Will ein Fetisch trotz der regelmäßigen Opfer nicht mehr richtig
arbeiten, mit anderen Worten, hat sein Besitzer nur Mißerfolg in den
verschiedensten Lebenslagen, dann bringt dieser ihn dem Zauberdoktor,
von dem er ihn kaufte, zurück und trägt ihm auf, ihm neue Kraft zu
verleihen. Die Maßnahmen, die der Medizinmann in solchem Fall vornimmt,
sind verschieden; jeder hat sein besonderes Verfahren. Zumeist wird
aber der angeblich unbrauchbar gewordene Fetisch, um ihn neu zu
beleben, in folgender Weise behandelt: er wird geschlagen und es wird
dabei auf einer Pfeife gepfiffen, um ihn aufzurütteln, oder es wird
um ihn herum Schießpulver zur Explosion gebracht und er selbst in den
Rauch gehalten.
Theorie und Praxis des Medizinmannes laufen darauf hinaus, entweder
einen Menschen durch den Fetisch zu verfluchen, oder den Fetisch zu
beruhigen und dadurch einen Fluch hinwegzunehmen. Glaubt jemand, ein
bekannter oder unbekannter Feind habe ihm ein Leid zugefügt, und
wünscht er, daß diese Person von Krankheit oder Tod betroffen werde,
dann geht er zu einem Medizinmann und sucht ihn durch Bezahlung dafür
zu gewinnen, daß er jenen Feind durch den Fetisch verfluchen lasse.
Der Fetisch wird zu diesem Zweck mit einem Stocke geschlagen, wobei
er den Auftrag erhält, dies oder jenes zu tun; darauf wird er dreimal
in die Luft gehoben, ebenso oft in die Nähe des Erdbodens gesenkt
und schließlich vor dem feindlichen Hause aufgehängt. Man nimmt dann
an, daß der in dem Fetisch wohnende Geist nach dem betreffenden
Orte hinfliege, um die ihm zuteil gewordenen Befehle auszuführen.
Durch das nämliche einfache Verfahren kann jeder Laie seinen Feind
verfluchen. Daher kann sich auch jeder, der keinen eigenen Fetisch
besitzt, der mächtig genug ist, seinen Haß zu befriedigen, sich aber
keine großen Unkosten durch Neubeschaffung eines solchen oder durch
Inanspruchnahme eines Medizinmannes machen will, einen starken Fetisch
zu einem geringen Preise borgen und durch ihn seinen Feind verfluchen.
Der Name des Betreffenden braucht dabei gar nicht ausgesprochen zu
werden; es genügt schon, zu sagen: „Der Dieb, der meine Sache stahl,“
oder: „Mein Feind, der mir Unglück sandte,“ oder: „Derjenige, der mich
behext hat.“
[Illustration:
Phot. C. J. Dodds.
Abb. 129. Ein Bopotohäuptling.
Er trägt eine Mütze aus Wildkatzenfell und Federn. Die Halskette
besteht aus Holzstiften, die mit „Medizin“ gegen allerlei
Zauberei angefüllt sind, und Perlen. Mit der Eintatauierung des
Stammesabzeichens wurde schon in den Kinderjahren begonnen und dann
noch jahrelang damit fortgefahren.]
Bei dieser großen Verbreitung des Zauberwesens im Kongogebiete kann
es nicht wundernehmen, wenn das +Kind+, und zwar schon vor seiner
+Geburt+, von allerlei Zaubermitteln umgeben wird. Steht seine Ankunft
bevor, dann ruft man einen weiblichen Hexendoktor. Dieser kocht
verschiedene Sorten Fleisch und Fische und zieht Perlen zu einer
Halskette auf, der eine Muschel als Mittelstück gegeben wird. In
diese tut das zauberkundige Weib etwas Kreide, ein bestimmtes Blatt,
eine Prise Salz und einen Teil der durcheinander gekochten Speise.
