Rasch ging es vorwärts, während das Windchen bald zu einem Sturm anwuchs.

Grosse Wellen erhoben sich und pfeilschnell flog die Corjaal über den

Strom hin. Leider war aber der Mast zu schwach, um die Gewalt des Sturmes

auszuhalten. Er brach und im Nu überschütteten uns die Wellen, so dass das

leichte Fahrzeug sich umkehrte und wir mit allem Schwereren sanken.

Da ich nicht schwimmen konnte, so hatte ich den gewissen Tod vor Augen;

denn an Rettung vom Posten aus war bei diesem stürmischen Wetter nicht zu

denken. Statt aber, wie es sich in diesem kritischen Augenblick geziemt

hätte, auf mein geistiges Wohl bedacht zu seyn, erinnerte ich mich meines

zu Hause gelassenen Geldes, das etwa 200 fl. betragen mochte und ärgerte

mich darüber, welche Freude meine Soldaten bezeugen würden, wenn sie

meinen Tod vernähmen und sich in das Geld theilten. Solche Gedanken, in

der Todesgefahr gehegt, waren ein Beweis dafür, dass ich noch nicht für den

Himmel reif sey und glücklicherweise warf mich auch eine Welle wieder an

die Corjaal, die, ihres Inhalts entledigt, wegen ihrer grossen Leichtigkeit

nicht gesunken war. Ich klammerte mich daran fest und fand die Andern,

welche sich bereits beim Sinken an ihr festgehalten hatten.

Wir wurden von den Wellen schrecklich hin- und hergeworfen; doch glückte

es uns, die Corjaal umzukehren und über die Wölbung derselben hinüber zu

liegen. Jetzt hatten wir das Aergste überstanden und ich dachte nun auch

wieder an meine, von Mana mitgebrachten Waaren, von welchen der grösste

Theil um uns herumschwamm. In dieser Inspektion wurde ich durch einen

Schreckensruf M's. unterbrochen, der uns auf einen grossen Hai aufmerksam

machte, welcher in einiger Entfernung die Ananas auffrass. Er hätte

sehr leicht auch an uns kommen können, wurde aber zum Glück durch die

immerwährende Bewegung unserer Füsse verscheucht. Auch M's. kleinem Hunde,

der gleich uns herumschwamm und gerade einen Bissen für ihn ausgemacht

hätte, widerfuhr kein Leid.

Wir hatten etwa eine halbe Stunde in dieser Lage zugebracht und waren durch

die immerwährende Anstrengung, uns flott zu erhalten, todtmüde geworden,

als wir das grosse Boot von Mana auf uns zukommen sahen. Es war eine Stunde

nach uns von Mana abgefahren und gerade an der andern Seite angekommen, als

der Wind unser leichtes Fahrzeug umgekehrt hatte. In Folge des schnellen

Verschwindens unseres Segels ahnten die Neger unser Unglück. Bald sassen

wir gerettet im Boote und auch der grösste Theil der noch herumschwimmenden

Gegenstände wurde aufgefischt. Der erlittene Schaden war nicht sehr

bedeutend und nur der Affe, welcher an die Corjaal angebunden war, ertrank.

Während unserer Ueberfahrt hatte mein Aufwärter einen enormen Pfannenkuchen

von Schildkröteneiern auf das Feuer gethan, um uns bei unserer Ankunft

sogleich regaliren zu können. Da man aber unsern Schiffbruch bemerkte,

vergass man, die Pfanne vom Feuer zu nehmen und dieses Meisterstück

verbrannte zu Kohlen.

Alle halfen mir nun beim Trocknen und da unser Schaden sonst nicht

bedeutend war, so waren am Abend durch Wein und Genever wieder alle

Gemüther in eine fröhliche Stimmung versetzt.

Kleine Streitigkeiten, welche Hr. M. theils wegen der Arbeiten am Wrack,

theils wegen Familiensachen mit der Aebtissin hatte, wurden zwar stets

wieder beigelegt, machten ihn aber gleichgültig gegen das ihm aufgetragene

Geschäft.

Wenige Tage nach unserer gefährlichen Zurückreise von Mana hätte ich

beinahe durch eigene Schuld mein Leben verlieren können. Es erstreckten

sich nämlich vom Posten aus grosse, hohe Sandbänke tief in die See hinein.

