So war denn meine Dienstzeit bis auf zwei Monate geschwunden und ich

hatte in den verschiedenen Theilen der Colonie und unter verschiedenen

Verhältnissen stets einer guten Gesundheit mich erfreut. Das Fieber,

welches so häufig und unter so manchen Formen die Bewohner Surinams

heimsucht, hatte ich bis jetzt nur dem Namen nach gekannt und hielt es für

Weichlichkeit und Uebertreibung, wenn meine Kameraden, manchmal von ihm

gerüttelt, sich unter wollene Decken und Mäntel verkrochen. Aber kaum

war ich einige Tage von meiner Reise zurückgekommen, so erfasste mich der

schlimme Gast mit seiner ganzen Stärke und alle gebrauchten Hülfsmittel

konnten ihn nicht gänzlich vertreiben. Als um die Mitte Octobers die

Lebensmittel nach dem Posten Nickerie gebracht werden mussten, erbat ich

mir den Transport derselben, um auf der kleinen Seereise und dem mir so

bekannten Beschermer durch die Seekrankheit mich besser auspurgiren zu

lassen, als diess durch die Pillen und Tränke des militärischen Hospitals

geschah.

Scheinbar gesund kam ich am 9. November wieder in Paramaribo, gerade an dem

Tage, an welchem meine sechsjährige Dienstzeit beendigt war, an, und ich

hatte nun wie Herkules am Scheidewege zu wählen, ob ich meine militärische

Laufbahn fortwandeln oder in den Civilstand zurückkehren wolle. -- Ich

war lange unentschlossen, denn Surinam war mir theuer geworden und im

Vaterlande hatte ich keine Aussichten mehr. -- Im Militär-Stande, der mir

nicht missfiel, hatte ich Aussichten auf Beförderung und im Civilleben

hätte ich durch Einsammeln von Naturalien reichliches Auskommen finden

können. -- Ich beschloss endlich vorerst nach Europa zurückzukehren und

erhielt, durch die Gunst des General-Gouverneurs, einen Urlaub, nach

welchem es mir freistand, in Holland entweder mich aufs Neue zu engagiren

oder den Dienst zu verlassen.

Ich hatte eine hübsche Sammlung Schmetterlinge im Laufe verschiedener Jahre

zusammengebracht und gab dieselbe einem Kauffartheischiffe nach Amsterdam

mit, wo ich dieselben bei meiner Ankunft zu finden hoffte und verliess nun

am 25. November 1841 auf dem königlichen Dampfboote Curaçao, das uns

an Bord des Transportschiffes, welches in der Coppename Schiffsbauholz

einnahm, bringen sollte, Paramaribo. Zwölf Soldaten und ein

Bataillonsschneider aus Curaçao, die ihre Dienstzeit ebenfalls beendigt

hatten, machten die Reise mit. Der letztere, ein altes kränkliches

Männchen, hatte seine Frau und zwei erwachsene Töchter bei sich. Es regnete

am Tage unserer Abreise beständig, denn die kleine Regenzeit hatte sich

mit Heftigkeit eingestellt. -- Ich hatte bis tief in die Nacht geschrieben,

gepackt und die Schreibereien der Compagnie meinem Nachfolger übergeben und

mich dadurch zu sehr angestrengt; so kam es auch, dass, als ich kaum das

Dampfboot betreten hatte, mich ein heftiges Fieber überfiel, das bei der

Seekrankheit, die sich ebenfalls einstellte, und der Reue, Surinam zu

verlassen, mich in einen mitleidwerthen Zustand versetzte. Man umhüllte

mich mit Decken und ich lag die ganze Nacht abwechselnd in Frost und Hitze.

