Ein anderer Geheimbund in Sierra Leone ist der +Yassiorden+ (Abb.
58), der sich hauptsächlich mit der Heilung von Kranken durch
die Yassimedizin und mit Zauberei befaßt. Er hat eine besondere
Einrichtung. Es scheint für diejenigen Frauen, die ihm beitreten
wollen, die Pflicht zu bestehen, zuvor Angehörige des Bundubundes
zu sein; aber umgekehrt brauchen nicht alle Bundufrauen der
Yassigesellschaft beizutreten. Auch die Porobünde sollen Beziehungen
zum Yassiorden unterhalten. Das Oberhaupt des Yassibundes ist die Mama
Behku; ihr an Bedeutung am nächsten steht die Yamama; dann folgen die
Kambehs oder Mitglieder der zweiten Stufe mit der Kambeh Mama als
Schwertträgerin. Auch drei männliche Trommelschläger sind dabei. Die
Yassimedizin ist meistens ein auf besondere Art zubereiteter Brei aus
Kräutern und Blättern, der nicht im Busche, sondern in der Ortschaft
in einem Yassihause, einer Lehmhütte, die durch Flecken gekennzeichnet
ist, aufbewahrt wird. Diese Medizin wird nicht eingenommen, sondern
übt ihre Wirkung auf andere Weise aus. Die Zauberei betreiben die
Yassiweiber mittels der Minseri (Abb. 60 und 63), das sind Holzfiguren
von stets weiblicher Natur, die in der Nähe der Medizin, durch einen
Mattenverschlag von ihr getrennt, aufgestellt sind. Der Minserigott
wird mit der Medizin eingerieben; dadurch gehen die Fähigkeiten dieser
auf ihn über. Will jemand die Hilfe der Yassimedizin zu Rate ziehen,
dann wendet er sich zunächst an die Yamama oder an die Kambeh, die
das Orakel verwaltet. Diese betritt darauf, in ein weißes Gewand
gehüllt, das Heiligtum, legt die Kleider aber hier sofort ab, da sie in
Gegenwart der Medizin nackt erscheinen muß. Nach einer Weile kommt sie
in der weißen Tracht wieder zurück, geht aber dabei rückwärts und trägt
einen Minseri mit sich, dessen Vorderseite der Matte zugekehrt ist.
Dann wendet sie sich den ihren Rat einholenden Leuten zu und schwingt
den Götzen hin und her; gleichzeitig richtet sie an ihn bestimmte
Fragen, wie etwa, wenn es sich um einen kranken Mann handelt, der
vermutlich von einem Yassifetisch ergriffen wurde, ob er vielleicht
zugesehen habe, wie die Yassifrauen die Medizin zubereiteten. Will der
Minseri eine jenem günstige Antwort zuteil werden lassen, dann neigt
er sich bis auf die Brust der Kambeh herab; das soll besagen, daß der
Betreffende nichts erspäht hat. Bleibt der Götze aber unbeweglich, dann
ist damit das Schicksal des Fragenden entschieden -- er muß sterben.
In den meisten Fällen erfüllt sich dann auch das Schicksal an ihm,
entweder er stirbt vom bloßen Schreck oder er wird auf irgendeine
geheime Weise umgebracht. Jeder ist mit der Entscheidung, wie es heißt,
zufrieden; das Urteil des Minseri beziehungsweise der Kambeh gilt für
unfehlbar.
[Illustration:
Phot. C. H. Firmin.
Abb. 31. Ein Nupe (Nordnigerien) beim Beschleichen des Wildes.
Er trägt die aus Holz angefertigte Nachbildung eines Nashornvogels auf
dem Kopf.]
[Illustration:
Phot. T. J. Alldridge.
Abb. 32. Ein Hain aus Kolabäumen, der zu Fetischzwecken dient.
Hier werden für gewöhnlich die Toten beigesetzt; die Angehörigen suchen
deren Gräber auf und erflehen die Hilfe der Verstorbenen.]
Die Edo besitzen den +Oviabund+, der Sage nach die Schöpfung der Gattin
eines Königs, die von ihrem Manne sehr geliebt, von den übrigen Frauen
aber aufs beste gehaßt wurde und daher bei der Gründung bestimmte, daß
nur Männer in diesen Geheimbund aufgenommen werden dürften. Zu Beginn
der trockenen Jahreszeit begeben sich alle Männer ins Ovialager und
schlafen dort einen Monat lang. Zwischendurch erscheinen sie bald am
Tage, bald in der Nacht im Dorfe und dürfen dabei ihr Ordensgewand
tragen, dessen hervorstechendstes Stück ein großer, mit Papageienfedern
geschmückter Hut ist. Die Frauen ihrerseits besuchen das Lager nur
während eines Zeremonialtanzes, doch dürfen sie ihre Männer begleiten,
wenn diese sich im Orte befinden. Man behauptet von dem Oviabunde, daß
seine Gebräuche dazu beitrügen, die Menschen am Leben zu erhalten.
