie es die Sitte vorschreibt, auf seinem Platze --

sollte er nicht zur Stelle sein, dann würde er die Wut der harrenden

Menge heraufbeschwören --, setzt sich, wartet einen Augenblick und

gibt durch Schwenken eines Tuches das Zeichen zum Anfang. Zunächst

erfordert es die Sitte, daß der Chiquero in aller Form eröffnet

werde. Zu diesem Zweck erscheinen in dem Bogengang unter dem Platz

des Präsidenten zwei vollständig in schwarzen Samt gekleidete, mit

Mänteln aus demselben Stoff und mit Federhüten geschmückte Alguaciles

auf sich bäumenden Rossen, traben, der eine nach rechts, der andere

nach links, im Halbkreise um die Arena herum, bis sie sich auf der

entgegengesetzten Seite begegnen, galoppieren darauf wieder zurück und

begrüßen den Präsidenten, worauf sie durch die Eingangspforte wieder

verschwinden. Einen Augenblick ist die Arena leer, dann treten die

Alguaciles am gegenüberliegenden Eingang wieder auf, und mit ihnen

vollzieht sich der eindrucksvolle Einmarsch der Kämpfer (Abb. 368).

Voran reiten die Alguaciles, dicht hinter ihnen marschieren die drei

Matadores nebeneinander, und zwar strenger Vorschrift gemäß in der

Rangordnung des Alters (links der älteste). Den rechten Arm haben sie

frei; von der linken Schulter hängt ihnen der glänzende Parademantel

herab, der rings um die Taille geschlungen wird und dessen Enden von

der linken Hand des Trägers auf der Hüfte gehalten werden. Hierauf

folgen die Bandilleras in glänzenden Gewändern aus Samt und Seide und

dann wieder Berittene, die Picaderos. Hinter ihnen kommen noch die

Ringwärter in ihren roten Hemden, die die Aufgabe haben, die Wunden

der Pferde mit Werg auszustopfen; sie müssen aber auch die gefallenen

Tiere durch Schläge auf die Beine bringen, wenn sie noch imstande

sein sollten, einen weiteren Angriff des wütenden Stiers zu ertragen,

auch ihre toten Körper an die mit Schellen versehenen Maultiere, die

den Nachtrab bilden, anschirren, um sie durch diese hinausschleppen

zu lassen. Das Ganze bietet ein recht würdevolles, dabei malerisches

und prächtiges Schauspiel und verfehlt nie, die Bewunderung und den

lauten Beifall der Zuschauer hervorzurufen. Alle Teilnehmer des

Zuges stellen sich gleichfalls vor dem Präsidenten auf und begrüßen

ihn durch Aufheben ihrer Gerätschaften. Dieser erwidert ihren Gruß

durch Lüften seines Zylinders, worauf sich der Zug verteilt. Die

Maultiere aber verschwinden, ebenso die Picaderos bis auf zwei, die

gegen die Barriere gelehnt dastehen, in gewisser Entfernung von der

Tür, aus der der Stier erscheinen soll. Die Bandilleras und Espadas

vertauschen ihre Parademäntel mit ausgebleichten, blutbefleckten roten

und gelben Umhängen; die ersteren vertrauen sie guten Freunden unter

den Zuschauern an. Ein Trompetenstoß ruft dann einen der Alguaciles

herbei, der den Schlüssel zum Tor, den der Präsident herabwirft, mit

seinem federngeschmückten Hut auffängt und einem alten Wärter übergibt,

während er sich selbst in Sicherheit bringt. Der alte Bediente öffnet

das Toril und tritt zur Seite. Tiefes Schweigen tritt jetzt ein.

