1. Durchschnittlich haben die Glieder der epiphytischen Genossenschaft
grössere Areale als terrestrische Pflanzenarten, ohne jedoch im
Allgemeinen so ausgedehnte Verbreitungsbezirke, wie Wasser- und
Strandpflanzen, aufzuweisen. Die bedeutende Grösse der Areale vieler
epiphytischer Gewächse ist keineswegs durch ihre Lebensweise bedingt
worden, die im Gegentheil, wie in diesem Kapitel gezeigt werden soll, viel
eher hemmend als fördernd auf die Verbreitung wirkt. Dass so viele
epiphytische Gewächse weit entlegene Gebiete gleichzeitig bewohnen, beruht
ausschliesslich darauf, dass ihre Samen an Verbreitung durch Wind und
Vögel ausgezeichnet angepasst sind, worin, wie wir es im ersten Kapitel
zeigten, nicht eine Wirkung, sondern eine der Ursachen der epiphytischen
Lebensweise zu erblicken ist.
Die Epiphyten, die gleichzeitig die westliche und die östliche Hemisphäre
bewohnen, sind relativ zahlreich, so namentlich unter den Farnen
(verschiedene Hymenophylleen, Vittaria lineata, Polypodium incanum etc.),
Lycopodiaceen (Lycopod. Phlegmaria, Psilotrum triquetrum etc.), aber, in
einzelnen Fallen, auch bei Familien, deren Arten gewöhnlich enger
begrenzte Areale besitzen. So wächst Bolbophyllum recurvum in Sierra Leone
und Brasilien(18), Rhipsalis Cassytha als einzige Cactee auch in der
östlichen tropischen Zone (in Süd-Afrika, auf Mauritius und Ceylon, nach
BENTH. und HOOKER).
Sehr gross ist die Anzahl der epiphytischen Pflanzenarten, die den
tropisch-amerikanischen Urwald in seiner ganzen Ausdehnung bewohnen, und
manche Arten überschreiten gleichzeitig nach Norden und Süden die
tropische Zone (incl. Süd-Brasilien), so Tillandsia usneoides, die von
Virginien (35° N. Br.) bis Argentinien und Chile verbreitet ist, Till.
recurvata (von Florida bis Argentinien) etc.
Es soll aber keineswegs verschwiegen werden, dass auch unter den Epiphyten
endemische Arten nicht fehlen. Solche findet man namentlich bei den
Orchideen, wo jedoch der Endemismus bei den terrestrischen Arten noch weit
mehr ausgesprochen ist, als bei den epiphytischen, von welchen viele
Arten, wie Isochilus linearis, Dichaea echinocarpa etc., sehr verbreitet
sind. Die auffallendsten mir bekannten Fälle von Endemismus ausserhalb der
Orchideen sind die monotypische Vaccinieengattung Findlaya auf Trinidad,
wo ich sie übrigens umsonst suchte, die ebenfalls monotypischen
Rubiaceengattungen Ravnia, Xerococcus und Ophryococcus in Costa-Rica und
die kleine Utricularia Schimperi auf Dominica. Da die Epiphyten vielfach
nur auf den Gipfeln hoher Bäume vorkommen, dürfte bei denselben mehr als
bei Bodenpflanzen der Endemismus späteren Forschungen weichen.
2. Trotz der bedeutenden Grösse der Areale vieler derselben sind die
Pflanzenarten, die die atmosphärische Vegetation zusammensetzen, in den
verschiedenen Gebieten des tropisch-amerikanischen Waldes zum Theil nicht
die gleichen. Dennoch haben wir die verschiedenartigen Anpassungen der
Epiphyten an ihre Lebensweise, sogar die Gliederung der atmosphärischen
Pllanzenwelt in kleinere Gemeinschaften ohne jede Rücksicht auf
geographische Verbreitung behandelt; nur hier und da wurde kurz auf eine
Localität hingewiesen, wo die eine oder die andere Erscheinung in
besonders auffallender Weise zum Vorschein kommt. Diese Vernachlässigung
geographischer Daten geschah absichtlich, _indem die epiphytische Flora im
ganzen Umfange des tropisch-amerikanischen Urwalds, trotz der
Artenunterschiede, doch einen sehr gleichmässigen systematischen und
physiognomischen Charakter trägt_. Ihre hauptsächlichsten Bestandtheile
sind überall Bromeliaceen, vorwiegend Tillandsieen, deren grüne Arten
beinahe, wenn auch nicht ganz, ausschliesslich schattige Standorte
bewohnen, während die stark beschuppten und daher grau oder weiss
erscheinenden sich auf den höchsten Aesten der Urwaldbäume im vollen
Lichte entwickeln oder die dünnen Wälder der Savannen schmücken. Nach den
Tillandsieen sind die Aechmea-Arten, trotz der geringen Anzahl ihrer Arten
(nach der WITTMACK’schen Begrenzung), wohl die gewöhnlichsten und mit die
autfallendsten unter den Epiphyten. Dank ihren mächtigen, in verschiedenen
Farben leuchtenden Inflorescenzen, ihren farbigen Früchten, bilden sie die
grösste Zierde der amerikanischen Epiphytengenossenschaft. Die übrigen
Bromeliaceengattungen sind weniger allgemein verbreitet. Die in unseren
Gewächshäusern so viel cultivirte Gattung Bilbergia ist mir nur zweimal
begegnet, Nidularium kenne ich nur aus Brasilien, die Arten von Bromelia
sind meist, diejenigen von Ananas, Dyckia, Puya, Hechtia u. a. m. stets
terrestrisch.
Araceen, Orchideen, Farne liefern, nach den Bromeliaceen, das Contingent
der Epiphytengenossenschaft. Erstere sind formenreich, auf zwei Gattungen
(Philodendron und Anthurium) beschränkt; ihre Arten sind aber theilweise
sehr gemein und durch mächtige Dimensionen ausgezeichnet.
Die epiphytischen Orchideen übertreffen an Artenzahl nicht bloss die
Araceen, sondern auch die Bromeliaceen bei weitem; sie sind aber meist
klein und unscheinbar. Vorherrschend sind unter ihnen Arten der
ungeheuren, nur amerikanischen Gattung Pleurothallis, deren beschriebene
Formen 400 übertreffen, und der noch grösseren, ebenfalls rein
amerikanischen Gattung Epidendrum, erstere sehr gleichförmig und meist auf
hohen Aesten rasenbildend, letztere habituell sehr mannigfach, aber, wie
die Pleurothallis-Arten, meist mit unscheinbaren Blüthen; die gross- oder
schönblüthigen Formen sind entweder selten oder treten nur vereinzelt auf,
oder haben eine kurze Blüthezeit. An Farbenpracht treten die Orchideen vor
den Bromeliaceen sehr zurück(19).
Auffallender und habituell mannigfacher als die Orchideen sind die Farne.
