Abb. 292. Berliner Weihnachtspyramide.]

In England haben sich wieder ganz andere Osterbräuche erhalten,

wenngleich manche in den Städten bereits so gut wie ausgestorben

sind. Am Ostermorgen scharen sich die jungen Burschen zusammen und

umringen jedes junge Mädchen auf der Straße mit den Worten: „Lösen

Sie gefälligst Ihre Schuhe ein.“ Wenn es nicht sofort einen Penny

spendet, zieht man ihm die Schuhe mit Gewalt aus, so daß es ohne

solche nach Hause zurückkehren muß. Am Abend oder am nächsten Morgen

nehmen die Mädchen dann aber Rache, indem sie von den Männern eine

Hutsteuer verlangen und, wenn ihnen diese nicht sofort gezahlt wird,

die Hüte der Betreffenden unfehlbar ins Feuer wandern lassen. Eine

andere Steuer wird in der Gemeinde Hungerford (Berkshire) am dritten

Osterfeiertag von allen Einwohnern erhoben; die Taxe lautet für jeden

Mann auf einen Penny, für jede Frau auf einen Kuß. Wenn der Morgen

graut, bläst der Chor der Stadtmusikanten vom Balkon des Rathauses

seine Weisen, und wenn der letzte Ton verklungen ist, eilt alles

auf die Straße, jede Frau und jedes Mädchen wird geküßt, und jeder

Mann muß einen Penny bezahlen; dabei werfen alle Beteiligten Nüsse,

Apfelsinen und Kupfermünzen unter die Kinder. In einzelnen Orten von

Lancashire, Cheshire und im nördlichen Wales wird noch der alte Brauch

des „_heaving_“ geübt, bei dem die Männer die Frauen (und umgekehrt)

hochheben und dann küssen dürfen. Am Ostermontag genießt die männliche

Bevölkerung dieses Vorrecht, am Osterdienstag die weibliche, und diese

macht es sich nicht weniger zunutze als jene.

[Illustration:

Phot. The London Electrotype Agency.

Abb. 293. Das Fest des heiligen Nikolaus in Utrecht.

Der Nikolaus oder Klaus sitzt zu Pferde und führt in der Satteltasche

allerhand Spielzeug mit, das er des Nachts den Kindern bringt. Sein

Knappe Piet hat neben Rute und Sack für unartige Kinder Süßigkeiten bei

sich, die er an die Straßenjugend verteilt.]

Bevor wir weitergehen, wollen wir noch kurz der volkstümlichen

Gebräuche gedenken, die an den drei Festtagen der Karwoche, am

Palmsonntag, am Gründonnerstag und am Karfreitag, geübt werden. In

katholischen Gegenden Österreichs und Süddeutschlands pflegt man die

jungen Triebe der Birken, Weiden, Haselnußbüsche und anderer Sträucher

am +Sonntag vor Ostern+ auf feierliche Weise vom Priester einsegnen

zu lassen; sie werden dann entweder an die Gläubigen verteilt oder

gegen ein paar Pfennige Gotteslohn verkauft. Denn diesen geweihten

Zweigen, den sogenannten Palmen -- in der Schweiz haben solche

Palmen die Gestalt hoher Bäume angenommen (Abb. 314) -- wohnt eine

geheimnisvolle Macht inne. Die Wohnräume, die man mit ihnen schmückt,

bleiben von Unheil verschont; man erreicht dasselbe auch, wenn man

diese Kätzchen, wie sie auch heißen, auf glühende Kohlen des Herdes

wirft. In der Umgebung Prags schlägt man die Knaben und Mädchen mit den

Palmbüscheln, damit sie in der Schule nicht faul werden. In ähnlicher

Weise schlagen die badischen Bauern ihr Vieh in der Form eines Kreuzes

auf den Rücken, damit es gesund bleibe und reichlich Milch gebe. --

Eine ganz eigenartige Sitte ist der Tallsackenmarkt, der am Palmsonntag

in Warmbrunn in Schlesien abgehalten wird. Was diesem Jahrmarkt zu

seinem Namen und zu seiner Beliebtheit bei alt und jung verholfen hat,

das sind die Tallsäcke, die in Unmasse zum Verkauf gestellten, aus

Semmelteig angefertigten menschlichen Figuren beiderlei Geschlechts.

Die gangbarsten dieser verschiedenen Gebilde haben Augen aus Korinthen

und drücken mit den nudelförmigen Armen ein buntgefärbtes Ei an die

Brust. Damit der Käufer auch wisse, ob es sich um einen männlichen oder

weiblichen Tallsack handelt, bringt man im Gesicht des ersteren als

Andeutung des Bartes kleine Teigröhrchen an.

[Illustration:

Phot. Carl Seebald, Wien.

Abb. 294.

Die Sitten der Völker, Dritter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 140 / 203 题