sich die Weiber mit der Zubereitung von Kost und Getränke. Kassavekuchen
werden in Menge gebacken und in der Sonne getrocknet. Ausgepresster Maniok
(Madappi) wird in Körbe verpackt und mehrere Püllen (grosse steinerne
Krüge) werden mit Tapana und Cosiri gefüllt.
Eine Hauptsache aber darf bei einer Seereise nicht fehlen, das ist Sacura,
eine Art Mus, das aus gekautem Cassavebrod, gekochtem Yams und dergleichen
besteht. Man mengt hievon eine Hand voll unter eine Kalabas Wasser, das der
Indianer beinahe nie ohne Beimischung trinkt, und bereitet auf diese Weise
eine Art Suppe, welche zu kosten ich nie über's Herz bringen konnte.
Ist nun endlich die ganze Haushaltung: Menschen, Affen, Hunde, Papagayen,
Hühner und Schildkröten im Boote, so setzt sich der Eigenthümer desselben
gravitätisch an's Steuer, und die Männer blasen auf ihren Pfeifen, dass man
Ohrenweh bekommt; alsdann fährt man ab.
Da man die Zeit sehr wenig schätzt, so gehen solche Reisen manchmal sehr
langsam von statten. Ist es stilles Wetter, so schiessen die Männer auf
jeden auftauchenden Fisch, und an der ersten besten, günstigen Stelle wird
angehalten und gekocht. Da die Küste sehr nieder ist und mit jeder Fluth
überschwemmt wird, so sind sie häufig genöthigt, ihre Mahlzeiten im Boot
zu bereiten. Man holt dann grosse Stücke schlammigen Lehms aus dem Wasser,
breitet dieselbe in der Corjaal aus, und macht hierauf das Feuer an.
Manchmal werden auch in den niedrigen Zweigen der Parcagesträuche Holz und
Lehm so hoch aufgethürmt, dass sie das Wasser nicht erreichen kann; kommt
nun die Fluth, so geschieht es nicht selten, dass eine Welle Feuer und Topf
fortspült, und man mit hungrigem Magen weiter ziehen muss. Daraus macht
sich aber der Indianer nichts, und man muss sich darüber wundern, dass
Hunger und Durst ihn wenig aus seiner guten Laune bringen. Ich bin manchmal
mit Indianern gereist, die 12 Stunden hintereinander kräftig pagaiten,
während dieser Zeit nichts genossen, und doch immer lustig und aufgeräumt
waren. Bei den stärksten Drohungen würde ein Neger diess nicht thun, und
man findet selten Neger, welche eine Fluth (6 Stunden) rudern, ohne etwas
genossen zu haben.
Hat man nun die Pflanzungen erreicht, so wird beinahe Alles für Branntwein
vertauscht, und selten bringen sie nützliche Dinge, als: Zeuge, Beile,
Messer u. s. w. in ihre Heimath zurück. In Paramaribo verweilen sie bloss
einige Tage, begaffen das ihnen Ungewohnte ohne besondere Theilnahme und
laufen meist betrunken in der Stadt herum.
Mit Dram, Melassin und etwas Salz betreten sie den Rückweg, der, weil
ihnen nun Wind und Strömung entgegen sind, viel schwieriger ist, als die
Herreise. Hier hilft nun kein Segel, man muss pagaien und fährt desshalb
auch meist nach Mitternacht, wenn der Wind sich gelegt hat und die See
stiller ist. Den Tag über liegt man an einer ruhigen Stelle vor Anker,
d. h. an einem in den Boden befestigten Stock. Das Ankertau ist gedreht aus
dem Baste des zum Geschlecht der Hibiscus gehörigen Strauches Maho, der
am sandigen Ufer wächst; es entspricht seinem Zweck auf kürzere Zeit
vollkommen.
Ist man des Pagaiens müde, so laufen die Männer wohl halbe Tage lang im
Wasser und ziehen die Corjaal fort. Hat man das sandige Ufer der Mündung
erreicht, so wird bei Ebbe das Fahrzeug an einem langen Tau durch zwei oder
drei Männer gezogen, während einer am Steuer sitzt und dafür Sorge trägt,
dass das Fahrzeug sich nicht zu sehr dem Lande nähert.