Man findet sie überall; die Wäldbäume sind meist von unten nach oben mit
ihren zahlreichen Formen geziert. Die im tiefen Schatten verborgene Basis
des Stamms ist von einer leichten Krause von Hymenophylleen umhüllt, die
an Durchsichtigkeit, an feiner Zertheilung ihres Laubs zuweilen den
zartesten Moosen gleichkommen (z. B. Trichom. tenerum, trichoideum). Höher
am Stamme wachsen oft sehr zierliche Asplenien, dickblätterige, einfache
Acrostichen, schmalblätterige Vittarien, auch mächtige Formen, wie die
trichterförmigen Rosetten des Asplenium serratum; von den Aesten hängen
die oft über 6 Fuss langen, tief gezackten Bändern ähnlichen Fronden von
Nephrolepis-Arten herunter. Der dichte Rasen auf den Aesten verbirgt eine
Menge grösserer und kleinerer Polypodien, und die obersten Zweige haben
ihre eigenen Formen, kleine, kriechende, zungenblätterige
Polypodium-Arten, die auch auf den Savannenbäumen häufig sind
(P. vaccinioides, serpens etc.). Nächst den genannten Familien nehmen
kleine, meist kriechende Peperomien, verschiedene Gesneraceen (Columnea,
Codonanthe etc.), Cactaceen (Rhipsalis Cassytha u. a. Rhipsalideen,
verschiedene Cereus-Arten) den grössten Antheil an der atmosphärischen
Flora. Bei der Untersuchung eines grösseren Waldbaums wird man nur ganz
ausnahmsweise Vertreter der genannten Familien vermissen.
Die übrigen Epiphyten, namentlich die dicotylen Sträucher und Bäume,
treten mit Ausnahme von Clusia und den Feigenbäumen zurück und
beeinflussen daher in der Regel nicht wesentlich die Physiognomie der
epiphytischen Vegetation.
Aehnlichkeiten und Unterschiede der atmosphärischen Flora des
tropisch-amerikanischen Urwalds werden am besten aus einer kurzen
Schilderung der diesbezüglichen Verhältnisse an einigen weit voneinander
gelegenen Punkten hervorgehen.
Zunächst sei die epiphytische Vegetation der Umgebung von Port-of-Spain
auf Trinidad (11° N. B.) als Beispiel eines ungefähr äquatorial
gelegenen Punktes gewählt. Die Flora der Insel stimmt mit derjenigen des
benachbarten Guyana beinahe ganz überein. Dichte Urwälder bedeckten sie
früher, die im Westen zum grossen Theil der Zuckerrohrcultur geopfert
worden sind. Auf den Bergen sind es dunkele, feuchte Wälder, deren
Unterholz schwach entwickelt ist und wesentlich aus Baumfarnen besteht;
in der Ebene ist das Unterholz sehr dicht und durch die stacheligen
Stämme einer rotangartigen Palme (Desmoncus major) bis zu gänzlicher
Undurchdringlichkeit verwoben. In den Bergurwäldern erscheint, dem
tiefen Schatten entsprechend, die epiphytische Vegetation sehr arm, da
die Baumgipfel, auf welchen die atmosphärischen Gewächse angehäuft sind,
sich im undurchdringlichen Laubgewölbe dem Blicke entziehen; die Stämme
tragen doch einige stattliche Formen, so die kletternde Carludovica
Plumieri, das riesige Anthurium Hügelii und das ihm im Wuchs ähnliche
Asplenium serratum, die beide die von oben in ihre Blatttrichter
fallenden todten Blätter und Zweige aufsammeln. Hier und da wachsen
grüne Tillandsieen (Vriesea, Caraguata), Farne, namentlich
Hymenophylleen, kriechen auf der Rinde mit zarten Peperomien. Zwischen
den Stämmen hängen zahlreiche Luftwurzeln, die sich bei genauerem
Untersuchen theils als zu Clusia (Cl. rosea), theils als zu Aroideen
(Philodendron-, Anthurium-Arten) gehörig zu erkennen geben, deren
Ursprung aber im Laubdach verborgen ist. Zuweilen zeugt auch ein
kleiner, abgefallener Baumzweig mit grauen Tillandsien oder
dickblätterigen Orchideen von der Anwesenheit einer ganz abweichenden
Epiphytenflora hoch oben am Lichte.
Treten wir aus dem Wald in eine Cacaopflanzung, so stellen sich
Epiphyten sofort in weit grösserer Menge ein, jedoch nicht so sehr auf
den Cacaobäumen selbst, als auf den weit höheren Erythrinen, die zu
ihrem Schutz gepflanzt worden sind. Diese Bäume sind von den
mannigfachsten Epiphyten bedeckt. Philodendron, theils kurzstämmig mit
riesiger Blattrosette, theils kletternd, Clusia rosea, verschiedene
grosse Aechmea-Arten, Marcgraviaceen (Norantea), Gesneraceen, Rhipsalis
Cassytha und andere Cactaceen, zuweilen das prächtige Oncidium Papilio
sind am Stamme und den dicken Aesten befestigt; Tillandsien, kleine
Farne und Orchideen (Pleurothallis, Epidendrum) umhüllen die dünnen
Aeste, an deren Spitzen vielfach die dünnen Bärte von Tillandsia
usneoides aufgehängt sind. Nähern wir uns der Stadt durch die Allee,
welche durch die sogenannte Savanne zum botanischen Garten und nach
St. Anns führt, so finden wir, namentlich auf den schirmartigen
Caesalpinien und dem knorrigen Haematoxylon campechianum, zahlreiche
Vertreter der Savannenflora, graue Tillandsien (T. utriculata, flexuosa,
compressa), einige Cacteen, spärliche dickblätterige Orchideen (Oncidium
Cebolleta, einige Epidendren), kleine, kriechende Farne, namentlich das
braun geschuppte Polypod. incanum, das bei trockenem Wetter ganz
zusammenschrumpft, um sich beim ersten Regen wieder auszubreiten.
An Trinidad scheint sich, soweit meine Beobachtungen reichen, der
Waldstreifen der benachbarten Küste des Continents durchaus
anzuschliessen; ich fand daselbst genau die gleichen Arten. Vergleichen
wir damit hingegen die zum westindischen Vegetationsgebiet gehörige
Insel Dominica (16° N. B.), so zeigen sich, jedoch erst bei genauerer
Betrachtung, einige Unterschiede. Eine Anzahl Arten sind wohl die
gleichen, die Gattungen sind es zum grössten Theil, der Gesammtcharakter
daher derselbe; es fehlen aber einzelne der häufigsten südamerikanischen
Formen, so Rhipsalis Cassytha, während ein paar neue dicotyledonische
Sträucher und Bäume auftreten (Psychotria parasitica, Blakea laurifolia,
Symphysia guadelupensis, Marcgravia spiciflora etc.).