Die angehende Mutter hat nun die Pflicht, jeden Morgen an diesem
Mischmasch zu lecken, damit sie ein gesundes Kind bekomme und dieses
sich später leicht an allerhand Nahrung gewöhne. Nach der Zubereitung
der geschilderten Speise gibt die Medizinfrau der Schwangeren etwas
davon zu essen und trifft dann weiter eine ganz sonderbare Maßnahme.
Sie kocht ein Huhn und legt ein Bein von ihm für das älteste Kind
der angehenden Mutter beiseite oder, falls diese zum ersten Male
niederkommt, für deren Schwester oder nächste weibliche Verwandte.
Diese Person muß nun so tun, als wolle sie das Bein stehlen, worauf
alle anwesenden Familienmitglieder sie einzufangen suchen und „Dieb,
Dieb“ hinter ihr herrufen.
[Illustration:
Mit Erl. des Belgischen Kolonialministers.
Abb. 130. Mobaliweiber mit Lippenpflöcken (Nordkongo).
Diese Pflöcke werden schon in der Kindheit angebracht und von Zeit zu
Zeit durch immer größere ersetzt, bis ein Durchmesser von etwa fünf
Zentimetern erreicht ist.]
Das +neugeborene+ Kind wird mit warmem Wasser gewaschen und von einer
der anwesenden Frauen (aber nicht von der Mutter) den ersten Tag über
gepflegt. Ist es nach einiger Zeit imstande, schon festere Speisen zu
sich zu nehmen, so erhält es geröstete Kassava oder geröstete Erdnüsse,
die ihm die Mutter vorgekaut hat; nach ungefähr drei Jahren wird es
entwöhnt. Im Hause der +Wöchnerin+ befindet sich stets ein Tiegel
in der Nähe des Feuers, und derjenige Mann, der, ob alt oder jung,
innerhalb der ersten zwei Tage eine Perle hineinwirft, kann das Kind,
wenn es ein Mädchen ist, als seine zukünftige Frau beanspruchen; es muß
aber ein Mann aus einem Klan sein, in den das Mädchen hineinheiraten
darf. Wirft ein Fremder oder ein Mann aus einem für eine Heirat nicht
in Frage kommenden Klan eine Perle in den Tiegel, dann wird sie ihm
zurückgegeben. Erfolgt die Rückgabe der Perle aus keinem stichhaltigen
Grunde, so wird dies als schwere Beleidigung aufgefaßt. Der Tiegel
wird im allgemeinen streng bewacht, und nur ein kleiner Teil der
neugeborenen Mädchen wird auf solche Weise versprochen. In diesem Falle
darf niemand anders das Mädchen heiraten. Die hineingeworfene Perle
wird als ein Geschenk an das Kind aufgefaßt und verleiht, wie gesagt,
dem Spender das ausschließliche Recht auf dessen Hand, sobald es das
heiratsfähige Alter erreicht hat. Ist dieser Zeitpunkt eingetreten,
dann muß der Verlobte auch das Heiratsgeld, das man entsprechend der
sozialen Stellung des Mädchens fordert, bezahlen. Ist die Forderung
zu hoch gestellt, dann hat der Mann das Recht, seine „Geschenke“
zurückzuverlangen; auch ist es Rechtens, daß er einen entsprechenden
Zinsfuß fordern darf, was unter Umständen zu Prozessen Anlaß gibt.
[Illustration:
Phot. H. H. Johnston.
Abb. 131. Reichtatauierte Bopoto vom nördlichen Kongo mit spitz
gefeilten Zähnen.
Etwa im Alter von fünfzehn Jahren werden den Knaben und Mädchen die
Zähne spitz gefeilt, es geschieht durch eine eigens dazu bestellte
Person, die sich dabei eines Meißels bedient.]
[Illustration:
Phot. A. Billington.
Abb. 132. Ein Tschumbirimann mit seinem Fetisch.
