Wie schon angeführt wurde, gehört in erster Linie zum Pfingstfeste
auch der +Pfingstmaien+ (Birke); es dürfte wohl kaum einen Ort
geben, wo man nicht mit Maien, in der Mark Brandenburg außerdem noch
mit Kalmus, Häuser, Stuben, Ställe, Vieh und selbst die Wagen und
Eisenbahnen schmückt. Schon am Abend vorher pflegt die Jugend den
Maien einzuholen, vielfach unter besonderer Festlichkeit. Die jungen
Burschen reiten in den Wald hinaus und kehren reich mit frischem
Grün geschmückt im Triumph ins Dorf zurück. Solche „+Pfingstritte+“
finden verschiedentlich auch noch an den Pfingstfeiertagen statt. Bunt
ausgeputzt mit grünen Zweigen und farbigen Bändern, veranstalten die
jungen Leute auf ihren in derselben Weise geschmückten Pferden Umzüge
oder Wettritte; auch versuchen sie wohl, einen Ring beziehungsweise
einen Kranz, der an einer Ehrenpforte oder an einem Galgen aufgehängt
ist, im Vorbeigaloppieren mit einem Stock, einer hölzernen Gabel
oder einem anderen lanzenartigen Werkzeug herunterzuholen oder
herabzustechen; man nennt dies Kranzreiten oder Ringstechen. Wem
dies am besten gelingt, der wird zum „Pfingstkönig“ ernannt und im
Triumph zum Dorfplatz geführt, wo ihm meistens von einer Dorfschönen
ein Geschenk zuteil wird, während der, dem es nicht glückte, im
Vorbeigaloppieren etwas zu erlangen, der „Pfingstjunge“ heißt und für
Spott nicht zu sorgen braucht. In der Mark Brandenburg besteht das
„Königsreiten“ in einem großen Umzuge; voran reitet der Pritschmeister,
der in der neugierig umherstehenden Menge Platz schafft, an seiner
Seite der „Mückenscheucher“, der einen großen Birkenstrauch mit
einer Klingel in der Hand trägt und bald diesem, bald jenem auf den
Kopf klopft. Diesen beiden folgt der „König“, meistens der älteste
Knecht der Herrschaft, auf einem mit Grün, Blumen und Bändern schön
geschmückten Roß, den Schluß bilden die übrigen jungen Burschen.
Der Zug bewegt sich durch das Dorf; von jedem Besitzer wird ein
Geldgeschenk erhoben, das nach Beendigung des Umzugs im Gasthof in
Essen und Trinken umgesetzt wird. Eine schwere Rolle hat beim Umzug der
„König“ zu spielen; er darf die ganze Zeit über nicht lachen, nicht
einmal die Miene verziehen, selbst wenn die übrigen allen möglichen
Unfug mit ihm treiben, sonst muß er im Gasthof für alle die Zeche
bezahlen.
[Illustration: Abb. 301. Schwimmenlassen der Lebenslichter am
Silvesterabend.
Jedes der auf Nußschalen gestellten Lichtchen bezeichnet das
Lebenslicht eines der Teilnehmer.]
Auch unter den Pfingstbräuchen ist eine ganze Reihe, die den Sieg
des Frühlings über den Winter widerspiegelt. So wird in der Gegend
von Halle an der Saale ein +Strohmann+ auf einen Karren gelegt; die
Pfingstburschen des Dorfes geben sich alle erdenkliche Mühe, diesen
Karren mit verbundenen Augen an den Rand einer Grube, die einem Grab
nicht unähnlich sieht, zu fahren und seinen Inhalt hineinzuwerfen, um
ihn dann zu vergraben. In der Altmark setzt man die Strohpuppe auf eine
Kuh und jagt diese so lange herum, bis die Puppe herabfällt. In Bayern
wird der Knecht, der am Pfingstmontag die Zeit verschläft, ergriffen,
in den Wald geschleppt, ganz in Grün eingehüllt und auf ein Pferd
gesetzt; auf diesem muß er in Begleitung des ganzen Dorfes zum nächsten
Teich reiten, wo er feierlichst ins Wasser geworfen wird. Diese und
ähnliche Gebräuche, denen wir, manchmal nur noch in ihren letzten
Ausläufern, in den verschiedensten Gauen unseres Vaterlandes begegnen,
sollen das Austreiben des Winters versinnbildlichen.
