II. Erste Gruppe.

1. Manche, wenn auch relativ wenige Vertreter der ersten Gruppe weichen in

ihrer Structur von den Pflanzen, die auf dem Boden am Fusse der Bäume

wachsen, nicht wesentlich ab. So verhalten sich viele Farne, namentlich

Hymenophyllaceen, Lycopodium-Arten, gewisse Anthurium-Arten, die zarten

Orchideen der Gattung Stenoptera, sämmtlich Bewohner der dunstreichen

unteren Region des Urwalds, wo sie nur auf der rissigen oder bemoosten

Rinde alter Bäume, oder noch mehr auf der Wurzelhülle der Baumfarnstämme

zu normaler Entwickelung gelangen.

In viel zahlreicheren Fällen kommt der Einfluss des Standorts in der

Organisation der Epiphyten zum Vorschein, manchmal allerdings blos in

Schutzmitteln einfachster Art gegen die Gefahren des Wassermangels, wie

sie allgemein die Bewohner trockener Standorte charakterisiren. Häufig

jedoch sind Vorrichtungen zur möglichsten Ausnutzung des Substrats

vorhanden, die mit der atmosphärischen Lebensweise in engerem Zusammenhang

stehen.

_2. Der Schutz gegen Absterben durch Vertrocknen kann einfach darin

bestehen, dass die Pflanze einen beträchtlichen Wasserverlust ohne Schaden

ertragen kann._ Hierher gehören in erster Linie viele Moose, Flechten und

Algen (Chroolepus), welche bekanntlich bei lange dauernder Trockenheit in

einen beinahe wasserfreien, ruhenden Zustand übergehen, aus welchem sie

beim ersten Regentropfen wieder zu activem Leben erwachen. Unter den

höheren Epiphyten, welche uns hier allein zu beschäftigen haben, sind es

nur wenige, die auf solche Weise der Trockenheit widerstehen.

Unzweifelhafte Fälle dieser Art haben wir aber an verschiedenen Farnen, so

an den kleinen Polypodium-Arten, die überall, wo Epiphyten überhaupt

vorkommen, an ganz offenen Standorten auf trockener Rinde wachsen.

Besonders auffallend verhält sich das in Westindien und im südlichen

Nordamerika weit verbreitete Polypodium incanum, welches, z. B. bei

Port-of-Spain auf Trinidad, an den Baumstämmen der Alleen unter den

glühenden Strahlen der Aequatorialsonne vollständig zusammenschrumpft, um

bei Regenwetter alsbald seine Segmente wieder flach anszubreiten. Diese

Pflanze sah ich eine mehrere Wochen lange, ganz regenlose Periode

unbeschadet überdauern, wobei sie ebenso vertrocknete, wie unter gleichen

Umständen Mouse oder Flechten. Aehnliches gilt auch, jedoch in weit

geringerem Grade, von einem bei Blumenau häufigen Polypodium, wohl auch

von P. serpens und vaccinifolium. Diese Pflanzen zeigen in anatomischer

Hinsicht kaum irgend welche Schutzvorrichtungen.

Die Fähigkeit, bei trockenem Wetter zu verwelken und sogar zu vergilben,

und in diesem Zustande längere Zeit, ohne abzusterben, zu verharren, ist

auch, wie Herr Dr. BRANDIS mittheilte, bei den indischen Farnen Polypodium

lineare, P. amoenum, Davallia pulchra und Trichomanes Filicula in hohem

Grade entwickelt; sobald sich Regen einstellt, werden sie wieder

turgescent und grün.

Grossen Wasserverlust, unter Annahme einer tiefrunzeligen Oberfläche,

verträgt, ähnlich wie andere Cacteen, Rhipsalis Cassytha. Immerhin ist

hier die Erscheinung weit weniger auffallend als bei genannten Farnen.

_3. In der grossen Mehrzahl der Fälle besteht die Schutzeinrichtung gegen

Austrocknen in der Anwesenheit von Wasserbehältern_, die sich bei

Regenwetter füllen und, sobald nöthig, zu Gunsten der zur Erhaltung der

Pflanze wichtigen Organe entleert werden.

Sehr häufig speichern die Blätter selbst das Wasser auf, indem sie mit

Wassergewebe, Speichertracheïden oder, selten, mit grossen, zu demselben

Zwecke dienenden Intercellularräumen versehen sind.

Das Wassergewebe bildet bei vielen Epiphyten, ähnlich wie bei den meisten

mit einem solchen versehenen Bodenpflanzen, eine zusammenhängende Schicht

an der Oberseite, zwischen dem grünen Gewebe und der Epidermis; Fälle

dieser Art bieten uns namentlich die Peperomien und Gesneraceen, welche,

mehr nach Individuen als nach Arten, einen so mächtigen Bestandtheil der

epiphytischen Vegetation an schattigen Standorten bilden.

