Abb. 298. Maskendämonen von Umzügen während der Zwölften (Zürich-Land).]

Als ein Ausfluß derselben altgermanischen Anschauung sind auch

die Gebräuche und Festlichkeiten anzusehen, die am +ersten Mai+

stattfinden. Um den jungen Lenz zu begrüßen und den Göttern dafür zu

danken, daß sie den Winter vertrieben haben, brachten unsere Vorfahren

ihnen Opfer dar und schmückten Altar und Wohnstätten mit dem jungen

Grün der Birke. Diese schöne Sitte, die Birke als Schmuck für Häuser

und Wohnräume, Ställe und Brunnen zu verwenden, hat sich in Deutschland

bis in unsere Tage herein erhalten, ist aber zum großen Teil in das

Pfingstfest aufgegangen. In früheren Zeiten war es in den Städten

sowohl wie auf dem Lande allgemeiner Brauch, den Maien in feierlichem

Zuge aus dem Walde zu holen, ihn auf einem freien Platze des Orts

aufzupflanzen und das Ereignis mit Tanz, Schmausereien, Gelagen und

anderen Volksbelustigungen (Abb. 315) festlich zu begehen. Leider

ist diese schöne Sitte schon so ziemlich in Abnahme gekommen; doch

begegnet man ihr in Schweden, Thüringen, Bayern und Österreich auch

heute noch vielfach. In Skandinavien errichtet man den Maibaum erst

am Mittsommertag (Abb. 316). Der heutige Maibaum besteht aber zumeist

nicht mehr aus der schlanken, nur mit Bändern geschmückten Birke, wie

sie aus dem Walde kommt, sondern vielmehr aus einem hohen Maste, der

an seiner Spitze ein Büschel Birkenzweige trägt und im übrigen mit

bunten Bändern, Fahnen, Kuchen, Würsten, Figuren, Spielsachen und

anderen derartigen Dingen besteckt ist (Abb. 318 und 319). Die jungen

Burschen müssen hinaufklettern und sich diese Dinge herunterholen.

In einigen Gegenden Schwabens zeichnet man auch den Ortspfarrer, den

Lehrer und andere Personen von Rang und Würden durch das Pflanzen eines

echten Maibaums vor ihrer Tür aus. Auch tragen hier und da Kinder (die

Maijungen) kleine Birkenbäumchen von Haus zu Haus und stellen dem, der

ihnen eine reichliche Gabe spendet, einen solchen Busch vor die Tür.

Vielfach pflanzen auch die jungen Burschen ihrem Schatz über Nacht

einen Maibusch vors Kammerfenster; je größer ihre Liebe ist, um so

größer muß das Birkenbäumchen sein. Anderseits stecken sie aber auch

einem Mädchen, das seinem Liebsten untreu geworden ist oder sich sonst

keines guten Rufes im Dorfe erfreut, einen dürren Stock, auch wohl

einen alten Besen oder eine Strohpuppe vors Fenster oder befestigen

einen solchen Gegenstand am Dachfirst, um die Betreffende für jedermann

deutlich zu brandmarken. Früher, und gelegentlich noch heute, stellte

man auch dem Vieh im Stalle einen Maibaum an die Krippe oder an die

Pfosten, in der Absicht, es vor den bösen Geistern zu schützen und die

Kühe zu reichlicherer Milchabgabe zu veranlassen. Auch werden vielfach

die Dorfbrunnen bekränzt, damit sie reichlich Wasser geben.

In der ersten Hälfte der Nacht vor dem ersten Mai, der

+Walpurgisnacht+, läßt der Volksaberglaube die bösen Mächte,

im besonderen die Hexen, zu einem eigenen Feste mit dem Teufel

zusammenkommen und ihr Unwesen treiben. Als Orte dieser Zusammenkünfte

gelten gewisse Berge, vor allem der Brocken oder Blocksberg im

Harz sowie der Kniebis im Schwarzwald; übrigens besitzt wohl jede

Gegend ihren eigenen Hexenberg. Wie man annimmt, verlassen in dieser

Nacht alle Hexen ihre Wohnungen und reiten durch den Schornstein

auf Besen, Mistgabeln oder Böcken im schnellsten Fluge nach ihrem

Versammlungsplatz, wo der Teufel in Gestalt eines Bockes auf dem Throne

sitzt und sich von ihnen huldigen läßt; ein ausgelassenes Gelage mit

allen nur denkbaren Orgien bildet den Abschluß dieses Hexensabbats. Um

sich vor der Bosheit der Hexen zu schützen, kennt das Volk zahlreiche

Abwehrmittel und Vorbeugungsmaßregeln. Zu den harmloseren Mitteln

gehört das Anbringen von drei Kreuzen über der Haustür oder das

Heraushängen eines Besens. In Deutschböhmen werden die alten Kehrbesen,

die man das ganze Jahr über schon für diesen Zweck aufbewahrt hat, im

Hause zusammengesucht, mit Fett, Wagenschmiere und Teer getränkt und

gegen Mitternacht auf einer Anhöhe angezündet, wobei die Burschen und

Mädchen sie wohl mit den Worten „Die Hexen fliegen“ hoch in die Luft

schleudern. Im Fränkischen Jura begeben sich die jungen Burschen nach

Sonnenuntergang auf den Dorfplatz und beginnen an einigen Orten ein

gewaltiges Peitschenknallen, an anderen eine Schießerei.

[Illustration:

Phot. Internat. Illustrat.-Co. J. Sanden, Berlin.

Die Sitten der Völker, Dritter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 144 / 203 题