Den 26. kamen wir an Bord des Transportschiffes, zufälligerweise derselbe

Prinz Willem Frederik Hendrik, der mich vor sechs Jahren nach Surinam

gebracht hatte. Den 28. gingen wir unter Segel, und der Doctor, ein für

seine Kranken besorgter, menschenfreundlicher Mann, der seinem Stande Ehre

machte, nahm mich in seine Behandlung. Die Seekrankheit und das Fieber

setzten mir die ersten acht Tage sehr zu, doch erholte ich mich bald so

weit, dass ich wenigstens die Universalkost, Erbsen, Speck und Fleisch,

wieder schmackhaft fand. Der Schneider hatte mit seiner Familie ein kleines

abgesondertes Kajütchen, und ich lebte mit ihm in der besten Freundschaft.

Der Tag, den ich mit Lesen durchbrachte, wurde, wenn die See nicht zu

unruhig war, mit Lotto oder Domino beschlossen. -- Das Leben an Bord eines

Kriegsschiffes habe ich schon am Anfange erwähnt, nur war der Unterschied

mit meiner früheren Ueberfahrt der, dass Matrosen und Soldaten in der

besten Einigkeit lebten und es nie Streitigkeiten gab.

Die Hitze verminderte sich, je nördlicher wir kamen, und die Kälte war um

so empfindlicher für uns, da Keiner sich mit den für den Winter passenden

Kleidern versehen hatte, denn solche in Surinam zu bekommen, hält schwer,

da sie Niemand braucht. So liefen wir, als wir die Höhe Madeiras erreicht

hatten, schon frostig und zitternd herum und sahen mit Schaudern dem

europäischen Klima entgegen. Um diese Zeit hatte mir der Kommandant des

Schiffes verschiedene Schreibereien aufgetragen und ich arbeitete desshalb

den ganzen Tag im Longeroom, bis die Kälte das Schreiben im ungeheizten

Zimmer nicht mehr zuliess und der Kommandant mich in seine warme Kajüte

nahm.

Mein Fieber hatte sich auch wieder eingestellt, und obgleich ich genug

Pulver verschluckte, so verliess es mich doch nicht wieder.

Unsere Reise ging ziemlich schnell, denn schon am 2. Januar waren wir vor

dem Canal. Das Wetter war eisig kalt und obgleich ich mir ein wollenes Hemd

an Bord gekauft hatte und in zwei wollenen Decken eingewickelt des Nachts

in meiner Hängematte lag, so konnte ich doch vor Kälte keine Nacht vor

12 Uhr einschlafen und lag wie ein Igel zusammengeballt, nur beschäftigt,

meine eiskalten Füsse durch Reiben und Drücken zu erwärmen. -- Ebenso ging

es den Soldaten, die noch weniger als ich hatten, aber gesund waren. -- Man

blieb meistens unter dem Verdecke, wo zur Ventilation den ganzen Tag ein

Windsack uns mit so kaltem Hauche erfrischte, dass wir trotz des Verbotes

ihn verschiedene Male zuknöpften. Das Aergste bei der Kälte war aber, ein

gewisses natürliches Bedürfniss zu befriedigen. Der Ort dazu ist neben dem

Bugspriet, wo aller Wind sich versammelt und die Bewegung des Schiffes am

stärksten ist. -- Da hinaufzuklimmen und entblösst der ganzen Gewalt des

Windes preisgegeben, vom eiskalten Wasser bespritzt zu werden, war eine

Affaire, der sich selbst die Matrosen nicht gerne unterzogen und die wir

um so mehr fürchteten, als wir, wenn wir von den Wellen durchnässt waren,

keine anderen Kleider zum Wechseln hatten.

Die Frauen, welche sich seit der Kälte in ihrem Kajütchen eingeschlossen

hatten, mussten freilich diese Manöver nicht mitmachen, sondern hatten

einen dazu bestimmten Topf, den eine von ihnen jeden Abend zur grossen

Belustigung der Matrosen, die es dabei nicht an Glossen fehlen liessen,

über Bord ausleerten.

