Abb. 278. Festzug in Alpirsbach.]

Hinlänglich bekannt sind die an dem nächsten christlichen Fest, +Mariä

Lichtmeß+ (2. Februar), vorgenommenen Handlungen und Gebräuche, die

noch recht deutlich ihren heidnischen Ursprung erkennen lassen. Ein

eingehenderes Verweilen verdient der Valentinstag (14. Februar), der

auf den Britischen Inseln Anlaß zu volkstümlichen Gebräuchen bietet.

Hierunter ist in erster Linie das Valentinwählen zu nennen. Die junge

Welt auf dem Lande meint allgemein, daß diejenigen Personen, die sich

am Morgen dieses Tages zuerst erblicken, zu Ehegatten beziehungsweise

Ehegattinnen bestimmt seien; natürlich sind Verliebte und alle die,

die einem solchen Paar wohlwollend gesinnt sind, bestrebt, es nach

Möglichkeit so einzurichten, daß sich die Richtigen zuerst zu Gesicht

bekommen. Die Jünglinge stellen sich oft schon vor Sonnenaufgang in

der Nähe des Hauses auf, in dem ihre Auserwählte wohnt, oder an einer

Stelle, wo sie vorüberkommen muß; die Mädchen setzen sich am frühen

Morgen mit geschlossenen Augen ans Fenster und warten so lange, bis

sie die Stimme desjenigen vernehmen, den sie gern haben möchten.

In den Städten ist es Brauch, sich gegenseitig kleine Geschenke

scherzhafter Art (Valentine genannt), besonders Karten mit zwei Herzen,

die von Liebespfeilen durchbohrt werden, mit der Post zu übersenden

oder diese Karten an einen Apfel oder an eine Apfelsine gebunden

persönlich zur Tür hineinzuwerfen. Ein anderer Brauch, der früher bis

nach Nordfrankreich und selbst nach Lothringen hin verbreitet war,

besteht darin, daß die jungen Leute am Vorabend des Valentinstages

zusammenkommen und jeder seinen Namen auf einen besonderen Zettel

schreibt, worauf man der Reihe nach die Namen der jungen Burschen und

Mädchen paarweise verliest; die auf solche Weise Zusammengekommenen

sind bis zum nächsten Jahre Valentin und Valentine und halten bei allen

vorkommenden Gelegenheiten mehr oder weniger als solche zusammen.

[Illustration:

Phot. The Exclusive News Agency.

Abb. 279. Schwedischer Spinntanz.

Bei den Schweden sind Tänze üblich, in denen allerlei Tätigkeiten, wie

Spinnen, Weben, Säen, Ernten, Dreschen, sinnreichen Ausdruck finden.]

Mit dem Valentinstag sind wir bereits in die +Fastenzeit+

hineingekommen. Das Fasten, das heißt die Enthaltsamkeit von allen oder

gewissen Speisen, meistens Fleischspeisen, ist eine uralte religiöse

Einrichtung, die sich schon bei den Kulturvölkern des Altertums und

ebenso noch bei den Naturvölkern der Gegenwart nachweisen läßt. So

kennt auch die christliche Kirche eine Fastenzeit von vierzig Tagen

mit Rücksicht darauf, daß Moses, Elias und Christus die gleiche Zeit

über sich der Speisen enthielten. Es leuchtet ein, daß die Menschen

sich für die durch die Fasten ihnen auferlegten Entbehrungen entweder

vorher oder nachher schadlos zu halten suchen; daher begegnen wir

wohl überall, wo die Religion längere Fasten vorschreibt, möglichst

viel Genüssen und größerer Ausgelassenheit vor oder nach der Zeit der

Entbehrungen. Wir können hier nur einen kleinen Teil der zahlreichen

Gebräuche und Belustigungen aufzählen, die in den Gauen der

nordeuropäischen Länder vorkommen; ihnen allen liegt mehr oder weniger

der Gedanke eines Kampfes zwischen Licht und Finsternis, zwischen

Frühling und Winter zugrunde, bei dem der siegende Teil seinen Spott

an dem überwundenen ausläßt. Als solche Volksbelustigungen (Abb. 304,

307, 311 und 312) führen wir unter anderen an das Eselreiten am Rhein,

das Ringreiten in Westfalen, das Hudlerlaufen in Bayern und Tirol, das

Topfschlagen und Sacklaufen in Skandinavien und Schleswig-Holstein,

das Schönbartlaufen in Süddeutschland, besonders in Nürnberg, und den

Metzgersprung in München. Wir erinnern ferner an die prunkhaften Umzüge

des Prinzen Karneval in Mainz, Köln, München und in anderen Städten des

westlichen und südlichen Deutschlands.

[Illustration:

Phot. The Sport & General Preß Agency.

Abb. 280. Morristänzer in Stratford-on-Avon.

Der Morris ist einer der ältesten Tänze Englands, ein Überbleibsel aus

den Tagen Robin Hoods und seines lustigen Gefolges.]

Der Karneval erreicht seinen Höhepunkt am sogenannten +Rosenmontag+

und endet am darauffolgenden +Fastnachtdienstag+; an diesem

Abend wird vielfach der Schluß der lustigen Karnevalszeit in den

Familien mit einer Festlichkeit begangen, an der in Norddeutschland

Pfannkuchen und Punsch nicht fehlen dürfen. Der darauffolgende Tag,

der +Aschermittwoch+, stellt den Tag der Buße dar, denn an diesem

Tage setzt die Fastenzeit ein. Eine am Aschermittwoch weitverbreitete

Sitte ist das Stäupen (auch Kindeln oder Peitschen genannt) mit

Birkenruten (dem heiligen Baum des Donar); damit soll das Austreiben

der bösen Geister angedeutet werden, von denen die Menschen besessen

sein könnten, ursprünglich aber wohl das Vertreiben des Winters

durch den hereinbrechenden Frühling. Alle Langschläfer werden

unsanft aus ihrem Schlummer geweckt und gestäupt oder wenigstens auf

ihre Bettdecke mit Ruten geschlagen. Eltern und Kinder wetteifern

miteinander, als die ersten aufzustehen, um dem Verhängnis zu entgehen.

In Schleswig-Holstein muß der Langschläfer eine Hedwig spenden, ein

gewürztes Brötchen in Keilform (Keil = _wegg_ ist der Hammer des Thor).

Hedwig ist durch Verunstaltung aus Hollewig hervorgegangen, einem

Wort, das wieder mit der Göttin Holle zusammenhängt. Die Hedwig ist

nicht das einzige Fastengebäck; man kennt in Deutschland noch eine

ganze Reihe von Formen und Bezeichnungen der verschiedensten Art, wie

Fastenbretzeln, Krapfen, Öhrle, Küchel, Heißwecken und so fort, die nur

zur Fastenzeit hergestellt werden.

[Illustration:

Phot. Wilhelm Müller, Bozen.

Die Sitten der Völker, Dritter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 134 / 203 题