Abb. 182. Szene aus einem Zeremonialtanz der Totonaken

aus dem Papantladistrikt (im Staate Veracruz, Ostmexiko). In den

religiösen Gebräuchen dieses Volkes nimmt der Symbolismus einen breiten

Raum ein.]

Außer seinem Wappentier besitzt jeder Clan noch eine Reihe

+persönlicher Schutzgottheiten oder Dämonen+, die seinen Mitgliedern,

sofern sie in die Geheimnisse eingeweiht sind, bestimmte Gaben oder

Fertigkeiten verleihen, wie zum Beispiel unverwundbar zu sein,

Menschenfleisch essen zu können und dergleichen. Diese Personen

bilden Geheimbünde und führen, besonders zur Winterszeit, Maskentänze

auf, in denen in dramatischer Weise die Gewinnung des Dämons und die

durch ihn erlangten Fähigkeiten zur Darstellung gebracht werden. Die

Religion hat mit diesen Geheimbünden wenig zu schaffen, denn eine

eigentliche Verehrung der Schutzdämonen besteht nicht. Der vornehmste

der zahlreichen Geheimbünde ist der der Hametzen (Hamatsa heißt

Menschenfresser), deren Mitglieder in der Tat noch dem Kannibalismus

huldigen. Gleich bei der Aufnahme muß der Kandidat den ersten besten

Menschen, der ihm entgegenkommt, in den Arm beißen und Blut aus der

Wunde saugen. In früheren Zeiten aßen die Hametzen Sklaven, heute

verspeisen sie eingetrocknete Leichen, die ein bis zwei Jahre lang in

Holzkisten auf Bäumen ausgesetzt waren. Ihr Fleisch wird in Wasser

aufgeweicht, von den Knochen abgeschält und dann verzehrt.

[Illustration:

Phot. George Wharton James.

Abb. 183. Vorbereitungen zur Flötenzeremonie an einem Altar.

Einer der Teilnehmer trägt ein Sinnbild der Sonne. Am unteren Ende

der Stufen ist ein Elternpaar damit beschäftigt, seine Tochter zu

schmücken, wobei ein unbekleidetes kleineres Kind zuschaut.]

Wir können die Beschreibung der barbarischen Bräuche unter den

nordamerikanischen Indianern nicht schließen, ohne noch des

+Skalpierens+ zu gedenken, des Abziehens der Kopfhaut erschlagener

Feinde als Siegeszeichen, einer Unsitte, mit der die Europäer zum

ersten Male im Jahre 1520 unter Francesco de Garay während seines

unglücklichen Zuges nach Panuco bekannt wurden. Das Skalpieren --

der Name ist der englischen Sprache entnommen; Skalp bezeichnet

ursprünglich Schale, Hirnschale -- ist sowohl bei zahlreichen

nordamerikanischen Stämmen, wenngleich nicht bei allen, als auch bei

einzelnen südamerikanischen Indianerstämmen (im Chaco und in Guyana)

