VI. Schlussbetrachtungen.

Die Epiphyten sind ganz besonders geeignet, als Illustration der

allmählichen Vervollkommnung von Anpassungen zu dienen. Auf manche

epiphytisch vorkommenden Gewächse hat die Lebensweise auf Bäumen keinen

Einfluss ausgeübt; hierher gehören ziemlich zahlreiche Arten, die im

Stande, sich auf dem Boden zu behaupten, nur deshalb auch gelegentlich auf

Bäumen vorkommen, weil zufällig ihre Eigenschaften den Anforderungen

epiphytischer Lebensweise genügen. Es sei nur an Polypodium vulgare

erinnert, dessen Sporen von dem Winde leicht auf die Bäume getragen

werden, dessen kriechendes Rhizom mit seinen zahlreichen Wurzeln zur

Ausnützung des Substrats vortrefflich geeignet ist und dessen Blätter ohne

Schaden einen ziemlich beträchtlichen Wasserverlust ertragen können. Dank

solchen günstigen Eigenschaften kommt dieser in den temperirten und

subtropischen Ländern der nördlichen Hemisphäre allgemein verbreitete und

überall häufige Farn in einigen Gebieten, wo die später zu besprechenden

klimatischen Bedingungen der epiphytischen Lebensweise sehr günstig sind,

auf Bäumen vor, jedoch nur im Schatten und auf rissiger Rinde.

Unsere erste Gruppe enthält eine Anzahl Pflanzen, die sich im selben Falle

befinden, wie Polyp. vulgare. Andere dagegen haben in Folge der

epiphytischen Lebensweise mehr oder weniger tiefgreifende

Structuränderungen erlitten, durch welche sie in den Stand gesetzt wurden,

das Substrat besser auszunutzen und den Gefahren des Austrocknens besser

zu trotzen. Manche dieser Anpassungen gleichen denjenigen, die wir bei

Bewohnern trockener Standorte überhaupt zu finden pflegen; andere sind

sehr eigenartig, so namentlich bei Orchideen und Araceen, unter welchen

sich die am vollkommensten angepassten Formen der ersten Gruppe befinden.

Das Streben nach mehr Nahrung, namentlich mehr Wasser, als auf der Rinde

vorhanden, hat an ursprünglich nur auf Kosten der Ueberzüge der Rinde sich

ernährenden Epiphyten zwei Reihen von Anpassungen hervorgerufen, deren

niederste Stufen das Gepräge des Zufälligen und Unvollkommenen, wenn auch

schon Vortheilhaften tragen, während die am meisten entwickelten

Vorrichtungen stattlichen Gewächsen das Gedeihen auf hohen Baumästen

gestatten. Als vollkommenste Vertreter der zweiten Gruppe sind die

Clusia-Arten zu nennen, mit ihren eisernen Ringen ähnlichen Haftwurzeln

und ungeheuer langen, grosslumigen Nährwurzeln, während die vollendetste

Ausbildung in der dritten Gruppe uns in Anthurium Hügelii mit seinem

humussammelnden Blatttrichter und seinen negativ geotropischen

Nährwurzeln, namentlich aber in den Farnen mit Nischenblättern

entgegentritt.

Die Epiphyten, welche wir zu unserer vierten Gruppe rechnen, knüpfen sich

nicht, wie diejenigen der zweiten und dritten, unmittelbar an die erste

Gruppe an, sondern sind direkt aus terrestrischen Gewächsen

hervorgegangen, deren Blätter in wenig ausgeprägtem Maasse bereits

Vorrichtungen zur Verwerthung der atmosphärischen Niederschläge besassen.

Auch diese Vorrichtungen haben durch die epiphytische Lebensweise eine

weitgehende Züchtung erfahren, welche endlich zu solchen extremen Formen,

wie Tillandsia circinalis, T. usneoides und T. bulbosa führte.

Dasjenige System von Organen, das bei den Epiphyten am meisten modificirt

wurde, ist begreiflicherweise dasjenige der Wurzeln. Die Wurzeln, welche

sich sonst, anderen Organen gegenüber, durch ihre Gleichartigkeit

auszeichnen, zeigen bei den Epiphyten die mannigfachsten Adaptationen. Sie

besitzen häufig (Orchideen, Aroideen) eigenartige, bei anderen Pflanzen

nicht existirende Vorrichtungen zur Verwerthung von Regen und Thau. Die

sonst in derselben Wurzel vereinigten Functionen der Befestigung am

Substrat und der Aufnahme der Nährstoffe sind oft auf verschiedene Glieder

des Wurzelsystems vertheilt, die dementsprechend, mit ganz verschiedenen

Eigenschaften versehen sind. Je nach Bedürfniss sind sie positiv oder

negativ oder gar nicht geotropisch, lang und einfach oder kurz und stark

verzweigt, mit beschränktem oder unbeschränktem Längenwachsthum versehen,

cylindrisch oder abgeplattet und blattartig. Sie übernehmen bei

Aëranthus-Arten sämmtliche vegetative Functionen, während sie bei

Tillandsia usneoides auf unbedeutende, früh verschwindende Anhängsel

reducirt werden.

Nächst den Wurzeln haben die Blätter die meisten Adaptationen aufzuweisen.

In den einfachsten Fällen beschränken sich diese auf Vorrichtungen, wie

wir sie bei Bewohnern trockener Standorte überhaupt finden; in anderen ist

der Einfluss der epiphytischen Lebensweise scharf ausgeprägt, so bei den

Nischenblättern vieler Farne, den Ascidien von Dischidia, namentlich aber

bei den Bromeliaceen, welche eine neue und augffallende Illustration des

Satzes bilden, dass morphologisch ungleichwerthige Organe, wenn sie

ähnliche Functionen unter ähnlichen äusseren Bedingungen verrichten, auch

ähnliche Eigenschaften annehmen.

