gedacht, und auf die vielen Klagen und Bitten unseres Kommandanten hatte
sich endlich der Major des Genie oder Bauwesens erweichen lassen. Der
Weisse war ein Kanonier und liess sich Zimmermann nennen, verstand aber
so wenig von der Sache, wie drei seiner Untergebenen, während der
vierte einmal Handlanger bei einem Häuserbau gewesen seyn mochte und die
schwierige Sache leitete.
Man brach nun mein Haus zuerst ab, was eigentlich ein starker Wind hätte
thun können, und errichtete aus Brettern eine temporäre Hütte, welche ohne
Fussboden 20' lang und 8' breit war, und deren Gipfel ich in der Mitte mit
dem Kopfe berühren konnte. Die ganze Baracke hatte kein einziges Fenster
und war mit Brettern bedeckt, die mit einer Presailing (getheertem
Segeltuche) überhangen waren. Den Tag über herrschte eine Backofenhitze
darin, weil ausser der Thüre keine andere Oeffnung angebracht war. Man
arbeitete nun auf die gewöhnliche langsame Weise und hieb die nöthigen
Balken in der Umgegend. Die Zimmerneger fuhren beinahe jede Nacht in die
Mitte des Stromes, um den Mosquittos zu entfliehen und Fische zu angeln.
Manchmal brachten sie über 100 Pfund verschiedene Fische, von denen sich
besonders einer durch seine Farbe auszeichnete. Er gehört zum Geschlechte
der Welse, ist goldgelb, schuppenlos, und manchmal 50-60 Pfund schwer. Aus
dem Kopfe kocht man gute Suppen, und die Schwimmblase, die bei grossen
wohl ein Pfund und darüber schwer wird, gibt einen vortrefflichen Leim. Wir
nennen diesen Fisch Geelbakker, die Franzosen heissen ihn Majoran.
Ein anderer, etwas kleinerer Fisch, ebenfalls ein Wels, ist grau und
ungemein fett; er heisst bei den Arowacken Lau Lau, bei den Caraiben
Pasisi. Das Geschlecht der Welse ist im Süss- und Salzwasser vorherrschend,
und die Anzahl der Schuppenfische, wiewohl an Individuen reicher, ist an
Gattungen ärmer.
Anfangs Oktober war mein Haus fertig, kunstreich zusammengeflickt aus den
noch brauchbaren alten und einigen neuen Balken, die man in der Umgegend
gehauen hatte. Es war kleiner als das frühere, mit Palissaden beschlagen
und mit Pinablättern gedeckt. Auch hatte es einen Fussboden, und wurde
von mir, nachdem es mit einigen Flaschen Genever eingeweiht war, sogleich
bezogen. Man fing nun an der Kaserne an, deren Stützen man nur wegzuziehen
brauchte, um sie über den Haufen zu werfen. Die Soldaten zogen indessen in
meine Wohnung.
Wenige Tage nach unserem Einzug fühlte ich mich krank. Kolik,
Schlaflosigkeit und Mangel an Appetit hielten mich mehrere Tage im
Bett gefesselt, und weder meine, noch die von Mana geschickten Arzneien
verbesserten meinen Zustand. Meine Krankheit ward auf allen Dörfern
bekannt. So lag ich denn hoffnungslos auf meinem Lager, und Sterbegedanken,
die mich sonst noch nicht viel beunruhigt halten, erfüllten meine Seele.
Da besuchte mich etwa am achten Tage meines Uebelbefindens ein altes
caraibisches Weib, und erkundigte sich genau nach allen Umständen meiner
Krankheit. Sie versprach mir, am andern Morgen einen Trank zu bringen, der
Kopf und Magen wieder ins rechte Geleis bringen sollte.
Der Trank, den sie mir auch wirklich brachte, war ein Decoctum aus einer
Rinde, die einen bittern, aromatischen Geschmack hatte, und Aehnlichkeit
mit der Samarubo hat. Die Caraiben nennen sie Sibiru; der Baum wächst im
höhern Lande.
