In dem dunkeln Wald sah man die grossen Leuchtkäfer, die sich im Innern

des Landes aufhalten und in ihrem rothen und grünen Lichte wie Irrlichter

herumschwärmen. Man hörte bloss das Gepfeife der Cicaden und zuweilen den

melancholischen, einer Tonleiter ähnlichen Gesang einer Nachtschwalbe.

Die Neger sangen aus Verdruss, und der ältere Indianer, welcher in

dieser Gegend nicht bekannt war und bei den Buschnegern unterwegs zu viel

getrunken hatte, fluchte in allen Sprachen. Der jüngere war total betrunken

und schlief.

Wegen der vielen Klippen, welche sich am Ufer des Stromes befinden, waren

wir genöthigt, in der Mitte desselben zu fahren; auch hatten wir alle

Hoffnung, noch unter Dach zu kommen, aufgegeben. Endlich hatte der Kleine

seinen Rausch ausgeschlafen; er betrachtete die Ufer, zu deren Erkennung

ein Paar Eulenaugen nöthig waren, und versicherte uns, dass nicht weit von

hier auf der holländischen Seite ein paar Hütten oder Kampen sich befänden.

Wir pagaiten munter darauf los und sahen bald durchs Gesträuch den Schein

von Feuer blinken. Der Kleine blies, worauf wir sogleich durch geblasene

Antwort erfuhren, dass zufälligerweise Indianer, welche nach Armina

wollten, ihr Nachtquartier hier aufgeschlagen haben.

Bald erreichten wir die Hütten, nachdem wir vorher wohl hundert Schritte

hatten durch den überschwemmten Wald fahren müssen. Ich war jetzt von

Herzen froh, traktirte reichlich mit Schnaps, wofür der beste Platz einer

Hängematte mir eingeräumt wurde.

So schliefen wir herrlich; mehrere aber wurden von Fledermäusen gebissen.

Des Morgens fuhren wir nun in Gesellschaft zusammen, immer das holländische

Ufer entlang, und hatten wegen der reissenden Strömung eine langsame und

beschwerliche Fahrt. Das Wetter war trübe. Gegen 10 Uhr erreichten wir

die Ecke, welche der Strom dadurch bildet, dass sein südwestlicher Lauf

plötzlich ein nordwestlicher wird.

Die grosse Bucht, an welcher der Posten liegt, lag vor uns. Die zahllosen

Klippen, Bänke und Inseln, welche dieselbe ausfüllen, waren alle

überschwemmt und während die vielen Cascaden und Fälle in der Trockenzeit

ein betäubendes Getöse verursachen, hörte man nun nichts, als das sachte

Murmeln des mit reissender Schnelligkeit dahinströmenden Wassers.

Etwas unterhalb ist der Landungsplatz der für den Posten bestimmten Güter

und ein breiter Weg führt in einer halben Stunde nach Armina. In der

Trockenzeit, wenn die Klippen bloss liegen und Cascaden und Wasserfälle

die Fahrt nach Armina hemmen, wird Alles hier ausgeladen und dann weiter

gerollt oder getragen. Jetzt war selbst der Weg überschwemmt und wir fuhren

bis zum Posten, den wir gegen Mittag erreichten.

Die Haushälterin empfing mich und meine Riechfläschchen sehr artig und

ich fand bei ihr einen kleinen Laden eingerichtet, in dem gar manche

Gegenstände zur Schau stunden, die man mir oder den Soldaten auf dem Posten

abgeschwatzt hatte.

Von allen Soldaten, die übrigens an jedem Kommandanten, und wäre es unser

Herrgott selbst, etwas auszusetzen haben, hörte ich klagen über den

hier herrschenden Handelsgeist; die den Soldaten unnöthigsten Dinge und

Leckereien, die allemal noch vom Strandsegen übrig waren, wurden auf

Krämerweise angepriesen. So wurden getrocknete Zwetschgen und Aepfel für

den Fall einer Krankheit für 2 fl. die Flasche den Soldaten angeschwatzt,

die natürlich der Käufer in einer halben Stunde mit dem besten Appetit

aufass. Ja man verkaufte selbst Nachtgeschirre, ein Luxusartikel, den

mancher erst bei dieser Gelegenheit gebrauchen lernte.

