Die Vorstellungen der nordamerikanischen Indianer von +Krankheit und
Heilung+ sind eng mit ihrer Religion verknüpft, und zwar in so hohem
Grade, daß „Medizin“ das hergebrachte Wort für geistige Macht und
der „Medizinmann“ weit mehr Priester als Arzt ist. Seine Wirksamkeit
hängt von der Fähigkeit ab, den bösen Geist, der eine Krankheit
verursacht hat, auszutreiben und zugleich die Hilfe der guten Geister
anzurufen, die den Kranken, wenn sie wollen, wieder gesund machen
können. Obwohl die Medizinmänner, um den Glauben an ihre Kunst zu
stützen, nach außen hin mit allerlei Mummenschanz arbeiten, sind sie
doch meistens schlau genug, auch wirkliche Heilmittel anzuwenden, da
ihr Amt recht verantwortlich ist, unter Umständen ihnen wohl auch von
seiten der Verwandten des Kranken Gefahr bringt. Zwar werden sie selten
unterlassen, beim Mißglücken ihres Heilverfahrens einen der zahlreichen
dem Volke einleuchtenden Gründe für den Tod des Betreffenden anzugeben;
immerhin kommt es vor, daß die Angehörigen dem Medizinmann die Schuld
beimessen und ihn mit seiner Familie zur Strafe abschlachten.
Sobald der +Tod+ Einzug gehalten hat, glauben die Indianer, daß die
abgeschiedene Seele des Verstorbenen in die Geisterwelt eingegangen
sei, die sie überall umgibt. Darüber, wo dieses Jenseits zu suchen
ist und welches Schicksal den Toten dort erwartet, herrschen
zahlreiche Auffassungen. Ganz allgemein gesprochen, denkt man sich das
+zukünftige Leben+ ähnlich dem auf der Erde, nur unter glücklicheren
Bedingungen. Die Hauptrolle spielen dabei reichliche Jagdgründe und
ein friedfertiges Verhalten der Stämme untereinander. Wie sich die
Navajo das Jenseits ausmalen, davon war schon oben die Rede. -- Eine
+Begräbnisfeier+ der Zuñi schildert uns Cushing wie folgt. Sobald der
Tote den letzten Atemzug getan hatte, wurde er von den Frauen seines
eigenen Clans gebadet und ein Gefäß mit Wasser neben ihm zerbrochen;
damit gab man ihn der Sonne zurück. Darauf trugen vier Männer die in
Decken gehüllte Leiche unter dem Wehklagen der Frauen nach dem alten
Begräbnisplatze und senkten sie ins Grab, während einer von ihnen,
das Gesicht gegen Osten gewandt, ein Gebet sprach und Mehl, Speise
und andere Gaben darüber streute. Vier Tage später brachten die
Leidtragenden unter flehenden Bitten im Namen des Toten wunderschöne,
mit Papageifedern geschmückte Gebetstöcke, die im religiösen Leben
bei ihnen eine große Rolle spielen, als Opfer dar. Die Totenfeier
wurde damit fortgesetzt, daß fünfzig Zuñimänner unter Anführung eines
bemalten und geschmückten Priesters, dem der fackeltragende Feuergott
folgte, sich gegen Westen auf eine Pilgerfahrt begaben, wie man sagte,
„in die Stadt Ka-ka und in das Heim unserer verlorenen anderen“. Nach
vier Tagen kehrten sie zurück und führten Körbe lebender Schildkröten
in weiche Decken eingehüllt mit sich. Ein müder Mann brachte dem
Gouverneur eine Schildkröte ins Haus und stellte sie auf die Erde,
wobei er besonders zärtlich mit ihr umging; sie suchte sich aber so
schnell wie möglich aus dem Staube zu machen. Die Angehörigen des
Mannes gingen dem Tier in alle Ecken und Winkel nach, beteten und
bestreuten es mit Maismehl. Als Cushing nun fragte, warum man das
Tier nicht laufen lasse oder ihm nicht wenigstens etwas Wasser zum
Trinken gebe, damit es nicht sterbe, wandte der Mann ihm langsam seinen
Blick zu, wobei sich gleichzeitig Schmerz, Empörung und Mitleid auf
seinem Gesichte ausprägten, und antwortete: „Ich sage dir, es kann
nicht sterben; es wird morgen nur seine Wohnung wechseln und in das
Heim seiner Brüder zurückgehen.“ Darauf wandte er sich wieder an die
Schildkröte und rief ihr mit schmeichelnden Worten zu: „Ach, mein
armes, teures, verlorenes Kind, Vater oder Mutter, meine Schwester
oder mein Bruder, der du warst!“ Dabei begann er aufs rührendste zu
weinen, seine Stimme vor Schluchzen zu beben; die anwesenden Frauen
und Kinder fielen in das Heulen ein. Am nächsten Tage wurde die arme
Schildkröte unter Gebet und Opfergaben schonend getötet; ihr Fleisch
und ihre Knochen wurden dem kleinen Flusse in der Nähe übergeben, damit
sie zum ewigen Leben im dunklen See der Toten zurückkehrten, und aus
ihrer Schale wurde eine heilige Klapper angefertigt. Dieser eigenartige
Brauch findet seine Erklärung in der Sage, daß, als die Menschen zuerst
in dieses Land kamen, sie über einen großen Fluß mußten, bei dessen
Überschreitung viele Frauen ihre Kinder einbüßten, indem sie ihnen vom
Rücken glitten und in Schildkröten verwandelt wurden. Mit dem Ausdruck
„unsere verlorenen anderen“ sind die Stammesmitglieder gemeint, die auf
diese Weise hinter ihren Anverwandten zurückblieben und ihnen jenseit
des Sees der Toten eine Heimat bereiteten.
[Illustration:
Phot. _Dr._ Arnold Heim.