Man nimmt wohl allgemein an, dass das Wassergewebe, gleichzeitig mit den

übrigen Theilen des Blatts, seine definitive Ausbildung erreicht. Dieses

mag in vielen Fällen zutreffen; bei den epiphytischen Peperomien und

Gesneraceen aber, die ich zu untersuchen Gelegenheit hatte, _nimmt in

alternden Blättern das Wassergewebe durch Streckung seiner Zellen ganz

bedeutend an Mächtigkeit zu_. So betrug die Dicke der etwa 1--1½ cm

breiten, runden, ovalen Blätter einer in Süd-Brasilien sehr verbreiteten

Gesneracee (Codonanthe Devosii) in der Jugend und bei mittlerem Alter

durchschnittlich 2½ mm, während dieselbe bei alternden, theilweise schon

gelblichen Blättern durchschnittlich 5 mm erreichte; dieser enorme

Unterschied kam allein auf Rechnung des Wassergewebes, indem die grüne

Zelllage, welche nur einen Bruchtheil eines Millimeters dick ist, eine

merkliche Zunahme nicht erfuhr. Ganz Aehnliches gilt auch von den übrigen

beobachteten Gesneraceen und von den Peperomien.

Es lag der Gedanke nahe, dass die alternden, sehr wasserreichen Blätter

_als Wasserreservoirs für die jüngeren, in voller Thätigkeit befindlichen

dienen würden_. Bestätigt wurde diese Vermuthung durch folgendes

Experiment. Lose, alte Blätter und ganze Zweige wurden an einer hellen

Stelle in einem Zimmer unseres Hauses in Blumenau sich selbst überlassen.

Nach vier Wochen _waren die abgetrennten Blätter noch lebendig und nur

sehr wenig dünner geworden; die gleichalten Blätter an den Stengeln

dagegen schon nach kurzer Zeit zusammengeschrumpft, sodass sie kaum noch

1 mm dick waren, und trockneten dann völlig ein, während die jungen

Blätter zwar ebenfalls an Dicke abnahmen, aber bis zum Schluss des

Experiments lebendig blieben_; die Zweige fuhren währenddessen

ununterbrochen zu wachsen fort. Auf eine ähnliche Rolle dürfen wir wohl

auch für die vielen ähnlichen Fälle schliessen.

Sehr gewöhnlich ist bei anderen Epiphyten das Wasser nicht in den

Blattspreiten, sondern in anderen Blatttheilen oder auch in anderem

Pflanzenorganen aufgespeichert, aus welchen es den grünen Zellen bei

eintretendem Bedürfniss zugeführt wird. Sehr einfache hierher gehörige

Fälle liefern Gesnera-Arten, deren mächtige, auf der Baumrinde sich

erhebende Knollen sowohl zur Aufspeicherung von Wasser, wie zu derjenigen

von Stärke dienen, die grossen Zwiebeln der epiphytischen Amaryllideen und

in Indien viele knolligen Rubiaceen, Vaccinieen und Melastomaceen.

Zu den einfach gebauten und wenig vollkommen angepassten Epiphyten gehören

auch einige Utricularia-Arten, von welchen zwei, die mit prächtigen weißen

Blüthen geschmückte, stattliche U. montana JACQ. und die winzige U.

Schimperi SCHENCK, die bemooste Rinde alter Bäume auf den Bergen Dominicas

vielfach überwuchern(5).

Beide Pflanzen sind, wohl wie sämmtliche Arten des Genus, wurzellose

Gewächse mit zahlreichen, sehr langen Stolonen, die auf der Rinde

kriechend, in Moospolstern oder sonstigen feuchten Stellen neue Sprosse

erzeugen. In der Nähe der Basis der Inflorescenzorgane sind diese Stolonen

zum grossen Theile zu spindelförmigen Knollen angeschwollen, die geformter

Inhaltsbestandtheile ganz entbehren und schon von DARWIN, wohl mit Recht,

als Wasserbehälter aufgefasst wurden; indessen entbehrt diese Annahme bis

jetzt der experimentellen Begründung. Wie ihre europäischen Verwandten,

sind die epiphytischen Utricularien an ihren Stolonen mit zahlreichen

Blasen versehen, in welchen ich häufig in Zersetzung begriffene Würmer

fand.