Man muss sich freilich wundern über den Leichtsinn der Soldaten, die für

solche unnöthige Bagatellen ihren Sold ausgeben, den der Kommandant jeden

Monat für seine gelieferten Waaren einstrich, während mancher im Besitze

eines Nachttopfes war, oder seinen Sold für holländische Leckereien oder

kölnisches Wasser, das einige nur desswegen kauften, um es als _Schnaps_

zu trinken, missen musste, und dabei beinahe keine Hosen hatte, um auf die

Wache zu ziehen.

Das ganze Detachement stand freilich auf einer sehr niederen moralischen

Bildungsstufe, und die Behandlungsweise des Kommandanten war nicht

geeignet, dieselbe zu heben.

Arbeit, auf welche der frühere Kommandant, das Gegentheil vom jetzigen, so

sehr gesehen hatte, wobei der Soldat Feldfrüchte aller Art im Ueberfluss

baute, seinen Sold sparen und seine Kiste mit Kleider füllen konnte, war

ganz aus der Mode gekommen; denn man konnte ja Alles bei dem Kommandanten

oder der Haushälterin kaufen. War nun ein leichtsinniger Kerl dem

Kommandanten seinen Sold von drei und vier Monaten voraus schuldig,

so wollte man natürlich nicht mehr borgen. Gleichwohl befürchtete man

unangenehme Raisonnements und schickte desswegen solche zur Gesundheit nach

meinem Posten, wo sie zerlumpt ankamen und bei ihrer kärglichen Ration

Noth gelitten haben würden, wenn ich ihnen nicht hätte Gelegenheit bieten

können, sie für Rechnung von Mana (davon später) etwas verdienen zu lassen.

Wegen der grossen Menge Vampyrs war man genöthigt, die ganze Nacht Licht

in der Kaserne brennen zu lassen. Die Kerzen hiezu, welche das Gouvernement

zum Dienste der Wachen liefert, verkaufte man dem Detachement, das

gemeinschaftlich diese Auslage bestritt, um von dem Ungeziefer nicht

gebissen zu werden. Daher war es kein Wunder, dass ein kleiner Aufruhr

ausbrach, der den Kommandanten nöthigte, vier der ärgsten zu Lande nach dem

Posten Gouverneurslust abzuschicken, wo sie vom Flügelkommandanten bestraft

wurden. Ich besuchte, da sich das Wetter etwas aufheiterte, den grossen

Mamabum und fuhr des andern Tages um 9 Uhr mit einigen Boschen Bananen von

Armina ab.

Mit reissender Schnelligkeit ging die Fahrt stromabwärts. Da das Wetter

hell war, so sah ich im Süden die Gebirge, welche am Tapanahoni liegen und

wie ein blauer Dunst über die Wälder hervorragten.

Nachts 9 Uhr kam ich, ganz durchnässt von heftigen Regengüssen, wieder auf

meinem Posten an.

Den 6. Mai kam der Schooner mit den erwünschten Lebensmitteln und der

Kommandant reiste, nachdem er diese in Empfang genommen hatte, wieder nach

Armina zurück.

Die vier Eigenthümer des Wracks luden alles Eisen, Kupfer, Tauwerk

u. s. w., was noch von einigem Werthe für sie war, auf den Schooner und

fuhren mit demselben nach Paramaribo ab. Mir boten sie das entmastete Wrack

zum Kaufe an und gleichsam zum Spass wurden wir um 8 fl. handelseinig.

Jetzt glaubte ich für einige Zeit Ruhe zu haben; denn die Lebensmittel

waren für sechs Monate zugleich gekommen und das geleerte Wrack konnte

meinen Kommandanten nicht mehr reizen, mich mit Extrabesuchen zu beehren.

Wiewohl ich das Wrack eigentlich nur zum Spasse gekauft hatte, hoffte ich

dennoch nach näherer Besichtigung Vortheil daraus zu ziehen.

Unter den Soldaten hatte ich einen alten Kupferschmied, der, obwohl ein

Erztrunkenbold, durch sein Handwerk doch von grossem Nutzen für mich war.

