Europa

[Illustration]

[Illustration:

Phot. Schweizer. Gesellschaft f. Volkskunde.

Abb. 252. Vom Fest der Fischergilde zu Ermatingen (nach einem

Fischfang).]

Die heutige Bevölkerung Europas ist in der Hauptsache aus

einer Kreuzung dreier Rassen hervorgegangen, der sogenannten

nordeuropäischen, der alpinen und der mittelländischen Hauptrasse.

Die +nordeuropäische+ oder indogermanische +Hauptrasse+ ist

durch einen hohen Wuchs, länglichen Schädel, längliches Gesicht,

ebenmäßige Züge, längliche, schmale Nase mit geradem oder leicht

gebogenem Rücken, blondes oder rötliches Haupthaar von lockiger oder

gewellter Beschaffenheit, blaue oder hellgraue Augen und weiß-rosige,

pigmentlose Haut ausgezeichnet. Sie hat ihre reinsten Vertreter noch

unter der Bevölkerung Schwedens, wo sie nachweislich seit Beginn

der Steinzeit ansässig gewesen ist und höchstwahrscheinlich auch

ihren Ausgang genommen hat. Die schwedische Bevölkerung besitzt eine

durchschnittliche Körperlänge von 170,8 Zentimeter. Die nordeuropäische

Rasse hat bereits in der vorgeschichtlichen Zeit weitgehende

Wanderungen angetreten; sie ist dabei bis nach den äußersten Ecken

Südeuropas vorgedrungen und hat selbst darüber hinaus auf der

einen Seite bis Nordafrika und auf der anderen bis Indien hin sich

verbreitet. Die westlichen und südlichen Gebiete des Ostseebeckens

waren eine unerschöpfliche Quelle, aus der immer neue Völkerstämme

strömten und Europa nach allen Richtungen hin überfluteten. Zu dieser

nordischen Rasse gesellte sich bereits zur jüngeren Steinzeit von Osten

her eine zweite hinzu, die +alpine+ oder mitteleuropäische +Rasse+,

Leute von untersetzter Gestalt (im Mittel 163 bis 164 Zentimeter),

leicht hellbrauner oder auch weißer Hautfarbe, hellbraunen oder

schwarzen Augen, braunem oder rötlichbraunem Kopfhaar von welliger

Beschaffenheit, rundem, breitem Kopf und rundlichem Gesicht. Ihre

eigentümliche Verteilung auf unserem Erdteil läßt darauf schließen,

daß sie von Osten, von Rußland oder noch weiter von Mittelasien

herankam und sich wie ein Keil zwischen die nordische und die sogleich

zu besprechende südeuropäische Rasse bis an die Cevennen hineinschob.

Die +südeuropäische+ oder mittelländische +Hauptrasse+ endlich gleicht

in ihrer Schädel- und Gesichtsbildung der nordeuropäischen, weicht

aber in ihrer Körpergröße (im Mittel 161 bis 162 Zentimeter) und in

ihrer Hautfarbe deutlich von ihr ab. Der Farbenton der Haut schwankt

von einem gelblichen Weiß oder Blaßbraun zum Rötlichen oder Rotbraun,

die Augen sind schwarz oder tiefbraun, die Kopfhaare tiefschwarz. Als

ihre Bildungstätte dürften die östlichen Gebiete der Mittelmeerländer

anzusehen sein. Infolge der zahlreichen Wanderungen, die sich im Laufe

der Zeiten in Europa von Norden nach Süden und gelegentlich auch in

umgekehrter Richtung abspielten, sowie infolge des regen Verkehrs

zwischen den drei Rassen hat sich eine starke Vermischung zwischen

ihnen vollzogen, so daß reine Vertreter der einzelnen Typen zu den

Seltenheiten gehören.

[Illustration:

Phot. Schweiz. Gesellschaft f. Volkskunde.

Abb. 253. Ein Abwehrmittel gegen Hexen zu Nairn.

Der gegen die Wand und das Dach des Hauses gelehnte Gegenstand besteht

aus einem seiner Zweige beraubten Tannenstamm, der nach Art einer

Vogelscheuche mit Mütze und Rock bekleidet ist und zum Schutz gegen

Zauberei jeden Abend von rechts nach links geschüttelt wird.]