Diese sind vom Posten selbst durch ein etwa 150 Schritte breites, bei

niederer Ebbe leicht zu durchwatendes Fahrwasser geschieden. Auf diesen

Bänken fand man bei niederem Wasser in Menge eine essbare Muschel, die

unterm Sand steckt und deren Daseyn man an zwei kleinen Löchern im Sande

bemerkt. Auf diese Sandbänke ging ich eines Morgens bei sehr niederem

Wasserstande, um Muscheln zu suchen. Ich fand deren eine solche Menge, dass

ich, um sie mitnehmen zu können, meine Hosen auszog, diese unten zuband und

dann damit anfüllte. Ganz in mein vortheilhaftes Geschäft vertieft, war ich

beinahe eine Viertelstunde vom Posten entfernt, als ich die Fluth bemerkte,

die in der Springzeit sehr schnell heraufkommt. Eilig lief ich nun mit

meinen Muscheln dem Posten zu, aber das Wasser war schon zu angewachsen,

um es durchwaten zu können. So befand ich mich denn in einer verzweifelten

Lage auf der Bank, denn auf dem Posten war kein Boot und ich konnte nicht

schwimmen. Das Wasser stieg immer höher und es ging mir auf der Bank

bereits um die Hüften, als ein Indianer, der in der Nähe des Postens

angelte, meine Noth bemerkte. Er rollte ein grosses angeschwemmtes Stück

Holz ins Wasser und schwamm mit demselben auf mich zu. Es war die

höchste Zeit, denn ich konnte weder vor- noch rückwärts. Ich legte meinen

Muschelsack auf das Stück Holz, klammerte mich an dieses an und der

Indianer schwamm mit der ganzen Ladung dem Posten zu. So war ich denn

wieder um eine Erfahrung reicher. An einem schönen Sonntagsmorgen fuhr ich

mit Hrn. M. nach der andern Seite der Marowyne, um auf ein an einer grossen

Kreek, die wir die Seekuhkreek nannten, gelegenes Indianerdorf zu kommen.

Diese Kreek, bloss eine Stunde von der See entfernt, hat an ihren Ufern

hohes, bergiges Land, und soll, wie man mir sagte, in einem grossen Sumpfe

ihren Ursprung nehmen.

Das Indianerdorf, etwa eine Viertelstunde von der Mündung der Kreek in die

Marowyne gelegen, bestand bloss aus zwei Hütten und lag auf einem etwa 50'

hohen Sandhügel, an dessen Fusse eine Quelle ihr reines, süsses Wasser mit

dem faulen, trüben Kreekwasser vermischte. Eine ungemein üppige Vegetation

ziert die Abhänge des Hügels; Maripa- und Cumu-Palmen mit grossen

Heliconien wachsen an den Seiten, während in den feuchten Niederungen

grosse Baumfarren und verschiedene Schlingpflanzen ein undurchdringliches

Dickicht bilden. Die Ufer der Kreek sind an beiden Seiten mit einer

stachlichten Papilionacee, hier Brandi Macca genannt, bewachsen, deren

Blätter und junge Zweige sehr gerne von dem Manati gefressen werden.

Diese Thiere halten sich desshalb sehr häufig in der Kreek auf, und werden

manchmal von den Indianern harpunirt. Das Gesträuch selbst ist so dicht

verworren und mit Dornen besetzt, dass beinahe keine Möglichkeit vorhanden

ist, sich da durchzuhauen.

Wir fuhren in Begleitung eines Indianers, den wir vom Dorfe mitnahmen,

weiter.

Nach einer etwa halbstündigen Fahrt theilte sich die Kreek in mehrere Arme,

und weiter aufwärts in eine Menge kleinerer Kreeken, die manchmal kleine

Inselchen bildeten, so dass es schwer war, in diesem Labyrinth sich zurecht

zu finden.

Die ganze Umgegend hatte hier ein desolates Aeussere und schien sich

jedem weitern Vordringen zu widersetzen. Die Seiten der Kreeken waren weit

landeinwärts mit der obenerwähnten, stachlichten Papilionacee besetzt, aus

denen eine Unzahl ganz mit Stacheln bedeckter Palmen hervorwuchs.

