(an der Mündung des Barimaflusses in Britisch-Guyana), die auf diese
Weise Streitigkeiten zum Austrag zu bringen pflegen. Dabei sind sie
am Oberkörper mit Pflanzenfasern behängt und mit gefärbter Erde
bestrichen. Die Spieler stemmen die Schilde gegeneinander und bemühen
sich, einander zurückzudrängen.]
In Nordwestbrasilien nehmen nach der Geburt beide Eltern und das Kind,
wenn die fünf Tage der Abgeschlossenheit vorüber sind, unter ganz
seltsamen Förmlichkeiten ein gemeinsames Bad im Flusse. Bei einigen
Stämmen Brasiliens (Guarani, Tupinimba) pflegt der Vater seinem
Neugeborenen, wenn es ein Knabe ist, unter Ermahnungen zur Tapferkeit
kleine Waffen (Bogen und Pfeile) zu übergeben. Einige Tage nach der
Geburt gibt der Großvater, seltener der Vater dem Kinde den Namen;
bei den Stämmen am oberen Negro ist dieser Vorgang mit einem großen
Zechgelage verbunden, zu dem alle Verwandten eingeladen werden. Die
Knaben erhalten fast alle zwei Namen, die Mädchen nur einen. Die Namen
beziehen sich meistens auf Tiere oder Pflanzen, Flüsse, Gliedmaßen,
merkwürdige Ereignisse und Orte oder auf die Namen von Vorfahren
oder Paten. Bei einigen Stämmen wird die Mutter des Kindes vor der
Namengebung durchgeräuchert.
[Illustration: Abb. 233. Präparierter Jivarokopf (Siegeszeichen).]
[Illustration: Abb. 234. Präparierter Feindeskopf der Mundruku.]
[Illustration:
Phot. Th. Koch-Grünberg.
Abb. 235. Kobéuaindianer beim Tanz.
Man beachte die merkwürdige Form des Hutes, der das Gesicht ziemlich
verhüllt, und die Klapper, die sie zum Schlagen des Taktes in der Hand
tragen.]
[Illustration:
Phot. Th. Koch-Grünberg.
Abb. 236. Totentanz der Kobéuaindianer,
der alle zehn bis fünfzehn Jahre veranstaltet wird. Die Gebeine der
verstorbenen Angehörigen werden verbrannt, zu Pulver zerrieben und
in die Getränke gemischt, die die Festteilnehmer zu sich nehmen; sie
glauben sich auf diese Weise die guten Eigenschaften der Verstorbenen
anzueignen. Die Tänzer tragen eine Bastbinde um den Hals, unter dem Arm
eine Keule und blasen auf Flöten, die mit Fischfiguren verziert sind.]
+Schädelverbildung+ kommt gleichfalls bei einigen südamerikanischen
Stämmen (Pampa, Araukaner, Patagonier) vor; sie beruht auch hier
auf der eigentümlichen Form der Wiege (Lagerung des Kindes auf
einem flachen Brett und Festbinden des Kopfes mit einem um das
Brett geschlungenen Lederstreifen), die die Mütter, wie es die
nordamerikanischen Indianerinnen tun, bei Reisen auf dem Rücken mit
sich schleppen oder in der Ruhe senkrecht entweder an einen Baumast
hängen oder mit den beiden Spitzen, in die das Wiegenbrett ausläuft,
in die Erde stecken. -- Das +Stillgeschäft+ zieht sich sehr lange, bis
auf drei und vier Jahre, hin. Koch-Grünberg erlebte es bei den Uaupé,
daß ein etwa dreijähriger Junge seiner Mutter plötzlich die Zigarette
aus dem Munde nahm, ein paar Züge daraus tat und sich ihr dann auf den
Schoß setzte, um sich die Brust geben zu lassen.
