[Illustration:
Phot. H. M. Whiteside.
Abb. 146. Ein prächtig verzierter Sarg der Mongo.
Nachdem der Tote von seinen Sklaven gewaschen worden ist, wird er für
mindestens einen Monat in einer Hütte niedergelegt, zuweilen in einem
schönen Sarge. Dieser wird dann mit Grabgesängen und Tanz durch das
Dorf getragen.]
Wenn die Menge sich verzogen hat, geben die Alten das Mädchen in die
Hände des jungen Mannes unter ernsthafter Ermahnung in Zeugengegenwart.
Der Frau prägen sie ein: „Du sollst deinen Mann und seine Familie
achten und dich in deinem Hause anständig betragen“ und zu dem jungen
Manne sagen sie: „Du sollst deine Frau und ihre Familie gleichfalls
achten; du darfst sie nicht hart anfahren, auch nicht wie eine Sklavin
behandeln, nicht auf ihre Sachen treten, sie selbst nicht mit Füßen
stoßen.“ Darauf faßt der junge Mann einen der Zeugen beim Handgelenk,
reibt eine Flintenkugel in dessen Handfläche und sagt darauf: „Ich habe
alles, was gesagt wurde, gehört; sollte ich das Eheleben vernichten,
dann möge mich diese Kugel treffen.“ Die Frau leistet denselben Eid,
worauf die Alten das Haus der Neuvermählten betreten, die Herdsteine
zurechtstellen und die Braut über ihre Pflichten als Hausfrau belehren.
Die Verwandten der jungen Ehefrau werden schließlich beschenkt und in
artiger Weise nach Hause komplimentiert. -- Bei weniger wohlhabenden
Leuten spielt sich die Hochzeit unter geringerem Gepränge ab;
Festgelage, Tanz und sonstige Feierlichkeiten fehlen bei ihnen.
[Illustration:
Phot. H. H. Johnston.
Abb. 147. Holzgeschnitzte Trommel der Baloi am Mobangiriver.
Der Schnitzer hat dem Instrument das Aussehen einer Antilope zu geben
versucht.]
[Illustration:
Mit Erl. des Belgischen Kolonialministers.
Abb. 148. Tänzer in einer Jagdmaske.
Jagdtänze werden am Kongo bei Herstellung der Jagdmedizin und zur Feier
erfolgreicher Jagden abgehalten.]
[Illustration:
Phot. H. H. Johnston.
Abb. 149. Tanzmaske der Bayaka,
die bei mystischen Tänzen eines Stammes am Kwangoriver Verwendung
findet.]
[Illustration:
Phot. H. M. Whiteside.
Abb. 150. Die Leiterin eines ländlichen Tanzes.
Wegen der schweren Fußringe ist sie selbst nicht imstande zu tanzen,
sondern vermag nur mit dem Körper schaukelnde Bewegungen auszuführen.]
Unter den Negern des oberen Kongo herrschen wiederum andere +Werbungs-+
und +Hochzeitsgebräuche+; innerhalb dieser Gruppe stimmen sie aber mit
geringen örtlichen Abweichungen untereinander ziemlich überein. Bereits
ganz +junge Mädchen+, selbst Säuglinge werden manchmal einem jungen
Manne +für die Ehe versprochen+. Der Zukünftige legt zum Zeichen dessen
in Gegenwart von Zeugen ein messingenes Armband um den Arm des Kindes,
wobei er sein Versprechen bestätigt mit den Worten: „Dies ist meine
Frau.“ Sobald das Mädchen das heiratsfähige Alter erreicht hat, wird es
seinem Gatten übergeben und diesem dabei Zuckerrohrwein zum Geschenk
gemacht. -- Auch unter Erwachsenen spielen sich die Förmlichkeiten
ganz einfach ab. Gefällt einem jungen Manne ein Mädchen, so kann er
zuerst entweder mit ihm oder mit dessen Vater reden. Sind beide mit der
Werbung einverstanden, dann ruft der Jüngling seine Freunde herbei, die
ihn zum Hause des Schwiegervaters begleiten. Nachdem das Mädchen geholt
ist, tritt der Jüngling mit einem Speer in die Mitte der Gruppe, stößt
ihn in den Boden und ruft aus: „Wenn das Mädchen mich lieb hat, dann
soll es diesen Speer herausziehen.“ Empfindet das Mädchen Neigung, dann
zieht es den Speer heraus und trägt ihn zu ihrem Vater mit den Worten:
„Ich liebe ihn.“ Nach diesem Geständnis wird das Brautgeld, bestehend
in einer Axt, einem Spieß, etwas Stoff, einem Spiegel und anderen
Kleinigkeiten, dem Vater der Braut oder seinem Vertreter überreicht.
Damit ist das +Verlöbnis+ geschlossen. Die Eltern des Mädchens wachen
über ihre Tochter so lange, bis der Bräutigam imstande ist, das
ganze oder wenigstens den größeren Teil des Hochzeitsgeldes -- etwa
im Werte von zweihundert Mark gleich dem Preise von zwei männlichen
oder weiblichen Sklaven -- zu entrichten. Inzwischen darf er seiner
Verlobten Geschenke machen, die sie gelegentlich erwidert, indem sie
dem jungen Manne Gerichte kocht und zusendet. Oft genug lebt das Paar
auch schon vor der Hochzeit zusammen, da beide Teile sich schon für
gebunden halten.