Nach einer etwa dreistündigen Fahrt weigerte sich der Indianer, weiter zu

fahren, da, wie er sich ausdrückte, ein böser Geist hier haushalte. Wir

kehrten desshalb zurück.

Bei der Mündung der Kreek fanden wir den Strom durch heftigen Wind

aufgeregt, und nur unter mühsamem, unausgesetztem Pagaien erreichten wir

die andere Seite.

Bei unserer Ankunft Abends 5 Uhr bemerkten wir durch das Fernrohr in der

Nähe der Mündung des Amanabo ein Fahrzeug; wegen der grossen Entfernung

waren nur die Spitzen der Masten sichtbar. Wir hielten es für das erwartete

Boot, das nach der Messe Mana musste verlassen haben. Da M. seine Frau mit

demselben erwartete, so zündeten wir Abends ein grosses Wachtfeuer an.

Es kam aber nichts. Auch Montag Morgens war noch nichts zu sehen, und wir

glaubten uns getäuscht zu haben. M. ging an seine Arbeit auf dem Wracke,

nachdem wir zuvor verabredet hatten, dass, wenn je das Boot noch käme, ich

die Flagge aufziehen wollte.

Gegen Mittag kamen etwa zwölf Indianer vom Nachbardorfe bei mir an und

setzten sich wie gewöhnlich auf Stühle und Kisten, ohne ein Wort zu

sprechen. Nachdem ich ihre Zungen erst durch einen Schnaps gelöst hatte,

fragte mich einer im gleichgültigsten Tone, ob ich schon wisse, dass das

Boot von Mana gestern Abend in Folge des Sturms umgeschlagen sey und alle

Neger ertrunken wären? Wir waren, so ergänzte er seine Hiobspost, an der

andern Seite mit dem Krabbenfang beschäftigt, und sahen das Boot aus dem

Amanabo kommen, und ehe es die Mündung der Marowyne erreichte, umschlagen.

Ja, ja, sie sind alle ersoffen, wiederholten die Uebrigen, um die Aussage

ihres Kameraden zu bekräftigen.

Wie bestürzt ich bei dieser Nachricht war, kann man sich kaum denken; denn

die acht Neger, welche gewöhnlich mit dem Boote kamen, waren brave Kerls

und Familienväter, und es konnte dazu noch M's. Frau, welche er erwartete,

dabei seyn. Ein hartes Stück Arbeit war nun, ihm diese Nachricht

mitzutheilen und das Gejammer dieses leidenschaftlichen Mannes anzuhören.

Ich zog eiligst die Flagge verkehrt auf, und kurze Zeit darauf kam M. an.

Er zeigte sich, wie ich erwartet hatte, ganz trostlos, und wir brachten den

Rest des Tages mit Seufzen und Stöhnen zu.

Noch ehe der Tag anbrach, verliess M. mit einigen Indianern den Posten, um

nach Mana zurückzukehren und dort die fatale Nachricht bekannt zu

machen, nachdem er mich noch dringend gebeten hatte, die Leichen dieser

Unglücklichen zu begraben, wenn sie an den Strand getrieben würden. Ich

versprach ihm dieses und ging, nachdem ich mein Frühstück getrunken hatte,

wozu es mir nicht an Appetit fehlte, denn ein guter Schlaf hatte meine

Traurigkeit sehr vermindert, und überdiess war mir die Sache zweifelhaft,

mit zwei Indianern den Seestrand entlang. Wir waren wohl anderthalb Stunden

fortgegangen, als wir in der Ferne eine Menge Aasgeyer um einen am Strande

liegenden, schwarzen Körper versammelt sahen.

