Negerjungen auf meinen alten Posten Mauritzburg, um auf den ihn umgebenden
Savannen eine Art Vogelspinne, die in der Erde lebt und sich dort häufig
aufhält, zu holen.
Ich besuchte meine alten Freunde, die Arowacken, von welchen ich, da sie
gerade ein Bienennest gefunden hatten, mit Honig tractirt wurde. Der
Junge trug eine mit Rum gefüllte Flasche, in welche ich die Spinnen werfen
wollte. Kaum war diese vom Familienvater Bakrafassi erspäht, so verlangte
er ganz natürlicherweise davon zu trinken. Ich erklärte ihm mit Bedauern,
dass ich diese zum Tödten der Spinnen nöthig hätte, worüber er sich
höchlich entsetzte. Doch solchen köstlichen Trank zu so profanem Zwecke
gebrauchen zu lassen, konnte er nicht übers Herz bringen und meinte, ich
könne die Spinnen am Leben lassen und doch in die Flasche thun. Als ich ihm
aber bemerkte, dass sie sich auf diese Weise auffressen würden, so rieth er
mir an, jede einzeln zu bewahren und verfertigte sogleich zu diesem Zweck
aus trockenen Parasalla-(Heliconia-)Blättern kleine nette Häuschen, die mit
einem Awarastachel geschlossen werden mussten. Ich überliess ihm nun
die Flasche mit der Herzensstärkung und wir gingen dann zusammen auf den
Spinnenfang. Diese Thiere halten sich in den Savannen und an Wassergräben
auf, haben etwa fusstiefe, runde Höhlen, die in schiefer Richtung nach
unten laufen und bis an die Oeffnung umsponnen sind, so dass weder Erde
noch sonst etwas hineinfallen kann. In dieser Höhle sitzt das Thier nahe am
Eingang und lauert auf die vorüberziehenden Passagiere, als Käfer, Grillen
und kleine Eidechsen, welche sie im Sprunge fängt und in ihre Höhle
schleppt. Unten in derselben befindet sich immer Wasser, worin vielleicht
die Beute erst ertränkt wird. Die Spinne selbst hat ausgespannt etwa 14" im
Umkreis, der Thorax ist von der Dicke eines Mannesdaumens und der Leib
von der Grösse eines Taubeneies; die acht Füsse und zwei Fangspitzen
sind schwarz und haben der Länge nach laufende, weissgelbe Streifen; die
rothbraunen Fresszangen sind beinahe ½" lang. (Im April 1841 erhielt ich
eine solche Spinne, die mit ausgespannten Füssen die Grösse eines grossen
Esstellers hatte und deren Hinterleib so gross wie ein Hühnerei war. Sie
war sehr wild und sprang auf mich los.)
Bakrafassi gab mir seinen Sohn Walekuleh zur Begleitung nach der
Judensavanne mit und wir traten des andern Morgens unsere Rückreise dahin
an.
Nach zehntägigem Aufenthalt verliessen wir die Judensavanne und fuhren in
Begleitung des Arowacken und Caraiben den Strom weiter aufwärts. Die beiden
Indianer, so ziemlich von gleichem Alter, doch verschiedenen Stammes,
waren bald die besten Freunde und da keiner des andern Sprache verstand, so
hielten sie ihren Diskurs im Negerenglisch, welches beide gleich schlecht
sprachen und uns damit sehr belustigten.
Die Pflanzungen oberhalb der Judensavanne sind klein und gering und liefern
keine Produkte. Bloss Zimmerholz und Bretter werden von hier aus zum
Verkaufe nach der Stadt gebracht.
Wir fuhren bis zu der dem Gouvernement gehörenden Pflanzung Worsteling
Jakobs, wo man früher die zu Fundamenten und Brustwehren nöthigen Steine
sprengte. Jetzt war sie der Wohnort zweier Herrnhuter Missionäre, die von
da aus Reisen nach den umliegenden Pflanzungen machten, um die Sklaven zu
bekehren. Die dieser Secte eigene Einfachheit und Reinlichkeit herrschte
hier im Hause, das, umgeben von Palmen und andern tropischen Gewächsen, am
Strome lag.
