Der +Begräbnisarten+ gibt es unter den nordamerikanischen Indianern
viele. Bald bestattet man die Leiche in der Erde (Abb. 196), bald
setzt man sie in der Luft aus oder in Urnen; auch Einäscherung findet
sich. Am verbreitetsten war die Sitte, ein rundes Loch zu graben
und die in Felle oder Zeug eingewickelte, mit übereinandergelegten
Beinen zusammengeschnürte Leiche senkrecht hineinzustecken; die Grube
wurde manchmal noch mit Steinen ausgelegt. Wurde ein Grab in voller
Länge des Toten ausgeschaufelt, dann wurde dieser für gewöhnlich
wagerecht auf den Rücken gelegt, doch manchmal auch mit angezogenen
Knien auf die Seite. Bei Bestattung in einer Grabkammer war es nichts
Ungewöhnliches, daß man mehrere Leichen zu gleicher Zeit beisetzte.
Es kam auch vor, daß man die Leiche auf die Erde legte, sie mit einer
starken Lehmschicht überdeckte, darüber ein Feuer anzündete, so daß
sich der Lehm zu einer schützenden Decke erhärtete, und diesen Lehmsarg
schließlich mit Erde zudeckte. -- Von den Stämmen der südlichen Küste
des Atlantischen Ozeans balsamierten einige ihre Toten ein, so daß
sie zu Mumien wurden. -- In der großen Ebene geschah die Beisetzung
der Leichen oft an der Luft. Der Tote wurde in das Zeug, das er bei
Lebzeiten getragen hatte, vorsichtig eingewickelt und auf ein Gestell
oder eine Bahre gelegt; diese wurde dann auf einem Baum (Abb. 195)
oder auf einem Pfosten über der Erde aufgestellt, daß Wölfe und Hunde
sie nicht erreichen konnten. Man gab dem Verstorbenen seine Waffen,
allerdings in zerbrochenem Zustande, mit, damit er sich ihrer in der
jenseitigen Welt bedienen könne, wie man ihn auch mit Essen für die
Reise dorthin versah. An der Küste des nördlichen Stillen Ozeans
verwendeten die seefahrenden Indianer als Sarg ein Kanu, das sie auf
einem Pfosten aufstellten. -- Das Begraben in Urnen kam selten vor; man
kennt solche Fälle nur aus Arizona, wo man in den Grabstätten irdene
Krüge mit den verbrannten Resten auffand. -- Die Navajo Arizonas, die
eine große Abneigung vor der Berührung mit Leichen haben, befestigten
manchmal Stricke an dem unteren Ende der Stangen, aus denen ihre
Winterhäuser aufgebaut sind, und rissen sie mit Hilfe der Stricke um,
so daß das ganze Haus über dem Toten zusammenfiel und zum Grabmal für
den Toten wurde; manchmal legten sie auch Feuer an und brannten das
Ganze nieder.
[Illustration:
Aus „Deniker, Living Races of Mankind“.
Abb. 197. Eine Hopibraut,
deren Anzug ganz aus Erzeugnissen einheimischer Weberei besteht.]
Die Zeichen der +Trauer+ waren von Stamm zu Stamm verschieden.
Weitverbreitet als Ausdruck der Trauer war das Weinen und Wehklagen der
Angehörigen, das Zerreißen der Kleider und das Aufstreuen von Asche
oder Staub auf den Kopf; auch daß sich die Überlebenden Schnittwunden
im Gesicht und an den Gliedmaßen beibrachten, kam vor. Das Eigentum
des Verstorbenen pflegte man vielfach zu zerstören. Bei den Dakota
mußte die Witwe vier Abende lang ein Feuer auf dem Grabe ihres Mannes
unterhalten; sie mußte ferner bei Sonnenaufgang und Sonnenuntergang
jammern, teilweise auch fasten und sich während der ganzen Trauerzeit,
deren Dauer schwankend war, von der Außenwelt abschließen. War die Zeit
vorüber, dann stattete die Familie des Toten sie von neuem aus, und es
stand ihr dann frei, sich wieder zu verheiraten. Bei den Athapasken,
die ihre Toten verbrannten, mußte sich die Witwe auf den Scheiterhaufen
setzen und hier so lange verharren, bis sie gründlich angesengt und
ihre Kopfhaare verbrannt waren.
[Illustration:
Phot. C. B. Waite.
