in ihrer anmutigen Tracht.]
In Toulouse besteht noch heutzutage der merkwürdige Brauch der
+Verunstaltung des Schädels+ durch das beständige Tragen einer festen
Kappe von frühester Kindheit an; der Schädel wird dadurch in eine
langgezogene Form gedrängt. Einen schädlichen Einfluß auf die geistigen
Fähigkeiten übt diese Verunstaltung indessen nicht aus. Sehr verbreitet
ist unter den Romanen auch die Unsitte des Tatauierens. In Süditalien
herrscht sie besonders im Gebiete von Loreto, wo sich nach dem
Volksglauben das von den Engeln dorthin gebrachte Haus der Jungfrau
Maria befindet. Zu Ehren der Himmelskönigin lassen sich die Tausende
von Besuchern dieses Wallfahrtortes deren Monogramm in die Haut
„einschreiben“.
Ebenso wie in körperlicher Hinsicht unterscheiden sich Romanen und
Germanen auch in geistiger streng voneinander. Während der Germane
ein ernstes, nachsinnendes, gemessenes Wesen zur Schau trägt, viel
überlegt, nachdenkt, sich nur langsam und erst durch Vernunftgründe
überzeugen läßt und zur Innerlichkeit neigt, zeigt der Romane ein
heiteres, leichtlebiges, leidenschaftliches Temperament, begeistert
sich schnell für alle Neuerungen, ohne viel zu überlegen, ist sehr
leicht bestimmbar und läßt sich gern durch Äußerlichkeiten und
Förmlichkeiten beeinflussen. Seine durchschnittliche +Bildung+ steht
auf einer viel niedrigeren Stufe als die des Nordeuropäers; es gibt
unter den Spaniern und Italienern noch ungemein viel Leute, die weder
lesen noch schreiben können. Daher haben in Städten und Dörfern auf
Plätzen, in Straßen und vor den Posthaltereien öffentliche Schreiber
ihre Buden aufgeschlagen, die einen kleinen Tisch mit Papier, Tinte
und Feder enthalten; hier wird der Briefwechsel der Schreibunkundigen
erledigt, eingelaufene Briefe ihnen vorgelesen und die Antwort
geschrieben. Lebhaften Zuspruch erhalten diese öffentlichen Schreiber
auch von Liebenden; über deren Angelegenheiten bewahren sie tiefstes
Amtsgeheimnis.
Mit der leichten Erregbarkeit der Südländer hängt auch ihre große
+Vorliebe für Duelle+ (Abb. 370) zusammen. Dies gilt schon von
Frankreich, noch weit mehr aber von Spanien und Italien. In Frankreich
kommt der Zweikampf hauptsächlich unter den oberen Zehntausend vor,
besonders unter Offizieren, Leuten, die im öffentlichen Leben stehen,
und Journalisten. Sie tragen ihre Streitigkeiten meistens mit dem
Florett aus, und zwar sind die Anlässe in der Mehrzahl der Fälle ganz
geringfügig, ja lächerlich. Sehr wenige dieser Zweikämpfe endigen mit
gefährlichen Verletzungen für die Kämpfenden; ein kleiner Stich mit dem
Degen oder ein paar in die Luft abgegebene Schüsse genügen meistens, um
die verletzte Ehre wiederherzustellen. Viel häufiger und ernster sind
dagegen die Duelle bei den Leuten aus dem Volk auf der italienischen
und der spanischen Halbinsel. Hier werden sie meistens mit dem Messer
ausgetragen. Nur zu leicht fühlen sich die Südländer in ihrer Ehre
verletzt und greifen daher sogleich zum Messer oder zum Revolver.
Zahlreiche Kreuze, denen man auf seinen Wanderungen in Italien
begegnet, legen davon Zeugnis ab, daß hier ein Mord begangen wurde,
und bilden eine stillschweigende Mahnung an die Gesetzlosigkeit, die
noch immer im Lande herrscht. Auch Eifersucht spielt bei der Entstehung
derartiger Duelle eine große Rolle. Nicht selten ist die Italienerin
stolz auf die Wunden, die ein verschmähter Liebhaber ihr im Gesicht
beibrachte, um es zu entstellen; sagen sie ihr doch, daß sie imstande
ist, Leidenschaften unter den Männern zu einfachen.