Brauch gewesen; er scheint von den Gebieten um den Golf von Mexiko

(Florida) seinen Ausgang genommen zu haben. Die Europäer haben seit

der Entdeckung des neuen Erdteils nicht wenig zu seiner Verbreitung

beigetragen, indem sie, wie Friederici festgestellt hat, durch ihre

Feuerwaffen, die die Kriege viel verlustreicher gestalteten, durch ihre

Stahlmesser, die das Skalpieren bedeutend erleichterten, und durch

Aussetzen von Belohnungen auf die Herbeischaffung von Skalpen, wodurch

das Verlangen nach Erbeutung solcher bedeutend gesteigert wurde, einen

ungeheuren Aufschwung der betreffenden Jagden herbeiführten. Friederici

hat ferner nachgewiesen, daß das Skalpieren aus den Kopfjagden, die

früher sehr gepflegt wurden, hervorgegangen ist; die ursprüngliche

Schädeltrophäe verwandelte sich in eine Skalptrophäe, weil die durch

die leichtere Gelegenheit und größere Nachfrage stark vermehrte Zahl

der erbeuteten Köpfe ihre Beförderung auf beschwerlichen Wegen und

große Entfernungen sehr schwierig machte. Deshalb verfiel man auf den

Gedanken, sich mit der abgezogenen Kopfhaut zu begnügen, denn nach der

Ansicht der Indianer, wie der Naturvölker überhaupt, sind nicht nur

Teile des Körpers gleichbedeutend mit ihm in seiner Gesamtheit, sondern

auch Teile vom Teil mit dem vollständigen Teil. Die Gründe, die zu

den Skalpjagden Veranlassung gaben, waren mannigfacher Natur; es sind

ziemlich dieselben, wie wir sie bereits an anderer Stelle bezüglich

der Kopfjägerei kennen gelernt haben, nämlich das Verlangen nach

Ruhm und Ehre durch Beibringung dieses Zeichens der Tapferkeit, der

Glaube an geheime Kräfte, die man sich durch die Erbeutung des Kopfes

oder der Kopfhaut seines Feindes anzueignen hoffte, schließlich auch

die Rachsucht. Der Vorgang beim Abziehen des Skalps war verschieden,

je nach der Art, wie das Opfer das Haar trug. Friederici hat trotz

der zahlreichen Haartrachten der Indianer doch zwei Hauptformen

festgestellt: bei der einen lag die Skalplocke in der Mitte des Kopfes,

hier gab es nur einen Skalp; bei der anderen war das Kopfhaar durch

Scheitel oder zwei und mehr geflochtene Zöpfe in mehrere Teile geteilt,

was zur Zerlegung der Kopfhaut in mehrere Skalpe führte. Um sich seiner

Siegestrophäe zu bemächtigen, setzte der Indianer im ersten Falle

seinem am Boden liegenden Opfer einen Fuß oder ein Knie auf Brust,

Nacken oder Rücken, ergriff mit der linken Hand die Haare und zog sie

fest an, während seine Rechte mit dem Messer oberhalb oder unterhalb

der Ohren einen Kreis um den Kopf zog. Das ganze Abziehen, bei dem

manchmal die Zähne, ein Strick oder die Bogensehne mithalfen, wurde bei

einiger Geschicklichkeit in kaum einer bis zwei Minuten ausgeführt. Ein

auf diese Weise gewonnener Skalp war verhältnismäßig groß und mußte,

um echt zu sein, die Krone des Scheitels aufweisen. War der Haarschopf

geteilt, so wurde eine Handvoll Haare oder einer der Zöpfe erfaßt, die

Haut emporgehoben und mit dem Messer darunter durchgefahren; auf diese

Weise wurden mehrere Skalpe beziehungsweise ein mehrteiliger Skalp

gewonnen. Die blutige Trophäe pflegte der Sieger unter lautem Geheul

in die Höhe zu halten und dann an seinem Gürtel zu befestigen. Die

Indianer waren in so hohem Grade auf die Erlangung von Skalpen erpicht,

daß sie keine Anstrengung und keine Entfernung scheuten, um in den

Besitz des kostbaren Gutes zu gelangen.

Während der +Schwangerschaft+ bestehen auch für die Indianerin, wie

wohl überall bei den Naturvölkern, gewisse Vorschriften, die sie

befolgen muß, damit das Kind keinen Schaden nehme, indessen scheinen

diese bei den nordamerikanischen Stämmen nicht mehr so streng zu sein

wie bei den südamerikanischen. Die Indianerinnen Kanadas essen während

ihrer Schwangerschaft überhaupt wenig, und die Utah-Indianerinnen

fasten geradezu in den letzten Wochen vor ihrer Niederkunft. -- Bei

den Ten’a-Indianern Alaskas muß die Schwangere vom dritten Monat an

jede Nacht zwei- bis dreimal für etwa eine halbe Stunde ihren Schlaf

unterbrechen und diese Zeit über sitzend auf ihrem Lager zubringen,

auch am Tage sich körperlich viel betätigen, im besonderen Holz klein

machen, wodurch die Geburt einen leichteren Verlauf nehmen soll. Wenn

die Kreißende während des Geburtsvorgangs Stuhl oder Wasser unter sich

läßt, dann wird dies als eine üble Vorbedeutung für das Kind angesehen.

Man zieht in diesem Falle vor, das Neugeborene sogleich zu töten, indem

man es unter der Nachgeburt erstickt. Die Ten’a-Indianer pflegen diese

in ein Bündel einzuwickeln, zu trocknen und im Walde an einen Baum zu

hängen, wo sie ihrem Schicksal überlassen bleibt. Nur wenn eine Frau

fernerhin kein Kind mehr bekommen will, vergräbt sie den Mutterkuchen

in der Erde und läßt ihn hier verfaulen; noch besser soll dies Mittel

wirken, wenn sie ihn zuvor in etwa ein Dutzend Stücke zerreißt. Etwa

vorhandenes Kindspech wird an den Handflächen des Kindes gelassen, da

man glaubt, daß dies seine Nahrung im Mutterleibe gewesen sei und daß

bei Befolgung dieser Vorschrift das Kind in seinem späteren Leben immer

reichlich zu essen haben werde. Ist das Erstgeborene ein Mädchen, so

halten die Ten’a dies für ein böses Vorzeichen. Nach der Geburt haben

sich beide Eltern zwei bis drei Tage lang davor zu hüten, mit einem

scharfen Werkzeug, Axt, Messer, Säge und dergleichen zu hantieren;

man befürchtet nämlich, daß sie dadurch zufällig den vermeintlichen

Lebensfaden des Kindes durchschneiden könnten. Darum holen in dieser

Zeit Nachbarinnen und gute Freunde für die Eltern Holz aus dem Walde

und zersägen und spalten es auch.