Um diesen zu kräftigen, speit sein Besitzer gekaute Kolanuß über ihn
aus. Mit der Zeit erhält dadurch der Fetisch eine rundliche Form, ein
Zeichen, daß sein Meister ihn gut hält, wofür natürlich auf seinen
Beistand gerechnet wird.]
Gleich nach der Geburt wird ein frisch gebrochener Palmzweig über der
Tür des Hauses befestigt, um das Kind vor einer doppelten Gefahr zu
schützen. Sollte am Orte plötzlich ein Kampf ausbrechen, dann würde es
kein Mensch, auch nicht der Feind, wagen, ein Haus zu belästigen, das
durch einen solchen Palmzweig gekennzeichnet ist. Ferner verbietet der
Zweig jedem, der das Tier ißt, das die Familie des Neugeborenen mit
einem Tabu belegt hat, das Haus der Wöchnerin zu betreten; täte er es
doch, so würde das Kind krank werden oder sogar sterben. Am Ende des
ersten Monats wird der Palmwedel entfernt, weil man das Kind dann für
kräftig genug hält, um von bösen Einflüssen unberührt zu bleiben. --
Sollte eine Frau während ihrer Schwangerschaft von fließendem Wasser,
von Schlangen oder Wassergeistern geträumt haben, dann fürchtet sie,
das Kind könnte eine Wiedergeburt von einem Wassergeist sein. Daher
wird das Neugeborene sofort in ein Tuch gewickelt, und niemand mit
Ausnahme der Medizinfrau erfährt sein Geschlecht, bis es einen Namen
erhalten hat. Einige Tage nach der Geburt eines solchen Kindes leitet
die Medizinfrau einen Tanz ein, der die ganze Nacht hindurch anhält
und Anlaß zu vielem Essen und Trinken gibt. Eine Laube aus Palmwedeln
wird gebaut, in der Vater, Mutter und Kind Platz nehmen; alle Teller
und Schüsseln, die bei der Entbindung gebraucht wurden, werden in der
Nähe dieser Hütte aufgestellt. Bei Tagesanbruch nun taucht der „Doktor“
in einen Teller mit Palmwein einige Blätter, besprengt Eltern und Kind
damit und fragt die Versammelten dreimal, ob sie den Namen des Kindes
wissen; diese antworten mit „Nein, wir kennen seinen Namen nicht“.
Darauf ruft der Doktor laut: „Er lautet Lombo.“ Die Leute machen
sofort einen Heidenlärm, indem sie sich mit der flachen Hand auf den
Mund schlagen. Sie wissen sofort, wenn sie diesen Namen hören, daß das
Kind ein Mädchen ist; denn wäre es ein Knabe, so würde der Zauberer
es Etoko genannt haben. Sie erkennen ferner an dem Namen, daß die
schwangere Mutter von fließendem Wasser, Schlangen oder Wassergeistern
geträumt hat. Die Geister bewohnen die Flüsse, und die Schlangen
hausen zwischen Steinen in der Nähe von Wasserläufen; daher kommt es
auf dasselbe hinaus, ob man geradezu von den Geistern oder ob man von
Wasser und Schlangen träumt. Der Doktor erhält als Gebühr für seine
Bemühungen ein Huhn, fünfzehn Perlschnüre und alle Gerätschaften in der
Nähe der Hütte. Alle Mädchen, die Lombo, und alle Knaben, die Etoko
genannt wurden, gelten als wiedergeborene Wassergeister und stehen in
dem Ruf, nicht nur Glück verleihen, sondern auch Unglück verhängen
zu können, weswegen sie von ihren Nachbarn mit großer Ehrerbietung
behandelt werden und viele Geschenke von ihnen erhalten. Diese werden
ihnen gemacht, um sie dem Spender geneigt zu stimmen. Bald merken
aber die Kleinen ihren vermeintlichen großen Einfluß, unter anderem
auch daran, daß Verwandte und Nachbarn sich scheuen, ihnen eine
Forderung abzuschlagen, und fallen ihrer Umgebung sehr lästig. Man
glaubt allgemein am Kongo, daß das einzig Neue an einem Kinde sein
äußerer Körper sei, daß dagegen sein Geist oder seine Seele etwas Altes
vorstelle und schon entweder in einer verstorbenen Person geweilt
habe oder auch einer noch lebenden oder einem Wassergeist angehöre.
