Man muss beinahe bezweifeln, dass _eine_ Person im Stande ist, so

verschiedene Stimmen nachahmen zu können; denn auf Alles, was der Piaiman

dem bösen Geiste vorsagt, antwortete er selbst mit veränderter Stimme.

Dabei tönt unaufhörlich die Maraca, deren Laut dem Gerassel von Erbsen in

einer trockenen Blase gleichkommt.

Das Piaien dauert Nächte lang ununterbrochen fort, nur dass von Zeit zu

Zeit der Doctor dem Kranken Tabaksrauch ins Gesicht bläst, oder seine

Beschwörungen an der Hängematte selbst vornimmt. Als Hauptgenesungsmittel

in äusserst schwierigen Fällen dient der Saft des Dakinibaumes, welcher

sehr selten zu seyn scheint. Um diesen zu bekommen, hat der Piaiman erst

die Erlaubniss der den Baum bewohnenden Geister nöthig, und erst nach

manchen Unterredungen mit ihnen haut er die Oeffnung, aus welcher der Saft

fliessen soll, in den Baum. Der Patient trinkt nun denselben als letztes

Mittel, und es versteht sich von selbst, dass bei einer so wichtigen

Kur der Piaiman die ganze Nacht bei dem Kranken zubringt und die Geister

beschwört. Diese schweigen aber auch nicht still, sondern lassen sich in

verschiedenen Stimmen, bald als Poweesen, Agamis, bald als Affen und Tiger

hören.

Diesen Kuren habe ich noch nie beigewohnt, aber schon manche Nacht auf den

Dörfern zugebracht, in der mich der Piaiman am Schlafen hinderte.

Auf Arzneien der Europäer setzen die Indianer wenig Vertrauen; sie

gebrauchen dieselben zuweilen, nehmen aber, wenn nicht gleich ein günstiger

Erfolg erzielt wird, sogleich ihre Zuflucht wieder zu ihren Hausmitteln.

Chinin übrigens, das so schnell vom Fieber hilft, hat ihnen grosse Achtung

eingeflösst. In dem Charakter des Indianers sind nicht viele Laster, aber

auch wenige Tugenden vereinigt. Der Hauptzug, den die Caraiben mit den

Arowacken gemeinschaftlich besitzen, ist Gleichgültigkeit. Der Augenblick

regiert ihn und sein Interesse berücksichtigt er nur dann, wenn seine Laune

hiezu gestimmt ist. Wie ein Kind wünscht er bald dieses, bald jenes zu

besitzen, und scheut keine Mühe, um in den Besitz desselben zu gelangen.

Vom Worthalten hat er keine Idee, und man kann sich desswegen nie auf ihn

verlassen. Ebenso wenig weiss er, was Wahrheit ist, und lügt, wenn es sein

Interesse erfordert.

Bei ihren wenigen Bedürfnissen achten sie auf ihr Eigenthum wenig; wenn sie

z. B. Monate lang sich damit abgemüht haben, ein langes Stück Salemporis

(blaugefärbter Baumwollenzeug) zu verdienen, so wird dieses entweder als

Segel gebraucht, wenn sie kein anderes haben, oder in Fetzen zerrissen, um

die Corjaalen damit zu stoppen.

Misstrauen hegen sie keines, verlassen Tage lang ihre Hütten, ohne ihr

Eigenthum zu verbergen; die Diebstähle kommen selten vor; doch sind

Getränke und Esswaaren vor ihnen nicht sicher, auch lassen sie wohl andere

Gegenstände, die ihnen anstehen, mitspazieren. Im Allgemeinen sind sie faul

und man findet desshalb wenige, die bemittelt sind.

Ihre Wanderlust ist sehr gross und wegen der unbedeutendsten Vorfälle

machen sie grosse Reisen. Früher pflegten sie aus dem Lande der Makusis am

Rupununi und Maho im Innern Guyana's Sklaven zu holen; doch scheint diess

nicht mehr vorzukommen. Ich kannte noch ein solches Sklavenmädchen, welches

Christian gehörte.

Ihre Leidenschaften sind, die Liebe zum Trunk ausgenommen, viel

gemässigter, als die der Nordamerikaner; daher bezweifle ich auch, dass die

Civilisation grosse Fortschritte bei ihnen machen wird.