Nun war eines Morgens dieser Topf, bei einer starken Bewegung des Schiffes,

umgefallen, und hatte solch einen infernalischen Geruch zwischen der Decke

verbreitet, dass jedes sich beeilte, ungeachtet die Grütze auf der Tafel

stand, aufs Verdeck zu kommen, wo es dann ans Schimpfen und Fluchen ging.

Es war eine grosse Verlegenheit für die armen Frauenzimmer, die sich den

ganzen Tag nicht sehen liessen und also in der Atmosphäre ihres Topfes

beinahe erstickten.

Der Wind, der uns bis an den Canal immer günstig gewesen war, verliess uns

plötzlich und eine totale Windstille hielt uns 9 Tage lang wie angefesselt.

Eine Menge Schiffe von allen Nationen war hier zusammengekommen und harrte,

wie wir, auf günstigen Wind. -- Mit gutem Westwinde erblickten wir am 12.

Januar die englischen Küsten und pfeilschnell segelten wir durch den Canal.

Am 16. Januar ankerten wir im Nieuwe Diep, nach fünfzigtägiger Fahrt. Wie

öde und traurig zeigt sich im Winter die holländische Küste den aus dem

Süden Kommenden, wie verfroren sehen ihre Einwohner aus und wie kahl seine

Bäume.

Kaum war das Schiff im Hafen befestigt, als wir bestürmt wurden von

Neugierigen: Fleischer und Bäcker kamen an Bord, um sich in die Gunst des

Kommandanten zu empfehlen, Wirthe überreichten ihre Adressen, Waschweiber

holten schmutzige Wäsche und Juden handelten um Affen und Papageyen.

Ich ging mit meiner Marschordre nach dem Heldos (einem Flecken, der stark

befestigt ist), um die Befehle zur weiteren Reise abzuholen. Wir sollten

in kleinen Tagereisen auf Wägen nach dem Orte unserer Bestimmung,

dem langweiligen Harderwyk gebracht werden, da die Südersee und der

nord-holländische Canal noch dicht befroren waren.

Den 18. Januar verliessen wir auf zwei Wägen, die mit dem Hausrathe der

Schneiderfamilie vollgepackt waren, das Nieuwe Diep. -- Wir waren auf

eine Weise bekleidet, dass alle Leute uns neugierig anschauten. Bei jeder

Station, wo man die Pferde wechselte oder Nachtquartier bestellte, wurden

unsere Wägen von den Einwohnern umringt und wir wie fremde Thiere staunend

begafft. Zu unserer leichten Uniform und weissen Hosen stachen unsere

bleichen Gesichter wunderbar ab, und die Frauenzimmer, in grossblumigen

Zitz gekleidet und mit leichten Strohhüten auf dem Kopfe, zitterten vor

Kälte während dem Gelächter und den lieblosen Kritiken der Umstehenden.

Zwei Papageyen und ein indianischer Rabe gehörten ebenfalls zu unserer

Gesellschaft und zwei Töpfe mit rauchendem Torfe mussten unsere erstarrten

Füsse der Reihe nach erwärmen. Nach sieben sehr kleinen Tagereisen, wo wir

in Schagew, Alkmar, Haarlem, Amsterdam, Naarden und Amersford übernachtet

hatten, langten wir den 24. Januar wohlbehalten in Harderwyk an. -- Die

meisten meines Detachements schützten Krankheiten vor, um bis zum Frühjahr

im Hospital der Ruhe pflegen zu können; ich aber, wiewohl ich eine

ärztliche Behandlung höchst nöthig hatte, that meinen Dienst, der freilich

nicht sehr mühsam war. -- Ich erwartete immer das Schiff, mit dem ich meine

Insekten abgeschickt hatte, um dieselben sodann selbst nach Deutschland

mitnehmen zu können, aber statt derselben kam die traurige Nachricht vom

Stranden des Schiffes bei Dover an und meine schöne Sammlung war für

mich verloren. Ich hatte nach reiflicher Ueberlegung beschlossen, den

Militärdienst zu verlassen und mein Glück im Civilstand in Surinam zu

suchen, und krank an Körper, und traurig über meinen Verlust, verliess ich

am 1. März 1842 Holland, um vorerst meine Familie in Stuttgart zu besuchen.