Bis jetzt hegte ich noch immer die Hoffnung, die Indianer hätten sich

getäuscht; nun aber schien das Unglück sich gewiss ereignet zu haben, und

nicht lüstern nach dem traurigen Anblick, schickte ich die Indianer voraus,

während ich ihnen langsam folgte. Kaum waren sie bei dem todten Körper

angekommen, so erhoben sie ein Freudengeschrei: Tamanoa, Tamanoa! denn

wirklich war es die Leiche eines, wenigstens 8' langen Ameisenfressers

(Tamanoa) (Myrmecophaga jubata), der beim Schwimmen über den breiten Strom

seinen Tod gefunden hatte, und da angeschwemmt worden war. Die Indianer

beraubten ihn seiner Krallen, während die Aasgeyer in der Nähe ruhig

warteten, bis wir unsere Reise fortsetzten. Wir fanden auf dem weitern

Wege ebenfalls nicht die geringste Spur, und kehrten Abends mit einigen

geschossenen Vögeln nach Hause zurück.

Des andern Tages kamen die Indianer, welche M. nach Mana gebracht hatten,

mit der frohen Nachricht zurück, dass das gesehene Fahrzeug die von Cayenne

zurückkehrende Goelette des Klosters gewesen sey, und dass desshalb das

Boot gar nicht von Mana abgegangen wäre. M. blieb aber auf Mana.

Nun war ich wieder bei meinen Soldaten und Indianern allein. Die

Hauptbeschäftigung war, wie immer, Essen und Trinken, und die grösste

Sorge, wie man sich vor den Mosquittos schützen könne. Des Morgens ging

einer von uns den Seestrand entlang, um Schildkröteneier zum Frühstück zu

holen. Bereits stand der Topf auf dem Feuer, und man bestimmte für den Mann

eine Anzahl, die auch den Hungrigsten sättigen konnte. Man ass sie gekocht

mit Salz, Citronensaft und spanischem Pfeffer zum Caffee, wozu meine Ziegen

die Milch lieferten. Am Mittage paradirten auf der Tafel Fische, oder

Schildkrötenfleisch, oder irgend ein Wild, das die Indianer brachten.

Schildkrötenpfannenkuchen mit Caffee beschlossen den täglichen

Küchenzettel. Ich hatte jedoch immer Leckereien von Mana, und auch noch

vom Schiffe war das eine oder andere für magere Zeiten aufbewahrt. Nach

der Mittagsmahlzeit legte sich jeder schlafen, um neue Kraft auf den Abend

gegen die Anfälle der Mosquittos zu sammeln.

Ausser dieser Plage, die ohne Zweifel die grösste der Tropenländer ist,

gibt es noch andere, die ebenfalls viel zu schaffen machen.

Von den Sandflöhen oder Siccas habe ich schon früher gesprochen. Auch hier

fanden sie sich in grosser Menge; doch ist Reinlichkeit das beste Mittel

gegen sie[4].

Eine andere Plage, und eigentlich den Schmerzen nach die grösste, sind die

Mosquittenwürmer. Sie sind vermuthlich Larven einer grossen Fliege. Ich

hatte deren einmal fünf in meiner Haut. Man erkennt sie an kleinen, rothen

Punkten, die sich auf der Haut zeigen, und besonders wenn das Insekt sich

bewegt, an entsetzlichen Schmerzen. Allmählig wie das Thier wächst, wird

die Geschwulst grösser; es zeigt sich eine kleine Oeffnung, durch welche

das Thier Athem holt, das man nur durch starkes Zusammenpressen der Haut

heraustreiben kann. Manchmal aber nisten sie sich an Stellen ein, wo man

diess nicht thun kann, z. B. auf dem Kopfe, und erreichen dann wohl ¾"

Länge und die Dicke einer starken Federspule. Durch stundenlanges Anrauchen

mit Tabak bringt man sie ebenfalls heraus. Die Thiere werden am meisten von

ihnen geplagt: Kühe, Ziegen, Rehe, Hunde, Tiger u. s. w. haben sie manchmal

bei Dutzenden in der Haut sitzen, und junge Vögel, besonders Cassicus,

die doch in langen, wohlverschlossenen Nestern sitzen, sterben manchmal an

dieser Plage.

Während der Trockenzeit, wenn der Seewind wehte, waren wir von der grössten

Plage, den Mosquittos, ein wenig befreit; dann aber galt es, sich vor den

Fledermäusen in Acht zu nehmen. Beinahe jede Nacht wurde der eine oder

andere gebissen, und manchmal so stark, als hätte man zur Ader gelassen.