Es wird freilich von uns gar nichts gethan, um sie auf eine höhere

Stufe sittlicher Bildung zu bringen. Aber auch bei unsern Nachbarn, den

Franzosen, welche sich die Bildung der Indianer sehr angelegen seyn und sie

in Schulen unterrichten lassen, bemerkt man keine grössere Fortschritte.

Der einzige Magnet, der sie anzieht, ist leider der Branntwein, und die

Schnapsflasche darf nie leer werden, wenn sie Dienste leisten sollen. Wer

ihnen einschenkt, ist ihr Freund. Für andere Dienste und Wohlthaten sind

sie gefühllos; Dankbarkeit ist ihnen fremd. Auch Beleidigungen werden

vergessen, und nie habe ich bemerkt, dass Händel oder Thätlichkeiten

vorfielen, wenn der allgemeine Friedensstörer, der Branntwein, die Gemüther

nicht erhitzt hatte.

Obgleich ihre Sinneswerkzeuge so ausgebildet und fein wie die der

Nordamerikaner seyn mögen, so scheinen sie diesen doch im Allgemeinen

nachzustehen, wozu freilich auch das milde Klima viel beiträgt, das bei so

leichter Mühe alle Bedürfnisse befriedigt, während der Nordamerikaner bei

ungleich rauherer Witterung sich alle Bedürfnisse erringen muss.

Mein Detachement, das aus dem Bäcker und zwei schwarzen Soldaten bestand,

wurde abermals abgelöst und durch vier Weisse ersetzt, zu welchen der

Bäcker den fünften ausmachte. Die Besatzung war desshalb wieder auf dem

alten Fusse.

Ich hatte mir bis jetzt alle Mühe gegeben, von den Indianern eine Corjaal

zu kaufen, um selbst kleine Wasserfahrten machen zu können. Sie hatten

aber, so viel ich auch um eine bot, keine überflüssige für mich. Endlich

fand ich zufälligerweise eine schöne, 18' lange Corjaal von Cedernholz, die

von irgend einem Indianerdorfe vom Strom mitgeführt und durch die Fluth

an den Strand war geworfen worden. Sie hatte ihrer ganzen Länge nach drei

ungeheure Risse, und es kostete desshalb viele Mühe, bis das Fahrzeug von

seinen Schäden kurirt war. Doch gelang diess nach zwei Tagen anhaltender

Arbeit vollkommen. Die Risse hatte ich durch mit Werg umwundene Stöcke

ausgefüllt, diese verpicht und darüber der ganzen Länge nach oben und unten

lange Streifen Eisenblech genagelt. Meine Probefahrt nach der andern Seite

des Flusses überzeugte mich von der Vortrefflichkeit meiner Arbeit.

Zu Ende März schrieb mir der Kommandant von Armina, dass der Schooner

abermals unterwegs sey, um den Rest der geretteten Güter abzuholen, und

dass er damit seine Frau (Haushälterin) erwarte. Zugleich ersuchte er mich,

diese Dame freundlich zu behandeln und ihn von ihrer Ankunft sogleich

in Kenntniss zu setzen. Ich hatte dieses Frauchen noch nie gesehen und

erwartete desshalb in ihr eine Mulattin oder Mestizin, welche meistens

die Haushaltung lediger Unteroffiziere führen, dieselben nach den Posten

begleiten und sich manchmal mehr Autorität anmasen, als eine rechtmässige

Frau.

Solche Missis verkauften (ich rede da von längstvergangenen

Zeiten) gewöhnlich auf den Posten Alles, was der Soldat in seiner

Junggesellenwirthschaft nöthig hat, als: Zucker, Caffee, Tabak, Butter,

Käse, Saife u. s. w. an denselben auf Credit. Der Betrag wurde aber, wenn

die Soldgelder von Paramaribo kamen, davon vom Kommandanten abgezogen.