[Illustration: Abb. 364.
Vom Haarmarkt in Saint-Jean in der Bretagne.
Die Frauen lassen sich das Haar von umherziehenden Haarschneidern
kürzen und verkaufen es an diese.]
Sobald ein Mord begangen ist, flüchtet der Mörder in den nächsten Wald
oder ins Gebirge; seine Freunde sorgen dafür, daß er unentdeckt bleibt,
und bringen ihm Nahrung. Dagegen machen die Verwandten und Freunde
des Ermordeten die größten Anstrengungen, des Angreifers habhaft zu
werden und ihn gleichfalls niederzustechen oder, falls ihnen dies nicht
gelingt, an seinen nächsten Verwandten Rache zu üben. Es ist dies die
bekannte +Blutrache+, die Vendetta, die oft genug immer weitere Kreise
zieht und sich vielfach von Geschlecht zu Geschlecht fortpflanzt.
Bisher konnte sie durch keine Macht ausgerottet werden. Die Obrigkeit
in Italien hat nicht die Macht, diesem gefährlichen Treiben Einhalt zu
tun; das Volk kümmert sich eben nicht um die Gesetze der Regierung und
regelt das Unrecht nach ungeschriebenem Sittenkodex. In Süditalien ist
es die Kamorra, auf Sizilien die Mafia, die diese Volksgerichtsbarkeit
in die Hand genommen haben. Beide Geheimbünde erfreuen sich immer
noch eines guten Gedeihens, wenngleich sie dem Namen nach unterdrückt
sein sollen. Denn gerade die Polizei, die sie zu Fall bringen
sollte, ist ihr bester Freund und Bundesgenosse. Eine einheitliche
Organisation besitzen weder die Kamorristen noch die Mafiosen; es
bestehen vielmehr in verschiedenen Gemeinden verschiedene Verbände der
Kamorra beziehungsweise Mafia, die unabhängig voneinander ihr Gebiet
bearbeiten, manchmal aber auch sich gegenseitig befehden. Die Tätigkeit
der beiden Geheimbünde ist nach den Örtlichkeiten verschieden, meistens
besteht sie in gegenseitiger Selbsthilfe und gelegentlich im Rächen
von Unbilden nach dem Faustrecht, aber auch in der Unterstützung
unterdrückter, dem Bunde fernstehender Personen. Sie reicht von den
niedrigsten bis in die höchsten Schichten hinein, so daß ebensogut
die Wahl eines Gemeindedieners wie die eines Parlamentsmitgliedes
von diesen Geheimbünden abhängen können, und zwar erstreckt sich ihr
Einfluß über mehr als die Hälfte des ganzen Landes. Der feste Glaube,
daß sein besonderer Schutzheiliger, dessen Reliquie der Kamorrist oder
Mafiose in einem kleinen Beutel um den Hals trägt, ihn vor jeder Kugel
der Truppen, die zu seiner Verfolgung ausgesandt werden, behütet,
verleiht ihm den zu seinem gefährlichen Handwerk erforderlichen Mut.
[Illustration:
Phot. J. Laurent & Co.
Abb. 365. Tracht der Bevölkerung von Valencia.
Sowohl die männliche wie die weibliche Tracht ist reich, eigenartig und
malerisch.]
[Illustration:
Aus: Gallichan, Spain Revisited.
Abb. 366. Spanierin mit der Mantille.
Dieses Kleidungstück aus zartem, weißem Spitzengewebe, das vielleicht
die anmutigste Kopfbedeckung ist, die es gibt, wird noch viel in der
Provinz Galicien und überhaupt in den Provinzstädten Spaniens getragen.]