Sie wählen meistens die Zehen, nur selten die Finger oder das Gesicht.

Die Wunden, welche sie machen, sind zwar klein, heilen aber langsam. Einer

meiner Soldaten wurde acht Nächte hintereinander gebissen, und war durch

den Blutverlust so geschwächt, dass er beinahe nicht mehr gehen konnte.

Ich hatte ihm schon manchmal angerathen, Strümpfe aus alter Leinwand

zusammenzuflicken und seine Füsse damit zu bedecken, aber aus Faulheit

hatte er es stets unterlassen. Da ich ihm aber mit Arrest unter dem

Flaggenstock drohte, wenn er wieder gebissen würde, so nähte er sich solche

Strümpfe zusammen, und war von nun an nicht mehr von den Fledermäusen

geplagt. Auf Plätzen, die von blutsaugenden Fledermäusen häufig besucht

werden, ist es schwierig, Rindvieh, Pferde, Hühner u. s. w. zu halten. Die

Thiere magern ab und gehen bald zu Grunde. Ich habe alle Hühner, die nicht

im Hühnerhause schliefen, auf diese Weise verloren, während meine Enten und

einige zahme Poweesen nie davon gebissen wurden. Es ist übrigens nicht blos

_eine_ Art, sondern verschiedene grosse und kleine beissen, sie thun aber

diess blos zeitenweise.

Die kleinste, doch gefährlichste Plage waren die Schlangen, die man im

Palmdach der Kaserne, in Kisten und Fässern, oder im Hühnerstalle fand.

Meist waren es giftige, was um so mehr zu verwundern ist, da man sonst

überall vielmehr unschädliche und nur selten eine giftige sieht.

Ich schoss auf dem Posten mit einem Pfeile eine Klapperschlange, die bei

einer Länge von 5' armsdick war, 28 Junge im Leib, und eine Klapper mit 12

Ringen hatte.

Die Verbindung mit Mana war seit M's. Abreise nicht mehr so lebhaft; doch

kam noch jede Woche ein Boot, um so viel als möglich vom Wrack abzuholen.

Die Aebtissin hatte mich ersucht, Kalk, Steine und Ziegel durch die

Soldaten ausladen und ans Land bringen zu lassen, wofür jedem per Tag

1 Franc bezahlt wurde. So hatten wir nun wieder vollauf Arbeit, und die

Soldaten konnten sich Kleider und Weisszeug kaufen, obgleich sie von ihrem

Solde, den der Kommandant für verkaufte Waaren einsteckte, keinen Cent

bekamen.

Mit meinen rothen Nachbarn lebte ich in fortdauernder Freundschaft, und wir

besuchten einander gegenseitig beinahe alle Tage. Eines Tages kam Thomas,

der Piaiman oder Doctor, welcher als ein falscher, streitsüchtiger Mann

bekannt war, und schon zwei Weiber ermordet hatte, zu mir. Auch wir bekamen

Streit, wobei ich ihn von meinem Rechte dadurch überzeugte, dass ich ihn

mit einer Maulschelle beehrte, und zur Thüre hinauswarf. Er ging wider

Erwarten geduldig nach Hause, und ich mit drei Soldaten nach dem Wrack, um

Ziegelsteine und dergleichen abzuholen.

Als ich Abends zurückkam, fand ich die Thüre meines Magazins aufgebrochen,

und statt des Hängeschlosses mit einem alten Lappen zugebunden. Aus einer

offenstehenden Kiste waren zwei Flaschen Genever genommen worden.

Sogleich hielt ich Untersuchung in der Kaserne, und fand einen der zwei

zurückgebliebenen Soldaten betrunken in seiner Hängematte liegen. Ohne

weitere Untersuchung liess ich ihn unter den Flaggenstock tragen und

schloss ihn in Ermanglung einer Arrestkammer an denselben an. Umsonst

betheuerte er, als ihm am Abend die Mosquittos seinen Rausch vertrieben,

seine Unschuld, denn ich war zu sehr vom Gegentheil überzeugt.

