Das +Umherziehen der Schuljugend+ im Dorfe, oft genug in spaßiger
Vermummung, und das Absingen von Liedern unter Musikbegleitung, um
sich damit ein kleines Geldgeschenk, Obst, Nüsse oder Zuckerwerk zu
verdienen, ist verschiedentlich sowohl in Deutschland wie auch in
Österreich und der Schweiz noch gang und gäbe, und zwar nicht nur am
Silvester- beziehungsweise Neujahrstage, sondern auch während der
ganzen Zeit der Zwölften. In Schleswig-Holstein bedient man sich zum
Musikmachen des „Rummelpottes“, eines mit einer Tierblase überspannten
Topfes, der wie eine Trommel geschlagen wird. Das Umherziehen und
Lärmmachen ist sicherlich als ein Überrest des Vertreibens und
Erschreckens der bösen Geister zu deuten, die, wie wir schon hörten,
gerade in den zwölf Nächten nach Weihnachten ihr Unwesen treiben. Dahin
gehört auch das +Neujahrschießen+ und +Neujahrwerfen+, worunter man
das Zertrümmern von alten Töpfen, Tellern und Scherben vor der Tür
des Nachbars, auch das Werfen von Erbsen durch die Fenster versteht,
eine über ganz Deutschland bis nach Holland hinein verbreitete Sitte.
Vielleicht hängt mit dieser Anschauung auch der in den Dörfern
Niederösterreichs verbreitete Brauch des Krönens eines Silvesterkönigs
zusammen. Dem ungeschicktesten Knecht wird von einer Person aus dem
Hausgesinde ein Strohkranz auf den Kopf gesetzt und ein Strohbüschel
in die Hand gegeben, worauf er von den anderen mit einer aus Stroh
geflochtenen Peitsche aus dem Hause gejagt wird. Draußen muß er so
lange stehen bleiben, bis sich eine Magd, meistens die jüngste, seiner
erbarmt und ihn zurückführt. Diejenige, die sich des Hinausgetriebenen
erbarmt hat, ist im kommenden Jahre das Haupt des Gesindes und wird den
ganzen Abend über beglückwünscht.
Wie an dem Heiligen Abend, so sind auch am Silvester +bestimmte
Gerichte+ für die Abendmahlzeit gleichsam vorgeschrieben. Hierunter
sind in erster Linie Fische zu nennen, die man auf jeden Fall genießen
muß, um im neuen Jahre von Unglück verschont zu bleiben. Besonders
beliebt sind Karpfen, aber es müssen Rogner sein, damit man stets Geld
im Beutel habe; auch ein paar Fischschuppen in der Börse bewirken
dasselbe. Andere Silvesterspeisen sind Heringsalat, Hirsebrei,
Linsen, Mohnklöße und die unter den verschiedensten Namen bekannten
Gebäcke (Krapfen, Pfannkuchen, Kräppel, Pförtchen und so weiter),
die beim Silvesterpunsch in fröhlicher Gemeinschaft verzehrt werden.
Geselligkeit ist gerade an diesem Abend wohl überall in Deutschland
Hauptbedingung. Meist treffen mehrere befreundete Familien bei einer
derselben zusammen; wo solcher Anschluß fehlt, versammelt man sich in
großen Wirtschaften und feiert gemeinsam den Abschied des alten und den
Einzug des neuen Jahres mit Trinken, Singen und den schon angedeuteten
Gebräuchen. Punkt zwölf Uhr in der Nacht beglückwünscht man sich,
während in den kleineren Städten zur gleichen Zeit eine Musikkapelle
vom Turm herab das neue Jahr begrüßt.
[Illustration:
Phot. Underwood & Underwood.
Abb. 276. Schwälmer Mädchen (Hessen) beim Reigentanz.
Das Merkwürdigste an ihrer sonst recht kleidsamen Tracht sind die etwa
vier bis zehn Unterröcke, die zu ihr gehören.]
Das +Neujahrsfest+, das unter ähnlichen Veranstaltungen wie heutzutage
schon von den ältesten Völkern gefeiert wurde, ist allenthalben
Gegenstand der Freude und der Wünsche. Man besucht sich gegenseitig und
spricht sich seine Glückwünsche aus oder tut dies auch schriftlich.
Vielfach sind auch noch Neujahrsgeschenke üblich, die sich aber in
Deutschland wohl zumeist auf Geldspenden der Herrschaft an Untergebene
und Bedienstete oder kleinere Geschenke der Kaufleute an ihre Kunden
beschränken. Diese kleinen Aufmerksamkeiten gehen auf die strenae der
alten Römer zurück, deren Überreste sich außerhalb Deutschlands noch in
wirklichen Neujahrsgeschenken unter Freunden und Familienangehörigen
erhalten haben. In Holland zum Beispiel beschenkt man sich mit
vergoldeten Kräuterkuchen oder kandierten Früchten, in England
und Frankreich mit Orangen, früher jenseits des Kanales auch mit
Handschuhen. -- In Friesland findet am Neujahrsmorgen ein Wettlaufen
mit Schlittschuhen auf dem Eise statt, in Schleswig-Holstein ein
Wettschieben mit hölzernen, innen mit Blei beschwerten faustgroßen
Kugeln (das sogenannte Eisbosseln), wobei nicht nur einzelne Gruppen
von Menschen, sondern auch wohl ganze Dörfer gegeneinander kämpfen.
In der Schweiz feiert man in den ersten Tagen des neuen Jahres den
Berchtelitag, der seinen Namen von der schon oben erwähnten Gattin
Wodans erhalten hat. In Zürich ist diese Feier, die sich hier zu einem
wirklichen Volksfest gestaltet, auf den 2. Januar verlegt worden.
Die Kinder nehmen an verschiedenen Orten des Landes die sogenannten
Neujahrstücke (Neujahrsblätter) in Empfang und erhalten Geldgeschenke,
die den Namen „Stubenlitzen“ führen, da sie ursprünglich einen Beitrag
für die Heizung der Zunftstuben bildeten. Andere durchziehen vermummt
die Straßen und sprechen mit dem Rufe „Batz, Batz“ die Vorübergehenden
um Gaben an. Die Erwachsenen veranstalten in der Stadt Zürich am
Nachmittag Umzüge, und zwar bewegen sich dieselben zunftweise von den
Zunfthäusern durch die Stadt, Reiter und Wagen mit Kostümgruppen an
der Spitze. Gegen Abend versammeln sich alle auf einem freien Platze
am See um einen Holzstoß, zu dem die sogenannte Bögg gebracht wird,
eine groteske Figur aus weicher Baumwolle, mit irgendeinem Deckel auf
dem Kopfe und einem umgestülpten Besen in der Hand; sie stellt die
Verkörperung des Winters vor und wird auf dem Scheiterhaufen verbrannt,
damit der Frühling seine Herrschaft ungestört antreten könne. Schlag
sechs Uhr ertönt die historische zweitgrößte Glocke vom Turm des
Großmünsters -- daher wird die ganze Feier auch Sechseläuten genannt
-- und unter Musik und allgemeinem Jubel schlagen die Flammen um den
mit Petroleum übergossenen Holzstoß und die Bögg empor (Abb. 303). Ist
alles niedergebrannt, dann kehren die Zünfte in ihre Häuser zurück und
„bächten“ die ganze Nacht, worunter Essen, Trinken, Singen und derbe
Scherze verstanden werden.
[Illustration:
Phot. Sport & General Preß Agency.
Abb. 277. Ein am Spieß gebratener Ochse auf einem Volksfest in
Stratford-on-Avon.]
[Illustration:
Phot. C. Faist, Schramberg.