Kaum hatte ich diesen Trank, den sie mir in einer schmutzigen Calabasse
brachte, im Leibe, als meine Leibschmerzen nachliessen und ich in
einen, wohl fünf Stunden dauernden, erquickenden Schlaf fiel. Des Abends
verschlang ich mit wahrem Heisshunger den köstlichen Blaff, den mein
Aufwärter zubereitet hatte. Kurz gesagt, ich war vollkommen genesen und
erlangte in wenigen Tagen meine Kräfte wieder.
Dass ich das alte Weib freigebig belohnte, versteht sich von selbst; nie
ging sie an meiner Thüre vorüber, ohne dass ich ihr einen Labetrunk aus der
Schnapsflasche gereicht hätte.
Anfangs October stellte sich der Kommandant und der Doctor wieder bei mir
ein, um die Lebensmittel, welche man alle Tage erwartete, in Empfang zu
nehmen.
Wir lebten auf die gewohnte Weise; der Kommandant sorgte für das Essen,
dessen Zubereitung er meisterhaft verstand. Der Doctor und ich machten
kleine Ausflüge nach den benachbarten Indianerdörfern, oder gingen auf die
Jagd. Eines Morgens kamen zwei Indianer zu mir und erzählten, dass eine
schöne Papa- oder Abgottschlange nicht weit vom Posten in einer Awarapalme
verschlungen liege, und sich vielleicht lebendig fangen lassen würde.
Ich eilte schnell dahin und fand das wunderschöne Thier, das ruhig in den
stachlichten Blättern verschlungen dalag, und seinen Kopf hart an den Stamm
angeschmiegt hatte. Ihr Leib von der Dicke eines Mannsleibes, und ihre
Länge mochte 10-14' betragen. Ich stand eine Weile unentschlossen da und
liebäugelte mit der Schlange, die in träger Ruhe uns ganz gleichgültig
begaffte. Da ich auf die Hülfe der Indianer nicht rechnen konnte, so
war ich auf meine eigenen Kräfte angewiesen; aber der Wunsch, die schöne
Schlange lebend zu bekommen, siegte über meine Bedenklichkeiten.
Ich holte nun vom Posten ein neues, ziemlich starkes Seil, woraus ich eine
Schlinge machte. Aus der Schnur eines indianischen Bogens drehte ich eine
kleinere und steckte den Kopf der Schlange ganz behutsam darein. Um den
Stamm und den Leib befestigte ich die grosse Schlinge, welche mir ein
Indianer, jedoch mit grossem Widerwillen hielt. Jetzt zogen wir, und ich
fasste sogleich den Kopf, während der Leib sich langsam aus der Schlinge
zog und sich mir um den Arm wickelte. Unterdessen lief ich mit der Schlange
nach dem etwa 300 Schritte entfernten Posten, wo ein Guide mir das
Thier vom Arm und der Hand abwickelte, um welche beide sie sich so fest
geschlungen hatte, dass ich grosse Schmerzen empfand.
Ich warf sie nun in eine leere Weinkiste, wo sie einige Zeit betäubt lag.
Jetzt erst fing sie an zu zischen und liess sieben Stunden lang einen Ton
hören, der vollkommen dem Geräusche des aus einer Dampfmaschine strömenden
Dampfes glich.
Ich liess eine passendere Kiste von Cedernholz für sie machen, in welcher
man durch ein Gitter das Thier recht gut beobachten konnte, setzte die
Kiste nun unter die Gallerie und war glücklich bei dem Gedanken, so
wohlfeilen Kaufs in den Besitz eines so schönen Thieres gekommen zu seyn.
Wie gross war daher mein Schrecken, als man mich in der ersten Nacht
mit der Nachricht weckte, die Schlangenkiste wäre offen, und das Thier
entflohen. Ein Soldat, der ohne Zweifel über mein Glück neidisch war, hatte
die Kiste aufgemacht. Mein Jammer war gross! Aber ungeachtet alles Suchens
mit Lichtern und Laternen in der Savanne und am Strand, fand man keine Spur
von ihr. Auch als der Tag anbrach, und Kisten und Fässer weggerollt werden
konnten, fand man keine Spur, bis man sie zufällig im Giebel des Hauses
entdeckte, wo sie, in den Palmblättern verschlungen, ruhig dalag.