Am andern Morgen aber kam der Sohn des Oberhauptes zu mir, und erzählte,

dass Thomas aus Rache über die ihm angethane Unbill mein Haus aufgebrochen,

Genever gestohlen, und mir überdiess noch schreckliche Rache geschworen

habe. Er habe sogar gedroht, mich mit Pfeilen todtschiessen zu wollen, wenn

ich mich wieder im Dorfe sehen lasse.

Auf diese unerwartete Nachricht hin liess ich sogleich meinen Arrestanten

los und vergütete ihm mit einem Schnapse, seine schlaflose Nacht. Ich nahm

mir nun vor, die Sache nicht kalt werden zu lassen, sondern den Dieb trotz

seiner Drohungen zu arretiren, um in Zukunft meinen Nachbarn Respect vor

fremdem Eigenthum einzuflössen.

Um die Sache noch ernster und drohender zu machen, zogen wir, das Erstemal

seit sechs Monaten, unsere Uniform an, und ich marschirte, nachdem wir den

Bäcker als Besatzung zurückgelassen hatten, mit meinen vier Soldaten dem

Dorfe zu. Unserem Anzug fehlte nichts, als Schuhe, sonst war unser Aufzug

tadelfrei und rein militärisch. Wie erstaunt waren daher die Indianer

ob unserer noch nie gesehenen Pracht, als sie uns durchs Dorf marschiren

sahen.

Thomas, der Unrath witterte, griff sogleich nach Pfeil und Bogen und nahm

den Abadu zur Hand. Während er von meinen vier Mann in seiner Hütte bewacht

wurde, sprach ich mit dem Oberhaupte und drang auf Auslieferung des Diebes,

der sich am Eigenthum des Gouvernements vergriffen hatte, und den ich,

da eine solche Frevelthat eclatant bestraft werden müsse, nach Paramaribo

senden wolle.

Das Oberhaupt bat mich, die Sache ruhen zu lassen, und versprach mir

Vergütung des Gestohlenen; die übrigen Indianer nahmen sich gar nichts um

die Sache an und der Piaiman kam endlich selbst, mich heulend um Verzeihung

bittend; er ging auch geduldig mit mir und wurde zur Strafe eine halbe

Stunde unter den Flaggenstock geschlossen, damit war die Sache abgemacht

und wir tranken hierauf neue Freundschaft, die auch bis an seinen Tod

im April 1844 währte. Meinen Genever bezahlte er mir mit zwei hübschen

Pagaalen.

Schon früher hatte ich mit Hrn. M. abgemacht, gelegenheitlich das

Leprosenetablissement des französischen Guyana's, welches nur etwa vier

Stunden von Mana entfernt ist, zu besuchen. In der Mitte Augusts fuhr ich

desshalb nach Mana und fand M. sogleich bereit, das Reischen mit mir zu

unternehmen.

Wir verliessen gegen Mittag das Dorf in meinem kleinen Canot in Begleitung

zweier Indianer. Eine kleine Viertelstunde von dem Dorfe entfernt

fuhren wir am linken Ufer des Amanabo in die Accarouanykreek, an der

das Etablissement liegt. Die hohen Ufer dieser Kreek, welche in grossen

Krümmungen von Süden kommt, sind mit prächtigem Hochwalde geziert, worin

die Neger von Mana grosse Cederstämme zu Brettern sägen.

Ausser der Leproserie ist sie aber nicht bewohnt. Ihr Ursprung scheint

in einem grossen Moraste zu seyn, der ein wahres Chaos von Sumpfpflanzen,

Palmen, riesenmässigen Arums bildet, und zwischen dem Amanabo und der

Marowyne liegt. Wahrscheinlich entspringt in ihm auch die Seekuhkreek, und

es liesse sich daher vielleicht mit wenigen Kosten ein Kanal bilden,

durch welchen man aus der Marowyne in den Manabo gelangen könnte, ohne den

manchmal so schwierigen Weg über die See machen zu müssen.

Ein durch den Wald gebahnter Weg, der eine grosse Krümmung der Kreek

abschneidet, brachte uns in kurzer Zeit nach dem Etablissement, während die

Indianer mit der Corjaal viel später ankamen.

Das Dorf der Unglücklichen liegt auf einem Hügel von etwa 80' Höhe, an

dessen Fusse die Accarouanykreek eine grosse, hufeisenförmige Bucht bildet.

