Die Zähne werden als Siegeszeichen getragen.]

Die Ausbildung eines Medizinmannes beginnt bereits in seiner frühesten

Jugend und dauert oft jahrelang. Der Bewerber muß den Nachweis

liefern, daß er die Macht besitzt, einen vertraulichen Verkehr mit der

Geisterwelt zu unterhalten. Zu diesem Zwecke zieht er sich an einen

einsam gelegenen Ort zurück, fastet hier ein ganzes Jahr lang ohne

Unterbrechung, übt Stillschweigen und sonstige Enthaltsamkeit, nimmt

starke Brechmittel ein, trinkt auch Tabakwasser und schlägt sich mit

wilden Tieren, besonders dem Jaguar, herum oder gibt wenigstens vor,

dies zu tun. Gleichzeitig wird der Neuling von einem alten Mitgliede

der Brüderschaft in alle Geheimnisse seiner Kunst eingeführt. Man nimmt

von einem Medizinmann an, daß er sich in ein Tier verwandeln könne --

für viele Stämme ist dies der Jaguar -- und daß nach seinem Tode seine

Seele nicht nach dem Aufenthaltsort der Seelen der übrigen Menschen

wandere, sondern für immer in Gestalt eines bösen Jaguars im Walde

umherstreife und den Menschen gefährlich werde.

Wie wir es von anderen Naturvölkern her kennen, haben auch bei den

südamerikanischen Indianern die +Schwangere+ und meistens auch ihr

Ehemann ihre Lebensweise nach strengen Vorschriften zu regeln; bei

den Mauhe zum Beispiel darf die werdende Mutter sich nur von Pilzen,

Ameisen und einem Gebäck aus einer bestimmten Pflanze ernähren.

Allgemein üblich ist, daß man das Fleisch bestimmter Tiere meidet, um

zu verhüten, daß deren schlechte Eigenschaften auf das Kind übergehen.

Äße, um ein Beispiel anzuführen, bei den Karaiben von Britisch-Guyana

der Vater das Fleisch eines kleinen Vierfüßlers, dann würde das Kind

mager und dünn ausfallen, einen bestimmten kleinen Fisch, dann würde

es blind zur Welt kommen, von einem Wildschwein, dann würde es einen

Rüssel bekommen, von einem besonderen Vogel, dann würde es stumm

bleiben.

[Illustration:

Phot. Th. Koch-Grünberg.

Abb. 228. Indianer vom Apaporisflusse beim Wildrösten.

Fische und Wild werden getrocknet und auf einfachen Rosten geräuchert;

auf diese Weise wird eine Haltbarkeit von mehreren Tagen und selbst

Wochen erzielt.]

[Illustration:

Phot. J. Brocherel.

Abb. 229. Ein bolivianischer Indianer in Jagdrüstung.

Die gewöhnlichen Waffen sind Bogen und Pfeile, seltener Wurfspeere und

Spieße. Bei festlichen Anlässen werden die Zähne oder Federn erlegter

Tiere als Schmuck angelegt.]

Die +Niederkunft+ der Indianerin geht entweder im Hause der Eltern oder

in einer von den übrigen abgesonderten Hütte, auch wohl im Freien im

Busche vor sich. In Nordwestbrasilien und Guyana, wo man in größeren

Sippenhäusern wohnt, wird der Teil des Hauses, der der in Frage

kommenden Familie gehört, von den Wohnungen der übrigen durch Matten

abgetrennt. Die Mutter des Mannes leistet bei der Geburt hilfreiche

Hand, sofern die Kreißende nicht auf sich selbst angewiesen ist; oft

spielt sich der ganze Vorgang in Anwesenheit aller verheirateten

Frauen des Dorfes ab. Männer dürfen meistens nicht zugegen sein,

nicht einmal der Vater des zu erwartenden Kindes. Verzögert sich die

Geburt, dann eilen bei den Payagua und Mbaya die Nachbarinnen mit

kleinen Kürbisschalen oder Klappern herbei und schütteln sie eine

Zeitlang möglichst kräftig, worauf sie sich wieder entfernen. -- Die

+Nabelschnur+ wird entweder mit den Zähnen abgebissen, zumal wenn die

Frau in ihrer einsamen Gebärhütte niemand zur Hilfeleistung hat, oder

mit einem scharfen Steinmesser, einem Bambusspan, einer Muschelschale

durchgeschnitten, auch wohl zwischen zwei Steinen zerquetscht, wodurch

gleichzeitig die Blutung zum Stillstand gebracht wird. Bei den Macusi

von Britisch-Guyana liegt die Durchtrennung der Nabelschnur der Mutter

oder der Schwester der Gebärenden ob. Je nach dem Geschlecht des zur

Welt gekommenen Kindes wird ein anderes Werkzeug dazu benutzt, bei

Knaben ein scharf geschliffener Bambusspan, bei Mädchen ein Stück

Pfeifenrohr. Von den Frauen verschiedener Stämme wird berichtet, daß

sie früher die Nabelschnur beziehungsweise die Nachgeburt verzehrten.

