Abb. 193. Indianische Holzmasken.]

Wir erwähnten bereits die Tatsache, daß bei den Scheyennen Jünglinge,

die sich bei Ablegung der Reifeprobe als feige herausstellten,

in Weiberkleidung gesteckt und auch als Weiber behandelt wurden.

Solche „+Mannweiber+“ sind eine keineswegs seltene Erscheinung

unter den Indianerstämmen; schon Schriftsteller des sechzehnten und

siebzehnten Jahrhunderts berichteten von ihnen und fügen hinzu, daß

sie vielfach zur sexuellen Befriedigung der Männer gedient haben

und unter Umständen für diesen Beruf geradezu erzogen wurden. Die

neueren Forschungsreisenden haben solche Personen wohl bei allen

nordamerikanischen Stämmen kennen gelernt. Sie sollen sich öfter schon

durch einen eigenen Typus auszeichnen, der wenig Männlichkeit verrät;

dazu kommt, daß sie Weiberkleider tragen, weibliches Gebaren annehmen

-- manche putzen sich geradezu als Stutzer heraus -- und weibliche

Arbeiten ausführen, männliche Beschäftigungen dagegen gänzlich

meiden: so gehen sie niemals auf die Jagd oder auf den Kriegspfad.

Manche von ihnen sollen große Geschicklichkeit in der Verrichtung

weiblicher Obliegenheiten bekunden. Von den Tschippewä wird erzählt,

daß diese „Agoqwas“ in aller Form mit Männern verheiratet wurden;

Ähnliches wird von den Acagehemen Kaliforniens berichtet. Es hat den

Anschein, als ob es sich bei diesen Mannweibern vielfach um pervers

veranlagte junge Leute handle. Ihr regelwidriges geschlechtliches

Empfinden mag ihnen teilweise angeboren, teilweise auch anerzogen

worden sein; eine Reihe Stämme bilden gewisse junge Leute zu solchen

pervers-geschlechtlichen Zwecken geradezu aus. Ganz eigenartig ist die

Art, wie die Pueblos Neu-Mexikos die Betreffenden „zu Weibern machen“.

Zu einem „Mujerado“ wird der kräftigste Mann des Dorfes ausgewählt

und an ihm täglich wiederholt Masturbation vorgenommen, um große

geschlechtliche Reizbarkeit zu erzeugen, die mit der Zeit infolge der

allzu häufigen Samenentleerungen zu einem Schwund der Keimdrüsen führt;

jede Erektionsfähigkeit ist bei einem solchen Menschen schließlich

erloschen. Mit dieser künstlichen Entmannung gehen gleichzeitig

Veränderungen im Gemütsleben einher; der Mujerado verliert die Lust an

seinen früheren Beschäftigungen und entäußert sich in körperlicher und

geistiger Beziehung mehr und mehr aller Männlichkeit. Er kleidet sich

nach Weiberart, meidet anfänglich die Männer und sucht die Frauen auf,

gibt sich aber schließlich doch jenen zu homosexuellen Zwecken hin.

[Illustration:

Phot. George Wharton James.

Abb. 194. Regentanz der Zuni-Indianer, bei dem sie Masken tragen.

Im Hintergrunde erblickt man ihre terrassenförmig sich aufbauenden

Häuser aus Stein oder an der Sonne getrockneten Ziegeln.]

+Kinderverlobungen+ sind unter den nordamerikanischen Indianerstämmen

nicht gerade eine Seltenheit; man pflegt aber nicht immer gleichaltrige

Kinder miteinander zu versprechen, sondern mit Vorliebe junge, zehn-

bis zwölfjährige Mädchen mit Männern, die bereits voll erwachsen und

imstande sind, eine Familie zu ernähren. -- Von +Werbungen+ der jungen

Männer um ihre Mädchen ist wenig bekannt. Bei den Schwarzfüßen sorgen

die Eltern für das Zustandekommen der Heirat, da es unter ihnen nicht

Sitte ist, daß unverheiratete Mädchen mit Männern zusammenkommen.