Versetzen wir uns endlich nach dem anderen Ende des
tropisch-amerikanischen Urwalds, nach Blumenau (27° S. B.), so finden
wir, 43° südlich von Dominica, doch die gleichen Typen wieder.
Wesentlich neue Formen treten uns nur in geringer Zahl entgegen und sind
meist vereinzelt. Die Orchideen sind wohl etwas zahlreicher, die Araceen
etwas weniger häufig als in Westindien; der Gesammtcharakter ist aber
doch nahezu der gleiche. Das Laubgewölbe des südbrasilianischen
Küstenwaldes ist weniger gleichmässig dicht als dasjenige der
Bergurwälder von Trinidad und namentlich Dominica, das Unterholz daher
massig entwickelt, die Epiphyten zeigen sich an den Stämmen, da, wo sich
diese frei aus dem Unterholz hervorheben, in etwas grösserer Zahl und
Mannigfaltigkeit. Wie auf den Antillen, gehören grüne Bromeliaceen zu
den häufigeren Vertretern der Schattenflora; die häufigste unter ihnen
ist eine Vriesea, aus deren lebhaft rothen, zweizeiligen Bracteen nur
eine einzige gelbe Blüthe auf einmal hervorbricht, um am folgenden Tage
wieder zu welken; in trockenen, hellen Wäldern ist diese Vriesea durch
die kleinere, in Europa viel cultivirte V. psittacina ersetzt. Die
erwähnte Vriesea ist beinahe stets von anderen Bromeliaceen begleitet,
namentlich von dem gelbblühenden Macrochordium luteum, dem Nidularium
Innocentii, dessen feuerrothe Bracteen feuchten Detritus umgeben, aus
welchem weisse Blüthen sich erheben, wenn sie nicht in der Knospe
verderben. Von den dickeren Aesten hängen die schmalen Blätter einer
Varietät des genannten Nidularium, dessen Blüthen noch häufiger als bei
der typischen Art in dem von den Bracteen aufgesammelten Unrath zu
Grunde gehen. Die epiphytische Schattenflora enthält neben den
Bromeliaceen noch manche andere häufige Form. Die Basen der Stämme sind
von einem Rasen von Hymenophyllaceen umhüllt; nach oben zeigen sich
andere Farne, kleine Asplenien, Acrostichen. Zarte Peperomien kriechen
auf der Rinde, vielfach begleitet von einer gelbblüthigen Octomeria mit
cylindrischen Blättern, einer zierlichen, kleinen Stelis, einer
weissblüthigen, dickblätterigen Gesneracee (Codonanthe Devosii), den
langen, hängenden Sprossen einer nadelblätterigen Hexisea und einer
einem riesigen Lebermoos gleichenden Dichaea (D. echinocarpe), die nur
an der Basis durch einige Wurzeln befestigt sind. Dicken Drähten gleich
ziehen senkrecht durch die Luft die Nährwurzeln hoch auf den Aesten
nistender Philodendren, während diejenigen der Baumwürger (Ceiba
Rivieri, verschiedene Feigenbäume und Coussapoa Schottii) oft über
Armsdicke besitzen und dem Wirthbaum dicht angeschmiegt und durch
horizontale Haftwurzeln befestigt sind oder, sich vom Stamme trennend,
dicke Stelzen darstellen. Zur Zeit meiner Ankunft (September) war der
Boden unter den Bäumen, die die Ceiba trugen, von den rothen Blüthen des
Baumwürgers bestreut. Ein weit grösserer Reichthum an Epiphyten
überwuchert die dickeren Aeste; mit Ausnahme der grossen Blätter von
Philodendron cannifolium, der leuchtenden Inflorescenzen der
Aechmea-Arten und eines mächtigen, nicht sehr gemeinen Cyrtopodium sind
die Arten erst nach Fällen des Baumes erkennbar und zeigen dann in
endloser Mannigfaltigkeit Tillandsien und andere Bromeliaceen, mit
Knollen versehene Orchideen (namentlich Oncidium altissimum,
Maxillarien, Epidendren), Rhipsalis, theils flach, theils kantig, Farne,
Gesneraceen, Araceen, Lycopedium dichotomum. Die mächtigen Rosetten von
Tillandsia tessellata sind nur auf den obersten Zweigen sichtbar,
begleitet von grauen Tillandsien (T. stricta, geminata, Gardneri etc.),
Ortgiesia tillandsioides, einem dichten Rasen von Pleurothallis,
Epidendren (E. avicula, latilabre etc.), Cattleya bicolor, Farnen etc.
An der Spitze hängen vielfach noch die Schweife der Tillandsia
usneoides.
Nicht alle Bäume tragen eine solche Fülle von Epiphyten. Einige
entbehren derselben sogar beinahe ganz, wie die Cecropien und die
Myrtaceen, erstere aus mir nicht bekannten Gründen, letztere, weil sie
ihre Borke, ähnlich wie die Platanen, abwerfen (vgl. p. 94). Reich von
Epiphyten bedeckt sind die Cedros (Cedrela sp.), deren durchsichtiges,
gefiedertes Laub alljährlich erneuert wird, die riesigen Figueiras
(Urostigma-Arten), die sich kuppelartig über das Laubdach erheben. Die
dünnen Masten der Oelpalme (Euterpe sp.) tragen vielfach eine
Bromeliacee, in deren Wurzelgeflecht verschiedene kleine Epiphyten sich
befestigt haben, während die rauhen, braunen Stämme der Baumfarne von
einem zarten Rasen von Hymenophylleen und kleinen Asplenien umhüllt
sind. Die Sträucher und kleinen Bäume des Unterholzes tragen nur
Flechten und Moose, und solche, namentlich ein kleines, aromatisches
Lebermoos, wachsen vielfach auch auf den grossen Blättern der Heliconien
und Myrcien.
Verlassen wir den Urwald, so finden wir in der Capoeira, auf den
vereinzelten Bäumen in den Pflanzungen und Weiden eine ganz ähnliche
Savannenflora, wie in Westindien. Die Gattungen sind meist die gleichen,
die Arten dagegen allerdings beinahe alle verschieden. Hier wie dort
herrschen graue Tillandsien vor (Till. stricta, geminata etc.), daneben
aber auch die grosse, scheckige, aber, ausser an den löffelartigen
Blattbasen, kaum beschuppte Vriesea tessellata und eine stattliche,
grünblätterige, nicht bestimmte Art derselben Gattung, Orchideen mit
fleischigen Blättern, meist ohne Scheinknollen (Epidendrum latilabre,
avicula u. a. A., Cattleya bicolor, Phymatidium delicatulum, Jonopsis
sp. etc.), Rhipsalis Cassytha, kleine, meist kriechende Farne, hie und
da kümmerliche Exemplare der Urwaldformen (Peperomien, Gesneraceen,
Vriesea psittacina).