Sobald das +Reifealter+ eintritt, werden Knaben und Mädchen gewissen
Förmlichkeiten unterworfen, um ihren Mut und ihren Gehorsam zu
erproben. Diese fallen im allgemeinen ziemlich streng aus und tragen
bei einigen Stämmen das Gepräge einer regelrechten Folter. Die Stämme
von Nordwestbrasilien und Guyana lassen dem Mädchen das Kopfhaar ganz
kurz abscheren. Am oberen Negro geschieht dies auch mit den jungen
Männern; sie pflegen das abgeschnittene Haar sorgfältig aufzubewahren
und legen es bei besonders festlichen Gelegenheiten wieder an. An
die Haarschur schließt sich eine lange +Fastenzeit+ von vier Wochen,
während deren es dem Mädchen untersagt ist, das Fleisch größerer Fische
und warmblütiger Tiere zu essen; auf das Fasten folgt sodann ein
feierliches Bad. Der Vater singt am folgenden Morgen vor Sonnenaufgang
einen langgezogenen, sich gleichbleibenden Ton und gibt eine Liste all
der Pflanzen und Tiere bekannt, die das Mädchen fortan essen darf. --
Bei den Baniwa von Guyana sitzt das Mädchen während der ersten vier
Tage seines ersten Unwohlseins auf einer Matte mitten im Hause; es
darf nur kleine Stückchen Maniokbrot verzehren, die ihm die Mutter
oder eine weibliche Verwandte von Zeit zu Zeit darreicht, wobei diese
aber eine unmittelbare Berührung mit dem Mädchen vermeiden müssen.
Am Abend des vierten Tages versammelt sich die ganze Sippe im Kreise
um den Medizinmann, der die ganze Nacht hindurch eintönig singt; die
Anwesenden begleiten ihn dabei im Chor. Von Zeit zu Zeit bläst er auf
eine aus Maniok gebraute Bowle, die dadurch entzaubert werden soll. In
der Frühe des anderen Morgens bekommt das Mädchen davon zu trinken,
und mit diesem Augenblick rückt es auf die Stufe der heiratsfähigen
Frauen des Stammes auf. Es setzt sich sodann auf einen Schemel und
erhält von dem ältesten oder angesehensten Mitgliede der Sippe zwei
Schläge ausgeteilt. Hierzu wird eine Geißel aus geflochtener Palmfaser
benutzt, an deren Ende der scharfe Zahn eines Fisches befestigt ist,
so daß jeder Schlag eine blutende Wunde verursacht. Bevor der Alte
zum Schlage ausholt, hält er eine feierliche Ansprache an das Mädchen
und erinnert es an seine Pflichten der Sippe gegenüber. Das Ende der
ganzen Feier bildet eine allgemeine Prügelei von Männern und Frauen,
bei der es sehr derb zuzugehen pflegt. Schließlich kommen am folgenden
Abend alle männlichen Teilnehmer zu einer Festlichkeit zusammen, um
zu tanzen und vor allem auch, um sich tüchtig in Yaraki, einem leicht
berauschenden einheimischen Getränk, das aus Maniokwurzel gebraut
wird, zu betrinken. Dabei sind alle wieder gut Freund und vergnügt.
