[Illustration:
Mit Erl. des Belgischen Kolonialministers.
Abb. 121. Häuptlinge vom Stamme der Lokele (am rechten Ufer des Kongo,
unterhalb der Stanleyfälle) in Festtracht.
Ihre Speere sind Paradewaffen, dienen also nicht zu Kriegszwecken.
Die Schulterbänder, an denen die Messer getragen werden, sind aus
Leopardenhaut, die Halsketten aus Leopardenzähnen hergestellt.]
[Illustration:
Mit Erl. der Baptisten-Missionsgesellschaft.
Abb. 122. Zwei Bayengihäuptlinge vom Ngombestamm.
Der Häuptling zur Rechten hat eine aus Palmöl und Kohlenstaub gemischte
Masse in das Haar verrieben; der zur Linken trägt als Haarschmuck
Messingperlen von einheimischer Arbeit.]
Unter den Kongostämmen begegnen wir wie in Westafrika den
verschiedensten +Geheimbünden+ (siehe die farbige Kunstbeilage). Am
Unterlauf des Kongo ist der verbreitetste der Nsi a Fwa, das heißt
„Land des Totenbundes“. Wenn in dieser Gegend eine Krankheit allgemein
auftritt oder die Geburtenziffer sehr herabgeht, dann gründet ein
Hexendoktor eine Loge zur Aufnahme so vieler Personen jeglichen
Geschlechts und Alters, als dem Bunde beizutreten wünschen. Die
Aufnahme Begehrenden verfallen auf den Märkten oder auf der Straße in
eine Art Starrkrampf und werden in die Loge getragen; hier bleiben sie
monatelang bis zu zwei oder auch drei Jahren. Die Loge liegt in einem
dichten Teil des Busches und bleibt so lange bestehen, wie sie sich
für den Doktor und seine Helfershelfer bezahlt macht. Es heißt von den
Mitgliedern des Bundes, ihr Körper zersetze sich bis zu dem Grade, daß
nur ein einziger Knochen von einem jeden Menschen übrigbleibe. Die
Familien der „Toten“ bringen täglich große Mengen Eßwaren hin und legen
sie draußen vor der Loge nieder, damit der Doktor und seine Gehilfen
die nötige Kraft bekommen, die Gebeine der Toten zu wenden. Die
Mitglieder des Bundes gehen in der Loge nackend umher und tanzen viel;
zur Begleitung dient ihnen nur ein Saiteninstrument, keine Trommeln. Da
dieser Geheimbund die Brutstätte großer Unzüchtigkeit ist, wird er von
den einheimischen Häuptlingen in manchen Teilen des Landes verboten.
-- Ein anderer Bund heißt Nkimbo (Abb. 116); in ihn dürfen nur Männer
aufgenommen werden. Die Mitglieder reiben sich mit weißem Pfeifenton
ein und tragen krinolinenartige Gewänder aus Gras oder aus Palmfasern.
In dieser gespenstischen Tracht ängstigen sie unter einem seltsam
trillernden Ruf ihre Mitmenschen, so daß diese ihren Forderungen nach
Geld und Speise willig nachkommen. Dieser Bund scheint seinerzeit
von Händlern ins Leben gerufen worden zu sein, um sich bei ihren
Geschäftsreisen vor den Erpressungen fremder Häuptlinge zu schützen und
einander unterwegs geschäftlich behilflich zu sein; mit der Zeit wurde
der Bund so stark, daß er sich anmaßte, von vorüberziehenden Karawanen
eine Abgabe zu verlangen. Jetzt ist seine Macht im Abblassen begriffen.
Die Aufnahmegebühr belief sich auf etwa zehn Schilling Handelsware.
Wer diese bezahlt hatte, wurde so lange rund um sich selbst gedreht,
bis ihm schwindlig wurde, worauf man ihn bewußtlos in die Loge trug.
Hier blieb er, bis er die geheime Sprache des Bundes erlernt hatte. --
Ein Geheimbund am Kasai soll die Leichen der Verstorbenen ausgraben
und sich im Schutze der Nacht an ihnen gütlich tun. Ihm gehören sowohl
Männer wie Frauen an.
[Illustration:
Phot. John H. Weeks.
Abb. 123. Krieger vom Ntumbasee.
Dieser Stamm ist einer der wenigen, die noch Bogen und Pfeile
gebrauchen. Der kleinere der beiden Krieger hält in der Rechten
eine Galaaxt, wie sie Häuptlinge bei Besuchen mit sich führen; der
größere trägt ein Messer und einen Fliegenwedel unterm Arm sowie drei
Medizinhörner auf der Brust.]