In vielen Gegenden besteht noch die alte Sitte, das Vieh zu Pfingsten,
meistens am Sonnabend vor dem Fest, +zum erstenmal auf die Weide+
zu treiben, wo es in katholischen Gegenden vielfach vom Priester
eingesegnet wird (Abb. 317). Tags zuvor gehen die Hütejungen unter
Peitschenknallen (auch dieses ein Zeichen der Austreibung des Winters)
im Dorfe herum und sagen es den Knechten und Mägden an. Diese beeilen
sich darauf, ihr Vieh möglichst frühzeitig hinauszutreiben; jeder setzt
seinen ganzen Stolz darein, der erste am Platze zu sein. Der Kuh, die
zuerst auf der Weide eintrifft, wird für gewöhnlich ein Kranz um den
Hals und um die Hörner sowie ein Birkenbusch an den Schweif gebunden
(Abb. 323). Der Knecht, der sich zuletzt mit seinem Vieh auf der Weide
einfindet, heißt der Pfingstlümmel oder Pfingstochse, auch wohl der
Pfingstbötel oder Pfingstkärel; er wird zum Gegenstand des Spottes und
bleibt es das ganze Jahr hindurch. In Thüringen hüllt man den zuletzt
Eintreffenden ganz in Tannen- und Birkenzweige ein und peitscht ihn
durch das Dorf, wo er überall mit dem Zuruf „Pfingstschläfer“ begrüßt
wird. Eine Magd, die sich am Pfingstsonntag zuletzt im Stalle zum
Melken einfindet, erhält den Namen Pfingstbraut. Noch schlimmer ergeht
es einem Mädchen auf dem Lande in Steiermark, das am Pfingstmorgen
den Sonnenaufgang verschläft; es kommen dann die Nachbarburschen mit
einer lebensgroßen, aus Stroh und Lappen angefertigten Puppe, die
einem zerfetzten Vagabunden gleicht, und hängen sie zum Gespött an
einem Baumast vor dem Fenster der Langschläferin auf. Wer von den
jungen Burschen aber die Zeit verschläft, dem setzen die Mädchen
einen Strohkranz auf den Kopf und rufen ihn als „Pfingstlücken“ oder
„Pfingstnudel“ aus.
[Illustration:
Phot. Hanfstaengl, München.
Abb. 302. Das Fest des Bohnenkönigs.
(Nach dem Gemälde von Jordaens in der Kaiserl. Gemäldegalerie in Wien.)
In nordischen Ländern, im besonderen in England, finden die
Weihnachtsgebräuche ihren Abschluß in dem Bohnenfest. Wer von den
versammelten Gästen von den unter sie verteilten Stücken eines Kuchens,
in den man eine Bohne gebacken hat, das die Bohne bergende erhält, wird
König und wählt sich einen Hofstaat. Sobald der König trinkt, müssen
alle Anwesenden ihm Bescheid tun.]
In manchen Orten Thüringens werden am Pfingstfest die Brunnen
geschmückt, der Brunnenschaft mit Birkengrün umwunden, die kleine
Ausflußröhre noch besonders mit einem Vergißmeinnichtkränzchen umgeben
und das obere Ende der senkrechten Brunnenröhre mit einer Krone aus
Tulpen geziert. Das Einholen des Grüns aus dem Walde, das sogenannte
Waldfahrten, an dem sich alt und jung beteiligt, gestaltet sich zu
einem wirklichen Volksfest (Abb. 324).
[Illustration:
Phot. J. Brocherel.
Abb. 303. Szene aus dem „Sechseläuten“ zu Zürich.
Der durch eine Strohfigur dargestellte Winter wird öffentlich
verbrannt.]
Bevor wir die Pfingstbräuche verlassen, über die sich noch sehr vieles
sagen ließe, wollen wir noch einer ganz allein in dem Städtchen
Echternach im Luxemburgischen heimischen Pfingstsitte gedenken, der
+Springprozession+. An ihr pflegen sich für gewöhnlich weit über
zehntausend „Springer und Beter“, wie sie vom Volke genannt werden,
zu beteiligen; noch weit größer ist die Zahl der sich als Zuschauer
Einfindenden. Nach einer Predigt auf der Sauerbrücke ordnet sich
der stattliche Zug zum Einmarsch in die Stadt. Voran schreitet
die Geistlichkeit unter Führung der Kirchenfürsten, gefolgt von
Mönchen und Nonnen. Hieran schließen sich zunächst die in Gruppen
geordneten Springer; jeder Gruppe geht eine Musikbande voran. Die
Weise, die sie ertönen läßt, geht nach der bekannten Melodie: „Adam
hatte sieben Söhne.“ Hierbei führen die Springenden einen Tanz auf,
bei dem jeder Teilnehmer erst fünf Schritte vorwärts und dann drei
Schritte rückwärts springt; in derselben Reihe Tanzende reichen
sich die Hände oder verbinden sich miteinander durch Taschentücher.
Da bei dem großen Gedränge des öfteren eine Stockung eintritt, so
müssen die Springbewegungen häufig auf der Stelle ausgeführt werden.
Etwa alle zehn Minuten tritt eine Pause ein, während deren entweder
Gebete gemurmelt oder Erfrischungen eingenommen werden. Natürlich
kommt der Zug unter diesen Umständen nur ganz langsam vorwärts; nach
etwa anderthalb Stunden sind die Ersten der Wallfahrer bei der zur
Statue des heiligen Willibrord hinaufführenden neunundsechzigstufigen
Treppe angelangt. Dann beginnt aber erst das große Schauspiel für die
Zuschauer. Die Stufen müssen „hinaufgetanzt“ werden, das heißt jeder
Teilnehmer muß, wenn irgend möglich, immer fünf Stufen hinauf- und
dann drei wieder herunterspringen. Oben in der Kirche schweigt die
Musik, die Gläubigen treten zu dem Altar des heiligen Willibrord, der
über dessen angeblichem Grabe errichtet ist, heran und legen ihre
Opfergaben, meistens Geld, in die an der Steinfigur aufgestellten
Körbe, berühren mit ihren Rosenkränzen oder sonstigen Gegenständen,
die man weihen zu lassen wünscht, die Hände des Standbildes und gehen
langsam durch die Tür auf der anderen Seite der Kirche wieder hinaus.