[Illustration:
Phot. P. Amaury Talbot.
Abb. 33. Ein Schutz gegen Krankheit,
wie ihn die Ekoi (Obanbezirk, Südnigerien) in Gestalt menschenähnlicher
Figuren alle sieben Jahre in ihren Ortschaften aufstellen.]
Ein verbreiteter Geheimbund in Kamerun ist der +Ekongolo+. Er tritt
in Tätigkeit, wenn eines seiner Mitglieder gestorben ist. Unmittelbar
nach der Bestattung erscheinen die Bundesbrüder in Masken, die mit
allerlei Flitterkram behangen sind, und mit Hörnern auf dem Kopfe
unter der Menge, die sich mit Singen, Tanzen und Zechen unterhält, und
rennen mit weiten, gleich Flügeln ausgebreiteten Ärmeln durch das Dorf.
Bei ihrem Erscheinen schreit alles „Ekongolo, Ekongolo“ und stiebt
kreischend auseinander; sobald man aber durch Geschenke die Ankömmlinge
besänftigt hat, mischen sich diese friedlich unter die fröhlichen
Festgenossen, versuchen aber von Zeit zu Zeit doch immer wieder zu
lärmen und die Leute vor sich herzujagen. Erst am Ende des Festes, wenn
die Angehörigen des Verstorbenen ihnen eine Ziege zum Geschenk gemacht
haben, ziehen sie sich zurück. -- Der +Mungibund+, der sich einer
Verbreitung bis zum Kalabarflusse hin erfreut und wahrscheinlich mit
dem Gotte Mungi in Verbindung steht, bezweckt den gegenseitigen Schutz
seiner Mitglieder und übt gegebenenfalls eine Art Feme aus. Sobald
die große Mungotrommel einen Hilferuf ertönen läßt, ist „der Mungi
heraus“. Dann darf kein Nichtmitglied seine Hütte verlassen, weil es
sonst Gefahr liefe, daß ihn der Mungi hole und auf Nimmerwiedersehen
in den Wald schleppe. Auf den Trommelruf eilen alle Ordensbrüder mit
getrockneten Palmblättern bekleidet zur nächtlichen Versammlung in
den Busch; einer von ihnen stellt den Mungi dar. Er ist mit Federn,
Hörnern, Glocken und allerlei Flitter phantastisch ausgeputzt; mittels
einer einfachen Vorrichtung kann er seinen Körper bald auf die doppelte
Höhe größer werden lassen, bald wieder verkürzen, indem er am Boden
niederkniet. Der Zug bewegt sich, mit dem Mungi in der Mitte, unter
furchtbarem Lärm durch die Straßen zum Walde hin. Hier fällt der Bund
seinen Urteilspruch; Leute, die einen höheren Grad bekleiden, schreien
aus dem Busch den Beschluß hinaus mit den Worten: „Der Mungi ist
hier und sagt das und das.“ Einer von ihnen wird mit der sofortigen
Vollstreckung des Urteils beauftragt. Mit einer wuchtigen Peitsche in
der Hand eilt er in Begleitung eines lärmenden Gefolges ins Dorf zum
Hause des Verurteilten, aus dem sich niemand hinauswagen darf, bis die
Strafe vollzogen und meistens auch das ganze Haus niedergerissen worden
ist. Darauf verkündet die Bundestrommel, daß der Mungi sich wieder in
seine Waldeinsamkeit zurückgezogen habe. Damit ist die Tätigkeit des
Bundes beendet.
[Illustration:
Phot. _Dr._ Mansfeld.
Abb. 34. Ein Fetisch aus dem Croß-River-Gebiet.
Er ist mit Federn, Hörnern, Schminke -- alle drei Dinge haben auf die
Religion Bezug -- und mit Messingstäben (die als Geld in Umlauf sind)
verziert.]
[Illustration:
Phot. The Sudan United Mission.
Abb. 35. Magische Zeichen an einem Eisenschmelzofen,
die man anbringt, um die Gewinnung des Eisens üblen Einflüssen zu
entziehen und nicht gewissermaßen zur Strafe für die Eisengewinnung
durch üble Mächte Schaden zu erleiden.]
[Illustration:
Aus „Kolonie und Heimat“.