Eines unverdienten Rufes erfreut sich die brasilianische Utricularia

nelumbifolia, welche, wenn die nach GARDNER verfasste Beschreibung

GRISEBACH’s (II, p. 407) richtig wäre, einen der wunderbarsten Fälle von

Anpassung darstellen würde. »Hier« (d. h. an den Orgelbergen bei Rio),

schreibt GRISEBACH, »haftet an den Felsen, 5000 Fuss über dem Meere, eine

grosse Tillandsia, die nach der Weise dieser Bromeliaceen im Grunde ihrer

Blattrosette eine Menge Wasser ansammelt. In diesen Behältern und nur hier

allein schwimmt eine ansehnliche Wasserpflanze mit purpurfarbenen Blumen,

deren kreisrundes Blatt mit dem der Seerose verglichen wird (Utricularia

nelumbifolia). Sie pflanzt sich dadurch fort, dass sie Ausläufer, wie

durch einen Instinkt getrieben, von einer Tillandsia zur anderen

entsendet, die, ihren zufälligen Standorten folgend, sobald sie einen

neuen Wasserbehälter erreicht haben, darin eintauchen und zu neuen

Schösslingen sich entwickeln.« Diese Angaben stützen sich auf eine Stelle

bei GARDNER, die zwar den richtigen Sachverhalt nicht enthält, aber

weniger von demselben abweicht als in der Wiedergabe GRISEBACH’s.

Die fragliche Stelle lautet im Original folgendermassen:

Like most of its congeners it is aquatic, but what is most curious, is

that it is only to be found growing in the water which collects in the

bottom of the leaves of a large Tillandsia, that inhabits abundantly an

arid rocky part of the mountain, at an elevation of about 5000 feet above

the level of the sea. Besides the ordinary method by seed, it propagates

itself by runners, which it throws out from the base of the flower stem;

this runner is always found directing itself towards the nearest

Tillandsia, when it inserts its point into the water, and gives origin to

a new plant, which in its turn, sends out another sheet; in this manner I

have seen not less than six plants united.« (p. 528.)

Die Sache verhält sich, wie mir Herr GLAZIOU, der die Pflanze an Ort und

Stelle beobachtet und derselben grössere Aufmerksamkeit geschenkt hat,

mittheilte, in Wirklichkeit weit einfacher. Die Pflanze lebt auf feuchtem,

moorigen Boden, wo sie, ähnlich wie U. montana, lange Stolonen bildet;

gelangen letztere in die Blattrosetten etwaiger in ihrer Nahe auf Felsen

wachsender Bromeliaceen, so erzeugen sie in dem daselbst angesammelten

feuchten Humus blühende Sprosse, ganz ähnlich wie die Stolonen von U.

montana in Moospolstern. U. nelumbifolia ist aber für ihre Existenz

keineswegs an die Bromeliaceen gebunden, sondern gedeiht überall da, wo

ihr ein feuchtes, humusreiches Substrat zur Verfügung steht.

Utricularia nelumbifolia verhält sich nach dem Gesagten ganz ähnlich wie

U. Humboldtii(6), welche ihr Entdecker, B. SCHOMBURGK, in Guiana sowohl

auf sumpfigen Boden, wie in den Blattrosetten von Tillandsia fand (l. c.

p. 440).

4. Mannigfachere und vollkommenere Vorrichtungen zeigen uns die

epiphytischen Orchideen und Araceen, bei welchen wir zwar auch Formen

finden, die sich von Bodenpflanzen in keinem Merkmal wesentlich

unterscheiden, während die complicirteren ausserhalb des Rahmens des

ersten Typus gehören.

Sehr einfach gebaute Araceen, an deren Habitus die epiphytische

Lebensweise kaum hatte errathen werden konnen, habe ich sowohl in

Brasilien wie in Westindien gesehen, hier Anthurium dominicense, da

mehrere nicht bestimmte, aber wohl in die Verwandtschaft von A. Harrisii

gehörige Arten desselben Genus. Es sind Pflanzen von mittlerer Grösse, die

nur auf bemooster oder sehr riesiger Rinde gedeihen, auch vielfach auf dem

Boden wachsen. Ihre unvollkommene Anpassung erlaubt ihnen nicht, wie

anderen Epiphyten, mit mehr unwirthlichen Standorten vorlieb zu nehmen.

Zu einer starken Entwickelung des Wassergewebes kommt es bei den mir

bekannten epiphytischen Aroideen nicht. Ein anderer höchst merkwürdiger

Modus der Wasseraufspeicherung zeigte sich dagegen bei zwei Arten der

Gattung Philodendron, von welcher ich eine, die auf Bäumen bei Blumenau

vielfach vorkommt, als Philod. cannifolium(7) bestimmt habe.