Bald darauf machte ich eine Reise nach Mana, wo ich gegen Mehl Seife und
Wein für den Kommandanten eintauschte. Es war diess die letzte, denn am 29.
Oktober kam der Schooner mit den Lebensmitteln und einem Korporal, der mich
ablösen sollte. Man hatte mich zum Fourier gemacht, und ich musste desshalb
in die Garnison zurück.
Schwerer, als von meinem Kommandanten, der mir wiederholt betheuerte, wie
leid ihm meine Abreise thue, fiel mir der Abschied von meinen Indianern.
Die Meisten derselben hatten sich am Ufer versammelt, und ich bekam noch
von den Weibern eine Menge Wasserkrüge als Geschenk.
Bepackt mit meinen sieben Sachen, worunter eine Schlange, ein Kwatta
und ein Eichhörnchen, bestieg ich den Schooner und verliess nicht ohne
heimliche Thränen die mir so liebe Marowyne. Fest stand mein Vorsatz, nach
Ablauf meiner Dienstzeit an ihren Ufern mich festzusetzen, um in reizender
Abgeschiedenheit, ganz unabhängig in der freien Natur leben zu können.
Ich habe jetzt, indem ich die Blätter überlese, und manche wahre Bemerkung
wegstrich, weil sie Anstoss hätte geben können, meinen Wunsch erreicht,
aber nach wie vielen Mühen und Gefahren, Entbehrungen und Missgeschicken!
Siebenter Abschnitt
Ankunft in Paramaribo. Die Komödie »Thalia« und »Polyhymnia.«
Vorstellung in letzterer. Huldigung des Königs. Militärische Ansprache.
Dreiwöchentlicher Urlaub. Abreise nach dem obern Surinam. Aufenthalt
auf der Judensavanne. Beschäftigungen. Abstecher nach Mauritzburg.
Spinnenfang. Plantagen Worsteling Jakobs und Bergendaal. Der blaue
Berg. Fahrt nach Victoria. Die Saramneen. Buschnegerdorf Tja Tja.
Buschnegertanz. Abreise. Pflanzung Moria. Die Buschneger: ihr Ursprung.
Frieden und Contracte mit der Regierung. Eintheilung in drei Stämme.
Das Grossoberhaupt. Ihre Lebensweise und Gottesdienst. Aberglauben.
Krankheiten. Bestrafung der Giftmischer. Handel mit den Weissen
und ihresgleichen. Ende meiner Dienstzeit und Abreise nach Europa.
Ueberfahrt. Ankunft in Holland.
Nach einer Reise von 24 Stunden landeten wir den 1. November in Paramaribo,
und es fiel mir wieder aufs Neue schwer, mich ans enge Joch des Dienstes zu
gewöhnen. Mein alter, mir wohlwollender Kommandant, welcher Kapitän meiner
Compagnie war, hatte mir auch dieses Avancement ausgewirkt. Meine Finanzen
und häusliche Einrichtung waren in guter Ordnung, und meine Lage und
Aussichten ganz vortheilhaft. Dessenungeachtet fühlte ich stets in der
Stadt den Mangel eines Freundes, der meine Freuden und Genüsse mitempfand,
und zur Heiterkeit und angenehmen Gesprächen nicht erst durch den
Geneverkrug gereizt werden musste. Auf den Posten hatte mich die freie
Natur entschädigt, aber jetzt wurde der Wunsch, meine Freunde und Familie
in Europa wiederzusehen, immer lebhafter. Es war aber noch ein langes,
langes Jahr, und desshalb jeder 9. eines Monats ein kleiner Festtag, der
die Zahl meiner Dienstmonate verminderte.
Während der Zeit meines Aufenthaltes an der Marowyne ward in der Stadt eine
hübsche Komödie, die Thalia genannt, durch Actien errichtet, welche jeden
Monat einmal das kunstliebende Publikum Paramaribo's in sich versammelte.
Die Schauspieler sind Dilettanten, angesehene Bürger von Paramaribo oder
Blanke. Meistens werden veraltete Kotzebue'sche Lust- oder Schauspiele
aufgeführt.