Die Blätter der Bromeliaceen müssen nämlich, gleich den Luftwurzeln der

Orchideen und Araceen, im Stande sein, das auf sie fallende Wasser rasch

aufzunehmen, und doch gegen Wasserverlust geschützt sein, da sie nicht,

wie gewöhnliche Wurzeln, im Boden verborgen sind. Die Structurverhältnisse

sind bei den Blättern der Bromeliaceen und den Luftwurzeln der Orchideen,

soweit sie auf den Einfluss der äusseren Bedingungen zurückzuführen sind,

in der That ganz gleichartig. Die Oberfläche ist von bei trockenem Wetter

luftführenden Cellulosezellen eingenommen, die jeden auf sie fallenden

Wassertropfen gierig aufsaugen. Der einzige Unterschied ist, dass bei den

Luftwurzeln die Aufnahmezellen ein zusammenhängendes Gewebe darstellen,

während sie bei den Bromeliaceenblättern einen dichten Haarüberzug bilden.

Unter dem absorbirenden Mantel befindet sich eine stark cuticularisirte,

aber mit engen, nicht cuticularisirten Durchgangsstellen für das Wasser

versehene Zellschicht, die Endodermis bei den Orchideen-Luftwurzeln, die

Epidermis bei den Bromeliaceenblättern. Die nicht cuticularisirten Zellen

sind überall dünnwandig und plasmareich.

Die Functionen der Wasseraufnahme und der Kohlenstoffassimilation sind bei

den meisten epiphytischen Orchideen und Bromeliaceen noch in der

Hauptsache auf ungleiche Pflanzentheile vertheilt, wenn auch eine so

vollkommene Differenzirung, wie bei ihren terrestrischen Verwandten,

beinahe nirgends vorhanden ist. Bei den Orchideen zeigt sich vielfach die

Neigung, den Wurzeln auch die Function der Kohlenstoffassimilation zu

übertragen, während andererseits bei vielen Bromeliaceen die

Differenzirung des Blatts in einen wasseraufnehmenden und einen

laubartigen Theil nicht vorhanden ist. Dieses Streben nach Reduction und

Vereinfachung zeigt sich begreiflicherweise am meisten bei Arten

ausgeprägt, die sehr ungünstige Standorte bewohnen, und hat Extreme

hervorgebracht, welche zu den eigenartigsten Beweisen des vorhin erwähnten

Satzes zu rechnen sind, nämlich einerseits in gewissen Arten der Gattung

Aëranthus, namentlich A. funalis und A. filiformis, andererseits in

Tillandsia usneoides.

_Die erwähnten Aëranthus-Arten bestehen beinahe nur aus Wurzeln, die

Tillandsia entbehrt der Wurzeln gänzlich, und doch ist die Aehnlichkeit in

der Lebensweise, im Habitus, namentlich aber im inneren Bau eine ganz

auffallende._ Aëranthen und Tillandsia hängen von Baumästen herab, haben

eine grau-grüne Farbe, saugen wie Löschpapier jeden Wassertropfen auf. Sie

sind von einem Mantel von Aufnahmezellen bedeckt, zwischen welchen die

Pneumatoden (Spaltöffnungen bezw. »weisse Streifen«) sich befinden. Die

Epidermis bezw. Endodermis ist stark cuticularisirt und mit engen, nicht

cuticularisirten Durchgangsstellen versehen. Unter der schützenden Schicht

befindet sich grünes Gewebe, in welchem Wasserzellen zerstreut liegen. Die

Mitte ist, der hängenden Lebensweise entsprechend, von einem sehr festen

Strange von Sklerenchymfasern eingenommen, in welchem das äusserst

reducirte Leitgewebe eingeschlossen ist.

Wären nur solche Fälle extremer Anpassung, wie wir sie bei Aëranthus- und

Tillandsia-Arten kennen lernten, vorhanden, so würde es kaum möglich

erscheinen, dieselben auf allmähliche Veränderung ursprünglich normal

gestalteter und normal sich ernährender Bodengewächse zurückzuführen.

Thatsächlich sind aber alle Stufen der Anpassung noch vorhanden; die

spärlichen Absorptionsschuppen terrestrischer Pitcairnia-Arten, die kaum

angedeutete Velamenbildung bei vielen terrestrischen und epiphytischen

Araceen, stellen die Anfangsstufe dar; zwischen diesen und den

vollkommensten Anpassungen sind noch alle möglichen Uebergangsstufen

vorhanden, die sämmtlich den jeweiligen Existenzbedingungen entsprechen.

-------------------------------------

III. UEBER DIE VERTHEILUNG DER EPIPHYTISEHEN PFLANZENARTEN INNERHALB IHRER

VERBREITUNGSBEZIRKE.

1. Aehnlich wie bei uns ein einziger Baum oft zahlreiche verschiedene

Arten von Moosen und Flechten trägt, sind auch die Bäume des

tropisch-amerikanischen Waldgebiets, wenn ihre Rinde als Substrat für

Epiphyten geeignet ist, gewöhnlich mit sehr mannigfachen Phanerogamen und

Farnen geschmückt. Welche Arten zusammenwachsen, ist nur bis zu einem

gewissen Grade durch den Zufall bedingt. Bei genauerem Bekanntwerden mit

der atmosphärischen Vegetation eines Gebiets wird man sich vielmehr bald

überzeugen, dass die Epiphyten, ganz ähnlich wie Bodenpflanzen,

verschiedene kleinere Gesellschaften bilden, die nach den jeweiligen

äusseren Bedingungen den Raum behaupten und wiederum zergliedert werden

können.

2. Die Factoren, welche in erster Linie für die Gliederung der

epiphytischen Vegetation in kleinere Gesellschaften maassgebend sind, sind

_das Licht und namentlich die Feuchtigkeit_. Der grosse Unterschied der

epiphytischen Vegetation im Urwaldsschatten einerseits, auf den Savannen

andererseits, ist nur durch Unterschiede in der Intensität der Beleuchtung

und des Wassergehalts der Luft bedingt. Licht, feuchte Luft, reichliche

Thaubildung, häufige Regengüsse stellen die wesentlichen Bedingungen eines

üppigen epiphytischen Pflanzenlebens dar, und wo sie sich in hohem Grade

vereinigt finden, wie in gelichteten Bergurwäldern, in den Galleriewäldern

grosser Flüsse, zeigt sich die epiphytische Vegetation in vollster Pracht

und grösstem Formenreichthum.