[Illustration:

Phot. Underwood & Underwood.

Abb. 184. Maske für den Katschinatanz der Hopi.

Dieser Tanz wird zwischen Januar und Juli zu Ehren der Ahnengeister und

der Gottheiten von minderer Bedeutung abgehalten. Man glaubt, daß die

Geister nach dieser Feier den Ort verlassen und an ihre Wohnsitze in

Shipapu zurückkehren.]

[Illustration:

Phot. R. B. Townshend.

Abb. 185. Maske, die das Gesicht einer Zauberin wiedergeben soll.

Die Größe des Pflocks in der Unterlippe zeigt an, daß sie viele Kinder

hatte.]

Der +Nabelstrang+ wird vielfach einfach abgebissen, aber auch

durchgeschnitten; früher benutzte man dazu ausschließlich Steinmesser.

Die Tscheroki vergraben den Nabelstrang der Mädchen unter einem

Kornmörser, damit das Kind eine tüchtige Brotzubereiterin werde, den

der Knaben aber hängen sie im Walde an einem Baume auf, damit sie

sich zu guten Jägern entwickeln. Die Kaiowäh nähen die Nabelschnur

der Mädchen in kleine Perlensäckchen ein, die später von diesen

am Gürtel getragen und nach ihrem Tode an einem Stock auf ihr Grab

gesteckt werden. Die Scheyenne schließen die sorgfältig zusammengelegte

Nabelschnur in einen Kasten oder Sack, der außerdem noch Kleidungstücke

und Schmuck enthält, und behaupten, daß das Kind nicht eher Ruhe finde,

als bis es darin seine Nabelschnur aufgestöbert habe.

[Illustration:

Phot. Underwood & Underwood.

Abb. 186. Ein etwa 15 Fuß hoher Sandsteinfelsen zu Walpi,

um den die Hopi bei der Zeremonie des Schlangentanzes, Schlangen im

Munde tragend, herumziehen.]

Das +Neugeborene+ wird bei vielen nordamerikanischen Indianerstämmen

sogleich in kaltes Wasser getaucht, selbst bei strengster Kälte, was

ihm im allgemeinen auch gut bekommt, darauf verschiedentlich mit Öl,

Butter und Farbe eingerieben. Dadurch soll die Haut widerstandsfähiger

gegen die Witterung gemacht werden. -- +Zwillinge+ werden

verschiedentlich für glückbringend angesehen. Die Dakota halten sie für

übernatürliche Wesen, die aus einer anderen Welt, dem Zwillingslande,

stammen, und behandeln sie daher mit besonderer Sorgfalt. Die

Nootka-Indianer Vancouvers setzen Zwillinge zu den Lachsen in Beziehung

und sehen eine Zwillingsgeburt als günstiges Vorzeichen für ein reiches

Lachsjahr an. Die Eltern errichten abseits vom Dorfe an einem Fluß im

Walde eine kleine Hütte und stellen um sie herum hölzerne Bildnisse und

Masken auf, die Vögel und Fische darstellen; in ihr müssen sie zwei

Jahre lang fern von ihren Stammesgenossen verweilen. Der Vater muß

sich ein ganzes Jahr lang durch Baden reinigen und sein Gesicht rot

färben. Beim Baden muß er bestimmte Lieder singen, die nur für diesen

Zweck in Gebrauch sind und ein Lob der Lachse sowie die Aufforderung

enthalten, sich einzufinden, um die Zwillinge zu sehen. Wenn die

Tiere diesen Gesang vernehmen und die zahlreichen Masken erblicken,

dann kommen sie in großen Scharen an. Daher wird aus der Geburt

von Zwillingen auf ein gutes Lachsjahr geschlossen. Nun kommt es

allerdings auch vor, daß die ersehnten Lachsscharen ausbleiben; dann

erblickt man darin eine Mahnung, die Zwillinge zu töten. Zwillingen ist

es verboten, Lachse zu fangen; auch dürfen sie frische Lachse weder

essen noch auch nur berühren. Ebenso dürfen die Eltern während der Zeit

ihrer Absonderung weder Lachse essen noch anfassen. Zwillingen werden

besondere Kräfte zugeschrieben, zum Beispiel die Fähigkeit, gutes und

schlechtes Wetter zu machen. Um Regen zu erzeugen, füllen sie einen

kleinen Korb mit Wasser und spritzen dieses in die Luft; um gutes

Wetter zu machen, schwingen sie ein Stück Holz, das mit einer Schnur

an einem Stock befestigt ist, und um Sturm hervorzubringen, streuen

sie von einem Baume die Sprossen der Zweige herab. Solange Zwillinge

noch Kinder sind, vermag die Mutter an ihrem Spiel zu erkennen, ob ihr

Gatte erfolgreich von seiner Jagd zurückkehren wird oder nicht. Hauen

oder beißen sie sich bei ihrem Spiel, dann wird der Mann bei seinem

Ausflug von Glück begünstigt sein; verhalten sie sich aber ruhig,

dann wird er mit leeren Händen zurückkehren. Ähnlichen Vorstellungen

von der Bedeutung der Zwillinge begegnen wir noch bei anderen

nordamerikanischen Indianerstämmen.

