von der Kirche zu den Klippen der Küste, wo man für die Seelen der
Ertrunkenen und im Meer Begrabenen betet.]
Die christliche Sitte erfordert eine Anzahl +Paten+ für das zu taufende
Kind, die zu ihm, wenn sie ihre Pflicht heute meistens auch nicht mehr
so genau nehmen, in ein gewisses Verwandtschaftsverhältnis, gleichsam
an Vater- und Mutterstelle treten. Ihr Verhalten am Tauftage ist nach
dem Volksglauben von bestimmendem Einfluß auf das künftige Leben des
Kindes. Im Harz verrichten sie daher, nachdem sie sich versammelt
haben, erst noch einige Arbeiten; sie schreiben, lesen, graben, säen,
nähen, stricken und so weiter, damit das Kind später in diesen Dingen
geschickt und fleißig werde. Im Erzgebirge dürfen die Paten keinen
Schlüssel bei sich tragen, weil sonst das Kind ein verschlossenes
Herz bekäme. Die Paten pflegt man noch vielfach durch Gevatterbriefe
einzuladen.
Auf dem Wege zur Kirche müssen die Teilnehmer am Taufzuge recht schnell
gehen, damit das Kind auch schnell gehen lerne. Begegnet der Zug einem
Manne, dann ist das von guter Vorbedeutung, wogegen die Begegnung mit
einer Frau Unglück befürchten läßt. Während des Ganges nach und von der
Kirche gibt man an manchen Orten mit Flinten, Pistolen oder Böllern
Freudenschüsse ab.
[Illustration:
Phot. The Folk-Lore Society.
Abb. 321. Hörnertanz zu Abbots Bromley.
Er wird am Montag nach dem Kirchweihfest von sechs mit Hirschgeweihen
geschmückten Männern aufgeführt.]
[Illustration:
Phot. Schweizer. Gesellschaft f. Volkskunde.
Abb. 322. Masken bei einer Kirmes in der Schweiz,
die durch Spiele, Tänze, Wettkämpfe und ähnliche Veranstaltungen
gefeiert wird.]
Während der Taufhandlung wird das Kind durch die Hebamme der Reihe nach
den verschiedenen Paten zum Halten übergeben. Schreit es während der
heiligen Handlung, dann wird es ein guter Sänger werden. Das Taufwasser
darf als solches nur einmal benutzt werden; sollte man etwa mehrere
Kinder mit demselben Wasser taufen, dann würde bald eins von ihnen
sterben. Vielfach besteht auch der Aberglaube, daß dem Taufwasser ganz
besondere Eigenschaften anhaften. Man nimmt es zum Auswaschen des
ersten Hemdchens oder kocht mit ihm ein Süppchen für das Kind, um es
dadurch vor Krankheit zu behüten. Der Geistliche und der Küster pflegen
von den Paten ein Geschenk zu erhalten, das von diesen auf den Altar
oder den Taufstein niedergelegt wird. Im Taunus erhält der erstere
ein Gebäck, das Bubenschenkel heißt. Auch der Täufling wird mit einem
Geschenk bedacht, das ihm die Taufpaten in ein Papier einwickeln und
unter den Kopf legen, meistens zusammen mit einem Patenbrief. -- In
England bestehen die Geschenke, die man dem Kinde macht, sowohl bei
der Taufe als auch vielfach schon bei der Geburt, in einem Ei, in
Salz, Silberstücken und einem Streichholz. Auf dem Heimwege werden die
Taufpaten an manchen Orten von den Kindern durch Vorhalten eines bunten
Bandes oder einer Stange am Weitergehen gehindert, bis sie sich durch
ein kleines Geldgeschenk losgekauft haben. Zu Hause finden sie wohl
auch die Tür verschlossen und können erst hinein, wenn sie ebenfalls
ein Lösegeld gegeben haben.
