Die Eskimo sind große Freunde von +Gesang+ und +Tanz+ unter Begleitung
moderner Musikwerkzeuge. Auch ihre heutigen Tänze gleichen den
europäischen. Erwachsene wie Kinder erfreuen sich auch an Spielen (Abb.
162 und 165), zum Beispiel an einer Art Fußball mit der Fangblase
oder an einem Peitschenspiel, bei dem es darauf ankommt, auf einer
glatten Fläche (fest gefrorenem Schnee oder Eis) einen Knochen durch
Peitschenhiebe nach einem bestimmten Ziel zu bringen. Alt und jung sind
sehr sangesfroh und pflegen nicht selten ganz alltägliche Begebenheiten
in Musik zu setzen.
Die +Religion+ der Eskimo besteht in Geisterglauben. Der von ihnen
am meisten gefürchtete Geist ist der des Todes, Torngak genannt. Er
wohnt angeblich in einer Höhle im einsamen Gebirge. Da man annimmt,
daß in seiner Hand Leben und Glück der Menschen liegen, so werden die
verschiedensten Vorkehrungen getroffen, um ihn zu versöhnen. Vermittler
zwischen ihm und dem Volke ist der +Schamane+ oder +Angekok+. Der
Schamane ist auch der Hüter und Herr der Familiengeister; davon rührt
seine große Macht her. Wenn ein junger Eskimo mannbar geworden ist,
dann kauft er sich seinen Familiengeist vom Angekok. Sehr drastisch
schildert Stefansson einen solchen Einkauf. Ein junger Eskimo hatte
erfahren, daß ein alter Schamane sein Geschäft allmählich aufgeben und
ein paar gute Geister billig abgeben wollte. „Ich brauche sie nicht
länger,“ sagte der Alte, „und dir werden sie nützlich sein. Möchtest
du vielleicht meinen Polarbärengeist haben?“ „Am liebsten würde ich
den Stromzerbrechergeist besitzen,“ erwiderte der andere. „Nein, den
brauche ich bis zuletzt,“ gab der Alte zur Antwort. „Aber du sollst
meinen Rabengeist haben. Das ist ein zuverlässiger und wirksamer Geist.
An ihm wirst du gewiß deine Freude erleben.“ Daraufhin erstand der
junge Eskimo den Rabengeist für ein neues Boot, zwanzig frische Häute,
zwei Krüge mit Robbentran und einige andere nützliche Dinge. Entfaltet
ein auf diese Weise erworbener Geist die versprochene Wirksamkeit
nicht, so wird der Schamane als Ausrede sagen: „Ich kann dir nicht
helfen; ich habe ihn dir in guter Absicht übertragen, und wenn du zu
jenen gehörst, von denen die Geister nichts wissen wollen, dann kannst
du mir leid tun.“ -- Ein anderes Beispiel dafür, auf wie vertrautem
Fuße die Schamanen vorgeblich mit den Geistern stehen, erzählt uns
ebenfalls Stefansson. Eine der üblichsten Unterhaltungen während der
langen Winternacht bildet bei den Eskimo die Reise des Schamanen nach
dem Monde. Das ganze Dorf versammelt sich in der Hütte, Männer, Frauen
und Kinder; sie sitzen auf den Bänken unten, während der Schamane oben
am Dach in der Nähe des einzigen vorhandenen Fensters hockt. Einige
Männer binden ihn hier mit Stricken ganz fest; darauf wird der Raum
völlig verdunkelt. Außerdem müssen alle Teilnehmer die Augen schließen,
den Kindern werden sie von den älteren Leuten zugehalten. Der Schamane
hat ein Seil, an das ein fester Gegenstand, ein Hammer oder ein Stein,
gebunden ist, in der Hand und läßt diesen umherschwirren; gleichzeitig
stimmt er einen Gesang an. „Ich fühle mich nicht so schwer wie sonst,“
beginnt er, „mir ist, als säße ich nicht fest auf der Erde. Nun werde
ich leicht wie eine Feder.“ Darauf fährt er mit verstellter Stimme,
wie wenn sie aus der Höhe komme, fort: „Jetzt erhebe ich mich, nun
fliege ich schon, und schneller und immer schneller ...“ schließlich:
„jetzt schwebe ich hoch über euren Köpfen, jetzt fliege ich durch das
Fenster“ und so fort. Die Stimme verschwimmt dabei immer mehr, und
zuletzt flüstert der Schamane nur noch wie aus unendlicher Ferne.
Darauf erlebt er alles mögliche auf dem Monde, unterhält sich mit
dem Mann im Monde und mit dessen Frau über Jagdaussichten, wobei die
Versammlung in tiefstem Dunkel und Schweigen verharrt. Schließlich,
nach etwa einer halben Stunde, wird seine Stimme wieder lauter, und
zuletzt hört man den Schamanen wieder deutlich rufen: „Jetzt schwebe
ich wieder durchs Fenster zurück und komme auf den Boden. Nun öffnet
die Augen und zündet die Lampen an.“ Er muß dann von seinen Erlebnissen
auf dem Monde erzählen, wobei er seiner Phantasie nach Möglichkeit die
Zügel schießen läßt, und alles hört andächtig zu. Das ist der Höhepunkt
der Feier. Ebenso wie mit dem Monde versteht der Schamane mit allen
möglichen Geistern zu verkehren, sei es, daß sie tief im Meere oder an
geheimen Orten auf dem Lande hausen. -- Bei den religiösen Festen trägt
man groteske Holzmasken.
[Illustration:
Aus: Transactions Department of Archaeology University of
Pennsylvania.