Damit ist der heiligen Pflicht Genüge geleistet; die Menge löst sich
sofort auf, und die Teilnehmer lagern sich erschöpft auf dem Platze
oder in sonst verfügbaren Räumen. Sodann aber begeben sie sich in die
Wirtshäuser und belustigen sich auf alle nur mögliche Weise, denn stets
ist ein großer Jahrmarkt mit der kirchlichen Feier verbunden.
[Illustration:
Phot. Berl. Illustrat.-Ges. m. b. H.
Abb. 304. Fastnachtsmasken aus dem Sächsischen Erzgebirge,
wie sie nach altem Brauch von Haus zu Haus ziehen.]
[Illustration: Abb. 305. Bunte Ostereier aus dem Spreewald.]
Wir kommen jetzt zu dem +Johannisfest+, das gleichfalls heidnischen
Ursprungs ist, aber von der christlichen Kirche, gleichsam als
Entsühnung, dem Andenken des heiligen Johannes des Täufers geweiht
wurde. Es fällt in den Mittsommer oder die Sommersonnenwende, den
Zeitpunkt, an dem die Tage ihre größte Länge erreichen, die Sonne also
am höchsten steht oder, wie die alten Germanen annahmen, der Sonnengott
Wodan auf seiner Fahrt die höchste Stelle am Himmelszelt erreicht
hat und nun im vollen Gefühl seines Sieges über die feindlichen,
lichtscheuen Mächte eine Weile rastet, um dann mit der Freia seine
Hochzeit zu begehen. In den Augen der alten Nordländer war der
Mittsommertag kein geringeres Fest als das der Wintersonnenwende.
[Illustration: Abb. 306. Das Eierpicken,
ein Osterspiel der Jugend im Spreewalde.]
Dem Gotte zu Ehren zündete man allenthalben Feuer an, die man unter
Absingung von Sonnwendliedern umtanzte oder, um sich symbolisch zu
reinigen, übersprang. Noch heutigestags flammen an vielen Orten,
namentlich in Süddeutschland und Tirol, am Abend vor Johanni auf den
Höhen Freudenfeuer empor (+Sonnwendfeuer+, Sungibtfeuer, Fro- oder
Fronfeuer); meistens sind es Scheiter- oder Reisighaufen, zu denen
die Jugend schon tagelang vorher den Brennstoff zusammentrug oder
früher unter Absingung bestimmter Lieder sich zusammenbettelte. Die
Burschen und Mädchen des Dorfes versammeln sich festlich gekleidet
um die lodernde Glut; Paar um Paar springt unter Gesang über den im
Auslöschen begriffenen Holzstoß. Mit diesem Sprung ist oft genug
eine abergläubische Bedeutung verbunden: wer ihn ausführt, bleibt
das Jahr über von Krankheit verschont, kann auf eine gute Ernte
hoffen und darf auf sonstige Glücksfälle rechnen. Auch Kräuter,
die in das Feuer geworfen werden -- beliebt ist besonders Beifuß
-- bannen Krankheit und Unheil. Sehr gebräuchlich war früher auch,
daß jeder Teilnehmer ein angebranntes Scheit mit sich forttrug, das
er auf dem Herd seines Hauses aufbewahrte oder noch in derselben
Nacht zur Erhöhung der Fruchtbarkeit auf seinen Acker steckte. In
Schlesien, in den Rheinlanden und in Kärnten rollt man mit Stroh und
Werg umwundene Holzräder oder Scheiben von den Höhen herab ins Tal
(+Scheibenschlagen+); stürzt das Rad noch flammend in ein unten etwa
vorhandenes Gewässer, dann kann man auf eine gute Ernte rechnen.
Während die Scheibe hinuntersaust, spricht der „Scheibentreiber“ in
manchen Gegenden einen Vers, der gleichsam eine Widmung enthält, oder
er nennt den Namen einer Person, der zu Ehren er sie hinabrollen läßt;
die jungen Burschen widmen die Scheibe natürlich ihrer Liebsten. Aber
auch zur Beschimpfung und Verspottung von Personen, die sich etwas
zuschulden kommen ließen oder sich mißliebig machten, werden Scheiben
„geschlagen“; dieser Brauch erinnert insofern an das Haberfeldtreiben.
[Illustration:
Phot. Schweizer. Gesellschaft f. Volkskunde.
Abb. 307. Szene aus einem Fastnachtsbrauch in Appenzell.
Eine Strohfigur wird durch vermummte Leute aus dem Dorf ins Freie
gefahren und hier feierlich verbrannt.]
[Illustration:
Phot. Schweizer. Gesellschaft f. Volkskunde.
Abb. 308. Osterbrauch in der Schweiz.
Es wird ein Wettkampf ausgefochten in der Weise, daß jemand eine
bestimmte Strecke hin- und zurücklaufen muß, während ein anderer zwei-
bis dreihundert Eier aufzuheben hat, die in einer langen Reihe längs
der Landstraße liegen. Wer zuerst mit seiner Aufgabe fertig ist, hat
gewonnen.]