[Illustration:

Phot. George Wharton James.

Abb. 187. Szene aus dem Schlangentanz zu Walpi.

Der Priester steigt auf einer Leiter in die Schlangenkiwa. Von einem

über ihr errichteten Gerüst hängen Adlerfedern sowie Felle von Wiesel

und Stinktier herab. Vorn liegen Hacken und Grabstöcke, die nicht nur

zum Ackerbau, sondern auch zum Schlangenfang benützt werden.]

+Fruchtabtreibung+ ist unter den Indianern ziemlich verbreitet, was

zur Folge gehabt hat, daß viele Stämme dem Aussterben nahe sind. Die

Gründe, die dazu führen, die Schwangerschaft durch künstliche Mittel

zu unterbrechen, sind ziemlich dieselben, die wir schon anderwärts

verschiedentlich kennen gelernt haben, wie Furcht vor Überbürdung und

Mehrarbeit bei einer zahlreichen Familie, Nahrungssorgen, Besorgnis

der Frauen, ihre Schönheit durch zu viele Kinder zu verlieren und

frühzeitig zu altern, das verschiedentlich bestehende Gebot, jeglichen

geschlechtlichen Verkehr während des Stillgeschäftes, das unter

Umständen recht lange dauert, zu meiden, bei unverheirateten Mädchen

auch die Furcht vor der Schande und anderes mehr. Auf eigenartige

Weise wird die Abtreibung bei den Krähen- und Assiniboin-Indianerinnen

vorgenommen. Die Schwangere läßt sich den Bauch kräftig kneten oder

wälzt sich auf einem kleinen in der Erde steckenden Pfahl umher; auch

streckt sie sich auf dem Boden aus, legt sich ein Brett auf den Bauch

und läßt ihre Freundinnen auf dasselbe herauf- und hinunterspringen,

bis die Frucht abgeht. Auch das +Aussetzen neugeborener Kinder+ aus

Mangel an Nahrungsmitteln ist bei einer Reihe Indianerstämme üblich. --

Die Indianerin pflegt ihre Kinder ziemlich lange zu +säugen+, meistens

zwei bis drei Jahre lang, aber auch Zeiträume von sechs bis sieben

Jahren sind keine Seltenheit.

Die Odschibwä und andere nordamerikanische Stämme veranstalten +bei

der Geburt+ eines Kindes +eine besondere Feierlichkeit+ religiösen

Charakters. Kind, Eltern und Verwandte kommen mit den Medizinmännern

im Tempelwigwam zusammen; letztere tanzen umher und machen mit ihren

Trommeln und Kalabassen großen Lärm, während das Kind in der Mitte des

Raumes liegt. Nach Beendigung dieser Feierlichkeit geben sie dem Vater

Zaubermittel und Amulette, die für das Gedeihen des Kindes von Wert

sein, im besonderen Schutz gegen Krankheit gewähren sollen.

[Illustration:

Phot. George Wharton James.

Abb. 188. Flötentanz der Hopi,

der jährlich mit dem Schlangentanz abwechselt. Er dauert neun Tage und

soll die Götter für die Ernte günstig stimmen. Ein Priester führt einen

Zug Weiber zu einem Schrein.]

Für gewöhnlich pflegen die Indianer ihren Kindern sogleich nach der

Geburt oder doch nur kurze Zeit danach einen +Namen zu geben+, manchmal

allerdings erst bei der Entwöhnung. Auch wird der ursprüngliche Name

gelegentlich geändert, zum Beispiel bei Eintritt der Mannbarkeit

oder eines ungewöhnlichen Ereignisses oder infolge besonders

hervorragender Eigenschaften des Betreffenden. Maßgebend für den dem

Kinde beizulegenden Namen sind entweder feste Regeln (in bestimmter

Aufeinanderfolge) oder die Namen gewisser Tiere beziehungsweise von

Teilen solcher und ihren Eigenschaften, wie roter Fuchs, weißer Marder

und so weiter. Die Foxindianer legen ihren Kindern Namen bei, die zu

dem Stamme des Vaters in Beziehung stehen; ist ein Stamm zum Beispiel

dem Adler zugeordnet, so erhalten die Kinder Namen wie „Grauer Adler“,

„Habicht“, „Große Feder“, „Großer Schnabel“ und so fort.