Abb. 198. Öffentlicher Schreiber (_evangelista_),
wie man ihn in ganz Mexiko auf öffentlichen Plätzen antrifft.]
Mittelamerika und die westindischen Inseln.
+Mittelamerika.+ Das Hochland von Mittelamerika, das sich zwischen
der Landenge von Tehuantepek und der von Panama ausdehnt, ist ein
uraltes Kulturland, das unter der Mißwirtschaft der Spanier einen
schweren Rückgang erlebt hat. Es wird von den Nahuavölkern bewohnt,
einer Sprachgruppe, die vorzeiten aus ihrer ursprünglichen Heimat in
nördlicher gelegenen Gebieten einwanderte, bis Guatemala (Pipilen),
San Salvador und Nicaragua vordrang und die bis dahin ansässigen
einheimischen Stämme, wie die Totonaken, Olmeca, Tarasken, Otomi,
Mixteken, Zapoteken und Maya zurückdrängte. Zu diesen Nahuavölkern
gehören unter anderem die Azteken beziehungsweise ihre Vorgänger,
die Tolteken, die wahrscheinlich im vierten bis fünften Jahrhundert
ankamen. Die Mayavölker, die übrigens wohl auch nicht als die
Urbewohner anzusehen sein dürften, entwickelten eine hochstehende
Kultur, zu der die Azteken eine ebensolche hinzubrachten; beide
Kulturen sind im Lauf der Zeiten mehr und mehr miteinander verschmolzen
und haben es zu recht ansehnlicher Blüte gebracht. Beide Völker
bildeten wohlgeordnete Staatswesen mit monarchischer, dabei aber doch
ziemlich demokratischer Regierungsform. Künste und Wissenschaften,
nicht minder Handel und Industrie standen auf hoher Stufe. Leider
erlaubt der zur Verfügung stehende Raum nicht, auf die merkwürdigen
Kulturzustände der alten Mexikaner näher einzugehen; wir müssen uns auf
eine Schilderung der neuzeitlichen Verhältnisse beschränken.
[Illustration:
Phot. C. B. Waite.
Abb. 199. Eine Frau aus Tehuantepek in ihrem Festgewand.
Seine auffallendsten Stücke sind der aus leuchtend gefärbten Stoffen
hergestellte Rock, das ärmellose Mieder und die große gestärkte Krause.]
Das unmenschliche Regiment, das die Spanier seit der Entdeckung
des Landes bis in den Anfang des neunzehnten Jahrhunderts hinein
in Zentralamerika ausgeübt haben, hat nicht nur dazu beigetragen,
die ursprüngliche Lebensweise der Bevölkerung, ihre Sitten und
Gebräuche auszurotten, sondern auch die Stämme selbst. In abgelegenen
Gegenden, wohin die Strenge der Eroberer nicht reichte, hat sich die
altindianische Kultur bis auf unsere Tage noch verhältnismäßig rein
erhalten. Der enge Verkehr der Spanier mit den Indianern hat nun ganz
allmählich eine Bevölkerung entstehen lassen, in der der Anteil an
indianischem Blut recht beträchtlich ist. Sehr großes Gewicht legt
man in Mexiko auf den +Grad der Blutmischung+ und hat daher eine
ganze Reihe von Bezeichnungen für die verschiedenen Abkömmlinge, je
nachdem Indianer- oder Negerblut in ihren Adern rollt beziehungsweise
den Mischlingen in einer späteren Generation von neuem spanisches
Blut zugeführt worden ist. Ist der Vater ein Spanier, die Mutter
eine Indianerin, dann spricht man bei den Abkömmlingen von Mestizen;
Kinder aus einer Verbindung von einem Weißen mit einer Mestizin heißen
Castizen; kreuzt sich eine Castiza mit einem Spanier, so sieht man
deren Kinder wiederum als Spanier an. Nachkommen von einem Spanier
und einer Negerin führen die Bezeichnung Mulatten; aus der Verbindung
einer solchen Mulattin mit einem Spanier geht ein Morisco hervor;
eine Morisca erzeugt mit einem Spanier einen Albino, und erst die
Kinder einer solchen Albina mit einem Spanier, die Tornatro heißen,
werden wieder als Spanier angesehen. Mischlinge aus der Kreuzung eines
Indianers mit einer Negerin heißen Sobo; ein Sobo ferner erzeugt
mit einer Negerin einen Chino; der Nachkomme einer China und eines
Indianers wird Cambujo genannt, und der Abkömmling schließlich eines
Indianers und einer Mestizin Cayote. Das Volk ist im allgemeinen
ganz ungebildet und des Lesens und Schreibens unkundig. Öffentliche
Schreiber besorgen daher das Schriftwesen (Abb. 198). -- +Wirkliche
Weiße+, vor allem Spanier, die von Mischung mit Indianerblut
gänzlich frei geblieben sind, kommen wenig vor; schätzungsweise
höchstens ein Sechstel der mexikanischen Bevölkerung dürfte aus
solchen Weißen bestehen, zu denen auch noch Vertreter anderer Völker
gehören, die teils als Kaufleute, teils als Abenteurer eingewandert
sind. In der Hauptsache haben sich diese Europäer ganz den Sitten der
Spanier angeschlossen, die ihrerseits an den Gebräuchen der Heimat
festgehalten haben.