Zu diesen drei vorgeschichtlichen Hauptrassen gesellte sich in

geschichtlicher Zeit von Osten her noch ein anderer Rassenbestandteil

hinzu, die Vertreter der +finnisch-ugrischen und türkischen

Unterrasse+, die in den östlichen Teilen Europas gleichfalls dazu

beigetragen haben, eine noch weitere Rassenmischung herbeizuführen.

[Illustration:

Phot. Clarke & Hyde.

Abb. 254. Straßenbild aus Ambleside.

Binsengirlanden werden in feierlichem Zuge durch die Straßen in die

Kirche getragen.]

Ganz allmählich haben sich aus den genannten Rassen gewisse Gruppen

herausgebildet, deren Angehörige weniger durch anthropologische

Merkmale als vielmehr durch bestimmte kulturelle Anschauungen und

Gewohnheiten zu einer Einheit verbunden werden. 1. Die +germanische

oder teutonische Kulturgruppe+, die die Deutschen, einschließlich eines

Teiles der Österreicher, die Niederländer und Flamen in Holland und

Belgien, die Engländer, die aus Angelsachsen, Kelten und Normannen

hervorgegangen sind, die Schweden, Norweger und Dänen umfaßt. 2.

Die +romanische Gruppe+, zu der die Franzosen im Norden und Süden

ihres Landes, die ersteren vorwiegend mit germanischem Einschlag,

die Wallonen Belgiens, die Spanier, Portugiesen, Italiener, Rumänen

und schließlich die Rätoromanen (Ladiner, Friauler) gehören. 3. Die

+slawisch-lettische Gruppe+, in der sich die Letten und die große Masse

der Slawenstämme Osteuropas vereinigen. Die letzteren zerfallen wieder

in westliche, östliche und südliche Slawen; zu den westlichen zählen

die Wenden, Kaschuben, Slowinzen, Tschechen, Polen und Slowaken, zu den

östlichen die Russen (Groß-, Weiß- und Kleinrussen), zu den südlichen

endlich die Serben, Montenegriner, Kroaten und Slowenen. 4. Die

+griechisch-illyrische Gruppe+, die die Griechen, Albaner und Arnauten

umfaßt. 5. Die +keltische Gruppe+, die nur in den Kelten der Bretagne,

von Wales, Schottland (Gaëlen) und Irland ihre Vertreter besitzt. 6.

Die +finnisch-ugrisch-türkische Gruppe+, die die Litauer, Ost- und

Westfinnen (Karelier, Tawasten, Esten, Liven, Wogulen, Tscheremissen)

und Ugrier sowie die Türken (Tataren, Baschkiren, Tschuwaschen,

Bulgaren und Osmanlitürken) umfaßt.

[Illustration:

Phot. R. Welch.

Abb. 255. Ein Stroh- und Binsenkreuz,

wie es die irischen Bauern am Sankt-Brigitten-Tage flechten, um es zum

Schutz über ihr Bett zu hängen; hier bleibt es bis zur Wiederkehr des

Tages im nächsten Jahre hängen.]

Infolge der zahlreichen Völkerbewegungen, die sich im Verlaufe der

Jahrtausende und besonders in neuer Zeit in Europa abgespielt haben,

sind auch die Grenzen der ursprünglichen Sitten und Gebräuche mehr und

mehr verwischt und diese teilweise zum Gemeingut aller Völker geworden;

nordeuropäische Sitten und Gebräuche fanden daher Eingang in Südeuropa

und umgekehrt, ebenso wurden osteuropäische Sitten nach Westen zu

verbreitet. Ferner hat die christliche Religion das ihrige dazu

beigetragen, daß die alten heidnischen Anschauungen und Gewohnheiten

unserer Altvorderen unterdrückt oder auch vielfach durch eine der

Kirche angepaßte Deutung umgewandelt wurden, und schließlich hat die

alles gleichmachende moderne Kultur zur Folge gehabt, daß die etwa noch

vorhandenen letzten Reste mehr und mehr hinweggewischt wurden. Alle

diese Umstände vermochten jedoch nicht, die ursprünglichen Sitten,

Gebräuche und Anschauungen gänzlich auszurotten. Allenthalben begegnen

wir ihren Überbleibseln noch im Volke, besonders bei der ländlichen

Bevölkerung in abseits gelegenen Gegenden, wohin der Einfluß der

modernen Kultur nur langsam einzudringen vermochte.