Bei der Ankunft im Dorfe wird natürlich bestialisch getrunken; doch finden
sich noch immer einige im Dorfe, die abwechselnd nüchtern sind.
Man sieht dann allenthalben tolle Lustbarkeiten und Schlägereien, und es
ist für einen Nüchternen allerdings interessant, den Einfluss des Drams
auf die verschiedenen Gemüther zu beobachten. Man sieht häufig in derselben
Hütte die Weiber sich an den Haaren herumzerren und mit Feuerbränden das
Fell vergerben, Männer mit Hauern sich oft gefährliche Wunden schlagen,
total Betrunkene auf dem Boden liegen, und Halbbetrunkene in ihren
Hängematten ein Lied auf der Flöte herheulen.
Zu dieser Musik kommt noch das Geschrei der Betrunkenen (denn so stille und
geräuschlos der Indianer im nüchternen Zustand ist, so lärmend und polternd
macht ihn die Betrunkenheit), das Zetergeschrei der Kinder, das Gekreisch
der Papagayen, das Gekläff der Hunde, die aus einem Winkel in den andern
flüchten, und das Gewinsel der Affen. Da jedes männliche Individuum,
das die Reise mitmachte, seine Waaren selbst vertauscht und nichts
gemeinschaftlich hat, so traktirt nun auch jeder seine Freunde
insbesondere, so dass der Vorrath von Dram, sey er auch noch so gross, in
wenigen Tagen getrunken ist.
Im Rausche vorgekommene Injurien und Schlägereien werden, wenn sie auch von
noch so arger Art waren, nachher nicht mehr beachtet und bleiben vergessen
auf die einfache Entschuldigung hin: Ich war betrunken; damit ist allem
Processiren ein Ende gemacht.
Ein anderes Vergnügen eigenthümlicher Art sind ihre Tänze, bei welchen man
sie recht in ihrer Nationalität, unvermischt mit andern Sitten, beobachten
kann. Diese Tanz- oder vielmehr Trinkbelustigungen werden theils von
einzelnen Familien, die einen ziemlichen Vorrath an Cassave haben, oder vom
ganzen Dorfe, wobei dann jede Familie das Ihrige beiträgt, veranstaltet.
Ist der Tag, an welchem ein Tapanafest begangen werden soll, bestimmt,
so wird durch die Weiber eine hinlängliche Menge Maniokwurzeln vom Acker
geholt. Diese werden nun auf Brettchen, welche Simari heissen, und in
welche spitzige, harte Steinchen dicht nebeneinander eingeschlagen sind, so
dass sie die Stelle der Reibeisen vertreten, zerrieben[1].
Der hierdurch entstandene Brei wird in einem Madappi ausgepresst, und das
nun von seinem giftigen Safte befreite Mehl etwa zollhoch auf grossen,
runden, eisernen Platten, unter welchen ein Feuer brennt, ausgebreitet[2].
Das noch etwas feuchte Mehl klebt durch die Hitze zusammen und es entsteht
ein Kuchen, welcher umgedreht wird, wenn er auf der einen Seite gebacken
ist. Zum gewöhnlichen Gebrauch werden diese Kuchen bei mässigem Feuer
gebacken, um das Anbrennen zu verhüten; zum Tapanatranke aber werden
sie absichtlich der Hitze so lange ausgesetzt, bis sie auf beiden Seiten
verbrannt sind.
Der Saft der Maniokwurzel, der, wie ich schon früher bemerkte, giftig ist,
wird etwa auf die Hälfte eingekocht und dadurch unschädlich gemacht. Man
vermischt diese Brühe mit den schwarzgebrannten Broden und lässt das Ganze
ein bis zwei Tage lang gähren. Inzwischen haben nun die Männer in die beste
und grösste Hütte des Dorfes eine sauber gewaschene Corjaal gebracht, und
sie mit Wasser angefüllt, damit in ihr das köstliche Getränk gebraut werden
kann.