Nicht das Spiel, das mittelmässig ist oder von dem grössten Theil der
Zuschauer nicht beurtheilt werden kann, noch Decorationen oder Musik wären
hier für einen Fremden das Merkwürdige, sondern die Zuschauer selbst,
namentlich der weibliche Theil derselben. Von dem tiefsten Schwarz der
wohlbeleibten Negerdamen, bis ins Bleiche der europäischen Schönen sieht
man hier alle Nüancen aufgeputzt, nach oder über Vermögen mit Schmuck und
Juwelen verschwenderisch behangen. Manche dieser Schönen leidet lieber
Mangel, als dass sie diese Gelegenheit, wo sie sich zeigen kann, versäumt.
Die Preise der Plätze sind hoch, und das Parterre kostet als der niederste
fl. 2. 50 Cent. Concerte sind selten. Sie werden ebenfalls von Liebhabern
gegeben, und in ihnen verschiedene Instrumente meisterhaft gespielt.
Die Komödie Thalia, welche in der ersten Zeit häufig besucht wurde, spornte
den Ehrgeiz einiger unternehmenden Mulatten an, eine Gesellschaft unter dem
Namen Polyhymnia zu bilden, welche als Concurrent der Thalia bei niederen
Preisen die zahlreiche Klasse der Farbigen belustigen und erfreuen sollte.
Man eröffnete die Bühne mit einem Ziegler'schen Schauspiel: der Findling.
Eine sogenannte Houtloots, ein bretternes, etwa 80' langes, 12' hohes und
25' breites, früher zur Aufbewahrung von Brettern und Balken bestimmtes
Gebäude war nun zum Polyhymnias-Sitze provisorisch eingerichtet. Logen und
Gallerien konnten natürlich bei der geringen Höhe und Breite des Hauses
nicht angebracht werden. Man begnügte sich daher blos mit der Erhöhung des
Fussbodens, so dass die auf dem letzten Platze Stehenden ihre Köpfe an die
Decke stiessen. Dabei herrschte eine Hitze zum Ersticken.
Ganz Paramaribo strömte dahin; die Farbigen, um das Talent ihrer
Gleichsortigen zu bewundern, die Weissen, um jene zu persifliren; und
wie sehr man auch die Menschen aufeinanderstapelte, so mussten doch viele
abgewiesen werden. Eine zum Ganzen passende Musik wurde glücklicherweise
durch das Getöse der Zuschauer unhörbar gemacht.
Nach einem Prologe, der hierin _ein_ Geschick mit der Musik theilte, begann
der erste Akt. Die Rolle der Prima Donna ward bei dem Mangel einer Actrice
durch einen schlanken Mulattenjüngling gegeben; und jede neu auftretende
Person, der ehrwürdige, mit schneeweisser Halskrause versehene (Neger)
Pfarrer mit lautem Hurrah des fröhlichen Publikums begrüsst. Es war des
Applaudirens kein Ende, so dass die hinten Stehenden wenig sprechen hörten,
und nur an den ausdrucksvollen Pantomimen den Zusammenhang des Stücks
erriethen. Beim Schlusse fand das Quasi-Fräulein seine Mutter wieder, die
der Pfarrer verschleiert hereinführte. Sie schlug, um die wiedergefundene
Tochter zu umarmen, den Schleier zurück, worauf ein Gelächter erschallte,
dass man glauben sollte, das Haus stürze davon ein; denn die zärtliche
Mutter wurde von einem Neger gespielt, dessen Gesicht mit Locken sich zum
weissen Kleide und Blumenhut allerliebst ausnahm. Doch man sah und hörte
beim Schlusse vor Getümmel und Beifallrufen nichts mehr, und ging nach
Hause, ohne Reue, sein Geld weggegeben zu haben. Eine Restauration in der
Nähe des Tempels sorgte ihrerseits für gute Erfrischungen, und Mancher,
der auf den Bänken eingeschlafen war, fand sich bei seinem Erwachen unter
denselben.
Der Ruf der Polyhymnia war nun begründet, und diese Muse, zu langsilbig und
fremd für die Farbigen, wurde desshalb bei Verkürzung Pulehembi genannt,
welches Wort verdeutscht: »Zieh das Hemd aus« bedeutet. Der Reiz der
Neuheit war aber schon nach wenigen Vorstellungen verschwunden und die
Gesellschaft der Pulehembi löste sich auf.
