Die jungen Eltern setzen ein solches Paar zunächst von dem Erscheinen
der Zwillinge in Kenntnis. Die Eingeladenen finden sich ein und lassen
zunächst die neuen Zwillingseltern sich den Mund mit Wasser ausspülen,
binden ihnen Blätterteile bestimmter Pflanzen (Palmen- und Gurkenart)
um Hals, Knie, Arm und Fuß und baden die Zwillingskinder in der Nähe
des Ausganges in einer Wanne, worauf die Eltern ihren Blick in einer
bestimmten Richtung dem Sitze vieler Gottheiten zuzuwenden und weiter
zwei Zwillingstänze unter Trommel- und Flötenbegleitung aufzuführen
haben. Vorher aber müssen sie neunmal um die Trommeln herumgehen und
während des Tanzes Pfeil und Bogen in der Hand halten. Es sind dies
ganz besondere Trommeln, zu deren Klange nur Leute tanzen dürfen, die
Zwillinge gezeugt, Leoparden getötet oder im Kriege jemand den Kopf
abgeschnitten haben. Nach dem Tanze werden die Zwillinge in ein neues
Lendentuch gewickelt. Weiter erfordert die Sitte, daß die Eltern an
der Vorderseite ihres Hauses eine Art Gosse anlegen und nur das hier
sich sammelnde Regenwasser, nicht das von der Hinterseite des Daches
herabfließende trinken. Damit sind indessen die Förmlichkeiten des
Venovidzidzi noch nicht erschöpft. Die Mutter muß sich das Kopfhaar
scheren lassen bis auf drei, der Vater bis auf zwei Haarbüschel. Den
Zwillingseltern ist es ferner verboten, das Fleisch des roten Affen
zu essen, und anderes mehr. Erst wenn alle diese und noch andere
Vorschriften erfüllt worden sind, ist es ihnen gestattet, sich wieder
überall frei zu bewegen. Natürlich fehlt es auch hier nicht an einem
Festmahl.
[Illustration:
Phot. C. L. Temple.
Abb. 44. Ein Medizinmann der Maiduguri,
der sich zahlreiche Amulette umgehängt hat.]
Die +Wöchnerin+ gilt allgemein für unrein und darf erst nach einer
gewissen Zeit, für gewöhnlich nach acht Tagen, ihr Haus verlassen; bis
dahin bleibt sie mit ihrem Kinde abgesondert; eine Übertretung dieser
Vorschrift würde für beide von großem Schaden sein. Das +neugeborene
Kind+ wird bei den Ekoi zwischen zwei Palmblätter gelegt und muß
entweder von der Mutter selbst oder von der Großmutter zur Schwelle
des Hauses gebracht werden; hier schüttet eine weibliche Verwandte
Wasser aufs Dach, von dem das Kind Tropfen abbekommen muß, damit
es nicht an Fieber erkranke. Eine Woche später bedeckt man es mit
weißer Kreide, was Glück bringen soll, und trägt es umher, damit die
Freunde der Familie es sehen. Die erste Locke wird von der Großmutter
abgeschnitten, in einen Lappen gewickelt und in einem Kasten versteckt.
Späterhin wird das Handgelenk eingeschnitten und Zaubermedizin in
die Wunde eingerieben; diese wird entweder aus dem Zeigefinger des
Schimpansen hergestellt und soll dann Kraft verleihen oder durch
Zerquetschen schwarzer Ameisen gewonnen, was Regsamkeit geben soll. --
Die Ngumba (Südkamerun) lassen ihr Neugeborenes am anderen Morgen je
nach seinem Geschlecht entweder von einem heranwachsenden Burschen
oder von einem Mädchen auf ein großes Blatt, auf das die Mutter
eine mit Wasser angerührte Masse aus Rotholzfasern (Abb. 70) und
Baumrinde gestrichen hat, vor die Haustür legen. Mit dieser „Medizin“
zeichnen die Umstehenden sodann einen Längsstrich auf die Brust des
Kindes, ebenso der Träger sich selbst auf die Fußsohlen. Außerdem
werden ähnliche Striche auf die Schwelle und die Türpfosten gemalt.
Dieser Vorgang spielt sich vor einem jeden Hause des Dorfes ab.
Verschiedentlich wird die junge Mutter nach der Geburt ausgeräuchert,
offenbar um die bösen Geister von ihr fernzuhalten. Die Neger der
Goldküste bringen nach der Geburt ihrem Fetisch Opfer dar und hängen
den Neugeborenen Amulette um den Hals. -- Die Negerin schleppt ihr
Kleines beständig mit sich herum und hat es auch bei der Arbeit bei
sich (Abb. 78).