In Friesland (Holland) bilden beim Taufgange alle Mädchen aus der
Verwandtschaft und Bekanntschaft, sofern sie über zwölf Jahre alt
sind, einen Zug und begleiten das Kind auf dem Wege nach der Kirche;
sie dürfen es der Reihe nach ein Stück Weges tragen. Keines von ihnen
verzichtet auf dieses überkommene Vorrecht, zumal dabei der Aberglaube
besteht, daß jedes Mädchen, das bei einer Tauffeierlichkeit einmal
auf diese Weise mitgewirkt hat, in ihrer späteren Ehe reichlich mit
Nachkommenschaft gesegnet sein werde.
Wird in England ein Knabe mit einem Mädchen zusammen getauft, dann
trägt man das letztere zuerst zum Taufbecken, denn der Knabe könnte
„seinen Bart im Wasser lassen“, und das könnte für das Mädchen
unangenehme Folgen haben. Im Norden erhält der erste Mann oder die
erste Frau, der man auf dem Wege zur Kirche begegnet, Kuchen, der oft
noch von der Geburtsfeier herrührt, oder Brot und Käse, für gewöhnlich
mit einem Schuß Whisky, und zwar ist, wenn der Täufling ein Knabe ist,
die zuerst begegnende Frau der Empfänger, umgekehrt, wenn ein Mädchen
getauft wird, der erste Mann. Die gute Sitte erfordert, daß die so
ausgezeichnete Person sofort kehrt mache und den Taufzug ein Stück
Weges begleite. In Cornwallis bezeichnet man dies mit dem Ausdruck „das
Kind segnen“.
Wie dem ungetauften Kinde, so droht auch der Mutter, wie man in England
glaubt, solange Unglück, als sie noch nicht in die Kirche gegangen ist.
In Cornwallis pflegen die Frauen, die ihren ersten Kirchgang tun, einen
„Seufzerkuchen“ mitzunehmen, den sie der ersten besten Person, die sie
treffen, schenken.
Auch an die +Wiege+ knüpft sich mancherlei Aberglaube. In Shropshire
(England) darf eine solche für das Kind erst benutzt werden, wenn es
getauft ist. Man darf eine leere Wiege auch nicht schaukeln, denn dies
würde unverzüglich einen neuen Insassen zur Folge haben oder auch dem
Kinde Unglück bringen. Auch darf man, so meint man in den schottischen
Hochlanden, eine Wiege niemals leer versenden, sondern muß irgendeinen
Gegenstand hineinlegen, gewöhnlich einen Hahn, eine Henne, Kartoffeln
oder einen Mehlsack; es liegen hier offenbar Überreste eines alten
Opferbrauches vor. Auch erfordert der Volksglaube, daß man, bevor das
Kind die Wiege in Gebrauch nimmt, eine Henne oder einen Hahn hineinlege
und daß man für den Erstgeborenen keine neue Wiege kaufe, sondern sich
eine leihe.
[Illustration: Abb. 323. Antrieb des Almviehs (Spitzingalm bei
Schliersee).
Die mit Blumen und Bändern geschmückten Kühe werden zum erstenmal nach
dem Winter in die Berge getrieben.]
Um die +Kinder gegen Krankheiten zu schützen+, gibt es in England
allerlei abergläubische Gebräuche. Kinderzähne, die ausgefallen
sind, bedeckt man mit Salz oder verbrennt sie, um zu verhindern,
daß der folgende Zahn ein Hunde- oder Schweinezahn werde. Auf den
Hebriden darf man kein Feuer aus einem Hause holen, in dem sich ein
Kind ohne Zähne befindet, weil es sonst vielleicht überhaupt keine
bekommen würde. Auch darf hier ein Kind nicht rückwärtslaufen, weil
man fürchtet, es könnte dadurch das Leben der Mutter verkürzen.
In Shropshire darf man das Kind nicht mit einem gestutzten Besen
züchtigen, weil dadurch das Wachstum gehindert werden soll, sondern man
muß dies mit einer schlanken Birkenrute tun. Noch heutigestags zieht
man auf dem Lande ein Kind, das einen Bruch hat, durch eine gespaltene
Esche hindurch.
[Illustration:
Phot. Gebr. Haeckel, Berlin.