Zweierlei hat zu solchem Aberglauben geführt: einmal der Umstand, daß
ein Kind frühzeitig von fremdartigen Dingen spricht, die seine Mutter
es nicht gelehrt haben kann, und zum anderen, daß es irgendeinem
Vorfahren oder einem lebenden Verwandten ähnlich sieht. Im letzteren
Falle ist dies für die betreffende Person keineswegs erfreulich,
denn man glaubt dann, daß diese bald sterben werde. Darum ist auch
niemand, dem man sagt, ein Kind habe Ähnlichkeit mit ihm, angenehm
davon berührt. Ebensowenig darf man sagen, ein Kind sei fett, denn dann
könnte die Vermutung aufsteigen, man wolle es „im Geiste“ verzehren,
was seinen baldigen Tod zur weiteren Folge haben würde; auch ein
schönes Kind darf man es nicht nennen, denn dann würde der böse Geist
(Ndoki) es hören und das Kind wegnehmen, dieses also ebenfalls sterben.
Dagegen darf man es, ohne Anstoß zu erregen, als stark bezeichnen.
Eltern zählen ihre Kinder niemals, aus Furcht, der böse Geist könnte
sie hören und ihnen einige durch den Tod entreißen.
[Illustration:
Nach einer Zeichnung von Frank Longland.
Abb. 133. Eine Fetischtrommel für die Jagd (unterer Kongo).
Sie hat die Form einer Antilope und ist hohl. Mit dem größeren Klöppel
(rechts) werden tiefe, mit dem kleineren daneben scharf rasselnde Töne
hervorgerufen. Das kleine Bild (links) zeigt die Trommel von oben (mit
dem Spalt).]
[Illustration:
Phot. H. H. Johnston.
Abb. 134. Ein Häuptlingsfetisch.
Er besteht aus einem Affenschädel, dem als Augen Kaurimuscheln
eingesetzt sind, und ist mit Perlen, Muscheln und Messingglocken
verziert.]
[Illustration:
Phot. R. H. Kirkland.
Abb. 135. Eine abergläubische Sitte der Bopoto bei der Geburt von
Zwillingen.
Zwei Gefäße werden in das gablige Geäst zweier Pfähle zu beiden Seiten
des Weges gestellt, der in das Dorf führt. Dadurch sollen etwaige böse
Einflüsse ferngehalten werden, die den Zwillingen schaden könnten.]
Kongofrauen haben ungern +Zwillinge+, weil sie ihnen doppelte Last
machen, daher lassen sie den einen Zwilling für gewöhnlich verhungern.
Ist eines der Kinder gestorben, auf natürliche oder unnatürliche
Weise, dann wird aus einem Stück Holz ein Bildnis geschnitzt, das
dieses Kind vorstellt, und zu dem lebenden gelegt, damit es sich nicht
einsam fühle. Sollte auch dieses Kind sterben, dann kommt das Bild mit
in dessen Grab. Die Leiche wird auf Blätter gelegt, mit einem weißen
Tuch bedeckt und an der Kreuzung zweier Wege begraben, wo man sonst
auch Selbstmörder oder vom Blitz Erschlagene, also Ehrlose, beisetzt.