Es wird nun eine Menge Cassavebrod an Gross und Klein im Dorfe vertheilt,
und Alt und Jung ist damit beschäftigt, dasselbe zu kauen und in Kalabassen
auszuspucken, welche sie zu diesem Zweck bei sich haben. Sind diese voll,
so wird das appetitliche Mus in die Corjaal geleert, und von Neuem mit dem
Kauen fortgefahren, bis die ausgegebene Quantität zweimal die Kinnladen
des Volkes in Bewegung gesetzt hat, um als Trank noch zweimal dieselben zu
passiren.
Ist Alles fertig, so wird die Corjaal mit Palmblättern dicht verschlossen,
um so schnell als möglich die Gährung zu bewirken.
So eckelhaft auch diese Zubereitung ist, so angenehm und erfrischend
schmeckt der fertige Trank, der beinahe den Geschmack von saurer Rührmilch
hat, sich aber nicht lange hält, und in grosser Menge genossen ebenso
trunken macht, wie das Bier.
Am Morgen des Trinktages sind die Männer meistens mit der Ausbesserung
der Wege, welche zu ihrem Dorfe führen, oder mit der Verrichtung sonstiger
gemeinnütziger Arbeiten beschäftigt. Gegen Mittag beginnt das Fest.
Jedes hat sich hiezu nach seinem Geschmack und Vermögen herausgeputzt. Die
Männer sind, wie ich oben bemerkte, mit Rocou und Tapuriba bemalt und haben
ihre längsten und besten Camisen umhängen. Bogen und Pfeile, sowie eine
viereckige Keule aus hartem Holze, Abadou genannt, dürfen dabei nicht
fehlen. Hiezu kommen noch Colliers von Pakir-, Affen- oder Kaimanszähnen,
Federkronen in allen möglichen Farben und eine Unzahl Glasperlen.
Die Weiber und besonders die jungen Mädchen haben sich prächtig
herausgeputzt. Ihre Lippen stecken voll Nadeln, die kohlschwarzen Haare
sind sorgfältig gekämmt und anstatt der Pommade mit Capatöl beschmiert.
Rothe Flecken und Streifen geben den Gesichtern etwas tigerähnliches,
und der durch Tapouriba schwarzgefärbte Leib sticht grell gegen
die feuerfarbenen, mit Rocu gewichsten Waden ab. Dabei sind sie mit
Glaskorallen von allen Grössen und Farben behangen, und nicht selten zieren
sie ihren Hals mit Ketten, worin sich alle Arten Silbergeld eingefädelt
finden. Ich habe an einer solchen über 100 Franken gezählt.
An den Seiten der Hütte sind lange, plump aus Cedernholz geschnitzte Bänke
angebracht, deren Ende Krokodil- oder Tigerköpfe vorstellen. Auf diesen
Bänken nehmen nun die Familienhäupter Platz, und die Weiber kredenzen den
köstlichen Trank in Kalabassen oder irdenen Schüsseln. Mehrere Weiber und
Mädchen umfassen sich mit den Armen und bilden einen Halbkreis um den,
welchem sie den Trank bringen. Nach einem jämmerlichen Gesang biegen sie
taktmässig die Kniee und den Oberleib, ohne übrigens von der Stelle zu
kommen, und singen nun in einem wehklagenden Ton einige Dutzend Male
denselben Vers. Hat der damit Beehrte getrunken, so kommt die Reihe an
einen andern. Grosse Trommeln, mit Hirsch- oder Pakirfellen überzogen,
hängen an langen Schnüren von der Decke herab, und werden von jungen
Männern nach dem Takte ihrer Lieder, welche ganz dieselbe Melodie, wie die
der Weiber haben, geschlagen. Auch sie bewegen sich auf dieselbe Weise,
ohne vom Platze zu kommen.
Es ist unglaublich, welche Menge dieses Trankes bei einer solchen
Tanzparthie getrunken wird. Sowohl das damit angefüllte Boot, als auch
die Töpfe sind des Abends gewöhnlich ausgetrunken. Sind bei einem solchen
Gelage hundert Personen, die Kinder mitgerechnet, anwesend, so bin
ich überzeugt, dass mehr als zehn Fässer, je 320 Flaschen enthaltend,
verbraucht werden.