Neben dem Feuer spielt zu Johanni auch das +Wasser+ eine große Rolle;
ihm kommt eine reinigende, alles Elend und alle Sünde fortspülende
Kraft zu. Dieser Glaube hängt wohl mit der heidnischen Vorstellung von
der Gewalt der wasserspendenden Gottheit zusammen, die im Hochsommer
ihre Macht in zahlreichen Unwettern zum Segen oder Unsegen der Menschen
kundgibt. Daher brachte man ihr früher auch Menschenopfer dar. Die
Taufe durch Johannes ist die christliche Auslegung dieser heidnischen
Anschauung. In Schwaben gilt ein am Johannistage genommenes Bad für
neunmal heilkräftiger als ein gewöhnliches. Am Mittelrhein werden
daher an diesem Tage die Brunnen gereinigt; wo man dies unterläßt, da
wählt sich der Fluß von selbst seine Opfer durch Überschwemmung. Aus
demselben Grunde darf man am Bodensee am Johannistage überhaupt nicht
im See baden, und die Schiffer behaupten, man dürfe an ihm auch keine
Antreibenden herausziehen, denn das hieße dem Wassergott seine Opfer
wieder entreißen. Mit der Vorstellung von der reinigenden Wirkung des
Johanniswassers hängt auch der Aberglaube zusammen, daß der an diesem
Morgen eingesammelte Tau ein vorzügliches Mittel gegen Sommersprossen
abgebe.
[Illustration: Abb. 309. Das Eierkullern, ein Osterspiel im Spreewalde.
Eine schiefe Ebene werden Eier hinabgerollt; wessen Ei das eines
Mitspielenden trifft, hat dieses gewonnen.]
Einer ganzen Reihe von +Pflanzen+ wird am Johannistage eine besondere
geheimnisvolle Kraft zugeschrieben. Als solche heilkräftigen Kräuter
gelten das Johanniskraut oder Hartheu, die Hauswurz, der Bärlapp
oder das Hexenkraut, der Wermut oder Beifuß, das Eisenkraut, der
Rittersporn, das Gottesgnadenkraut, das Kardobenediktenkraut, das
Liebstöckel, der Steinfarn und noch andere Pflanzen. So befreit die
Wurzel der Hauswurz, an einem roten Faden um die Schulter getragen,
von Hämorrhoiden, Beifuß hält die Müdigkeit fern, Eisenkraut läßt
durch Eisen geschlagene Wunden schneller heilen und versöhnt durch
Streit entzweite Leute, der Same des Steinfarnkrautes macht unsichtbar
oder läßt, neben Geld gelegt, dieses nicht weniger werden, auch wenn
man davon nimmt, und so weiter. Besonders wirksam ist die Kraft aller
dieser Zaubermittel, wenn sie in der Johannisnacht gepflückt werden. An
der Spitze aller Johanniskräuter steht aber unzweifelhaft das Hartheu;
es erfreut sich eines allgemeinen Rufes als Heilmittel bei Wunden,
Quetschungen, Bruchleiden, Verrenkungen und allen möglichen anderen
Gebrechen. Im Hause oder im Stall befestigt, schützt das Hartheu
oder Johanniskraut ferner vor Feuersgefahr, Blitz, Ungewitter, Hexen
und sonstigem Unheil. Selbst zu Weissagungen wendet das verliebte
Bauernmädchen in Holstein es an. Will es nämlich erfahren, ob es mit
dem Gegenstand seiner Liebe vereint werden wird, so bricht es am
Johannisabend zwei Zweige des Hartheus ab, einen etwas längeren, der
den Schatz bedeutet, und einen kürzeren, der es selbst darstellen soll;
beide Zweige werden darauf stillschweigend mit den Spitzen nach unten
in die Spalte eines Dachbalkens gesteckt; hier wachsen sie in allerlei
Verschlingungen weiter fort. Vereinigen sich dabei die beiden Spitzen,
dann deutet dies auf Erfüllung des stillen Wunsches; entfernt sich aber
der eine Zweig von dem anderen, dann ist die Liebe hoffnungslos.
[Illustration:
Phot. The London Electrotype Agency.
Abb. 310. Osterprozession zu Wittichenau in Schlesien.
Am Morgen des ersten Ostertages machen sich eine Anzahl Bürger beritten
und begeben sich zur Kirche, wo ihrem Anführer vom Priester ein
geweihtes Kruzifix übergeben wird. Mit diesem wird dann ein Umritt
gehalten.]
[Illustration:
Phot. E. H. Binney.
Abb. 311. Sankt Georg und der Türkische Ritter,
Gestalten aus einem in England verbreiteten Fastnachtspiel, in dem der
Kampf des heiligen Georg, sein Tod und seine Auferweckung dargestellt
werden.]
[Illustration:
Phot. The Sport and General Preß Agency.
Abb. 312. Teilnehmer an einem Fußballspiel am Fastnachtdienstag in
Ashbourne,
wie es vielfach an diesem Tage ohne feste Regeln von zwei Parteien aus
der Gemeinde auf offener Straße gespielt wird.]