[Illustration:

Phot. Th. Koch-Grünberg.

Abb. 230. Ein Tukanoindianer vom Uaupé beim Rauchen.

Als Halter für die große Zigarre dient eine schön geschnitzte

Holzgabel, die am unteren Ende mit einer Spitze versehen ist, so

daß der Halter in die Erde gesteckt werden kann. Die Zauberdoktoren

gebrauchen solche Riesenzigarren auch bei der Krankenheilung.]

Auch +nach der Geburt+ setzen die Eltern meistens ihre streng geregelte

Lebensweise fort. Zunächst halten sie sich wieder an eine bestimmte

Ernährungsart oder fasten auch wohl für einige Tage ganz. Bei den Uaupé

und Isana besteht ihre Nahrung ausschließlich aus Maniokwurzelmehl

und gebackenen Ameisen. Die junge Mutter muß etwa fünf bis zehn Tage

lang abgeschlossen in ihrer Hütte verbleiben; ihr Mann leistet ihr

dabei Gesellschaft. Keines von beiden darf während einer gewissen Zeit

eine Arbeit vornehmen. Bei den Taulipang erstreckt sich der Zeitraum,

während dessen die Eltern nicht arbeiten dürfen, auf drei bis vier

Monate. Die Frau darf wohl Wasser holen, aber nicht kochen; dies

besorgt die Großmutter. Sie darf auch nicht auf dem Felde arbeiten.

Ihr Mann darf kein Beil oder Messer anfassen, auch keine Pfeile

zurechtmachen, ebensowenig mit einem Bogen schießen, damit er nicht

„das Kind am Kopfe schneide, stoße oder treffe“. Jede Übertretung

dieser und ähnlicher Verbote, die sich bezüglich der Nahrung für den

Vater bei manchen Stämmen auf mehrere Monate, bei den Ipurina sogar auf

ein ganzes Jahr erstrecken, würde dem neugeborenen Kinde Unheil bringen.

[Illustration:

Phot. Th. Koch-Grünberg.

Abb. 231. Buhaganaindianer vom Rio Apaporis mit einem drei bis vier

Meter langen Blasrohr.

Auf der Brust hängt ein Köcher aus rotem Holz mit vergifteten Pfeilen.

Das lange Haar ist von einem Bastband zusammengehalten.]

Eine unter den südamerikanischen Indianern ziemlich verbreitete Sitte

ist das +Männerkindbett+. Während die Frau, oft genug sogleich nach

ihrer Niederkunft, ihren häuslichen Pflichten nachgeht, zieht sich

der Mann für einige Tage in den Raum zurück, wo die Geburt erfolgte,

legt sich nieder, wartet und besorgt das Kind und beobachtet für seine

eigene Person eine strenge Wöchnerinnenernährung oder fastet auch

vollständig, all dies aus Furcht, bei Verletzung dieser Vorschriften

könnte das Kind sterben oder wenigstens schweren Schaden nehmen. So

glauben die Indianer von Britisch-Guyana, daß das Kind, wenn der

Vater ein Nagetier mit stark vorspringenden scharfen Zähnen äße, ein

ebensolches Gebiß bekäme, oder wenn er von dem Fleisch eines gefleckten

Tieres nähme, das Kind eine scheckige Haut erhielte. Er darf auch nicht

rauchen, sich nicht waschen, vor allem auch keine Waffe berühren, nicht

einmal sich mit den Fingernägeln kratzen, wenn ihn jucken sollte;

er muß in diesem Fall ein Stückchen von einem Blatt oder einen Halm

benutzen, die man ihm eigens zu diesem Zweck vor sein Ruhelager legt.

Bei den Passé in Ecuador färbt sich der Mann während der Zeit seines

Kindbettes schwarz, und seine Frau hält sich einen Monat lang im

Dunkeln auf.

+Zwillinge+ werden meistens als ein böses Zeichen aufgefaßt, als Beweis

für Untreue der Frau oder Besessenheit von einem bösen Geiste, der

mit ihr Verkehr hatte, und daher getötet; manchmal tötet man auch nur

einen der Zwillinge. Die Saliva züchtigen ihre Frauen bei einem solchen

Vorkommnis auch noch für ihr vermeintliches Vergehen. Im alten Peru

legte man den Eltern nach einer Zwillingsgeburt strenge Fasten auf,

während deren sie abwechselnd mit je einem gebeugten Knie daliegen

mußten, so lange, bis eine in die Kniekehle gelegte Bohne infolge

der Wärme zu keimen begann. Darauf führte man das Paar noch an einem

Stricke um den Hals öffentlich herum. Damit die vermeintliche Untreue

nicht ans Tageslicht komme, begräbt eine Frau der Campa und Anti im

heutigen Peru, die Zwillinge geboren hat, verstohlenerweise das zweite

Kind lebendig; nur das erste gilt als das wahre Kind des Gatten.

[Illustration:

Phot. Sir Everard Im Thurn.

Die Sitten der Völker, Dritter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 112 / 203 题