Im Anfang des Jahres 1841 war die Huldigung für unsern König Wilhelm II.
Ein schöner, heiterer Tag begünstigte diese Festlichkeit. Würdevoll
und wohlklingend war die Rede, welche der General-Gouverneur bei dieser
Gelegenheit den versammelten Truppen hielt und sie verfehlte den Eindruck
nicht, den sie machen sollte. Den meisten Gefangenen wurde der Rest ihrer
Strafzeit geschenkt; auch _Alexander Bariteaud_ war in dieser Amnestie
mitbegriffen und verliess nach siebenjähriger Gefangenschaft Surinam.
Bei dieser Gelegenheit erinnerte ich mich einer andern militärischen
Ansprache, welche kurze Zeit nach meiner Ankunft in Surinam der älteste
Kapitän an das versammelte Bataillon und insbesondere an mehrere Soldaten
richtete, die wegen langjähriger Dienstzeit kupferne oder silberne
Medaillen mit oder ohne Geldgeschenk erhielten, die nun der Kapitän,
an welchen sie vom Kriegsministerium gesandt waren, vor der Front des
Bataillons auszutheilen hatte. Er trug das Geld und die Medaillen in seinen
Hosensäcken und lief damit die Front des Bataillons entlang, indem er an
die Betreffenden ihre Auszeichnung mit den Worten überreichte: Ihr bekommt
eine kupferne, Ihr eine silberne Medaille, Ihr bekommt dabei 6 fl.,
Ihr nichts u. s. w. Nachdem er alle ausgetheilt hatte, sprach er die
Beschenkten also an: Diess gibt Euch nun Euer König, weil Ihr ihm treu
gedient habt und damit Ihr auch ferner treu dienen sollt; aber wenn Ihr
sie putzt, d. h. glänzend reibt, so steck ich Euch 14 Tage ins Loch!
Eingerückt!
Mein Garnisonsleben war natürlich viel einförmiger, als das auf den mir so
lieben Posten, wo ich stets mein eigener Herr war, während hier so mancher
an mir meistern konnte. Doch war der Dienst leicht und ich wurde von meinen
Vorgesetzten stets wohlwollend behandelt. Die Sonntage, an welchen man
weder exerzirte, noch arbeitete, waren von mir meistens zur Insektenjagd in
der Umgegend benützt und ich kam so zu einer schönen Sammlung, die ich nach
Europa mitnehmen wollte.
Ich hatte nun im Laufe von 5 Jahren die entferntesten Posten der Colonie
besucht und schon längst war es mein Wunsch gewesen, das höhere Land am
Surinamstrome und die Dörfer der Buschneger zu sehen. Meine militärischen
Verhältnisse aber und noch mehr die, mit solchen Reisen verbundenen
Kosten, setzten, wenn ich sie auf eigene Rechnung unternommen hätte, grosse
Hindernisse in den Weg. Es kam mir daher die Einladung eines deutschen
Doctors, Hrn. H. in Paramaribo, der am oberen Surinam Pflanzen und
zoologische Gegenstände sammeln und mich zu seinem Begleiter haben wollte,
sehr erwünscht. Leicht erhielt ich einen dreiwöchigen Urlaub und wir
fuhren Mitte Augusts in einem sechsriemigen Tentboote dahin ab. Die langen,
lästigen Regengüsse der nassen Jahreszeit hatten aufgehört. Zwar war das
Land noch überschwemmt und der Strom in Folge der Menge Wasser aus dem
obern Lande reissend, doch schien uns ein heiterer Himmel zu begünstigen.
Mit anbrechender Nacht landeten wir auf einer Zuckerpflanzung, deren
Director ein Freund Hrn. H's. war und Allem aufbot, seinen Gast recht gut
zu bewirthen. Die Tafel war wohlbesetzt mit inländischen und europäischen
Früchten und Speisen. Wein war in Hülle und Fülle aufgetischt und sie
bildete desswegen einen mächtigen Contrast mit der Mittagstafel der
Unteroffiziere in Paramaribo, auf welcher als Krone der ausländischen
Speisen eine Schüssel graue Erbsen oder Sauerkraut prangte, deren Inhalt
mit klarem Brunnenwasser hinuntergespült wurde.