Gleich beim ersten Besuche an Bord fanden wir das Steuerruder, von dem

wir die metallenen Nägel und Ringe, sowie die grossen gegossenen Hacken

abschlugen. Blei und Eisen wurde ebenfalls nicht verachtet und um letzteres

zu bekommen, steckten wir das Vordertheil des Schiffes in Brand, wodurch

wir mehrere Centner Nägel und Stäbe erhielten, welche zu Hause gereinigt

wurden.

Täglich gingen wir zu Viere an Bord, arbeiteten während der Ebbe und fuhren

nach Hause, wenn das Wasser wieder zu hoch stieg. Dabei bekam jeder der

mir Helfenden 50 Cents und zwei Schnäpse für die Reise, und ich hatte alle

Ursache, mit ihrem Eifer zufrieden zu seyn.

Schon längst hatte ich gehört, dass auf der französischen Seite eines

benachbarten kleinen Flusses ein Etablissement und ein Nonnenkloster wären,

auch gleich in der ersten Zeit meines Hierseyns der Aebtissin geschrieben

und sie um die Erlaubniss gebeten, ihr meine Aufwartung machen zu dürfen.

Kurze Zeit darauf bekam ich auch eine förmliche Einladung, von welcher

ich Gebrauch gemacht hätte, wenn nicht die Menge von Waaren, welche ich zu

beaufsichtigen hatte, und die immerwährenden Besuche vom Kommandanten mich

davon abgehalten hätten. Da alle diese Schwierigkeiten beseitigt waren,

miethete ich zwei Indianer und fuhr in meiner kleinen Corjaal, die ich

mit einigen Fässchen Butter und anderen Kleinigkeiten zum Verkauf beladen

hatte, dahin ab.

Das Wetter war still und trübe und wir waren mit anbrechendem Tage an der

französischen Seite der Marowyne. Eine wohl drei Stunden lange Schlammbank,

die bei Ebbe trocken wird, erstreckt sich bis an die Mündung des Amanabo,

an dessen linkem Ufer zwei Stunden aufwärts das Etablissement sich

befindet. Vom rechten Ufer dieses Flusses aus erstreckt sich ebenfalls eine

Bank weit in die See und beide bilden auf diese Weise einen schmalen Canal,

durch welchen nicht tief gehende Schiffe einlaufen können. Wir fuhren ganz

nahe am Ufer, da man ungeachtet der Fluthzeit die Wirkung derselben beinahe

nicht verspürte. An beiden Seiten bildet der Mangrove einen schützenden

Wall gegen das Schlagen der Wellen und an seinen zahllosen Zweigen und

Ausläufern findet man bei der Ebbe eine Menge der köstlichsten Austern.

Aber man muss diesen Genuss durch die Stiche von Millionen Mosquittos

theuer erkaufen.

Etwa eine halbe Stunde flusseinwärts fuhren wir unter einem überhängenden

Baume durch, auf dem ein prächtiger Jaguar lag, den wir an seinem

herabhängenden Schwanze leicht in die Corjaal hätten ziehen können. Ohne

sich von der Stelle zu rühren, sah uns das schöne Thier aufmerksam an

und wir störten es auch nicht weiter, weil ich kein Gewehr hatte und die

Indianer bloss mit Fischpfeilen versehen waren. Erst nachdem wir uns etwa

50 Schritte entfernt hatten, verliess auch er seine Stelle. Endlich gegen

10 Uhr erblickten wir das Zuckerfeld des Klosters und kurz darauf stiegen

wir nahe am Jungfernzwinger ans Land.

Die Aebtissin und mehrere Herren kamen mir entgegen, empfingen mich wie

einen alten Bekannten und da man gerade am Essen sich befand, das ganz

klösterlich excellent war, so liess ich es mir köstlich schmecken.

=Ma chère mère=, so titulirte man die Aebtissin, war trotz ihres Alters

eine sehr lebhafte Dame, so dass ich anfangs Mühe hatte, ihre schnelle

Sprache zu begreifen und gehörig zu beantworten. Sie war die Stifterin

des Ordens des soeurs de St. Joseph de Cluny, einer Congregation, die aus

Nonnen besteht, welche sich meist dem weiblichen Unterrichte widmen und

theils in Frankreich selbst, theils in den französischen Besitzungen in

Ost- und Westindien und in Afrika zu diesem Zwecke sich aufhalten. Dieses

Etablissement hiess Mana und war früher von freien Negern bewohnt, die aber

meist durch Verrath und Krankheit weggerafft wurden.

