Abb. 155. Eskimo von King Island (Alaska) mit Tabakpfeife.]

Persönliche +Sauberkeit+ ist keine Tugend der Eskimo. Die

ursprünglichen Stämme sind in ihrem Äußeren und in ihren Gewohnheiten

unbeschreiblich schmutzig, und es hält sogar schwer, den Eskimo,

die bereits unter europäischem Einfluß angesiedelt worden sind, die

einfachsten Begriffe von Reinlichkeit beizubringen. Es mag dies wohl

auch daher rühren, daß Wasser eine schwer zu beschaffende Sache ist,

denn es muß aus Schnee oder Eis mit Hilfe von kostbaren, weil ebenfalls

schwer zu beschaffenden, Brennstoffen durch Schmelzen gewonnen werden

und findet daher zu wichtigeren Zwecken als zum Waschen Verwendung.

Unter diesen Umständen waschen sich die Eskimo nicht selten mit ihrem

eigenen Urin.

Den hauptsächlichsten +Lebensunterhalt+ liefert den Eskimo die +Jagd+

(Abb. 156 und 157) auf Robben, Walfische und andere Seesäugetiere,

auch auf Landtiere, wie Moschusochsen, Renntiere und Vögel, sowie der

+Fischfang+ (Abb. 158) (Lachse, Forellen und so weiter). Sie sind

ein Seevolk, das sich selten von der Küste entfernt. In ihrem harten

Kampfe ums Dasein sind sie in erster Linie vom Seehund abhängig, der

ihnen Nahrung und Kleidung liefert und sie auch mit Licht und Feuerung

versorgt. Sie sind echte Fleischesser. Im Sommer wagen sie sich in

ihren Kajaks auf das weite Meer hinaus oder jagen hinter Moschusochsen

und Renntieren her. Der +Kajak+ ist ein aus Treibholz hergestelltes

Einmannsboot, das mit einem strammsitzenden Überzug aus Seehundshaut

versehen ist; in diesem ist nur eine kreisrunde Öffnung gelassen, in

die der auf dem Boden des Bootes sitzende Mann vollständig hineinpaßt.

Es wird daher von dem Erbauer dem Besteller wie ein Kleidungstück

angemessen, und der Mann bildet mit seinem Boot gleichsam ein Ganzes.

Zur Ausrüstung eines Kajaks gehören ein sogenannter Vogelpfeil, eine

Harpune, eine Lanze und eine Fangblase aus Seehundleder, die hinter

dem Ruderer liegt. Zur Fortbewegung bedient sich der Eskimo eines

Doppelruders, dessen Handhabung besondere Geschicklichkeit erfordert.

Eine andere Art Boote sind die +Umiaks+ oder Frauenboote, so genannt,

weil sie früher ausschließlich von Frauen gelenkt wurden; es sind dies

offene Boote von der üblichen Form, ebenfalls aus einem Holzgerippe

bestehend, das mit Fell überzogen ist.

Während des langen arktischen Winters leben die Eskimo eingepfercht

in dem einzigen Raum ihrer Hütten, essen, trinken, schlafen, lieben

und sind vergnügt. Niemals scheint es zu Unzuträglichkeiten zwischen

ihnen zu kommen; +Duldsamkeit+ und +Liebenswürdigkeit+ sind die

hervorstechenden Charaktereigenschaften der Eskimo; ja sie sollen

nicht einmal ein Wort besitzen, mit dem Schelten ausgedrückt wird,

auch keine Bezeichnung für Krieg. Überhaupt gehen sie sparsam mit

ihren Worten um; ihre Sprache ist so wortarm, daß ein einziges Wort

vielerlei ausdrückt, wofür andere Sprachen verschiedene Bezeichnungen

haben. Entstehen +Streitigkeiten+ unter den Eskimo, so pflegen sie sie

auf ganz gelungene Art zu schlichten. Wer sich gekränkt fühlt, bringt

seine Klage in einem Liede zum Ausdruck; hat er es beendet, so wird

sein Gegner aufgefordert, zu erscheinen und das Lied anzuhören. Dabei

entwickelt sich eine allgemeine gesellige Unterhaltung, zu der sich die

Freunde beider Parteien einfinden. Der Beleidigte trägt sein Lied unter

Trommelbegleitung vor; findet es Beifall, so wird dies als ein Sieg des

Sängers angesehen, und seine Klagen werden als berechtigt anerkannt;

