Abb. 78. Frau vom Gerkuastamm

auf dem Wege zur Feldarbeit. In der Hand trägt sie ihre Hacke und auf

dem Rücken in einem Beutel aus Flechtwerk oder Ziegenhaut ihr Kind.]

Wenn eine Frau im Innern des Krulandes stirbt, beanspruchen ihre

Eltern, falls sie aus einem anderen Dorfe stammte, von dem Gatten oder

dem Häuptling eine Entschädigung; wird diese verweigert, dann töten sie

alle Haustiere des Dorfes, zeitweilig war es ihnen sogar gestattet,

dieses auszuplündern und selbst niederzubrennen. Die Familie eines

jeden Verstorbenen jammert, sofern dieser ein Freier war, vierzehn Tage

lang ohne Unterbrechung, die übrigen Ortsbewohner nur zwei Tage. Ein

Sklave wird ohne weitere Förmlichkeit einfach in den Busch geworfen und

verwest dort oder dient den wilden Tieren zum Fraße; ein verstorbener

Freier aber wird für einige Tage zur Schau gestellt, bis er soweit in

Verwesung geraten ist, daß man es nicht mehr in seiner Nähe aushalten

kann. Darauf erst wird die Leiche in eine Matte genäht und begraben.

Auf dem Grabe werden allerhand Stoffe (je nach der Wohlhabenheit des

Verstorbenen), im besonderen auch seine Gebrauchsgegenstände, wie

seine Pfeife, außerdem noch mancherlei Handelsartikel niedergelegt;

auch werden Trankopfer (Palmwein oder Rum) am Grabe dargebracht. Für

gewöhnlich stellt man auch noch eine leere Schüssel auf das Grab, die

man dann und wann mit alkoholischem Getränk und mit Reis füllt. Die Wei

errichten schließlich noch eine Fahne über ihm. Dieser Volkstamm legt

seine Gräber in Gruppen in der Nähe des Dorfeinganges an; Häuptlinge

begraben sie auch vorübergehend in ihrer eigenen Behausung.

Das +Abzeichen der Trauer+ besteht in vielen Gegenden Liberias in

Ringen aus getrocknetem Gras oder Palmrinde, die an den Fingern, um

den Arm und auf dem Kopfe getragen werden, sowie in einer Blau- oder

Grünfärbung des Körpers, auch im Bestreichen mit Asche. Ein Witwer muß

seine Kinder durch ein Geschenk, das er der Familie seiner verstorbenen

Frau sendet, gleichsam zurückkaufen; dadurch erwirbt er sich zugleich

einen Anspruch auf die Schwester der Toten.

[Illustration:

Aus „Tremearne, Hausa Superstitions and Customs“.

Abb. 79. Szene vom Boxkampf der Haussa.

Die linke Hand wird, den Daumen eingeschlagen, umwickelt. Man stößt mit

der Hand oder dem Fuß.]

In Dahome gibt es ein eigentümliches Verfahren, um festzustellen, ob

die Forderung eines Gläubigers an einen Verstorbenen zu Recht bestehe

oder nicht. Das Wasser, mit dem die Leiche gewaschen wurde, füllt man

in eine Flasche und bietet davon dem Gläubiger, wenn er seine Forderung

eintreiben will, zum Trinken an. Verweigert er den Trunk, dann geht

daraus hervor, daß der Verstorbene ihm nichts schuldete; nimmt er ihn

dagegen an, dann bedeutet dies, daß jener bei ihm in Schuld war, und

die Familie kommt dafür auf.

[Illustration:

Phot. T. J. Alldridge.

Abb. 80. Mendi im Stock,

den sie angelegt haben, um den Geist ihrer verstorbenen Schwester zu

versöhnen. Er ist aus einem Stück Bananenstamm angefertigt.]

[Illustration:

Phot. T. J. Alldridge.

