Die +Leiche+ wird gewaschen und in ein neues Hemd (Sterbehemd) sowie
in den besten Anzug, oft das Hochzeitskleid, gesteckt und aufgebahrt,
nachdem sie in katholischen Gegenden vorher noch mit Weihwasser
besprengt worden ist. In Hindeloopen in Holland befinden sich in der
Kirche eine ganze Reihe Bahren, eine neben der anderen aufgestellt; je
nach dem Beruf des Verstorbenen wird von diesen Bahren eine bestimmte
benutzt, also die eine etwa, wenn es sich um einen Schuhmacher handelt,
während beim Tode eines Schneiders, Bäckers, Schmiedes und so fort je
wieder eine andere Bahre in Gebrauch genommen wird. -- Früher waren
noch Leichenwachen Sitte, an denen sich vorzugsweise junge Mädchen
beteiligten; auch jetzt begegnet man ihnen noch hier und dort. Stets
aber pflegt man nachts wohl noch Kerzen bei den Toten brennen zu
lassen. In England müssen es deren fünf sein, die man um die Leiche
stellt; in Wales bleibt eine davon unangezündet. An anderen Orten
zündet man nur drei Kerzen an, was wieder zu dem Aberglauben geführt
hat, daß es Unglück bedeutet, wenn drei Kerzen in einem Zimmer brennen.
Wenn in gewissen Gegenden Schottlands die Leiche aufgebahrt worden ist,
zündet die älteste Frau die Totenkerze an, die von einer angeblichen
Hexe oder von einer „unglücklichen Person“ herstammen muß, und schwenkt
sie dreimal um die Leiche, worauf sie drei Hände voll Salz auf einen
Teller häuft und diesen auf die Brust des Toten setzt; schließlich
stellt sie noch drei leere Schüsseln ans Feuer. Jeder der Anwesenden
verläßt nun das Zimmer, kommt dann aber rückwärtsgehend unter Aufsagung
von Segensprüchen wieder herein.
[Illustration: Abb. 355. Zweitritt auf der Stelle
nach der Trauung in einem wendischen Dorfe.]
[Illustration: Abb. 356. Festtafel auf einer Hochzeit bei den Wenden.]
Solange sich die Leiche im Hause befindet, herrscht allgemeine Ruhe
und Stille, auch unterbleiben Haus- und Feldarbeiten. Jedoch ist es in
manchen Gegenden noch Sitte, daß die Bekannten abends zusammenkommen
und Gebete sprechen oder fromme Lieder singen.
Sehr verbreitet ist die +Angst, daß der Tote wiederkommen+ oder auch
ein anderes Familienmitglied holen könnte. Um dies zu verhindern,
kennt man eine ganze Reihe Abwehrmaßregeln. So darf auf den Toten oder
seine Gewänder keine Träne fallen, das Totenhemd darf nicht an einem
Sonntage angefertigt werden, in dem Faden, mit dem es gemacht wird,
darf sich kein Knoten finden, die Nadeln, die dazu benutzt werden,
müssen entweder im Hemd stecken gelassen oder ins Feuer geworfen
werden; keins der Bekleidungstücke, die man der Leiche anzieht, darf
einen Namen aufweisen, etwa vorhandene Buchstaben oder Namen müssen
herausgeschnitten werden, alle Leib- und Bettwäsche, die der Tote bei
seinem Ableben benutzte, muß gewaschen, seine Kleider gereinigt
werden, dem Toten darf kein Gegenstand, der einem Lebenden gehört,
mit ins Grab gegeben werden und so weiter. Dagegen folgen häufig dem
Toten mit ins Grab (oder aufs Grab; Abb. 357) seine Gebrauchs- und
Lieblingsgegenstände, wie die Tabakspfeife, die Schnupftabaksdose, bei
Kindern Spielsachen und so fort; vielfach wird ihm auch ein Zehrpfennig
auf den Weg gegeben. Unter das Kopfkissen kommt für gewöhnlich ein
Gesangbuch oder das Neue Testament zu liegen, auf die Brust ein
Kruzifix oder ein Kreuz aus Blumen.
[Illustration:
Phot. R. Welch.
Abb. 357. Ein Kirchhof, auf dessen Gräbern Tabakspfeifen niedergelegt
sind.
In Westmayo, Westgalway und Leitrim besteht die Sitte, den
Trauernden, soweit sie im Sterbehause nicht bewirtet werden
können, Tabakspfeifen zu verehren. Diese werden auf dem Grabe des
Verstorbenen zurückgelassen, bisweilen noch gestopft, um die Seele des
Abgeschiedenen zum Bleiben zu veranlassen.]
