Als ein Ausfluß derselben altgermanischen Anschauung sind auch
die Gebräuche und Festlichkeiten anzusehen, die am +ersten Mai+
stattfinden. Um den jungen Lenz zu begrüßen und den Göttern dafür zu
danken, daß sie den Winter vertrieben haben, brachten unsere Vorfahren
ihnen Opfer dar und schmückten Altar und Wohnstätten mit dem jungen
Grün der Birke. Diese schöne Sitte, die Birke als Schmuck für Häuser
und Wohnräume, Ställe und Brunnen zu verwenden, hat sich in Deutschland
bis in unsere Tage herein erhalten, ist aber zum großen Teil in das
Pfingstfest aufgegangen. In früheren Zeiten war es in den Städten
sowohl wie auf dem Lande allgemeiner Brauch, den Maien in feierlichem
Zuge aus dem Walde zu holen, ihn auf einem freien Platze des Orts
aufzupflanzen und das Ereignis mit Tanz, Schmausereien, Gelagen und
anderen Volksbelustigungen (Abb. 315) festlich zu begehen. Leider
ist diese schöne Sitte schon so ziemlich in Abnahme gekommen; doch
begegnet man ihr in Schweden, Thüringen, Bayern und Österreich auch
heute noch vielfach. In Skandinavien errichtet man den Maibaum erst
am Mittsommertag (Abb. 316). Der heutige Maibaum besteht aber zumeist
nicht mehr aus der schlanken, nur mit Bändern geschmückten Birke, wie
sie aus dem Walde kommt, sondern vielmehr aus einem hohen Maste, der
an seiner Spitze ein Büschel Birkenzweige trägt und im übrigen mit
bunten Bändern, Fahnen, Kuchen, Würsten, Figuren, Spielsachen und
anderen derartigen Dingen besteckt ist (Abb. 318 und 319). Die jungen
Burschen müssen hinaufklettern und sich diese Dinge herunterholen.
In einigen Gegenden Schwabens zeichnet man auch den Ortspfarrer, den
Lehrer und andere Personen von Rang und Würden durch das Pflanzen eines
echten Maibaums vor ihrer Tür aus. Auch tragen hier und da Kinder (die
Maijungen) kleine Birkenbäumchen von Haus zu Haus und stellen dem, der
ihnen eine reichliche Gabe spendet, einen solchen Busch vor die Tür.
Vielfach pflanzen auch die jungen Burschen ihrem Schatz über Nacht
einen Maibusch vors Kammerfenster; je größer ihre Liebe ist, um so
größer muß das Birkenbäumchen sein. Anderseits stecken sie aber auch
einem Mädchen, das seinem Liebsten untreu geworden ist oder sich sonst
keines guten Rufes im Dorfe erfreut, einen dürren Stock, auch wohl
einen alten Besen oder eine Strohpuppe vors Fenster oder befestigen
einen solchen Gegenstand am Dachfirst, um die Betreffende für jedermann
deutlich zu brandmarken. Früher, und gelegentlich noch heute, stellte
man auch dem Vieh im Stalle einen Maibaum an die Krippe oder an die
Pfosten, in der Absicht, es vor den bösen Geistern zu schützen und die
Kühe zu reichlicherer Milchabgabe zu veranlassen. Auch werden vielfach
die Dorfbrunnen bekränzt, damit sie reichlich Wasser geben.
In der ersten Hälfte der Nacht vor dem ersten Mai, der
+Walpurgisnacht+, läßt der Volksaberglaube die bösen Mächte,
im besonderen die Hexen, zu einem eigenen Feste mit dem Teufel
zusammenkommen und ihr Unwesen treiben. Als Orte dieser Zusammenkünfte
gelten gewisse Berge, vor allem der Brocken oder Blocksberg im
Harz sowie der Kniebis im Schwarzwald; übrigens besitzt wohl jede
Gegend ihren eigenen Hexenberg. Wie man annimmt, verlassen in dieser
Nacht alle Hexen ihre Wohnungen und reiten durch den Schornstein
auf Besen, Mistgabeln oder Böcken im schnellsten Fluge nach ihrem
Versammlungsplatz, wo der Teufel in Gestalt eines Bockes auf dem Throne
sitzt und sich von ihnen huldigen läßt; ein ausgelassenes Gelage mit
allen nur denkbaren Orgien bildet den Abschluß dieses Hexensabbats. Um
sich vor der Bosheit der Hexen zu schützen, kennt das Volk zahlreiche
Abwehrmittel und Vorbeugungsmaßregeln. Zu den harmloseren Mitteln
gehört das Anbringen von drei Kreuzen über der Haustür oder das
Heraushängen eines Besens. In Deutschböhmen werden die alten Kehrbesen,
die man das ganze Jahr über schon für diesen Zweck aufbewahrt hat, im
Hause zusammengesucht, mit Fett, Wagenschmiere und Teer getränkt und
gegen Mitternacht auf einer Anhöhe angezündet, wobei die Burschen und
Mädchen sie wohl mit den Worten „Die Hexen fliegen“ hoch in die Luft
schleudern. Im Fränkischen Jura begeben sich die jungen Burschen nach
Sonnenuntergang auf den Dorfplatz und beginnen an einigen Orten ein
gewaltiges Peitschenknallen, an anderen eine Schießerei.
[Illustration:
Phot. Internat. Illustrat.-Co. J. Sanden, Berlin.