Geht ein Fahrzeug nach der Stadt, so hat der mitgehende Corporal tausend

Commissionen in Paramaribo zu bestellen und ist er nicht eifrig genug, so

weiss die Missi es ihm später schon einzubrocken. Oft geht aber die Dame

selbst mit, um bekannte Pflanzungen heimzusuchen, und sich dort mit

Zucker, Caffee, Dram u. s. w. zu versehen und in der Stadt recht billig

einzukaufen. Der grösste Theil des Soldes wandert dann, besonders wenn sie

noch unter der Hand Schnaps verkauft, was aber der Kommandant natürlich

nicht wissen darf, in ihre Geldbüchse. Eine solche Dame dachte ich

ebenfalls auf dem Schooner zu finden, und fuhr aus grosser Galanterie

demselben entgegen.

Ich bewillkommte den Schatz meines Kommandanten auf negerenglisch, das ich

in dieser Zeit zum Entzücken schlecht sprach. Die Dame gab sich mir

aber sogleich als Holländerin zu erkennen, und enthob mich desshalb der

Verlegenheit, in der armseligen Creolensprache mich auszudrücken.

Sogleich schrieb ich an den Kommandanten, dass seine Haushälterin (welches

Wort ich aber bei reiflicher Erwägung zu anstössig fand und in Madame

umwandelte) nebst dem Doctor angekommen sey. Um die glückliche Ankunft dem

Lieutenant so schnell als möglich zu melden, sandte ich die ganze Besatzung

bis auf den Bäcker weg. Da ich aber bloss einen einzigen Pagai im

Vermögen hatte, so mussten drei der mitgehenden Soldaten bis zum nächsten

Arowackendorfe mit den Samenkapseln der Maripapalme rudern; dort konnten

sie von meiner Freundin, dem Oberhaupte des Dorfes, drei Pagais entlehnen.

Vier Tage später kam der Kommandant von Armina an, um seine Liebste

abzuholen. Diese hatte unter Anderem ein ungeheures Fass ordinären

Blättertabaks, von dem das Pfund 16-20 Cents kostet, mitgebracht, und das

Detachement konnte es für Geld in Rauch verwandeln. Leider hatte sie auch

Verschiedenes in Paramaribo gekauft, das durch den reichlichen Strandsegen

entbehrlich geworden war und desswegen dem Kommandanten manchen Seufzer

auspresste.

Das Fass Tabak, so erzählte die Haushälterin, wäge über 700 Pfd. und wenn

sie das Pfund zu 1 fl. 50 kr. verkaufe, so geschehe diess mehr den Soldaten

zu lieb, als des Nutzens wegen.

Kommandant, Doctor und Haushälterin segelten mit gutem Winde nach Armina

und ich hatte gottlob wieder längere Zeit vor derlei Besuchen Ruhe.

Der Schooner hatte den Rest der geretteten Güter eingeladen und es blieb

also nichts mehr übrig, als das Wrack, das sich bei der Fluth mit Wasser

füllte und in dem Haie, Lumpen und andere Raubfische die verfaulten

Kartoffel-, Zwiebel- und Käsereste durchschnoberten.

Jetzt war die Legezeit der grossen Seeschildkröten, die Nachts längs des

sandigen Seestrandes ihre schwerfälligen Promenaden ausführten und an dem

erhöhten Ufer, das über dem höchsten Wasserspiegel der Fluth lag, ihre Eier

verscharrten.

Meist beim Mondlicht und in der Zeit des ersten und letzten Viertels

kriechen diese schwerfälligen Thiere herauf, wühlen im Sand einen Platz von

manchmal 200□' um, graben dabei die dicksten Wurzeln und Gesträuche aus,

bis sie eine günstige Stelle gefunden haben.

Mit den Hinterfüssen wird sodann ein beinahe 2' tiefes und 8" weites Loch

gegraben, und in dieses etwa 100-200 runde, mit einer pergamentartigen Haut

überzogene Eier von der Grösse einer kleinen Billardkugel gelegt. Das Loch

wird mit Sand ausgefüllt und das Thier geht in die See zurück. Die Spur der

Füsse und des Schwanzes, welche durch das Auf- und Abkriechen entsteht, ist

tief im Sande eingegraben und wellenförmig.