Auch kommt es wohl vor, daß, wenn von Zwillingen der eine stirbt, die
Mutter sich ein Kind in demselben Alter borgt und zu dem am Leben
gebliebenen Zwilling legt, damit dieser sich nicht gräme. Das erste
Zwillingskind wird mit einem feststehenden Namen benannt, ebenso das
zweite, desgleichen das erste Kind, das nach einer Zwillingsgeburt auf
die Welt kommt. Auch ein sechsfingriges Kind bekommt einen bestimmten
Namen. -- Am oberen Kongo sind bei Zwillingsgeburten bestimmte
Gebräuche vorgeschrieben. Drei Tage nach der Geburt nimmt die Mutter
die Kinder in die Arme und tanzt vor ihrem Hause; die Nachbarn sehen
zu und singen einen bestimmten Kehrreim, nämlich „Die Zwillinge rufen
nach dir“. Die Mutter wird am ganzen Körper mit vielem Grün geschmückt,
und die Kinder erhalten die feststehenden Namen, die für Zwillinge
üblich sind. Sie dürfen den Namen niemals wechseln, was anderen erlaubt
ist. Der erstgeborene Zwilling wird stets auf dem rechten Arm, der
zweitgeborene auf dem linken getragen. So oft die Mutter gegrüßt wird,
muß sie zweimal danken, für jedes Kind einmal, und wenn sie selbst
jemanden grüßt, dann muß sie dies zweimal tun, damit kein Kind etwas
versäume. Aus demselben Grunde muß sie mit beiden Händen essen, sonst
würde das eine Kind in seiner Ernährung zurückbleiben; sie erhält
auch doppelte Geschenke, damit nicht das eine Kind sich zurückgesetzt
fühle, erkranke oder gar sterbe. Man glaubt allgemein, daß Erkrankung
oder Tod eines der Zwillinge auf eine solche Vernachlässigung von
seiten der Mutter zurückzuführen sei. Von den Zwillingen selbst wird
erwartet, daß sie zusammen lachen oder weinen und auch sonst stets
die gleiche Gemütsverfassung bekunden. Die Bopoto stellen bei einer
Zwillingsgeburt zu beiden Seiten des Weges, der in das Dorf führt, je
ein Gefäß in das gablige Geäst eines Pfahles, um dadurch etwaigen bösen
Einflüssen vorzubeugen, die den Zwillingen schaden könnten (Abb. 135).
[Illustration:
Mit Erl. des Baptisten-Missionsgesellschaft.
Abb. 136. Ein Mann vom Stamme der Batende (zwischen Bolobo und
Leopoldsee am oberen Kongo).
Das Halsband ist aus den Schwanzhaaren des Elefanten angefertigt, das
Kopfhaar in einer Anzahl Büschel angeordnet.]
[Illustration:
Phot. C. J. Dodds.
Abb. 137. Jolatänzer (Bopoto).
Das Weib in der Mitte mit der Rassel in der Hand beginnt zu tanzen,
wenn es vom Geiste besessen wird, und setzt diesen Tanz sieben Tage
lang fort. Während dieser Zeit nimmt es nur wenig Nahrung zu sich.]
[Illustration:
Phot. W. L. Forfeitt.
Abb. 138. Die zum Begräbnis hergerichtete Leiche einer Bopotofrau.
Der Körper ist mit Perlen behängt, die der Verstorbenen im Jenseits als
Geld dienen sollen.]
[Illustration:
Mit Erl. der Baptisten-Missionsgesellschaft.
Abb. 139. Szene aus den Reifezeremonien der Zombo von Kibokolo.
Die jungen Leute müssen monatelang in ihren Verschlägen zubringen,
suchen aber von Zeit zu Zeit vermummt die Dörfer und Märkte heim, wo
sie die Weiber erschrecken, damit diese ihnen Nahrungsmittel und Perlen
geben.]