Eine mit Hochwald bedeckte Insel und mehrere Felsenblöcke, an denen sich
das Wasser schäumend brach, vollendeten das ländliche Bild. Wir wurden
freundlich aufgenommen und bewirthet und fuhren des andern Morgens weiter.
Die Meeresfluth hatte hier beim hohen Wasserstande gar keinen Einfluss mehr
und je höher wir den Fluss aufwärts fuhren, desto mühsamer wurde das Fahren
gegen denselben. Die einst zahlreichen und gut bebauten Niederlassungen
sind grösstentheils verfallen und mit Wald bedeckt, nur wenige
unansehnliche sahen wir im Laufe des Tages.
Durch Pflanzensammeln längs des blühenden Waldsaumes hatten wir uns so
verspätet, dass wir bei Anbruch der Nacht noch ziemlich weit von der
Pflanzung Bergendaal, wo wir verweilen wollten, entfernt waren. Es war eine
herrliche, kühle Nacht. Hr. H. und ich legten uns, so gut es anging, in der
Corjaal nieder, bedeckten das Gesicht, um dem Mondschein nicht ausgesetzt
zu seyn und schliefen, bis wir durch das höllische Gebell der Hunde auf
Bergendaal geweckt wurden. Es war 11 Uhr und Alles schlief schon auf der
Pflanzung. Der Director derselben, ein alter Mulatte, kam auf den Lärmen
der Hunde unter erzwungener Freundlichkeit herbei. Im Nu waren unsere
Hängematten aufgehängt und bald herrschte die vorige Stille wieder. Ich
hatte schon Vieles von dieser Pflanzung erzählen hören und stand desswegen
mit Tagesanbruch auf; denn ich war neugierig, sie zu sehen. Dieses
Vergnügen musste ich aber noch einige Stunden entbehren, bis der Nebel, der
Fluss und Berge einhüllte, sich verzogen hatte.
Die Pflanzung liegt am Fusse einer Hügelkette auf dem linken Ufer des
Flusses. Diese Hügelkette zieht sich südwestlich und dicht an ihr erhebt
sich am Flusse der sogenannte blaue, etwa 200' hohe Berg. An diesen Berg
angebaut befindet sich das schöne und geräumige Wohnhaus in einem Garten
von wohlriechenden Sträuchern. Mehrere Seitengebäude ziehen sich zwischen
dem Berge und Flusse hin. Das Negerdorf besteht aus netten hölzernen
Häusern, die mehrere Strassen bilden und überschattet von Kokosbäumen einen
freundlichen Anblick gewähren. Die Arbeiten der Sklaven, deren es etwa
dreihundert sind, sind sehr gering, und sie benützen ihre übrige freie Zeit
zum Anbau von Erdfrüchten, die sie mit den Ponten, welche Bretter nach der
Stadt bringen, zum Verkaufe dorthin senden. Schweine und Federvieh
ziehen sie in Menge und verschaffen sich desshalb auf diese Weise manche
Annehmlichkeiten, welche die Sklaven anderer Pflanzungen entbehren müssen.
Auf einer kleinen Anhöhe neben dem Dorfe steht eine hübsche Kirche.
Die Herrnhuter Missionäre haben beinahe alle Neger dieser Pflanzung zum
Christenthum bekehrt und es wird täglich Schule und Gottesdienst gehalten.
Diesem Geschäft unterzieht sich ein junger Neger, der von den Herrnhutern
dazu unterrichtet wurde. Alle 14 Tage kommt ein Missionär von Worsteling
Jakobs, dann ist grosser Buss- und Bettag. Dass aber bei diesem vielen
Beten viel weniger gearbeitet wird, als auf andern Pflanzungen, ist
ebenfalls wahr; denn Beten und Arbeiten ist für die Neger zu viel.