[Illustration:

Phot. George Wharton James.

Abb. 189. Antilopenaltar in einer Antilopenkiwa zu Walpi.

Er besteht aus Figuren, die in feierlicher Weise aus braunem, rotem,

weißem, gelbem, grünem und schwarzem Sand zusammengesetzt werden. Die

Zickzacklinien stellen den regenbringenden Blitz dar. Um den Altar

her stehen Sinnbilder, Fetische, Bahos (zwei durch ein Federbündel

miteinander verbundene Gebetstöcke), Gefäße mit geweihtem Mehl,

Klappern und ähnliche Gegenstände.]

Sehr verbreitet ist unter den nordamerikanischen Indianern die Unsitte

der +Schädelverunstaltung+ bei Kindern. Allerdings ist diese oft genug

nicht beabsichtigt, sondern rührt von der eigentümlichen Form der

Wiegen her, in denen die Frauen ihre Kleinen unterbringen und beständig

belassen. Meistens sind diese Wiegen trogartig ausgehöhlte Brettchen,

auf denen das Kind in ausgestreckter Haltung mit Riemen oder Bindfäden

festgeschnürt wird. Einer dieser Querriemen pflegt auch über die Stirn

beziehungsweise über ein auf ihr ruhendes Polster geführt zu werden,

ein Kissen von Gras oder auch ein dreieckiger Klotz mit aufgerichteter

Kante als Stützpunkt für den Nacken des Kindes zu dienen. Die Mutter

führt ihr in solcher Wiege fest verschnürtes Kind gewöhnlich mit sich,

wobei sie es an einem um ihre eigene Stirn gehenden Riemen oder an

Achselbändern auf dem Rücken trägt; bei der Arbeit stellt sie die

Wiege mit dem Kinde neben sich oder hängt sie am nächsten Baume auf.

Zu Hause stellt sie sie an dem Pfosten der Hütte hin. Auf jeden Fall

wird das Kind beständig in senkrechter Stellung gehalten und, damit es

nicht rutscht, festgebunden; die Mutter pflegt es nur für kurze Zeit

aus seiner Umschnürung herauszunehmen. Es leuchtet ein, daß durch eine

derartige Vorrichtung auch die Form des kindlichen Kopfes beeinflußt

werden muß, zumal wenn dieser als Schirm gegen die Sonnenstrahlen

noch ein hartes Schutzdach erhält, das dem Schädel ebenfalls fest

angepreßt wird. Die so entstehende Form läßt den Kopf von vorn nach

hinten zusammengedrückt, abgeflacht und nach oben zu keilartig

verlängert erscheinen. Zum Teil hilft man sogar einer derartigen

Verunstaltung noch absichtlich nach, wenigstens wird von einer Reihe

nordamerikanischer Stämme (zum Beispiel den Tschinuk, Natchez, Creeks,

Maskoki, Athacapenen und anderen) berichtet, daß sie die Binden um den

Kopf von Zeit zu Zeit immer fester anziehen. Ein Stamm der Selisch, bei

dem die Schädelverunstaltung ganz besonders auffiel, wurde früher von

den Europäern deswegen die Flatheads oder Flachköpfe genannt.

[Illustration:

Phot. George Wharton James.

Abb. 190. Szene aus dem Schlangentanz der Hopi.

Er neigt sich dem Ende zu. Die „Sammler“ mit Schlangenbündeln in den

Händen sind im Begriff, sich zum Tanzfelsen zu begeben. Die Zuschauer

bestehen aus Navajos und Weißen.]