Bemerkungen.

Zweiter Abschnitt (S. 22-50).

[1]: Matrosenponten oder Ponten nennt man viereckige, etwa 60' lange und

15' breite Fahrzeuge mit plattem Boden und einem Dache von Palmblättern.

Es werden damit von den Pflanzungen die Produkte, als: Zucker, Kaffee,

Melassin u. s. w. abgeholt und an Bord der Schiffe gebracht. Die

Eigenthümer dieser Ponten sind meistens Juden, die in der Stadt ansässig

sind. Die Miethe eines solchen Fahrzeuges mit 4 Rudernegern ist 10 fl. per

Tag. Ein Weisser oder freier Farbiger, die ihren Lebensunterhalt auf keine

andere Weise mehr verdienen können, führt darüber die Aufsicht und

hat seine Wohnung in einem kleinen Verschlage im Fahrzeug. Ausser dem

kärglichen Lohne, den er von dem Eigenthümer der Pont empfängt, lebt

er hauptsächlich von den Geschenken, die man ihm aus Mitleiden auf den

Pflanzungen reicht und vom Schleichhandel, den er mit den Negern treibt.

[2]: Das Auffallende, dass eine Stadt von höchstens 16,000 Einwohnern 8

Kirchhöfe hat, lässt sich dadurch erklären, dass jede Confession ihren

eigenen Ruheplatz besitzt. Der Orangers-Kirchhof, »Niemde Oranjetuin«, ist

nur für wohlhabende Protestanten, ein zweiter für weniger vermögende. Die

Katholiken haben einen, die Juden zwei, die Soldaten, Neger und Herrnhuter

jeder einen, die, die zwei ersten in der Stadt selbst befindlichen

ausgenommen, alle im Umkreise derselben liegen, wodurch bei der

Auferstehung kein Rangstreit vorkommen kann.

[3]: Die Bevölkerung Paramaribo's besteht aus etwa 2000 Weissen und 4500

freien Farbigen, also etwa 6000 freien Personen und die Sklaven aus etwa

9000, zusammen gegen 15,000 Menschen; durch den Abgang nach und die Ankunft

von den Pflanzungen wechselt diese Bevölkerung beständig.

[4]: Dass man sich in Surinam nicht nach dem Range, sondern nach dem

Vermögen einrichtet, ist sehr in die Augen fallend, und der Unterschied

besonders zwischen hier und Deutschland sehr gross.

Der Bürger und Handwerker in Europa, wenn er auch grosses Vermögen

besitzt, wird doch stets eine bürgerliche Haushaltung führen, die in keinem

Vergleiche steht zu der eines höheren Beamten, der blos von seinem Gehalte

leben kann. Hier findet unter den Reichen kein Unterschied statt. Ich

kannte einen Handwerker in Paramaribo, der, als er nach Europa abreiste,

zur Versteigerung seines Hausrathes ein Inventarium anfertigen liess, wo

blos sein Silberzeug mehrere Blattseiten füllte.

[5]: Die Vertheilung der Pflanzungen besteht in 8 Divisionen, die nach den

Flüssen, an welchen sie liegen, benannt sind. In jeder Division befindet

sich ein Hauptmann, Offiziere und Unteroffiziere, die entweder Eigenthümer,

Directoren oder Blankoffiziere sind und auf den Pflanzungen in ihren

Divisionen wohnen. -- Es sind blos zeitliche und unbesoldete Aemter, die

sie verlieren, wenn sie von den Pflanzungen abgehen oder nach anderen

ausserhalb ihres Distrikts liegenden versetzt werden. Der Hauptmann ist vom

Gouvernement beauftragt, alle vorkommenden Fälle, als Geburten, Todesfälle,

Weglaufen von Negern u. s. w. in seiner Division den betreffenden Behörden

in Paramaribo mitzuteilen. Auf den Nickerie-Distrikten werden diese Beamten

Landdroste genannt und beziehen, da sie in keinem particulären Dienste

stehen, einen lebenslänglichen Gehalt von der Regierung.