drückt die Versammlung aber Unzufriedenheit mit seinem Liede aus, so

gilt dies als Strafe. Bei solchen Zusammenkünften pflegt man auch noch

zu tanzen, was die allgemeine Stimmung erhöht. -- Die Eskimo sind auch

außerordentlich +gastfrei+, besonders wenn ein Stamm einen anderen

besucht. Dabei sind ein höchst merkwürdiges Vorkommnis sogenannte

+Grußduelle+, bei denen die einander Begrüßenden mit Ohrfeigen

einen richtigen Zweikampf ausfechten, anscheinend ein Überrest der

ursprünglichen Abneigung gegen Fremde.

[Illustration:

Phot. _Dr._ Arnold Heim.

Abb. 156. Eskimo beim Zerlegen einer Robbe.

Der Robbenfang bildet eines der wichtigsten Ereignisse in ihrem Leben.

Im Hintergrunde links ein Kajak.]

Die +Kleidung+ der Eskimo ist für beide Geschlechter ziemlich dieselbe.

Sie besteht aus einem Ober- und Untergewand; jedes dieser beiden ist

aus einer Ärmeljacke, die aber nur eine Öffnung zum Hineinschlüpfen

besitzt und daher über den Kopf gezogen werden muß, und Hosen

zusammengesetzt. Diese sind beim weiblichen Geschlecht kürzer,

gleichen sozusagen Badehosen. Die Männer Südgrönlands tragen an ihrer

Jacke noch eine Kapuze, die Frauen (Abb. 159) einen hohen Kragen aus

schwarzem Seehundsfell, über ihm ein buntes, breites Halsgeschmeide

aus Perlen. Dazu kommen noch die Kamils, Strumpf und Stiefel in

einem Stück, die bei den Frauen wegen ihrer kurzen Hosen weiter

hinaufragen. Sie bestehen aus einer inneren Socke von Seehundsfell,

dessen Haar nach innen gewendet ist, und einem äußeren Schuh aus

haarlosem, wasserdichtem Fell. Die Eskimo lieben es, ihre Gewänder

mit farbenprächtigen Lederstreifen zu benähen. Diese werden mit dem

Weibermesser (Ulo) in Form geometrischer Muster (Kreise, Rauten,

Quadrate) zurechtgeschnitten, bunt gefärbt und in geschmackvoller

Anordnung auf die Kleider aufgenäht. Hierin bekunden die Frauen eine

ganz besondere Geschicklichkeit und guten Geschmack. Auf diese Weise

hergestellte Gürtel bilden sogar einen Gegenstand lebhafter Ausfuhr.

[Illustration:

Phot. _Dr._ S. K. Hutton.

Abb. 157. Eskimo beim Robbenfang von schwimmenden Eisschollen aus.

Bisweilen treiben diese Schollen vom Lande ab und in die See hinaus;

ihre Besatzung muß dann eines langsamen, qualvollen Todes sterben.]

Das +Haar+ der Eskimo läßt sich wegen seiner Straffheit nicht leicht

geschmackvoll anordnen; dessenungeachtet verstehen die Frauen es doch

hier und da, sich ein nettes Aussehen zu geben. Die Männer lassen ihr

Haar meistens wachsen, wie es will, und schneiden es sogar vielfach

überhaupt nicht; aus dem Gesicht wird es mit einem Band oder Riemen

zurückgehalten. Die Frauen dagegen vereinigen ihr Haar in einem Knoten

oben auf dem Scheitel und fassen es hier durch ein Band zusammen.

Dieser Haarknoten ist Gegenstand großen Stolzes; das Hauptbestreben

seiner Trägerin geht dahin, den Knoten so steif wie möglich in die Höhe

ragen zu lassen. Interessant ist die verschiedene Farbe des Bandes,

das den Schopf zusammenhält. Jungfrauen tragen es rot, uneheliche

Mütter grün, verheiratete Frauen blau und Witwen schwarz oder im Alter

weiß. Von +Körperverzierungen+ kommen vor Tatauierung (Abb. 160),

Unterlippenpflöcke, Backenknöpfe und Ohrgehänge.

[Illustration:

Phot. _Dr._ S. K. Hutton.

Abb. 158. Eskimofrau beim Fischen.

Die Sitten der Völker, Dritter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 98 / 203 题