Die Indianer behandeln ihre +Kinder+ im allgemeinen freundlich,

teils weil sie an sich recht gutmütig zu sein pflegen, teils mit

Überlegung, um zu verhüten, daß das Gemüt der zukünftigen Krieger

eingeschüchtert, ihre Willenskraft gebrochen werde. Daher sind die

Indianerkinder sehr frühzeitig selbständig, mutwillig und ungehorsam

gegen ihre Eltern. Wie unsere Kinder treiben auch sie +Spiele+. Die

Mädchen mögen Puppen gern -- schon in den vorgeschichtlichen Mounds

hat man solche gefunden --, die sie wie unsere Mädchen versorgen und

in Wiegen schaukeln; die Knaben spielen mit Bällen und Kreiseln, Pfeil

und Bogen, handhaben die Schleuder und so fort. Es reizt sie wie alle

Kinder, die Hantierungen der Erwachsenen nachzuahmen; vielfach werden

sie zu solcher Beschäftigung auch schon frühzeitig von Vater und

Mutter angehalten, die Mädchen zum Kochen, Feueranzünden, zum Besorgen

von Zelt oder Wigwam, die Knaben zum Gebrauch der Waffen, zum Jagen

und Reiten -- bei den Krähenindianern wird ihnen dieses, wie Irving

sah, schon im dritten Lebensjahre beigebracht --, zur Verfolgung von

Fährten und zum Viehhüten. Auch Bewegungspiele im Freien sind sehr

beliebt. Bei den Choctaw war früher ein gemeinsames Spiel der Männer

und Knaben sehr in Gebrauch, mit verbundenen Augen durch einen breiten

Fluß zu schwimmen und an einem bestimmten Ziel zu landen, oder in

Felle und Decken eingewickelt einen Hügel hinabzurollen; wer zuerst

am festgesetzten Mal anlangte, war Sieger. Eines der Lieblingspiele

der Omahakinder besteht darin, daß sie sich, etwa zehn bis zwanzig

Kinder hintereinander, in einer Reihe aufstellen, die Knaben unter acht

Jahren nackend bis auf eine Schnur, die um ihren geschmeidigen kleinen

Körper gebunden ist, die Mädchen mit einem kurzen Rock angetan, und

daß nun jedes Kind den Gürtel des vor ihm stehenden erfaßt und alle

watschelnd im Gänsemarsch davontraben, im Takt eines im Kauderwelsch

gesungenen Liedes. Während des Zuges, der um Bäume herum- und zwischen

Zelten hindurchführt, wird allerlei kleiner Unfug verübt. So passen

sie zum Beispiel die Gelegenheit ab, einer alten Frau, die gerade mit

Maisstampfen beschäftigt ist, eine Rispe fortzureißen; versucht diese

nun der Kinder habhaft zu werden und sie zu bestrafen, dann rennen

sie auseinander, um Deckung in irgendeinem Versteck zu finden. Ein

unter den Tschippewäindianern sehr beliebtes Spiel ist ein Schlagball,

wobei sie aber nicht mit einem Scheit Holz, sondern mit einem aus

ledernen Riemen geflochtenen Netz von der doppelten Größe des Balles

den im vollen Lauf befindlichen Ball auffangen und über die Köpfe

der Spielenden zurückschleudern; der Gegner hat dabei die Aufgabe,

dem Ball möglichst schnell eine andere Richtung zu geben. Manchmal

bilden die Kinder auch einen Kreis um das Herdfeuer in der Hütte, und

Großvater erzählt ihnen dann Geschichten aus alter Zeit oder singt

ihnen Lieder vor, zu denen sie tanzen.

[Illustration:

Phot. George Wharton James.

Abb. 191. Szene aus dem Schlangentanz der Hopi.

Der vorderste Mann trägt eine Schlange im Munde und hält die Augen

geschlossen; sein Nachbar führt ihn, indem er ihm die Hand um den

Nacken legt. Der hinter beiden Schreitende ist der Schlangensammler mit

der Schlangenpeitsche aus Adlerfedern. Die nächste Gruppe ist ebenso

zusammengesetzt.]