Die Sklavenbevölkerung der Pflanzungen wird nicht viel über 40,000

betragen, während die Weissen oder Freien, welche auf den Pflanzungen

wohnen, auf etwa 1000 Personen angeschlagen werden können.

[6]: Effect nennt man Alles, was zu einer Pflanzung, als: Boden, Gebäude,

Sklaven, Revenüen u. s. w. gehört.

[7]: Der giftige Saft der bittern Cassavewurzel (Jatropha Maniok) hat, wenn

er zu einem Syrop eingekocht ist, die Eigenschaft, das darein Gelegte, als

Fleisch und Fisch, zu conserviren. Es werden desshalb die Ueberreste

der Mahlzeit in einem irdenen Topfe in diesen Syrop »Cassiripo« genannt,

gethan, und mit spanischem Pfeffer (Copsicum) stark gewürzt. Vor jeder

Mahlzeit wird dieser Pfeffertopf auf das Feuer gesetzt und aufgewärmt.

Gereinigt oder geleert wird derselbe nie und man hat Beispiele von

Veteranen solcher Pfeffertöpfe, die zehn Jahre lang täglich auf die Tafel

kamen und nie leer wurden.

[8]: Man nennt diese Barken Tentboote und wenn sie kleiner sind

Tentcorjaalen. Die grösseren sind etwa 40 Fuss lang und 7 Fuss breit und

werden durch acht Neger gerudert. Zwei Drittheile der Länge werden durch

die Ruderneger eingenommen, auf dem letzten Drittheil befindet sich eine

bedeckte, mit Jalousien und Fenstern versehene Kajüte, in der sich an

beiden Seiten breite Bänke befinden, die mit Matrazzen bedeckt werden, auf

denen man sitzt oder liegt. Die Barken sind von innen und aussen hübsch

angestrichen und gefirnisst, manchmal mit Schnitzwerk und Vergoldungen

verziert und kosten nicht selten bei 3000 fl. Die Ruderer derselben sind,

besonders wenn sie höhere Beamte oder Eigenthümer von Pflanzungen führen,

meistens in Livrée gekleidet und eine grosse holländische Flagge weht vom

Hintertheil der Barke.

[9]: Die Kostäcker der Pflanzungen werden meistens blos von einem alten

Neger bewacht, der am Eingang in dieselben eine Hütte von Palmblättern

bewohnt. Einige Hühner sind sein ganzer Reichthum. Da nun häufig vorkommt,

dass fremde Neger der benachbarten Pflanzungen des Nachts in seinen ihm

zur Bewachung übergebenen Aeckern Bananen und Erdfrüchte stehlen, er selbst

aber zu alt ist, um dagegen etwas zu thun, so bedient sich mancher dieser

Wächter einer List, die den Dieben sehr übel bekommt. Er schnitzt aus

hartem Holze 3-4 Zoll lange Stifte, die sehr spitzig in ein Brettchen

eingeschlagen werden, so dass die Spitze etwa 3 Zoll hervorragt. Auf einem

Brettchen befinden sich manchmal zwanzig solcher Spitzen. Diese Brettchen

werden nun überall im Grase und an den Gräben versteckt, wo die Diebe

vorbeigehen oder darein springen müssen. In diesem Falle durchstechen sie

den Fuss, brechen ab und verursachen, besonders wenn nicht schnelle Hülfe

angewendet wird, meistens den Brand. Die weggelaufenen Sklaven

verstecken diese »Pennen« überall im Umkreise ihrer Schlupfwinkel, als

Vertheidigungsmittel vor Ueberfällen der Buschpatrouillen.