Hat der Indianer so viel getrunken, dass er die von den Weibern dargebotene
Schüssel nicht mehr leeren kann, so erbricht er sich, um aufs Neue trinken
zu können. Dieses Vomiren geschieht nicht heimlich; es gehört gewissermasen
zum Feste selbst; denn er erhebt sich nicht einmal von seinem Sitze. Der
Boden des Tanzhauses gleicht alsdann einer Pfütze, in welcher man bis um
die Knöchel im Tapana herumwatet.
Ausser den angeführten Tänzen sah ich bei dieser Gelegenheit einen
andern, welchen zwei Männer ausführen. Jeder hat ein aus Thon gemachtes,
rothbemaltes Blasinstrument, das zwei aufeinandergesetzten Trichtern
gleicht und auf beiden Seiten eine kleine Oeffnung hat, in welche
hineingeblasen wird. Unter den sonderbarsten Wendungen und Verdrehungen des
Körpers, indem sie sich bald entfernen, bald nähern, auf den Bauch legen,
oder auf allen Vieren herumlaufen, endigt sich diese Scene nach etwa einer
Viertelstunde unter dem Gelächter der Uebrigen.
Des Nachts ist zwar das Fest beendigt, aber am andern Morgen thut man sich
mit dem Ueberrest gütlich, wenn ein solcher noch vorhanden ist.
Einen andern Tanz sah ich mehrere Jahre nachher.
Der Piaiman _Thomas_ war auf einer Reise nach den Pflanzungen plötzlich
gestorben, und seine Wittwe gab zur Erinnerung ein Jahr nach seinem Tode
eine Tanzparthie.
Ich sah wohl im Hause derselben Cassave backen, Tapana und Casiri
zubereiten, aber weitere Vorbereitungen fanden nicht statt. Der Tag
wurde wie gewöhnlich beschlossen; einer nach dem andern legte sich in die
Hängematte, und man sah nirgends das mindeste Zeichen einer Festlichkeit.
In der grössten Hütte des Dorfes hingen die Hängematten der ledigen
Personen in die Kreuz und Quere, und nur beim Schein des Feuers, das unter
jeder brannte, konnte man sich zurechtfinden.
Auf einmal hörte ich aus einer Ecke der Hütte ein jämmerliches Geheul und
Wehklagen. Ich lief dahin und fand die Wittwe, welche wie eine Schildwache
unbeweglich stand und in der Hand Bogen und Pfeile, sowie einen alten
Strohhut ihres verstorbenen Mannes hatte. Mit einem Feuerbrand beleuchtete
ich sie auf allen Seiten, was sie aber keineswegs irre machte; denn sie
heulte ihren wehklagenden Gesang unter beständigem Schluchzen und einer
Fluth von Thränen.
Die Indianer erklärten mir den Inhalt ihrer Worte so: Es ist nicht gut,
dass du uns verlassen hast, dein Knabe ist noch zu jung, um für mich zu
jagen und Fische zu fangen u. s. w.[3].
Nachdem dieses Geheul beinahe eine halbe Stunde ohne Unterbrechung gedauert
hatte, trat eine kleine Pause ein, und in einer andern, ebenso dunkeln Ecke
erschien ein anderes altes Weib, das ein so jammervolles Geheul anhub, als
wäre der Verstorbene ihr Mann oder nächster Anverwandter gewesen. Nachdem
dieses Geheul ebenso lang, wie das der noch unbeweglich in ihrem
Winkel stehenden Wittwe gedauert hatte, heulten beide miteinander wie
Schlosshunde, so dass ich es beinahe nicht mehr in der Hütte aushalten
konnte. Da übrigens jedes Ding sein Ende hat, so war endlich auch der
Thränenquell beider Weiber gänzlich versiegt, und man schritt zu einem
neuen ganz besondern Tanze, zu welchem sich nach und nach mehrere Weiber
und Kinder eingefunden hatten. Alle bildeten einen Kreis, wobei sie sich
um den Hals schlangen; ein Lied wurde wieder auf ihre eigenthümliche Weise
angestimmt, die Kniee und der Oberleib hin- und hergebogen, und endlich
rasch hintereinander der Kreis umlaufen. Es herrschte hiebei eine tolle
Fröhlichkeit, und auch die Worte schienen nichts Trauriges zu enthalten,
obgleich ich den Sinn derselben nicht verstand.
