Die am Gründonnerstag gelegten Eier schätzt das Volk besonders hoch
ein. In Süddeutschland behauptet man, daß diese bereits in der Henne
geweiht seien, ehe das Tier sie legt, und am Ostertage durch den
Priester eine zweite Weihe erhalten, so daß sie nunmehr eine besondere
Wirksamkeit besitzen. Am Ostersonntag nüchtern getrunken, verleihen sie
außergewöhnliche Kräfte, schützen vor Blitzgefahr, machen stichfest und
so weiter. In der Oberpfalz und in Oberfranken vergißt der Hausherr
niemals, ein Gründonnerstagsei zu essen, um gegen allerlei Krankheit
gefeit zu sein. Er gibt ein an diesem Tage gelegtes Ei sogar dem Vieh
zu fressen oder teilt ein solches in zwei Hälften, von denen er die
eine, in ein Läppchen eingewickelt, im Pferde-, die andere im Kuhstall
aufhängt, um dadurch Viehseuchen fernzuhalten. In Pommern steckt der
Bauer jedem Stück Vieh vor dem ersten Austreiben ein Ei ins Maul und
zwingt es, dasselbe hinunterzuschlucken; dadurch sollen die Kühe so
rund wie die Eier werden. In anderen Gegenden werden bei dem Beginn
der Feldarbeit zahlreiche Gründonnerstagseier über den Acker verstreut
oder unter das Korn gemischt, um große Fruchtbarkeit zu erzielen oder
die Saat vor Hagel zu schützen. Auch wirft man bei einem losbrechenden
Gewitter ein solches Ei über das Dach des Hauses, um dieses vor Blitz
zu schützen. Sieht man in der Kirche bei Sonnenschein durch ein solches
Ei, dann vermag man die in der Gemeinde vorhandenen Hexen zu erkennen;
überhaupt kann jeder, der ein solches Gründonnerstagsei bei sich trägt,
vieles erkennen, das anderen Menschen verborgen bleibt.
[Illustration: Abb. 288. Schwarzwälder Bauernhaus.]
[Illustration:
Phot. J. Valentine.
Abb. 289. Ein Hornbläser in Ripon.
In Ripon besteht noch jetzt die alte Sitte, jeden Abend um neun
Uhr blasen zu lassen, zuerst auf dem Marktplatz und dann vor dem
Bürgermeisterhause.]
Sehr verbreitet ist der Glaube an die heilende und verschönende Kraft
des +Osterwassers+ und an die reinigende des +Osterfeuers+. Die Sitte
des Osterwasserschöpfens hängt wohl mit der Vorstellung zusammen,
daß die Erde in derselben Weise, wie sie dem in sie hineingelegten
Samen den Trieb zum Sprossen und Blühen mitteilt, so auch dem aus
ihr fließenden Wasser eine besondere Kraft verleihe. Um Mitternacht
oder wenigstens vor Sonnenaufgang müssen die jungen Mädchen an einen
fließenden klaren Bach oder auch an den Dorfbrunnen (Abb. 313) gehen
und daraus schöpfen. Während bei dieser Beschäftigung in den meisten
Gegenden das Sprechen verpönt ist, wird es in anderen wieder gestattet
oder sogar gefordert, insofern man einen bestimmten Spruch beim
Schöpfen hersagen muß. In jenen suchen die Burschen, die die jungen
Mädchen begleiten, sie aus Übermut durch allerhand Neckereien zum
Sprechen oder Lachen zu bringen, und wer nun gegen die Vorschrift des
Schweigens verstößt, für den ist die Zauberkraft dahin. Diese aber ist
in den Augen des Volkes eine ganz außerordentliche. Osterwasser ist
gleichsam ein Allheilmittel gegen alle möglichen Krankheiten. Besonders
gern wird es gegen Hautkrankheiten angewandt; es soll dem Gesicht
Schönheit und Anmut verleihen. Man kocht auch die Speisen am Ostertage
mit solchem Wasser; ferner füllt man es auf Flaschen oder in Fässer, um
es später gegen allerlei Gebrechen zu trinken. Ähnliche Kräfte werden
dem Ostertau sowie etwa am Ostermorgen gefallenem Schnee zugeschrieben.