Der Stier erscheint, galoppiert in die Arena, wittert die seiner

wartenden Picaderos und stellt sich so, als wolle er einen jeden von

ihnen beim Vorbeistürmen angreifen. Dabei versetzen ihm die Picaderos

einen leichten Stoß. Der Stier wird dadurch wütend gemacht, schnauft

ärgerlich, scharrt die Erde auf und geht schließlich mit gesenktem

Kopf auf einen der Reiter zu. Erst wenn ihm mindestens zwei Pferde

zum Opfer gefallen sind, treten die Bandilleras in Tätigkeit, um den

Stier dadurch in noch größere Wut zu versetzen, daß sie ihm eine Reihe

mit Widerhaken versehener Lanzen in den sehnigen Nacken stoßen. So

geschmückt, tritt der Stier nun einem Espada oder Matador gegenüber

(Abb. 369), der ihn dazu verleitet, wiederholt einen Anlauf auf ihn zu

nehmen. Sodann hebt er das Heft seines Schwertes in gleiche Höhe mit

seinem Auge und zielt vorsichtig auf eine bestimmte Stelle des Stieres,

der auf ihn losstürmt und in das Schwert bis an das Heft hineinläuft.

In demselben Augenblick springt der Espada zur Seite, der Stier taumelt

und fällt mit einem Krach auf den Boden. Der tote Körper wird an das

schon erwähnte Maultierpaar gespannt und im Galopp hinausbefördert.

Frischer Sand wird über die Blutlache gestreut, und die Trompeten

verkünden die Wiederholung des grauenerregenden Schauspiels. Dem Espada

aber, der dem Stier den Garaus gemacht hat, wird mächtige Begeisterung

gezollt; je mehr Erfolge er aufzuweisen hat, um so mehr steigt er in

der Achtung aller, besonders aber der Frauen, die geradezu einen Kultus

mit ihm treiben und ihn beinahe vergöttern. Für den Nordeuropäer aber

ist es nicht faßlich, daß Kulturmenschen an einem so widerwärtigen

Vorgang, wie die Corrida es ist, Gefallen finden können; doch sind die

Stierkämpfe nun einmal eine althergebrachte Leidenschaft des ganzen

spanischen Volkes und werden es auch immer bleiben.

[Illustration:

Phot. J. Giletta. Mit Erl. von H. J. Shepstone.

Abb. 367. Aus dem Festzug des berühmten Karnevals zu Nizza.

Die Figur auf dem Heck des Bootes hält unter dem Arm eine Nachbildung

der Mona Lisa, deren Original bekanntlich aus dem Louvre gestohlen

wurde.]

[Illustration:

Phot. Diego Gonzalez.

Abb. 368. Szene vom Stierkampf.

Der Aufzug der Kämpfer (Matadores, Bandilleras, Picaderos und so

weiter).]

[Illustration:

Phot. Diego Gonzalez.

Abb. 369. Szene vom Stierkampf.

Der bereits von den Speeren der Bandilleras getroffene Stier wird von

dem Matador zum neuen und wohl letzten Angriff gereizt.]

Auch +Frankreich+ kennt +Stierkämpfe+; so finden solche in der Stadt

Arles statt, aber hier sind es nicht wie bei der spanischen Corrida

blutrünstige Metzeleien, an denen das Volk seine Freude hat, sondern

die heiteren naiven Spiele, in denen die Gewandtheit des Menschen

gegen die Stärke des Stiers zum Auftrag gebracht wird. Der Kämpfende

muß nämlich dem Stier eine Kokarde, die er zwischen den Hörnern trägt,

fortzureißen versuchen.

In +Italien+ huldigt man mit Vorliebe dem +Glückspiel+. Dieser

Sport ist über die ganze Halbinsel verbreitet und bildet die

Haupteinnahmequelle für den Staat. Jede Woche finden in allen

bedeutenderen Städten Lotterieziehungen statt, so daß für die

Italiener, die schon seit Jahrhunderten einem süßen Nichtstun ergeben

sind, das Spiel das sicherste Mittel ist, um noch immer ärmer zu

werden. Die Gewinnaussichten sind nämlich recht gering, da die

Regierung den Löwenanteil an den Einnahmen nimmt, indem sie den Wert

der Gewinne nie den dritten Teil der Summe übersteigen läßt, die sich

nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeitsrechnung aus den Einnahmen