Philodendron cannifolium ist vielleicht der grösste unter den mir

bekannten Epiphyten der ersten Gruppe. Es stellt eine mächtige, bis 1 m

hohe Rosette dar, deren kurzer und dicker Stamm durch zahlreiche, starke

Wurzeln an den Aesten der Urwaldbäume befestigt ist. Die Blätter besitzen

zungenförmige, von einem dicken Mittelnerv durchzogene Spreiten und

_spindelförmig angeschwollene_ Stiele. Die Wurzel und der Stamm bieten in

ihrem inneren Bau nichts Bemerkenswerthes; dagegen war ich nicht wenig

erstaunt, als ich bei der Untersuchung der Blätter fand, dass dieselben

ein durch grosse _luftführende Intercellularräume bedingtes schwammiges

Gefüge besitzen_ (Taf. 3, Fig.1), wie es vielen Wasserpflanzen zukommt,

bei einem Epiphyt aber gewiss nicht zu erwarten war. Meine erste genauere

Bekanntschaft mit der Pflanze hatte bei trockener Witterung stattgefunden;

als ich dieselbe ein anderes Mal bei Regenwetter untersuchte, _zeigten

sich die grossen Intercellularen, bis auf kleine Luftblasen, von

schleimigem Wasser gefüllt_. Die Pflanze hatte sich, einem ungeheuren

Schwamme gleich, vollgesogen und besass dementsprechend auch ein

auffallend grösseres Gewicht als bei Trockenwetter. Die aufsaugende Kraft

beruht auf der Anwesenheit eines Schleimes in den Intercellularen, der bei

Wassermangel die Wände nur als sehr dünne, kaum sichtbare Schicht

überzieht.

Dass das im Blattstiel aufgespeicherte Wasser der Spreite zu Gute kommt,

liess sich experimentell leicht feststellen. Mehrere Blätter wurden an

ihrer Basis abgeschnitten und unversehrt gelassen, während bei anderen die

Spreite vom Stiel getrennt wurde. Im Anfang des Versuchs (26. Oktober)

waren überall Stiel und Mittelnerv prall mit Wasser gefüllt. Drei Tage

später waren die stiellosen Spreiten bereits welk, ihr vorher

wasserreicher, glatter Mittelnerv stark geschrumpft und seine

Intercellularen beinahe wasserfrei. Dagegen waren die noch mit ihren

Stielen versehenen Blätter, sowie die von der Spreite getrennten Stiele

äusserlich ganz unverändert. Am 11. November musste, wegen bevorstehender

Abreise, der Versuch abgeschlossen werden. Die Objekte waren straff und

frisch, mit Ausnahme der stiellosen Spreiten, die beinahe vertrocknet

waren. Das Aufschneiden der Stiele ergab, dass diejenigen, welche an

Spreiten geblieben waren, sehr grosse Luftblasen enthielten, während in

den losen Stielen solche wohl auch vorhanden, aber von viel geringeren

Dimensionen waren. In dem einen Stiel fehlten die Luftblasen sogar ganz.

Der Versuch stellte also die Bedeutung der Wasseraufspeicherung im Stiel

für die Deckung der Transpiration über jeden Zweifel.

5. Auch die epiphytischen Orchideen zeigen meist Einrichtungen zum

Aufsammeln des Wassers. Theils sind die Blätter mit einem mächtig

entwickelten und oft sehr eigenartigen wasserspeichernden Gewebe versehen,

theils findet die Aufspeicherung des Wassers in den Scheinknollen statt,

während die Blätter selbst dünn bleiben und ein specifisches Wassergewebe

entweder ganz entbehren oder nur schwach entwickelt besitzen. Demnach

besitzen Orchideen mit Scheinknollen meist dünne Blätter, z. B. Arten von

Maxillaria, Catasetum, Oncidium z. Th., Epidendrum z. Th., Arten ohne

Scheinknollen hingegen meist dicke Blätter, z. B. Pleurothallideen,

Oncidium z. Th., Epidendrum z. Th., Ornithocephalus etc. Mittelformen mit

mässig dicken Blättern und schwacher Scheinknollenbildung, die also

Uebergangsstufen zwischen den beiden Typen darstellen, habe ich nur in

geringer Anzahl gefunden (z. B. Epidendrum avicula, Ponera sp.).

Die fleischigen Blätter der knollenlosen epiphytischen Orchideen dienen

diesen, wie die Knollen, auch zur Aufspeicherung von Reservestärke und

zeigen eine, ihrer dreifachen Function der Assimilation, Wasser- und

Reservestärkebehälter entsprechende, oft hochgradig differenzirte

Structur. Die Wasser aufspeichernden Zellen sind, wie es P. KRÜGER zuerst

zeigte, häufig Tracheiden mit faserigen Verdickungen und, ähnlich wie die

Intercellularen des Philodendron cannifolium, je nach der Witterung luft-

oder wasserhaltig. Sie bilden entweder, ähnlich wie typisches

Wassergewebe, eine zusammenhängende Lage zwischen Assimilationsparenchym

und Epidermis oder sind regellos in ersterem zerstreut; häufig findet man

beides gleichzeitig, so bei Pleurothallis-Arten, welche mir die

mannigfachsten und interessantesten Beispiele solcher Blattstructur

lieferten, auf welche hier näher einzugehen doch zu weit führen würde. Die

Bedeutung der Speichertracheiden (HEINRICHER) geht aus den Untersuchungen

KRÜGER’s und dem, was wir über das Wassergewebe anderer Pflanzen wissen,

zur Genüge hervor.

