dass mich dieser Abend über 3 fl. Geschenke kostete. Endlich wurde in der
Tanzraserei eine Pause gemacht und ich äusserte meinen Wunsch, abzufahren.
Dazu hatten aber die Plantageneger wenig Lust und alle Buschneger
bestürmten mich mit Bitten, erst am nächsten Morgen meine Rückreise
anzutreten. Man bot mir Haus, Hängematte, ja sogar eine hübsche Negerin an
und stellte mir vor, wie gefährlich es sey, in einer so dunkeln Nacht mit
betrunkenen Negern und in einer so kleinen Corjaal über die vielen Klippen
des reissenden Stromes zu fahren, wo man ja selbst bei Tage mit der
grössten Behutsamkeit zu Werke gehen müsse. Ich beharrte aber auf meinem
Vorsatz, weil ich dem Director der Pflanzung Victoria versprochen hatte,
nicht über Nacht bleiben zu wollen. Da der Kapitän des Dorfes mich
entschlossen sah, abzureisen, so gab er, um Unglück zu verhüten,
den Plantagenegern, welche unter Schimpfen und Fluchen auf mich vom
Ballpersonal Abschied nahmen, eine kleine Corjaal. Man beschenkte mich
mit Apfelsinen, zwei Schildkröten und Cassave und unter immerwährendem
Schiessen fuhr ich mit dem Indianer in meiner, die Neger in der andern
Corjaal ab. Pfeilschnell flog das leichte Fahrzeug den Fluss hinab und
Punkt zehn Uhr hatten wir den Posten erreicht.
Am andern Morgen verliess ich Victoria und war in zwei Stunden auf
Bergendaal zurück. Hr. H., der immer noch am Fieber litt, erwartete mich,
um nach Paramaribo zurückzukehren. Wir fuhren noch denselben Nachmittag ab,
hatten aber noch keine halbe Stunde zurückgelegt, als der Regen, wie mit
Eimern geschüttet, vom Himmel herabstürzte und uns augenblicklich bis auf
die Haut durchnässte. Gleich stark regnete es zwei volle Stunden und da
in dieser menschenleeren Gegend kein Obdach zu finden war, so mussten wir
geduldig warten, bis es dem Himmel gefiel, seine Schleussen zu schliessen.
Wir waren beide, da wir unter so viel Bagage wie eingemauert sassen, so
kalt, als wären wir auf einer Reise nach Spitzbergen begriffen.
In einer solchen Lage ist ein guter Schluck Rum ganz zweckmässig und obwohl
ich sonst nie solchen trank, machte ich doch hier eine Ausnahme. Weil auch
einer unserer Neger das Fieber bekommen hatte, hielten wir, anstatt nach
der Judensavanne zu fahren, auf dem kleinen Kostgrunde Moria an, um hier
zu übernachten und unsere Effecten zu trocknen. Wie aus dem Wasser gezogen
betraten wir das Haus und baten die zwei Mulatten, welche den Platz
beaufsichtigten, um ein Zimmer für die Nacht. Gesellig und gastfrei, wie
diese Menschen im Allgemeinen sind, stellten sie uns sogleich das ganze
Haus zur Verfügung, entschuldigten sich aber, weil sie uns keinen Genever
noch andern Spiritus anbieten konnten, mit dem komischen Schlusse, dass sie
ganz auf dem Trockenen sässen. Das käme eben recht, meinte Hr. H., denn wir
wären lange genug im Nassen gesessen. Es wurde nun gekocht und gebraten und
bald sassen wir ganz behaglich um den dampfenden Topf. Hr. H. hatte Rum und
Branntwein im Ueberfluss bei sich; die beiden Herren machten sich dieses zu
Nutzen und leerten wohl ein Dutzend Gläschen miteinander, dass man zuletzt
recht gut sehen konnte, wie sie aufs Nasse kamen. Durch ihr unerträgliches
Geplauder nöthigten sie endlich Hrn. H., die Flaschen einzuschliessen und
das Licht auszublasen, so dass bald allgemeine Ruhe im Hause herrschte.
Am Mittag des andern Tages fuhren wir, nachdem Alles getrocknet war, nach
der Judensavanne zurück. Hier verliessen uns beide Indianer, welche in der
kurzen Zeit, die sie bei uns zubrachten, die besten Freunde geworden waren.