Ist das Hochzeitsgeld ganz oder zu erheblichem Teile bezahlt,
dann begeben sich die Eltern der Braut mit ihr, verschiedenen
Nahrungsmitteln und einer Kalabasse voll Zuckerrohrwein zum Hause ihres
Schwiegersohnes, wo der Brautvater seine Tochter in Gegenwart von
Zeugen dem Bräutigam übergibt. Die Teilnehmer erhalten ihren Anteil
an Speise und Trank -- das Mitbringen derselben durch die Eltern soll
ein Zeichen dafür sein, daß sie ihre Tochter dem Manne nicht als
Sklavin, sondern als freie Frau verkauft haben --, tanzen zu Ehren des
jungen Paares und dichten aus dem Stegreif Loblieder auf dasselbe.
Nach Beendigung dieser Feier reibt sich die junge Frau mit Palmwein
ein, bestreut sich mit Rotholzpulver, behängt sich mit möglichst
viel Putz, den sie sich von ihren Freundinnen geliehen hat, auch mit
Federn, und geht mit ihrem Mann im Dorfe auf und ab, damit alle sehen
können, daß sie nunmehr Frau geworden ist. Hat der Gatte bereits andere
Frauen, dann behängen diese die neue Gattin mit ihrem eigenen Schmuck
und begleiten sie auf der Straße. Dieser Honigmonat dauert etwa zwei
bis drei Wochen; währenddessen versorgt der Gatte seine Frau mit dem
nötigen Essen. Nach Ablauf dieser Zeit nimmt die Jungvermählte wie die
übrigen Frauen an der Feldarbeit teil.
Bei den Kongonegern darf der Mann +so viel Frauen nehmen wie er
erhalten kann+; er ist verpflichtet, einer jeden eine eigene Hütte
zu errichten, ihr gelegentlich Geschenke an Stoff zu machen und eine
bestimmte Menge Fisch oder Fleisch im Jahre zu gewähren. -- Am ganzen
Kongo besteht für den verheirateten Mann die Forderung, daß er seine
+Schwiegermutter niemals zu Gesicht bekommt+. Sobald er erfährt, daß
sie in der Nähe ist, muß er sich verstecken, oder eines von beiden muß
kehrtmachen, um dem anderen aus dem Wege zu gehen. Läßt es sich nicht
vermeiden, daß beide zusammenkommen, um eine wichtige Angelegenheit
zu besprechen, so haben sie sich in einiger Entfernung und die Rücken
einander zugekehrt auf verschiedenen Seiten der Mauer oder des Hauses
aufzustellen.
Wie oben gezeigt wurde, führen die Kongoneger alles Ungemach, das sie
trifft, auf Hexerei zurück; auch den Tod schreiben sie ihr zu. Da sie
sich dementsprechend, solange sie nicht behext sind, für unsterblich
halten, so machen sie sich bei Lebzeiten um den Tod wenig Sorge.
Kein Schuß kann sie treffen, kein Krokodil sie verletzen und keine
Krankheit sie töten, sofern nicht etwa die Kugel, das Krokodil oder die
Krankheit Zauberei in sich birgt. Daher läßt sich ein Mensch auch nicht
zurückhalten, in den Kampf zu ziehen, solange er weiß, daß keine böse
Vorbedeutung damit verbunden ist, oder einen Fluß zu durchschwimmen,
der mit Krokodilen angefüllt ist, solange er in dem Glauben lebt, daß
sie ihm nichts antun werden, oder in das Haus eines Pockenkranken sich
unnötigerweise einzudrängen, solange er das sichere Gefühl hat, daß
die Kraft seines Fetisches aller Hexerei entgegenwirken und ihn vor
Krankheit schützen werde.
Ist ein Kongoneger +gestorben+, so ist es selbst bei Leuten von nur
geringer Bedeutung Sitte, daß alle Frauen (Abb. 138), die seiner
Familie angehören, sich aus den umliegenden Dörfern zusammenfinden,
um bei dem Begräbnis behilflich zu sein. Sie lassen ihren Haushalt
im Stich und wandern scharenweise nach dem Trauerhause, sitzen dort
Tag für Tag, erteilen den Hauptleidtragenden allerlei Ratschläge
und loben die Taten des Verstorbenen in Gesängen. Merkwürdig ist
die Totenwache der Frau bei der Leiche ihres Mannes. Sie schläft
dicht neben ihr auf einer Matte und hat außerdem die Aufgabe, die
sich absondernde Flüssigkeit nach Möglichkeit mit dem Finger aus
dem Körper herauszudrücken; sie tut dies so lange, bis der Körper
zusammengeschrumpft ist. Ein Ehemann muß in ganz derselben Weise mit
der Leiche seiner Frau verfahren, sofern sie aus guter Familie war.
