Abb. 320. Prozession am Allerseelentage zu Gunwalloe

von der Kirche zu den Klippen der Küste, wo man für die Seelen der

Ertrunkenen und im Meer Begrabenen betet.]

Die christliche Sitte erfordert eine Anzahl +Paten+ für das zu taufende

Kind, die zu ihm, wenn sie ihre Pflicht heute meistens auch nicht mehr

so genau nehmen, in ein gewisses Verwandtschaftsverhältnis, gleichsam

an Vater- und Mutterstelle treten. Ihr Verhalten am Tauftage ist nach

dem Volksglauben von bestimmendem Einfluß auf das künftige Leben des

Kindes. Im Harz verrichten sie daher, nachdem sie sich versammelt

haben, erst noch einige Arbeiten; sie schreiben, lesen, graben, säen,

nähen, stricken und so weiter, damit das Kind später in diesen Dingen

geschickt und fleißig werde. Im Erzgebirge dürfen die Paten keinen

Schlüssel bei sich tragen, weil sonst das Kind ein verschlossenes

Herz bekäme. Die Paten pflegt man noch vielfach durch Gevatterbriefe

einzuladen.

Auf dem Wege zur Kirche müssen die Teilnehmer am Taufzuge recht schnell

gehen, damit das Kind auch schnell gehen lerne. Begegnet der Zug einem

Manne, dann ist das von guter Vorbedeutung, wogegen die Begegnung mit

einer Frau Unglück befürchten läßt. Während des Ganges nach und von der

Kirche gibt man an manchen Orten mit Flinten, Pistolen oder Böllern

Freudenschüsse ab.

[Illustration:

Phot. The Folk-Lore Society.

Abb. 321. Hörnertanz zu Abbots Bromley.

Er wird am Montag nach dem Kirchweihfest von sechs mit Hirschgeweihen

geschmückten Männern aufgeführt.]

[Illustration:

Phot. Schweizer. Gesellschaft f. Volkskunde.

Abb. 322. Masken bei einer Kirmes in der Schweiz,

die durch Spiele, Tänze, Wettkämpfe und ähnliche Veranstaltungen

gefeiert wird.]

Während der Taufhandlung wird das Kind durch die Hebamme der Reihe nach

den verschiedenen Paten zum Halten übergeben. Schreit es während der

heiligen Handlung, dann wird es ein guter Sänger werden. Das Taufwasser

darf als solches nur einmal benutzt werden; sollte man etwa mehrere

Kinder mit demselben Wasser taufen, dann würde bald eins von ihnen

sterben. Vielfach besteht auch der Aberglaube, daß dem Taufwasser ganz

besondere Eigenschaften anhaften. Man nimmt es zum Auswaschen des

ersten Hemdchens oder kocht mit ihm ein Süppchen für das Kind, um es

dadurch vor Krankheit zu behüten. Der Geistliche und der Küster pflegen

von den Paten ein Geschenk zu erhalten, das von diesen auf den Altar

oder den Taufstein niedergelegt wird. Im Taunus erhält der erstere

ein Gebäck, das Bubenschenkel heißt. Auch der Täufling wird mit einem

Geschenk bedacht, das ihm die Taufpaten in ein Papier einwickeln und

unter den Kopf legen, meistens zusammen mit einem Patenbrief. -- In

England bestehen die Geschenke, die man dem Kinde macht, sowohl bei

der Taufe als auch vielfach schon bei der Geburt, in einem Ei, in

Salz, Silberstücken und einem Streichholz. Auf dem Heimwege werden die

Taufpaten an manchen Orten von den Kindern durch Vorhalten eines bunten

Bandes oder einer Stange am Weitergehen gehindert, bis sie sich durch

ein kleines Geldgeschenk losgekauft haben. Zu Hause finden sie wohl

auch die Tür verschlossen und können erst hinein, wenn sie ebenfalls

ein Lösegeld gegeben haben.