Der Südländer mit seinem lebhaften Temperament ist +sehr für Spiel und
Tanz eingenommen+. In Spanien ruft kein Vergnügen größere Freude und
Begeisterung hervor, als der +Stierkampf+, die Corrida. In den Augen
des Spaniers ist dies der einzige wissenschaftliche, heldenmütige
und gleichzeitig künstlerische Sport. Kein anderes Land der Welt hat
einen Sport aufzuweisen, der eine ähnliche Stellung einnimmt oder eine
ähnliche Anziehungskraft auf die Bevölkerung ausübt. Er ist in dem
Grade dem gesamten Volk gleichsam in Fleisch und Blut übergegangen,
daß jeder Bürger mit allen Förmlichkeiten, Gesetzen und Regeln des
Spiels -- und bei einer Corrida wird ganz planvoll verfahren --
vertraut ist, die Fehler, die etwa begangen werden, sogleich erkennt,
die Teilnehmer, ganz gleich ob Mensch oder Tier, in ihren Leistungen
streng beurteilt und unerschöpflich ist, wenn es gilt, über diesen
Gegenstand zu plaudern. Pünktlichkeit kennt der Spanier sonst nicht,
aber in Sachen des Stierkampfes läßt er auch hierin nichts zu wünschen
übrig; zur festgesetzten Stunde findet er sich zum Stierkampf ein mit
einer Pünktlichkeit, die geradezu überrascht. Wenn sich die Uhrzeiger
der für die Schaustellung festgesetzten Stunde langsam nähern,
dann wird der Stimmenlärm, der bisher in der tausendköpfigen Menge
herrschte, beinahe zum Schweigen gebracht; alles ist ganz Ohr und
Auge. Mit dem ersten Glockenschlag erscheint der Präsident in Frack
und hohem Hut, wie es die Sitte vorschreibt, auf seinem Platze --
sollte er nicht zur Stelle sein, dann würde er die Wut der harrenden
Menge heraufbeschwören --, setzt sich, wartet einen Augenblick und
gibt durch Schwenken eines Tuches das Zeichen zum Anfang. Zunächst
erfordert es die Sitte, daß der Chiquero in aller Form eröffnet
werde. Zu diesem Zweck erscheinen in dem Bogengang unter dem Platz
des Präsidenten zwei vollständig in schwarzen Samt gekleidete, mit
Mänteln aus demselben Stoff und mit Federhüten geschmückte Alguaciles
auf sich bäumenden Rossen, traben, der eine nach rechts, der andere
nach links, im Halbkreise um die Arena herum, bis sie sich auf der
entgegengesetzten Seite begegnen, galoppieren darauf wieder zurück und
begrüßen den Präsidenten, worauf sie durch die Eingangspforte wieder
verschwinden. Einen Augenblick ist die Arena leer, dann treten die
Alguaciles am gegenüberliegenden Eingang wieder auf, und mit ihnen
vollzieht sich der eindrucksvolle Einmarsch der Kämpfer (Abb. 368).
Voran reiten die Alguaciles, dicht hinter ihnen marschieren die drei
Matadores nebeneinander, und zwar strenger Vorschrift gemäß in der
Rangordnung des Alters (links der älteste). Den rechten Arm haben sie
frei; von der linken Schulter hängt ihnen der glänzende Parademantel
herab, der rings um die Taille geschlungen wird und dessen Enden von
der linken Hand des Trägers auf der Hüfte gehalten werden. Hierauf
folgen die Bandilleras in glänzenden Gewändern aus Samt und Seide und
dann wieder Berittene, die Picaderos. Hinter ihnen kommen noch die
Ringwärter in ihren roten Hemden, die die Aufgabe haben, die Wunden
der Pferde mit Werg auszustopfen; sie müssen aber auch die gefallenen
Tiere durch Schläge auf die Beine bringen, wenn sie noch imstande
sein sollten, einen weiteren Angriff des wütenden Stiers zu ertragen,
auch ihre toten Körper an die mit Schellen versehenen Maultiere, die
den Nachtrab bilden, anschirren, um sie durch diese hinausschleppen
zu lassen. Das Ganze bietet ein recht würdevolles, dabei malerisches
und prächtiges Schauspiel und verfehlt nie, die Bewunderung und den
lauten Beifall der Zuschauer hervorzurufen. Alle Teilnehmer des
Zuges stellen sich gleichfalls vor dem Präsidenten auf und begrüßen
ihn durch Aufheben ihrer Gerätschaften. Dieser erwidert ihren Gruß
durch Lüften seines Zylinders, worauf sich der Zug verteilt. Die
Maultiere aber verschwinden, ebenso die Picaderos bis auf zwei, die
gegen die Barriere gelehnt dastehen, in gewisser Entfernung von der
Tür, aus der der Stier erscheinen soll. Die Bandilleras und Espadas
vertauschen ihre Parademäntel mit ausgebleichten, blutbefleckten roten
und gelben Umhängen; die ersteren vertrauen sie guten Freunden unter
den Zuschauern an. Ein Trompetenstoß ruft dann einen der Alguaciles
herbei, der den Schlüssel zum Tor, den der Präsident herabwirft, mit
seinem federngeschmückten Hut auffängt und einem alten Wärter übergibt,
während er sich selbst in Sicherheit bringt. Der alte Bediente öffnet
das Toril und tritt zur Seite. Tiefes Schweigen tritt jetzt ein.
