Abb. 266. Spreewälderinnen beim Kirchgang.]

Früher waren solche +Umzüge+ (Abb. 295 und 296) sehr verbreitet, sie

sind aber jetzt so ziemlich außer Gebrauch gekommen. Stets treten

dabei phantastische oder mythische Gestalten in die Erscheinung, wie

der soeben erwähnte Schimmelreiter und der Ziegen- oder Klapperbock in

Pommern, Hans Trapp in Westfalen und noch andere Persönlichkeiten, die

ihren Zusammenhang mit Wodan und seinen Begleitern bei der wilden Jagd

erkennen lassen. In England begegnen wir den Überresten solcher Umzüge

in den Carolussängern. In Kaltbrunn, Kanton St. Gallen, wird seit

Jahrhunderten schon das „Klausnen“ geübt. Zwölf junge Burschen (Abb.

299), bekleidet mit weißem Hemd und Hosen, bestickten Hosenträgern und

hellroter Krawatte, einem breiten Ledergurt, der eine große Kuhglocke

trägt, und einer eigenartigen Kopfbedeckung, Inful genannt, deren

oberer Teil zierliche Figuren in allen Farben durchsichtig erscheinen

läßt, ziehen in der Stadt umher. Einer von ihnen, der Samichlaus,

beschenkt die Kinder in den Häusern, die übrigen Kläuse erfreuen

draußen die zahlreichen Zuschauer durch ihre reigenartigen Bewegungen,

wobei die von innen erleuchteten Infuln und das vielstimmige

Glockengeläute den Reiz noch erhöhen. Die Pausen füllen der „Dumme

August“ und der Esel durch ihr übermütiges Treiben aus; eine weitere

typische Figur ist der „Geißler“, der mit der dicken und langen

Peitsche (Geißel) knallt (Abb. 300). Vor jeder Kirche verneigen sich

die Kläuse, nachdem der Samichlaus drei Glockenschläge getan hat.

[Illustration: Abb. 267. Oberschlesische Trachten aus der Tarnowitzer

Gegend.]

Die Christnacht gilt in den Augen des germanischen Landvolkes für

hochheilig, und daher werden an diesem Abend, besonders um die

mitternächtliche Stunde, allerlei +abergläubische und mystische

Handlungen+ vorgenommen. Besondere Sorgfalt läßt der Bauer seinem Vieh

angedeihen. Er füttert es reichlicher als sonst und versieht es wohl

auch mit besonderer Leckerspeise. In einzelnen Gegenden behauptet man,

daß er dies aus dem Grunde tue, weil um Mitternacht der Teufel im

Stalle erscheine und die Tiere ausfrage, ob sie mit ihrem Herrn und

dem Gesinde zufrieden seien. Denn das Vieh besitzt nach dem Glauben

des Volkes um die Weihnachtsmitternacht die Gabe zu reden, auch zu

weissagen. Ebenso können Menschen unter Umständen um diese Stunde in

die Zukunft schauen. Wenn ein Mädchen Schlag zwölf Uhr in einen Brunnen

sieht, erblickt es darin das Bild seines Zukünftigen; desgleichen

kann jemand erfahren, ob im kommenden Jahre eine Hochzeit oder ein

Leichenbegängnis im Hause stattfinden wird, wenn er um Mitternacht

mit verhülltem Kopfe aus der Haustür tritt, seine Hülle abwirft und

nach dem Giebel sieht. In Belgien suchen junge Leute, die verlobt

sind, auf eigentümliche Weise zu ergründen, ob ihre Ehe glücklich sein

wird: sie werfen zwei Kastanien ins Feuer und achten darauf, ob sie

gleichmäßig verbrennen oder nicht; trifft das erstere zu, dann wird

die zukünftige Ehe gut ausschlagen; bersten die Kastanien aber oder

springen sie aus der Glut, dann steht Unglück in ihr zu befürchten. In

bestimmten Gegenden Deutschlands behauptet man, daß zur Geisterstunde

der Heiligen Nacht sich die Berge öffnen und dem Mutigen ihre Schätze

enthüllen, daß aber derjenige, der es unternimmt, sie zu heben, sich

damit beeilen müsse.

[Illustration:

Phot. Wilhelm Müller, Bozen.

Die Sitten der Völker, Dritter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 125 / 203 题