Das französische Ministerium hatte diejenigen Neger, welche nach

Schliessung des Tractats wegen Abschaffung des Sklavenhandels noch aus

Afrika in Cayenne eingeführt wurden, frei erklärt, um sie aber von der

Sklavenbevölkerung zu trennen, nach dem abgelegenen Mana gebracht, wo sie

der Leitung dieser Madame _Javouhey_, Generaläbtissin, übergeben wurden.

Ansehnliche Summen waren zu diesem Zweck bewilligt worden und das

Etablissement Mana war gewissermaasen eine für sich selbst bestehende und

von Cayenne beinahe unabhängige Colonie. Die Neger, etwa 600-700 Köpfe

stark, bauten das Land und lieferten ihre Produkte, die in Erdfrüchten,

als: Reis und Maniok bestanden, ins Magazin des Klosters ab, wo man sie

ihnen theils mit Waaren, die sie nöthig hatten, theils mit Geld bezahlte.

Ein grosser Theil der männlichen Bevölkerung fällte für Rechnung der

Congregation Bau- und Möbelholz, das an den Ufern des Amanabo leicht und

von vorzüglicher Güte zu bekommen war.

Ausser der schwarzen Bevölkerung befanden sich hier mehrere weisse

Handwerker, ein Doctor, einige Intendanten, zwei Priester und etwa eilf

Nonnen. Letztere mussten verschiedene Geschäfte verrichten; einige waren

in der Kirche, andere im Hospital angestellt. Einige gaben den Kindern

Unterricht, während andere im Garten, in der Bäckerei oder Zuckermühle die

Aufsicht führten.

Das Kloster selbst hat bedeutende Aecker, die mit Zucker, Caffee, Bananen

u. s. w. bepflanzt sind und von den Negern unter Aufsicht der Damen

bearbeitet werden. Ein grosses Magazin, das mit Allem, was die Bevölkerung

betraf, reichlich versehen ist, zieht so zu sagen Alles an sich, was die

Neger verdienen und scheint der Congregation mehr abzuwerfen, als das ganze

Etablissement dem französischen Ministerium. Die Nonnen sind meist bejahrte

Damen und geborne Französinnen. Wiewohl sie in einer kirchlichen Uniform

stecken, denken sie doch tolerant und ich zweifle, ob man etwaige

Sünderinnen einmauern würde.

Ein Militär-Posten lag früher auf Mana, wurde aber eingezogen, weil Nonnen

und Soldaten nicht gut harmoniren konnten.

Das Etablissement liegt am linken Ufer des Flusses auf einer sandigen

Fläche, die bis an die Marowyne sich ausdehnt und grosse Sümpfe enthält,

die selbst in den grossen Trockenzeiten schwer zu passiren sind. Die Häuser

sind von Holz, und die Zwischenräume der Balken werden mit einem in Latten

gespaltenen und sehr biegsamen Holze (bois golette) verflochten, sodann mit

Lehm beworfen, auf welchen Kalk aufgetragen wird. Die Dächer sind wie in

Surinam mit Schindeln bedeckt. So zweckmässig diese Bauart auch ist,

so stehen doch die Häuser auf Mana den unsrigen an Zierlichkeit und

Bequemlichkeit bei weitem nach. Ein grosser Hauptfehler, den man einem so

gebildeten Volke gar nicht verzeihen kann, ist der Mangel an Abtritten. Man

geht ganz ungenirt ins Freie, legt ab, was man nicht mehr tragen will,

ob Leute in der Nähe sind oder nicht. Man denke sich nun die Verlegenheit

eines Fremden, der in einer so ungraziösen Sitzung von einer Klosterfrau

überrascht wird und doch aus Höflichkeit »bon jour ma soeur« sagen und mit

der Hand die Mütze ziehen muss! Selbst in Cayenne herrscht dieser Mangel;

doch hat man da eigene Kübel in der Küche, dem passendsten Orte, den man in

einem so heissen Klima hiezu auswählen kann! Auch das Innere der Häuser

ist sehr einfach und lässt sich mit dem der unsrigen nicht vergleichen.