[10]: Wie gross die Dieberei der Neger ist, will ich blos durch Folgendes

zeigen. Eine Pflanzung in der Matappica-Kreek lieferte die jede Woche

nöthigen Bananen für den Posten Gouverneurslust, was etwa 80 bis 100 Busche

betrug und die in einer kleinen Pont durch drei Neger und einen Guiden auf

jener Pflanzung abgeholt wurden. Die Lieferungszeit war zu Ende und ich

wurde vom Kommandanten beauftragt, irgendwo auf einer andern Pflanzung

wieder einen neuen Akkord einzugehen. Es war im Monat Mai 1838, als ich

von Gouverneurslust nach der Matappica-Kreek reiste und auf der Pflanzung

Constantia, woher wir unsere Bananen bisher bezogen hatten, mich nach

andern Lieferanten erkundigte. Es befand sich da gerade ein Director, der

in der Nähe wohnte und mir versprach, den Akkord mit dem Posten einzugehen.

Er schickte auch sogleich durch seinen Voeteboy Befehl an den Bastian

seiner Pflanzung, die nöthige Anzahl Bananen abhauen zu lassen, bis wir

am Abende selbst kommen würden. Da ich nun den Mittag über auf Constantia

blieb, so liess ich meine Pont voraus nach jener Pflanzung Bruinendaal

gehen, um am Abend selbst zu Fusse mit dem Director dahin zu kommen.

Bei unserer Ankunft lag die benöthigte Anzahl Bananen bereits am

Landungsplatze, um, nachdem der Director sie nachgesehen hatte, in meine

Pont geladen zu werden. Als ich aber in dieses mit einem Pinadache bedeckte

Fahrzeug trat, fand ich bereits über hundert Busche Bananen, die, wie mir

der Guide offenherzig gestand, er von den Plantagenegern eingehandelt

hatte und mich um Gotteswillen bat, dem Director nichts davon zu sagen. Ich

unterliess es auch, weil ich befürchtete, dass mein eingegangener Akkord

dadurch zu Nichte gehen könne. Mit diesen Bananen wird dann auf den höher

gelegenen Pflanzungen wieder Handel getrieben und von den Sklaven der

Zuckereffecte Zucker, Likker oder Dram eingetauscht und letzteres auf dem

Posten zu Geld gemacht.

[11]: Die Hauptgemeinde der Herrnhuter ist aber in Paramaribo, wo in dem

grossen Bethause dieser Missionäre jeden Tag Schule gehalten und jeden

Freitag gepredigt wird. Wenn es ihnen auch nicht gelingt, allen Aberglauben

und heidnische Begriffe unter ihrer Gemeinde zu vertilgen, so muss man

doch bekennen, dass sie eifrig bemüht sind, denselben, die aus dem grössten

Theil der freien Neger und Farbigen, und einem grossen Theil der Sklaven

Paramaribo's besteht, Ordnung und häusliche Tugenden beizubringen und ihre

Sitten zu verbessern. Es sitzt im Neger leider zu wenig Geist und Energie,

um eine Religion anzunehmen, die er nicht begreifen kann; wenn ihm dieselbe

nicht dazu nützt, dass ihm seine Arbeit erleichtert wird, so wird er

trotz allen Belehrungen nie einen Werth auf sie legen. Dasselbe flaue

Christenthum findet man auch unter den französischen Negern, wo die

katholischen Priester dieselben mit dem grössten Eifer unterrichten und

keine noch so ekelhafte Krankheit scheuen, um sie zu besuchen und zu

unterrichten, und welchen Dank sie haben, wird man im Laufe dieser Skizzen

sehen.

Vernunft und gute Eigenschaften, wie sie der Weisse besitzt, kommen

beim Neger beinahe nie vor und Charaktere, wie der gute Onkel Tom, sind

Chimären. Man sehe die Neger in den nördlichen Staaten der Union, wo sie

schon seit Generationen frei sind und eben den Unterricht sich verschaffen

können, den der Weisse geniesst. Schwingen sie sich je über den Rang eines

Bedienten?