Walekuleh, der Arowack, kehrte nach seinem Dorfe auf den Savannen der
Casewinika zurück. Nachdem er von uns reichlich beschenkt worden war,
wanderte er mit seinen Siebensachen und mit seinem Freunde, dem Caraiben
Kwaku, der ihn halbwegs begleiten sollte, wohlgemuth den glühenden Sandweg
nach der Casewinika.
Am andern Abende waren beide Indianer wieder vor unserer Thüre; denn
Walekuleh, den sein Freund Kwaku nicht nur halbwegs, sondern ganz bis
in sein Dorf begleitet hatte, konnte es nicht übers Herz bringen, diesen
allein nach der Judensavanne zurückkehren zu lassen und hatte desshalb
seinerseits seinem Freunde das Geleite eben so weit zurückgegeben. Nach
dreitägigem Aufenthalt verliessen wir die Judensavanne und kamen nach
dreiwöchiger Abwesenheit wieder in Paramaribo an.
* * * * *
Ehe ich diese Schrift schliesse, will ich noch einige Bemerkungen und
Notizen über die Buschneger beifügen, die, wiewohl kurz und oberflächlich,
doch einen richtigen Begriff über ihre Lebensart und ihre Verhältnisse zu
den übrigen Bewohnern der Colonie geben können.
Schon in der ersten Zeit der Colonie waren Sklaven von den Pflanzungen
weggelaufen und hatten sich an verschiedenen, meist unzugänglichen Plätzen
in grösserer oder kleinerer Anzahl eigene Dörfer angelegt und lebten
vom Ertrage ihrer Aecker, von Jagd und Fischerei, oder auch vom Raub
auf benachbarten Pflanzungen, mit deren Negern sie häufig in geheimem
Einverständnisse standen. Diese Weglauferei fand häufig bei den
neuangekauften Negern statt und nahm mit der Zeit so zu, dass die
Weggelaufenen nicht mehr damit zufrieden waren, versteckt in ihren Wäldern
leben zu können, sondern in grosser Anzahl auf den Pflanzungen einbrachen,
sie zerstörten, die Sklaven wegführten und die Weissen aufs Grausamste
ermordeten. Man war desshalb von Seiten der Regierung genöthigt,
kostspielige und meist nutzlose Kriege, Buschpatrouillen genannt, gegen
sie zu führen, die keinen andern Erfolg hatten, als dass man das Gesindel
weiter in die Wälder jagte, aus welchen sie nach kurzer Zeit wieder
aufs Neue zurückkehrten und ihr altes Unwesen trieben. Man war zwar so
glücklich, mehrere ihrer Dörfer zwischen der Saramacca und dem Surinam zu
entdecken, dieselben zu verbrennen und alle ihre Aecker zu vernichten; aber
diese Feldzüge kosteten, so reich auch das Land in jener Zeit war, dennoch
Summen, die in keinem Verhältnisse zu dem Errungenen standen und man kam
endlich darauf, dass es das Beste wäre, mit diesem Gesindel Frieden zu
schliessen, sie für unabhängig zu erklären und auf diese Weise die Ruhe
der Colonie zu sichern. Dazu waren sie geneigt und es wurde ein Vertrag
abgeschlossen, wobei ihnen das Gouvernement den innern und unbewohnten
Theil der Colonie einräumte, auch Erlaubniss gab, in gewisser Anzahl
Surinam zu besuchen und sich zu zeitweisen Geschenken, in Pulver, Gewehren,
Leinwand, Säbel, Messern u. s. w. bestehend, bereit erklärte.
Das Gouvernement wählte sodann aus ihrer Mitte ein Oberhaupt, sowie auch
mehrere Capitäne und es hielt unter ihnen einen Weissen als Posthalter,
der Pässe nach Paramaribo ausfertigen und etwaige Befehle des Gouvernements
ihnen verständlich machen musste, weil sie natürlich nicht lesen konnten.
Dagegen gaben sie einige aus ihrer Mitte als Unterpfänder des Friedens
nach Paramaribo, lieferten alle, nach Schluss des Vertrags zu ihnen
übergegangenen Sklaven aus und verpflichteten sich, im Falle eines Aufruhrs
auf Seiten der Kolonisten zu seyn.