Das Lichtbedürfniss treibt im dichten Urwald die Epiphyten nach den

höheren Baumästen, sodass derselbe meist arm an diesen Gewächsen zu sein

scheint, während er in Wirklichkeit eine ausserordentlich üppige und

formenreiche atmosphärische Vegetation ernährt, die sich unten nur durch

tauartige Luftwurzeln, abgelöste Blüthen und Früchte oder unter der Last

der sie überwuchernden Pflanzen abgebrochene Baumzweige verräth. Die

Stämme und die unteren Aeste tragen nur wenige schattenliebende Arten,

namentlich Hymenophylleen und andere Farne, Lycopodien, zarte Peperomien,

grüne Bromeliaceen (Arten von Vriesea, Nidularium etc.) und knollenlose,

meist dünnblätterige Orchideen (Zygopetalum etc.). Daneben findet man

vielfach kümmerliche, nicht blühende Exemplare der auf den obersten Aesten

prangenden Arten. Sobald in Folge von Fällungen das Licht in die Tiefe des

Urwalds Zutritt erhält, breitet sich die bisher auf den oberen Aesten

angehäufte Vegetation auch auf den Stamm aus und bedeckt den Baum bis zu

seiner Basis mit einer blumenreichen Hülle der wunderbarsten und

mannigfachsten Pflanzenformen.

Die epiphytische Vegetation der Bäume der Savannenwälder und anderer

trockener Standorte ist meist weniger üppig und formenreich als diejenige

des Urwalds und bei oberflächlicher Betrachtung von letzterer durchaus

verschieden. Sie verdankt ihren eigenthümlichen Character den bis aufs

äusserste getriebenen Schutzmitteln gegen Austrocknen; dickblätterige,

wenig belaubte Orchideen, graue Bromeliaceen (Tillandsia), Rhipsalis

Cassytha und andere Cacteen, kleine lederartige Polypodium-Arten bilden

die wesentlichsten Elemente der Epiphytenflora der Savannen im ganzen

tropischen und subtropischen Amerika.

Man wird im Urwald lange vergeblich nach den Epiphytenarten der Savannen

suchen, und dennoch sind sie in demselben vorhanden, sogar theilweise sehr

gemein. Um sie zu finden, muss man allerdings nicht blos den Stamm und die

dickeren Aeste, sondern die ganze Krone des Baumes untersuchen können,

wozu ich in Blumenau in Waldschlägen, sog. Roça’s, häufig Gelegenheit

hatte.

Während der Stamm, soweit wenigstens, als er sich im Walddunkel befindet,

nur spärliche und wenig mannigfache Epiphyten trägt, sind seine Aeste mit

einem dichten Rasen von Bromeliaceen, Orchideen, Farnen, Aroideen,

Peperomien, Gesneraceen bedeckt, und darunter befinden sich zahlreiche

Arten, die wir im Waldschatten vergeblich suchen würden. Nähere

Betrachtung zeigt bald, dass auch innerhalb der Krone Unterschiede

vorhanden sind. Die Vegetation der dickeren Aeste, jedoch nicht der

untersten, ist die formenreichste und üppigste; hier wachsen die Riesen

unter den Epiphyten, sowie eine Fülle von meist mit Scheinknollen

versehenen Orchideen; neben diesen befinden sich, jedoch nur in geringer

Anzahl, _Formen, die auch auf Savannenbäumen vorkommen_. Dieser letztere,

zuerst untergeordnete Bestandtheil wird nach oben zu mit der Zunahme des

Lichtes vorherrschend, _und die Endzweige der Baumkrone sind von denselben

grauen Tillandsien, den dickblatterigen, meist knollenlosen Orchideen und

lederigen Polypodien wie Stamm und Aeste der Savannenbäume überwuchert_.

Die etagenmässige Gliederung der epiphytischen Vegetation des Urwalds ist

natürlich nicht in der Art schematisch aufzufassen, dass bei bestimmter

Höhe die reine Schattenflora in diejenige des Halbschattens und diese

wiederum in diejenige des direkten Sonnenlichtes übergehe. Eine solche

Regelmässigkeit existirt nicht. Baume mit sehr dichtem Laube entbehren der

Sonnenepiphyten beinahe gänzlich, wahrend letztere bei Bäumen, die ihr

Laub periodisch abwerfen, schon auf den dickeren Aesten vorherrschend sein

können. Besonders zahlreich sind die Sonnenepiphyten auf den Riesen des

Urwalds, deren Kronen die umgebenden Bäume »wie die Kuppeln und Dome das

übrige Gemäuer einer Stadt« überragen und daher wohl auch als

hauptsächliche Bildungsstätten derselben zu betrachten sind.

3. Licht und Feuchtigkeit sind für die Vertheilung der Bodenpflanzen von

kaum geringerer Wichtigkeit als für die Epiphyten und bedingen beinahe

ebenso grosse Unterschiede, als diejenigen, die wir für die Epiphytenflora

der Wälder und die der Savannen oder für die Etagen des Urwalds kennen

lernten. Ausser diesen beiden Factoren sind für die Gliederung der

Pflanzendecke innerhalb der Vegetationsgebiete die physikalische und die

chemische Beschaffenheit des Bodens von grosser Wichtigkeit. Dieselben

kommen für die Epiphyten natürlich nicht in Betracht; dagegen ist ihnen

_der Einfluss vergleichbar, den die physikalische (und chemische?)

Beschaffenheit der Rinde ausübt_. Während aber die Eigenschaften des

Bodens vielfach für grössere Landstriche wesentlich gleich bleiben,

besitzen die tropisch-amerikanischen Wälder eine so bunte Zusammensetzung,

dass die Epiphytengesellschaften mit jedem Schritt wechseln würden, wenn

die Existenzbedingungen nicht bei vielen der Baumarten wesentlich die

gleichen wären.

Zunächst ist es klar, dass für die meisten Epiphyten eine rissige Rinde

ein besseres Substrat bilden wird als eine glatte. Die Ansprüche, welche

die verschiedenen Epiphyten in dieser Hinsicht stellen, sind sehr

ungleich. Am genügsamsten sind die Bromeliaceen, welche auch auf

spiegelglatter Oberfläche üppig zu gedeihen vermögen, indem sie sich durch

Ausscheidung eines resistenten Kitts überall befestigen und bei ihrem

Ernährungsmodus für die Aufnahme des Wassers und der Nährsalze von ihrem

Substrat ganz unabhängig sind. Als Beispiele für das erstaunliche

Accommodationsvermögen dieser Pflanzen seien einige der von mir

beobachteten Standorte derselben erwähnt. Sie wachsen z. B. häufig auf

mastähnlichen Palmstämmen (Oreodoxa regia, Euterpe etc.), auf den

gleichsam glasirten Endzweigen von Bambusa; ich fand sie auch auf den

Stacheln einer Palme (Acrocomia lasiospatha), auf der Epidermis der

jüngsten Zweige von Cereus-Arten, auf den Blättern anderer Bromeliaceen.