Als sich der Nebel verzogen hatte, bestieg ich den blauen Berg, von dessen
Höhe und Steilheit, sowie von der herrlichen Aussicht auf demselben ich
schon so viel hatte reden hören. Der Wald auf und an ihm ist gänzlich
ausgerodet und nur schlechtes, schneidendes Gras wächst auf der rothen und
eisenhaltigen Erde, aus der grosse Quarzblöcke hervorstehen. Seine Abhänge
sind sehr steil und von der Seite des Flusses mühsam zu erklimmen. Ein
kleines Häuschen steht auf seinem Gipfel, der wirklich eine überraschende
Aussicht gewährt. Ungeheure Waldungen bedecken das Land nach allen
Richtungen hin und ausser dem unten liegenden Negerdorfe ist auch nicht
_eine_ Spur menschlicher Cultur zu entdecken. Gegen NNW. und NO. breitet
sich der Wald flach wie ein ungeheurer Teppich in den herrlichsten Nüancen
von Grün aus, durch den der Surinam wie ein breites, silbernes Band sich
schlängelt. Nach SO., S. und SW. sieht man Hügel und Berge, über die im
fernen Horizont hohe, blaue Gebirge hervorragen. Einzelne Rauchsäulen,
welche man aus dieser grünen Masse aufsteigen sieht, erinnern daran, dass
das Land bewohnt ist. Auf dem Berge ist der Begräbnissplatz der Herrnhuter
Neger.
Die Waldungen sind hier an guten Holzarten reich, aber der Transport
(der des Zimmerholzes geschieht durch Ochsen und die Bretter müssen oft
stundenweit getragen werden) ist bei dem bergigen Terrain sehr mühsam. Vor
etwa hundert Jahren bildete sich in Holland eine Actiengesellschaft, welche
in dem bergigen Theile Surinams nach Mineralien forschen lassen wollte. Man
machte mit dem blauen Berge eine Probe und legte einen Stollen an, dessen
Oeffnung man noch jetzt sieht. Die Ausbeute war aber sehr gering und die
Bergleute wurden entweder von Krankheiten dahingerafft oder von den damals
rebellischen Buschnegern überfallen und ermordet, so dass der Sache schnell
ein Ende gemacht wurde. Ueberhaupt ist Bergendaal und noch mehr das weiter
landeinwärts liegende Victoria nicht gesund und mehrere Directoren, Creolen
aus Surinam, litten beständig am Wechselfieber. Hr. H., der sich immer mit
Botanisiren beschäftigte und dabei der Nässe zu sehr ausgesetzt hatte, litt
ebenfalls daran, wodurch er verhindert wurde, den Strom weiter aufwärts zu
fahren. Ich beschloss desshalb, allein nach dem noch vier Stunden weiter
aufwärts liegenden Posten Victoria, welcher die Grenze des bewohnten
Landes bildete, zu gehen, und trat, nachdem ich einige Tage auf Bergendaal
zugebracht hatte, die Reise dahin an. Vom Bastian der Pflanzung lieh ich
eine kleine Corjaal, die etwa 12' lang und 2' breit war, packte meine
Habseligkeiten in den Pagaal und verliess, von dem Arowacken begleitet,
Mittag um 1 Uhr Bergendaal. Der Strom, welcher nach Osten hin eine wohl
zwei Stunden lange Bucht bildet, war reissend und wir pagaiten desshalb
tüchtig darauf los, um noch vor der Nacht Victoria zu erreichen. Ein
starker Regenguss nöthigte uns aber, ein Obdach im Walde zu suchen, wo wir,
bedeckt von Heliconienblättern, wohl eine Stunde lang unbeweglich sassen,
bis der Regen nachliess. Weder ich noch der Indianer hatten je die
Reise gemacht und wir wussten desshalb, als der Abend anbrach und keine
menschliche Seele in dieser Wildniss sich zeigte, nicht, wie weit wir noch
zu fahren hatten.