Meiner selbst wurde in diesem Gesange mehrere Male gedacht; auch schloss
ich mich dem Kreise an und tanzte zur allgemeinen Belustigung mit. Während
des Tanzes, welcher beinahe bis zum Morgen währte, machte man Gebrauch von
den bereiteten Getränken.
In den Lebensmitteln vegetabilischer und animalischer Art, welche Gewässer
und Wälder liefern, sind die Caraiben nicht sehr wählerisch, indem sie
beinahe Alles, nur wenige Thiere ausgenommen, essen. Schlangen und grosse
Seeschildkröten sind zwar von ihrer Tafel verbannt; dagegen werden aber
wieder Pipa-Kröten, Laubfrösche, Wespenlarven, Ameisenweibchen, die
Larven verschiedener Rüsselkäfer, sowie die Käfer, welche die Blumen der
Wasserlilie zerfressen, und alle Arten Eier mit grossem Appetit verspeist.
Feinschmecker sind die Indianer eben nicht, und wenn sie auch gewisse
Gerichte vorziehen, so ist es ihnen ziemlich gleichgültig, ob z. B. das
Fleisch halb oder ganz gar, versalzen oder ohne Salz gekocht ist. Wenn
es nur den Magen füllt und mit den Zähnen zerrissen werden kann. Zu ihren
vorzüglichen Delicatessen gehört besonders der Leguan. Ich habe mich oft
darüber gewundert, wie sie dieses Thier auf den dichtbelaubtesten Bäumen
entdeckten und mich häufig geärgert, wenn sie meiner Bitten und Drohungen
ungeachtet Jagd auf dieses harmlose Thier machten, und dadurch die Reise
verzögerten, ungeachtet Fleisch und Fisch in Ueberfluss im Boote war.
Eine andere Leckerei sind Haifische, die an seichten Stellen der See
geschossen werden, und kleine Kaimans, welche entweder am Ufer der Flüsse
und Kreeken liegen, oder die Schnauze aus dem Wasser strecken. Die Indianer
bedienen sich beim Fischfang nie der Netze, sondern immer der Angeln; auch
schiessen sie die Fische, oder betäuben dieselbe mit dem Stinkholz, Nekko.
Kleine Fische werden auf gewöhnliche Weise mit Angelruthen gefangen;
grosse Fische aber mit Wurfleinen, etwa 100' langen, aus Bromelienflachs
geflochtenen, starken Schnüren, an deren Ende ein Stück Blei ist, und nahe
bei demselben drei bis vier kürzere Schnüre sind, an welchen die Angeln
sitzen.
Das Tau wird vom Boote oder Lande ausgeworfen, und das andere Ende so lange
in der Hand behalten, bis man merkt, dass ein Fisch angebissen hat. Eine
andere Art von Angeln sind die Springangeln, bei welchen ein starker,
elastischer Stock im Wasser befestigt wird, an welchem ein langes Tau
mit der Angel hängt. Dieser Stock wird nach unten gespannt und durch ein
klammerförmiges Hölzchen, das in der Mitte des Taues sitzt, in dieser
Spannung erhalten. Schnappt der Fisch nach der Angel, so springt die
Klammer los und der Stock schnellt in seine natürliche Lage zurück;
zugleich zieht er den Fisch halb aus dem Wasser. Oft findet daher der
Fischer blos die Köpfe, weil auf das Gezappel des Fisches die Kaimans und
besonders die gefrässigen Pirais herbeikommen, und so viel abbeissen, als
sie bekommen können. Die Art und Weise, wie der Fischfang mit Maschoas
betrieben wird, habe ich schon früher beschrieben, den mit Stinkholz aber
sah ich zuerst an der Marowyne. Die Indianer gebrauchen dreierlei mir
bekannte Pflanzen, durch deren Saft die Fische betäubt werden.