[Illustration:

Phot. Clarke & Hyde.

Abb. 256. Anfertigung von Binsengirlanden zu Ambleside,

ein Brauch, der noch aus der Zeit stammt, in der man in den Kirchen

Binsen oder auch Heu streute.]

Der germanische Kulturkreis.

Der germanische Kulturkreis umfaßt die Völkerstämme im Süden der

Ost- und Nordsee bis etwa nach den Alpen zu, also, ganz allgemein

gesagt, die Bewohner Skandinaviens, Englands, Hollands, teilweise auch

Nordfrankreichs, ferner Deutschlands (einschließlich der deutschen

Ostseeprovinzen), Deutsch-Österreichs und der deutschen Schweiz. Die

Sitten und Gebräuche aller dieser Länder ähneln sich im großen und

ganzen, sie hängen zu einem wesentlichen Teile mit altgermanischen

heidnischen Anschauungen (Abb. 253 bis 256) zusammen. -- Der

Quellenkultus sowie die Verehrung vorgeschichtlicher Denkmäler sind

unter anderem solche Überreste (Abb. 258 bis 260 und 265). -- Leider

ist viel von dem Ursprünglichen bereits abgebröckelt, aber es steht

zu hoffen, daß die letzten Reste (Abb. 252), die oft genug auch an

geschichtliche Ereignisse anknüpfen, erhalten und weiter gepflegt

werden dank den Bestrebungen der Vereine und Persönlichkeiten, denen

die Erhaltung deutscher Art und Sitte am Herzen liegt. Zunächst gilt

dies für die teilweise recht malerischen +Volkstrachten+ (Abb. 261

bis 264 und 266 bis 271), an denen die germanischen Stämme besonders

reich sind. Belohnungen sind verschiedentlich ausgesetzt worden für

diejenigen, die sich befleißigen, die alte, kleidsame Tracht ihrer

Vorfahren wieder zu Ehren zu bringen, anstatt sie in den Truhen

vermodern zu lassen. Verschiedentlich sind aus besonderen Anlässen

die alten Gewänder der Großeltern wieder hervorgeholt worden und in

festlichen Aufzügen von neuem zu Ehren gekommen. Volkstümliche Feste

(Abb. 272 bis 275, 277 und 278) bieten dazu die beste Gelegenheit. In

engem Zusammenhang mit den Volkstrachten stehen die +Volkstänze+ (Abb.

276, 279 bis 284 und 286), die man ebenfalls der Vergangenheit vielfach

entrissen und zu neuem Leben hat erstehen lassen. Ähnlich verhält es

sich mit dem Gebrauch altertümlicher Musikwerkzeuge (Abb. 285 und 289)

und mit den Volksspielen (Abb. 290). Ebenso hat man verschiedentlich

die volkstümliche Hauskunst und Heimindustrie (Abb. 287) wieder neu

belebt. Die alten anheimelnden Haustypen (Abb. 288) sind leider nicht

mehr zu ersetzen, jedoch besteht neuerdings auch hier das Bestreben,

die neu entstehenden Häuser dem althergebrachten Dorfbild nach

Möglichkeit anzupassen. Es steht zu hoffen, daß auf diese Weise noch

manche althergebrachte schöne Sitte ihre Wiederauferstehung feiern

werde.

Die Namen unserer +Wochentage+, um mit diesen zu beginnen, sind

heidnischen Ursprungs. Der Sonntag war der Sonne gewidmet und galt beim

Volke als glückbringend. Wer an ihm geboren wurde, ein sogenanntes

Sonntagskind, ist mit dem zweiten Gesicht begabt, das heißt er besitzt

die Fähigkeit, in die Zukunft zu blicken und Geister zu schauen; seine

Handlungen sind stets von günstigem Erfolge begleitet. Im Gegensatz

dazu steht der Montag, der Tag des Mondes, vielfach im Rufe eines

Unglückstags. Daher wechseln im Hannöverschen und in Schleswig-Holstein

die Dienstmädchen an ihm niemals ihre Stelle; wer am Montag etwas

unternimmt, wird immer Pech haben. Dem Dienstag, dem Tage des Gottes

Tiu oder Tyr (englisch Tuesday, in Schwaben auch Zieseldi genannt),

kommt keine besondere Bedeutung zu. Der Mittwoch, der ursprünglich dem

Gotte Wodan heilig war (daher noch die englische Bezeichnung Wednesday

und die westfälische Gauns- oder Godensdag), wurde im Mittelalter in

den Tag der Jungfrau Maria umgewandelt und zu einem Fasttag gemacht.