Kleinere Pflanzen habe ich auch auf den dünnen, krautigen Zweigen von

Rhipsalis Cassytha, auf den Luftwurzeln von Vanilla und, häufig, in den

aufgesprungenen Kapseln der Mutterpflanzen beobachtet. Auch die Orchideen

vermögen auf völlig glatter Oberfläche, sogar auf Blättern zu leben; sie

bringen es aber dabei, da sie, mit Ausnahme derjenigen der dritten Gruppe,

von den Nährstoffen der Rinde abhängig sind, die sich nur in Rissen und im

Moose etwas reichlich anhäufen, nie zu üppigem Wachsthum.

Die ausserordentliche Anpassung der Bromeliaceen an epiphytische

Lebensweise verleiht ihnen die gleiche Bedeutung, wie bei uns den

Flechten, als Vorläufern der Vegetation. Sie sind die zuerst erscheinenden

Epiphyten und bereiten das Substrat für solche Pflanzen, die erst bei

etwas grösseren Mengen von Nährstoffen und Feuchtigkeit gedeihen können.

Ihr Wurzelsystem ist dazu vortrefflich geeignet; die Glieder desselben

sterben zwar frühzeitig ab, sind aber nichtsdestoweniger äusserst fest und

dauerhaft, mit Ausnahme der Aussenrinde, aus welcher, sowie aus den

allmählich durch Wind, Regen und Insekten und von der faulenden

Sprossbasis herunterfallenden geringen Mengen fremder Stoffe in den

Interstitien des Wurzelsystems ein Substrat bereitet wird, auf welchem

andere Epiphyten üppig zu gedeihen vermögen.

Die Wurzelkörper und Stammbasen grösserer Bromeliaceen (z. B. Brocchinia

Plumieri auf Dominica, Aechmea-Arten) sind vielfach von einer Menge der

verschiedensten Epiphyten überwuchert. Auf Dominica scheint Clusia rosea

beinahe nur in diesen Wurzelgeflechten ihren Ursprung zu nehmen; sogar an

schon baumartig gewordenen Exemplaren derselben kann man vielfach noch die

Ueberreste der Brocchinia erkennen, zwischen deren Wurzeln der Same

gekeimt ist. Eine sehr auffallende Erscheinung bilden zuweilen

mastähnliche Palmstämme, an welchen eine Gruppe verschiedenartiger

Epiphyten befestigt ist, aus deren Mitte sich die Bromeliacee erhebt, die

ihnen das Gedeihen ermöglicht. Auch in ihren Blattbasen ernähren die

Bromeliaceen nicht selten verschiedenartige Pflanzen, welche allerdings,

wohl in Folge zu grosser Feuchtigkeit, meist früh zu Grunde gehen; wir

haben aber in der Utricularia nelumbifolia der Orgelgebirge eine Art

kennen gelernt, welche in denselben zu üppiger Entwickelung gelangt.

Die meisten Epiphyten vermögen nicht auf so glatter Rinde, wie die

Bromeliaceen, zu gedeihen. Zu den sehr genügsamen gehören kleine Farne und

Peperomien, deren haardünne Wurzeln in kaum sichtbare Risse eindringen.

Andere Arten hingegen bewohnen nur die tief zerklüftete, bemooste Borke

alter Bäume, z. B. manche grössere Farnarten (in Westindien Polypodium

aureum, P. neriifolium, Asplenium exaltatum etc.), die meisten

Dicotyledonen und diejenigen Araceen, die auf niederer Stufe der Anpassung

verblieben sind, wie Anthurium dominicense und viele andere Arten

derselben Gattung. Manche dieser Pflanzen (z. B. Columnea scandens,

Vittaria lineata, Psychotria parasitica) bewohnen gerne die Luftwurzeln

anderer Epiphyten, sei es diejenigen der Bromeliaceen, oder von Anthurium

Hügelii, Oncidium altissimum etc. Die epiphytischen Utricularien

Westindiens gedeihen nur in Moospolstern, Psilotum triquetrum in den

Gabelungen alter Bäume.

Baumarten mit sehr rissiger Borke bieten einer grösseren Anzahl

verschiedener Epiphyten ein geeignetes Substrat, als solche mit glatter

Oberfläche. Am meisten verschont verbleiben jedoch diejenigen Bäume, deren

Borke, ähnlich wie bei den Platanen, schuppenförmig abfällt, z. B. im

süd-brasilianischen Urwald viele Myrtaceen (wohl Eugenia- und Myrcia-

Arten); nur ein Farn (Nephrolepis sp.) zeigte sich unter solchen Umständen

fähig, den Raum zu behaupten, indem seine äusserst dünnen und langen

Stolone den Stamm spinngewebsartig umgeben und so stets einige feste

Haftpunkte behalten.

In manchen Fällen ist die Ursache der grossen Bevorzugung oder

Verschmähung gewisser Bäume ziemlich unklar. So nehmen die Calebassenbäume

(Crescentia Cujete) unter allen anderen mir bekannten Bäumen des

tropischen Amerika, in Bezug auf den Reichthum ihrer epiphytischen

Vegetation, sowohl was die Zahl der Arten als der Individuen betrifft, bei

weitem den ersten Rang ein. Dieselben sind, namentlich in der Nähe des

Waldes, in der Regel von einer Fülle der verschiedenartigsten Epiphyten

bedeckt, namentlich von Orchideen; aber auch, wo die äusseren Bedingungen

für epiphytisches Pflanzenleben sonst wenig günstig und andere Bäume

völlig verschont sind, wird man oft auf den Calebassenbäumen die

verschiedenartigsten Pflanzen in üppigen Exemplaren finden und nach der

Untersuchung derselben sich gewöhnlich den Besuch der umgebenden Bäume

ersparen können, indem die ganze atmosphärische Flora der Nachbarschaft

auf ihren Aesten vertreten ist und manche Orchideen, z. B. Aëranthus

funalis, Epidendrum non chinense etc., sich beinahe nur da befinden. Die

Ursache dieser Bevorzugung der Crescentien scheint theilweise in der

Beschaffenheit des Korks zu liegen, der sich durch grosse Weichheit und

Dicke, sowie schwammartige Beschaffenheit auszeichnet, sodass die

Wurzelhaare leicht in denselben dringen können. Diese Eigenschaft ist den

westindischen Gartenfreunden wohl bekannt, und dieselben gebrauchen daher

vielfach Calebassenzweige als Substrat für epiphytische Culturen(16).