[Illustration:
Phot. J. Brocherel.
Abb. 290. Das Hornussen, ein Volksspiel der Schweizer.
Die eine Partei schlägt den Ball mit einem Schläger möglichst hoch
in die Luft, während die andere ihn, bevor er die Erde erreicht, mit
hölzernen Scheiben aufzufangen sucht.]
[Illustration:
Phot. The Tourist Traffic Society of Sweden.
Abb. 291. Weihnachtsfeier in Schweden.
Die an den Christbaum gesteckten Lichter werden am Heiligen Abend
angezündet. Am anderen Morgen vor der Christmesse pflegt man die
Lichter noch einmal anzuzünden und ins Fenster zu stellen.]
Die Sitte der Osterfeuer geht auf die reinigende Kraft der Flamme
zurück, mit der ursprünglich die Hexen und Dämonen des Winters
vertrieben werden sollten. In vielen Gegenden Deutschlands pflegt
das Volk am Abend des ersten Ostertages mit Vorliebe auf Anhöhen,
alten Opferstätten oder sonst durch Überlieferung geheiligten
Plätzen haushoch aufgetürmte Haufen Holz oder Reisig als Osterfeuer
anzuzünden. Vielfach wird noch mit Musik in festlichem Zuge zu der
Stätte hinausgezogen und getanzt oder sonstwie gefeiert; auch die
Kinder beteiligen sich mit allerlei Schabernack dabei. In einzelnen
Gegenden läßt man mit Teer gefüllte Tonnen oder flammende Wagenräder
die Berge hinunterrollen und begleitet diesen Vorgang mit lautem
Gejohle. Der Glaube an die reinigende Kraft des Feuers tritt noch in
einer ganzen Reihe anderer Gebräuche zutage. Im Braunschweigischen
behauptet man, daß, soweit die Helle der Osterfeuer reiche oder der
Rauch hinziehe, die Felder fruchtbar würden und von Hagel und Mißwachs
verschont blieben; die Häuser in diesem Umkreis seien vor Feuersbrunst
und Blitzschlag, ihre Insassen vor Krankheit geschützt. Man pflegt auch
vielfach die Asche des heruntergebrannten
Feuers auf die Äcker zu streuen oder unter das Futter beziehungsweise
die Saat zu mischen, um Gedeihen für Tiere und Pflanzen zu erzielen. In
der Altmark malt man mit Kohle das Zeichen des Kreuzes an die Haustür,
um seine Bewohner vor Hexen zu schützen, und mehr dergleichen. In
katholischen Gegenden werden am Ostersonntagmorgen überall auf den
Dörfern die +Speisen geweiht+. Nach dem Gottesdienst drängen sich
Frauen und Mägde um einen der Seitenaltäre zusammen und setzen hier
ihre Körbchen nieder, in denen Osterspeisen liegen, in der Hauptsache
mit Rosinen reichgespickte Kuchen, ein Stück Schinken und Salz. Der
Priester spricht über sie den Segen aus. Die Speisen werden sodann mit
besonderer Andacht zu Mittag gegessen, das Salz aber wird vielfach
aufgehoben und muß das ganze Jahr hindurch als Heilmittel gegen
Krankheit bei Menschen und Vieh dienen. Wie zu Weihnachten, so bäckt
man auch zu Ostern besondere +Gebäcke+, die man in Sachsen Osterfladen,
im Elsaß, in Oberbayern und in Böhmen Osterlaibel, in Wien Osterflecken
nennt. Es sind meistens dünne, flache Kuchen, die auf das Sonnenrad
anspielen. -- Auch Umzüge finden zu Ostern hier und dort noch statt.
In Wittichenau in Schlesien zum Beispiel setzen sich die männlichen
Dorfbewohner auf festlich geschmückten Pferden von der Kirche aus in
Bewegung; vor ihrem Aufbruch übergibt der Pfarrer den Teilnehmern
ein Kruzifix und ein geweihtes Banner, jeder Reiter nimmt noch ein
Psalmbuch mit, aus dem während des Rittes, dessen Ziel die umliegenden
Dörfer sind, vorgelesen und gesungen wird (Abb. 310).
[Illustration:
Märk. Provinzial-Museum, Berlin.