Abb. 81. Ein Grab,

das von einem Kreis leerer Ginflaschen umgeben ist, ein Zeichen der

Bedeutung des Verstorbenen.]

Die Bassari Togos sind selten davon überzeugt, daß ein Mensch eines

natürlichen Todes gestorben sei, sondern schreiben seinen Tod meistens

einem bösen Geiste oder dem Zauber einer ihm feindlich gesinnten Person

zu. Daher pflegen sie sich stets an den Fetischpriester zu wenden,

damit dieser entscheide, ob der Betreffende eines natürlichen Todes

gestorben oder einem Zauber beziehungsweise einem Morde zum Opfer

gefallen sei. Spricht sich der Priester für die zweite Annahme aus,

dann lenkt er gleichzeitig den Verdacht auf eine bestimmte Person;

sein Urteil gilt für heilig und darf niemals angezweifelt werden. Der

Verdächtigte muß sich einem Gottesurteil unterziehen, meistens den

Giftbecher leeren. -- Die Leiche wird bei den Bassari gewaschen, häufig

auch mit Rotholz eingerieben, in ein Fell oder Tuch gehüllt, auf einer

Bambusbahre durchs Dorf getragen und schließlich bei Sonnenuntergang

unter feierlichen Gesängen begraben, und zwar die eines Oberhäuptlings

in seinem Gehöfte, die von anderen Männern, Frauen und Kindern im

Busche. Hieran schließt sich, wie üblich, eine festliche Bewirtung

der Gäste durch die Verwandten des Toten, außerdem wird drei bis vier

Tage lang geschossen, um die bösen Geister zu vertreiben. Die Witwe

muß vierzehn Tage lang unbekleidet in der Hütte bleiben und verläßt

diese erst dann, wenn sie ein Bad genommen hat. Als Trauerzeichen legt

sie sich ein dunkelblaues Tuch um. Der Körper des Verstorbenen gehört

gewissermaßen der Familie des Vaters, die ihn auch zu beerdigen hat,

an, dagegen die Haare, die man ihm abschneidet, der Familie der Mutter,

die sie ihrerseits ebenfalls begräbt. Sobald sich die Kunde von einem

Morde oder Totschlag verbreitet hat, werden die Haare des Toten den

Familienmitgliedern mütterlicherseits übersandt und diesen dadurch

gleichsam der Wunsch übermittelt, daß sie die Todesursache unparteiisch

prüfen möchten. Werden die Haare von ihnen angenommen, so gilt dies für

ein Zeichen, daß sie einen natürlichen Tod des Verstorbenen anerkennen.

-- Die Leichname von Schuldnern dürfen nur mit Einverständnis

sämtlicher Gläubiger begraben werden. Andernfalls werden sie an einem

öffentlichen Wege an einem Baum ausgesetzt und an ihrer Seite ihre

wenigen Habseligkeiten aufgestellt. Da es aber als große Schande für

eine Familie gilt, wenn man ihren Angehörigen kein würdiges Begräbnis

zuteil werden läßt, so kommt es selten soweit mit der Leiche eines

Verschuldeten.

Die Banjang am Croß River Nordkameruns begraben ihre Toten in der

sogenannten Hockerstellung, die wir bereits bei anderen Völkern kennen

gelernt haben. Die Leiche wird, bevor sie erstarrt ist, derartig

gebogen, daß die Knie das Kinn und die Hände das Gesicht berühren,

und dann fest verschnürt. Sie führen zu Ehren ihrer Verstorbenen auch

Totentänze nach dem Takte der Trommeln und mit Gesängen auf; selbst

die nächsten Angehörigen beteiligen sich daran. So sah Conrau die

Tochter eines Häuptlings, mit dem Haumesser, der Jagdtasche und der

Pulverflasche ihres verstorbenen Vaters behängt, beständig tanzen und

dabei fortwährend gellende Klagen ausstoßen.

[Illustration:

Phot. T. J. Alldridge.