Endlich um Sonnenuntergang waren wir am Ende der langen Bucht und der Strom
kam wieder aus S. Viele übereinander geschichtete Felsen trugen Bäume, an
denen mehrere Dutzende von den sackförmigen Nestern des rothen und gelben
Cassicus hingen. Diese Vögel, welche wir aus ihrer Ruhe aufstörten, erhuben
ein höllisches Geschrei. Die Breite des ganzen Stroms beträgt hier an
dieser Stelle, wo er durch Felsen und ein hohes Ufer eingezwängt ist, kaum
20 Klafter; dabei ist er so reissend, dass es uns beinahe unmöglich war,
aufwärts zu pagaien und wir unsere Hände voll Blasen bekamen. Todtmüde und
hungrig kamen wir nach 10 Uhr auf dem Posten an. Ich polterte an der Thüre
der Kaserne; denn ausser der Wache lag Alles in tiefem Schlaf. Die dadurch
Aufgeweckten fingen an zu fluchen und meinten, es seyen die Kühe der
Pflanzung, die zuweilen da Kurzweil zu treiben pflegten. Man öffnete und
war höchlich verwundert, mich zu sehen; denn einen Besuch von mir hatte
man gar nicht erwartet. Schnell wurde ein Feuer angemacht, an dem Kaffee
gekocht, Bananen mit Speck geröstet wurden und ich und mein Indianer hatten
bald die anstrengende Reise vergessen. Man hing meine Hängematte auf,
warnte mich vor den Fledermäusen und bald lagen wir in den Armen des
Schlafes.
Des Morgens kam auch der Kommandant des Postens, ein Sergeant, um mich
zu bewillkommnen. Hierauf ging ich mit einigen Soldaten nach dem etwa 200
Schritte entfernten Holzgrunde Victoria, wo ich vom Director desselben,
einem portugiesischen Israeliten, ebenfalls herzlich empfangen wurde.
Dieser Mann ist wegen der weiten Entfernung anderer Pflanzungen einzig auf
die Gesellschaft seiner Nachbarn, der Soldaten beschränkt, und da die ganze
Sklavenmacht blos aus ungefähr 40 Köpfen besteht, und in der Trockenzeit
wegen des niedrigen Wasserstandes alle Verbindung mit Paramaribo gehemmt
ist, so ist seine Stellung weder vortheilhaft noch angenehm. Er war
übrigens ein sehr gefälliger Mann, der mir in der Folge uneigennützig
manchen Dienst leistete.
Ein alter Soldat, der früher mit mir auf Mauritzburg gelegen hatte, liess
es sich besonders angelegen seyn, mich festlich zu bewirthen. Der Director
ward ebenfalls zu dem Essen eingeladen, das um zwölf Uhr in der Kaserne
aufgetragen werden sollte. Die Zeit bis dahin wurde von mir benützt, mich
in den Wäldern umzusehen.
Der Posten und die Pflanzung liegen auf einer grossen Savanne, die gegen
Osten von dem Fluss begrenzt, und auf allen Seiten von Hochwald umgeben
ist. Der Boden, sowie auch das umliegende Land ist hügelig und bildet Berge
und Thäler, die mit Hochwald bedeckt sind. In den Bergschluchten, worin das
Regenwasser abläuft, findet man stellenweise eine Menge Bohnerz, und die
Felsen sind wie auf Bergendaal sehr eisenhaltig. Die Wälder sind besonders
von Tapiren bevölkert, und Poweesen, Marai's und andere hühnerartige
Vögel halten sich in Menge hier auf. Häufig trifft man hier den schönen
Sonnenvogel (Ardea helios), der sich gern an kleinen, dichtbeschatteten
Kreeken aufhält.