3. Die atmosphärischen Gewächse fehlen nicht ganz in jenen ungeheuren
Savannengebieten, die unter dem Namen von Llanos, Catingas, Campos
u. s. w. das Innere des tropischen Süd-Amerika bedecken. Diese Savannen
stellen bekanntlich nicht ein ununterbrochenes Wiesenland dar, sondern
bestehen stellenweise oder vorwiegend (Catingas) aus lichten Gebüschen und
Wäldern mit periodisch abwerfendem Laube, die an den Flussrändern recht
üppig werden können.
Man findet in diesen Wäldern nur ausnahmsweise einen so grossen Reichthum
an epiphytischen Bromeliaceen und Orchideen, wie ich ihn für gewisse
Savannenwälder am Fusse der Küstencordillere in Venezuela im vorigen
Kapitel beschrieb. Auch in letzterem Lande habe ich grosse Wald- und
Gebüschstrecken gesehen, wo, obwohl an grossen Bäumen kein Mangel war, die
Epiphyten sehr spärlich an Arten und Individuen auftraten. So wuchsen in
der Umgebung von Maturin nur ein paar Tillandsien, ausser an den Ufern des
Flusses (R. Guarapiche), wo, wie überhaupt an allen Gewässern,
zahlreichere und mannigfachere Epiphyten auftraten -- offenbar allein eine
Wirkung der wässerigen Dünste, die in kühler Temperatur der Nacht als
flüssige Tropfen ausgeschieden werden, welche in die Trichter der Vriesea-
und Aechmea-Arten, auf die gierig saugenden Blätter grauer Tillandsien und
auf Orchideen-Luftwurzeln fallen und den Verlust des Tages ersetzen.
Ganz ähnlich, wie in den dünnen Wäldern der Llanos, tritt in
brasilianischen Catingas der Epiphytismus stark zurück. GARDNER, dem wir
die botanische Erforschung der letzteren in erster Linie zu verdanken
haben, fand die erste epiphytische Orchidee erst nach langen Wanderungen
in der Provinz Ceará, und die atmosphärische Vegetation trat überhaupt nur
da in grösserer Ueppigkeit zum Vorschein, wo an den feuchten Abhängen von
Bergen die Bäume zu dichterem Urwaldwuchs zusammentraten.
Ganz ähnlich verhält es sich in den südbrasilianischen Campos, in den
Savannengebieten Mexicos und Central-Amerikas und auf denjenigen der
Antillen, die in Folge ihres relativ trockenen Klima eines
tropisch-dichten Waldwuchses entbehren. Ueberall aber zeigt sich mit dem
Eintritt grösserer Feuchtigkeit die Epiphytengenossenschaft in grösserem
Reichthum der Formen und Individuen.
Auf einer Excursion in der Umgebung von Pernambuco im Dezember 1886 habe
ich einen Blick in die dortige epiphytische Vegetation werfen können,
die mit derjenigen der Catingas grosse Aehnlichkeit zu haben scheint;
allerdings sind die dortigen Wälder durch den Einfluss des Menschen mehr
verändert als im Inneren des Landes. Immerhin entsprach, was ich sah,
vollkommen den Beschreibungen GARDNER’s. Den meist niederen Sträuchern
waren dicht hinter dem kleinen Orte Beberibe grosse Bäume nur spärlich
beigemengt; als wir aber in grössere Entfernung gelangt waren, nahm das
Gebüsch mehr den Charakter eines Waldes an, namentlich an den Ufern der
kleinen Wasserläufe, die von einer Gallerie schöner Bäume, unter anderen
einer auch von GARDNER viel erwähnten, prächtig blühenden Vochysiacee,
eingefasst waren. In einem feuchteren Gebiet wären diese Bäume reichlich
mit Epiphyten versehen gewesen. Hier waren wohl schöne Loranthaceen
vorhanden, eigentliche Epiphyten fehlten aber gänzlich, ausser in der
Nähe des Wassers, wo sich Stämme und Aeste mit einigen Bromeliaceen
(Vriesea-, Bilbergia-, Aechmea-Arten, sämmtlich damals nicht blühend)
schmückten. Ein in einer Waldhütte lebender Brasilianer, der, wie die
Einwohner des tropischen Amerika überhaupt, über die »parasitas« wohl
Bescheid wusste, sagte mir, dass solche ausschliesslich in feuchten
Schluchten zu finden wären, und führte mich zum Beleg in eine solche, wo
die Bromeliaceen in der That etwas reichlicher auftraten, aber von
anderen Epiphyten nicht begleitet waren.
Auf den einzelnen knorrigen Bäumen und in den dünnen Gebüschen der
Campos von Minas Geraës sind die Epiphyten, wie mir Dr. SCHENCK
mittheilte, ebenfalls Ȋusserst sparsam, ja fehlen stellenweise
gänzlich. Nur einige Polypodien, Pleurothallideen und wenige
Bromeliaceen trifft man hier und da vereinzelt an.« (Brief aus Congonhas
do Campo, ca. 48 km südwestl. von Ouro Preto.) In den Urwaldbeständen
auf Bergabhängen treten dagegen die Epiphyten begreiflicherweise
reichlich auf.
An den trockenen Küstenstrichen Mexicos, bei Vera Cruz u. s. w., fand
GALEOTTI nur in feuchten Schluchten einige Orchideen, beinahe
ausschliesslich Oncidien mit cylindrischen, fleischigen Blättern. Erst
in den Urwäldern an den Abhängen der Cordillere zeigen sich die
mannigfaltigen Formen, durch welche Mexico berühmt ist.
Die trockenen Küstengebiete Nord-Chiles und Perus scheinen der Epiphyten
beinahe ganz zu entbehren; nur einige graue, xerophile Tillandsia-Arten
schmücken in ersterem die spärlichen Bäume und Cereus-Säulen. POEPPIG
erwähnt Epiphyten für die Küstenzone Perus nicht.
In Westindien besitzen die nach dem Antillenmeer zugekehrten
Küstenstriche der grösseren Inseln ein trockeneres Klima als nach der
atlantischen Seite, und ein solches kommt gewissen der kleineren Inseln
in ihrer ganzen Ausdehnung zu. Unter diesen letzteren befindet sich
St. Croix und der kleine Archipel der Jungferninseln, deren
Pflanzengeographie und Floristik von EGGERS behandelt worden sind. Der
Einfluss des trockeneren Klima tritt in dem xerophilen Charakter und der
Armuth der Epiphytenformation in instructiver Weise zum Vorschein; graue
Tillandsien und einige wenige Orchideen (Epidendrum- und Oncidium~Arten,
Polystachya luteola) sind, mit Cereus triangularis, Feigenbäumen
(F. populnea, pedunculata) und Clusien ihre einzigen phanerogamischen
Bestandtheile; die Farne sind zahlreicher, wie überall da, wo ihnen
genügend Schatten zur Verfügung steht. Die Arten sind beinahe sämmtlich
auf den Inseln mit feuchtem Klima häufig.