Die Bedeutung der Scheinknollen der Orchideen als Wasserversorger der

Blätter liess sich in ähnlicher Weise, wie für Philodendron cannifolium,

einfach feststellen. Am 26. Oktober (*1886*) sammelte ich bei Blumenau

Exemplare von Oncidium flexuosum und von je einer, nicht näher bestimmten,

dünnblätterigen Art von Epidendrum und Maxillaria. Von je einer Knolle

wurden sämmtliche Blätter bis auf eines abgeschnitten, einzelne Knollen

wurden auch ihrer Blätter ganz beraubt; die Versuchsobjekte wurden an

einem hellen, jedoch nicht sonnigen Orte im Zimmer sich selbst überlassen.

Am 29. Oktober waren die abgetrennten Blätter alle ganz welk, während noch

am 11. November, beim Abschluss des Versuchs, die an Knollen befindlichen

ganz unverändert aussahen. Die Scheinknollen selber waren allerdings stark

geschrumpft, und zwar waren diejenigen, die noch ein Blatt besassen, viel

stärker gefurcht als diejenigen, die der Blätter ganz beraubt waren. Ich

würde den Versuch allerdings in Europa in etwas exakterer Weise ausgeführt

haben können; das Ergebniss war aber dennoch vollständig klar.

Ausser den Blättern und Scheinknollen können auch, obwohl jedenfalls nur

äusserst selten, die Wurzeln als hauptsächliches Speicherorgan für Wasser

dienen. Der einzige mir bekannte Fall dieser Art ist, ausser den nachher

zu besprechenden Aëranthus-Arten, Isochilus linearis, eine Laeliee, welche

ich in Westindien, Venezuela und Süd-Brasilien theils an schattigen,

theils an hellen Standorten hin und wieder fand. Die sehr langen, steifen

Sprosse sind dünn und mit ebenfalls dünnen, kleinen Blättern versehen;

Scheinknollen fehlen ganz, dagegen sind die Wurzeln auffallend dick und

saftig. Die mikroskopische Untersuchung der letzteren ergab, dass ihr

mächtiges Rindenparenchym, ganz ähnlich wie in so vielen Scheinknollen,

zahlreiche grosse Wasserzellen zwischen stärkeführenden enthielt. Versuche

habe ich allerdings, aus Mangel an Zeit, mit dieser Art nicht anstellen

können.

Ein stark entwickeltes Wassergewebe oder Speichertracheiden in den

Blättern oder Scheinknollen kommt bei weitem der grossen Mehrzahl der

epiphytischen Orchideen, die ich auf meinen tropischen Reisen zu sehen

bekam, zu. Derartige Schutzvorrichtungen gegen Wassernoth sind nicht, wie

es P. KRÜGER auf Grund der Literatur annehmen zu können glaubt, für die

Bewohner besonders trockener, sonniger Standorte charakteristisch, sondern

kommen ausnahmslos den zahlreichen Formen zu, die in feuchter Luft und

gedämpftem Lichte die oberen Aeste der Urwaldbäume überwuchern. Auch unter

solchen, im Uebrigen für epiphytisches Pflanzenleben günstigen Bedingungen

ist die Anwesenheit von Wasserbehältern bei der Beschaffenheit des

Substrats nothwendig; es wäre sogar ein Irrthum, zu glauben, dass solche

bei Arten sehr sonniger, trockener Standorte besonders entwickelt wären;

soweit erkennbar, bestehen die Schutzmittel in solchen Fällen vielmehr

hauptsächlich in Reduction der transpirirenden Oberfläche (Oncidium-,

Jonopsis-, Brassavola-, Cattleya-Arten etc.). Ich fand auf mächtigen,

übereinander gehäuften Felsblöcken bei Desterro Exemplare einer

Pleurothallis-Art, die theils der grössten Sonnengluth ausgesetzt, theils

in tiefen, schattigen, humusführenden Verstecken wuchsen; der Unterschied

in der Grösse der transpirirenden Oberfläche war sehr auffallend, während

die Ausbildung des Wassergewebes und der Cuticula ungefähr gleich war. Die

nur an den trockensten, sonnigsten Standorten vorkommende Cattleya bicolor

besitzt in ihren saftreichen, fleischigen Blättern und schwach

angeschwollenen Stengeln kein differenzirtes Wassergewebe.