Die erste und gewöhnliche ist eine, im Hochwald wachsende, manchmal
schenkeldicke Liane, welche zum Geschlechte der Papilionaceen
(Lonchocarpus) gehört. Die zweite ist eine Syanthere, der Conamistrauch,
der um die Häuser gepflanzt wird, und dessen Blätter und Blüthen zu
einem Brei gestampft werden. Die dritte ist das Bäumchen Gunapalu, eine
Euphorbiacee mit herzförmig zugespitzten Blättern, die wahrscheinlich mit
den Jatrophas verwandt ist. Auch diese wird um die Häuser gepflanzt, und
ich bin nicht gewiss, ob sie hier einheimisch ist. Die sehr milchigen
Blätter und Zweige werden ebenfalls zerstampft, und wie die der Conami mit
dem Wasser vermischt.
Zur Zeit der Fluth, die sich in der untern Marowyne 8-10' erhebt, ziehen
die Flussfische in die Buchten und Kreeken, wo sie, bis die Ebbe eintritt,
ihrer Nahrung nachgehen, die theils in Baumfrüchten, welche ins Wasser
gefallen sind, theils in Würmern und andern Fischen besteht.
Will man nun mit Stinkholz, oder den zwei andern betäubenden Pflanzen
fischen, so wird, sobald die Fluth ihre grösste Höhe erreicht hat, eine
geschickte Kreek abgeschlossen, so dass den Fischen der Rückweg in den
Strom abgeschnitten ist. Diess geschieht mit einem sogenannten Paarl, der
aus etwa 8' hohen Stäben aus Palmblattstielen besteht, welche mit Lianen so
an einander befestigt sind, dass zwischen jedem Stab eine Oeffnung von etwa
1" Breite gebildet wird und eine Art spanischer Wand entsteht, durch welche
das Wasser ungehindert ablaufen kann.
Ist nun das Wasser bedeutend gefallen, so begeben sich einige Männer mit
grossen Stücken Stinkholz, das man zuvor durch Schlagen mit harten Stücken
Holz zerfetzt und locker gemacht hat, an das obere Ende der Kreek, wo man
durch beständiges Reiben und Schlagen im Wasser alle giftigen Theile der
Pflanze demselben mittheilt.
Nach wenigen Minuten bemerkt man bereits die Wirkungen an den
Wasserbewohnern. Kleine Fischchen schwimmen auf dem Bauche herum, Krabben
und Krebse suchen ans Land zu flüchten und wackeln wie besoffen hin und her
und es schnellt bald da, bald dort ein Fisch aus dem Wasser oder streckt
die Schnauze hervor.
Die ganze Mannschaft ist längs der Kreek vertheilt und schiesst mit Pfeilen
auf die auftauchenden. Weiber und Kinder waten im Schlamm umher, um die
berauschten Fische herauszuziehen. Alles, was Leben hat, stirbt in dem
vergifteten Wasser und wird eine Beute der Indianer. Diese sagen, dass in
einer solchen Kreek lange nicht mehr gefischt werden könne, weil sich der
giftige Geruch den im Wasser liegenden Baumstämmen und selbst dem Schlamme
mittheile, auch nur langsam wieder verliere.
Beim Fischen mit Conami und Gunapalu wird der Brei mit dem Wasser vermischt
und hat ganz denselben Erfolg. Das Fischen auf diese Weise heisst man
Ponsen; es ist jedenfalls sehr schädlich, weil auch eine Menge Laich und
Brut dadurch zu Grunde geht.
Beim Beginn der Regenzeit, wenn die Buschfische aus den Strömen und
grösseren Kreeken in kleinere Bäche und Sümpfe ziehen, dämmt man diese
gewöhnlich mit Paarls und Pinablättern ab.
Die dadurch in ihrem Lauf aufgehaltenen Fische suchen über das Hinderniss
wegzuspringen und fallen dabei in eine, zu diesem Zweck dahinter gelegte
Corjaal. Wenn die Fische recht im Zug sind, kann man des Morgens Hunderte
derselben in der Corjaal finden.