An Fischen ist die Gegend arm; desto reichlicheren Stoff aber bietet dem
Botaniker die Pflanzenwelt dar. Die Ufer dieses Flusses sind besonders
reichlich mit dem Copaivabaum und verschiedenen Ingaarten bewachsen. In den
Wäldern findet man viele Palmen, als Murru Murru (Astrocaryon murru murru)
u. s. w., die im niedrigen Lande nicht vorkommen, und in den Bergschluchten
wuchern die interessantesten Arten von Farnen.
Ebenso reich ist hier die Gegend an Insekten, und ich fing Schmetterlinge,
welche ich auf andern Plätzen der Colonie nie sah.
Erst um 1 Uhr kam ich von meiner Wanderung zurück, und ich that den mir
vorgesetzten Leckerbissen alle Ehre an. Freilich gebrach es theilweise an
Tellern und Gabeln, aber die Hauptsache war das Essen, und man kann zur
Noth wohl jene Accessoirs missen.
Auf dem Posten befand sich zugleich der Secretär (Bylegger) der
Saramaccaner-Buschneger, ein Weisser, der von der Regierung beauftragt
ist, den nach der Stadt gehenden Buschnegern ihre Pässe auszufertigen, ihre
Anliegen schriftlich einzusenden, und die Beschlüsse der Regierung ihnen
wieder mündlich mitzutheilen. Da überhaupt ohne seine Erlaubniss Niemand
über den Posten hinausgehen durfte, so bat ich ihn um Erlaubniss, die vier
Stunden von Victoria abliegenden Dörfer der Buschneger an der Sarakreek
besuchen zu dürfen, und erhielt dieselbe auch ohne Schwierigkeit.
Am andern Tage, einem Sonntag, war ich mit meinem Indianer früh um 6 Uhr
reisefertig, und mit zwei Negern der Pflanzung, welche von mir gut bezahlt
wurden, fuhren wir ab. Die Corjaal, die für zwei Menschen nicht zu gross
war, musste nun vier Personen fassen, und war desshalb auch zum Sinken
geladen. Ich selbst sass bewegungslos da und wagte nicht zu pagaien, da wir
kaum zwei Finger breit Bord hatten. Alle Felsen und Sandbänke waren unter
Wasser, und nur die darauf wachsenden Gesträuche ragten aus demselben
hervor. Der Strom war überdiess reissend, und wegen der vielen verborgenen
Klippen höchst gefährlich zu befahren.
Zwei Buschneger, deren einer Kapitän eines Dorfes war, begegneten uns in
einer ziemlich grossen Corjaal, und da sie sahen, dass die meinige zu klein
war, so bot mir der Kapitän seine grössere an, und versprach, noch diesen
Abend, wenn er seine Geschäfte auf Victoria besorgt hätte, nach seinem
Dorfe zurückzukehren und die Corjaalen auszuwechseln. Ich machte von diesem
freundlichen Anerbieten Gebrauch und fuhr nun in der grösseren Corjaal auf
bequemere Weise weiter.
In der Trockenzeit ist der Fluss an vielen Stellen so seicht, dass man
kaum mit kleinen Corjaalen fahren kann. Grosse Sandbänke erstrecken sich
manchmal über seine ganze Breite, und lassen blos kleine Kanäle offen,
durch welche das Wasser mit grosser Schnelligkeit läuft. Auf den Felsen
wächst meistens eine Art Guiaba (Psidium aromaticum), deren Blätter
ungemein wohlriechend sind, und in den Felsenspalten hält sich den Tag
über eine besondere Art Nachtschwalbe auf, die ich ebenfalls häufig auf den
Felsen von Armina gesehen habe.
Nach einer sechs Stunden anhaltenden Fahrt kamen wir gegen Mittag in
die Nähe des ersten Dorfes Tja Tja, das auf einem Hügel gerade über der
Sarakreek liegt.