Die Küche ist überall excellent und da man isst, was der liebe Gott für die

Flinte schickt und die lächerlichen Vorurtheile Surinams nicht kennt,

so fehlt es beinahe nie an frischem Fleisch. Affenfricassées und

Faulthiercarminaden werden von Jedem gegessen und sind wirklich excellente

Speisen. Die Mahlzeiten werden um 10 und 4 Uhr gehalten; Wein und Brod darf

dabei nicht fehlen.

So wie die gesammte Bevölkerung Surinams beinahe ausschliesslich von

Bananen lebt und diese jeder andern Kost vorzieht, so ist hier das Mehl des

Maniok, Qouak oder Tapioca genannt, das Hauptnahrungsmittel. Die Bereitung

dieser nährenden und sehr zweckmässigen Speise, die viele Aehnlichkeit mit

Sago hat, ist sehr einfach. Die Wurzel wird zerrieben und ausgepresst, die

noch etwas feuchte Masse zerbröckelt und durch ein Menari oder Sieb auf

eine kesselartig eingemauerte, heisse eiserne Platte gestreut, unter

welcher Feuer unterhalten wird. Dieses Mehl wird nun einige Male umgerührt,

um nicht festzubacken, und weggenommen, wenn es sich bräunt; dann wird

anderes an seine Stelle gethan. Um den Qouak zu essen, wird er mit

Fischbrühe oder andern Saucen befeuchtet, wodurch er wie das Cassavebrod

anquillt.

Ein Schooner, der ebenfalls den Schwestern gehört, bringt die Erzeugnisse

Manas monatlich nach Cayenne und holt dort alle anderen Lebensmittel und

Bedürfnisse ins Magazin.

Die von mir mitgebrachten Sachen hatte ich gegen Hemde und Hosen, die wir

alle sehr nöthig hatten, vertauscht.

Ein paar Backsteine und Ziegel, deren das Wrack noch 70,000 inne hatte,

zeigte ich zur Probe der Aebtissin, in der Hoffnung sie werde mir das Wrack

abkaufen. Hiezu schien sie auch nicht abgeneigt zu seyn; denn sie versprach

mir, einen Sachkundigen zu schicken, der untersuchen solle, ob sich die

Ziegel ausladen und transportiren liessen.

Abends 5 Uhr fuhr ich wieder ab. Das Wetter war trübe und kein Lüftchen

kräuselte die Oberfläche des Flusses, dessen Mündung wir schon mit

dem Dunkel erreichten. Der junge Indianer, den ich bei mir hatte, war

eingeschlafen und sein Vater steuerte. Es war so finster, dass wir das Land

nicht sahen, besonders auch, weil wir wegen der Bank weit von demselben

entfernt bleiben mussten. Erst am Sandgrund, über den wir fuhren, erkannten

wir, dass wir nahe an der Marowyne wären. Die Soldaten, welche mich

zurückerwarteten, hatten als Leuchte für mich ein grosses Feuer

unterhalten, das wie ein Stern über den breiten Strom schimmerte und

uns die Richtung zeigte. Wir konnten desshalb nicht irren und langten

wohlbehalten zu Hause an.

Gleich den andern Tag setzten wir unsere Arbeit am Wrack fort und

glücklicherweise gelang es uns, die Poort (eine Art Thüre von 3' Breite und

Höhe, wodurch man Holz und andere lange Stücke einladet und die, wenn das

Schiff geladen ist, sorgfältig verschlossen und verstopft wird) zu öffnen

und so mit der Corjaal ins Schiff selbst hineinfahren zu können.

Alles, was uns im Wege lag, wurde auf diesem Wege hinausgeschafft. Die

Rudera von unzähligen Kisten und Erdäpfelkörben, nebst leeren Fässern

bedeckten bald die umliegenden Sandbänke und wurden mit der Fluth in die

Nähe unseres Postens gespült, wo sie uns zur Unterhaltung von Wachtfeuern

dienten.