Wenn sich Sternschnuppen zeigen, dann schließen die Mütter ihre Kinder
schleunigst in den Hütten ein, aus Furcht, die Sternschnuppen, die
sie für am Firmament spielende Geister halten, könnten auf die Kinder
fallen und in sie hineingehen, wodurch die Kinder natürlich von einem
bösen Geiste, dem Ndoki, besessen würden. Der erste Zahn, den ein Kind
verliert, wird gegen die aufgehende Sonne geworfen und dabei die Bitte
ausgesprochen: „Bring mir einen neuen Zahn, wenn du wiederkommst.“
Außerdem wird ein Stück Holzkohle gegen Westen geworfen mit der
Bemerkung: „Nimm meinen alten Zahn fort; ich will ihn nicht wieder
haben.“ Wenn sich dann mit der Zeit ein neuer Zahn einstellt, wird
dies dem Einfluß der Sonne zugeschrieben. -- Wenn ein Kind sich sehr
eigensinnig oder ungehorsam gebärdet, dann schneidet sein Vater ein
Stück von seinem eigenen Zeug ab, wickelt von seinem Haar etwas hinein
und verbrennt das Bündel mit dem +Fluche+: „Du sollst niemals reich
werden, sondern Gegenstand des Unglücks sein.“ Die Kinder haben eine
schreckliche Angst vor einem solchen Fluch; jedes Unglück, das sich
daraufhin einstellt, etwa eine Wunde, ein Unfall, eine Krankheit oder
etwas derart, wird ihm schuld gegeben. Manchmal ändert ein Knabe in
solchem Fall sein Betragen und erweist sich den Wünschen seiner Eltern
zugänglicher; er bittet dann auch darum, daß der Fluch wieder von ihm
genommen werde. Der Vater tut dies, indem er drei kleine Staubhäufchen
auf jedes Knie legt, den Knaben vor sich niederknien und ihn die
Häufchen hinwegblasen läßt, wobei der Vater zu ihm sagt: „Ich vergebe
dir. Ich habe dir nicht mit dem Herzen, sondern nur mit meiner Zunge
geflucht, und nun werde fortan reich.“ Sollte der Vater sterben, bevor
er seinen Sohn von seinem Fluche befreit hat, dann sucht dieser einen
Namensvetter seines Vaters, mit dem letzterer auf freundschaftlichem
Fuße stand, auf, bringt ihm ein Huhn und bittet ihn, ihn von dem Fluch
in der geschilderten Weise zu erlösen. Der Kongoneger kennt auf der
anderen Seite auch wieder +Segenswünsche+ für seine Kinder, die er aus
besonderen Anlässen, entweder wenn sie eine längere Reise antreten oder
der Familie ganz besondere Freude bereitet haben, über sie ausspricht.
Dies geschieht in der Weise, daß der Vater oder auch die Mutter auf
das Kind ausspeien und dabei feierlich ausrufen. „Mögest du besitzen
alles, was ein Mensch besitzen soll; möge dir Segen und Glück zuteil
werden und mögen deine Worte Anerkennung bei den Menschen finden.“ Ein
solcher Segen wird von den jungen Leuten sehnsüchtig begehrt.
Kongoknaben und -mädchen müssen auch gewisse +Familientabus+
beobachten, die ersteren ihr ganzes Leben lang, die letzteren nur bis
zu ihrer Verheiratung; denn dann nehmen sie die Verbote ihrer Männer
an. Diese anererbten Tabus bestehen zum Beispiel in dem Verbot des
Genusses aller Vögel und Fische, die Flecke oder Zeichen haben. Wird
ein solches Familientabu verletzt, dann glaubt man, daß als Strafe der
Übertreter von einer bösen Hautkrankheit befallen werde. Außer diesen
ständigen Tabus kommen auch vorübergehende vor. So legt zum Beispiel
ein Medizinmann einem kranken Kinde ein Tabu auf und nimmt es ihm
später wieder ab. Der verbotene Genuß kann eine Schweineschnauze, ein
Ziegenkopf, ein bestimmter Fisch oder eine besondere Pflanzensorte
sein; der Gegenstand solchen Verbotes ist rein willkürlich und steht
außer Zusammenhang mit der Krankheit.
[Illustration:
Phot. R. H. Kirkland.