_Vollständig_ fehlt, nach dem Gesagten, die atmosphärische Vegetation auch
in den trockeneren Gebieten des tropischen Amerika beinahe nirgendwo auf
grösseren Strecken. Stets ist dieselbe aber, wo die Feuchtigkeit spärlich,
arm an Arten und Individuen; fleischige Orchideen und Cactaeeen, graue
Tillandsien, lederige Polypodien sind die einzigen Formen, die den
ungünstigen Existenzbedingungen in den Savannen- und Catingasgebieten zu
trotzen vermögen. Sobald aber der Wald dichter oder auch, wo an den Ufern
von Wasserläufen die Luft reicher an Feuchtigkeit wird, stellen sich die
Epiphyten in grösserer Ueppigkeit und Formenreichthum ein.
Wir haben im vorigen Kapitel gesehen, dass die epiphytische Vegetation der
natürlichen Savannen, sowie der durch Ausrottung des Urwalds entstandenen
Culturgebiete mit derjenigen, die auf dem Laubdache des Waldes unmittelbar
das Sonnenlicht geniesst, übereinstimmt. Es ist allerdings nicht unmöglich
-- wenn auch noch unerwiesen -- dass der eine oder der andere der
Savannenepiphyten im Urwalde fehlt; dieselben gehören aber stets Gattungen
an, die auch im letzteren, und zwar meist durch viel zahlreichere Arten,
vertreten sind.
_Diese Uebereinstimmung kann entweder darauf beruhen, dass die xerophilen
Gipfelepiphyten des Urwalds aus den Savannen eingewandert sind, oder dass
dieselben umgekehrt vom Urwalde aus die Savannen colonisirt haben. Die
verschiedensten Erscheinungen zeigen aufs bestimmteste, dass die letztere
Annahme der Wirklichkeit entspricht._
Zunächst ist ein Auswandern der Epiphyten aus dem Urwalde direkt
nachweisbar. Wo, auch fern von den Savannen, der Urwald gefällt und der
Boden mit Nutzbäumen bepflanzt wird, werden letztere bald durch die
Epiphyten des benachbarten Urwalds colonisirt, und zwar scheinbar
ausschliesslich von den xerophilen Arten, die in letzterem die obersten
Zweige bewohnen. Bei genauerem Suchen wird man jedoch hier und da
kümmerliche, nicht blühende Exemplare der hygrophilen Arten finden, und
diese treten in grösserer Ueppigkeit auf, sobald die Feuchtigkeit eine
grössere wird.
Die grosse Ungleichheit in den Existenzbedingungen der einen und denselben
Baum, aber in ungleicher Höhe, bewohnenden Epiphyten zeigt sich in
auffallender Weise, wo, wie es häufig geschieht, bei der Fällung des
Urwalds einzelne Bäume verschont geblieben sind. In solchen Fällen sehen
wir die hygrophilen Epiphyten des Stammes und der dickeren Aeste
absterben, wahrend die xerophilen des Gipfels sich stammabwärts bewegen.
Zuerst, schon nach wenigen Tagen, gehen die zarten Hymenophylleen der
Stammbasis zu Grunde, die übrigen hygrophilen Epiphyten resistiren länger,
nehmen aber eine gelbliche, krankhafte Färbung an und verschwinden
schliesslich ganz, während die bisher auf den Gipfel localisirten grauen
Tillandsieen, fleischblätterigen Orchideen und lederartigen, kleinen
Polypodien den Baum, oft bis zu seiner Basis, überwuchern. Die
Uebereinstimmung zwischen der Epiphytenflora der Savannen und denjenigen
des Laubdaches des Urwalds ist uns, nach diesen Erscheinungen, sehr
begreiflich.
Dafür, dass die xerophilen Epiphyten der Baumgipfel des Urwalds in diesem
selbst entstanden sind, spricht auch der Umstand, dass sie in letzterem,
oder besser _auf_ letzterem, weit üppiger wachsen, weit reicher sind,
nicht bloss an Individuen, sondern auch an Arten, als in den
Savannengebieten, wo sie nur im dampfreichen Gallerienwalde der Flüsse
zahlreicher werden, da sogar manchmal eine Beimischung hygrophiler Formen
erhalten.
Mit grösster Sicherheit ergibt sich jedoch der silvane Ursprung der
aerophilen Epiphyten daraus, dass in Savannen die terrestrische und
epiphytische Vegetation ganz schroff geschieden bleiben, während im Urwald
ein allmahlicher Uebergang von der einen in die andere und von den unteren
Schichten der Epiphytenvegetation in die oberen sich zeigt. Der Urwald
zeigt uns die Entwickelung der Genossenschaft in allen ihren Phasen.
Manche Pflanzen des tropischen Urwalds wachsen, wie bereits erwähnt wurde,
sowohl auf dem Boden, als auch auf Bäumen, ohne irgend welche eigentliche
Anpassungen an epiphytische Lebensweise zu besitzen; sie vermochten sich
im Kampfe ums Dasein sowohl als terrestrische Gewachse, wie auch als
Epiphyten zu behaupten (Melastomaceen e. p., Solanaceen u. a.
Dicotyledonen, Farne e. p.). Andere Formen verdankten hingegen nur dem
Umstande, dass sie als Epiphyten gedeihen konnten, ihre Fortexistenz, und
bei diesen wurden natürlich alle Eigenschaften gezüchtet, welche für
Lebensweise auf Bäumen geeignet waren; sie wurden an letztere _angepasst_,
oft jedoch, ohne die Fähigkeit, auch in gewöhnlichem Boden zu leben, zu
verlieren, wenn es die Concurrenz mit anderen Gewächsen nicht verhinderte;
so gedeihen sie ganz allgemein als Topfpflanzen, und man findet sie
zuweilen, obwohl relativ sehr selten, auch in der Natur als terrestrische
Gewächse. Unbehindert können sie sich ausserdem kahler Felswande
bemächtigen, wenn ihre Eigenschaften ihnen das Leben auf solchen
gestatten.
_Jede neue Eigenschaft, die einen Epiphyten in den Stand setzte, sich
aufwärts, dem Lichte zu, zu bewegen, wurde im Kampfe ums Dasein gezüchtet.
So entspricht die etagenmässige Gliederung der epiphytischen
Urwaldvegetation einer steigenden Vervollkommnung der Anpassungen. Damit
ging aber die Fähigkeit, sich auch auf dem Boden zu behaupten, immer mehr
verloren._ Die hygrophilen Epiphyten sind zum Theil indifferent, die
xerophilen dagegen können nur, und das auch blos theilweise, auch an
kahlen Felswanden gedeihen; als im Boden wurzelnde Pflanzen kommen sie in
der Natur nicht vor.