Während der Calebassenbaum die verschiedenartigsten Gewächse trägt,

zeichnet sich eine auf Trinidad und in Venezuela häufige Palme (Manicaria

sp.?) aus durch die Constanz und Eigenartigkeit der nur aus wenigen Arten

bestehenden Genossenschaft von Epiphyten, die sie in ihren persistirenden

Blattbasen ernährt. Neben einem nicht epiphytischen, kletternden

Philodendron, dessen Adventivwurzeln das reiche Substrat durchwuchern,

wachsen auf dieser Palme beinahe stets mehrere Farne, namentlich

Polypodium aureum und Aspidium (Nephrolepis) sesquipedale, sehr häufig

auch Aspidium nodosum und Vittaria lineata. Aspidium sesquipedale kommt

auf Trinidad und dem von mir besuchten Theil von Venezuela, soweit meine

Beobachtungen reichen, nur in den Blattbasen von Palmen vor; auf grossen

Strecken (z. B. in dem dünnen Wald zwischen Arima und Aripo auf Trinidad)

wird man kaum einen Stamm genannter Palme sehen, der nicht mit den

schlanken, einfach gefiederten Wedeln des Farnes geschmückt wäre; letztere

entspringen in Rosetten aus dünnen Stolonen, welche von einer Blattbase

zur anderen kriechen und nur in dem feuchten Humus derselben Sprosse und

Wurzeln erzeugen. Auf Dominica wächst Aspidium sesquipedale in den

Lichtungen feuchter Bergwälder auf allen möglichen bemoosten Bäumen, auf

faulenden Stämmen und auf dem Boden.

Durch persistirende Blattbasen beschuppte Palmen sind überhaupt, im

tropischen und subtropischen Amerika, vielfach von grossen epiphytischen

Farnen bedeckt. Anetium citrifolium scheint auf Jamaica nur solche zu

bewohnen. In Ost-Florida fand ich Sabal Palmetto häufig, wie Manicaria auf

Trinidad, mit Polypodium aureum und Vittaria lineata geschmückt, und in

Süd-Florida scheint das merkwürdige Ophioglossum palmatum nur da zu

wachsen. Aehnliches sah ich vielfach bei Blumenau, wo der am

gewöhnlichsten auf Palmen wachsende Farn eine der auf den Palmen Trinidads

wachsenden sehr ähnliche Nephrolepis ist.

Die Palmen mit persistirenden Blattbasen tragen nach dem Gesagten eine

sehr eigenartige, durch das Vorherrschen grosser Farne ausgezeichnete

Vegetation; zwei der letzteren, Aspidium sesquipedale und A. nodosum, sind

sogar auf Trinidad auf Palmen beschränkt, während auf Dominica die erstere

auch sonst epiphytisch und als Bodenpflanze vorkommt, und die zweite, nach

GRISEBACH, auf Jamaica faulende Stämme bewohnt. Die Ursache dieses

ungleichen Verhaltens auf verschiedenen Inseln dürfte, für A. sesquipedale

wenigstens, in klimatischen Unterschieden zu suchen sein; genannter Farn

dürfte auf dem eine ziemlich trockene Jahreszeit besitzenden Trinidad wohl

nur in den Blattstielbasen von Palmen das tiefe und feuchte, humusreiche

Substrat finden, dessen er neben viel Licht bedarf, während auf den Bergen

von Dominica, wo es beinahe täglich regnet, die zu seinem Gedeihen

nöthigen Bedingungen auch an anderen Standorten verwirklicht sind.

Eine noch mehr charakteristische, obwohl wiederum wesentlich aus Farnen

bestehende epiphytische Flora zeichnet, im ganzen tropischen Amerika, die

_Baumfarne_ aus. Vorwiegend sind auf denselben die Hymenophyllaceen, von

welchen wenigstens eine Art nur auf Baumfarnen vorkommt, nämlich

Trichomanes sinuosum, das ich in Süd-Brasilien und auf den Bergen von

Trinidad in Westindien, wo es überaus häufig ist, nie anderswo gefunden

habe; ich habe sogar in den Wäldern des Mt. Tocuche auf Trinidad den

schlingenden Stamm eines lianenartigen Farns von dem Epiphyten bedeckt

gesehen, während der stützende Baum desselben ganz entbehrte. Auch auf

Jamaica wächst Trichomanes sinuosum und, wie es scheint, Tr. trichoideum

nur auf Farnen. In Sta. Catharina fehlte Trichom. sinuosum selten auf den

Baumfarnen feuchter Schluchten; mit ihm wuchs sehr gewöhnlich das zarte

Trichomanes tenerum, das manchmal, wenn auch seltener, auf anderen Bäumen

wächst, und zwei Asplenien, von welchen das eine, ein überaus zierlicher,

hängender Farn, auf der rissigen Rinde noch anderer Waldbäume verbreitet

war. Endlich wächst, wie mir Herr Dr. FRITZ MÜLLER mittheilte, ein schönes

Zygopetalum auch ausschliesslich nur auf diesen Stämmen.

Die genannten Epiphyten der Baumfarne bewohnen vornehmlich die

Luftwurzelmassen, welche den Stamm der letzteren bekanntlich theilweise

oder ganz umhüllen und sehr häufig als Substrat für epiphytische Culturen

Verwendung finden. Wie zu erwarten, ist diese Eigenschaft der Baumfarne,

von gewissen Epiphyten sehr bevorzugt zu werden oder ihnen sogar als

einziger Standort zu dienen, nicht auf Amerika beschränkt. So gibt HOOKER

die Stämme von Baumfarnen als Standort des Hymenophyllum rarum in

Neu-Seeland an, wo auch Tmesipteris Forsteri dieselben bevorzugt.