Der Donnerstag verrät wieder recht deutlich seine heidnische Herkunft

von Thor oder Donar (englisch daher Thursday, skandinavisch Thorsdag),

dem höchsten Gotte der altgermanischen Götterwelt. Mit ihm sind noch

verschiedene abergläubische Vorstellungen im Volke verknüpft; solche

Überreste des alten Thorkultus erblicken wir noch heutigestags in dem

vielfach in Norddeutschland am Donnerstag üblichen Erbsengericht, denn

die Erbse war eine dem Thor geheiligte Pflanze. Desgleichen geht der

Name Freitag auf eine germanische Gottheit, Freia oder Frigga, die

Gemahlin des Wodan, zurück. Auch dieser Tag gilt vielfach in den Augen

des Volkes für einen Unglückstag, an dem nichts Neues unternommen, zum

Beispiel keine Reise angetreten oder mit dem Schiff in See gestochen

werden darf. Anderseits wieder werden gerade am Freitag in Dänemark

mit Vorliebe Hochzeiten abgehalten, was damit zusammenhängt, daß bei

den alten Römern dieser Tag der Venus, der Göttin der Liebe (daher im

Französischen Vendredi, entstanden aus _Veneris dies_), geweiht war.

Die katholische Kirche hat den Freitag zum Fasttag gestempelt. Der

Sonnabend endlich, das heißt der Vorabend des Sonntags, soll seinen

zweiten Namen Samstag von dem lateinischen _Saturni_ dies erhalten

haben; indessen wird diese Ableitung mit Recht angezweifelt. Die

skandinavische Bezeichnung Löwerdag und Lördag wird mit dem alten

nordischen Laugadagr in Verbindung gebracht und soll Badetag bedeuten,

weil am Schlusse der Woche allgemein gebadet wurde, wie es übrigens

noch heutigestags Familiensitte in Deutschland ist.

[Illustration:

Phot. J. Valentine.

Abb. 257. Denkmäler zu Kirkconnell Moor zur Erinnerung an schottische

Märtyrer,

die lieber für ihren Glauben den Tod erlitten, als daß sie gemäß

der Uniformity Act vom Jahre 1662 das Ritual der englischen Kirche

annahmen. Man begegnet solchen durch fromme Sammlungen entstandenen

Denkmälern vielfach auf den einsamen, wilden Hügeln des südlichen

Schottland.]

[Illustration:

Phot. T. J. Westropp.

Abb. 258. Die heilige Senansquelle zu Kiltinanlea.

An dem sie umgebenden Gebüsch sind Lumpen aufgehängt, die als

bescheidene Opfergaben dargebracht wurden.]

Ebenso wie die Namen der Wochentage gehen auch unsere +kirchlichen

und weltlichen Feste+ auf die religiösen Anschauungen unserer

Altvordern zurück, und zwar in erster Linie auf ihren Sonnenkultus.

Die Sonne spendet der Erde Licht und Wärme und damit die notwendigen

Grundbedingungen für alles Leben. Daher feierten auch die alten

Germanen, ebenso wie andere Völker des Altertums, den Zeitpunkt der

Sonnenwende beziehungsweise des höchsten und tiefsten Standes der Sonne

sowie der Tagundnachtgleiche und begingen dementsprechend das eine

Fest um die Mitte des Sommers und des Winters, das andere im Frühling.

Die altgermanische Vorstellung faßte den Wechsel der Jahreszeiten

als einen Kampf des Lichtes mit der Finsternis auf; der Winter als

böse Macht hat die Natur in Eis und Kälte erstarren lassen, also

anscheinend die den Menschen gutgesinnte Macht, die Sonne, überwunden.