[Illustration:
Phot. C. B. Waite.
Abb. 200. Szene aus einem Stierkampf am Fuße des Popotcatepetl,
des „rauchenden Berges“. Stierkämpfe sind eine allgemein beliebte
Belustigung des mexikanischen Volkes.]
Der +mexikanische Indianer+, der etwa die Hälfte der Bevölkerung des
Landes ausmacht, unterscheidet sich von seinen nordamerikanischen
Brüdern insofern, als er sich nicht wie diese auf das Kriegshandwerk
verlegt hat, sondern ein friedliebender Ackerbauer geworden ist.
Seine +Kleidung+ wechselt nach den klimatischen Verhältnissen; in den
Küstengebieten herrscht tropische Hitze, in den Gebirgsgegenden mehr
gemäßigtes Klima und in höheren Lagen selbst Kälte. Aber stets ist das
Hervorstechende an der Kleidung des Mexikaners die Buntheit der Farben
und die Vorliebe für Schmuck (Abb. 199). Das wichtigste Kleidungstück
ist die Zarape, eine vielfarbige Decke, die als Überwurf getragen wird,
aber nebenbei noch mancherlei anderen Zwecken dient, und der Rebozo,
ein mehrere Meter langer Baumwollstreifen (Schal) von oft recht reicher
Musterung in blauer, gelber oder violetter Farbe; reiche Frauen tragen
einen solchen aus Seide, der von derartiger Feinheit ist, daß er trotz
seiner Breite durch einen Fingerring gezogen werden kann. Er wird als
Schutz gegen die Sonne über Kopf und Nacken geschlungen und fällt
geschmackvoll in Falten herab; oft aber wird er auch zusammengerafft
und dient dann zum Tragen von Früchten und anderen Sachen, ähnlich
wie unsere Schürze. Der Rebozo scheint aus dem spanischen Schleier
hervorgegangen zu sein. Auf dem bloßen Leibe tragen die Indianerinnen
noch ein bis zu den Knöcheln reichendes, oft reichbesticktes Hemd. Ihr
+Kopfhaar+, dem sie viel Pflege widmen, durchflechten sie entweder mit
bunten Schnüren und wickeln es rund um den Kopf oder sie lassen
es als Zöpfe herunterhängen. Für gewöhnlich geht man im ganzen Lande
barfuß, doch legen die Männer vielfach auch Sandalen aus Zwirn an.
[Illustration: Festzug bei einer Posada (Weihnachtssitte in Mexiko).
Die Teilnehmer bitten durch Klopfen an die Tür um Obdach für die beiden
Heiligen Maria und Joseph.]
Die +Hauptunterhaltung+ des Mexikaners bilden +Musik+, +Gesang+ und
+Tanz+; als Nationaltanz kann der Jarabe gelten. Es gibt auch mystische
Tänze, eine Verquickung von Aztekenlehre und christlicher Religion,
die an die erste Zeit der spanischen Eroberung erinnern; sie werden
zu bestimmten Jahreszeiten von Masken unter Begleitung von Trommeln
und Pfeifen aufgeführt und weichen in ihren Einzelheiten nach der
Örtlichkeit voneinander ab. Im weiten Süden ist die _danza de la
conquista_, in der dargestellt wird, wie die Azteken bei der Ankunft
des weißen Mannes von Furcht befallen werden, der bemerkenswerteste
Tanz. Die Fiestas der Kirche, desgleichen die Namenstage der Heiligen
sowie der Verwandten und Freunde werden von der Bevölkerung in lustiger
Weise gefeiert; Tanz, Glückspiel, Hahnen- und Stierkämpfe bilden dabei
die Hauptunterhaltung. Die genannten +Tierkämpfe+ (Abb. 200 und 201)
sowie das +Kartenspiel+ (Baraja) sind ungemein fest wurzelnde Unsitten.
