Wir erwähnten bereits die Tatsache, daß bei den Scheyennen Jünglinge,
die sich bei Ablegung der Reifeprobe als feige herausstellten,
in Weiberkleidung gesteckt und auch als Weiber behandelt wurden.
Solche „+Mannweiber+“ sind eine keineswegs seltene Erscheinung
unter den Indianerstämmen; schon Schriftsteller des sechzehnten und
siebzehnten Jahrhunderts berichteten von ihnen und fügen hinzu, daß
sie vielfach zur sexuellen Befriedigung der Männer gedient haben
und unter Umständen für diesen Beruf geradezu erzogen wurden. Die
neueren Forschungsreisenden haben solche Personen wohl bei allen
nordamerikanischen Stämmen kennen gelernt. Sie sollen sich öfter schon
durch einen eigenen Typus auszeichnen, der wenig Männlichkeit verrät;
dazu kommt, daß sie Weiberkleider tragen, weibliches Gebaren annehmen
-- manche putzen sich geradezu als Stutzer heraus -- und weibliche
Arbeiten ausführen, männliche Beschäftigungen dagegen gänzlich
meiden: so gehen sie niemals auf die Jagd oder auf den Kriegspfad.
Manche von ihnen sollen große Geschicklichkeit in der Verrichtung
weiblicher Obliegenheiten bekunden. Von den Tschippewä wird erzählt,
daß diese „Agoqwas“ in aller Form mit Männern verheiratet wurden;
Ähnliches wird von den Acagehemen Kaliforniens berichtet. Es hat den
Anschein, als ob es sich bei diesen Mannweibern vielfach um pervers
veranlagte junge Leute handle. Ihr regelwidriges geschlechtliches
Empfinden mag ihnen teilweise angeboren, teilweise auch anerzogen
worden sein; eine Reihe Stämme bilden gewisse junge Leute zu solchen
pervers-geschlechtlichen Zwecken geradezu aus. Ganz eigenartig ist die
Art, wie die Pueblos Neu-Mexikos die Betreffenden „zu Weibern machen“.
Zu einem „Mujerado“ wird der kräftigste Mann des Dorfes ausgewählt
und an ihm täglich wiederholt Masturbation vorgenommen, um große
geschlechtliche Reizbarkeit zu erzeugen, die mit der Zeit infolge der
allzu häufigen Samenentleerungen zu einem Schwund der Keimdrüsen führt;
jede Erektionsfähigkeit ist bei einem solchen Menschen schließlich
erloschen. Mit dieser künstlichen Entmannung gehen gleichzeitig
Veränderungen im Gemütsleben einher; der Mujerado verliert die Lust an
seinen früheren Beschäftigungen und entäußert sich in körperlicher und
geistiger Beziehung mehr und mehr aller Männlichkeit. Er kleidet sich
nach Weiberart, meidet anfänglich die Männer und sucht die Frauen auf,
gibt sich aber schließlich doch jenen zu homosexuellen Zwecken hin.
[Illustration:
Phot. George Wharton James.
Abb. 194. Regentanz der Zuni-Indianer, bei dem sie Masken tragen.
Im Hintergrunde erblickt man ihre terrassenförmig sich aufbauenden
Häuser aus Stein oder an der Sonne getrockneten Ziegeln.]
+Kinderverlobungen+ sind unter den nordamerikanischen Indianerstämmen
nicht gerade eine Seltenheit; man pflegt aber nicht immer gleichaltrige
Kinder miteinander zu versprechen, sondern mit Vorliebe junge, zehn-
bis zwölfjährige Mädchen mit Männern, die bereits voll erwachsen und
imstande sind, eine Familie zu ernähren. -- Von +Werbungen+ der jungen
Männer um ihre Mädchen ist wenig bekannt. Bei den Schwarzfüßen sorgen
die Eltern für das Zustandekommen der Heirat, da es unter ihnen nicht
Sitte ist, daß unverheiratete Mädchen mit Männern zusammenkommen.