In Friesland (Holland) bilden beim Taufgange alle Mädchen aus der

Verwandtschaft und Bekanntschaft, sofern sie über zwölf Jahre alt

sind, einen Zug und begleiten das Kind auf dem Wege nach der Kirche;

sie dürfen es der Reihe nach ein Stück Weges tragen. Keines von ihnen

verzichtet auf dieses überkommene Vorrecht, zumal dabei der Aberglaube

besteht, daß jedes Mädchen, das bei einer Tauffeierlichkeit einmal

auf diese Weise mitgewirkt hat, in ihrer späteren Ehe reichlich mit

Nachkommenschaft gesegnet sein werde.

Wird in England ein Knabe mit einem Mädchen zusammen getauft, dann

trägt man das letztere zuerst zum Taufbecken, denn der Knabe könnte

„seinen Bart im Wasser lassen“, und das könnte für das Mädchen

unangenehme Folgen haben. Im Norden erhält der erste Mann oder die

erste Frau, der man auf dem Wege zur Kirche begegnet, Kuchen, der oft

noch von der Geburtsfeier herrührt, oder Brot und Käse, für gewöhnlich

mit einem Schuß Whisky, und zwar ist, wenn der Täufling ein Knabe ist,

die zuerst begegnende Frau der Empfänger, umgekehrt, wenn ein Mädchen

getauft wird, der erste Mann. Die gute Sitte erfordert, daß die so

ausgezeichnete Person sofort kehrt mache und den Taufzug ein Stück

Weges begleite. In Cornwallis bezeichnet man dies mit dem Ausdruck „das

Kind segnen“.

Wie dem ungetauften Kinde, so droht auch der Mutter, wie man in England

glaubt, solange Unglück, als sie noch nicht in die Kirche gegangen ist.

In Cornwallis pflegen die Frauen, die ihren ersten Kirchgang tun, einen

„Seufzerkuchen“ mitzunehmen, den sie der ersten besten Person, die sie

treffen, schenken.

Auch an die +Wiege+ knüpft sich mancherlei Aberglaube. In Shropshire

(England) darf eine solche für das Kind erst benutzt werden, wenn es

getauft ist. Man darf eine leere Wiege auch nicht schaukeln, denn dies

würde unverzüglich einen neuen Insassen zur Folge haben oder auch dem

Kinde Unglück bringen. Auch darf man, so meint man in den schottischen

Hochlanden, eine Wiege niemals leer versenden, sondern muß irgendeinen

Gegenstand hineinlegen, gewöhnlich einen Hahn, eine Henne, Kartoffeln

oder einen Mehlsack; es liegen hier offenbar Überreste eines alten

Opferbrauches vor. Auch erfordert der Volksglaube, daß man, bevor das

Kind die Wiege in Gebrauch nimmt, eine Henne oder einen Hahn hineinlege

und daß man für den Erstgeborenen keine neue Wiege kaufe, sondern sich

eine leihe.

[Illustration: Abb. 323. Antrieb des Almviehs (Spitzingalm bei

Schliersee).

Die mit Blumen und Bändern geschmückten Kühe werden zum erstenmal nach

dem Winter in die Berge getrieben.]

Um die +Kinder gegen Krankheiten zu schützen+, gibt es in England

allerlei abergläubische Gebräuche. Kinderzähne, die ausgefallen

sind, bedeckt man mit Salz oder verbrennt sie, um zu verhindern,

daß der folgende Zahn ein Hunde- oder Schweinezahn werde. Auf den

Hebriden darf man kein Feuer aus einem Hause holen, in dem sich ein

Kind ohne Zähne befindet, weil es sonst vielleicht überhaupt keine

bekommen würde. Auch darf hier ein Kind nicht rückwärtslaufen, weil

man fürchtet, es könnte dadurch das Leben der Mutter verkürzen.

In Shropshire darf man das Kind nicht mit einem gestutzten Besen

züchtigen, weil dadurch das Wachstum gehindert werden soll, sondern man

muß dies mit einer schlanken Birkenrute tun. Noch heutigestags zieht

man auf dem Lande ein Kind, das einen Bruch hat, durch eine gespaltene

Esche hindurch.

[Illustration:

Phot. Gebr. Haeckel, Berlin.

Die Sitten der Völker, Dritter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 147 / 203 题