Wenn die Leiche soweit behandelt ist, wird sie auf ein Brett gelegt
und über ein Feuer gestellt, damit sie noch gründlicher austrockne.
Manchmal bewahrt man die Leiche zwei bis drei Jahre oder auch noch
länger auf, ehe man sie begräbt.
[Illustration:
Phot. W. L. Forfeitt.
Abb. 151. Totentanz der Bopoto,
an dem alle Freunde und Verwandten beiderlei Geschlechts teilnehmen.
Je nach der Bedeutung des Verstorbenen und nach der Freigebigkeit der
Hinterbliebenen im Spenden von Zuckerrohrwein an die Teilnehmer dauert
die Feier bis zu mehreren Tagen.]
Das +Begräbnis+ eines vornehmen Mannes (Abb. 146 und 151) ist ziemlich
kostspielig. Mancher macht schon bei Lebzeiten Ersparnisse, um sich
ein vornehmes Begräbnis zu sichern. Monate hindurch bemüht sich die
Familie, alle Hühner, Ziegen und Schweine auf den Märkten der Umgebung
zu einem annehmbaren Preise aufzukaufen. Ist genügend Vieh auf diese
Weise angesammelt worden, dann werden Einladungen versandt, und einer
jeden Einladung wird ein Geschenk in Gestalt eines Huhnes bis zu zwei
Ziegen, je nach der Stellung des Eingeladenen, beigefügt. Jeder, der
eine solche Einladung erhält, bringt so viel Frauen, Sklaven und
sonstiges Gefolge mit, als er nur kann; denn je größer sein ganzer
Troß, um so höhere Achtung genießt er unter seinen Mitmenschen. Sind in
Wirklichkeit nur etwa vierzig bis fünfzig Personen eingeladen worden,
so finden sich doch zu dem Begräbnis mehrere Hunderte ein, die alle
auf Kosten der Familie des Verstorbenen bewirtet werden. Außerdem
aber bringt jeder Eingeladene für die trauernde Familie ein Geschenk
mit, das unter Umständen wertvoller sein kann als die Ziegen, die die
Einladung begleiteten; die Größe desselben hängt von dem Ansehen,
das der Gast im Dorfe genießt, und von seinem Rang ab. Trotz dieser
Geschenke kommen die Angehörigen bei den Feierlichkeiten, die mehrere
Tage dauern und wegen des reichlichen Essens und Trinkens viel Geld
verschlingen, nicht auf ihre Kosten.
Eine Häuptlingsleiche wird in allen Straßen und Wegen der Stadt und
an allen Häusern vorbeigetragen, damit der Geist des Verstorbenen von
einem jeden noch Abschied nehmen könne; jeder Hausbesitzer feuert dann
noch Salut, wenn der Leichenzug an seinem Haus vorüberkommt.
Das Begräbnis findet ungefähr um Sonnenuntergang statt; für diese
Tagesstunde ist der Aberglaube maßgebend, daß der Geist, der sich bis
zur Beerdigung im Körper aufhält, erst am späten Nachmittag in die
Geisterwelt, einen großen geheimnisvollen Wald, einziehen kann, weil
die dort schon vorhandenen Geister nicht eher Zeit haben, ihn bei
seiner Ankunft zu empfangen; sie müssen geradeso wie bei Lebzeiten am
Tage ihrer gewohnten Beschäftigung nachgehen und kehren erst gegen
Sonnenuntergang in die Geisterstadt heim. Der Empfang, den der Tote im
Geisterreich zu erwarten hat, hängt von seinem Stande beziehungsweise
von dem Prunk ab, den seine Angehörigen beim Begräbnis entfaltet haben.
Diese tun hierin auch schon aus dem Grunde, was sie nur können, weil
sie auf diese Weise den Geist gut zu stimmen glauben; sonst müßten
sie fürchten, daß er wieder zurückkommen und Krankheit oder Unglück
mitbringen werde. Auch aus Eitelkeit wünscht man sich nach seinem
Tode einen großartigen Empfang in der Geisterwelt, den man sich mit
viel Lärm, Trompetenblasen, Wehklagen und Kanonendonner ausmalt; je
glänzender man dort auftritt, um so großartiger, glaubt man, werde sich
dann auch der Empfang gestalten.
[Illustration:
Phot. Prof. Fred Starr.
Abb. 152. Negerkind beim Fadenspiel.
Fadenspiele sind unter den Kongonegerstämmen sehr beliebt und in
zahlreichen Arten verbreitet.]
Die Leiche wird in eine Unmasse Stoffe gehüllt und dann in das
Grab gelegt (Abb. 142). Auf dieses werden als Erinnerungszeichen
alle möglichen Dinge des Verstorbenen gelegt: Kannen, Schüsseln,
Trinkbecher, Flaschen, Pfannen, Schemel und dergleichen; sie sollen
gleichzeitig den Reichtum des Mannes anzeigen, mit dem er sein Dasein
in der anderen Welt beginnt. Alle diese Sachen müssen aber zertrümmert
sein, damit ihre Geister dem des Verstorbenen folgen können.