Die Wintersonnenwende ist der Zeitpunkt, an dem es der Sonne nun

gelingt, wiederum zu neuem Leben zu erwachen und mit der Dunkelheit

des Winters den Kampf aufzunehmen. Zwölf Tage lang (die sogenannten

Zwölften) währt derselbe, bis es sich deutlich an der zunehmenden Länge

des Tages zeigt, daß die Sonne als Siegerin aus ihm hervorgehen wird.

Daher sahen die alten Germanen den Tag der Wintersonnenwende mit Recht

als den Anfang einer neuen Zeit an und begingen ihn festlich. Um den

heidnischen Anschauungen sich anzupassen, verlegte die christliche

Kirche auf diesen Tag der Wiedergeburt des Lichtes auch die Geburt des

neuen Verkünders des Heils, des Messias. -- Der endgültige Ausgang

des Kampfes zwischen Licht und Finsternis, der vollendete Sieg des

Lichtes gab unseren Altvordern wiederum Gelegenheit zu einem Feste,

der Feier der Frühlings-Tagundnachtgleiche. Dementsprechend wurde von

der christlichen Kirche der Sieg Christi über den Tod auf den gleichen

Zeitpunkt verlegt und zum Osterfest gemacht. -- Der Augenblick, an dem

die Natur ihre Höhe erlangt und ihre größte Pracht entfaltet, ist der

Mittsommertag, an dem auch die Sonne ihren höchsten Punkt erreicht

hat. Er war für unsere heidnischen Vorfahren ebenfalls Gegenstand

ausgelassener Freude. Die christliche Religion setzte diesen Tag der

Erfüllung der Verheißung, der Ausgießung des heiligen Geistes über die

Menschheit, gleich und verlegte in ungefähr dieselbe Zeit (allerdings

einige Wochen früher) das letzte ihrer drei großen Hauptfeste,

Pfingsten. Wir sehen also auf der einen Seite, der heidnischen,

das Ringen zwischen Licht und Finsternis, auf der anderen, der

christlichen, den Kampf zwischen Sünde und Erlösung, beidemal Anfang,

Wachsen und Vollendung.

[Illustration:

Phot. Underwood & Underwood.

Abb. 259. Geweihte Quelle zu Tissington,

ein Überrest des altheidnischen Quellenkultus.]

Das +Weihnachtsfest+ hängt, wie wir soeben sahen, eng mit dem Kultus

der Sonne und der Lichtgottheit zusammen. Die christlichen Lehrer

verlegten bereits um die Mitte des vierten Jahrhunderts unserer

Zeitrechnung auf den 25. Dezember, also den Zeitpunkt der heidnischen

Feier der Wintersonnenwende, die Geburt des Heilandes. Im siebenten bis

achten Jahrhundert fand diese Feier in Deutschland Aufnahme, wo man

von jeher schon das Julfest beging. Wie der altheidnische Glaube es

mit sich brachte, spähte man um diese Jahreszeit von hohen Bergen nach

dem Wiederaufkommen der Sonne aus und begrüßte die Nachricht von ihrem

Erscheinen mit größtem Jubel und festlichen Gelagen.

Das Hauptstück der ältesten christlichen Weihnachtsfeier machte die

+Weihnachtskrippe+ aus, eine Art Dramatisierung der Ereignisse bei der

Geburt des Jesusknäbleins und vielfach auch geradezu die dramatische

Vorführung dieses Vorgangs. Der strahlende Weihnachtsbaum (Abb. 291)