Die Buschneger theilen sich in drei Stämme, welche nicht auf einmal,
sondern zu verschiedenen Zeiten, doch alle im Laufe des vergangenen
Jahrhunderts Frieden schlossen und den Namen: befriedigte Buschneger
(bevreedigde Boschnegers) führen. Alle Bewohner des innern Landes über den
Pflanzungen theilen sich in Aukaner, Saramaccaner und Bekou Moesinga- oder
Matuari-Neger. Der Stamm der Aukaner ist der bedeutendste von allen. Er
bewohnt das Land oberhalb der Zusammenflüsse der Lava und des Tapanahoni
am oberen Marowyne, zwischen dem dritten und vierten Grad nördlicher Breite
und etwa zwischen dem 54.-55.° östlicher Länge von Greenwich. Ein Theil
dieses Stammes hat sich aber in der Sarakreek am Surinamflusse unter dem
5.° festgesetzt, während ein anderer Theil die Ländereien am oberen Cottika
und Coermotiba unter 5-40° und 3-30° bewohnt. Der ganze Stamm wird nicht
viel über 3000 Köpfe zählen. Sie sind in 14 Dörfer eingetheilt, deren jedes
unter einem Oberhaupte oder Capitän steht, dessen Rangzeichen ein blaues,
mit silbernen Borten besetztes Wamms, ein Hut mit silberner Tresse und
Orangecocarde, ein Stock mit grossem, silbernem Knopfe, eine Kette mit
einem silbernen Halsschild, der mit dem holländischen Wappen verziert ist,
besteht. Das Oberhaupt über alle nennt man Granmann. Diess ist ein alter,
bei feierlichen Gelegenheiten mit einer Generalsuniform behangener
Neger, der aber in seinem Dorfe eben so nackt läuft und auf derselben
Bildungsstufe steht, wie seine Untergebenen.
Die Saramaccaner sind am obern Surinam verbreitet und an Zahl den Aucanern
ungefähr gleich. Sie stehen ebenfalls unter einem Oberhaupte und Capitäns
und haben theilweise den christlichen Glauben angenommen, in dem sie von
zwei Herrnhuter-Missionären, die bei ihnen wohnen, unterrichtet werden.
Die Kirche, welche aus gehauenen Cedernbrettern gebaut ist, steht auf
dem ersten Dorfe Jinjeh und wird ziemlich regelmässig von den Bekehrten
besucht. Nur darf ihnen diess nicht viele Mühe machen; denn eifrig sind sie
in ihrem Christenthum nicht. Es wurde im Jahre 1850 vom Gouvernement
der Versuch gemacht, den Herrnhuter-Missionären Eingang bei den
Aucaner-Buschnegern zu verschaffen, aber das Oberhaupt derselben
widersetzte sich mit allen seinen Capitäns dieser Neuerung und die
Missionäre mussten unverrichteter Sache wieder zurückkehren.
Der dritte Stamm sind die Matuari- oder Bekumusinga-Buschneger, deren Zahl
zu 600-700 geschätzt wird und die den obern Saramacca-Fluss bewohnen.
Die Buschneger, meistens ganz schwarz von Farbe, unterscheiden sich von den
Plantagenegern durch einen kräftigeren Körperbau und brutalere Manieren. In
ihren Dörfern gehen sie immer nackt mit einer um den Leib gebundenen Binde
(Camis). In der Stadt aber haben sie auch kurze Wämschen von farbigem
Cattun an; Hosen tragen sie dagegen selten und Schuhe gar nie. Ihre
wolligen Haare binden sie gerne in kleine Zöpfchen, die wie Hörner in die
Höhe stehen. Um Fuss und Handknöchel tragen sie meistens Ringe von starkem
Eisen oder Messingdrath und an den Fingern eine Menge Gardinenringe.
Ueberdiess sind bei den meisten Knie, Knöchel, Arme und Hals mit Fetischen,
hier Obias genannt, behangen, die ihre besondere Bedeutung haben und sie
vor dem einen oder andern Unfall schützen müssen. Diese Obias werden
aus allen möglichen Dingen zusammengestellt, z. B. aus Glasperlen,
Käferhörnern, Tigerzähnen, Papageyenfedern, Schnecken oder selbst hölzernen
Puppen und je toller die Zusammenstellung ist, desto kräftiger wirkt der
Obia.