ergibt; auf diese Weise bringt sie es fertig, sich eine dauernde,

freiwillig gespeiste Geldquelle zu verschaffen. Denn das Volk ist

auf das Spielen, wie gesagt, rein versessen. Bei der Auswahl der zu

spielenden Nummern spricht der Aberglaube viel mit. Das in Italien

am meisten gelesene Buch ist das Traumbuch, eine alte, alphabetisch

angeordnete Liste von Wörtern, deren jedem eine aufs Geratewohl

zwischen eins und neunzig ausgewählte Zahl zugeordnet ist. Irgendein

Ereignis oder ein Traum, der auf eins der dort verzeichneten Wörter

anspielt, gibt den Ausschlag für die damit verbundene Zahl, und diese

wird zur Nummer des zu spielenden Lotterieloses. Auch die Mönche werden

nicht selten um Nennung einer glückbringenden Nummer angesprochen. Da

sie in großem Ansehen stehen und auch eine gewisse Bildung besitzen, so

meint das abergläubische Volk, daß sie auch mit der Gabe ausgestattet

seien, vorauszusehen, welches Schicksal einem bevorsteht, was ein

Traum bedeutet, welche Nummern in der Lotterie Erfolg haben werden

und so fort. Es kann unter Umständen auch geschehen, daß ein solcher

„Onkel“ Mönch, wenn er sich weigert, Auskunft zu erteilen, unbarmherzig

durchgeprügelt wird.

[Illustration:

Phot. Clarke & Hyde.

Abb. 370. Duell mittels Stoßdegen,

wie es in Frankreich bei Beleidigungen üblich ist.]

Unter keinem Himmelstrich Europas bringt das Volk dem +Tanzen+ so

lebhaftes Interesse entgegen wie in Italien und vor allem in Spanien.

Hier ist wieder Andalusien, wo die Herzen am raschesten schlagen

und die Liebe am wildesten auflodert, entschieden das Wiegenland

der spanischen Tänze, denn an dieser Stätte sind eine ganze Reihe

derselben entstanden, und von hier aus haben sie sich nicht nur

Spanien, sondern einzelne die ganze Welt erobert. Der älteste spanische

Tanz, der Fandango, ist ein urechtes Kind des sonnigen Andalusiens,

in dem die ganze Liebessehnsucht und Leidenschaft der Tanzenden zum

Ausdruck kommt. „Ein getanztes Bekenntnis der Liebe“ hat man einmal

den Fandango treffend genannt. Der spanische Tanz, mag er nun Fandango

oder Cachucha, Bolero, Malequeña, Seguidilla oder sonstwie heißen,

ist nämlich fast immer eine anmutig durchgeführte Pantomime, in der

die Liebessehnsucht, Werbung, Erhörung oder Ablehnung zum Ausdruck

kommen. Die einschmeichelnden Töne, die den Saiten der Gitarre, des

Nationalinstrumentes der Spanier, entlockt werden, und der melodische

Gesang, der sie begleitet, verleihen den spanischen Tänzen erst den

vollen Reiz; alle drei sind unzertrennbar miteinander verbunden zu

einem harmonischen Ganzen.

Der Süditaliener hat seine Tarantella (Abb. 371), einen Tanz, der

gleichfalls der Erotik nicht entbehrt, aber hinsichtlich der Inbrunst,

mit der er getanzt wird, wohl kaum dem Fandango gleichkommen dürfte.

Für gewöhnlich schlagen die Tanzenden mit einem Tamburin den Takt dazu,

während Musikanten mit der Gitarre oder dem Dudelsack die Begleitung

spielen. Das lebhafte Temperament der Südländer kommt so recht in ihrer

ausgelassenen Karnevalfeier zum Ausdruck (Abb. 367).

[Illustration:

Phot. Harlingue.

Die Sitten der Völker, Dritter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 164 / 203 题