Das Fest beginnt mit einem Maskentanz. Alle Beteiligten tragen Masken
von verschiedenen Tieren und ahmen auch deren Stimmen und Gangart
nach; dabei wird ein ohrenbetäubender Lärm mit Trommeln, Trompeten und
Flöten gemacht. Man will dadurch den obersten aller bösen Geister,
namens Mauari, und seine teuflischen Anhänger versöhnen. Frauen dürfen
bei diesem Maskentanz nicht zugegen sein; sollte eine Frau etwa den
Mauari zu sehen bekommen, dann würde der Tod ihr Los sein: ihr Vater,
Gatte, Sohn oder Bruder oder, wenn keiner von diesen mehr am Leben
sein sollte, ihr nächster sonstiger Verwandter ist gehalten, sie
zu töten. -- Bei den Taulipang artet die Mannbarkeitserklärung der
jungen Mädchen in eine wirkliche Peinigung aus. Man setzt ihnen große
schwarze Ameisen, die sich in einem Netz verfangen haben, mit diesem
auf die Handflächen, Arme, Lenden und Fußsohlen; der Schmerz, den
der Biß der zornigen Tiere hervorruft, ist äußerst heftig und hält
stundenlang an. Die Großmutter des Mädchens, in selteneren Fällen
die Mutter, tatauiert ihm die Mundwinkel mit dem Stammesabzeichen,
wobei sie eine Kohle aus dem verbrannten Körper einer Honigbiene als
Farbe benutzt; dies tun sie, „damit aller Kaschiri“, den sie aus der
geriebenen Maniokwurzel herstellen, „süß wie Honig sei“. Außerdem
wird dem Mädchen das Haar im Nacken abgeschnitten. Es muß ein paar
Tage in der Hängematte verbleiben, die von dem übrigen Wohnraum der
Familie durch einen Verschlag getrennt ist. Es darf währenddessen
nur seine nächsten weiblichen Verwandten sehen, damit es nicht „das
Gefühl der Sittsamkeit verliere“. Die Großmutter stellt ihm Sandalen
aus Palmenstielen her und bestreicht ihm den ganzen Körper mit roter
Farbe. Darauf schlägt ein alter Mann, für gewöhnlich der Großvater,
das Mädchen mit einer Palmfaserpeitsche, deren Spitzen mit rotem
Pfeffer eingerieben sind, damit die entstehenden Wunden auch tüchtig
schmerzen. Für eine Reihe Monate muß das Mädchen außerdem noch eine
streng geregelte Lebensweise befolgen: es darf nur ganz kleine Fische
und solche Gerichte essen, die aus Maniok zubereitet sind; es darf sich
das Haar nicht mit der Hand glätten, sondern muß einen Palmstiel dazu
verwenden; auch darf es nicht an der Feldarbeit teilnehmen, keinen Korb
tragen, kein Messer oder Beil anfassen, weil es sonst Schmerzen am Kopf
und an den Armen bekäme; selbst lautes Sprechen ist ihm untersagt;
ebenso, das Feuer mit dem Atem anzufachen, weil ihm sonst schwindlig
werden könnte (es darf nur den Fächer benutzen). Sind fünf oder sechs
Monate unter solcher Lebensweise verstrichen, dann bläst die Großmutter
über alle Gegenstände hin, die dem Mädchen gehören, indem sie streng
vorgeschriebene geheimnisvolle Formeln hersagt, um zu verhüten, daß
aus der Benutzung dieser Dinge irgend ein Unglück entstehe. Ähnlichen
Martern, wie soeben geschildert, begegnen wir bei den Karaiben von
Britisch-Guyana sowie bei verschiedenen Amazonasstämmen, wie den
Mundurukú, Tekúna, auch bei den Stämmen am Uaupéflusse. Im Gran Chaco
sind solche Gebräuche unbekannt; hier wird der erste Eintritt der
Regeln nur durch Tänze gefeiert. Bei den Ashluslay zum Beispiel steht
das Mädchen mit verhülltem Gesicht da und die älteren Frauen tanzen
um dasselbe herum mit Stöcken in den Händen, an die Klappern aus
Tierklauen gebunden sind, während die Männer mit Kalebassen, in die
man Getreidekörner getan hat, den Takt dazu schlagen. -- Bei den Chané
und Chiriguano wird das der Reifezeit sich nähernde Mädchen in einem
Verschlag der elterlichen Hütte, einer Art Schrank, eingepfercht und
ihm das Kopfhaar kurz geschnitten. Erst wenn dieses wieder halblang
gewachsen ist, erlangt es seine Freiheit zurück. Es darf während jener
Zeit sein „Gefängnis“ nur in Begleitung der Mutter verlassen, um die
notwendigsten Dinge zu verrichten, zum Beispiel zu baden; zur Nahrung
erhält es während der Einschließung ausschließlich gekochten Mais.
Sobald seine Zurückgezogenheit abgelaufen ist, gilt das Mädchen als
heiratsfähig.
[Illustration:
Phot. Th. Koch-Grünberg.
Abb. 237. Tanzmaske der Yahunaindianer.