Sobald die Eltern des Mädchens sich einen Schwiegersohn ausgesucht
haben, halten sie in der Weise um ihn an, daß der Vater ihm den
Vorschlag macht, seine Tochter solle dem jungen Manne das Essen in
seine Hütte bringen. Geht dieser darauf ein, dann tut dies das Mädchen
einen ganzen Monat lang; währenddessen unterweist der Vater sie in den
Pflichten, die sie als Ehefrau zu erfüllen hat. Nach Ablauf dieser
Zeit findet eine Festlichkeit in der Hütte des jungen Mannes statt, zu
der nur die Angehörigen eingeladen werden. Mutter und Tochter bringen
das Essen bis an die Tür, die Braut tritt allein in das Zelt und setzt
sich, ohne ein Wort zu sprechen, an die rechte Seite ihres Zukünftigen;
darauf verteilt sie gestickte Mokassins an alle Gäste. Nach dieser
Festlichkeit werden weitere Geschenke ausgetauscht. Die Mutter des
Mädchens baut für die jungen Leute eine neue Hütte und schenkt dem
Schwiegersohn einen neuen Buckskinanzug und für ihre Tochter wollene
Decken, Gewänder aus Büffelhaut und ebenfalls ein Buckskinkleid. Bei
den Schwarzfüßen tritt das Mädchen aus dem elterlichen Clan aus; auch
die Kinder werden der Familie des Mannes zugezählt. -- Es gehört zum
guten Ton, daß die Schwiegermutter ihre Tochter nur in Anwesenheit
von deren Manne besucht, da es jener sehr peinlich sein würde, wenn
dieser etwa unerwartet auftauchte; sollte der Schwiegersohn gegen diese
Sitte verstoßen, dann wäre dies nur dadurch gutzumachen, daß er seiner
Schwiegermutter ein Pferd verehrt. Wo es dem Mädchen ausnahmsweise
gestattet ist, sich den Mann zu wählen, besteht eine hübsche Art der
Werbung. Die jungen heiratslustigen Krieger warten in Decken gehüllt
vor ihrem Wigwam, bis ein Mädchen kommt. Wer es gern haben möchte,
wirft ihm den Zipfel seiner Decke über den Kopf; ist das Mädchen mit
dem Bewerber nicht einverstanden, so schreit es auf und wird sofort
freigelassen, worauf ein anderer sein Glück versucht. Wer vor den
Augen der jungen Schönen Gnade findet, dem erlaubt sie, seine Decke
vollständig über sie zu ziehen, worauf beide zusammen abgehen.
Die Hauptzeremonie bei der +Hochzeit+ besteht in der Darbringung von
Geschenken. Der junge Ehemann beschenkt stets die Eltern der Braut
(Abb. 197), und er sowie seine eigenen Eltern erhalten von diesen im
allgemeinen Gegengeschenke; doch unterbleibt dies vielfach auch. Dort,
wo die Sitte besteht, daß Geschenke nur von seiten des Bräutigams
gegeben werden, artet die Ehe leicht zu einem einfachen Kauf- und
Verkaufgeschäft aus. Wenn ein junges Paar durchgeht, so bringt dies der
Familie zunächst Schande, bis die Sache durch nachträgliche Geschenke
wieder gutgemacht ist.
Bedingung ist wohl bei allen nordamerikanischen Indianerstämmen, daß
der Mann außerhalb seines Clans, gewöhnlich auch außerhalb seines
Stammes heiratet; es kommt sogar vor, daß Ehen außerhalb des eigenen
Volkes geschlossen werden. +Polygamie+ ist sehr verbreitet. Durch die
vielen Kriege, die die Indianer im Laufe der Zeiten geführt haben,
büßten viele junge Männer ihr Leben ein; dies hatte zur Folge, daß die
Zahl der Frauen unter ihnen überwiegt. So ist Vielweiberei vielfach zu
einer sozialen Notwendigkeit geworden.
Unter den Tschippewä besteht eine Ordensbrüderschaft, deren Mitglieder,
sobald sie die vierte Stufe des Ordens erreicht haben, imstande sein
sollen, ein Pulver herzustellen, das als kräftiger +Liebeszauber+
wirkt. Es besteht aus roter Farbe, gepulverter Schlangenwurzel, etwas
Blut von einem Mädchen, das zum ersten Male menstruiert hat, und einem
gepulverten Stück Ginseng, das aber gerade der Stelle der Wurzel
entnommen worden sein muß, wo sie sich in zwei Äste teilt (wohl ein
Anklang an den Unterleib des Menschen mit den beiden Beinen). Mit der
Mischung dieser Bestandteile allein ist aber das Liebespulver noch
nicht wirksam; dazu gehört noch ein Opfer aus Tabak an den Kitshi
Manido, das von Gesang und dem Schall einer Zauberrassel begleitet
sein muß. Will man nun das Mittel erfolgreich anwenden, muß man es der
geliebten Person unter ihr Lager bringen.
[Illustration:
Phot. H. J. Shepstone.
Abb. 195.