ist erst verhältnismäßig spät in Erscheinung getreten -- man sagt,

vor etwa drei Jahrhunderten -- hat sich aber heutigestags so ziemlich

die ganze Kulturwelt erobert. Wenigstens ist er zu einem unbedingten

Erfordernis der +deutschen+ Weihnachtsfeier geworden; vor allem dort,

wo es Kinder gibt, ist eine Feier ohne Baum nicht denkbar. Wo Mangel

an Tannen oder verwandten Bäumen bestand, wurde der Weihnachtsbaum

früher vielfach durch eine hölzerne, gleichfalls mit Lichtern besteckte

+Pyramide+ (Abb. 292) ersetzt, eine Sitte, die sich in manchen Gegenden

bis in die Gegenwart herein erhalten hat. Daß gerade die Tanne oder

ein ihr verwandtes Nadelgewächs im Lichterglanz des Heiligen Abends

erstrahlt, mag wohl damit zusammenhängen, daß dieser Baum in den Augen

des Volkes das schlummernde Leben in der Natur versinnbildlicht, denn

er behält trotz des nordischen Winters mitten im Schnee allein von

allen Bäumen des Waldes sein frisches Grün. Unter den strahlenden

Weihnachtsbaum kommen bekanntlich allerlei Geschenke zu liegen; in den

skandinavischen Ländern und auch vielfach in Norddeutschland pflegt man

diese in zahlreiche, oft genug scherzhafte Umhüllungen mit besonderen

Aufschriften einwickeln und durch vermummte Personen mit dem Rufe

„Julklapp“ zur Tür hineinwerfen zu lassen.

[Illustration:

Phot. R. Welch.

Abb 260. Ein Denkmal aus heidnischer Zeit,

an das sich ein christlicher Brauch knüpft. Um Glück in der Ehe zu

haben, berühren Eheleute das Loch in der Säule.]

In England feiert man das Weihnachtsfest nicht nach deutscher Art

als ein Familienfest mit Tannenbaum und Geschenken, sondern begibt

sich aufs Land und begeht das Fest hier möglichst in freier Luft. Man

widmet sich allem möglichen Sport. Der zweite Weihnachtsfeiertag heißt

daher im besonderen der Boxing day. An ihm wandert die Bevölkerung

von London nach Hampstead Heath und belustigt sich mit Wettlaufen,

Eselreiten, Boxen und Werfen nach Kokosnüssen, die auf kurzen in den

Boden eingerammten Pfählen reihenweise dastehen, frönt auch reichlichem

Wirtshausbesuch und ist in jeder Weise lustig. Der Weihnachtsabend

ist kein Feiertag wie bei uns. Früher waren an ihm noch mancherlei

Gebräuche im Schwange, die an das altheidnische Fest erinnerten. In

vergangenen Jahrhunderten pflegten die Leute auf den Landsitzen der

Adligen einen mächtigen Kloben Buchenholz zur Halle hereinzuziehen,

anzuzünden und in allerlei Vermummung um das Feuer zu tanzen, während

die Herrschaft und ihre Gäste dem lustigen Treiben zuschauten, auch

sich gelegentlich selbst an ihm beteiligten. Als letzter Überrest

dieses alten Brauchs ist allein noch die Sitte übriggeblieben, am

Abend vor Weihnachten anstatt der alltäglichen Steinkohle einen

Kloben Buchenholz (den Julblock) in die Glut des Kamins zu schieben,

um den sich die ganze Familie setzt. Dieser Klotz muß jetzt die Form

eines Kreuzes als Erinnerung an das Kreuz Christi haben. Den ersten

Weihnachtstag begeht man in lustiger Gesellschaft bei einem leckeren

Mahle. An der Mitte der Zimmerdecke fehlt wohl in keiner englischen

Familie der Mistelzweig, jene zierliche, mattgrüne, auf den Bäumen

schmarotzende Pflanze mit ihren perlgrauen, runden Beeren. Wer unter

ihm steht, der hat das altverbriefte Recht, jedes weibliche Wesen,

das sich absichtlich oder zufällig an derselben Stelle einfindet, zu

küssen. In der Kirche jedoch ist die heidnische Mistel verpönt; an ihre

Stelle ist hier die Stechpalme mit ihren brennendroten Früchten, auch

wohl der Efeu oder das Immergrün getreten.

[Illustration:

Phot. Thos. E. Smurthwaite.

Abb. 261. Mädchen in norwegischer Landestracht,

wie sie hauptsächlich noch in Hardanger und Saetersdalen getragen wird:

kurzer, dunkelblauer Rock mit buntem Besatz, weiße Ärmel, mit Silber

besticktes Leibchen, Gürtel aus Metall und weiße Haube.]