Ist der Fischfang so ergiebig, dass man auf mehrere Tage Vorrath hat,
so werden die Fische gebarbakot (geräuchert). Man nimmt dabei bloss die
Eingeweide heraus und legt sie ungesalzen auf eine Art Rost, der aus
Stöcken gemacht ist. Unter demselben unterhält man so lange Feuer, bis die
Fische gebraten und getrocknet sind. Ebendesswegen halten sie sich auch
bloss einige Tage und wimmeln häufig von Würmern, die aber dem Indianer
seinen Appetit nicht benehmen. In der Regenzeit (Mai, Juni) legen die
rothen Ibise, hier fälschlich Flamingos genannt, sowie andere reiherartige
Vögel ihre Eier in die Gebüsche am niederen Seestrande und brüten.
Eier und junge Vögel werden von den Indianern besonders geschätzt, und sie
scheuen daher die Reise nach den Legeplätzen nicht.
Zwei grosse Corjaalen meiner Nachbarn kamen eines Tages an den Posten, um
auf eine solche Eierexpedition auszugehen. Man gelobte mir, nachdem ich
die Mannschaft mit Branntwein erquickt hatte, auch einen Korb voll Eier
mitzubringen.
Wenige Tage nachher kamen beide Corjaalen wieder zurück, vollgeladen mit
Eiern und einer Menge junger, sehr mager aussehender Vögel. Ich bekam nun
etwa hundert von diesen Eiern, welche grün und schwärzlich gedupft und von
der Grösse kleiner Hühnereier waren. Sogleich machte ich mich daran, einen
Eierkuchen zu backen, fand aber zu meinem Verdruss, dass nur ein frisches
Ei dabei war. Alle übrigen waren entweder halbbebrütet und stinkend oder
enthielten schon beinahe reife Vögel, welche sich noch bewegten. Desshalb
glaubte ich, dass man wirklich dieses Geschenk für mich ausgelesen habe.
Da ich nun aber durchaus Eierkuchen essen wollte, so fuhr ich sogleich in
meiner Corjaal nach dem Dorfe, wo ich in jeder Hütte die Weiber mit dem
Kochen der Eier beschäftigt antraf. Diese waren aber ebenso, wie die
meinigen. In einer Brühe von stinkenden Dottern schwammen Vögel von allen
Brutprocessen, reichlich mit spanischem Pfeffer gewürzt, und dieses Mahl
wurde mit wahrem Heisshunger verzehrt.
Man würde bei einer solchen Lebensweise sich nicht verwundern, wenn
gefährliche Krankheiten entständen; es ist diess aber nicht der Fall, und
nur selten findet man kränkliche Personen.
Ausser den, mit den hier zu Lande herrschenden entsetzlichen Krankheiten,
als Lepra und Elephantiasis heimgesuchten Personen, findet man höchst
selten Gebrechliche, weder Krüppel noch Krumme, und wenn man an den nackten
Leibern Wunden oder Narben wahrnimmt, so sind es immer ehrenvolle
Zeichen eines Kampfes oder eines, in der Trunkenheit geschehenen Falles.
Zeitenweise kommt es vor, dass Dissenterie unter ihnen grassirt, auch
sind Wechselfieber häufig. Sie kennen übrigens eine Menge vegetabilischer
Arzneien, welche meist von guter Wirkung sind. Ist die Krankheit ernsterer
Natur, so wird ein geschickter Doctor oder Piaiman zu Rathe gezogen. Dem
Kranken wird in seiner Hütte eine Art Zelt aus Camisen und anderen Tüchern
zurechtgemacht und seine Hängematte darin aufgehangen. In einem andern
ähnlichen Zelte sitzt der Piaiman, der die unentbehrliche Maraka (eine
runde, hohle, kugelförmige Kalabas, durch deren Mitte ein Stock geht,
dessen oberes Ende mit Rabenfedern geziert ist, und welche runde
Quarzkörner oder Marowynesteine enthält), bei sich hat. Er bespricht sich
in seinem Zelte mit dem bösen Geiste, der die Krankheit verursacht. Sein
Gespräch ist bald flehend, bald drohend, jetzt brüllend, dann wieder mit
Schluchzen und Weinen vermischt.
Je schwerer die Krankheit ist, um so mehr gibt sich der Piaiman Mühe, durch
seine Drohungen dem Geiste Furcht einzujagen.