Eine so ausgeprägte Anpassung an eine bestimmte Baumart, wie wir sie

soeben für einige Epiphyten der Baumfarne kennen lernten, scheint sonst

nicht vorzukommen, da auch Epidendrum conopseum AIT., die einzige

epiphytische Orchidee nördlich von Florida, nicht bloss, wie es vielfach

behauptet wird, auf Magnolien, sondern auch zuweilen auf anderen Bäumen

vorkommt. Die Ursache der Bevorzugung der Magnolien ist nicht ermittelt.

Ausser der Beschaffenheit der Rinde wirkt auch die Belaubung auf Reichthum

und Zusammensetzung der epiphytischen Flora der einzelnen Baumarten, indem

dieselbe mehr oder weniger dicht, immergrün oder nur periodisch vorhanden

sein kann. Wir kommen hiermit auf den schon vorher geschilderten Einfluss

des Lichtes zurück. Begreiflicherweise entbehren auf Savannen dicht

belaubte Bäume der Epiphyten beinahe gänzlich, da die in schattigen

Wäldern gedeihenden Arten hohe Ansprüche an Luftfeuchtigkeit stellen. So

sah ich auf den westindischen Inseln den Mangobaum, dessen dunkles Laub

dasjenige aller unserer europäischen Baume an Dichtigkeit übertrifft und

sogar von Vögeln vermieden wird, von Epiphyten ganz verschont, während er

bei Rio de Janeiro, wo er nur unvollkommen gedeiht und dünner belaubt ist,

solche vielfach reichlich trägt. Vermieden sah ich auch Terminalia

Catappa, den Brodbaum (Artocarpus incisa), die Tamarinde etc. Viel von

Epiphyten bewohnt sind, ausser den schon erwähnten Calebassenbäumen, die

dank der schlanken Gestalt ihrer Zweige auch möglichst günstige

Beleuchtung bieten und eine reichere Flora als irgend welche anderen Baume

tragen, namentlich Caesalpinieen mit flach-schirmförmiger Krone und sehr

durchsichtigem Laube (Caesalpinia¿ und Cassia-Arten), die sogenannten

Immortellbäume (Erythrina umbrosa), die auf Trinidad zum Schutz der

Cacao-Pflanzungen cultivirt werden, die riesigen Feigenbäume

Süd-Brasiliens, letztere nicht bloss weil sie über die benachbarten Bäume

wachsen, sondern auch weil sie ihr Laub im Winter ganz verlieren, endlich

Cedrela-Arten, deren durchsichtiges Laub ebenfalls einem periodischen

Wechsel unterliegt, ohne dass allerdings vollständige Kahlheit je

eintrete.

4. Die die epiphytische Genossenschaft bildenden Gewächse gehören

theilweise derselben ausschliesslich an, theilweise können sie auch an

anderen Standorten auftreten. Immer jedoch ist die epiphytische Vegetation

von der Umgebung scharf abgegrenzt.

Der Unterschied zwischen epiphytischer und terrestrischer Vegetation ist

am grössten in den Savannen, wo beiden gemeinsame Arten vollständig

fehlen; er ist weniger ausgesprochen im Urwald und doch auch da so gross,

dass man sich erst bei genauerem Studium von der Anwesenheit einer Anzahl

gleichzeitig terrestrisch und epiphytisch wachsender Arten überzeugt.

Farne des Bodens zeigen sich im Walde vielfach auch auf den Stämmen;

Carludovica Plumieri, die in den dunkelen Urwäldern der kleinen Antillen

so häufig an den Bäumen klettert, keimt bald im Boden, bald auf der Rinde.

Aehnliches gilt von verschiedenen kletternden Arten von Anthurium (z. B.

Anth. palmatum) und Philodendron, während andere Arten derselben Gattungen

nie auf dem Boden des Urwalds wachsen; andererseits aber sind viele zur

ersten Gruppe gehörige Anthurium-Arten mehr Bodenpflanzen als Epiphyten

und gedeihen nur bei reichem Substrat auf Bäumen. Dasselbe gilt von

verschiedenen Sträuchern und Bäumen. _Die gemeinsamen Arten sind aber

ausschliesslich solche, die die tiefste oder ausnahmsweise auch die

mittlere der drei Etagen, die wir in der epiphytischen Vegetation des

Urwalds unterschieden haben, bewohnen. Die Epiphyten der oberen Aeste

kommen nie als terrestrische Pflanzen __ vor, und umgekehrt wachsen nie

Bodenpflanzen des Urwalds auf den Gipfeln der Bäume._

Mehr verwischt ist der Unterschied zwischen terrestrischer und

epiphytischer Vegetation in den dünnen Wäldern hoher Gebirgsregionen; auf

dem Kamm der Serra Gerál in Sta. Catharina, auf der Serra do Picú (in der

Serra de Mantiqueira) fand ich die gleichen, wenig zahlreichen

Bromeliaceenarten auf dem Boden und den Baumästen. Die merkwürdige

Erscheinung hätte ein eingehenderes Studium verdient, das ich ihr, aus

Mangel an Zeit, nicht widmen konnte.

Eine weit grössere Aehnlichkeit als zwischen der epiphytischen und der

terrestrischen Vegetation besteht, wie es bereits früher hervorgehoben

wurde, zwischen ersterer und derjenigen der Felsen, die in den Tropen

nicht bloss, wie bei uns, in ihren tiefen, Erde gefüllten Spalten, sondern

auch an ihrer Oberfläche mit phanerogamischen und farnartigen Pflanzen

geschmückt sind und daher ein ganz anderes Aussehen bieten, als unsere nur

Moos und Flechten tragenden Felsen.

Eine grosse Anzahl Pflanzenarten, die sehr häufig als Epiphyten vorkommen,

sind ebenso gewöhnliche Bewohner der Felsen, auf welchen sie sich in

ähnlicher Weise befestigen und ernähren, ähnliche Ansprüche an Licht und

Feuchtigkeit erheben, wie auf Baumrinde. Hierher gehören Vertreter der

verschiedensten Familien, Farne, Bromeliaceen (namentlich Arten von

Aechmea), Orchideen, Araceen, Cactaceen etc. Trotz dieser auf ähnlichen

Existenzbedingungen beruhenden Uebereinstimmung der rupestren und der

epiphytischen Genossenschaft können beide doch durchaus nicht vereinigt

werden, da jede hinreichend zahlreiche eigenthümliche Elemente enthält, um

ihr charakteristisches Gepräge zu besitzen.