Nächst dem Cura, das heißt dem Dorfpriester, und der Curandera, der
Quacksalberin oder Dorfhexe, ist, was den größten Einfluß auf das Leben
des Mexikaners ausübt, der +Pulque+, ein Nationalgetränk, das aus der
Agave hergestellt wird. Wenn der richtige Augenblick gekommen ist, wird
diese der Aloe ähnliche mächtige Pflanze gekappt und eine honigartige
Flüssigkeit aus ihr gewonnen, die man vierundzwanzig Stunden lang der
Gärung überläßt. Dadurch gewinnt man eine starkriechende Flüssigkeit,
deren Genuß einen schweren Rausch erzeugt. Allenthalben gibt es im
Lande Pulquerias, Verkaufstellen für dieses Getränk, für das der
Mexikaner seinen letzten Centavo hergibt. Sie sind auch die Stätten,
wo sich für den Fremden die beste Gelegenheit bietet, das einheimische
Leben und Treiben zu beobachten.
[Illustration:
Phot. C. B. Waite.
Abb. 201. Hahnenkampf, ein anderer in Mexiko weitverbreiteter
Zeitvertreib.]
Die Tätigkeit der mexikanischen Indianer auf dem Lande geht fast
völlig in der Landwirtschaft auf. Die Frauen stellen die zum Leben
erforderlichen einfachen Gegenstände her; besondere Fertigkeit zeigen
sie in der Anfertigung von Erzeugnissen der Weberei und der Töpferei
(Abb. 203).
Die +Religion+ (Abb. 202, 204 und 205) des Mexikaners ist dem Namen
nach die der römisch-katholischen Kirche, in Wirklichkeit aber ein
Gottesdienst, der gleichsam nur die Fortsetzung der Religion der
Azteken und Maya bildet. Die Regierung hat zwar die Kirchenprozessionen
abgeschafft, doch kommen sie auf dem Lande noch vor, in den kleinen
Indianerdörfern, die aus Bambushütten mit Palmblattdächern bestehen.
Dabei geht es recht eigenartig und übrigens auch sehr laut zu. Trommler
und Pfeifer eröffnen den Zug der Gläubigen -- alle Mexikaner sind sehr
fromm --, die an langen Stangen geheimnisvolle Figuren aus buntem
Papier tragen. Was letztere zu bedeuten haben, weiß kein Mensch; es
fragt auch niemand danach, wie man auch nicht weiß, was die lateinisch
gesprochenen Gebete besagen. Der Forscher aber weiß, daß diese
seltsamen Figuren aus den Tagen der Vorfahren der heutigen Bevölkerung
vor der Zeit der Eroberung durch die Europäer herstammen. Ähnlich
verhält es sich mit den geweihten Opfern aus Blumen, die man auf jeden
Schrein am Wege -- diese sind höchstwahrscheinlich an die Stelle der
ehedem bestehenden heidnischen Altäre getreten --, in Dorfkirchen
und städtischen Gotteshäusern niederlegt; sie erinnern an die Opfer
für den Menschgott Quetzalcoatl der alten Azteken. Die Vorliebe
der Eingeborenen für Blumen ist außerordentlich groß. Außer in dem
Darbringen von solchen Spenden äußert sie sich noch an den Blumentagen,
jenen prunkvollen Festen im April am Vikokanal in der Nähe der Stadt
Mexiko; dann sind die aztekischen Chinampas oder schwebenden Gärten
eine einzige Blütenmasse, und Quetzalcoatl wird dabei offen als Gott
der Natur verehrt.
[Illustration:
Phot. The Barratt Photo Agency.
Abb. 202. Eine Büßerin zur Fastenzeit,
die auf den Knien den heiligen Berg Amecamica hinaufrutscht.]
[Illustration:
Phot. J. Castanos Flores.
Abb. 203. Topfhändler in Mexiko.
Die Töpferei ist eine allenthalben im Lande besonders von Frauen geübte
Industrie; ihre Erzeugnisse verraten künstlerische Begabung.]