In manchen Gegenden wird der Tote nicht in den Sarg, sondern auf ein
Brett gelegt, das in Bayern Rebrett genannt wird. Diese Bretter pflegt
man mit dem Todesdatum und einigen Kreuzen, auch wohl mit frommen
Sprüchen zu versehen und nach dem Begräbnis entweder in der Nähe des
Hauses oder an einem viel begangenen Wege oder Platze aufzustellen,
damit die Vorübergehenden, dadurch aufmerksam gemacht, für das
Seelenheil des Verstorbenen beten (Abb. 358).
Das +Begräbnis+ bietet hinsichtlich der Beteiligung, der
Zusammensetzung und Anordnung des Trauergefolges, des Weges, den
der Zug zum Friedhofe nimmt, sowie der verschiedenen Zeremonien,
die unterwegs und am Grabe vorgenommen werden, mancherlei
Verschiedenheiten. Beim Aufheben und Hinaustragen des Sarges werden
auch wieder Abwehrmaßnahmen vorgenommen. In dem Augenblick, wo er
das Haus verläßt, muß die Uhr wieder gerückt oder aufgezogen werden;
der Tote darf nicht eine Treppe hinaufgetragen werden; er darf das
Haus nur mit den Füßen voran verlassen; auf der Türschwelle muß er in
Kreuzstellung zu dieser eine Zeitlang abgesetzt werden. Sobald die
Leiche das Zimmer verlassen hat, wird dieses gekehrt und mit Kümmel
und Wacholderstengeln, die über glühenden Kohlen verbrannt werden,
ausgeräuchert; Fenster und Türen werden geschlossen. Stühle und Bänke,
auf denen der Sarg gestanden hat, werden umgekehrt, der Weg von der
Hausschwelle bis zur Hofgrenze, den der Leichenzug genommen hat,
gefegt. Wenn der Sarg diese überschritten hat, wird Wasser über den Weg
ausgeschüttet. Alles dieses und manches andere der Art geschieht, um zu
verhindern, daß der Verstorbene wiederkomme und etwa noch ein anderes
Familienmitglied nach sich ziehe. Aus eben diesem Grunde bewegt sich
der Leichenzug möglichst schnell vorwärts, müssen die Teilnehmer in
dicht geschlossenen Reihen gehen, dürfen sie sich auf dem Wege nicht
umsehen und dergleichen.
Der Sarg wird +auf dem Friedhof+ ins Grab gesenkt. Dieses darf nicht
auf einmal hergestellt, sondern muß in drei Absätzen von ein und
demselben Totengräber ausgeschaufelt worden sein; in Irland darf dies
an keinem Montag geschehen. Bevor der Totengräber das Grab zudeckt,
wirft jeder der Leidtragenden drei Hände voll Erde, auch wohl Blumen
als Abschiedsgrüße hinein. In Westpreußen tut man dies auch mit dem
Tischlermaß, mit dem die Größe des Sarges genommen wurde. Auf gewissen
Inseln Irlands wirft man Münzen mit ins Grab hinein, um der Erde ihren
Zoll zu entrichten. In anderen Gegenden sammelt man das Geld lieber
als Gabe für den Priester oder als Bezahlung der Totenmessen für den
Verstorbenen. Das Gegenstück dazu ist der Pastorenpfennig in Wales.
[Illustration:
Phot. Kester & Co., München.
Abb. 358. Totenbretter, sogenannte Rebretter, am Rand eines
Getreidefeldes.
In Bayern besteht vielfach die Sitte, die Toten auf einem Brett
aufzubahren und diese Bretter späterhin am Rande der Landstraßen
aufzustellen, damit die Vorübergehenden veranlaßt werden, für das
Seelenheil der Verstorbenen zu beten.]
Ihren Abschluß finden die Begräbnisfeierlichkeiten in einem
+Leichenschmause+ oder Leichentrunk, entweder im Hause des Verstorbenen
oder im Wirtshause; früher ging es dabei nicht selten hoch her,
jetzt aber pflegen dazu nur die Verwandten oder nächsten Bekannten
zusammenzukommen; da sich zu Leichenbegängnissen auch entfernter
Wohnende einzufinden pflegen, so wird die seltene Gelegenheit gern
benutzt, um die Familienbande enger zu knüpfen. Die Bewirtung dabei
besteht aus Kaffee und Kuchen oder Brot (Sterbewecklein), auch wohl
noch Wein.