So roh und ungesittet dieses Volk auch ist, so kann man ihm doch gesunden
Verstand und Urtheil nicht absprechen und eifrige Versuche, sie der
Civilisation näher zu bringen, würden wohl gelingen. Aber dazu gehörte ein
Mann mit eiserner Geduld, grosser Menschenliebe und Selbstaufopferung,
der, aufs kräftigste vom Gouvernement unterstützt, mit Feuereifer ihre
heidnischen Vorurtheile bekämpfte; ihnen sanftere Sitten einprägte, ohne
dabei ihr physisches Wohl aus dem Auge zu verlieren und, unabhängig von
einer handeltreibenden Congregation, nicht genöthigt wäre, auf deren
materiellen Vortheile bedacht zu seyn, wodurch er in den Augen seiner
Anvertrauten für eigennützig gelten könnte. Hiezu wäre wohl ein
katholischer Priester die tauglichste Person, ein Mann mit den Grundsätzen
des =Las Casas=. Auch die Ceremonien, Reliquien und Heiligenbilder der
katholischen Kirche würden bei den Buschnegern willigeren Eingang finden,
als der von allem äusseren Schmuck entblöste Herrnhuter Gottesdienst. Sie
wären einigermasen in ihren Augen (man verzeihe mir das Wort) ihren
eigenen Gebräuchen analog und würden mehr Vertrauen einflössen, als reiner
intellectueller Unterricht. Die Buschneger haben keinen wahren Begriff von
der Gottheit, obwohl sie ein höchstes Wesen anerkennen, das sie Gran Gado
nennen. Neben dieser Gottheit bestehen zwar noch eine Menge anderer als:
Ampoekoa, Buschgott, Toni, Wassergott und Geister oder Dämonen: Cromanti,
Wintin, Tigri Wintin, Wauwaen u. s. w. -- Sie lassen sich aber über die
Natur und das Bestehen ihrer Götter nicht viel ins Philosophiren ein,
sondern überlassen diess ihren Lukumans oder Sehern, die in grossem Ansehen
bei ihnen stehen und bei jeder Gelegenheit um Rath gefragt werden. Diese
sind auch die Verfertiger der Obias oder Fetische, welche gegen Krankheit,
Gift, Schlangen und dergl. schützen und Glück im Handel und auf der Jagd
verschaffen müssen. Auch Jagdhunde bekommen dergleichen Obias um Hals und
Füsse und sind alsdann probat. Ausser diesen Talismanen bereiten diese
Loekoemanns auch ein weisses Pulver zu demselben Zweck, das in Einschnitte
der Haut eingerieben werden muss. Sie sind natürlicherweise ebenfalls
Doctoren und ihre aus Kräutern, Wurzeln und Rinden zusammengesetzten und
unter Beschwörungsformeln zubereiteten Medicinen werden vor den Weissen
sehr geheim gehalten. Uebrigens setzen die Buschneger grosses Vertrauen
in die Heilmittel der Weissen und scheuen bei gefährlichen Krankheiten die
Reise nach Paramaribo nicht, wo sie auf Landeskosten verpflegt und geheilt
werden. Wird der Buschneger von seinem Loekoemann behandelt, so muss er
denselben vorausbezahlen. Ihre Krankheiten bestehen meist in syphilitischen
Hautausschlägen, Fiebern u. s. w., auch richtet die Lepra bedeutende
Verheerungen unter ihnen an.
So frei und unabhängig sie leben und so gering die Mühe auch ist, sich
ihren Lebensunterhalt zu verschaffen, nehmen sie dennoch bedeutend ab,
anstatt sich zu vermehren, was wohl eine Folge ihrer vielen Ausschweifungen
seyn wird.