Nach dem Vorhergehenden bilden sowohl die Orchideen, die in der Krone der

Urwaldbäume wachsen, als diejenigen, die sehr trockene und sonnige

Standorte bewohnen, Wasservorräthe. Der Einfluss der ungleichen

Existenzbedingungen zeigt sich aber darin, dass die an direktem

Sonnenlichte gedeihenden Formen knollenlos und dickblätterig sind, während

die dünnblatterigen, knollenbildenden Arten im Allgemeinen eine feuchtere

Luft beanspruchen. Ich habe von dieser Regel nur wenige Ausnahmen gesehen.

Epiphytische Orchideen, die in keinem ihrer Organe Wasser aufspeichern,

kommen nur im tiefen Schatten des Urwalds vor, wie einige Arten von

Zygopetalum, Stelis und der zierlichen Neottieengattung Stenoptera.

6. Wir finden bei den Formen dieser Gruppe nicht blos Schutzmittel _gegen_

Austrocknen, sondern _auch Vorrichtungen, durch welche die spärlichen

Nährstoffe des Subtrats dem Epiphyt möglichst zu Gute kommen_,

ausgebildet. Wir haben in dieser Hinsicht gelegentlich der die

epiphytische Vegetation überhaupt charakterisirenden Eigenthümlichkeiten

die flächenartige Ausbreitung hervorgehoben und ihre Bedeutung betont.

Letztere ist namentlich bei den Epiphyten, die nur die auf der Rinde

befindlichen Stoffe verwerthen, ausgebildet. Wir brauchen übrigens auf

diese Erscheinung nicht zurückzukommen. Die Luftwurzeln vieler dieser

Epiphyten weichen im Uebrigen in keinem wesentlichen Punkte von

Bodenwurzeln ab, so namentlich bei sämmtlichen Dicotyledonen; dagegen sind

beinahe sämmtliche epiphytischen Orchideen und mehrere Araceen mit Wurzeln

versehen, deren Bau ein möglichst schnelles Aufsaugen des Regen- und

Thauwassers gestattet, und zwar _auch an frei an der Oberfläche der Rinde

kriechenden Wurzeltheilen, während bei anderen Epiphyten solche exponirte

Stellen verkorkt und für Wasser kaum durchlässig sind_. Jeder Reisende in

den Tropen wird häufig an der Oberfläche dürrer Rinde oder auch auf kahlen

Felswänden dem direkten Sonnenlichte ausgesetzte, schneeweisse Luftwurzeln

gesehen haben (z. B. Cattleya bicolor auf der Insel Sta Catharina), deren

innere Gewebe stets saftig sind, während ihre luftführende weisse Hülle

jeden Wassertropfen gleich Löschpapier aufsaugt. Auf diese Weise können

solche Pflanzen, die ausschliesslich den Familien der Orchideen und

Araceen angehören, auch auf ganz glatter Oberfläche (z. B. auch auf

Blättern) fortkommen, während die genügsamsten der anderen Epiphyten

dieser Gruppe stets, wenn auch so enge Risse oder sonstige Verstecke für

ihre saugenden Wurzeln bedürfen.

Der Bau der Luftwurzeln epiphytischer Orchideen und der sich daran

schliessenden Araceen, die Eigenschaften des Wasser aufsaugenden Velamen,

der äusseren Endodermis sind, dank namentlich den ausgedehnten

Untersuchungen LEITGEB’s, zu genau und allgemein bekannt, um hier einer

eingehenden Behandlung zu bedürfen. Nur einige weniger bekannte oder für

unser Thema besonders wichtige Erscheinungen mögen etwas genauere

Berücksichtigung finden.

Es dürfte die Meinung wohl allgemein verbreitet sein, dass die Wurzeln der

epiphytischen und der terrestrischen Orchideen durchweg von einander

abweichen, indem erstere mit Velamen versehen sind, während letztere eines

solchen entbehren. _In Wirklichkeit __ jedoch gibt es, wenn auch sehr

selten, epiphytische Orchideen ohne Velamen und terrestrische mit

Velamen._

Wurzeln, die sich in keiner Weise von denjenigen terrestrischer Formen

unterscheiden, habe ich bei einer nicht näher bestimmten Art von

Stenoptera gefunden, vielleicht der einzigen epiphytischen

Neottieen-Gattung Amerikas, wo ihre wenigen Arten nach BENTHAM und HOOKER,

die ihnen eine terrestrische Lebensweise zuschreiben, Westindien, Bolivien

und Brasilien bewohnen. Das winzige Pflänzchen wächst im Schatten, auf

rissiger oder bemooster Rinde; ihre Wurzeln weichen in keinem wesentlichen

Punkte von denjenigen anderer terrestrischer Neottieen ab.