Die wichtigste Charakterpflanze der epiphytischen Genossenschaft ist

zweifellos Tillandsia usneoides, deren Lebensweise mit anderen

Existenzbedingungen ganz unvereinbar erscheint und die ich in der That nur

auf Bäumen gesehen habe. Jedermann, der das tropische oder subtropische

Amerika je besucht hat, kennt dieses wunderbare, bartflechtenähnliche

Gewächs, dessen zuweilen über sechs Fuss lange Schweife an den Spitzen der

Baumzweige aufgehängt sind und in kühleren Gegenden oft einen grauen

Schleier um die Krone bilden, der nur an wenigen Stellen vom grünen Laube

durchbrochen ist (Taf. II). Aehnliche höchst charakteristische, aber viel

weniger verbreitete Epiphyten sind Tillandsia circinalis und myosuroides,

atmosphärische Kletterpflanzen Argentiniens, deren Blattspitzen sich um

dünne Baumäste einrollen und auf diese Weise den langen Sprossen den

nöthigen Halt geben (Taf. V).

Noch andere, wenn auch nicht alle Bromeliaceen der Epiphytengenossenschaft

sind für letztere charakteristisch, so die Mehrzahl der Tillandsien der

kleinen Antillen und Venezuelas. Es ist keine Rinde so glatt, dass eine

Colonie von Tillandsia-Arten (z. B. T. utriculata, flexuosa, recurvata,

pulchella) auf derselben nicht gedeihen könnte, sogar in trockener,

sonniger Lage, während diese Gewächse auf Felsen oder überhaupt auf nicht

pflanzlicher Unterlage sehr selten oder gar nicht vorkommen. In

auffallendster Weise zeigte sich mir einerseits die erstaunliche

Genügsamkeit der Tillandsieen, andererseits ihre einseitige Anpassung in

den Llanos, am Fuss der Küsten-Cordillere von Venezuela(17). Der Weg ging

viele Meilen lang durch dünne Wälder von Caesalpinieen und Mimoseen, die,

da es die trockene Jahreszeit war, beinahe oder ganz des Laubes entbehrten

und von einem säulenartigen Cereus untermischt waren; das Gras unter den

Bäumen war vertrocknet, auf den Baumästen dagegen prangte eine üppige

Vegetation von Savannenepiphyten, die ganz frisch erschienen und

theilweise in Blüthe waren, so namentlich Tillandsia flexuosa,

T. compressa, T. pulchella, T. recurvata (auf Bergabhängen vorherrschend),

stellenweise T. usneoides, Aechmea-Arten und untergeordnet Oncidium

Cebolleta, Jonopsis utricularioides (eine Orchidee mit fleischigen

Blättern und äusserst zarten, lilafarbigen Blüthen), Cereus triangularis,

seltener Macrochordium melananthum. Der Boden war häufig felsig oder

steinig und trug dann häufig einige der auf den Bäumen gedeihenden Arten:

Cereus triangularis, Macrochordium melananthum und das Oncidium. Nur ein

einziges Mal dagegen, in einer Felsspalte, fand ich ausser den erwähnten

Gewächsen einige Exemplare einer Tillandsia; dieselben waren höchstens

2 cm hoch und ganz vertrocknet, sodass sie in meinen Fingern zu Staub

zerfielen. Alle Bäume schienen dagegen den Tillandsien gut zu sein; ja

sogar die Cereus-Säulen und die ganz glatten Zweige des epiphytischen

Cereus triangularis wurden von ihnen nicht verschmäht.

Es sind nicht alle Bromeliaceen so exclusive Epiphyten als die genannten,

welchen sich noch andere Arten, z. B. Caraguata lingulata, Guzmannia

tricolor, Brocchinia Plumieri anzuschliessen scheinen. Die Aechmea-Arten,

welche einer Unterfamilie angehören, die viele exclusive Bodenbewohner

zählt, sind vielfach ebenso häufig auf Felsen, wie auf Bäumen, z. B. in

Sta. Catharina. Aehnliches gilt aber auch von gewissen Tillandsien, z. B.

der glänzend weissen Till. Gardneri, die auf der Insel Sta. Catharina

gleichzeitig zu den häufigsten Gliedern der Epiphyten- und der

Felsengenossenschaft gehört.

Sehr auffallende und charakteristische Glieder der Epiphytengenossenschaft

sind ferner Anthurium Hügelii und die Mehrzahl der Baumwürger (scotch

attorney, span. matapalo, portug. matapáo).

Die Felsenflora nimmt in den tieferen, von Urwald bedeckten Regionen

tropischer Gegenden ein weit geringeres Areal ein, als die epiphytische,

sodass ein genauerer Vergleich beider häufig schwierig ist. Jedenfalls

zeigt sie im Schatten und an der Sonne ähnliche Unterschiede wie die

letztere. An Felswänden im Walde findet man namentlich Farne (vorzugsweise

Hymenophylleen), Lycopodien. Gesneraceen, Peperomien, grüne Bromeliaceen,

die theils der rupestren Vegetation eigen, theils derselben mit der

epiphytischen gemeinsam sind. Begonien kommen in Westindien und Brasilien

häufig auf Felsen, aber nie als Epiphyten vor; ich spreche natürlich nicht

von den kletternden Arten, die, im Boden bewurzelt, häufig an Bäumen

heranwachsen. Unter den charakteristischen und häufigen Felsbewohnern

Westindiens und Brasiliens seien u. a. Pitcairnia angustifolia und andere

Arten derselben Gattung, Isoloma hirsutum und zahlreiche andere

Gesneraceen, Selaginellen, Pilea microphylla erwähnt. Die Flora sonniger,

trockener Felsen habe ich nur in Brasilien kennen gelernt, z. B. auf der

Insel Sta. Catharina. Starre Bromeliaceen (namentlich Aechmea-Arten),

Cactaceen (u. a. Rhipsalis Cassytha) und einige wenige dickblätterige

Orchideen (namentlich Cattleya bicolor) verleihen der Vegetation dieser

Felsen eine grosse Aehnlichkeit mit derjenigen der benachbarten Bäume, auf

welchen, neben ausschliesslichen Epiphyten, wie Tillandsia usneoides und

recurvata, die gleichen Arten wie auf den Felsen wuchsen.