Sobald die Eltern des Mädchens sich einen Schwiegersohn ausgesucht

haben, halten sie in der Weise um ihn an, daß der Vater ihm den

Vorschlag macht, seine Tochter solle dem jungen Manne das Essen in

seine Hütte bringen. Geht dieser darauf ein, dann tut dies das Mädchen

einen ganzen Monat lang; währenddessen unterweist der Vater sie in den

Pflichten, die sie als Ehefrau zu erfüllen hat. Nach Ablauf dieser

Zeit findet eine Festlichkeit in der Hütte des jungen Mannes statt, zu

der nur die Angehörigen eingeladen werden. Mutter und Tochter bringen

das Essen bis an die Tür, die Braut tritt allein in das Zelt und setzt

sich, ohne ein Wort zu sprechen, an die rechte Seite ihres Zukünftigen;

darauf verteilt sie gestickte Mokassins an alle Gäste. Nach dieser

Festlichkeit werden weitere Geschenke ausgetauscht. Die Mutter des

Mädchens baut für die jungen Leute eine neue Hütte und schenkt dem

Schwiegersohn einen neuen Buckskinanzug und für ihre Tochter wollene

Decken, Gewänder aus Büffelhaut und ebenfalls ein Buckskinkleid. Bei

den Schwarzfüßen tritt das Mädchen aus dem elterlichen Clan aus; auch

die Kinder werden der Familie des Mannes zugezählt. -- Es gehört zum

guten Ton, daß die Schwiegermutter ihre Tochter nur in Anwesenheit

von deren Manne besucht, da es jener sehr peinlich sein würde, wenn

dieser etwa unerwartet auftauchte; sollte der Schwiegersohn gegen diese

Sitte verstoßen, dann wäre dies nur dadurch gutzumachen, daß er seiner

Schwiegermutter ein Pferd verehrt. Wo es dem Mädchen ausnahmsweise

gestattet ist, sich den Mann zu wählen, besteht eine hübsche Art der

Werbung. Die jungen heiratslustigen Krieger warten in Decken gehüllt

vor ihrem Wigwam, bis ein Mädchen kommt. Wer es gern haben möchte,

wirft ihm den Zipfel seiner Decke über den Kopf; ist das Mädchen mit

dem Bewerber nicht einverstanden, so schreit es auf und wird sofort

freigelassen, worauf ein anderer sein Glück versucht. Wer vor den

Augen der jungen Schönen Gnade findet, dem erlaubt sie, seine Decke

vollständig über sie zu ziehen, worauf beide zusammen abgehen.

Die Hauptzeremonie bei der +Hochzeit+ besteht in der Darbringung von

Geschenken. Der junge Ehemann beschenkt stets die Eltern der Braut

(Abb. 197), und er sowie seine eigenen Eltern erhalten von diesen im

allgemeinen Gegengeschenke; doch unterbleibt dies vielfach auch. Dort,

wo die Sitte besteht, daß Geschenke nur von seiten des Bräutigams

gegeben werden, artet die Ehe leicht zu einem einfachen Kauf- und

Verkaufgeschäft aus. Wenn ein junges Paar durchgeht, so bringt dies der

Familie zunächst Schande, bis die Sache durch nachträgliche Geschenke

wieder gutgemacht ist.

Bedingung ist wohl bei allen nordamerikanischen Indianerstämmen, daß

der Mann außerhalb seines Clans, gewöhnlich auch außerhalb seines

Stammes heiratet; es kommt sogar vor, daß Ehen außerhalb des eigenen

Volkes geschlossen werden. +Polygamie+ ist sehr verbreitet. Durch die

vielen Kriege, die die Indianer im Laufe der Zeiten geführt haben,

büßten viele junge Männer ihr Leben ein; dies hatte zur Folge, daß die

Zahl der Frauen unter ihnen überwiegt. So ist Vielweiberei vielfach zu

einer sozialen Notwendigkeit geworden.

Unter den Tschippewä besteht eine Ordensbrüderschaft, deren Mitglieder,

sobald sie die vierte Stufe des Ordens erreicht haben, imstande sein

sollen, ein Pulver herzustellen, das als kräftiger +Liebeszauber+

wirkt. Es besteht aus roter Farbe, gepulverter Schlangenwurzel, etwas

Blut von einem Mädchen, das zum ersten Male menstruiert hat, und einem

gepulverten Stück Ginseng, das aber gerade der Stelle der Wurzel

entnommen worden sein muß, wo sie sich in zwei Äste teilt (wohl ein

Anklang an den Unterleib des Menschen mit den beiden Beinen). Mit der

Mischung dieser Bestandteile allein ist aber das Liebespulver noch

nicht wirksam; dazu gehört noch ein Opfer aus Tabak an den Kitshi

Manido, das von Gesang und dem Schall einer Zauberrassel begleitet

sein muß. Will man nun das Mittel erfolgreich anwenden, muß man es der

geliebten Person unter ihr Lager bringen.

[Illustration:

Phot. H. J. Shepstone.

Abb. 195.

Die Sitten der Völker, Dritter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 106 / 203 题