Wenige Tage nach meiner Zurückkunft von Mana kamen zwei Franzosen mit vier

Negern an, um im Auftrag der Aebtissin das Wrack zu besehen. Wir fuhren

zusammen dahin. Es war gerade sehr niedere Ebbe, daher die Zeit geschickt,

den Schlamm im Schiff zu durchsuchen. Einer der Soldaten, der ein

geschickter Taucher war, hatte ein schweres Fässchen entdeckt, das wir mit

Mühe aus dem Schlamm hervorholten. Es war ein werthvoller Fund; denn es

enthielt Nägel, die besonders auf Mana sehr gesucht waren. Unter dem ersten

lag ein zweites, und nach und nach brachten wir deren 17 ans Tageslicht,

von denen jedes 50 Pfund wog. Da wir nur einen kleinen Theil der gefundenen

Fässchen mitnehmen konnten, so legten wir die übrigen auf den höchsten

Theil des Wracks, die Cajütskappe, welche selbst bei einer Springfluth

nicht ganz unter Wasser gesetzt wurde.

Mittags reisten die Franzosen wieder nach Mana zurück, nachdem sie mich

versichert hatten, dass die Aebtissin mir das Wrack abkaufen werde. Diess

war in der That auch für sie höchst vortheilhaft; denn bei eifriger Arbeit

konnte man noch viele Bretter und Balken abbrechen und Steine und Kalk

waren bei niederer Ebbe ganz leicht zu bekommen. Weil nun überdiess um

diese Jahreszeit wenig Wind wehte, so war auch Alles leicht nach Mana zu

transportiren. Alles dieses sah die Aebtissin eben so gut ein, als ich,

und es währte desshalb auch keine zwei Tage, bis das Boot von Mana wieder

zurückkam. Mit diesem kamen der Neffe der Aebtissin und der Intendant

des Etablissements, um den Kauf mit mir abzuschliessen. Wir kamen dahin

überein, dass ich um die Summe von 500 Frcs. das Wrack an die Congregation

überliess, dass aber Alles, was ich bis jetzt abgeholt hatte, nicht im

Kaufe eingeschlossen sey, sondern noch besonders bezahlt werden müsse.

Einer der Herren, welche früher das Wrack untersucht hatten, blieb nun bei

mir, um die Arbeiten der Neger und den Transport zu beaufsichtigen.

Ich hatte nun wieder mit einem verständigen Manne zu thun, der mir um so

angenehmer war, als ich mich im Französischen tüchtig üben konnte. Hr. M.,

so hiess mein Gast, war ein Mann von 40 Jahren, sehr lebhaften Temperaments

und kein Weinverächter. Er war verheirathet, seine Familie blieb aber

auf Mana zurück. Es fand jetzt eine ununterbrochene Verbindung mit diesem

Platze statt.

Einige Neger waren beständig damit beschäftigt, bei der Ebbe die Backsteine

und Kalkfässer aus dem untern Raume aufs Verdeck zu bringen, während

grössere Boote sie nach Mana brachten. Alles, was von Metall am Wrack

war, wurde abgebrochen und sammt den noch brauchbaren Balken und Brettern

mitgenommen.

Da man bloss periodisch arbeiten konnte, so hatten die Leute viel freie

Zeit und ich fand an Hrn. M. einen angenehmen Gesellschafter. Leider

aber wurde ihm seine Arbeit durch viele unangenehme Nachrichten aus Mana

entleidet. Die Aebtissin, welcher die Arbeiten zu lange dauern mochten,

machte ihm Vorwürfe darüber, und Zeichen von Misstrauen, die sie

verschiedene Male gegeben hatte, erregten seinen Unwillen aufs Höchste.

Er beschloss desshalb, selbst nach Mana zu gehen, um sich persönlich zu

vertheidigen. Da ich weder Lieutenant noch Schooner zu erwarten hatte, so

entschloss ich mich, ihn dahin zu begleiten, und wir fuhren den 20. Juni,

an einem Sonntag, dahin ab.

Im Canot sass ausser ihm und mir noch ein Soldat meines Postens und ein

Neger.

Ermüdet und von der Sonne verbrannt, kamen wir Abends nach 6 Uhr auf Mana

an.