Ein interessantes Gebiet ist die +Religion+ der Kongovölker. In
allen Kongosprachen kommt wohl ein Name für ein +höheres Wesen+ vor,
aber die Vorstellungen von ihm sind ganz unklar. Es wird als der
hauptsächlichste Schöpfer aller Dinge angesehen, gilt für besonders
stark, reich und gut, ja für so mild und gütig, daß es niemand etwas
zuleide tut. Aus diesem Grunde hält man es auch nicht für nötig,
diesem höchsten Wesen Opfer darzubringen oder Gebete an dasselbe zu
richten. Dafür aber befassen sich die Eingeborenen um so mehr mit den
zahlreichen +Geistern+, von denen sie sich umgeben glauben. An sie
wenden sie sich, wenn sie etwas erreichen wollen, sei es, daß sie
den Feinden des Bittenden Schaden zufügen oder diesem selbst Gutes
erweisen sollen, was von der Macht des besonderen Fetisches abhängt,
den man sich vom Medizinmann kauft. Auch +Hexen+ beunruhigen die Leute,
da sie die Macht besitzen, Unglück, Mißlingen ihrer Angelegenheiten,
Krankheit und selbst den Tod über sie zu bringen. Gäbe es keine Hexen,
keine Geister und keine Fetische, so behaupten die Kongoneger, dann
würde es auch keinen Kummer, kein Unglück, keine Krankheit und selbst
keinen Tod geben; die Menschen würden ohne Hexen ewig in einer Art
Himmel auf Erden leben. Um den Machenschaften der Hexen zu begegnen,
gibt es wieder zahlreiche Fetische und Hexendoktoren, denen die Aufgabe
zufällt, jene bösen Mächte zu überlisten und die Menschen entweder
vor deren Bosheit zu schützen oder diejenigen zu bestrafen, die sich
lediglich aus Mutwillen und Bosheit zu Medien für die Verhexung von
seiten der Geister hergeben.
[Illustration:
Mit Erl. des Belgischen Kolonialministers.
Abb. 124. Haartracht der Sangoleute am oberen Mobangiriver.
Die Wirkung der eigenartigen Frisur wird noch erhöht durch Schnüre aus
weißen Perlen und Kaurimuscheln.]
Unter den Anwohnern des unteren Kongo gibt es mehr als fünfzig
verschiedene +Zauberdoktoren+ (Abb. 128), und jeder Stamm am oberen
Kongo besitzt seine eigene, mehr oder weniger zahlreiche Gruppe von
solchen. Sie stellen die Fetische her, mit deren Hilfe sich die
Menschen vor Hexerei zu schützen und sich Gesundheit und Glück zu
erhalten suchen. Manche Hexendoktoren besitzen Fetische, mit denen sie
jegliche Krankheit sowohl herbeiführen als auch heilen können; andere
wiederum vermögen damit ihre Kunden gegen jede Gefahr zu schützen,
die man sich überhaupt denken kann. Manche Fetische verleihen beim
Stehlen und Betrügen Glück, und andere wieder schützen den Besitzer
vor Dieben; noch andere übertragen eine solche Geschicklichkeit zum
Lügen und Stehlen, daß der Besitzer eines solchen Zaubermittels niemals
entdeckt werden kann. Auch verspricht der Hexendoktor seinem Kunden,
ihn bei anderen Menschen so beliebt zu machen, daß jeder Nachbar sich
freundlich zu ihm stellen und ihm bei seinen Unternehmungen hilfreich
zur Hand gehen müsse, sei es im geschäftlichen Verkehr oder im Kampf,
bei Streitigkeiten oder in Liebesangelegenheiten. Versagt etwa das
Mittel, dann liegt dies daran, daß der Gegner ein noch wirksameres
Gegenmittel besitzt. Aber auch diesem Übelstand kann der betreffende
Hexendoktor abhelfen; sein Kunde braucht nur noch mehr zu zahlen und
erhält dafür einen einflußreicheren Fetisch von ihm angefertigt.
Auf diese Weise kauft sich mancher an Zaubermitteln und Fetischen
wirklich arm und bringt sich an den Bettelstab, nur um die Gebühren des
Hexendoktors bezahlen zu können.
[Illustration:
Mit Erl. des Belgischen Kolonialministers.
Abb. 125. Ein Nkindufetisch vom unteren Kongo.
Er ist ganz mit Nägeln bespickt, die ihm zum Dank für empfangene
Wohltaten eingeschlagen wurden.]
Die +Fetische+ (Abb. 125, 132, 133, 134 und 140) sind von mancherlei
Gestalt. Jeder Medizinmann oder Hexendoktor besitzt ein Bündel mit
Zaubermitteln, von denen er annimmt, daß die Geister mit Vorliebe darin
Wohnung nehmen, oder einen Beutel mit Dingen, die sie gern verspeisen.