Aus Raumgründen ist es leider nicht möglich, auf die zahlreichen
anderen Gebräuche teils an kirchlichen, teils an weltlichen Festen
näher einzugehen, wie sie zum Beispiel üblich sind am Sankt Georgstag,
Himmelfahrtstag, den drei gestrengen Herren, Fronleichnamsfest, Mariä
Himmelfahrt, Peter und Paul, Lambertustag, Erntefest, Michaelistag,
Allerheiligen und Allerseelen (Abb. 320), Hubertustag, Martinstag,
Andreastag, Kirchweih (Abb. 321, 322 und 326), Weinlese (Abb. 327) und
so fort (Abb. 325, 328 bis 336 und 345). Die meisten dieser Gebräuche
entpuppen sich, wenn man ihnen auf den Grund geht, als Überreste aus
heidnischer Zeit. Um ein Beispiel hierfür anzuführen, so verdanken
Allerheiligen und Allerseelen, beides wichtige Feste der katholischen
Kirche, ihre Entstehung altheidnischen Opferfesten, durch die man
sich gegen die Macht der bösen Geister, die man vielfach als die
Seelen Abgeschiedener auffaßte und an die Oberwelt zum Besuche ihrer
Angehörigen zurückkehrend sich dachte, zu schützen beziehungsweise
sie zu versöhnen trachtete. Die alten Römer (Lemurenfest), wie auch
die alten Kelten, Skandinavier, Isländer (Kauri) und andere Völker
des Altertums schlachteten zum Schutze gegen solche Geister Tiere und
luden die Geister zum Mahle ein. Anklänge an solche Opfer finden wir
an vielen Orten noch am Allerheiligentage. In Schweden und Finnland
setzt man den Elfen, die man noch heute für die Geister Verstorbener
ansieht, die der ewigen Seligkeit nicht teilhaftig werden können, an
diesem Abend Speisen und Getränke vor. Die christliche Religion hat die
Opfer an die Geister durch Gebete für die Seelen der Abgeschiedenen
und durch andere fromme Gebräuche zu ihren Gunsten ersetzt. So zum
Beispiel läuten Knaben im Elsaß am Vorabend des 1. November eine Stunde
lang die Kirchenglocken, weil um diese Zeit die Seelen der Verdammten
aus dem Fegfeuer gehen dürfen, und halten darauf einen Rundgang in
den Häusern, um eigens für diesen Zweck gebackene Brötchen oder eine
Belohnung in Geld zu erbetteln. In Flandern errichten die Knaben am
Abend vor Allerseelen auf der Straße kleine, mit brennenden Kerzen
beleuchtete Altäre und gehen die Vorübergehenden um milde Kuchenspenden
an, für die Seelen im Fegfeuer, wie sie sagen. Allerdings übernehmen
sie für diese gleichzeitig die Arbeit des Essens. Von den dabei
erbettelten Geldstücken werden am nächsten Morgen die „Zielenbröderche“
(Seelenbrötchen) gekauft, ein feines, mit Mandeln in Kreuzform
verziertes und zur Versinnbildlichung des Fegfeuers stark mit Safran
und rotem Farbstoff gefärbtes Gebäck, mit dem man ebensoviel Seelen
aus dem Feuer erlösen kann, als man Seelenbrötchen ißt. Ein ähnlicher
Brauch besteht in einigen Gegenden Englands. Hier gehen die Kinder
unter dem Rufe „Seele, Seele, um ein oder zwei Äpfel!“ herum und
betteln um Kuchen, Bier und Äpfel. An vielen Orten Deutschlands kennt
man für den Allerseelentag bestimmte Gebäcke, die als Seelenwecken,
Seelenzöpfe, Seelenbrezeln und so weiter bezeichnet werden. -- Sehr
verbreitet ist auf den Britischen Inseln die Sitte, am gleichen Tage
das Schicksal einer ehelichen Verbindung oder einen etwa bevorstehenden
Todesfall im voraus zu erforschen, die man übrigens auch im
schottischen Hochlande kennt. Hier zündet man am Allerseelenabend ein
Feuer an, häuft seine Asche in Form eines Kreises auf und legt am Rande
der Asche für jedes Familienmitglied einen Stein hin. Findet man am
anderen Morgen diesen nicht mehr an der alten Stelle oder den Kreis
sonstwie beschädigt, dann weiß man, daß die betreffende Person im
nächsten Jahre sterben wird.
In den katholischen Ländern ist es allgemein Sitte, daß sich am
Allerseelentage die Angehörigen von Verstorbenen zu dem Gottesacker
begeben, um deren Grabstätten auszuschmücken -- ein Rest des
altheidnischen Opfers -- und zu beten, und am Allerheiligentage werden
die Heiligen um ihre Hilfe zur Erlösung der armen Seelen angerufen. Die
evangelische Kirche feiert etwa um die gleiche Zeit, wenn auch nicht
an einem bestimmten Kalendertage, ein ähnliches Erinnerungsfest, das
Totenfest.
[Illustration: Abb. 313. Holen des Osterwassers (Spreewald).]
[Illustration:
Phot. Schweizer. Gesellschaft f. Volkskunde.
Abb. 314. Eine „Palme“ vom Palmsonntag (Kanton Aargau).
In Wirklichkeit ist es eine Tanne, die mit Flittern, Früchten, Eiern
und geweihten Bändern ausgeputzt ist.]