Für die +Trauer+, die sich meistens auch noch entsprechend der seit dem
Tode verflossenen Zeit abstuft, ist in vielen Gegenden, wo noch die
Volkstrachten getragen werden, eine bestimmte Tracht vorgeschrieben
(Abb. 359).
[Illustration:
Phot. C. S. Burne.
Abb. 359. Trauerhaube (Staffs),
wie sie beim Begräbnis von Mädchen oder kleinen Kindern getragen wird;
dabei hält man in der Hand Rosmarin als Sinnbild des Gedenkens.]
Die +Grabhügel+ pflegt man mit Efeu oder mit Singrün zu bepflanzen und
mit Zypressen oder Taxushecken, auch wohl mit Trauereschen einzufassen.
Als Gräberschmuck dient in erster Linie die Rose, ferner die Lilie,
die Ringelblume und der Rosmarin, eine den alten heidnischen Göttern
Fro und seiner Gattin Holda geweihte Pflanze. Von Zeit zu Zeit,
namentlich aber an bestimmten Tagen (Allerseelen, Totenfest, Karfreitag
und anderen) schmückt man die Grabstätten mit frischen Blumen. In
Schottland kennt man merkwürdigerweise keinen Gräberschmuck. Nebenbei
bemerkt, sollen hier auch amputierte Gliedmaßen in aller Form beerdigt
werden.
Der Aberglaube, daß der Tote nicht für immer seiner Familie entrückt
sei, sondern noch längere Zeit, wenigstens solange er noch nicht
verwest ist, mit ihr in Verbindung stehe und zurückkehre, ist fest
eingewurzelt bei allen europäischen Völkern, offenbar ein altes
Überbleibsel aus altheidnischer Zeit. Auf der einen Seite fürchtet man
dieses Wiedererscheinen und sucht es durch allerlei Abwehrmaßregeln zu
verhindern, wie schon mehrfach gezeigt wurde, anderseits aber wünscht
man auch wieder, daß der Verstorbene möglichst lange in der Nähe weile.
Man nimmt an, daß er unter anderem darum nach Hause zurückzukehren
suche, um nachzusehen, ob alles in Ordnung sei und seinen alten Gang
gehe. In Thüringen hängt man in der Wohnstube zu diesem Zweck ein
Handtuch auf, hinter das der Verstorbene treten soll; man läßt für ihn
bei Tisch einen Stuhl frei und stellt ihm Brot und Wasser hin. Einer
im Wochenbett Verstorbenen setzt man an das Lager ihres Kindes nachts
Wasser und einen Schwamm, damit sie ihren Liebling wasche und pflege,
und was dergleichen Gebräuche mehr sind.
[Illustration:
Phot. C. Chusseau-Flaviens.
Abb. 360. Vom Fest der Jugend zu Arles.
Zu Arles, das ebenso wie die ganze Gegend durch die Schönheit seiner
Frauen berühmt ist, kommen die jungen Mädchen vom Lande jährlich einmal
zusammen. Sie reiten dabei auf den Pferden ihrer Liebhaber auf einem
hinter diesen aufgelegten eigenen Sattelkissen.]
Die romanischen Völker.
Unter den romanischen Völkern wird, ganz allgemein gesagt, die
Bevölkerung der westlichen Mittelmeerländer verstanden, also die
Franzosen -- in einem großen Teile Nordfrankreichs überwiegt allerdings
das nordeuropäische, germanische Blut --, die Spanier, Portugiesen und
die Italiener. +Rassenanthropologisch+ betrachtet, gehören zu ihnen die
Vertreter des brünetten mediterranen Typus (Abb. 362 und 398), der, wie
schon oben gezeigt wurde, vielfach Kreuzungen mit der nordischen und
der alpinen Rasse eingegangen ist, sich aber immerhin verhältnismäßig
rein in den südlichsten Gebieten der Mittelmeergestade erhalten hat.
Unter den Romanen begegnet man vielfach recht schönen Gestalten und
ansprechenden Gesichtern, besonders in der Frauenwelt. In Frankreich
haben die Frauen von Arles wegen ihrer großen Schönheit eine gewisse
Berühmtheit erlangt, deren sie sich übrigens schon zur Römerzeit
erfreuten. Die Schönheit der romanischen Frauen wird vielfach noch
durch ihre malerische Tracht erhöht, die man hier viel häufiger als in
Nord- und Mitteleuropa noch zu tragen pflegt, besonders in ländlichen
Bezirken.