Am Weihnachtsabend und ebenso am ersten Festtage sind wohl überall

bestimmte +Gerichte zu den Mahlzeiten+ üblich. Dem Gotte Donar war

der Eber heilig, daher wurde dieses Tier bei den gemeinsamen Opfern

der alten Germanen gelegentlich des Julfestes mit Vorliebe verspeist.

Noch heutigestags ist Eberkopf oder Wildschweinkopf ein beliebtes

Weihnachtsgericht, besonders in England. Mit diesem alten Aberglauben

hängt auch eine in Oxford in studentischem Kreise noch immer am

Heiligen Abend geübte Sitte zusammen, die Wildschweinprozession. Vor

den versammelten Professoren und der Studentenschaft bewegt sich

zum Saale herein ein Festzug, dessen Erscheinen fröhliche Fanfaren

ankündigen. An seiner Spitze schreitet ein in Weiß gekleideter Sänger,

ihm folgen zwei Personen mit einer großen Platte, auf der der mit

Lorbeer und Rosmarin bekränzte, mit einer goldenen Krone geschmückte

und zwischen den Hauern eine Zitrone haltende Kopf eines Ebers ruht.

Eine Anzahl Studenten, gleichfalls in Weiß, beschließen den Zug. Der

Sänger stimmt beim Eintritt in den Saal ein Lied an, das in humorvoller

Weise die kulinarischen Eigenschaften des Wildschweinkopfes preist

und dessen Kehrreim vom Chor mitgesungen wird. Unter Absingung noch

anderer Weisen, in denen den Festgenossen Gesundheit und langes Leben

gewünscht wird, begibt sich der Zug langsam zur Professorentafel und

setzt die Platte vor den Rektor hin. Dieser zieht die Zitrone mit

feierlicher Gebärde aus dem Maule des Tieres und bietet sie dem Sänger

an. Darauf drängen sich alle Anwesenden an den Tisch, um ihren Anteil

bei der Verteilung der Lorbeerblätter und des Rosmarins zu erhaschen,

denn beide stehen in dem Rufe, Glück zu bringen. Ist alles aufgeteilt,

dann begibt sich der Zug zu einem üppigen Mahl, bei dem Truthahn

und Plumpudding nicht fehlen dürfen. Der Truthahn, desgleichen der

Karpfen waren als Sinnbild der Fruchtbarkeit der germanischen Göttin

Freia heilig; man brachte sie in der Vorzeit ihr zum Opfer dar. Daher

sind beide ein beliebtes Weihnachtsessen, der Truthahn allerdings

nur in England, dagegen der Karpfen auch in ganz Deutschland. In

Skandinavien bevorzugt man den Lütgefisk, dessen traniger Geruch die

Nase gewaltig belästigt, weswegen man ihn auch meistens in der Küche

zu verspeisen pflegt. Unmittelbar hinter den Fischgerichten kommt als

Weihnachtsbraten das Geflügel; in England ist es, wie wir hörten, der

Truthahn, in wohlhabenden Kreisen auch der Schwan, in Deutschland

wie auch in Dänemark die Gans, in anderen Gegenden der Fasan und das

Perlhuhn. Unter den Beigaben zur Tafel spielen Grünkohl, Hirse und

Mohn allenthalben eine große Rolle. Merkwürdigerweise besteht in

einzelnen Gegenden für Weihnachten ein Verbot des Genusses von Erbsen.

-- Wir dürfen endlich bei der Erwähnung der Weihnachtspeisen nicht des

Backwerks vergessen, das wohl in keinem deutschen Hause zu Weihnachten

fehlt. Zusammensetzung, Form und Benennung dieses Weihnachtsgebäcks

wechseln nach den Provinzen und selbst von Stadt zu Stadt; man

spricht in Österreich und in Schlesien von Striezeln, in Sachsen von

Christstollen, in Thorn von Kathrinchen, in Königsberg und Lübeck von

Marzipan, in Mecklenburg und Holland von Heetwecken, in Aachen von

Printen, in Nürnberg von Lebkuchen, in Basel von Leckerli, und so

weiter.

[Illustration:

Phot. H. H. Johnston.

Abb. 262. Mädchen in nordholländischer Tracht.

Bezeichnend für die allgemeine Landestracht sind die eigentümlichen

Kopfbedeckungen, die indessen je nach dem Ort Abweichungen zeigen. Zu

Volendam und Marken sind die Trachten ganz besonders malerisch und

werden von alt und jung noch sehr viel getragen.]