Die +angehenden Jünglinge+ der Indianer sind oder waren wenigstens

früher +Mutproben+ unterworfen, wenn sie in den Kreis der Krieger

aufgenommen werden wollten; zu diesem Zweck hatten sie entweder

strenge Entbehrungen, selbst Martern zu ertragen (mußten sich mit

Ruten oder Dornen, ohne einen Seufzer auszustoßen, peitschen lassen,

längere Zeit fasten, viel umherstreifen, ohne sich ausruhen zu dürfen,

sich dem Sonnenbrand oder der bitteren Kälte aussetzen) oder sie

mußten ihre Gewandtheit und Ausdauer im Bändigen junger Füllen, im

Pfeilschießen und Schleudern darlegen. Bestanden sie diese Mutproben,

dann wurden sie öffentlich zu Kriegern erklärt. Meist waren damit

noch andere feierliche Bräuche verbunden; so mußten die Novizen die

ganze Nacht hindurch Tänze aufführen, die ihnen von älteren Männern

vorher beigebracht worden waren. Natürlich pflegte ein Mahl die

Feierlichkeit zu beschließen. Wie schwer es den jungen Männern gemacht

wurde, in den Stand der Krieger Aufnahme zu finden, dafür hier einige

Beispiele. Besonders grauenerregend waren die Quälereien bei den

Mandan. Nachdem der Jüngling vier Tage lang gefastet und die Nächte

schlaflos zugebracht hatte, stießen ihm zwei als Masken verkleidete

Männer ein spitzes Messer mit ausgezackter Klinge an verschiedenen

Stellen des Körpers ins Fleisch und schoben spitze Holzpflöcke von

der Dicke eines Fingers in die Wunde. An diese Pflöcke wurden dann

Stricke befestigt und an ihnen der Gemarterte, der überdies noch durch

Anhängen von Medizinbeuteln, eines Schildes und mehrerer Büffelköpfe

beschwert ward, so weit in die Höhe gezogen, daß er die Erde nicht

mit den Füßen berühren konnte. Nun drehte man den Aufgehißten um

sich selbst, anfänglich langsam, dann immer schneller, bis er das

Bewußtsein verlor. Nach fünfzehn bis zwanzig Minuten nahm man ihn

herab und entfernte einen Teil der Pflöcke aus Brust und Schultern,

während man andere im Körper stecken ließ. Damit waren die Martern

aber noch nicht erschöpft. Zunächst wurde dem Jüngling zu Ehren des

großen Geistes der kleine Finger, manchmal auch noch der Zeigefinger

abgehackt, und dann schleppte man ihn ohne Schonung in wildem Lauf um

die Medizinhütte herum, wobei er noch alle obengenannten Anhängsel mit

sich führen mußte; endlich riß man ihm diese nebst den Pflöcken ab.

Sobald das Bewußtsein wiedergekehrt war, erhob sich der Unglückliche

und kroch nach seinem Wigwam zurück, wo ihm seine Wunden verbunden

wurden. Bei den Scheyennen war die Folter kaum geringer. Dem Knaben

wurden ebenfalls Einschnitte unter die Haut gemacht; durch diese

zog man Riemen, mit denen das Opfer an einen Pfosten außerhalb des

Dorfes gebunden wurde. Hier überließ man es seinem Schicksal. Seine

Aufgabe bestand nun darin, sich von den Riemen zu befreien, die unter

der Haut durchgezogen waren. Die meisten Knaben harrten einige Tage

aus, bis infolge der Eiterung die Haut so weit gelockert war, daß die

Hautbrücken mit Leichtigkeit durchrissen. Wer aber besonders mutig war,

ergriff entschlossen mit beiden Händen die Riemen und führte sägende

Bewegungen aus, bis er sich nach Verlauf einiger Stunden befreit

hatte. Ein Knabe, der sich seiner Fesseln auf diese Weise entledigt

hatte, erntete das Lob aller Männer und wurde als mutmaßlicher

späterer Anführer auf dem Kriegspfade angesehen. Sobald ein Knabe

losgekommen war, wurde er unter großer Ehrenbezeigung in das Lager

zurückbegleitet und hier mit aller Sorgfalt gepflegt. Solange er an

der Stange befestigt gewesen war, hatte er in der Hitze großen Durst

ertragen müssen; die Frauen kamen mit ihren Wasserkannen wohl ganz in

seine Nähe, aber keine bot ihm Wasser an, um seinen rasenden Durst zu

löschen. Allerdings stand es ihm völlig frei, sich Wasser zu fordern,

und ebenso, sich die Riemen durchschneiden zu lassen. Man hätte ihm

willfahrt; aber dann hätte er die Folgen seines feigen Verhaltens

auf sich nehmen müssen: er wäre nicht für einen Mann, sondern für

eine Squaw (Weib) angesehen worden, hätte Frauenarbeit verrichten und

Frauenkleider tragen müssen; anderseits hätte er keine Waffen tragen,

nicht jagen, nicht in den Krieg ziehen dürfen; eine weitere Folge wäre

gewesen, daß es jedes Mädchen abgelehnt hätte, einen solchen Weichling

zum Manne zu nehmen. Diese entehrenden Folgen genügten fast immer, die

jungen Leute die grausame Marter mit spartanischer Seelengröße ertragen

zu lassen. Townshend schätzte seinerzeit, vor etwa vierzig Jahren, die

Zahl dieser männlichen Squaws auf kaum mehr als zwei bis drei innerhalb

des ganzen Stammes.