In derselben Weise wie an die Feste knüpft sich an die Verrichtungen
und Ereignisse des täglichen Lebens allerlei zum Teil ganz grober
Aberglaube, und zwar nicht nur bei denen, die zu den ungebildeten
Gesellschaftschichten zählen, sondern sehr häufig auch bei solchen,
die für gebildet und aufgeklärt gelten wollen. Eine Wiedergabe der
zahlreichen Gebräuche, Gewohnheiten und Anschauungen, denen wir
beinahe auf Schritt und Tritt begegnen, am meisten natürlich beim
Landvolk, würde allein einen ganzen Band füllen; wir müssen uns deshalb
darauf beschränken, auf einige wenige Beispiele hinzuweisen, wie
das Anzaubern und Anhexen von Krankheiten, das Besprechen derselben
zu ihrer Heilung, das Hersagen von sogenannten Segen (Diebessegen,
Kugelsegen, Bienensegen und so fort) zur Abwendung von Gefahren
oder zur Ermittlung des Verbleibs gestohlener Sachen, die Furcht
vor dem bösen Blick sowie vor der Zahl dreizehn, die Verkündigung
bevorstehenden Glücks oder Unglücks durch den Ruf gewisser Tiere
und dergleichen. Länger wollen wir dagegen bei den drei wichtigsten
Ereignissen des Lebens verweilen, der Geburt, der Heirat und dem Tode.
[Illustration:
Phot. E. H. Binney.
Abb. 315. Hans im Grünen,
ein alter Maibrauch, der jetzt nur noch von der Gilde der
Schornsteinfeger geübt wird.]
Der deutsche Volksglaube verlegt den +Ursprung der neugeborenen
Kinder+ teils in Gewässer, Flüsse oder Brunnen, teils in Felsspalten,
Höhlen und hohle Bäume. Von hier holt sie der Storch (Norddeutschland)
oder die Hebamme (Süddeutschland) und führt sie den Eltern zu. In
England läßt man die kleinen Kinder aus weniger geheimnisvollen
Orten herkommen, wie aus dem Kohlkopf, dem Petersilienblatt, dem
Stachelbeerstrauch oder auch aus der Tasche des Doktors. Der Storch,
an der Wasserkante Adebar genannt, wirft die Kleinen oben in den
Schornstein hinein und beißt die Mutter ins Bein, weswegen sie einige
Tage das Bett hüten muß; die Geschwister beglückt er mit Zuckertüten.
Bereits mit der +Schwangerschaft+ setzen allerlei abergläubische
Gebräuche ein. Das Versehen der Schwangeren spielt eine große Rolle
beim Volke, weswegen man sich bemüht, alle schrecklichen und häßlichen
Eindrücke von der angehenden Mutter fernzuhalten; sie darf unter
anderem auch keinen verkrüppelten Menschen erblicken, weil sonst das
Kind ebenso mißgestaltet werden könnte, kein brennendes Haus sehen,
weil das Kind sonst ein Feuermal bekäme und mehr dergleichen. Vielmehr
sucht man der Schwangeren immer nur möglichst schöne Gestalten und
Bilder vor Augen zu führen. Mancherlei Tabus werden der Frau während
ihres gesegneten Zustandes auferlegt. So darf sie sich nicht das Haar
kürzen, weil sonst das Kind kahlköpfig werden würde, ihren Zustand
nicht verleugnen, weil es sonst schwer sprechen lernen würde, nicht
erschreckt oder gereizt werden, weil das Kind sonst leicht zornig
werden könnte, auch nicht waschen oder spinnen, nicht unter etwas
hindurchkriechen und so weiter. Auf der anderen Seite wieder wird es
gern gesehen, wenn eine Frau, die guter Hoffnung ist, von einem Baume,
der zum erstenmal Früchte trägt, etwas genießt, damit derselbe fortan
reichlicher trage. In England darf keine Frau, die selbst nährt, zu
einer Schwangeren gehen, denn dadurch könnte diese Gefahr laufen, ihr
Kind später nicht selbst stillen zu können. Hat die Stillende diese
Vorsicht doch außer acht gelassen, dann gibt es ein Mittel dies wieder
gutzumachen: die künftige Mutter muß sich das Kind der Schuldigen
heimlich zu verschaffen suchen und es mit Hilfe einer Freundin über
ihre Schürze gleiten lassen.
[Illustration:
Phot. Underwood & Underwood.
Abb. 316. Szene von der Johannisfeier in Skandinavien.
Das Landvolk tanzt um den mit Blumen und Kränzen verzierten
Mittsommerbaum (Majstang).]
Die +Geburt+ sucht man auf mancherlei Weise zu erleichtern, so
durch Darreichung von allerhand Tränklein, bei denen dem Honig eine
wichtige Rolle zukommt, durch Umhängen von Amuletten, Unterlegen
eines Gebetbuches oder eines Himmelsbriefes unter das Kopfkissen der
Kreißenden und ähnliche Maßnahmen. In Norwegen muß man, wenn eine
Entbindung bevorsteht, alle Knoten im Hause, besonders an den Kleidern,
lösen. -- Anklängen an die +Couvade+ begegnen wir noch auf den
Britischen Inseln. Vielfach glaubt man hier auf dem Lande, daß von
den Geburtschmerzen der Mutter etwas auf den Vater übergehen könne,
bei diesem aber eine andere Form annehme, zum Beispiel die heftiger
Zahnschmerzen oder des Reißens. Eine Irin zieht bei der Niederkunft
den Rock oder die Beinkleider ihres Mannes an, damit er die Schmerzen
mit ihr teile und sie dadurch Linderung erfahre.
[Illustration:
Phot. J. Brocherel.
Abb. 317. Segnen des Viehs im Wallis,
wie es jedes Frühjahr vom Priester vorgenommen wird.]