Allmähliche Uebergange verbinden die terrestrischen und epiphytischen
Pflanzengemeinschaften des Urwalds; die Gattungen sind zum Theil
dieselben, und manche Art des höchsten Niveau dringt in einigen Individuen
in ein tieferes, wahrend ausgesprochen hygrophile Epiphyten sich in
kümmerlichen Exemplaren auf dem Laubdache zeigen können. Die Vegetation
des Gipfels und diejenige des Stammes vermischen sich aber nicht, während
letztere manche Art mit dem Boden gemein hat. Das Ganze trägt das Gepräge
eines allmählichen Strebens nach dem Lichte.
Ganz anders in den Savannenwäldern; hier ist von einem Austausch der im
Boden bewurzelten Vegetation und derjenigen, die sich an der Oberfläche
der Rinde befestigt hat, keine Rede. Nur auf der Oberfläche von
Felsblöcken sieht man einen Theil der Arten der Epiphytengenossenschaft.
Die einseitige Anpassung an Lebensweise auf harter Unterlage gestattet
ihnen das Leben auf gewöhnlichem Boden entweder gar nicht mehr (Till.
usneoides, circinalis, Aëranthus funalis u. a. m.), oder sie sind doch
nicht mehr im Stande, mit den an terrestrische Lebensweise angepassten
Arten zu concurriren. Die einzigen sonst epiphytisch wachsenden Pflanzen,
die man gelegentlich, in vereinzelten Exemplaren, als Bodenbewohner in der
Savanne trifft, sind baumartige Arten, die im Urwalde auf anderen Bäumen
wachsen, auf den Savannen aber wegen Mangels an hinreichender
atmosphärischer Feuchtigkeit von der epiphytischen Genossenschaft
ausgeschlossen bleiben (Clusia, Ficus).
Wir werden in diesem Kapitel sehen, warum die Savanne autochtone Epiphyten
nicht erzeugte -- ausser vielleicht solche Arten, die aus bereits
epiphytischen Colonisten des Urwalds durch weitere Anpassung entstanden.
Unserer Erklärung muss eine grössere Anzahl beweiskräftiger Thatsachen
vorausgeschickt werden. Wir wollen einstweilen nur an der Thatsache
festhalten, _dass die epiphytische Flora der Savannengebiete einer
Einwanderung aus dem Urwalde ihren Ursprung verdankt_.
4. Man stellt sich vielfach vor, dass das Vorkommen von Epiphyten an
grosse Hitze gebunden sei, obwohl der vermuthete räthselhafte Zusammenhang
zwischen Lebensweise auf Bäumen und Temperatur, aus guten Gründen, nie den
Gegenstand eines Erklärungsversuchs gebildet hat. Es wachsen allerdings
sehr viele Epiphyten in den mächtigen Wäldern der Flussgebiete
Süd-Amerikas, wo die grosse Wärme starke Ausdünstung des Wassers bedingt,
das die nächtliche Abkühlung wieder als Thau niederschlägt(20). _Die
reichste Entwickelung der Epiphytengenossenschaft zeigt sich jedoch in der
Regel an Bergabhängen, und zwar nicht bloss in den heissen tieferen
Regionen, sondern auch in denjenigen mit temperirtem Klima. Die Epiphyten
erreichen jedoch nicht oder nur in geringer Anzahl die Baumgrenze._
Es kann zwar eine bestimmte Region angegeben werden, in welcher überall
zwischen den Tropen und in benachbarten Gebieten die
Epiphytengenossenschaft ihre reichlichste Entwickelung besitzt, jedoch
nicht eine bestimmte Höhe, welche dieselbe nicht erreicht. Letztere ist
vielmehr sehr wechselnd, _da sie in erster Linie von der Spannung der
Luft, ihrer Sättigung mit Wasserdampf, der Häufigkeit der Niederschläge
abhängen_ -- Verhältnisse, die auf Gebirgen, den Luftdruck ausgenommen,
klimatischen und topographischen Einflüssen unterworfen sind. Am reichsten
an Epiphyten ist überall die meist zwischen 1300 und 1600 m gelegene
Wolkenregion, in welcher die Luft beinahe stets mit Wasserdampf vollkommen
gesättigt ist(21), reichliche Thaubildung und Regen die Wurzeln der
Epiphyten und ihr Substrat stets feucht halten.
Oberhalb der Wolkenregion nimmt die Menge der Epiphyten ab, bald
schneller, bald langsamer, aber keineswegs in Folge der Abnahme der
Temperatur, sondern, wie es sich namentlich aus dem Vergleich der
brasilianischen Gebirge mit dem Himalaya ergeben wird, weil die
Luftfeuchtigkeit, relativ und absolut, mit der Höhe abnimmt(22).
Vollkommene Sättigung der Luft mit Wasserdampf kommt zwar auch auf
Berggipfeln manchmal vor; bei hellem Wetter sinkt aber der Dampfdruck auf
ein ganz geringes Maass herab. Zudem kommt der gleichsinnig wirkende
Umstand ganz besonders in Betracht, dass bei gleichem Sättigungsgrad der
Luft mit Wasserdampf und gleicher Temperatur die Verdunstung auf hohen
Gebirgen, in Folge des geringeren Luftdrucks, eine weit grössere ist als
in der Ebene(23) In Folge dieser Verhältnisse sehen wir auf tropischen,
sonst sehr feuchten Gebirgen, manchmal schon in Regionen, wo der Frost
unbekannt ist, wie in der brasilianischen Serra de Mantiqueira, den
Baumwuchs schwinden und die Stauden und Sträucher Schutzmittel gegen
Transpiration erhalten, ganz ähnlich wie in den heissen Savannen der
Ebenen.
Noch weit mehr als die Bodenpflanzen hängen die Epiphyten von dem
Sättigungsgrade der Luft an Wasserdampf und von der Grösse der Verdunstung
ab, indem ihre Organe meist sämmtlich oberflächlich sind, ihr Substrat
leicht eintrocknet und für seinen Wasservorrath direkt von den
atmosphärischen Niederschlägen abhängt. Es ist uns daher auch leicht
begreiflich, dass die Epiphyten sich auf Gebirgen weniger hoch erheben als
andere Gewächse, und dass die obersten derselben in hohem Grade xerophilen
Charakter tragen. So fand LIEBMANN auf den Bäumen des Coniferenwaldes bei
der 10000′ hoch gelegenen Jacqueria del Jacal am Orizaba nur graue
Tillandsien, eine fleischige Echweria, eine ebenfalls sehr dickblätterige
Peperomia und eine jener zungenblätterigen Polypodium-Arten, wie sie an
trockenen Standorten so häufig sind. Die erwähnten Pflanzen erhoben sich
wenig höher, während die obere Grenze des Coniferenwaldes bei 11000′
liegt.
