In die Zeit der Zwölften fällt auch der Übergang des alten in das
neue Jahr, +Silvester+. Die Zahl der Silvesterbräuche ist sehr groß;
in der Hauptsache laufen sie darauf hinaus, beim Scheiden des alten
Jahres Fragen an das Schicksal über die im neuen bevorstehenden
Ereignisse zu stellen. Fromme Leute stechen mit einer Nadel oder einem
Messer aufs Geratewohl in die Bibel oder ins Gesangbuch und schließen
aus der dabei getroffenen Stelle auf Freud oder Leid, Glück oder
Unglück im kommenden Jahre. Im lustigen Kreise ist das Bleigießen und
Lebenslichter-Schwimmenlassen (Abb. 301) beliebt. Wer um Mitternacht
über seinen Kopf hinweg rückwärts seine Schuhe wirft, kann aus der Lage
derselben feststellen, ob er im nächsten Jahre am Orte bleibt oder
fortkommt. Heiratslustige junge Mädchen suchen auf diese und noch auf
andere Art zu erfahren, ob sie baldige Anwartschaft auf die Ehe haben,
wer und was ihr Liebster sein wird und dergleichen. In der Gegend von
Brünn in Mähren versteckt man am Silvesterabend, in Abwesenheit der
sich daran Beteiligenden, verschiedene Gegenstände unter Töpfen; darauf
wird jeder einzeln hereingerufen, um drei von den Töpfen aufzuheben.
Deckt der das Orakel Befragende mehrere Male denselben Gegenstand, zum
Beispiel Geld, unter dem Topfe auf, dann wird er das ganze Jahr lang
solches besitzen; findet er wiederholt ein Stück Brot, dann wird er
niemals an Nahrung Mangel leiden. Wer aber einen Kamm erwischt, dem
wird es nicht gut ergehen.
In Belgien besteht in manchen Gegenden der Brauch, daß dasjenige
Kind, das am Silvestermorgen als letztes in der Familie aus dem Bette
steigt, mit dem Namen des heiligen Silvester angeredet wird und seine
besten Spielsachen und Geschenke den Geschwistern überlassen muß.
Auch Mädchen, die bis zum Jahresschluß eine Arbeit, mit der sie sich
beschäftigen, nicht fertigbringen, setzen sich nach dem Volksglauben in
manchen ländlichen Gegenden der Gefahr aus, wegen ihrer Unpünktlichkeit
und Faulheit von Geistern verfolgt zu werden.
[Illustration: Abb. 275.
Schäferlauf in Markgröningen.