Abb. 82. Das Sespiel der Westafrikaner.

Der Spieler läßt einen kleinen Kreisel auf der gemeinsamen Matte tanzen

und hat gewonnen, wenn sein Kreisel einen oder alle Kreisel der Gegner

verdrängt.]

In Südkamerun pflegt man bedeutende Häuptlinge in Matten eingewickelt

in hohlen Bäumen an abgelegener Stätte beizusetzen; auch hier feiert

man das Ereignis durch Tänze, die sich viele Nächte lang wiederholen.

Die übrigen Menschen werden entweder im Busch oder in ihrer Hütte

beerdigt. Über dem Grabe wird ein Hügel aufgehäuft, den man mit

Kleiderfetzen, Scherben und ähnlichem zu bedecken pflegt. In der

Lichtung, die um das Grab im Walde geschlagen ist, hängt man an den

Bäumen oft kleine Stäbchen auf, die anzeigen sollen, wieviele Weiber,

Kinder und Sklaven der Verstorbene besaß und wieviele Menschen,

Elefanten und Leoparden er tötete. Fand die Beisetzung in der Hütte

statt, so wird diese mit Rindenstücken und Stangen verschlossen und

bleibt fortan unbewohnt; draußen errichtet man Ruhebänke für die

Besucher. Kleine Kinder werden häufig neben der Hütte bestattet; auf

diese Weise soll sich die Mutter gegen Unfruchtbarkeit schützen.

[Illustration:

Phot. C. G. Seligmann.

Abb. 83. Nubaweiber vom Stamme der Hameg,

die sich nach althergebrachter Sitte an ausgehöhlte Steine (Soba

genannt, angeblich nach der Königin Saba) anlehnen, um auszuruhen.]

Sudan.

Den Teil des Schwarzen Erdteils, der sich südlich von der großen Wüste

Sahara ausbreitet und von den Quellen des Nils bis zum Oberlauf des

Nigers reicht, bezeichnet die Wissenschaft als Sudan. Aus praktischen

Gründen teilt sie dieses weite Gebiet in drei Abschnitte ein: in den

Ost-, Zentral- und Westsudan. Die Bevölkerung des Sudans bildeten

ursprünglich wohl die nach ihm benannten Neger, aber frühzeitig

lagerten sich über diese Urschicht hamitische Elemente, die von Norden

und von Osten her mehr und mehr vordrangen und allmählich bis an die

Westküste Afrikas gelangten. Zu den Völkerschaften des Sudans zählen,

wenn wir im Osten anfangen, die verschiedenen nilotischen Stämme, wie

Schuli, Dinka, Schilluk, Djur, Naër, Bari und andere mehr, die durch

ihre tiefdunkle Haut auffallen, sowie die bei weitem helleren Mangbattu

(Monbuttu) und Niam-Niam (A-Sandeh). Ihnen reihen sich weiter westwärts

im Zentralsudan die Bewohner von Darfur, Wadai, Baghirmi, Bornu und

Kanem, ferner die Musgu und die Leute der Haussastaaten an. Bei den

noch weiter westwärts folgenden Negern des Westsudans treffen wir

bereits auf alte Bekannte, wie die Mandingo, Woluffen, Kru, Wei und

so weiter. Da wir uns mit ihnen bereits in dem Abschnitte Westafrika

beschäftigt haben, so wollen wir an dieser Stelle von ihnen absehen.

Auch die Bewohner der Haussaländer haben wir bereits mehrfach berührt,

daher können wir uns über sie kürzer fassen.

Bereits in der Vorzeit scheinen hamitische beziehungsweise berberische

Stämme in den Sudan vorgedrungen zu sein; in der geschichtlichen Zeit

waren es vor allem zwei große Völkerstämme, die von Einfluß waren:

die Haussa und die Fulbe. Die ersteren begründeten im siebzehnten und

achtzehnten Jahrhundert unserer Zeitrechnung mächtige Staaten, die

letzteren ein Jahrhundert später ebenfalls ein starkes Reich, aber

beider Schöpfungen sind längst untergegangen, seitdem die Europäer von

diesen Gebieten Besitz ergriffen haben.