Es besteht aus einigen Strassen, die sich winkelrecht durchschneiden, und

durch welche Alleen von Mangos nach dem Abhang des Hügels hin sich ziehen.

Diese Häuser sind wie die auf Mana gebaut; eine kleine Kapelle, welche

durch eine geistliche Schwester bedient wird, steht am Rande des Berges.

Man war gerade oben im Baue zweier Häuser begriffen, von welchen eines für

den Director, das andere der Nonne bestimmt war. Einstweilen aber logirten

beide friedlich zusammen in _einem_ Gebäude unten an der Kreek. Dieses

enthielt drei Zimmer, wovon die Eckzimmer vom Director und der Nonne

bewohnt, und allein durch das Speisezimmer (Salon) geschieden waren. Beide

empfingen uns sehr freundlich, und die Schwester bedauerte nur, dass man

uns aus Mangel an Fischen zum Abendessen keine Pimentade (Fischsuppe)

vorsetzen könne. Inzwischen war unsere Corjaal angekommen, und M.

präsentirte einen Kaiman, den die Indianer geschossen hatten, und der

wegen seiner Grösse uns die Fische reichlich ersetzen konnte. =Ma soeur=

verwunderte sich keineswegs über dieses seltsame Wildprät, sondern übergab

den Kaiman dem Kochneger, der die besten Stücke davon abschnitt, und den

Rest den Indianern zurückgab.

Bald wurde das Souper aufgetischt, und wir assen von dem Kaiman mit dem

grössten Appetit. Der Wein, welcher hiebei nicht gespart wurde, machte

gesprächig; und die Nonne machte die Honneurs der Tafel auf recht

liebenswürdige Weise. Nach dem Essen präsentirte sie auf Anis gesetzten

Tafia, den ich jedoch, weil ich nie dergleichen trank, nicht annahm.

Mein Gläschen war übrigens schon eingeschenkt, und die Nonne trank, indem

sie sich darüber verwunderte, dass ich als Soldat nicht trinke, das meinige

nebst dem ihrigen aus.

Nachts 11 Uhr verliessen wir L'Accarouany, und kamen um 3 Uhr Morgens auf

Mana an.

Als ich des Nachmittags auf meinem Posten ankam, traf ich blos zwei

Soldaten zu Hause an. Es waren Indianer aus Paramaribo zurückgekehrt, und

ihre Ankunft wurde auf dem Dorfe durch eine Trinkparthie gefeiert, bei der

sich wahrscheinlich ungeladen auch meine drei Jäger eingefunden hatten. Sie

waren dabei nicht so bescheiden, als ich den Abend zuvor auf L'Accarounay,

und kamen nicht sehr nüchtern, und mit einem Kruge des stinkenden

Lebenswassers auf dem Posten an. Zwei davon fielen glücklicherweise in

meine Hände, und mussten Quartier unter dem Flaggenstock nehmen; der dritte

aber lief mit dem Kruge in den Awarrawald und drohte, den Verräther, der

auf seinem Posten geblieben und pflichtgetreu mir diess erzählt hatte,

todtzuschiessen. Der arme Mann, der die Tücke seines Kameraden im

betrunkenen Zustand kannte, sprach kein Wort, sondern brachte die Nacht

in meinem Hühnerstall zu, wo ihn die oben sitzenden Hühner über und über

marmorirten. Des andern Morgens kam der Weggelaufene, welcher des Nachts

die unter dem Flaggenstock Sitzenden mit seinem Kruge gelabt hatte, ganz

nüchtern zu mir, und bat um Entschuldigung seines Fehltritts, sowie um

seinen Schnaps, der ihm von rechtswegen gebühre, da solcher ein probates

Mittel gegen jegliche Art von Katzenjammer wäre.

Einige Zeit nachher kam durch die Wanekreek eine Corjaal mit einem Weissen

und vier Negern, die vom Forte New-Amsterdam gesandt waren, uns andere

Häuser zu bauen.

Sechs Jahre in Surinam Bilder aus dem militärischen Leben dieser Colonie und Skizzen zur Kenntniss seiner socialen und naturwissenschaftlichen Verhältnisse · 第 18 / 23 段