[Illustration:
Phot. C. H. Firmin.
Abb. 45. Mädchen der Mendi,
eines reinen Negerstammes in Sierra Leone. Das silberbeschlagene Horn
über der linken Hüfte enthält eine Fetischmedizin.]
[Illustration:
Phot. H. S. W. Edwardes.
Abb. 46. Ein Beschwörer der Nupe zu Bida,
wie sie in Nordnigerien sehr verbreitet sind. Durch allerlei einfältige
Mittel, die indessen das gewöhnliche Volk nicht durchschaut, üben sie
ihr Handwerk aus, während sie die Aufmerksamkeit der Zuschauer durch
Trommellärm und Gesang abzulenken suchen.]
Die +Namengebung+ erfolgt bei den Mandingo meistens acht Tage nach
der Geburt, bei den Wei unmittelbar nach ihr. Vielfach erfahren die
ursprünglichen Namen später eine Abänderung. Bei den Mandingo zum
Beispiel tauscht man den Namen bei der Beschneidung (zwölftes bis
dreizehntes Jahr) und noch einmal um das fünfundzwanzigste Lebensjahr
gegen einen dann bleibenden um. Die Neger der Goldküste geben den
endgültigen Namen auch erst später, und zwar auf Grund vollbrachter
Taten. Bei den Mandingo wird der Name gern von den Ereignissen oder
Umständen hergenommen, die bei oder nach der Geburt von Wichtigkeit
waren, oder er nimmt, falls das Kind von einem Schutzgeiste des Dorfes
erbeten wurde, auf dessen Namen Bezug. Auch die Bambara und Ewe geben
ihren Kindern solche Weihnamen; bei letzteren haben diese später die
Verpflichtung, ihrem Schutzpatron gewisse Dienste zu leisten. Ist der
Vater bereits verstorben, dann wird bei den Mandingo dessen Name (bei
weiblichen Kindern mit entsprechender Abänderung) dem Neugeborenen
beigelegt. Dies beruht auf der Annahme einer Seelenwanderung. Auf eine
ähnliche Vorstellung ist es zurückzuführen, wenn Togoeheleute, falls
ihnen bereits Kinder gestorben sind, ein Neugeborenes aus Furcht,
es könnte ihm das gleiche Schicksal widerfahren, mit „Niemand kann
das Leben kaufen“ oder, falls es Ähnlichkeit mit einem Verstorbenen
der Verwandtschaft aufweist, mit „Das Wiederkehrende“ benennen. Die
Neger der Goldküste und von Sierra Leone sollen ihre Kinder nach dem
Wochentage benennen, an dem sie das Licht der Welt erblickten. Man
sieht aus diesen wenigen Mitteilungen, daß bezüglich der Namengebung
mannigfache Abwechslung herrscht. Die Persönlichkeit, die den Namen
gibt, ist bald der Vater, bald eine andere, meistens hervorragende
Person. Die Namengebung gestaltet sich für die Eltern und die übrigen
Dorfbewohner in der Regel zu einem Festtag, an dem Tanz und Schmaus
nicht zu fehlen pflegen. -- Bei den Haussa und anderen mohammedanischen
Stämmen versammeln sich am achten Tage die Malame oder Priester
sowie die Verwandten; alle erhalten Kolanüsse als ein besonderes
Festgeschenk. Gelegentlich wird auch ein Schaf oder gar ein Ochse
geschlachtet und verzehrt; die Hebammen erhalten davon den Kopf, die
Beine und die Haut, während der amtierende Malam sich den Rücken nimmt.
Nachdem dem Kinde das Kopfhaar abrasiert worden ist, erhält es zwei
Namen; der eine wird ihm allein ins Ohr geflüstert, der andere aber
den Versammelten öffentlich bekanntgegeben. Die Malame segnen zum
Schluß das Kind, wobei sie Allahs Schutz, besonders gegen Hexerei,
herabflehen, und ebenso die Brüste der Mutter.
[Illustration:
Phot. _Dr._ Mansfeld.
Abb. 47. Maskenträger der geheimen Leopardengesellschaft.
Solche Gesellschaften gibt es fast bei jedem Stamm Südnigeriens.
Ihre Mitglieder hüllen sich in Tierhäute, im besonderen in die von
Leoparden, und begehen während der Nacht ähnliche Räubereien wie diese
Tiere.]