Beinahe jede Familie hat eine Pflanze vor ihrer Wohnung, die sie ehrt
und anbetet und sorgfältig verpflegt, um ihr Wachsthum zu fördern. Im
Allgemeinen ist diess der Seidenwollenbaum. In jedem Dorfe sind auch Hütten
zum Aufenthaltsort ihrer Götter bestimmt. Man findet darin Figuren von
Schlangen, Schildkröten, Kaimans und dgl., die aus einem weissen Thon
(Pimpa) roh verfertigt sind. Grosse Kaimans, wie man sie im Innern findet
und Papa- oder Abgottschlangen (Boa canina) werden ebenfalls verehrt und
nie getödtet. Niemand unternimmt eine Reise, ohne vorher einen Kandu oder
Schildwache vor sein Haus gesetzt zu haben. Dieser Kandu besteht meistens
aus dem Blüthentrosse einer Palmenart, dem Horn einer Kuh, dem Stachel
eines Rochen, einem Termitennest oder einer Papageyenfeder, kurz, was sie
für gut finden, welche Stücke, an einem Stock befestigt, ihr Haus, Felder
oder sonstiges Eigenthum, da, wo der Kandu steht, sichern müssen. Die
Uebrigen, welche eine solche künstliche Schildwache sehen, werden es nie
wagen, den ihnen dadurch verbotenen Platz zu betreten oder an demselben gar
zu stehlen. Die am meisten gefürchteten Kandu's sind eine eiserne Schaufel,
deren Stiel recht im Boden steckt, Hobelspäne von einem Sarge und ein roth
gefärbtes Kuhhorn. Der Eigenthümer des Kandu glaubt, obgleich er denselben
aus den unbedeutendsten Sachen selbst zusammenstellte, so fest an den
Zauber, als die Uebrigen, und würde, wenn Jemand den Muth hätte, bei seinem
Kandu noch eine Kleinigkeit, als todte Käfer, Schildkrötenschaalen u. s. w.
als zweiten Kandu aufzuhängen, gewiss keinen Fuss mehr auf seinen eigenen
Acker setzen, aus Furcht vor dem mächtigeren.
Von einem Leben nach dem Tode haben sie keinen Begriff; doch glauben sie
an Gespenster von Menschen und Thieren, welche man Jorka nennt, und denen
Opfer gebracht werden. Im Besitze einer beinahe uneingeschränkten Freiheit
und im Genusse aller Erzeugnisse, welche der fruchtbare Boden des obern
Landes bei geringer Arbeit hervorbringt, sollte man meinen, dass ihre Lage
nichts zu wünschen übrig lasse. Aber Hass, Neid, Eifersucht und Misstrauen
herrschen auf jedem Dorfe und Vergiftungen und Todtschläge kommen sehr
häufig vor. Jeder etwas ungewöhnliche Todesfall wird dem Gift eines Feindes
zugeschrieben und wehe dann der verdächtigen Person!
In einem aus gut gehobelten Pinalatten verfertigten Sarge wird die Leiche
in schnellem Trab durchs ganze Dorf getragen und vor dem Hause, wo die
Träger in Folge des Einflusses eines Geistes stille halten, wird der
Bewohner desselben als der Thäter angesehen und des Mords beschuldigt.
Ein solcher wirklicher oder bloss vermeintlicher Giftmischer wird auf
furchtbare Weise misshandelt oder verbrannt. Der Verdächtige, dessen
Missethat nicht bewiesen werden kann, muss einen fürchterlichen Eid, Leba,
schwören, und wird, wenn er sich weigert, von den Aeltesten seines Dorfes
auf ein Brett gebunden, in den Wald gebracht und mit den Füssen an ein
Feuer gehalten, dessen Hitze ihm schnell das Geständniss auspresst oder ihn
auf immer zum Krüppel macht. Ist die Missethat bewiesen, so wird er lebend
von unten auf verbrannt oder, wenn man gnädig verfahren will, ihm mit einem
Beil oder einer Keule (Apatu) die Hirnschale zerschmettert.
Von dem Augenblick an, dass Jemand der Giftmischerei (Wisi) beschuldigt
ist, bis zum Tag der Bestrafung, an welchem es an Dram nicht fehlen darf,
bleibt der Beschuldigte in seinem Dorf auf freien Füssen und es würde, im
Fall er entflöhe, seine Familie für ihn büssen müssen. Offener Streit wird
nie bestraft, auch wenn einer auf dem Platze bleibt.
Ihre Heirathen gehen ohne weitere Ceremonien vor sich. Sind die Aeltern und
das Mädchen zufrieden, so ist die Sache abgemacht und die junge Frau zieht
zu ihrem Mann. Die Mädchen sind bereits im dreizehnten Jahre heirathslustig
und hängen sodann einen Lappen Kattun, den man Kwejo nennt, um, vorher aber
laufen sie nackt.