Bei den zahllosen epiphytischen Orchideen, die ich auf meinen tropischen

Reisen und in Gewächshäusern gesehen, war hingegen das Velamen stets

vorhanden. Ich war geneigt, dasselbe als Anpassung an die epiphytische

Lebensweise aufzufassen, und glaubte anfangs in der Stenoptera von

Blumenau eine Art aufgefunden zu haben, die im ursprünglichen Zustand

verblieben wäre. Spätere Befunde haben es mir jedoch nicht unmöglich

gemacht, dass die terrestrischen Voreltern der mit Velamen versehenen

Epiphyten schon ein solches besassen. Die nähere Untersuchung von

Epidendrum cinnabarinum zeigte mir nämlich, dass die Wurzeln dieser rein

terrestrischen Form sich in keinem wesentlichen Punkte von denjenigen der

zahlreichen epiphytischen Arten desselben Genus unterscheiden. Ausser den

Bodenwurzeln entwickeln die langen, dünnen Axen der Pflanze Büschel kurzer

Luftwurzeln, deren Nutzen mir völlig unklar geblieben ist. Epidendrun

cinnabarinum und das sich wohl ganz ähnlich verhaltende E. Schomburgkii

sind in dünnen, lichten Capoeirawäldern der Küste von Sta Catharina

überaus häufig, scheinen aber nie epiphytisch zu wachsen.

7. Die Luftwurzeln der Orchideen und der meisten epiphytischen Gewächse

sind chlorophyllhaltig und vermögen dementsprechend zu assimiliren;

letztere Function kommt meist jedoch auch hier wesentlich den Blättern zu,

da die Wurzeln in Folge ihres negativen Heliotropismus die dunkelsten

erreichbaren Stellen aufsuchen. Bei mehreren Arten der Gattung Aëranthus

jedoch spielen die Wurzeln bei der Assimilation eine weit wesentlichere

Rolle; bei einzelnen derselben bestehen _die vegetativen Theile beinahe

nur aus einem mächtigen, grünen Wurzelsystem, während die Laubblätter ganz

fehlen_ und der Stamm auf winzige Dimensionen reducirt ist. Diese

merkwürdigen Formen sind ohne Zweifel auf das Prinzip der Reduction der

transpirirenden Oberfläche zurückzuführen, welches so viele wunderbare

Pflanzengestalten hervorgerufen hat(8). Die Reduction der vegetativen

Theile auf ein assimilirendes Wurzelsystem hat aber für uns daher

besonderes Interesse, da dieselbe, ausser bei Wasserpflanzen, nur bei den

Epiphyten und den ihnen so ähnlichen Bewohnern kahler Felswände zur

Ausbildung kommen konnte.

Aus eigener Anschauung kenne ich nur zwei hierher gehörige Arten,

Aëranthus funalis, welchen ich zuerst cultivirt auf Trinidad, später in

Venezuela wild wachsend sah, und eine nicht bestimmte Art, von welcher ich

ein einziges kleines Exemplar in der Nähe von Blumenau fand.

Aëranthus funalis besteht aus einem mächtigen Büschel federkieldicker,

cylindrischer, zum grossen Theil frei hängender Wurzeln, die aus einem

ganz winzigen, von braunen Schuppen bedeckten Knöllchen entspringen. Ein-

oder zweimal im Jahre erhebt sich aus der Basis des Sprosses ein beinahe

nadeldünner, blattloser Seitentrieb mit grossen, gelblich-grünen Blüthen,

welcher nach der Fruchtreife oder, wenn keine Befruchtung stattgefunden,

nach dem Welken der Blüthen vertrocknet und abfällt. Die assimilirende

Thätigkeit der Sprosstheile ist ganz unbedeutend; die Pflanze ist vielmehr

für ihre Ernährung beinahe ganz auf das mächtige Wurzelsystem angewiesen,

welches vermöge seines Velamen das Wasser aufsaugt, die organische

Substanz aus dem anorganischen Rohmaterial erzeugt, den Ueberschuss des

Wassers und der organischen Produkte aufspeichert, in einem Worte

sämmtliche vegetative Functionen von Stamm, Wurzel und Blatt in sich

vereinigt.

Ihren mannigfacheren Functionen entsprechend, weicht die Wurzel von

Aëranthus funalis in manchen Punkten von derjenigen beblätterter Orchideen

ab; mit der Assimilation in Zusammenhang steht ihr weit grösserer

Reichthum an Chlorophyll, die geringere Dicke ihres Velamen, welches auch

im trockenen Zustand das grüne Gewebe durchschimmern lässt; den

Bedürfnissen der Wasserregulirung entsprechen Wasserzellen und

eigenthümliche Durchführgänge für Gase, welchen offenbar genau die gleiche

Bedeutung für die Transpiration, wie den Spaltöffnungen, zukommt und die

dem blossen Auge, namentlich nach Befeuchtung, _weisse Streifen_

darstellen(9), die für Wasser ganz undurchlässig sind, während Gase

dieselben ungehindert passiren. Die Aufspeicherung der Reservestärke

findet in den tiefen Zonen des Rindenparenchyms statt. Endlich sei noch

erwähnt, dass der unbedeutenden Entwicklung der Sprosstheile entsprechend

die Gefässbündel sehr reducirt sind, während den in Folge des freien,

hängenden Wachsthumsmodus der meisten Glieder des Wurzelsystems grösseren

Ansprüchen an Zug- und Biegungsfestigkeit durch starke Verdickung des

Velamen und der inneren Endodermis, sowie durch starke Sklerose des

Zwischengewebes im Gefässbündel genügt wird.