Ein anderes Fest, das alljährlich unter großen Feierlichkeiten acht
Tage lang vor Weihnachten begangen wird, sind die Posadas oder die
Herberge, so genannt zur Erinnerung an die Herberge von Maria und
Joseph zu Bethlehem. Eine Familie oder überhaupt eine befreundete
Gesellschaft tut sich zusammen, um abwechselnd die Posadas zu geben,
und wählt ein bestimmtes Haus zum Schauplatz der Festlichkeit aus.
Das betreffende Haus wird festlich hergerichtet und mit Moos sowie
Henno, einem schlingartigen Hängegewächs, das niemals fehlen darf,
geschmückt; neben Lampions werden die sogleich zu besprechenden
Piñates an der Decke und den Pfeilern aufgehängt. Am Abend begeben
sich die Teilnehmer der Posada bei Fackelbeleuchtung unter Absingung
der Litanei bis zu einem bestimmten Raum, wo für Maria und Joseph um
Aufnahme gebeten wird (siehe die Kunstbeilage). Auf eine bejahende
Antwort öffnen die Veranstalter des Zuges die Tür und stellen die
Wachsfiguren dieser beiden Heiligen dort hinein. Darauf geht man zum
Speisezimmer zurück und zecht die ganze Nacht hindurch. Dieser Vorgang
wird an acht aufeinanderfolgenden Abenden, meistens abwechselnd in
den Häusern der Teilnehmenden, wiederholt; am neunten kommt dann noch
die Figur des Heilands als Kind zu der Gruppe hinzu, und am Tage
darauf wird die Piñate zerschlagen. Ursprünglich ein Kochtopf, ist die
Piñate auch in ihrer weihnachtlichen Umgestaltung nichts anderes: ein
dickbauchiges Gefäß, das in seinem Innern kleine Geschenke birgt; es
vertritt die Stelle unseres Weihnachtsbaumes. Natürlich ist der Topf
auf der Außenseite vergoldet oder noch häufiger mit einem Tier- oder
Menschenkopf versehen und mit Seidenpapierkostümen, Fellüberzügen,
Bänder- und Schleifenausputz phantasievoll überkleidet. Die Kinder
müssen versuchen, mit verbundenen Augen nach mehrfachem Irreführen im
Hofe des Hauses (wie bei unserem Topfschlagen) die Piñate mit einem
Stock zu zertrümmern (Abb. 206) und bekommen dann ihren meist aus
Leckereien bestehenden Inhalt.
Kirche und Zauberei stehen einander in der Auffassung der Eingeborenen
keineswegs feindlich gegenüber, eines ergänzt vielmehr das andere.
Die Indianerin denkt eben, daß es nicht schaden könne, wenn sie von
beiden Seiten Schutz erhalte; um so kräftiger werde die Wirkung sein.
Das Zeichen des Kreuzes schützt selbstverständlich gegen den bösen
Blick, aber in gleicher Weise tut dies auch der geheimnisvolle Trank
der Curandera, der Dorfhexe; folglich wendet sie beides an. Sollte sie
etwa einmal Anlaß haben, auf ihren Mann eifersüchtig zu sein, dann
werden ihre Gebete an Gott und die Heiligen durch das Rezept, das ihr
die Curandera verabreicht, sicherlich noch wirksamer werden. Überhaupt
genießt die Curandera überall eine ganz bedeutende Macht; sie wird
stets hinzugezogen und auf ihre Anordnungen großer Wert gelegt. Sie
heilt auch Krankheiten und tut dies nicht selten mit Erfolg, da sie mit
der Wirkung heilkräftiger Pflanzen bis zu einem gewissen Grade ganz gut
vertraut ist, wie es auch ihre Vorfahren waren.
Die Verquickung von Religion und Aberglauben zeigt sich schon recht
deutlich beim +Erscheinen eines neuen Weltbürgers+. Zunächst muß er
natürlich, wie es die Kirche erfordert, getauft werden; auch wenn die
Eltern nicht miteinander verheiratet sind, ist dies die erste Pflicht
des Vaters, der er sich auch wohl niemals entzieht. Außerdem wird
das Kind aber auch mit allerlei Amuletten behängt, die ihm in seinem
ferneren Leben Glück bringen sollen; das Horoskop wird ihm von einem
Kenner gestellt und Zaubersprüche ausgesprochen. Die Mutter liebt
ihr Kind leidenschaftlich, besonders wenn es sich um einen Knaben
handelt; sie trägt es stets mit sich herum, wenn sie unterwegs ist
oder arbeitet, wobei es auf ihrem Rücken durch den Rebozo festgehalten
wird. Sobald das Kind sprechen kann, muß es zuerst ein Gebet lernen,
aber bald auch mit den Überlieferungen und Sagen des Volkes und anderen
teils heidnischen, teils kirchlichen Dingen vertraut gemacht werden.