[12]: Und es ist nicht allein Gefahr, seine Gesundheit zu verlieren und ein

Opfer der Lepra zu werden, es ist der schlechte Charakter der Neger selbst,

der ihm am meisten droht. Erst im October 1851 wurde der Priester des

Etablissements Batavia, ein Mann, der auf diesem so abgesonderten Platze

unermüdet und eifrig in ihren physischen und moralischen Leiden ihnen

beistand, von einem dieser Elenden, weil er ihm, um der Trunkenheit

vorzubeugen, einen Krug Dram abgenommen hatte, aus Rache vergiftet.

Dritter Abschnitt (S. 50-67).

[1]: Paramaribo wurde in der Mitte des 17. Jahrhunderts durch Engländer

angelegt und bestand bei der Uebernahme der Colonie durch die Holländer nur

aus wenigen Häusern. Ueber den Ursprung ihres Namens ist man noch nicht

im Reinen. Man meint aber, dass ihm dieser zu Ehren des Lord _Porham_, der

unter König Karl dem Ersten von England Besitzungen hier hatte, gegeben

wurde. Die Indianer nennen die Stadt Pramorbo, was in ihrer Sprache

Blumenplatz bedeuten soll.

[2]: An den Ufern des Tapanahoni wohnen die Aucaner Buschneger, von denen

ich später reden werde. Wenn man ihren Aussagen Vertrauen schenken darf, so

kann man diesen Fluss noch vierzehn Tagereisen aufwärts fahren, worauf man

ihn verlässt und über Berge und Savannen zieht, deren Boden aus spitzigen

Steinen besteht, wesshalb sie sich mit aus Moos geflochtenen Schuhen

versehen. Nach einem dreitägigen Marsche kommen sie an die Dörfer der

Indianer, von welchen sie gegen Messer, Beile, Glasperlen u. s. w.

künstlich geflochtene Hängematten und vortreffliche Jagdhunde mitbringen,

welche letztere sie auf den Pflanzungen theuer verkaufen. Ich habe durch

Buschneger Arbeiten von diesen Indianern bekommen, deren Geschmack und

Schönheit ich bewunderte. Es waren Kronen und Schürzen von Federn, meist

des Tukans, der Arras und Cassicus und eines hier ganz unbekannten gelben

Papageyen. Haben die Buschneger ihre Waaren vertauscht, so helfen die

Indianer ihnen das Gekaufte bis an den Tapanahoni tragen, wobei die

Buschneger die Stärke dieser Indianer besonders rühmen. Sie sollen,

versichern die Buschneger, wenn sie ermattet sind, sich mit einer

Schneckenschale die Haut aufritzen und in das Blut ein weisses Pulver

reiben, wodurch ihre Kräfte sich sogleich wieder erneuern und sie ihre

Reise wieder fortsetzen können. (Etwas Aehnliches fand _Schomburgk_ auf

seinen Reisen im britischen Guyana.) Diese Indianer, welche die Buschneger

Acouri und Trio nennen, stehen wieder mit den weiter aufwärts wohnenden

Salmoës in Verbindung, welche letztere die Pflanzungen der Portugiesen am

Amazonenstrome besuchen. Es ist höchst wahrscheinlich, dass die Indianer,

mit welchen die Buschneger Handel treiben, die Taruma oder Barokotos sind,

die unterm Aequator und zwischen dem 57.-58. Längengrade von Greenwich

wohnen. Die Länge des Weges erklärt dieses, denn obwohl die Buschneger sehr

langsam reisen, wobei theilweise die Wasserfälle und Strömungen der inneren

Gewässer schuld sind, so müsste doch in kürzerer Zeit in jeder anderen

Richtung ein französisches oder portugiesisches Etablissement erreicht

werden.

Sechs Jahre in Surinam Bilder aus dem militärischen Leben dieser Colonie und Skizzen zur Kenntniss seiner socialen und naturwissenschaftlichen Verhältnisse · 第 22 / 23 段