Ueberrascht man eine Schildkröte beim Legen, so schnaubt und bläst sie,

setzt aber ihr Geschäft ruhig fort, es sey denn, dass man versucht, sie auf

den Rücken zu legen, in welchem Falle sie dann wüthend um sich schlägt.

Ein kräftiger Mann kann bei einiger Erfahrung leicht eine auf den Rücken

werfen, obschon sie manchmal gegen 500 Pfund schwer sind. Umgedreht

schlagen sie mit allen Vieren auf den Brustschild und wären wohl im

Stande, den Unvorsichtigen schwer zu verletzen. Man bindet ihnen sodann die

Vorderfüsse fest und ladet sie in die Corjaal.

Sie haben ein sehr zähes Leben und die Indianer, welche sie häufig zum

Verkauf nach den Pflanzungen bringen, lassen sie manchmal 14 Tage auf dem

Rücken liegen; es darf aber alsdann keine Sonne auf sie scheinen. Wenn

schon Herz und Eingeweide herausgenommen sind, so zappeln sie noch

stundenlang und das Schlachten derselben ist ein blutiges Gemetzel.

Gewöhnlich haben sie ausser den gelegten Eiern noch ganze Kübel voll

Dotter bei sich und viele sind so fett, dass man aus einer 2-3 Gallons Oel

ausschmelzen kann. Das Fett ist bekanntlich grün und das Fleisch liefert

die berühmten Schildkrötensuppen, die man in London und andern Seeplätzen

so theuer bezahlt. In Surinam ist es nicht geachtet und ich finde ebenfalls

nichts Leckeres daran; denn es ist grob und faserig und das Fett hat einen

eigenthümlichen, thranigen Geruch. Nur die Eier sind gut zu gebrauchen und

sie waren während der Legezeit eine Hauptspeise auf unserem Küchenzettel.

Das Weisse dieser Eier, das nie hart wird, wirft man weg.

Man kocht sie im Wasser mit Salz und isst ihren Dotter mit Pfeffer und

Zitronensaft; auch lassen sich gute Pfannenkuchen daraus backen.

Um sie längere Zeit aufzubewahren, räuchert man sie, wobei aber das Eiweiss

ganz eintrocknet. Die Begattungszeit fällt in den Februar; die Thiere

bleiben alsdann Tage lang aneinander hängen und werden so häufig durch

die Brandung auf den Strand geworfen, wodurch ihr angenehmes Geschäft

unterbrochen wird.

Die Indianer schwimmen, wenn sie zwei solche Liebende erblicken, mit

einem Strick auf sie zu und schieben den Vorderfuss des Männchens in eine

Schlaufe, was von diesem erst bemerkt wird, wenn man es ans Boot zieht,

wobei es dann unter wüthendem Gezappel seine Ehehälfte loslässt.

Die Männchen sind meistens fetter, als die Weibchen und haben dieselbe

Grösse; nur ist ihr Schwanz bei 2' lang. Sie gehen nie ans Land und werden

daher selten gefangen.

Die ersten Eier findet man in der Mitte Februars; im Mai werden die meisten

gelegt und zu Ende Juli kommen die Jungen heraus. Diese kriechen meist

Nachts in die See. Aus einem Nest kommen manchmal 30-40. Die anderen Eier

verderben. Sie haben übrigens viele Feinde und besonders sind die Aasgeier

auf sie erpicht. Auf der Stelle, wo eine Schildkröte gelegt hat, sticht

man mit einem Pfeil oder glatten Stabe auf dem umgewühlten Platze an

verschiedenen Stellen in den Sand. Findet man eine Stelle, wo der Pfeil

leicht und ohne Widerstand eindringt, so gräbt man nach und findet die

Eier.

Bereits sitzen auch mehrere Aasgeyer in der Nähe und warten nur, bis man

weg ist, um die mit dem Pfeil durchstochenen Eier, welche man liegen lässt,

zu fressen. Sobald sie damit fertig sind, fliegen sie voran zu einem neuen

Haufen, um auch da ihren Finderlohn wegzuschnappen.