Im brasilianischen Küstengebirge stellen sich die Coniferenregion
(Araucaria) und die baumlose Region (Campos elevatos) bei weit geringerer
Höhe ein als auf den Anden, was, wie GRISEBACH angibt, darauf beruht, dass
die steilen Gipfel dem Passatwinde zu wenig Masse darbieten, um die für
die volle Ueppigkeit des Tropenwaldes erforderliche Intensität der
Niederschläge zu erzeugen. Auf der Serra do Picú, zwischen den Provinzen
Rio de Janeiro und Minas Geraes, fand ich die letzten Epiphyten, Peperomia
reflexa und ein steriles Farn, im Laubwalde bei ca. 1600 m; der auf diesen
Laubwald folgende Araucariengürtel und die knorrigen Stämme einer Eugenia,
die eine Art Krummholzregion über den Araucarien bildete, entbehrten der
Epiphyten gänzlich; dagegen wuchsen auf der Savanne von ausgesprochen
xerophilem Charakter, die den Gipfel einnahm (Campos elevatos), eine
terrestrische Bromeliacee (Dyckia princeps) und ein Anthurium. Im Thale am
Fusse des Gipfels fand ich zahlreiche epiphytische Bromeliaceen (Arten von
Vriesea, Nidularium, Aechmea) und Farne, dagegen nur ein einziges steriles
Exemplar einer epiphytischen Orchidee.
Entsprechend der hohen Breite, stellt sich in der Serra Gerál von
Sta. Catharina die temperirte Region noch weit tiefer ein als zwischen
den Tropen. Bei 8--900 m werden jenseits des Hauptkamms, der einen sehr
grossen Theil der Feuchtigkeit zurückhält, nur noch die Culturpflanzen
temperirter Länder gezogen. Eine Excursion auf diesen Gebirgen, von
Joinville nach São Bento, ergab manche interessanten Aufschlüsse über
die Lebensbedingungen epiphytischer Gewächse. Bis wir den nur ungefähr
1000 m hohen Kamm erreicht hatten, war der Wald, wenn auch nicht überall
hoch, doch meist dicht und reich an den meisten epiphytischen Pflanzen,
die wir früher als in den Wäldern Sta. Catharinas vorkommend erwähnt
haben, zu welchen einige andere Arten hinzukamen. In den flachen
Hochthälern, welche wir nachher durchkreuzten, trugen die Wälder ein
wesentlich anderes Gepräge. Theils waren es Laubwälder, in welchen die
vorherrschenden Bäume Mimosen, Vernonien, Croton, von geringerer Grösse
auch Solanum-Arten waren, manchmal von vereinzelten hohen Araucarien
überragt; solche Wälder enthielten einige epiphytische Orchideen
(Pleurothallideen, Epidendrum) von sehr geringen Dimensionen,
Tillandsieen, kleine Farne, Peperomia reflexa, sämmtlich Pflanzen mit
hoch entwickelten Schutzvorrichtungen gegen Transpiration, wie wir sie
sonst nur bei Sonnenepiphyten finden, obwohl dieselben am Stamme im
Schatten wuchsen. Streckenweise gingen wir durch Araucarienwälder, wo
die Epiphyten vollständig zu fehlen schienen, obwohl solche auch auf
Araucarien vorkommen, wenn diese vereinzelt im dichten Laubwalde
wachsen. In dem von dünnem Araucarienwalde und Savannen bedeckten Thale,
wo das kleine Dorf Campo alegre liegt, hatte ich keine Epiphyten
gesehen, bis ich zu einer von hohen Felsen umgebenen Schlucht kam, wo
ein Wasserfall brauste. Ueber dem Wasser beugten sich kleine Bäume, von
deren Endzweigen mächtige Schweife von Tillandsia usneoides hingen,
während ihre Stämme und dickeren Aeste von zahlreichen
Tillandsia-Rosetten, Peperomia reflexa, kleinen Orchideen und Farnen
bedeckt war. Es war also offenbar nicht die zu niedrige Temperatur,
welche das Fehlen der Epiphyten im Thal bedingte, sondern der Mangel an
hinreichender Feuchtigkeit, obwohl das Klima von Campo alegre nach
europäischen Begriffen nicht gerade als trocken zu bezeichnen wäre.
Eingehende Angaben über die Vertheilung der epiphytischen Orchideen auf
der mexikanischen Cordillere verdanken wir RICHARD und GALEOTTI; es ist
zu bedauern, dass nicht die anderen Epiphyten gleichzeitig
Berücksichtigung gefunden haben, da aus der Betrachtung einer einzigen
Familie Schlüsse auf die Existenzbedingungen der Formationen, in welchen
sie auftritt, nur mit grosser Vorsicht entnommen werden können.
Auf den der epiphytischen Orchideen beinahe ganz entbehrenden
atlantischen Küstenstrich folgt mit eintretender Neigung eine feuchtere,
noch heisse Region, in welcher die bewaldeten Schluchten viele
epiphytische Orchideen (bis 900 m) zeigten. Weit reicher an den
letzteren ist indessen die darauf folgende temperirte Region (tierra
templada, 900 oder 1000 bis 1800--2000 m); hier herrscht ewige
Feuchtigkeit bei einer mittleren, noch wenig schwankenden Temperatur von
18--19° C. Baumfarne sind in dieser Region massenhaft entwickelt. In
gleicher Höhe sind die nach dem Centralplateau gerichteten wasserarmen
Abhänge sehr arm an epiphytischen Orchideen. Solche treten dagegen nach
der zum atlantischen Ocean gerichteten Abdachung noch in grosser Menge
in der ebenfalls sehr feuchten kälteren Region (terra fria) auf. Sie
nehmen jedoch allmählich nach oben ab und wenige erheben sich über
2800 m. Odontoglossum nebulosum und Cattleya citrina allein erheben sich
bis 3200 m, während terrestrische Formen bis gegen 3900 m hinaufgehen.
Eine ausserordentlich üppige epiphytische Vegetation bedeckt die feuchten
südlichen Abhänge des östlichen Himalaya (von Nepaul bis Bhotan) und die
Gebirge von Birma; dieselbe steigt bis nahe an die Baumgrenze und zeigt je
nach der Höhe, bedeutende Unterschiede. Die epiphytischen Orchideen sind,
wie mir Herr Dr. BRANDIS mittheilte, zwischen 2000 und 5000 Fuss am
zahlreichsten; »dies ist auch in der Regel eine Zone sehr grosser
Feuchtigkeit«. Demselben Niveau scheint auch im östlichen Himalaya das
Maximum der Entwickelung vieler anderer tropischer Epiphyten, wie
Gesneraceen, Rubiaceen, Melastomaceen, Ficus, zu entsprechen(24). Mehr
oder weniger zahlreiche dieser tropischen Typen erheben sich jedoch weit
höher; die oberste Grenze ist für die epiphytischen Orchideen bei 9400′
(Coelogyne Wallichii), für die epiphytischen Gesneraceen (Aeschynanthus
maculata, bracteata) und die Rubiaceen (Hymenopogon parasiticus) ca.
8000′.