[Illustration:

Phot. The Tourist Traffic Society of Sweden.

Abb. 263. Schwedische Volkstracht aus Dalekarlien.

Die der Frau besteht aus schwarzem Rock, gesticktem Leibchen mit

langen, weißen Ärmeln, Schürze und gestickter Kappe; die des Mannes aus

gelben Kniehosen, schwarzer Weste mit silbernen Knöpfen, schwarzem Rock

und Hut.]

[Illustration:

Phot. Underwood & Underwood.

Abb. 264. Stube in Seeland,

mit Leuten in der Tracht der Insel, für die die flachen Hüte

bezeichnend sind.]

Die zahlreichen Gebräuche, die sich an das Weihnachtsfest knüpfen,

beginnen bereits vielfach mit dem Erscheinen des Nikolaus (vorzugsweise

im südlichen Deutschland) und des Knecht Ruprecht (nördliches

Deutschland), beide ein Schreckgespenst für unartige Kinder (Abb. 293).

Den Sankt Nikolaus hat die christliche Legende zu einem Heiligen des

dritten Jahrhunderts nach Christus gemacht, aber er ist nichts anderes

als sein Genosse Ruprecht, gleich Hruodperaht, das heißt der von Ruhm

Strotzende, womit wieder Wodan gemeint ist; beide haben somit ein und

dieselbe Bedeutung. Sie erscheinen meistens bereits einige Wochen vor

Weihnachten oder in einzelnen Gegenden am Heiligen Abend, und zwar

entweder unbemerkt in der Nacht oder sichtbar gegen Abend. Im ersteren

Fall stellen die Kinder ihre Schuhe oder auch Körbchen und Teller,

in die sie Hafer oder Heu, in Belgien auch Rüben für das Pferd des

Nikolaus legen -- offenbar ist hiermit Sleipner, das Roß des Wodan,

gemeint, auf dem er die Lüfte durchreitet -- vor ihr Bett, in die Nähe

des Schornsteins oder vor die Türe; die guten Kinder finden dann am

anderen Morgen an Stelle dieser Gabe Äpfel, Nüsse und Zuckerwerk vor,

während die bösen neben dem unberührt gebliebenen Futter noch eine Rute

erblicken. Findet sich der Ruprecht in höchsteigener Person ein, dann

hat er einen langen Bart, ist mit Pelz und hoher Mütze bekleidet und

trägt auf dem Rücken einen Sack, in der Rechten eine Rute. Er fordert

die erschreckten Kinder zum Beten auf und verteilt dann an die Kleinen

Äpfel, Nüsse und Pfefferkuchen, die Unartigen aber züchtigt er mit der

Rute oder droht ihnen wenigstens. In Österreich ist ein sehr beliebtes

Geschenk für Kinder der Krampus (Abb. 294). In Pommern befinden sich

in Begleitung des Weihnachtsmannes noch verschiedene Gestalten,

die offenbar heidnischen Ursprungs sind, so der Schimmelreiter (eine

Karikatur des auf seinem weißen Wolkenroß dahinjagenden Wodan), der

Bärenführer mit dem Bären (Versinnbildlichung des Winters), der

Ziegenbock (Erinnerung an Donar, den man sich mit einem Ziegengespann

fahrend dachte) und der Storch (Sinnbild des Frühlingsgottes); alle

diese Gestalten werden von verkleideten Burschen dargestellt, die ihre

Kurzweil treiben, während der Ruprecht seiner Pflicht nachgeht. Nachdem

dieser ein kleines Geldgeschenk erhalten hat, begibt er sich mit seinem

Gefolge zum nächsten Haus.

[Illustration:

Phot. R. Welch.

Abb. 265. Ein vorgeschichtliches Denkmal (Altar mit Löchern) zu

Inniskeel (Westirland),

zu dem von Heilung Suchenden gepilgert wird. Von denen, die durch

den Besuch Hilfe erfahren haben, werden die Krücken als Zeichen des

Erfolges zurückgelassen.]

[Illustration:

Phot. Gebr. Haeckel.

Die Sitten der Völker, Dritter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 124 / 203 题