Meine Neger feuerten viermal zum Zeichen, dass ein Weisser bei ihnen wäre,
worauf das Echo an den Bergen und Felsen donnernd wiederhallte. Ich sprang
schnell ans Land, und ohne auf meine Neger zu warten den ziemlich steilen
Hügel hinauf. Oben am Eingang des Dorfes stand unter dem Bogen
einer wunderlich wie ein Korkzieher zusammengewachsenen Liane ein
rohgeschnitztes, hölzernes Götzenbild, dessen Augenhöhlen mit zwei rothen
Bohnen ausgefüllt waren.
Der Kapitän des Dorfes, durch die Schüsse von der Ankunft eines Weissen
unterrichtet, war eben mit dem Anziehen eines Hemdes beschäftigt. Es
war diess nun gerade ein neues, eben aus dem Laden gekommenes, dessen
Halskragen noch zugeknöpft war. Er hatte diess in der Eile übersehen
und konnte den Kopf nicht durchbringen, als ich vor seiner Hütte stand.
Gewaltig verstimmt, weil ich ihn so im Negligée sah, und ihm keine Zeit
zum Ankleiden gelassen hatte, machte er mir Vorwürfe darüber, und arbeitete
sich aus seinen Aermeln heraus. Ich versicherte ihn aber, dass ich ihn auch
ohne Hemd für den Kapitän angesehen hätte, was ihn beruhigte. Den Männern
theilte ich Schnaps, den Weibern aber Nähnadeln aus, welche ich zum
Aufstecken der Schmetterlinge mitgenommen hatte, und wurde von ihnen
mit Cassavebrod und Eiern beschenkt. Das ganze Dorf hatte sich um mich
versammelt, und drei Corjaalen mit Buschnegerweibern folgten der meinigen,
als ich nach der Norakreek überfuhr. Wiewohl man diese Kreek mehrere Tage
aufwärts fahren kann, so ist sie doch von geringer Breite, stellenweise von
Sandbänken und Felsen, und durch übergefallene Bäume versperrt.
Eine halbe Stunde vom Fluss entfernt liegt das Dorf Kreki, wo das Oberhaupt
dieser Aucanerabtheilung wohnt. Alle zu demselben führenden Pfade sind mit
Fetischen und hölzernen Puppen versehen, und grosse, mit beiden Enden in
die Erde gesteckte Stücke der oben erwähnten, wunderlich gedrehten Liane
bilden Bögen, unter denen jene Narrheiten angebracht sind. Das Oberhaupt
war ein stattlicher Neger, der ebenfalls seinen Staatsrock, d. h. einen
alten Schlafrock angezogen, und den silbernen Halsschild, das Zeichen
seines Ranges, umgehängt hatte. Er erwartete mich am Eingang.
Die Hütten stehen, wie auf den Indianerdörfern, kreuz und quer und ohne
alle Ordnung. Sie sind meist mit den dauerhaften Blättern der Taspalme
hübsch gedeckt, und die Seitenwände zierlich aus Pinablättern geflochten.
An Reinlichkeit übertreffen sie die indianischen weit. Nach jedem Essen
wird das Haus und der Platz vor demselben mit dem Blüthentross der
Pinapalme, der als Besen dient, gefegt; Töpfe und Geschirre werden
gewaschen, und die Calabassen mit Sand gescheuert. Auch sind hier, wie auf
allen Buschnegerdörfern, Apfelsinen-, Kokos- und Caffeebäume gepflanzt,
deren Fruchtbarkeit man durch angehängte Fetische, als getrocknete
Eidechsen, kleine hölzerne Puppen, zusammengebundene Vogelfedern und
dergleichen zu vermehren sucht. Der Caffee, der ohne sonderliche Pflege bei
den Buschnegern wächst, ist von guter Qualität und beweist, dass der Boden
im obern Lande ganz für dieses Produkt taugt.