Ungefähr von 4000′ an treten im östlichen Himalaya, der in ihrem Charakter
noch vorwiegend tropischen Epiphytenformation, entsprechend der in der
Bodenvegetation eintretenden Veränderung, _Typen der nördlichen
temperirten Zone bei, die mit der Höhe zunehmen und über 6000′ weit über
die tropischen Arten vorherrschen_. Da wachsen als Epiphyten verschiedene
Arten von Rhododendron (Rh. Dalhousiae, vaccinioides, pendulum etc.), von
Vaccinium (V. retusum etc.), Hedera Helix, Vogelbeerbäume (Pyrus foliolosa
u. P. rhamnoides), ein Ribes (R. glaciale), ein Evonymus (E. echinatus)
etc. Manche dieser Arten erreichen über 10000′. _Die
Epiphytengenossenschaft setzt sich demnach in der temperirten Region des
Himalaya ausser aus Einwanderern der tropischen Region auch aus
Pflanzentypen der nördlichen temperirten Zone zusammen. Diese sind demnach
ebenso gut im Stande, wie tropische Pflanzen, epiphytische Lebensweise
anzunehmen._
Ueber die klimatischen Bedingungen, unter welchen die epiphytische
Vegetation in den hohen Regionen des östlichen Himalaya gedeiht, kann ich,
dank den freundlichen Mittheilungen von Herrn Dr. BRANDIS, genauere
Angaben machen, die für die Frage nach den Existenzbedingungen der
Epiphyten überhaupt von Wichtigkeit sind. Dieselben beziehen sich auf
_Darjeeling_, einen bei 7421’ = 2262 m über dem Meere gelegenen
Luftkurorte in Sikkim (Bengalen), dessen Umgebung sehr reich an den
verschiedenartigsten Epiphyten ist(25).
Temperatur: Jahresmittel: 51°,8 F= 11° C., Juli: 60°,9 F. = 6° C.,
Januar: 39°,5 = 4°,1 C.
Regenfall: Jahresm.: 120″,33 = 310 cm; Mai--Oktober 112″,06 =285 cm.
Mittlere relative Feuchtigkeit: Jahr: 84 %; Oktober--April: 73--81 %;
Mai--September: 95 %(26).
Von Herrn GAMBLE (vgl. Anm.) wurden bei Darjeeling 42 Arten epiphytischer
Orchideen über 6000′ gesammelt, von welchen jedoch die grosse Mehrzahl
sich nicht über 7000′ erhebt. Bolbophyllum reptans und Coelogyne humilis
erreichen 8000′, Liparis paradoxa und Coelogyne Hookeriana 9000′. Die
Epiphytengenossenschaft besitzt einen wesentlich temperirten Charakter und
setzt sich aus den vorher für die temperirte Region angegebenen Arten
zusammen, welche zum grössten Theile, vielleicht sämmtlich, auch als
Bodenpflanzen vorkommen; ausgesprochene Anpassungen an epiphytische
Lebensweise sind in der temperirten Region nicht eingetreten.
Die Nilgherries sind trotz ihres tropischen Klimas ärmer an
epiphytischen Orchideen und, soweit ich es aus HOOKER’s _Flora of B. I._
und _Genera plantarum_ entnehmen kann, auch an anderen Epiphyten als das
östliche Himalaya und Birma. Die Sammlungen von Herrn GAMBLE (Wellington
6200′; Jahresm. 61° F., Mai 65°,7, Januar 55°,2, mittlerer Regenfall auf
dem Plateau 45--103″ enthalten nur fünf über 6000′ gesammelte
epiphytische Orchideen. Während der trockenen Jahreszeit wird der
Dampfgehalt der Luft wohl sehr gering sein.
_Es geht aus dem Vorhergehenden mit Sicherheit hervor, dass die
epiphytische Lebensweise keineswegs an tropische Hitze gebunden ist,
sondern da eintritt, wo der Dampfgehalt der Luft und die Regenmenge gross
genug sind, um terrestrischen Gewächsen das Gedeihen auf Bäumen zu
gestatten._
_5. Die Epiphyten sind in Amerika nicht streng auf die tropische Zone_
(incl. Süd-Brasilien) _beschränkt. Mehrere Arten kommen vielmehr in den
temperirten Zonen der nördlichen und namentlich der südlichen Hemisphäre
vor_ und bieten in der Art ihres Vorkommens manches, das den Zusammenhang
zwischen den Lebensbedingungen epiphytischer Gewächse und ihrer
geographischen Verbreitung beleuchtet.
Die Nordgrenze des tropischen Urwalds ist auch diejenige einer reichen
atmosphärischen Flora und fällt ungefähr mit dem Wendekreise zusammen. Der
von dem tropischen durch ausgedehnte Savannengebiete und Wüsten getrennte
nordamerikanische Wald weicht von ersterem in seiner systematischen
Zusammensetzung, in seiner biologischen Physiognomie wesentlich ab, sogar
in den subtropischen südlichen Staaten, welche doch zahlreiche Pflanzen
der tropischen Zone aufgenommen haben. Im Gegensatz zu Europa fehlen
jedoch im nordamerikanischen Walde die Epiphyten nicht ganz und bieten für
die uns gegenwärtig beschäftigenden Fragen hervorragendes Interesse.
Ausgesprochene Anklänge an die Flora des benachbarten Westindiens zeigen
sich namentlich im warmen Süd-Florida, wo die Strandvegetation noch
wesentlich die gleiche ist, wie auf Cuba und den Bahamas; Hippomane
Mancinella, Coccoloba uvifera wachsen im Sande, während die Lagunen von
Mangroven umrahmt sind (Rhizophora, Laguncularia racem). Auch der Wald
enthält manche tropische Bäume, wie Oreodoxa regia, Canella, Swietenia
Mahagony, Zamia integrifolia, Eugenia-Arten, Burseraceen, Turneraceen,
Chrysobalaneen, Büttneriaceen, Myrsineen etc. Kein Wunder, dass die
Einwanderung tropischer Bodenpflanzen von einer solchen epiphytischer
Gewächse begleitet gewesen ist. Die atmosphärische Vegetation Süd-Floridas
ist aber, im Vergleich zu derjenigen des doch ganz benachbarten
Westindien, sehr arm an Arten und namentlich an Gattungen. Die daran
theilnehmenden Familien sind nur die Farne, Bromeliaceen, Orchideen und
Clusiaceen, letztere mit einer einzigen Art. Die auf den benachbarten
westindischen Inseln in der atmosphärischen Flora so reichlich vertretenen
Araceen, Piperaceen, Gesneraceen, Lycopodium etc. fehlen gänzlich.
Die epiphytische Vegetation Floridas und der südlichen Vereinigten Staaten
überhaupt setzt sich, soweit ich sie mit Hülfe eigener Beobachtungen und
der Angaben in CHAPMAN’s Flora zusammenstellen konnte, aus folgenden Arten
zusammen:
*Epiphyten der südlichen Vereinigten Staaten.*
*Clusiaceae.*