Der Stier erscheint, galoppiert in die Arena, wittert die seiner
wartenden Picaderos und stellt sich so, als wolle er einen jeden von
ihnen beim Vorbeistürmen angreifen. Dabei versetzen ihm die Picaderos
einen leichten Stoß. Der Stier wird dadurch wütend gemacht, schnauft
ärgerlich, scharrt die Erde auf und geht schließlich mit gesenktem
Kopf auf einen der Reiter zu. Erst wenn ihm mindestens zwei Pferde
zum Opfer gefallen sind, treten die Bandilleras in Tätigkeit, um den
Stier dadurch in noch größere Wut zu versetzen, daß sie ihm eine Reihe
mit Widerhaken versehener Lanzen in den sehnigen Nacken stoßen. So
geschmückt, tritt der Stier nun einem Espada oder Matador gegenüber
(Abb. 369), der ihn dazu verleitet, wiederholt einen Anlauf auf ihn zu
nehmen. Sodann hebt er das Heft seines Schwertes in gleiche Höhe mit
seinem Auge und zielt vorsichtig auf eine bestimmte Stelle des Stieres,
der auf ihn losstürmt und in das Schwert bis an das Heft hineinläuft.
In demselben Augenblick springt der Espada zur Seite, der Stier taumelt
und fällt mit einem Krach auf den Boden. Der tote Körper wird an das
schon erwähnte Maultierpaar gespannt und im Galopp hinausbefördert.
Frischer Sand wird über die Blutlache gestreut, und die Trompeten
verkünden die Wiederholung des grauenerregenden Schauspiels. Dem Espada
aber, der dem Stier den Garaus gemacht hat, wird mächtige Begeisterung
gezollt; je mehr Erfolge er aufzuweisen hat, um so mehr steigt er in
der Achtung aller, besonders aber der Frauen, die geradezu einen Kultus
mit ihm treiben und ihn beinahe vergöttern. Für den Nordeuropäer aber
ist es nicht faßlich, daß Kulturmenschen an einem so widerwärtigen
Vorgang, wie die Corrida es ist, Gefallen finden können; doch sind die
Stierkämpfe nun einmal eine althergebrachte Leidenschaft des ganzen
spanischen Volkes und werden es auch immer bleiben.
[Illustration:
Phot. J. Giletta. Mit Erl. von H. J. Shepstone.
Abb. 367. Aus dem Festzug des berühmten Karnevals zu Nizza.
Die Figur auf dem Heck des Bootes hält unter dem Arm eine Nachbildung
der Mona Lisa, deren Original bekanntlich aus dem Louvre gestohlen
wurde.]
[Illustration:
Phot. Diego Gonzalez.
Abb. 368. Szene vom Stierkampf.
Der Aufzug der Kämpfer (Matadores, Bandilleras, Picaderos und so
weiter).]
[Illustration:
Phot. Diego Gonzalez.
Abb. 369. Szene vom Stierkampf.
Der bereits von den Speeren der Bandilleras getroffene Stier wird von
dem Matador zum neuen und wohl letzten Angriff gereizt.]
Auch +Frankreich+ kennt +Stierkämpfe+; so finden solche in der Stadt
Arles statt, aber hier sind es nicht wie bei der spanischen Corrida
blutrünstige Metzeleien, an denen das Volk seine Freude hat, sondern
die heiteren naiven Spiele, in denen die Gewandtheit des Menschen
gegen die Stärke des Stiers zum Auftrag gebracht wird. Der Kämpfende
muß nämlich dem Stier eine Kokarde, die er zwischen den Hörnern trägt,
fortzureißen versuchen.