[Illustration:
Phot. _Dr._ Mansfeld.
Abb. 48. Maskenträger einer geheimen Gesellschaft in Südnigerien.
Südnigerien weist zahlreiche Gesellschaften, zumeist geheimer Natur,
auf, die teils religiösen Zwecken, teils nur der Unterhaltung dienen.
Die Masken, die von einzelnen Mitgliedern getragen werden, sollen
Uneingeweihte in Schrecken versetzen.]
Die Angehörigen des männlichen Geschlechts werden meistens
+beschnitten+. Das Lebensalter, in dem dieser Eingriff vorgenommen
wird, schwankt bei den einzelnen Völkern innerhalb weiter Grenzen.
So lassen die Duala in Kamerun ihn bereits an vier- bis fünfjährigen
Knaben ausführen, die gleichfalls dort ansässigen Bakwiri erst an
zwölf- bis vierzehnjährigen und die Dahomeer schieben die Beschneidung
sogar bis zum zwanzigsten Lebensjahre hinaus. Allgemein ist es
aber Sitte, daß sie vor der Verheiratung erledigt sein muß; Frauen
verweigern die Ehe mit unbeschnittenen Männern. Die Beschneidung wird
von hierfür bestimmten Männern in ähnlicher Weise, wie wir sie bereits
kennen gelernt haben, vorgenommen. Im allgemeinen sind Feierlichkeiten,
Prüfungen oder sonstige Förmlichkeiten mit der Beschneidung der
Jünglinge nicht verknüpft. Nur bei den Mandingo gestaltet sich der
Vorgang zu einer sehr festlichen Handlung. Schon zwei Monate vorher
wird der Tag hierfür angekündigt. Die Knaben bleiben fortan von
jeglicher Arbeit verschont, schließen sich zu Trupps zusammen und
ziehen singend und tanzend in den Dörfern umher, wo man sie überall
reichlich bewirtet. Am Beschneidungstage selbst wird das ganze Dorf
festlich geschmückt. Bei den Soninke bestreuen die Beschnittenen den
ihnen gekürzten Körperteil mit heißem Sand oder Asche, bleiben vier
Wochen lang in einem besonderen Hause zusammen und vergnügen sich mit
Nichtstun; das Essen bringt man ihnen hin. -- Ebenso ist in Dahome
die Beschneidung mit gewissen Förmlichkeiten verbunden. Die Anwärter
werden älteren Männern übergeben und an einen abgelegenen Ort im Walde
geführt, wo sie längere Zeit, meistens mit weißem Ton bestrichen,
abgesondert leben müssen und in gewisse Geheimnisse eingeweiht werden.
Sie bekommen dann auch einen neuen Namen. Wenn sie nach Ablauf dieser
Einweihungsfeierlichkeiten wieder ins Dorf zurückkehren, geben sie
sich den Anschein, niemand aus ihrer Umgebung mehr zu kennen, nicht
einmal ihre nächsten Verwandten, und auch eine andere Sprache zu reden,
die ihnen beigebracht wurde. Ein großes Fest bildet den Abschluß der
Förmlichkeiten. Bei den Yaunde legen die Beschnittenen Weiberkleidung
an, die ihnen am Schluß von den Frauen abgerissen wird. -- Die Woluffen
sollen ihre Vorhaut in getrocknetem Zustande zeit ihres Lebens bei sich
tragen, weil sie dadurch besonders zeugungsfähig zu sein hoffen. --
Über die Bedeutung der Beschneidung gehen die Ansichten auseinander;
es scheint, daß sie in erster Linie aus religiösen Gründen vorgenommen
wird. Mit der Beschneidung ist für die jungen Leute die Erlaubnis des
geschlechtlichen Verkehrs verknüpft; gleichzeitig sind sie damit in die
Gemeinschaft der Männer aufgenommen.
[Illustration:
Phot. T. J. Alldridge.
Abb. 49. Porobund, die geheime Gesellschaft für das männliche
Geschlecht in Sierra Leone.
Nichtmitgliedern ist es verboten, in die Geheimnisse des Bundes
einzudringen; aber gelegentlich zeigen sich die Eingeweihten in der
Öffentlichkeit. Im vorliegenden Bilde sind fünf Leute, die in den Bund
aufgenommen werden sollen, in ihrem Tanzkostüm dargestellt.]
[Illustration:
Phot. T. J. Alldridge.