Das +Neugeborene+ wird im Wasserbad gereinigt, zu dem man öfters
Zusätze macht, zum Beispiel Milch, damit das Kind eine schöne weiße
Haut bekomme, oder Weihwasser beziehungsweise einen Rosenkranz, damit
es fromm werde, bei einem Mädchen wohl auch eine Spindel, damit es
fleißig werde, bei einem Knaben Geld, damit er viel verdiene. Dem
Badewasser wird nicht nur eine reinigende Kraft und Schutz gegen
Zauberei für das Kind, sondern auch ein fördernder Einfluß auf alles
Lebendige, das mit ihm in Berührung kommt, zugeschrieben; so sollen
die Obstbäume, die man mit dem Badewasser begießt, reichlicher Früchte
tragen. Im nordöstlichen Schottland wickelt man einen neugeborenen
Knaben in ein Frauen-, dagegen ein Mädchen in ein Männerhemd, damit das
Kind in seinem späteren Leben nicht ledig bleibe. In Friesland besteht
ein eigenartiger Brauch bei der Geburt eines Sohnes. Die Freundinnen
der Mutter beeilen sich, in möglichst großer Zahl sich in dem Zimmer
der Wöchnerin einzufinden und hier Branntwein aus einem besonderen
Becher zu trinken. Auch erheischt es die gute Sitte, daß jede von
ihnen eine Torte mitbringe, die dann alle, manchmal zwanzig und mehr,
im Zimmer aufgestellt werden. An der Zahl der Torten, die die junge
Frau erhält, läßt sich die Größe ihres Ansehens und ihrer Beliebtheit
ermessen, denn jede Torte bedeutet ja eine Freundin.
Mit einer sogenannten +Glückshaube+ geboren zu werden, bedeutet Glück
während des ganzen Lebens. Desgleichen steht solches einem Kinde bevor,
dessen Kopf einen +doppelten Haarwirbel+ aufweist. Aber gleichzeitig
ist ihm auch eine unangenehme Beigabe mit auf die Welt gegeben, nämlich
recht zornig und widerspenstig zu werden. Die +Jahreszeit+, der +Tag+
und die +Stunde+ besitzen vielfach ihre besondere Bedeutung. Kinder,
die an einem Sonntag geboren sind, besonders wenn dieser auf den Anfang
des Neumondes fiel (Österreich), sind Glückskinder, denen das Unglück
nie etwas anhaben kann. Auch besitzen sie die Gabe des zweiten Gesichts
und die Fähigkeit, Unglück und Hexen zu bannen, sowie verborgene
Schätze aufzudecken. Ebenso sind Kinder, die zu Weihnachten oder in
den Zwölften zur Welt kommen, vom Glück begünstigt. Als Unglückstage
werden der Freitag und die ersten Tage des Monats angesehen. Von den
Tagesstunden gilt die Stunde nach Mitternacht für glückbringend. Im
westlichen Irland dagegen sieht man Mitternacht als eine gefährliche
Zeit an. Um ein zu dieser Stunde geborenes Kind vor dem ihm
bevorstehenden Unglück zu schützen, muß man es sofort mit Weihwasser
besprengen und sieben Tage lang mit besonderer Sorgfalt behüten. -- Am
Abend des Tages der Geburt wird im Norden Großbritanniens, gelegentlich
auch im Westen, eine Festlichkeit veranstaltet, bei der dem Käse eine
wichtige Rolle zufällt. Der Vater schneidet ein „tüchtiges Glückstück“
von dem „stöhnenden Käse“ ab, zerlegt es in soviel Stücke als junge
Mädchen anwesend sind -- wobei er sich beileibe nicht in den Finger
schneiden darf, weil das Kind sonst schon in jungen Jahren sterben
würde -- und verteilt an jedes ein Stück. Die Mädchen aber legen sich
ihr Stück für die Nacht unter das Kopfkissen, um von ihrem zukünftigen
Gatten zu träumen. In Yorkshire ißt man Pfefferkuchen zu dem Käse, in
Cornwallis eine besondere Art Gebäck, den „Seufzerkuchen“.
[Illustration: Abb. 318. Tanz um den Maibaum.]
Die +Wöchnerin+ gilt sechs Wochen lang als unrein und während dieser
Zeit auch dem Einflusse böser Geister ausgesetzt. Daher pflegt man in
der Gemeinde Buchberg bei Kufstein zu deren Vertreibung dreimal mit
einer Glocke um das Haus zu läuten. Mit ihren „Wochen“ ist für die
junge Mutter allerlei Tabu verknüpft. Eine Wöchnerin darf nicht in
den Garten gehen, sonst wüchse nichts mehr darin, kein Wasser aus dem
Brunnen schöpfen, sonst würde er versiegen, kein anderes Haus betreten,
sonst würde Unfriede dort entstehen, keinem Leichenzuge nachsehen,
sonst stürbe bald ihr Mann, ebensowenig einem Hochzeitszug, sonst
würde bald Streit zwischen den jungen Eheleuten ausbrechen, und was
dergleichen mehr ist. Ihr erster Ausgang muß der Kirche gelten zur
Einsegnung; lenkt sie ihre Schritte nach der Niederkunft anderswohin,
dann bringt sie Unglück ins Haus oder Unfruchtbarkeit dem Acker. Auf
ihren ersten Kirchgang pflegt sie ein Goldstück im linken oder drei
Stückchen Brot im rechten Schuh mitzunehmen, beides gegen dämonischen
Einfluß, der ihr auf dem Wege dorthin begegnen könnte. Vielfach
bestehen auch bestimmte Speiseverbote, sowohl für die Wöchnerin wie
für die ganze Familie. An manchen Orten ist eine ganz bestimmte
Speisenfolge für die einzelnen Tage vorgeschrieben.