Im Mai und Juni kommen kleinere Seeschildkröten von einer andern Gattung,

welche man Varana nennt, hervor. Diese werden bloss 80-100 Pfund schwer und

legen kleinere, aber schmackhaftere Eier. An mondhellen Abenden laufen sie

zu Dutzenden am Seestrande herum und, wie es scheint, nicht bloss um Eier

zu legen, sondern auch zu ihrem Vergnügen. Sie sind bei weitem nicht so

phlegmatisch, wie die grossen, lassen sich aber auch nicht so lange beim

Leben erhalten.

Zuweilen, aber sehr selten, kommt auch die Carettschildkröte ans Ufer. Sie

ist kleiner als die Riesenschildkröte und man erkennt ihre Spur am Zeichen

des Kopfes, den sie im Sande zu schleppen scheint.

Die Seeschildkröten werden ausser dem Menschen bloss von dem Jaguar

angegriffen, der mit seinen scharfen Krallen sie geschickt auszuhöhlen

weiss. Die zwei mir bekannten Arten leben von Tangen und Seegras.

Die sonderbare Matamatta (Chelys infibriata) ist in Surinam nicht zu Hause,

kommt aber häufig am Oyapok vor und wird von da nach Cayenne auf den Markt

gebracht.

Die grosse Regenzeit war angebrochen und obgleich an der See die Regengüsse

bedeutend schwächer sind, als im Innern des Landes, so war sie doch für

uns desswegen höchst unangenehm, weil in den gewöhnlich stillen Nächten

die Mosquittos in ungeheurer Menge alle lebenden Geschöpfe plagten. Wir

schleppten den Tag über grosse Stücke Holz, welche die See anspülte,

zusammen, und machten des Abends davon ein grosses Feuer, zu dem manchmal

mehrere Klafter verbraucht wurden. Um dieses lagerten wir uns so, dass der

Rauch uns bestrich, und meine Ziegen, welche sehr wohl merkten, was gegen

die Mosquittosstiche schütze, drängten sich so dicht als möglich an uns an.

Man unterhielt sich bei diesem Wachtfeuer mit Soldatengeschichten, die wohl

überall über denselben Leist geschlagen sind. Wenn das Feuer erlosch und

man zu schlafen versuchte, so ging's ans Fluchen und Lamentiren. Jedes

Mittel wurde versucht; ja einige gruben sich förmlich in den Sand ein und

liessen nur eine kleine Oeffnung zum Athemholen, bloss um einige Stunden

Ruhe zu geniessen.

War das Wetter hell, so liefen wir stundenweit längs des Seestrandes hin

und trieben unsere Spässe mit den Seeschildkröten. Manchmal sassen wir zu

dreien auf eine, welche dennoch mit uns in die See lief. Fanden wir eine

in der Nähe des Postens, so schlachteten wir sie zuweilen; mit weiter

entfernten aber gaben wir uns keine weitere Mühe.

Eines Abends sass ich in meiner Kammer; auf einmal hörte ich ein starkes

Klopfen an meiner Schwelle. Da auf meinen Ruf Niemand antwortete, so

öffnete ich die Thüre und fand eine grosse Seeschildkröte, welche damit

beschäftigt war, unter die Schwelle ein Nest zu graben. Ich wälzte sie auf

den Rücken und wir schlachteten sie am andern Morgen.

Kamen wir von unsern nächtlichen Promenaden nach Hause, so war man so matt

und müde, als hätten wir drei Tage lang nicht geschlafen. Der ganze Körper

war auf einem solchen Marsche in fortwährender Bewegung, und man war

gleichsam in einer Atmosphäre von Mosquittos, wo man immerwährend zu

klopfen und zu wehren hatte. An Ruhen oder Sitzen war nicht zu denken, und

wenn wir einen Augenblick ruhen wollten, so liefen wir gewöhnlich in die

See und streckten bloss den Kopf aus dem Wasser. Kam nun der Morgen, so

beeilte sich jeder, nach dem Frühstück die entbehrte Nachtruhe in der

Hängematte nachzuholen. Wir konnten aber weder bei Nacht noch bei Tag ruhig

schlafen; denn sobald es warm wurde, fand sich eine ganz besondere Art

dreieckiger Fliegen oder Bremsen ein, die in den übrigen Kolonien nicht

zu finden waren, und durch ihre Stiche die Schlafenden auf eine solche

unbarmherzige Weise weckten, dass diese oft den Posten und sich vor Zorn in

den Abgrund der Hölle wünschten.