Diese verschiedenen Einwanderungen fremder Elemente in die von den

Sudannegern ursprünglich bewohnten Gebiete haben der Bevölkerung

ihren Stempel natürlich auch in +anthropologischer Hinsicht+

aufgedrückt; durchweg ist ein hamitischer Einschlag nicht wegzuleugnen,

bei dem einen Volke tritt er mehr, bei dem anderen weniger in die

Erscheinung. Am meisten verraten das hamitische Blut die Neger des

Ostsudans. Im besonderen zeichnen sich diese Stämme vor den Schwarzen

des Zentralsudans durch ihre große, schlanke Gestalt, hageren,

aber dabei doch muskulösen Körperbau, sehr dunkle, tiefbraune,

bis ins Schwärzliche gehende Haut, mehr gekräuseltes als wolliges

Kopfhaar aus. Eine ihnen eigentümliche Erscheinung ist ihre seltsame

+Körperhaltung+, die als Anpassung an ihre Umgebung zu erklären

ist. Diese langbeinigen Gestalten pflegen nämlich stundenlang auf einem

Beine zu verharren, wobei das andere im Winkel gegen das Standbein

gebogen gehalten wird, so daß die Fußsohle das Knie desselben berührt

(Abb. 84). Diese Stellung erinnert an die der Sumpfvögel, weswegen man

diese Stämme auch als Sumpfneger bezeichnet hat.

[Illustration:

Aus „Die Hamburger Woche“.

Abb. 84. Äthiopier in der für sie bezeichnenden Ruhestellung.

Sie stehen dabei auf einem Bein und halten das andere im Winkel gebogen

dagegen.]

Die +Bekleidung+ der Niloten ist durchweg eine recht bescheidene.

Unter den Männern bildet Nacktheit die Regel, die Frauen behängen sich

ihre Hüften meistens mit einem gegerbten Fell oder auch mit einem

Blätterbüschel. Bei verschiedenen Stämmen sind als Kleidungstück

Tierschwänze beliebt, die man vom Hüftband über das Gesäß herabhängen

läßt. Auch künstliche Anhängsel bindet man sich um, die an

Pferdeschwänze erinnern, aus feinen Bindfäden hergestellt und mit Ocker

rot gefärbt sind. Manchmal haben diese Schwänze eine solche Länge,

daß sie hinterherschleifen. -- Als +Schmuck+ werden Ringe um die Arme

und Beine (Abb. 85) sowie in den Ohren und Lippen getragen, um den

Hals Ketten aus Muscheln, Nashornzähnen und anderem mehr. Manchmal

sind die Beinringe von einem solchen Gewicht, daß die Leute sich kaum

fortbewegen können. Die Armringe laufen bei einigen Stämmen in scharfe

Stacheln aus und werben daher gleichzeitig als Waffe (Schlagring)

benutzt. Ohrschmuck wird auch getragen, doch werden die Ohrläppchen

niemals durch Hineinzwängen größerer Gegenstände verlängert. Dagegen

kommen wohl Vergrößerungen der Lippen durch Holzscheiben (Abb. 86) vor.

Auch finden wir verschiedentlich Durchbohrungen der Nasenscheidewand

und Hineinstecken von kleinen Stäbchen, namentlich Quarzstiften.

[Illustration:

Phot. F. Spire.

Abb. 85. Ein Krieger der Acholi,

eines Stammes im Norden des Viktorianils, der einen Schillukdialekt

spricht. Bemerkenswert sind die Einschnürungen an Rumpf und Oberarm.]

[Illustration:

Phot. H. Headlam.

Die Sitten der Völker, Dritter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 76 / 203 题