In der Frühe des andern Morgens setzten wir unsere Reise in einem andern
unbedeckten Boot fort, das mit Lebensmitteln, Rum für die Indianer und
Neger, Kisten zur Aufbewahrung von Naturalien, Gewehren u. s. w. so bepackt
wurde, dass uns beinahe kein Plätzchen zu freier Bewegung übrig blieb. Es
herrschte eine drückende Hitze; kein Lüftchen regte sich und selbst das
Stromwasser, in dem wir von Zeit zu Zeit Gesicht und Hände wuschen, war lau
und unangenehm. Nachdem Gesicht und Hände von der Sonnenhitze fürchterlich
verbrannt waren, landeten wir auf der Zuckerpflanzung Chatillon, auf
welcher auch von der bekannten Gastfreundschaft der Plantagenbewohner keine
Ausnahme gemacht wurde.
Des Abends fuhren wir weiter. Als die Sonne sank und die Luft milder wurde,
zog ein fürchterliches Gewitter heran. Der Regen floss in Strömen herab
und die heftigsten Donnerschläge folgten rasch aufeinander. Dabei herrschte
eine egyptische Finsterniss. Wir waren gerade in einer Gegend, wo wenige
Pflanzungen liegen und mussten desshalb geduldig das Ende des Gewitters
abwarten. Gegen Mitternacht erreichten wir die Judensavanne, wo wir in
einem leeren Hause, das man Hrn. H. zur Verfügung gestellt hatte, unsere
Hängematten aufhingen und bald in den Armen des Schlafes uns von den
Strapazen des Tages erholten.
Kaum war der Tag angebrochen, so erhob eine Negerin in dem angrenzenden
Hofe ein gräuliches Klagegeschrei, weil ihr in der Nacht eine Henne
gestohlen ward; sie verwünschte den Dieb unter allen nur möglichen Flüchen.
Gleichzeitig mit diesen Exclamationen erscholl aus dem nebenanstehenden
Hause der Schmerzensruf einer alten Jüdin, die an der Kolik litt, und kaum
öffneten wir die Läden unserer Zimmer, als schon einige Kranke Hrn. H.,
der als ein geschickter Doctor sehr gesucht war, besuchen wollten. Es waren
diese Besuche um so lästiger, als Hr. H. sich bloss mit der Natur hier
beschäftigen wollte und ihn nach keiner Praxis verlangte. Wir eilten
desshalb, um allen Besuchen vorzubeugen, in die Savannen. Die Vegetation
derselben war gerade in der schönsten Pracht und die Savannen, welche
einige Monate später so trocken und öde erschienen, waren mit den
herrlichsten Blumen und Sträuchern bedeckt. Ein Neger trug das zum Einlegen
nöthige Fliesspapier, nebst dem Schmetterlingsnetz und einer Flinte. Wir
verliessen den gewöhnlichen Pfad und kreuzten rechts und links durch die
wilden Ananas, die in dichten Gruppen unter dem niedrigen Gesträuch stehen
und besonders den nackten Negern und Indianern keine Rosen in den Weg
streuen. Wir erreichten bald ein Indianerdorf, das aus einigen Hütten
bestand, die von Caraiben bewohnt wurden. Kleine Kinder, welche spielten,
meldeten schreiend unsere Ankunft und die wenigen Indianer, welche zu Hause
waren, erkundigten sich hauptsächlich nach unserem Rumvorrath. Wir ruhten
hier ein wenig aus und assen Cassavebrod mit Ananas, da wir, durch die
freundschaftlichen Besuche der Juden verhindert, nur ein sehr mässiges
Frühstück genossen hatten. Mit Pflanzen beladen kehrten wir am Abend nach
unserem Hause zurück, begleitet von einem jungen Caraiben, den der Anblick
des vielen Rums, von welchem wir sechs grosse Krüge, jeder drei Gallonen
enthaltend, im Hause stehen hatten, so für uns einnahm, dass er sich
sogleich anbot, bei uns zu bleiben und uns seiner Freundschaft bis auf den
letzten Tropfen Rum versicherte.
