In England haben sich wieder ganz andere Osterbräuche erhalten,
wenngleich manche in den Städten bereits so gut wie ausgestorben
sind. Am Ostermorgen scharen sich die jungen Burschen zusammen und
umringen jedes junge Mädchen auf der Straße mit den Worten: „Lösen
Sie gefälligst Ihre Schuhe ein.“ Wenn es nicht sofort einen Penny
spendet, zieht man ihm die Schuhe mit Gewalt aus, so daß es ohne
solche nach Hause zurückkehren muß. Am Abend oder am nächsten Morgen
nehmen die Mädchen dann aber Rache, indem sie von den Männern eine
Hutsteuer verlangen und, wenn ihnen diese nicht sofort gezahlt wird,
die Hüte der Betreffenden unfehlbar ins Feuer wandern lassen. Eine
andere Steuer wird in der Gemeinde Hungerford (Berkshire) am dritten
Osterfeiertag von allen Einwohnern erhoben; die Taxe lautet für jeden
Mann auf einen Penny, für jede Frau auf einen Kuß. Wenn der Morgen
graut, bläst der Chor der Stadtmusikanten vom Balkon des Rathauses
seine Weisen, und wenn der letzte Ton verklungen ist, eilt alles
auf die Straße, jede Frau und jedes Mädchen wird geküßt, und jeder
Mann muß einen Penny bezahlen; dabei werfen alle Beteiligten Nüsse,
Apfelsinen und Kupfermünzen unter die Kinder. In einzelnen Orten von
Lancashire, Cheshire und im nördlichen Wales wird noch der alte Brauch
des „_heaving_“ geübt, bei dem die Männer die Frauen (und umgekehrt)
hochheben und dann küssen dürfen. Am Ostermontag genießt die männliche
Bevölkerung dieses Vorrecht, am Osterdienstag die weibliche, und diese
macht es sich nicht weniger zunutze als jene.
[Illustration:
Phot. The London Electrotype Agency.
Abb. 293. Das Fest des heiligen Nikolaus in Utrecht.
Der Nikolaus oder Klaus sitzt zu Pferde und führt in der Satteltasche
allerhand Spielzeug mit, das er des Nachts den Kindern bringt. Sein
Knappe Piet hat neben Rute und Sack für unartige Kinder Süßigkeiten bei
sich, die er an die Straßenjugend verteilt.]
Bevor wir weitergehen, wollen wir noch kurz der volkstümlichen
Gebräuche gedenken, die an den drei Festtagen der Karwoche, am
Palmsonntag, am Gründonnerstag und am Karfreitag, geübt werden. In
katholischen Gegenden Österreichs und Süddeutschlands pflegt man die
jungen Triebe der Birken, Weiden, Haselnußbüsche und anderer Sträucher
am +Sonntag vor Ostern+ auf feierliche Weise vom Priester einsegnen
zu lassen; sie werden dann entweder an die Gläubigen verteilt oder
gegen ein paar Pfennige Gotteslohn verkauft. Denn diesen geweihten
Zweigen, den sogenannten Palmen -- in der Schweiz haben solche
Palmen die Gestalt hoher Bäume angenommen (Abb. 314) -- wohnt eine
geheimnisvolle Macht inne. Die Wohnräume, die man mit ihnen schmückt,
bleiben von Unheil verschont; man erreicht dasselbe auch, wenn man
diese Kätzchen, wie sie auch heißen, auf glühende Kohlen des Herdes
wirft. In der Umgebung Prags schlägt man die Knaben und Mädchen mit den
Palmbüscheln, damit sie in der Schule nicht faul werden. In ähnlicher
Weise schlagen die badischen Bauern ihr Vieh in der Form eines Kreuzes
auf den Rücken, damit es gesund bleibe und reichlich Milch gebe. --
Eine ganz eigenartige Sitte ist der Tallsackenmarkt, der am Palmsonntag
in Warmbrunn in Schlesien abgehalten wird. Was diesem Jahrmarkt zu
seinem Namen und zu seiner Beliebtheit bei alt und jung verholfen hat,
das sind die Tallsäcke, die in Unmasse zum Verkauf gestellten, aus
Semmelteig angefertigten menschlichen Figuren beiderlei Geschlechts.
Die gangbarsten dieser verschiedenen Gebilde haben Augen aus Korinthen
und drücken mit den nudelförmigen Armen ein buntgefärbtes Ei an die
Brust. Damit der Käufer auch wisse, ob es sich um einen männlichen oder
weiblichen Tallsack handelt, bringt man im Gesicht des ersteren als
Andeutung des Bartes kleine Teigröhrchen an.
[Illustration:
Phot. Carl Seebald, Wien.
Abb. 294.