Der Unterschied zwischen der epiphytischen und der rupestren Vegetation in

Amerika beruht indessen nicht bloss auf der Anwesenheit charakteristischer

Pflanzenarten in jeder derselben. Die Epiphytengenossenschaft ist nicht

bloss reicher an letzteren als die rupestre, sie ist auch viel schärfer

gegen andere Genossenschaften abgegrenzt und trägt daher ein viel

eigenartigeres Gepräge.

Die Ursachen dieses Unterschieds sind theilweise nicht schwer zu errathen;

sie gehen aus einem genaueren Vergleich der nicht epiphytisch vorkommenden

Felsenbewohner mit den Epiphyten hervor. Wir haben gesehen, dass

Pitcairnia- und Dyckia-Arten ganz gewöhnlich auf Felsen, aber nie auf

Bäumen, selbst nicht in humusreicheren Spalten der Rinde, vorkommen. Es

wäre in der That schwer für diese Pflanzen, auf Bäume überzugehen, indem

die Samen von Pitcairnia einen nur unvollkommenen Flugapparat besitzen,

diejenigen von Dyckia dagegen allerdings mit einem breiten Flügel versehen

sind, der jedoch nur zum Flug, aber nicht zur Befestigung an der Rinde

geeignet ist. Diejenigen Gesneraceen, die auf Felsen, aber nicht

epiphytisch wachsen, befinden sich in ähnlicher Lage; ihre Samen entbehren

jeder Mittel, auf die Bäume zu gelangen, während diejenigen der

epiphytischen Arten entweder in Beeren enthalten sind oder geeignete Flug-

und Haftapparate besitzen. Aehnliches gilt von den auf Felsen so häufigen

Selaginellen, Begonien, Pilea etc.

Auf solche Weise lässt sich sowohl das Fehlen vieler Felsenpflanzen auf

Bäumen, als auch die grössere Uebereinstimmung zwischen der Flora der

Felsen und derjenigen gewöhnlichen Bodens als zwischen der letzteren und

der epiphytischen, zum grossen Theile erklären. Der epiphytischen

Genossenschaft fehlt ein wichtiger Verbreitungsmodus der Samen, das

Wasser; ihre Samen sind in dieser Hinsicht ganz auf Vögel und Wind

angewiesen und müssen zudem noch in ganz bestimmter Weise beschaffen sein,

um auf der Rinde gedeihen zu können. Diese Schwierigkeiten gehen den

Felsen ganz ab. Das Wasser rieselt über ihre Oberfläche, in ihre Spalten,

alle möglichen Samen terrestrischer und epiphytischer Gewächse mit sich

schleppend, die zur Entwickelung gelangen, wo sie nur ein passendes

Substrat finden; ein ebenfalls buntes Samengemisch wird den Felsen durch

den Wind und die Thiere zugeführt. Auf diese Weise kommt es, dass in

tiefen Felsspalten ganz dieselben Pflanzen, wie auf gewöhnlichem Boden,

gedeihen, während sich sonst epiphytisch wachsende Gewächse an der

Steinoberfläche, ganz ähnlich wie an der Baumrinde, ansiedeln; die Flora

der Felsen würde in den Tropen ein Mittelding zwischen der epiphytischen

und der terrestrischen darstellen, wenn sie nicht ausser diesen

Bestandtheilen noch eine Anzahl Arten enthielte, die durch den Kampf ums

Dasein von fruchtbareren Standorten ausgeschlossen werden, und denen der

Bau ihrer Samen und Früchte auf Bäume überzugehen nicht gestattet.

5. Die in diesem und den vorigen Kapiteln über die Eigenthümlichkeit der

Epiphyten, über die Beziehungen der Flora der Baumrinde zu derjenigen

anderer Substrate, berechtigen uns wohl unzweifelhaft, die Genossenschaft

der Epiphyten als eine der am besten charakterisirten zu bezeichnen. Die

Existenzbedingungen sind denjenigen, die auf Felsen herrschen, ähnlich,

daher manche Uebereinstimmung in den Anpassungen und mancher gegenseitige

Austausch. Die epiphytische Genossenschaft hat aber ein weit

eigenartigeres Gepräge als die rupestre, bedingt theils durch das starke

Zurücktreten auf gewöhnlichem Boden wachsender Arten, theils durch die

Ausbildung extremer, in auffallendster Weise an den eigenthümlichen

Lebensmodus angepasster Formen, wie z. B. Clusia rosea mit ihren

Greifwurzeln und Anthurium Hügelii mit den eigenthümlichen Vorrichtungen

zum Aufsammeln und Verwerthen der von der Baumkrone herabfallenden

Nährstoffe, Tillandsia circinalis mit ihren Greifblättern, namentlich aber

Tillandsia usneoides, dieser im wahren Sinne des Wortes atmosphärischen

Pflanze, die sich von den atmosphärischen Niederschlägen ernährt und deren

Zweige, durch den Wind oder Vögel von Baum zu Baum getragen, ohne

Unterbrechung ihre luftige Existenz fortsetzen. Es dürfte allerdings

vorkommen, dass die eine oder die andere dieser Charakterpflanzen unter

günstigen Bedingungen auf dem Boden keime und sich weiter entwickele; für

Clusia rosea habe ich es selber constatirt. Die Anwesenheit von

Eigenthümlichkeiten, die in engstem Zusammenhang mit der atmosphärischen

Lebensweise zusammenhängen, zeigt jedoch zur Genüge, dass man es in

solchen Fällen nur mit Flüchtlingen aus der Epiphytengenossenschaft zu

thun hat; so sieht die erwähnte Clusia, wenn sie selbständig auf dem Boden

wächst, geradezu hülflos aus mit ihren frei in der Luft wachsenden oder

gar die eigenen Aeste erwürgenden Haftwurzeln.

Die epiphytische Vegetation Amerikas · 第 19 / 44 题