Die Aebtissin spazierte mit zwei Nonnen am Flusse auf und ab, und kam, als

sie unser Boot bemerkte, an den Landungsplatz, um uns zu bewillkommen. Kaum

aber hatte Hr. M. sie erblickt, als er, ohne ihren freundlichen Gruss zu

erwidern, seinen Pagaal aus dem Canot nahm und ihr denselben vor die

Füsse warf mit den Worten: Sehen sie nun selbst, ob etwas von dem Wracke

Gestohlenes darin ist. Die Dame, dadurch höchst indignirt, fasste sich

augenblicklich über diesen unerwarteten und brutalen Gegengruss und sagte:

Wenn Sie, Hr. M., auch meinen Rang nicht achten, so wären Sie doch meinem

Alter mehr Höflichkeit schuldig. So sprechend, grüsste sie mich freundlich,

und setzte dann ihren Spaziergang fort.

Es that mir leid, Zeuge dieser Scene gewesen zu seyn, da ich eine traurige

Figur dabei spielte. Später erfuhr ich, dass dergleichen Complimente auf

Mana gar nichts Seltenes wären. M., der im Dienste der Aebtissin stand,

verständigte sich am andern Morgen wieder mit ihr.

Während er nun seine Geschäfte besorgte und die Aebtissin in der Frühmesse

war, ging ich ausserhalb des Dorfes in den Ländereien des Klosters umher.

Man hatte hier früher Rockou oder Orlean (bixa orelana) bereitet und eine

vierfache Allee dieser Bäume zog sich längs der Kartoffelfelder hin. Sie

standen eben in voller Pracht da, mit Blüthen und Früchten bedeckt. Etwa

10' hoch, gleichen sie vollkommen den Aprikosenbäumen. Ihre purpurrothen,

mit weichen Stacheln bedeckten Früchte und ihre grossen, weissen Blumen

nehmen sich wunderschön aus.

Im französischen Guyana bestehen noch viele Rockou-Pflanzungen und da die

Bereitung dieser Farbe einfach ist und wenige Maschinen und Manipulationen

dabei nöthig sind, so wäre es auch für unsere Colonie ein Culturzweig,

wobei kleinere Effecte besonders gut stehen würden.

Zucker und Caffee wird hier ebenfalls gepflanzt. Ersteres Produkt wird

auf einer kleinen, durch Maulesel getriebenen Mühle gemahlen und aus dem

Schaume Tafia (Zuckerbranntwein) destillirt.

Für die Caffeebäume scheint hier das rechte Land zu seyn, denn obwohl sie

ganz ohne Schatten waren und bei weitem nicht so gut angepflanzt schienen,

wie bei uns, brachen sie beinahe unter der Last ihrer Früchte. Der Reis

ist, wiewohl nicht so schön weiss, wie der unsrige, viel billiger und von

nahrhafterer Sorte.

Der Vormittag ging unter Besuchen und Einkäufen schnell vorbei und wir

verliessen gegen Mittag Mana wieder.

Von M. hatte ich einen hübschen Affen zum Geschenke erhalten und die

Aebtissin gab mir etwa zwanzig Ananas mit. Ueberdiess war die Corjaal mit

allerlei Waaren, als Hemden, Wein, Seife u. s. w. beladen. Da wir auf Wind

hofften, hatte ich meine Hängematte an einen kleinen Mast befestigt und

so gerüstet fuhren wir ab. Es blieb aber die Luft zu unserem Leidwesen

todtstille und die See war spiegelglatt. Durch Pagaien kamen wir jedoch

bald an die Mündung der Marowyne. Das Wetter war trübe und schwarze Wolken

hingen drohend im Osten. M. meinte, es wäre besser, mit der Ueberfahrt so

lange zu warten, bis das Ungewitter vorüber sey; aber da diess lange

zu dauern schien, so bestand ich auf alsbaldiger Abfahrt. Ein leichtes

Windchen schien uns sehr zu Statten zu kommen; die Hängematte wurde

desswegen gut befestigt und wir fuhren ab.

Sechs Jahre in Surinam Bilder aus dem militärischen Leben dieser Colonie und Skizzen zur Kenntniss seiner socialen und naturwissenschaftlichen Verhältnisse · 第 17 / 23 段