An den letzten Abschnitt des menschlichen Lebens, den +Tod+, knüpfen
sich bei den Kulturvölkern wohl noch die meisten abergläubischen
Vorstellungen. Die geheimnisvollen +Mittel und Wege, den Schleier
der Zukunft zu lüften+ und zu erfahren, ob etwa einem ein baldiges
Lebensende bevorstehe, sind ziemlich zahlreich. Das Volk läßt manche
Menschen mit der besonderen Gabe des „zweiten Gesichts“ ausgestattet
sein, das heißt mit der Fähigkeit, im Geiste vorauszusehen, wer
demnächst im Sarge liegen oder aus welchem Hause ein Leichenzug sich
in Bewegung setzen werde. Es nennt solche Leute „Totenkieker“ oder
„Schichtige“. Aber nicht nur sie vermögen den Tod vorauszuschauen,
sondern auch jeder andere ist zu bestimmten geheimnisvollen Tagen und
Stunden des Jahres dazu in der Lage; wie schon gezeigt wurde, sind
solche Tage der Johannistag, der Sankt-Thomas-Abend, der Silvesterabend
und andere. Der Volksglaube kennt auch noch zahlreiche andere Anzeichen
eines bevorstehenden Todesfalls in manchen Erscheinungen der Tier-
und Pflanzenwelt sowie des täglichen Lebens. Ein zu nächtlicher
Stunde mit gesenktem Kopf bellender oder viele Löcher in die Erde
scharrender Hund, ein an einem Hause nur mit großen Schwierigkeiten
vorbeizubringendes Pferd, die Begegnung mit einem Schimmel bei Antritt
einer Reise, das Entstehen von Maulwurfshaufen in der Diele des Hauses,
das Komm-mit-Rufen des Käuzchens (oder Totenvogels), das ängstliche
Flattern einer Schar Raben um ein Haus, das Hinauswerfen toter Jungen
aus dem Nest von Störchen oder Hausschwalben, das Ticken oder „Dengeln“
des Holzkäfers (oder der Totenuhr) im Gebälk, das Erscheinen weißer
Blätter und Stengel an Pflanzen des Gemüsegartens oder des Ackers,
das plötzliche Eingehen von Obstbäumen, das Aufblühen einer einsamen
Rose im Spätherbst, ein Strohhalm auf einem Hühnerschwanz (Hebriden),
auffällige Geräusche unbekannten Ursprungs im Hause, wie Klopfen,
Hämmern, Knallen und so weiter, das grundlose Stillstehen der Uhr, das
Herabfallen von Wandbildern, das Selbstaufgehen von Türen und manches
Ähnliche wird als eine Todesbotschaft für die Hausbewohner oder die
Familienmitglieder angesehen.
[Illustration:
Phot. Gebr. Haeckel, Berlin.
Abb. 351. Szene von einer Hochzeit im Harz.
Auf dem Schornstein des Hauses der Braut ist ein Sägbock aufgestellt,
den der Bräutigam vor der Trauung herunterholen muß. Nach der Rückkehr
aus der Kirche muß das Paar auf dem Bock Holz sägen (siehe nächstes
Bild).]
[Illustration:
Phot. Gebr. Haeckel, Berlin.
Abb. 352. Szene von einer Hochzeit im Harz.
Nach der Trauung muß das junge Paar einen Kloben Holz auf einem Bock
zersägen. Aus dem Grade der Geschicklichkeit, mit der es diese Arbeit
vollführt, zieht man Schlüsse auf günstigen oder ungünstigen Verlauf
der Ehe.]
Naht die +Todesstunde+, dann wird der Geistliche geholt, um bei den
Evangelischen dem Sterbenden das Heilige Abendmahl darzureichen,
bei den Katholischen ihn mit der Letzten Ölung zu „versehen“; die
Familie und auch wohl die Freunde versammeln sich hinterher in dem
Sterbezimmer. Bei schwerem Todeskampf öffnet man das Fenster oder
hebt einen Ziegel vom Dach ab, damit die Seele nicht „hängen bleibe“,
sondern frei zum Himmel fliegen könne. In Yorkshire legt man den
Sterbenden auf den Boden, damit die Seele freien Ausgang habe. --
+Ist der Tod eingetreten+, dann wird zunächst das Fenster geöffnet,
darauf wieder geschlossen und dieses selbst sowie die Spiegel im
Zimmer verhängt, das Uhrpendel angehalten, die Stühle umgekehrt, alles
Wasser im Hause ausgegossen und dergleichen. In manchen Gegenden ist
es Sitte, ein lautes Wehklagen anzuheben. In Böhmen, teilweise auch
in Schwaben stellt man neben die Leiche ein Glas Wasser, ein Handtuch
und ein brennendes Licht, damit die Seele sich reinigen könne, bevor
sie vor ihren himmlischen Richter tritt; in Schwaben spricht man
dabei von Seelenbad. Vielfach trifft man auch auf dem Lande die Sitte
an, daß der Todesfall des Hausherrn den Tieren im Stalle sowie den
Bienen mitgeteilt wird; wo in England die Bienenstöcke nicht auf so
förmliche Weise davon benachrichtigt werden, hebt man doch die Körbe in
dem Augenblick hoch, wo man die Leiche aus dem Hause zu Grabe trägt.