Gegen das Ende des April kam unser Kommandant abermals, um die Lebensmittel

fürs zweite Quartal, welche alle Tage erwartet wurden, in Empfang zu

nehmen.

Fast zu gleicher Zeit kam aus Paramaribo ein Fischerboot mit vier Weissen,

welche bei der Auction, wobei die vom Schiffe abgeholten Güter verkauft

wurden, das Wrack um 100 fl. erstanden hatten. Sie kamen in Begleitung von

vier Negern, mit deren Hülfe sie Alles abbrechen und nach der Stadt zum

Verkauf bringen wollten. Sie hofften am Schiffsinventarium noch eine gute

Beute zu machen, fanden sich aber in ihren Erwartungen getäuscht.

Vierzehn Tage waren sie unterwegs gewesen, hatten durch Sturm und Regen

viel gelitten und kamen, von Allem entblösst, bei uns an.

Sie gingen nun mit Eifer ans Werk, untersuchten das Wrack und arbeiteten

in den Zeiten der Ebbe, um Alles, was an Kupfer, Blei u. s. w. noch von

einigem Werth war, auf den Posten zu bringen. Ihr Eifer erkaltete aber

schon nach einigen Tagen; denn ausserdem, dass der Regen sie an ihrer

Arbeit hinderte, sah man sie beinahe alle Tage betrunken und unter sich in

Streit und Schlägereien gerathen.

Des Nachts liessen ihnen die Mosquittos keine Ruhe, ihre Neger waren

abwechslungsweise krank; Bananen und Reis, was sie vom Kommandanten

erhalten hatten, war bald genug aufgezehrt und unsere kargen Rationen mit

diesen acht Menschen noch zu theilen, war nicht möglich. Der Lieutenant

beschloss desshalb, von Armina, wohin das Boot zurückgekehrt war, noch

einige Dutzend Boschen Bananen kommen zu lassen. Weil ich nun wünschte,

den Strom, welchen ich noch nie befahren hatte, zu sehen, so ging ich mit

meiner Corjaal, zwei Negern und einem Indianer, welchen ich auf eigene

Kosten mitnahm, dahin ab. Vorher aber rieth mir der Kommandant, seiner

Liebsten einige Dutzend Fläschchen Pomade und Riechwasser, welche er mit

seinen Luchsaugen in meiner Kiste entdeckt hatte, als Geschenk mitzunehmen,

obgleich sie weit über die Jahre hinaus war, in welchen diese Toilettmittel

mit Erfolg angewendet werden.

Mit einem Segel auf meiner leichten Corjaal, fuhr ich am zweiten Mai mit

gutem Winde ab und bald hatten wir die erste Inselgruppe, welche aus fünf

mit Hochwald und niedrigem Gesträuch bewachsenen Inseln besteht, erreicht,

und landeten am ersten Arowackendorf auf holländischer Seite, das Woman

Contry (Weiberdorf) genannt wurde.

Das Oberhaupt war eine alte Frau, Saantje, welche mich, nachdem ich ihr

eine Flasche Genever, den sie sehr liebte, gegeben hatte, mit Cosiri,

Cassave und Ananassen beschenkte.

Auf der andern Seite des Stromes lag ein Caraibendorf, dessen Oberhaupt

ebenfalls eine Frau war, welche Anna hiess.

Der Fluss, welcher oberhalb der ersten Insel sich auf die Hälfte seiner

früheren Breite vermindert und bloss noch eine halbe Stunde breit ist,

bildet beinahe ohne jede Krümmung eine acht Stunden lange Bucht, in welcher

eine Menge Inseln liegen und deren südliches Ende sich wieder ganz in

Wasser zu verlieren scheint.

Ein hoher Hügelzug ist aus der Ferne sichtbar; die beiderseitigen Ufer

sind mit den schönsten Bäumen geziert, deren verschiedene Blüthen gegen

das dunkle Grün der mannigfaltig geformten Blätter wunderschön abstechen.