Abb. 140. Ein Fetisch der Anwohner des Libinzasees (oberer Kongo),
den der Zauberdoktor gegen hohe Bezahlung aufgestellt hat, um die
zurückgehende Geburtenziffer zu heben.]
Im ganzen Kongogebiet treiben die +heranwachsenden Kinder+ allerlei
+Spiele+, wobei sie den Großen nachäffen; sie gehen im Scherz auf die
Jagd, treiben Handel, kochen, kämpfen miteinander und dergleichen.
Sonstige Spielsachen kennen sie wenig, außer dem, was sie sich aus
den ihnen zur Verfügung stehenden Gegenständen selbst herstellen,
wie Modelle von Häusern oder Kanus, ferner Schilde und Speere für
ihre Schlachten. In mondhellen Nächten beteiligt sich die Jugend mit
den Alten am +Tanz+ oder führt auch eigene Wetttänze auf; Tänze von
allerlei Art sind überall sehr beliebt und werden bei allen möglichen
Gelegenheiten unter lärmender Musikbegleitung abgehalten (Abb. 137,
141, 143, 145 und 147 bis 150). In dunklen Nächten hocken sie um das
Feuer und erzählen einander unter lebhaftem Gebärdenspiel allerhand
Tiergeschichten, die in großer Zahl in ihren Köpfen herumspuken, oder
sie geben sich gegenseitig Rätsel auf. Auch +Fadenspiele+ (Abb. 152)
sind bei alt und jung sehr beliebt; groß und klein bekundet eine große
Geschicklichkeit in dem Abnehmen des Fadens, der ein Band von ein paar
Meter Länge vorstellt. Man hat bis zu sechzig verschiedene Arten dieses
Spiels gezählt. -- Die jungen Leute haben sich vielfach Reifezeremonien
zu unterziehen (Abb. 139).
[Illustration:
Mit Erl. des Belgischen Kolonialministers.
Abb. 141. Ein Tanzweib der Bopoto mit seinen Dienerinnen.
Der Schmuck besteht aus weißen Perlen, die zugleich die Stelle des
Geldes vertreten, und aus messingenen Arm- und Fußbändern.]
[Illustration:
Phot. F. Oldrieve.
Abb. 142. Grabdenkmal vom Ngombe-Lutete-Bezirk.
Über dem Grab ist ein Tisch aufgestellt und darüber ein
Häuschen errichtet; auf den Tisch hat man allerhand zerbrochene
Gebrauchsgegenstände des Verstorbenen gelegt.]
[Illustration:
Mit Erl. der Baptisten-Missionsgesellschaft.
Abb. 143. Berufsmäßige Tänzer der Bopoto,
die bei festlichen Anlässen gegen Bezahlung aufzutreten pflegen.]
[Illustration:
Phot. H. M. Whiteside.
Abb. 144. Mongoweiber vom Lulongoriver (Nebenfluß des oberen Kongo).
Die Haarfrisur wird durch Einreiben mit einer Mischung von Palmöl mit
Ruß oder auch mit gebrannten Erdnüssen erzielt. Der Halsschmuck ist
bei dem einen Weibe (links) aus Eisen, bei dem anderen aus Messing
angefertigt; dieser Messingschmuck wiegt bisweilen bis zu zwölf Kilo.]
