Hinlänglich bekannt sind die an dem nächsten christlichen Fest, +Mariä
Lichtmeß+ (2. Februar), vorgenommenen Handlungen und Gebräuche, die
noch recht deutlich ihren heidnischen Ursprung erkennen lassen. Ein
eingehenderes Verweilen verdient der Valentinstag (14. Februar), der
auf den Britischen Inseln Anlaß zu volkstümlichen Gebräuchen bietet.
Hierunter ist in erster Linie das Valentinwählen zu nennen. Die junge
Welt auf dem Lande meint allgemein, daß diejenigen Personen, die sich
am Morgen dieses Tages zuerst erblicken, zu Ehegatten beziehungsweise
Ehegattinnen bestimmt seien; natürlich sind Verliebte und alle die,
die einem solchen Paar wohlwollend gesinnt sind, bestrebt, es nach
Möglichkeit so einzurichten, daß sich die Richtigen zuerst zu Gesicht
bekommen. Die Jünglinge stellen sich oft schon vor Sonnenaufgang in
der Nähe des Hauses auf, in dem ihre Auserwählte wohnt, oder an einer
Stelle, wo sie vorüberkommen muß; die Mädchen setzen sich am frühen
Morgen mit geschlossenen Augen ans Fenster und warten so lange, bis
sie die Stimme desjenigen vernehmen, den sie gern haben möchten.
In den Städten ist es Brauch, sich gegenseitig kleine Geschenke
scherzhafter Art (Valentine genannt), besonders Karten mit zwei Herzen,
die von Liebespfeilen durchbohrt werden, mit der Post zu übersenden
oder diese Karten an einen Apfel oder an eine Apfelsine gebunden
persönlich zur Tür hineinzuwerfen. Ein anderer Brauch, der früher bis
nach Nordfrankreich und selbst nach Lothringen hin verbreitet war,
besteht darin, daß die jungen Leute am Vorabend des Valentinstages
zusammenkommen und jeder seinen Namen auf einen besonderen Zettel
schreibt, worauf man der Reihe nach die Namen der jungen Burschen und
Mädchen paarweise verliest; die auf solche Weise Zusammengekommenen
sind bis zum nächsten Jahre Valentin und Valentine und halten bei allen
vorkommenden Gelegenheiten mehr oder weniger als solche zusammen.
[Illustration:
Phot. The Exclusive News Agency.
Abb. 279. Schwedischer Spinntanz.
Bei den Schweden sind Tänze üblich, in denen allerlei Tätigkeiten, wie
Spinnen, Weben, Säen, Ernten, Dreschen, sinnreichen Ausdruck finden.]
Mit dem Valentinstag sind wir bereits in die +Fastenzeit+
hineingekommen. Das Fasten, das heißt die Enthaltsamkeit von allen oder
gewissen Speisen, meistens Fleischspeisen, ist eine uralte religiöse
Einrichtung, die sich schon bei den Kulturvölkern des Altertums und
ebenso noch bei den Naturvölkern der Gegenwart nachweisen läßt. So
kennt auch die christliche Kirche eine Fastenzeit von vierzig Tagen
mit Rücksicht darauf, daß Moses, Elias und Christus die gleiche Zeit
über sich der Speisen enthielten. Es leuchtet ein, daß die Menschen
sich für die durch die Fasten ihnen auferlegten Entbehrungen entweder
vorher oder nachher schadlos zu halten suchen; daher begegnen wir
wohl überall, wo die Religion längere Fasten vorschreibt, möglichst
viel Genüssen und größerer Ausgelassenheit vor oder nach der Zeit der
Entbehrungen. Wir können hier nur einen kleinen Teil der zahlreichen
Gebräuche und Belustigungen aufzählen, die in den Gauen der
nordeuropäischen Länder vorkommen; ihnen allen liegt mehr oder weniger
der Gedanke eines Kampfes zwischen Licht und Finsternis, zwischen
Frühling und Winter zugrunde, bei dem der siegende Teil seinen Spott
an dem überwundenen ausläßt. Als solche Volksbelustigungen (Abb. 304,
307, 311 und 312) führen wir unter anderen an das Eselreiten am Rhein,
das Ringreiten in Westfalen, das Hudlerlaufen in Bayern und Tirol, das
Topfschlagen und Sacklaufen in Skandinavien und Schleswig-Holstein,
das Schönbartlaufen in Süddeutschland, besonders in Nürnberg, und den
Metzgersprung in München. Wir erinnern ferner an die prunkhaften Umzüge
des Prinzen Karneval in Mainz, Köln, München und in anderen Städten des
westlichen und südlichen Deutschlands.
[Illustration:
Phot. The Sport & General Preß Agency.
Abb. 280. Morristänzer in Stratford-on-Avon.
Der Morris ist einer der ältesten Tänze Englands, ein Überbleibsel aus
den Tagen Robin Hoods und seines lustigen Gefolges.]
Der Karneval erreicht seinen Höhepunkt am sogenannten +Rosenmontag+
und endet am darauffolgenden +Fastnachtdienstag+; an diesem
Abend wird vielfach der Schluß der lustigen Karnevalszeit in den
Familien mit einer Festlichkeit begangen, an der in Norddeutschland
Pfannkuchen und Punsch nicht fehlen dürfen. Der darauffolgende Tag,
der +Aschermittwoch+, stellt den Tag der Buße dar, denn an diesem
Tage setzt die Fastenzeit ein. Eine am Aschermittwoch weitverbreitete
Sitte ist das Stäupen (auch Kindeln oder Peitschen genannt) mit
Birkenruten (dem heiligen Baum des Donar); damit soll das Austreiben
der bösen Geister angedeutet werden, von denen die Menschen besessen
sein könnten, ursprünglich aber wohl das Vertreiben des Winters
durch den hereinbrechenden Frühling. Alle Langschläfer werden
unsanft aus ihrem Schlummer geweckt und gestäupt oder wenigstens auf
ihre Bettdecke mit Ruten geschlagen. Eltern und Kinder wetteifern
miteinander, als die ersten aufzustehen, um dem Verhängnis zu entgehen.
In Schleswig-Holstein muß der Langschläfer eine Hedwig spenden, ein
gewürztes Brötchen in Keilform (Keil = _wegg_ ist der Hammer des Thor).
Hedwig ist durch Verunstaltung aus Hollewig hervorgegangen, einem
Wort, das wieder mit der Göttin Holle zusammenhängt. Die Hedwig ist
nicht das einzige Fastengebäck; man kennt in Deutschland noch eine
ganze Reihe von Formen und Bezeichnungen der verschiedensten Art, wie
Fastenbretzeln, Krapfen, Öhrle, Küchel, Heißwecken und so fort, die nur
zur Fastenzeit hergestellt werden.
[Illustration:
Phot. Wilhelm Müller, Bozen.