Noch weit mehr blattähnlich als bei Aë. funalis sind die Wurzeln des sonst

sehr ähnlichen Aë. fasciola aus Guatemala, die neuerdings von JANCZEWSKI

einer genauen Untersuchung unterworfen wurden, und welchem sich ein paar

brasilianische Arten, von welchen ich Alcoholmaterial meinem Freunde

H. SCHENCK verdanke, anschliessen. Bei diesen Arten sind die Wurzeln flach

und mit einer ganz ähnlichen Dorsiventralität, wie Laubblätter, versehen.

Die Unterseite, die von einer starken Mittelrippe durchzogen ist, trägt

das Velamen und die den Spaltöffnungen entsprechenden Pneumathoden; die

Oberseite ist flach, grün, entbehrt des Velamen und verrichtet vornehmlich

die Functionen der Kohlenstoffassimilation.

Die Dorsiventralität ist, nach JANCZEWSKI, bei Aë. fasciola ebenso

unabhängig von äusseren Umständen, wie bei Laubblättern. Die Wurzeln von

Aë. funalis dagegen sind im hängenden Zustande radial gebaut, während, im

Falle sie auf der Rinde kriechen, ihr Velamen an der Unterseite etwas

mächtiger und dünnwandiger wird. Eine ähnliche, durch das Licht bedingte

Dorsiventralität kommt nach den Untersuchungen JANCZEWSKI’s den

Luftwurzeln mehrerer, jedoch nicht aller epiphytischen Orchideen zu.

8. Die Mittel, welche den Epiphyten der ersten Gruppe das Gedeihen auf

Baumrinde ermöglichen, sind nach dem Gesagten zum grössten Theil solche,

die den meisten atmosphärischen Gewächsen zukommen: flächenartige

Ausbreitung, Aufspeicherung von Wasser, starke Ausbildung der Cuticula.

Diese Schutzmittel sind aber bei dieser Gruppe, mit Ausnahme der

ausgesprochenen Schattenfarne, vollkommener ausgebildet als bei der

Mehrzahl der nicht hierher gehörigen Epiphyten, die sich durch besondere

Vorrichtungen eine reichlichere Nährlösung verschaffen. Nur bei Vertretern

dieser Gruppe, allerdings blos bei wenigen, finden wir die Fähigkeit,

grossen Wasserverlust ohne Schaden zu ertragen. Ebenfalls finden wir nur

auf dieser niedersten Stufe des Epiphytismus hie und da, namentlich bei

Orchideen, starke Reduction der transpirirenden Oberfläche als

Schutzmittel ausgebildet, am eigenthümlichsten bei den unbelaubten

Aëranthus-Arten, welche uns die auffallendste Anpassung innerhalb der

ersten Gruppe liefern. Endlich sei hervorgehoben, dass bei weitem die

grosse Mehrzahl der epiphytischen Orchideen und die Araceen mit Velamen

ausschliesslich auf die Nährstoffe der Rinde angewiesen sind, sodass

letzteres beinahe als eine Eigenthümlichkeit der ersten Gruppe betrachtet

werden kann.

Im Ganzen ist, trotzdem die Schutzmittel meist miteinander combinirt sind,

sehr üppiges Pflanzenleben auf Kosten der im Humus der Rinde und im Moos

befindlichen Nährlösung nicht möglich; beinahe sämmtliche Arten der ersten

Gruppe sind Kräuter von geringer oder mittlerer Grösse, und die wenigen

Sträucher gedeihen nur im Schatten auf sehr rissiger oder bemooster Rinde.

Die stattlichste mir bekannte hierher gehörige Art ist das

südbrasilianische Philodendron cannifolium, das, dank der mächtigen

Ausbildung und dem schleimigen Inhalt seines Intercellularsystems, enorme

Mengen von Regen- und Thauwasser aufspeichert; die Dimensionen dieser

Pflanze sind aber unter den Epiphyten der anderen Gruppen nicht blos sehr

gewöhnlich, sondern werden vielfach weit übertroffen.

Die epiphytische Vegetation Amerikas · 第 15 / 44 题