Die einzelnen +Trachten+ hier zu schildern, ist ganz unmöglich; es
muß genügen, einige wenige im Bilde vorzuführen, denn es herrscht
eine große Mannigfaltigkeit in dieser Hinsicht (Abb. 361, 363 und
365). Im allgemeinen sind bunte, leuchtende Farben in geschmackvoller
Zusammenstellung für die südeuropäischen Trachten bezeichnend, neben
denen in manchen anderen Gegenden aber auch weniger farbenfreudige
Stoffe bevorzugt werden. Mit vielem Geschmack und vielem Geschick
verstehen die Romaninnen sich darauf, ihre körperlichen Reize durch
allerlei Beigaben, besonders in der Kleidung, zu erhöhen. Ein ständig
wiederkehrendes Stück der Tracht, das seine größte Verbreitung
unter den Spanierinnen (Abb. 366) hat und die anmutigen Gestalten
außerordentlich vorteilhaft kleidet, ist das Spitzenschleiertuch
(Mantille, Fichu).
[Illustration:
Phot. Prof. Petrucci.
Abb. 361. Bretonische Frauen in Festtracht.
Bezeichnend sind die Hauben, die flügelähnlichen Besätze auf den
Schultern und die reichgestickten Schürzen, oft alte, von Geschlecht zu
Geschlecht vererbte Stücke.]
[Illustration:
Phot. Alinari.
Abb. 362. Italienische Ziegenhirten,
die im einsamen Gebirge die Herden hüten, sehr genügsam leben und in
Strohhütten auf einer Streu übernachten. Ihr einziges Vergnügen besteht
im Blasen auf dem „_ciufolo_“, einer Art Pfeife.]
Da die Südeuropäerinnen, soweit sie zum Volke gehören, meistens
ohne Kopfbedeckung auszugehen pflegen, so widmen sie der +Pflege
ihrer Haare+ große Sorgfalt. Es klingt kaum glaublich und ist doch
tatsächlich wahr, daß man in Süditalien überall Volkshaarkünstlerinnen
antrifft, die ihr Gewerbe für fünf Centesimi ausüben, und zwar nicht im
Innern der Häuser, sondern unter freiem Himmel auf der Straße. In den
Volksvierteln Neapels ist es am Sonnabendnachmittag keine Seltenheit,
die dunkeläugigen Frauen eine neben der anderen auf der Straße sitzen
und darauf warten zu sehen, daß die Haarkünstlerin ihr tiefschwarzes
Kopfhaar in gefällige Formen bringe. Dagegen wird in der Bretagne der
Pflege der Haare keine besondere Sorgfalt gewidmet. In den Augen
der dortigen Bevölkerung sind Locken geradezu verpönt. Ein junges
Mädchen, das durch die Schönheit seiner Haare in Versuchung kommen
sollte, nur ein einziges Löckchen unter der festsitzenden kappenartigen
Kopfbedeckung hervorsehen zu lassen, würde Gefahr laufen, der Aussicht
auf einen Freier verlustig zu gehen; denn die jungen Burschen würden
sie für leichtfertig und ihrer Zuneigung nicht würdig erachten. Diese
Sitte hat offenbar dazu geführt, daß die bretonischen Frauen und
Mädchen, da sie ihr Kopfhaar nicht recht zur Geltung bringen können, es
an umherziehende Leute, die sich alljährlich zu den Festen einfinden,
verkaufen (Abb. 364). Die Männer dagegen pflegen ihr Haar lang wachsen
zu lassen, oft bis über die Schultern herab, eine Sitte, die übrigens
schon dem griechischen Satiriker Luzian von den Bretonen bekannt
war. Eine besondere Bewandtnis hat es mit den schwarzen Schlapphüten
der Männer, wie sie nicht nur in der Bretagne, sondern auch sonst
in Frankreich getragen werden. Sie werden nämlich so gebogen, daß
sie auf der einen Seite eine in die Höhe stehende Spitze bilden, und
unverheiratete junge Männer setzen den Hut nun so auf, daß seine
Spitze über dem Ohr zu stehen kommt, während Verheiratete dieselbe
nach hinten, Witwer sie nach vorn tragen. Wer diese Sitte kennt, kann
daher aus der Art, wie jemand den Hut trägt, leicht erraten, wie es in
ehelicher Hinsicht mit ihm bestellt ist.
[Illustration:
Aus: Gallichan, Spain Revisited.