Besonders fällt die herrliche Caracalla, caraibische Knopojorogorli

(Naranthea guianensis) mit ihren scharlachrothen, 1-2' langen,

ährenförmigen Blüthen ins Auge. In gleicher Farbe glänzen die Blüthentrosse

des Manibaumes (Symphonia coccinea), aus welchem die Indianer ein

pechartiges Harz zu gewinnen wissen.

Auf beiden Seiten sieht man mehrere Indianerdörfer; der Boden, auf dem sie

gebaut sind, ist meistens eine rothe, eisenhaltige Erde.

Wir übernachteten in einem dieser Dörfer, dessen Oberhaupt, Jan, sich

längere Zeit in Cayenne aufgehalten hatte und desswegen gebildeter als die

andern war.

Das immerwährende Klaffen der Hunde, denen ich fremd war und der Schall

der Trommeln, durch welchen der böse Geist Jorka sollte verscheucht werden,

liessen mich beinahe zu keinem Schlaf kommen. Man behauptet irgendwo,

die südamerikanischen Hunde bellen nicht. Ich habe davon zur Genüge das

Gegentheil erfahren; denn auf Buschneger- und Indianerdörfern sind die

Hunde bei der Ankunft eines Fremden nicht zum Schweigen zu bringen. In der

Frühe verliessen wir unser Nachtquartier und fuhren bis nach Kibido-County,

einem Karaibendorfe, das auf der Südspitze einer langen Insel liegt. Hier

kochten wir während eines heftigen Regens unser Mittagessen. Da die Fluth

auf dem durch häufige Regengüsse angeschwollenen Strome nicht mehr wirkte,

so miethete ich noch einen jungen Indianer.

Eine kleine Stunde weiter aufwärts liegt das letzte Caraibendorf. Hier

trafen wir eine Menge Buschneger, die von Armina gekommen waren und nach

Paramaribo gingen, und da ich ärgerliche Scenen befürchtete, so wollte ich

ungeachtet der Bitten meiner Neger und Indianer hier nicht übernachten,

wiewohl sie mich versicherten, dass in der Nähe kein Kamp mehr wäre und wir

desshalb im freien Walde übernachten müssten. Da ich dergleichen Ausreden

und Ausflüchte zu schätzen wusste, so liess ich mich nicht beschwatzen und

sie fuhren mit Widerwillen weiter.

Das Ufer beider Seiten erhebt sich steil und bildet kleine Berge, welche

sich ununterbrochen bis Armina hinziehen.

Der Abend brach an und das Geschrei der Papageyen, die meistens auf

den Strominseln schlafen und, wenn es zuvor geregnet hat, ein wahrhaft

höllisches Concert aufführen, war verstummt. Grosse Fledermäuse und

Nachtschwalben umflatterten uns, und in der Dämmerung konnte man nur noch

schwach die Umrisse einer kleinen Insel unterscheiden, auf welcher Hütten

stehen sollten und der wir nun voll Hoffnung zusteuerten.

Wir erreichten bei Dunkel die Mündung der Siparawini, welche von Osten her

in die Marowyne sich ergiesst und es kostete die angestrengtesten Kräfte

von uns Allen, die reissende Strömung dieser Kreek zu überwinden und ihr

südliches Ufer zu erreichen. Gerade vor dieser Mündung lag die kleine

Insel, auf welcher wir zu schlafen gedachten; aber zu unserem grössten

Verdruss fanden wir Alles unter Wasser stehend und bloss die Dächer ragten

daraus hervor.

Jetzt war guter Rath theuer und ich bereute nun, nicht im letzten Dorfe

geblieben zu seyn; denn eine Nacht, und wäre es auch die schönste,

so enggepresst in einer kleinen Corjaal sitzen zu müssen, die bei der

geringsten Bewegung rechts und links umzuschlagen droht, ist höchst

mühsam und beschwerlich. Die Nacht war wirklich herrlich, der Himmel voll

funkelnder Sterne und kein Lüftchen bewegte die Oberfläche des Wassers.

Sechs Jahre in Surinam Bilder aus dem militärischen Leben dieser Colonie und Skizzen zur Kenntniss seiner socialen und naturwissenschaftlichen Verhältnisse · 第 16 / 23 段