Die +Heirat+ kommt unter den Kongonegern durch Neigung zustande. Jedoch
herrscht allgemein die Sitte, daß man nur in einen bestimmten Klan
hineinheiraten darf. Die Grade des Verbots schwanken sehr zwischen den
Bewohnern des unteren Kongogebiets, wo noch das Mutterrecht herrscht,
und denen des oberen, wo bereits das Vaterrecht Geltung hat. Bei den
ersteren darf ein junger Mann, der seine Wahl getroffen hat, weder mit
seinem Mädchen sprechen noch ihm Geschenke machen. Um es zu gewinnen,
muß er dagegen dem Onkel des Mädchens mütterlicherseits zunächst eine
Kalabasse Palmwein darbringen und ihm vortragen, was er auf dem Herzen
hat. Zeigt sich der Onkel geneigt, ihm Gehör zu schenken, dann dankt er
dem jungen Manne und trinkt den ihm gebrachten Wein; dies ist aber nur
ein Zeichen für seine Geneigtheit, ohne zunächst den Onkel zu weiterem
zu verpflichten. Hat er den Wein getrunken, dann setzt er dem Jüngling
Speise vor und bestimmt einen Tag, an dem dieser sich seine Antwort
holen kann. Am festgesetzten Tage findet sich der Bewerber mit einer
noch größeren Menge Palmwein ein und erhält von dem Onkel des Mädchens,
nachdem dieser davon getrunken, Bescheid, ob er damit einverstanden
ist, daß der junge Mann seine Nichte eheliche. Gleichzeitig verständigt
er sich mit ihm über den Kaufpreis, der etwa in tausend, unter
Umständen auch in fünftausend Paketen blauer Perlen -- in jedem Paket
befinden sich hundert Schnüre mit je hundert Perlen zum Preise von zwei
Schilling für das Paket -- zu bestehen pflegt, je nach der Stellung
und dem Reichtum der Familie des Bewerbers. Man feilscht oft um die
Höhe des Preises, und der Onkel ermäßigt ihn dann wohl auch. Jetzt
ist es Sache des Bräutigams, die geforderte Summe durch Handelsreisen
aufzubringen. Gelingt ihm dies, dann benachrichtigt er den Onkel, daß
die Summe bereit liege, entweder in Gestalt von Perlen oder in einer
entsprechenden Menge von Ziegen, Schweinen, Stoffen und so weiter. Der
Onkel sucht jetzt das Dorf auf, wo der junge Mann wohnt, und nimmt dazu
seinerseits Palmwein mit. Hier zählt er das Hochzeitsgeld nach und
setzt, falls alles zu seiner Zufriedenheit ausgefallen ist, einen Tag
fest, an dem der Vater des Mädchens seinen zukünftigen Schwiegersohn
aufsuchen und ihn kennen lernen kann. Bei dieser Gelegenheit bringen
Onkel und Vater des Mädchens dem Bewerber Kürbisflaschen voll Palmwein
mit. Der Jüngling ruft seine Freunde zusammen, und man trinkt gemeinsam
den Wein, zunächst den des Onkels, dann den des Schwiegervaters,
worauf das Brautgeld vor Zeugen ausgezahlt wird. Der Vater erhält nur
einen geringen Bruchteil davon, er spielt überhaupt bei der ganzen
Angelegenheit eine völlig nebensächliche Rolle. Wenn alles so weit
vorbereitet ist, dann muß noch die Zustimmung der Schwiegermutter
eingeholt werden, ehe die Hochzeit stattfinden kann. Bei der +Hochzeit+
pflegt man eine +gewaltsame Entführung+ in Szene zu setzen. Der
Bräutigam begibt sich am festgesetzten Tage mit ein paar Freunden in
die Stadt der Braut; sie schießen beim Herannahen mit ihren Flinten,
schreien und bemühen sich, möglichst viel Lärm zu machen. Damit soll
nicht nur die gesellschaftliche Stellung des Bräutigams kundgetan,
sondern auch die zukünftige Herrin geehrt werden. Bei der Ankunft
im Dorf findet ein Scheinkampf statt mit dem Ausgang, daß die Braut
mitgenommen wird. Die Gesellschaft zieht sich nun wieder in ihre eigene
Stadt zurück, wo für die nächsten zwei bis drei Tage ein lustiges
Leben herrscht. Große Menschenmassen sammeln sich an, viel Wein wird
getrunken, zahlreiche Ziegen und Schweine werden verzehrt, es wird
geschossen und gesungen und unter Trommelschlag getanzt. Am Tage vor
der Hochzeit nimmt die Braut keine Nahrung zu sich.
[Illustration:
Phot. F. Oldrieve.