Ein altes Weib mit schneeweissen Haaren, das seine Hütte nicht verlassen
konnte, liess mich bitten, sie zu besuchen. Ich traf sie umringt von einer
Truppe junger Mädchen und von wenigstens 20 Papageyen, die bei meinem
Eintritt unter greulichem Geschrei herumflatterten und im nahen Gebüsch
sich versteckten. Sie beschenkte mich mit einem Körbchen spanischem
Pfeffer, der Jahrelang zum Verpfeffern meiner Suppen gereicht hätte, und
ich vergalt ihre Freigebigkeit mit den letzten Nadeln, welche mir noch
übrig geblieben waren.
Nach nur kurzem Aufenthalte -- das Sehenswürdige war bald gesehen -- fuhren
wir nach dem am Surinam liegenden Dorfe Cassaveondro, dessen Oberhaupt
mir seine grösste Corjaal geliehen hatte, und von Victoria schon wieder
zurückgekommen war. Es fuhren mit mir ausser dem Indianer und den zwei
Plantagennegern noch acht Buschneger, jeder mit Gewehr und Hund, nach dem
Dorfe. Dadurch war auch diese Corjaal so geladen, dass sie jeden Augenblick
unterzusinken drohte. Unter vielem Lärmen und Gelächter wurde von Allen
gepagait, und mir war auf der sehr angeschwollenen und reissenden Kreek
nicht gut zu Muthe.
Das wilde Volk erblickte eine Wasserschildkröte, und man ruderte aus allen
Kräften, um dieses Thier, dem Pirais drei Füsse abgebissen hatten, zu
erreichen. Während sie die Schildkröte ins Boot zu ziehen suchten,
füllte sich dieses halb mit Wasser, und es wäre gewiss gesunken, wenn die
Buschneger nicht augenblicklich herausgesprungen wären. Doch diese waren
schnell bei der Hand, schöpften im Schwimmen das Wasser mit einer Calabasse
heraus, und stiegen mit grosser Kunstfertigkeit nach einander wieder ins
Boot. Dieser Unfall, der auch für mich von sehr üblen Folgen hätte seyn
können, machte nicht den mindesten Eindruck auf die Buschneger, die unter
gleicher Lustigkeit ihren Weg fortsetzten.
Bei unserer Ankunft auf Cassaveondro empfing uns beinahe das ganze Dorf
am Landungsplatz, und man veranstaltete augenblicklich mir zu Ehren einen
Tanz, der für die zwei Plantageneger um so grösseres Interesse hatte,
als einige aus der Stadt zurückgekommene Corjaalen mit Dram beladen am
Landungsplatz lagen. Alles versammelte sich in der Hütte des Kapitäns, wo
der Tanz vor sich gehen sollte und Männer, Weiber und Kinder sassen oder
lagen, wie es gerade der spärlich zugemessene Raum gestattete. Ein Mann
und eine Frau, die durch Gesang, sowie durch Klappern mit einer holzichten
Frucht ein schreckliches Getöse machten, drehten sich unter allerlei
gar oft unsittlichen Geberden herum. Ein ausgehöhlter, mit einem Fell
überspannter Baumstamm diente als Trommel und war das Hauptmusikinstrument.
Das Ganze unterschied sich in keiner Hinsicht von den Tänzen, welche man am
neuen Jahr oder bei andern Gelegenheiten auf den Pflanzungen sieht und die
mir jedesmal Kopfweh und Schwindel verursachten, wenn ich sie nur einige
Minuten lang ansah. Die einzige Abwechslung in dieser monotonen Parthie
brachte der Rum hervor, der Allen recht schmeckte und bald darauf das ganze
Ballpersonal betrunken machte.
So lange es noch Tag war, suchte ich in der Umgegend nach Insekten,
mit einbrechender Nacht ging ich ins Dorf zurück, wo ich, umgeben von
betrunkenen Negern, zwei höchst langweilige Stunden zubrachte. Mein
Indianer war ganz nüchtern geblieben, denn er war mit den Buschnegern nicht
bekannt, schien sie zu fürchten und verlangte so sehr wie ich nach dem
Posten zurückzukehren.