Auf diese Weise werden alte aztekische Überlieferungen und Sagen von
Geschlecht zu Geschlecht lebendig erhalten.
[Illustration:
Phot. The Exclusive News Agency.
Abb. 204. Wasserträger schöpfen aus einem Brunnen,
der vor Ostern durch die Kirche gesegnet wurde.]
Das +Liebesleben+ der Mexikaner setzt sehr frühzeitig ein und entbehrt
nicht der Romantik, wie sie den Bewohnern des Mutterlandes Spanien
eigentümlich ist. Mit vierzehn Jahren pflegt das Durchschnittsmädchen
bereits verheiratet zu sein oder hat wenigstens einen Liebhaber.
Solche Verbindungen werden im allgemeinen nicht als unsittlich
aufgefaßt; dafür ist der Mexikaner doch zu sehr Kavalier, als daß er
das Nichtbestehen einer gesetzmäßigen Ehe zum Vorwand nehmen sollte,
sich einer etwa daraus entspringenden Verantwortlichkeit zu entziehen.
Das +Leben der Frau+ spielt sich auf dem Felde oder in der Häuslichkeit
ab. Sie bebaut den Acker und verrichtet die Hausarbeit; sie spinnt den
Faden der Agave und mahlt das Korn, um daraus Tortillas oder flache
Kuchen, die Lieblingspeise des Mexikaners, im Hause zu backen. Sie
besorgt das Reinigen der Wäsche am Flußufer, sieht nach den Kindern und
geht auf den Markt, sowohl um einzukaufen, wie auch um zu verkaufen.
Hier hockt sie in einer höchst einfachen Bude, unter einer Matte,
die als Schutz gegen die brennende Sonne auf vier Pfosten ruht, und
bietet singend ihre Waren feil, die auf einer auf der Erde vor ihr
ausgebreiteten zweiten Matte untergebracht sind. Der Herr Gemahl tut
indessen nichts: er lungert umher und raucht beständig Zigaretten;
außerdem besucht er eifrig die Pulquerias, an denen eine rote Fahne ihm
anzeigt, wenn dort frischer Pulque zu haben ist. Er lebt im übrigen,
ebenso wie seine bessere Hälfte, sorglos dahin und nimmt das Leben
leicht.
[Illustration:
Phot. Underwood & Underwood.
Abb. 205. Die Verbrennung des Judas, der wichtigste Vorgang während der
Karwoche in Mexiko.
Auf ein gegebenes Zeichen flammen auf allen Plätzen Raketen und Feuer
auf, in deren Mitte den Verräter darstellende Figuren aufgestellt sind.
Judas wird als die Verkörperung des bösen Geistes angesehen.]
Der +Tod+ wirft nur vorübergehend einen Schatten auf seine Lebenslust.
Von den ärmeren Volksklassen wird der Sarg oft für die Bestattung
gemietet; es ist dies auch nur ein leichter Behälter, denn im
allgemeinen dürfen die Gebeine der Toten nur ein paar Jahre in der
Erde liegen, außer wenn man an die Kirche besondere Zahlungen macht.
Aber stets muß eine Messe gelesen und Blumenopfer (an Stelle der sonst
üblichen Kerzen) dargebracht werden; auch eine äußere Bekundung der
Trauer durch schwarze oder lila Gewänder ist üblich. In den abgelegenen
Indianerdörfern, die seit den Tagen der Eroberung wenig berührt wurden,
nehmen die Bewohner, wie es scheint, noch altaztekische Gebräuche bei
der Beerdigung vor; sie opfern sogar Hunde, Hühner und andere Tiere.
Die Curandera besorgt dies auf irgendeine geheimnisvolle und wohl auch
widerliche Art, um den allzeit gefürchteten bösen Blick wirkungslos zu
machen.
[Illustration: Abb. 206. Zerschlagen der Piñate.