Die Sitte beruht auf der Anschauung, daß die Haustiere gleichsam mit
zur Familie gehören und daher in einem Abhängigkeitsverhältnis zum
Hausvater stehen; um also dieses zu lösen und damit zu verhüten, daß
der Abgeschiedene das eine oder das andere Familienmitglied nach sich
ziehe, wird den Tieren der Tod eigens mitgeteilt. Aus demselben Grunde
wird auch sämtliches Hausgerät, desgleichen das Getreide, das Obst, die
Kartoffeln, die Mehlsäcke und dergleichen von seinem Platze bewegt,
verrückt oder geschüttelt. Vielfach wird der Tote auch „ausgeläutet“
oder „heimgeläutet“.
[Illustration:
Phot. R. Welch.
Abb. 353. Eine Hochzeitstanzmaske (Mayo, Westirland).
Hier besteht die Sitte, daß sich bei Hochzeiten Männer als Frauen
verkleiden, Strohmasken und wohl auch Strohröcke anlegen und so am
Tanz teilnehmen. Man wird dadurch an die Maskentänze der Naturvölker
erinnert.]
Der Todesfall wird auch im Dorfe bekanntgegeben, entweder durch
die Angehörigen selbst oder in manchen Gegenden auch durch einen
Leichenbitter oder Leichenlader; wie bei der Hochzeit sind bei diesen
Ansagen noch mancherlei stehende Formeln üblich. Die Leichenansager
sind durch besondere Abzeichen, wie über der Brust gekreuzte Arme,
weiße Stirnbinde, umflorten Stock und Dreimaster, kenntlich gemacht.
Auch in Holland sind sie, unter der Bezeichnung „Anspreker“ eine
bekannte Erscheinung. Sie sind hier von Kopf bis zu Fuß schwarz
gekleidet und tragen ebenfalls besondere Abzeichen: je nachdem es
sich um die Mitteilung von dem Tode eines Kindes, eines Junggesellen,
einer Jungfrau und so fort handelt, werden verschiedenfarbige Rosetten
von ihnen angelegt. Sie gehen von Haus zu Haus und sprechen bei
allen, selbst solchen, die nur in weitläufiger Verwandtschaft zu dem
Verstorbenen stehen, vor, um den Tod anzuzeigen, oft genug mit Worten,
die einen komischen Beigeschmack haben. So sagt der Anspreker zum
Beispiel: „Ich muß euch die Grüße des Schlächters (oder Schusters und
so weiter) X. überbringen, und er ist tot.“ Früher und gelegentlich
noch jetzt an abgelegenen Orten begleitet den Anspreker noch der
Heilebolk, dem die Pflicht obliegt, in Tränen auszubrechen, nachdem
von jenem der Tod gemeldet worden ist. In Irland verbrennt man ein
kleines Strohkissen, auf dem der Tote seine Seele aushauchte, auf der
Spitze des nächsten Hügels, um die Nachbarschaft in Kenntnis zu setzen.
An manchen Orten Englands zeigt man den Todesfall durch feierliches
Läuten an; man verbindet damit auf dem Lande noch den Aberglauben, daß
der Ton der Glocke die bösen Geister vertreiben soll. Für gewöhnlich
wird nur +eine+ Glocke geläutet; wenn man aber glaubt, daß mehrere
Glocken von größerem Erfolg sein könnten, läßt man mehrere ertönen.
Auch das Verkünden des Todes von der Kanzel herab ist hier, wie auch in
Deutschland, vielfach üblich.
[Illustration: Abb. 354. Szene von einer Hochzeit bei den Wenden.