Um den Geistern eine Freude zu bereiten, werden diese Sachen in ein
Fetischbildnis getan; dadurch erreicht der Zauberer, daß der Geist
sich fortan in dem Fetisch aufhält und daß er ihn unter besonderer
Aufsicht hat. Jeder Medizinmann muß einen solchen +Fetischbeutel+
haben. Dieser enthält eine Mischung aller Zaubermittel, die einem
bestimmten Geist gegenüber für wirksam gelten; je nach der Krankheit,
auf die man ihm Einfluß zuschreibt, ist der Inhalt des Beutels
verschieden. Er setzt sich demnach aus allen möglichen Dingen zusammen.
Einer, den Doktor Bentley untersuchte, enthielt Federn von der Brust
und den Flügeln eines Perlhuhns, zwei kleine Stücke Leopardenfell,
einen Hirschkäfer, ein paar Perlen, Eisensteinspäne, einen Skarabäus,
zwei kleine Kieselsteine und eine blaue Kalabarbohne. Die meisten
Hexendoktoren des unteren Kongo ziehen +Fetischgötzen+ vor, da sie sich
bequemer tragen lassen als die Beutel, die oft groß und von ziemlichem
Gewicht sind. Das Bildnis ist ein gewöhnliches Stück Holz, das eine
grob geschnittene menschliche Person, Mann oder Frau, gelegentlich
auch ein Tier darstellt und in seinem Inneren ein Teilchen von jedem
Zaubermittel aus dem Fetischbeutel birgt; dadurch erhält es seine
Kraft. Wenn nun ein Laie ein Zaubermittel zu kaufen wünscht, dann geht
er zu einem Medizinmann, der einen mit den erforderlichen Eigenschaften
ausgestatteten Fetisch besitzt, und erwirbt diesen für sich. Hat er die
verlangte Gebühr dafür entrichtet, so nimmt der Medizinmann winzige
Teilchen von allen Mitteln aus seinem Beutel, mischt sie gründlich
und tut sie in ein kleines Horn, eine Muschel oder in einen Götzen;
diesen Gegenstand überläßt er dann seinem Kunden. Das Horn wird als
Schutzmittel getragen und kostet nicht viel. Die Muschel ist schon
teurer, weil sie mehr Wirksamkeit besitzt; ihr Besitzer trägt sie
entweder in seinem Schultersack mit sich herum oder läßt sie auch
zu Hause, da sie auf jede Entfernung hin für ihn wirksam sein kann.
Das teuerste ist aber der Fetischgötze, da er sozusagen die gleichen
Fähigkeiten besitzt wie des „Doktors“ Fetischbeutel selbst; ihm wird
die Eigenschaft zugeschrieben, er könne alles das bewirken, was sein
Besitzer von ihm verlangt.
[Illustration:
Phot. H. Sutton Smith.
Abb. 126. Yakusu bei der Herstellung ihrer Haartracht.
Die Muster werden mit einem kleinen Rasiermesser von einheimischer
Arbeit ausrasiert.]
[Illustration:
Phot. A. Billington.
Abb. 127. Ein Batekehäuptling.
Er trägt eine Kopfbedeckung aus Kaurimuscheln und als weiteres Zeichen
seiner Würde einen Wedel aus Büffelhaaren. Als wohlhabender Mann sitzt
er außerdem auf einem Leopardenfell.]
Am unteren Kongo werden den Fetischen regelmäßig +Opfer+ dargebracht;
indessen darf man nicht annehmen, daß diese etwa eine Art Anbetung
bedeuten, vielmehr liegt solchem Opfer einfach der Gedanke zugrunde,
daß es die Macht in dem Fetischbildnis oder in dem Bündel der
Zaubermittel auf irgendeine Weise erneuere, den Fetisch gleichsam
auffrische und ihn befähige, sein Amt als Beschützer seines Besitzers,
als Strafvollstrecker an dessen Feinden und als Glückspender wirksamer
auszuüben. Das Opfer soll auch einen etwa grollenden Fetisch
besänftigen, damit er sich für seinen Besitzer aufs neue Mühe gebe.
Es besteht darin, daß ein Huhn oder eine Ziege getötet und das Blut
über den Fetisch oder das Bündel verspritzt wird; manchmal schneidet
man auch einem Huhn oder einem Frosch die Zehe durch und läßt das
hervorquellende Blut über den Fetisch tropfen. Soll dem Fetisch
seine volle Kraft erhalten bleiben, dann ist es nötig, ihm regelmäßig
Opfer darzubringen, das heißt, immer am Neumond oder an bestimmten
Markttagen; eine je größere Gefälligkeit man von ihm erwartet, um
so wertvoller muß die Gabe ausfallen. Die Stunde des Opfers pflegt
der Sonnenuntergang zu sein; der Opfernde muß sein Gesicht der Sonne
zukehren. -- Schweine werden niemals als Opfer verwendet, weil sie für
unreine Tiere gehalten zu werden scheinen.
[Illustration:
Phot. Joseph Clark.
Abb. 128. Ein Zauberdoktor vom Ntumbasee.