[Illustration: Abb. 319.
Dachauer Maibaum.
Der erste Mai gilt auf dem flachen Lande noch heute vielfach als sog.
„Bauernfeiertag“; es wird an ihm der Maibaum gesetzt, ein ausgeputzter
Tannenstamm, um den die jungen Leute tanzen.]
+Bis zur Taufe+ bestehen auch für das +Kind+ bestimmte Vorschriften. Es
darf nicht allein gelassen werden, sein Bettchen darf nicht aufgedeckt
bleiben, auch wenn es nicht darin liegt; man würde damit das Grab für
das Kind zurechtmachen oder bösen Geistern den Zutritt ermöglichen.
Aus demselben Grunde muß beständig nachts über Licht brennen und stets
die Tür geschlossen gehalten bleiben. Die leere Wiege darf nicht
geschaukelt werden, weil man sonst dem Kinde die Ruhe nehmen würde. Es
darf vor der Taufe auch nicht gemessen werden, weil sich sonst bald
der Tischler einstellen könnte, um für den Sarg Maß zu nehmen. -- In
katholischen Ländern, besonders in Österreich, wird der böse Blick sehr
gefürchtet. Um das Kind gegen ihn zu schützen, werden viele Kunstgriffe
angewandt. Sieht zum Beispiel jemand das Kind scharf an, dann macht
man das Zeichen des Kreuzes über dasselbe oder tut so, als speie man
es an, oder man zupft es an der Nase. An manchen Orten setzt man dem
Badewasser für das Kind eine besondere Kräutermischung zu, an anderen
bindet man ihm einen Wolfszahn um den Hals. Ein weit verbreitetes
Abwehrmittel besteht darin, daß man dem Kinde ein rotes Bändchen um den
Arm bindet oder ihm eins seiner Kleidungstücke verkehrt anzieht. --
Auf den Britischen Inseln zeigt das Volk große Furcht vor dem Zauber
der Feen, die erst durch die Taufe beseitigt werden kann. Damit nun
kein ungetauftes Kind eine Beute der Feen werde, nimmt man seine Hilfe
zu allen möglichen Vorbeugungsmaßregeln. Im Norden werden Mutter und
Kind eingesegnet; dabei wird eine Fichtenholzkerze dreimal um das Bett
getragen oder, wenn dies nicht möglich ist, um ihre Köpfe geschwenkt.
Außerdem werden Bibel, Zwieback oder Brot und Käse mit der Bitte: „Möge
der Allmächtige alles Übel von dieser Frau fernhalten, stets um sie
sein und sie und ihr Kind behüten“ unter das Kopfkissen gelegt. In
Irland glaubt man, daß der Vater mit besonderer Macht ausgestattet
sei, seinen Sprößling gegen den Einfluß der Feen zu schützen. In Galway
speit er sein Kind an; an anderen Orten muß er zu Hause bleiben, denn
solange sein Atem in der Stube ist, können die Feen das Kind nicht
stehlen noch ihm sonst etwas anhaben. In Schottland gilt die Kleidung
des Vaters als Schutz gegen die Feen; daher werfen schottische Mütter
ihres Mannes Rock oder Weste über die Kinder, um sie vor Unheil
zu schützen. Wenn im schottischen Hochland ein Kind zum erstenmal
ausgezogen wird, dreht seine Pflegerin es dreimal Hals über Kopf um,
schüttelt es ebenso oft mit dem Kopf nach unten und segnet es. Durch
dieses derbe Mittel glaubt sie die Feen von ihm fernzuhalten.
Die +Taufe+, der das Volk immer noch einen Schutz gegen allerlei
Einflüsse zuschreibt, ist für jedes christliche Kind durchaus
notwendig, in einzelnen Gegenden wird sie daher möglichst bald
vorgenommen, denn stürbe das Kind vorher, so käme es nicht in den
Himmel, sondern müßte als Irrlicht ein unstetes Dasein führen. Um
die bösen Geister, die das Kind selbst noch bei der Taufe belästigen
könnten, abzuhalten, steckt man dem Täufling vielfach einen heiligen
Gegenstand, etwa ein Gebet- oder Gesangbuch, ein Blatt aus der Bibel,
ein Heiligenbild, ein Kruzifix in das Kissen. In der Willkommenkirche,
in der Nähe von Morwenstow (England), öffnet man während der
Tauffeierlichkeit die sogenannte Teufelstür, damit der Teufel sich
durch sie entfernen könne. Derselbe Gedankengang ist mit einer Tür
in der Wroxallabtei verknüpft, obgleich diese schon vor langer
Zeit zugemauert worden ist. In Westfalen und Ostpreußen müssen die
Teilnehmer an einer Taufe, um die bösen Geister zu bannen, über eine
Axt oder einen Besen, die man auf die Türschwelle gelegt hat, mit dem
Kinde hinwegschreiten.
[Illustration:
Phot. A. W. Jordan.