Vielweiberei ist gebräuchlich; die Meisten haben mehrere Weiber, sind
aber manchmal nicht damit zufrieden und verführen die Frauen Anderer, was
entsetzliche Händel zur Folge hat.
Die Frauen führen allein die Haushaltung, pflanzen die Aecker und säubern
dieselben. In ihrem Hauswesen sind sie sehr reinlich, waschen und putzen
den ganzen Tag, sind somit in diesem Stück ganz das Gegentheil der
Indianerinnen. Unter gewissen Umständen dürfen sie sich der Wohnung des
Mannes nicht nähern, sondern müssen ihre Wohnungen verlassen und eigene
Hütten beziehen, deren man in jedem Dorfe eine oder einige findet. Ein
besonderer Weg führt von diesen Hütten, welche man Kaaihäuser nennt, nach
dem Flusse, bloss um die Begegnung mit Männern zu verhüten, wodurch die
Obias an Kraft verlieren würden.
Ihre Staatswirthschaft ist sehr einfach; Gesetze und Advokaten sind ihnen
ganz fremd. Ueber jede Kleinigkeit, die sie nicht begreifen, über jeden
neuen Vorfall in der bewohnten Colonie werden Palavers oder sogenannte
Gruttus gehalten, zu welchen die Aeltesten und Kapitäne sich bei dem
Oberhaupte versammeln, wo man um die Wette streitet und schreit, so dass
man am Ende so weise nach Hause geht, als man gekommen ist.
In ihrem Umgange sind sie gegenseitig sehr höflich und tituliren einander
mit Herr und Madame, äffen überhaupt in Allem die Weissen nach. Unter sich
sind sie sehr gastfrei und geht einer in ein anderes Dorf, so findet er
überall freie Kost und Wohnung; doch bestehlen und betrügen sie einander
bei jeder Gelegenheit und sind eben so argwöhnisch gegen sich, als gegen
die Blanken.
Obgleich Faulheit ein Hauptzug ihres Charakters ist, in dem sie den
Indianern ziemlich gleichen, so haben sie doch bedeutend mehr Bedürfnisse,
als jene, und sind daher genöthigt, zu deren Anschaffung Dinge zu pflanzen
oder zu suchen, welche sie bei den Weissen austauschen können. Diese
Handelsartikel sind bei denen, welche weit im Innern wohnen und auf ihren
Reisen viele Wasserfälle zu passiren haben, meistens Tonkabohnen, die
Früchte der Dipterix odorata, Reis, Schildkröten oder Jagdhunde, welche
letztere sie von den Taruma- oder Barokotto-Indianern eintauschen, die
zwischen dem 56.-57. Längengrade in der Nähe des Aequators wohnen. Diese
Jagdhunde sind von mittlerer Grösse, kurzhaarig, meist weiss und schwarz
oder roth gefleckt. Sie haben einen langen Schwanz und stehende Ohren und
sind auf die verschiedenen Wildarten, als Tapire, Pingos, Pakire und Pakas
abgerichtet und werden sehr theuer bezahlt. Sie sind bissig und falsch,
vielen Krankheiten unterworfen und leben im niedern Lande nicht lang. Der
Haupterwerb der Buschneger aber ist der Holzhandel. Sie fällen und behauen
Bauholz in den unterhalb der Wasserfälle gelegenen Waldungen und bringen
dieses in sogenannten Kokrokos zum Verkaufe nach der Stadt oder den
Pflanzungen. Da die meisten Hölzer schwerer als das Wasser sind und in
demselben sinken, so werden die Balken mittelst zweier Querhölzer, die
über die Corjaal liegen, mit Lianen daran befestigt und auf diese Weise
geflösst, wobei die Corjaal also den Gewichtsunterschied des Holzes im
Wasser trägt. Da sie im Behauen des Holzes sehr geschickt und behend sind,
dasselbe nichts kostet und sie überdiess ans Land keine Abgaben bezahlen,
so kann man das Holz bedeutend wohlfeiler von ihnen bekommen, als es
die Holzgründe liefern können. Sie sind also für diese gefährliche
Concurrenten. Auf die Pflanzungen liefern sie ihr Holz gegen Dram,
Melassin, Zucker und Bananen und die Quantität dieser Produkte, welche sie
auf diese Weise jährlich ausführen, ist sehr beträchtlich.