Den folgenden Tag durchstreiften wir auf gleiche Weise die Umgegend und
wurden dabei von unserem Indianer an Plätze geführt, an die wir ohne Führer
nicht leicht hätten gelangen können. Ueberdiess schoss er mit stumpfen
Pfeilen Kolibris und andere kleine Vögel und ruderte, wenn die Reise zu
Wasser vor sich ging. Einer von Hrn. H's. Negern, ein guter Jäger, versah
die Küche mit Wildprät, indem er bald Pakire, Ameisenfresser oder Papageyen
und hühnerartige Vögel nach Hause brachte, die verspeist, skelettirt oder
ausgestopft wurden.
An jedem der folgenden Tage hatten wir Arbeit genug und sassen manchmal
noch bis Mitternacht beim Sortiren und Trocknen der Pflanzen.
Eines Morgens gingen wir in Begleitung eines jungen Negers durch die
endlosen Savannen, um an einen alten Judenkirchhof zu kommen, welcher
oberhalb des Dorfes am Strome lag. Die Savannen waren mit baumartigen
Sträuchern bewachsen, welche blauschwarze, süssliche Beeren trugen, die
man Schwarzbeeren (Blakabeeri) nennt und von den Eingebornen gerne gegessen
werden. Unter diesen Sträuchern stehen wilde Ananase in solcher Menge,
dass man sich mit dem Säbel den Weg bahnen muss. Eine Menge Orchideen,
mit langen Bulben und wohlriechenden Blumen bedeckt, wachsen zwischen den
krummen Aesten und Wurzeln der Sträucher. Wir irrten drei Stunden lang
durch den glühenden Sand, abgemattet von der Hitze, welche durch kein
Windchen gemildert wurde und konnten den verwünschten Kirchhof nicht
finden, obwohl er nur eine gute Viertelstunde vom Dorfe ab lag. Mit
Ananasen und den in der Erde wachsenden länglichen Früchten einer
Bromeliacee löschten wir unsern Durst; aber der herbe Saft dieser Früchte
machte uns das Zahnfleisch bluten und die Zähne so stumpf, dass wir am
andern Tag noch Mühe hatten, das Essen zu kauen.
Endlich erreichten wir den Wald, der in Schluchten und auf Hügeln den
Strom umsäumt und bemerkten, dass wir uns gänzlich verirrt hatten.
Abermals liefen wir eine gute Strecke, um einen Ausweg zu finden und den
langweiligen Rückweg durch die Savannen zu ersparen. Es war aber keine
Spur von einem Weg zu finden. Ungeheure, in Folge ihres Alters
umgesunkene Bäume, die auf ihrer halbverfaulten Rinde eine ganze Flora von
Wucherpflanzen trugen und zwischen deren Aesten ein, viele Klafter langes,
schneidendes Gras, Babunnefi (Affenmesser) üppig wuchs, lagen überall herum
und mussten durchkrochen oder überstiegen werden. Wir warfen den grössten
Theil der gesammelten Pflanzen wieder weg, da auch der Negerjunge zu
schwach war, um sie zu tragen.
Glücklich erreichten wir den Strom, dessen Ufer von lothrechten Felsen
gebildet werden und sahen dicht bei uns den Jagdneger, der mit den
Indianern von der Jagd zurückkam. An Lianen, die von den Bäumen
herabhingen, kletterten wir in die Corjaal und erreichten nun in wenigen
Minuten den Begräbnissplatz. Der Weg, welcher vom Strom dahin führt, ist
von hohen Bäumen überwölbt und mit Mimosen (Sinnpflanzen), die beinahe
Mannshöhe erreicht hatten und bei unserem Durchgange die Zweige ehrerbietig
neigten, dicht bewachsen. Der Ort selbst liegt auf einer kleinen Anhöhe in
der Mitte von Cumu-, Maripa- und Awara-Palmen, wird aber seit vielen Jahren
nicht mehr benützt, obgleich es hier so freundlich und still ist, dass man
nicht leicht ein passenderes Plätzchen finden könnte.