Auch die +Indianermädchen+ haben sich bei +Eintritt der Reife+ gewissen

Förmlichkeiten zu unterziehen; meistens haben sie sich während der

ersten Regel in eine besondere Hütte abseits des Dorfes zurückzuziehen

und hier vollständig abgesondert zu leben. Nur die Mutter oder eine

alte Frau dürfen sie besuchen; manchmal gehört Enthaltung von Speise

und Trank mit zur Vorbereitung. Bei einigen Stämmen wird dem Mädchen

auch das Gesicht angeschwärzt und ihm ein alter Hut mit großer

Krempe aufgesetzt (damit es nicht durch seinen Blick den Himmel

verunreinige) oder ein ganzer eigener Anzug angelegt. Nach Ablauf

dieser Einschließung, die bei den Koluschen und Tinklit früher beinahe

ein Jahr dauerte, pflegt man das Mädchen zu waschen, neu zu kleiden,

bei den soeben genannten Stämmen ihm die Unterlippe zu durchbohren

und als Zeichen der Reife einen Stift oder Pflock in die Öffnung zu

stecken. Gewöhnlich finden zu Ehren des Mädchens auch Feste statt,

bei denen tüchtig gegessen wird. Bei den Maskoki zum Beispiel gehört

zu einem solchen Festmahl folgendes: gerösteter Hund, eine Suppe aus

Truthahn, Hühner-, Rind- und Schweinefleisch, Bohnen, Kartoffeln und

Mais, ferner Kuchen aus Kirschen, gemahlenen Kirschkernen und Talg,

Ahornzucker, Weizen- und Maisbrot, gedörrte Pflaumen und eine Mischung

von Ochsengalle und Zuckerwasser. Vielfach begegnen wir zur Feier des

Ereignisses auch Tänzen, zu denen ebenso wie zum Festmahl die ganze

Nachbarschaft eingeladen wird. Von den Hupa wird dieser Tanz Kin-Alktha

oder Jungferntanz genannt; er wird von den Männern mit dem Mädchen

getanzt, während die Frauen sich nur durch begleitenden Gesang daran

beteiligen. Neun Abende lang tanzen die Männer ohne jenes, das sich vor

ihnen versteckt halten muß. In der zehnten Nacht kommen dann zwei junge

Männer und zwei alte Weiber der Verwandtschaft nach der Hütte, um die

Jungfrau zu suchen und herauszuholen. Die jungen Burschen stülpen ihr

eine Maske aus Leder und Schilf über den Kopf, die an einen Seelöwen

erinnert, und nehmen das Mädchen in die Mitte; rechts und links davon

stellen sich die alten Weiber auf. So begeben sich alle fünf zu den

versammelten Männern und Frauen. Das Mädchen schreitet zehnmal vorwärts

und rückwärts, hebt die Hände in Schulterhöhe und stimmt ein Lied

an; beim letzten Male macht es einen Hochsprung. Zum Schluß wird es

von der Versammlung mit lauten Zurufen begrüßt. Bei den Wintun muß die

Jungfrau, nachdem sie sich würdig vorbereitet und unter anderem eine

besonders zubereitete heilige Suppe gegessen hat, jedesmal, wenn neue

Gäste von auswärts kommen, sinnliche Liebeslieder singend, den Hügel,

auf dem sie erscheinen, hinunter- und um den Lagerplatz herumtanzen.

Sobald sich alle Teilnehmer des Festes versammelt haben, was zwei bis

drei Tage dauern kann, vereinigen sie sich zu einem großen Tanze, der

eigentlich weniger ein Tanz ist als ein von Chorgesängen begleiteter

Rundgang um das Dorf. Zum Schluß der ganzen Feier nimmt der Häuptling

das Mädchen bei der Hand und tanzt mit ihm die ganze Reihe der

Festgenossen entlang, wobei diese aus dem Stegreif Gesänge anstimmen.

Diese Lieder sind manchmal recht schlüpfrig.

[Illustration:

Phot. Thurrill & Miller.

Abb. 192. Totempfähle der Indianer von Britisch-Kolumbien.

Diese Abzeichen, die vor den Hütten errichtet werden, sind mit fein

ausgearbeiteten und prächtig angemalten Schnitzereien verziert, die das

Totem ihres Besitzers darstellen und die mythologischen Erzählungen

seines Volksstammes illustrieren.]

Die +sittlichen Vorstellungen+ der nordamerikanischen Indianer

scheinen im allgemeinen nicht hoch zu stehen, wenigstens nicht mehr

zur gegenwärtigen Zeit. Von einigen Stämmen wird berichtet, daß sie

früher auf keusches und tugendhaftes Leben der unverheirateten Mädchen

hielten, so von den Mandan, Tschippewä, Pueblos und Pimas, von anderen

aber wird wieder erzählt, daß sie bereits in ganz jungen Jahren sich

einem ausschweifenden Leben hingaben und daß vorehelicher Verkehr der

Mädchen nicht als Schande angesehen wurde, wohl aber seine etwaigen

Folgen; man verstand aber, solchen vorzubeugen. Ja verschiedentlich

soll es Sitte gewesen sein (Athapasken, Neheawayen, Oregon-Indianer),

daß Bruder und Schwester, sowie Vater und Tochter geschlechtlich

miteinander verkehrten. Bei den Nadowessiern, einem Siouxstamm, gaben

sich die jungen Mädchen gelegentlich des „Reisfestes“ den Männern

willig hin, ja sie setzten ihren Stolz darein, an diesem Tage mit

möglichst vielen verkehrt zu haben. Bei einigen Indianerstämmen galt es

als Freundschaftsdienst, die Ehefrauen miteinander auszutauschen.

[Illustration:

Phot. Underwood & Underwood.

Die Sitten der Völker, Dritter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 105 / 203 题