Am Cottica beschäftigen sich schon seit vielen Jahren ungefähr 700
Aucaner-Buschneger allein mit diesem Holzhandel. Sie bauen keine
Feldfrüchte, weil sie einen Theil ihres Holzes gegen Bananen auf den
Pflanzungen austauschen, somit auf Kosten dieser leben, und wenn Misswachs
oder Theurung eintritt, eine sehr fühlbare Last für die Colonie sind. Die
Buschneger, welche den Landbau als ein erniedrigendes Geschäft ansehen und
ihn nur dann treiben, wenn ihnen kein anderes Mittel zur Gewinnung ihres
Unterhalts übrig bleibt, können an einem Tage durch Fällen und Bearbeiten
des Holzes so viel verdienen, dass sie auf 3-4 Wochen Lebensmittel auf den
Pflanzungen dafür erhalten können.
Ein Buschneger fällt und behaut ohne Mühe täglich 30 Cubikfuss, wodurch
er à 25 C. 7 fl. 50 kr. verdient. Mehrentheils arbeiten aber verschiedene
zusammen und helfen einander beim Umwälzen des Blockes und dessen
Herausziehen an das Wasser. Von diesem so leicht Erworbenen leben sie
unthätig so lange, bis neuer Mangel sie wieder zur Arbeit zwingt. Bietet
sich aber die Gelegenheit dar, einzeln oder im Einverständniss mit den
Plantagenegern Bananen oder andere Erdfrüchte oder überhaupt Brauchbares zu
stehlen, so ziehen sie diess der Arbeit vor; denn ein Hang zum Stehlen ist
dem Neger angeboren, wie den Katzen das Mausen, und weder Dankbarkeit und
Strafe, noch die liberalste Behandlung hält sie davon ab.
Haben sie ihre Bedürfnisse in Paramaribo oder auf den Pflanzungen
eingetauscht, so ziehen sie auf möglichst langsame Weise nach ihren
Dörfern zurück, wo dann die Manieren der Blanken und die unterwegs erlebten
Abentheuer reichlichen Stoff zu ihren Abendunterhaltungen geben.
Unter sich auf ihren Dörfern haben sie so wenig wie die Indianer Gewicht,
Maase oder Münzen. In der Colonie aber wird ihnen ihr Holz nach dem
allgemein üblichen rheinischen Fusse abgekauft. Sie berechnen ihre
verkauften Waaren nach dem vor längerer Zeit hier gebräuchlichen
surinamischen Kartengeld, von welchem der Gulden 32 Cents galt. Zehn
solcher Gulden, also 3 fl. 20 kr., machen eine Biggi Kaarte (grosse Karte);
8 Cents oder der vierte Theil eines solchen Guldens heisst Schilling.
Es ist besonders bei grossen Rechnungen äusserst schwierig, ihnen Alles
begreiflich zu machen und ihr Misstrauen mag freilich manchmal nicht
ungegründet seyn.
Ihre Zeitbestimmungen gehen wie bei den Indianern nach Nächten, d. h. wenn
man z. B. fragt, wie weit man etwa von Paramaribo entfernt sey, so erhält
man zur Antwort: man schläft 8, 12, 14 Nächte, ehe man dort ankommt. Ebenso
geben sie, wenn sie auf Reisen gehen, den Zurückbleibenden eine Schnur mit
so viel Knöpfen, als sie abwesend zu seyn gedenken. Man öffnet daran jede
Nacht einen Knopf und ist keiner mehr da, so erwartet man den Reisenden
zurück. Da sie aber ihre Zeit so gering anschlagen, so dehnen sie manchmal
die Reisen über den gegebenen Termin aus und wenn Hunger oder andere
Umstände sie nicht zur Heimreise nöthigen, so kommt es ihnen auf Wochen, ja
Monate nicht an.
Eine Leiche bleibt gewöhnlich drei bis sechs Tage über der Erde, während
welcher Zeit beständig Dram getrunken und geschossen wird. Ja manchmal wird
der Körper erst begraben, wenn die Fäulniss bereits so überhand genommen
hat, dass die faulende Jauche zum Sarge herausläuft.
* * * * *