In +Italien+ huldigt man mit Vorliebe dem +Glückspiel+. Dieser
Sport ist über die ganze Halbinsel verbreitet und bildet die
Haupteinnahmequelle für den Staat. Jede Woche finden in allen
bedeutenderen Städten Lotterieziehungen statt, so daß für die
Italiener, die schon seit Jahrhunderten einem süßen Nichtstun ergeben
sind, das Spiel das sicherste Mittel ist, um noch immer ärmer zu
werden. Die Gewinnaussichten sind nämlich recht gering, da die
Regierung den Löwenanteil an den Einnahmen nimmt, indem sie den Wert
der Gewinne nie den dritten Teil der Summe übersteigen läßt, die sich
nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeitsrechnung aus den Einnahmen
ergibt; auf diese Weise bringt sie es fertig, sich eine dauernde,
freiwillig gespeiste Geldquelle zu verschaffen. Denn das Volk ist
auf das Spielen, wie gesagt, rein versessen. Bei der Auswahl der zu
spielenden Nummern spricht der Aberglaube viel mit. Das in Italien
am meisten gelesene Buch ist das Traumbuch, eine alte, alphabetisch
angeordnete Liste von Wörtern, deren jedem eine aufs Geratewohl
zwischen eins und neunzig ausgewählte Zahl zugeordnet ist. Irgendein
Ereignis oder ein Traum, der auf eins der dort verzeichneten Wörter
anspielt, gibt den Ausschlag für die damit verbundene Zahl, und diese
wird zur Nummer des zu spielenden Lotterieloses. Auch die Mönche werden
nicht selten um Nennung einer glückbringenden Nummer angesprochen. Da
sie in großem Ansehen stehen und auch eine gewisse Bildung besitzen, so
meint das abergläubische Volk, daß sie auch mit der Gabe ausgestattet
seien, vorauszusehen, welches Schicksal einem bevorsteht, was ein
Traum bedeutet, welche Nummern in der Lotterie Erfolg haben werden
und so fort. Es kann unter Umständen auch geschehen, daß ein solcher
„Onkel“ Mönch, wenn er sich weigert, Auskunft zu erteilen, unbarmherzig
durchgeprügelt wird.
[Illustration:
Phot. Clarke & Hyde.
Abb. 370. Duell mittels Stoßdegen,
wie es in Frankreich bei Beleidigungen üblich ist.]
Unter keinem Himmelstrich Europas bringt das Volk dem +Tanzen+ so
lebhaftes Interesse entgegen wie in Italien und vor allem in Spanien.
Hier ist wieder Andalusien, wo die Herzen am raschesten schlagen
und die Liebe am wildesten auflodert, entschieden das Wiegenland
der spanischen Tänze, denn an dieser Stätte sind eine ganze Reihe
derselben entstanden, und von hier aus haben sie sich nicht nur
Spanien, sondern einzelne die ganze Welt erobert. Der älteste spanische
Tanz, der Fandango, ist ein urechtes Kind des sonnigen Andalusiens,
in dem die ganze Liebessehnsucht und Leidenschaft der Tanzenden zum
Ausdruck kommt. „Ein getanztes Bekenntnis der Liebe“ hat man einmal
den Fandango treffend genannt. Der spanische Tanz, mag er nun Fandango
oder Cachucha, Bolero, Malequeña, Seguidilla oder sonstwie heißen,
ist nämlich fast immer eine anmutig durchgeführte Pantomime, in der
die Liebessehnsucht, Werbung, Erhörung oder Ablehnung zum Ausdruck
kommen. Die einschmeichelnden Töne, die den Saiten der Gitarre, des
Nationalinstrumentes der Spanier, entlockt werden, und der melodische
Gesang, der sie begleitet, verleihen den spanischen Tänzen erst den
vollen Reiz; alle drei sind unzertrennbar miteinander verbunden zu
einem harmonischen Ganzen.
Der Süditaliener hat seine Tarantella (Abb. 371), einen Tanz, der
gleichfalls der Erotik nicht entbehrt, aber hinsichtlich der Inbrunst,
mit der er getanzt wird, wohl kaum dem Fandango gleichkommen dürfte.
Für gewöhnlich schlagen die Tanzenden mit einem Tamburin den Takt dazu,
während Musikanten mit der Gitarre oder dem Dudelsack die Begleitung
spielen. Das lebhafte Temperament der Südländer kommt so recht in ihrer
ausgelassenen Karnevalfeier zum Ausdruck (Abb. 367).
[Illustration:
Phot. Harlingue.