Die Kriegsmatrosen hatten während dieser Zeit freien Lauf und benützten

diese auch auf's Köstlichste. Am Tage ihrer Ankunft war gerade eine

indianische Arowackenfamilie bei mir auf Besuch gekommen. Es waren meistens

Weiber, welche der Schnaps angelockt hatte. Die Matrosen nahmen nun von

meinem Haufen, dessen Gegenstände verzeichnet waren, ein paar Kisten

Branntwein, und bald lag das ganze Völkchen besinnungslos auf der Savanne.

Es war gerade nicht nöthig, dass die Nacht ihren Schleier über diese Scene

warf; denn die Indianer waren so betrunken, wie ihre Weiber, dass sie die

Fehltritte derselben nicht bemerken konnten.

Ich hatte mich in mein Haus eingeschlossen und lag schon in tiefem Schlaf,

als ein höllisches Geschrei und Gepolter, das aus der Bäckerei zu kommen

schien, mich weckte. Mit dem Licht in der Hand lief ich sogleich hin, um

dieses Nachtstück zu beleuchten. Dort fanden sich zwei Matrosen mit zwei

indianischen Weibern, welche, um sich vor Mosquittosstichen zu schützen,

in's Bett des Bäckers gekrochen waren, das er gutmüthig ihnen abgetreten

hatte. Dieses, aus Mehlfassdauben zusammengenagelte, wurmstichige Möbel,

das schon seit Olim's Zeiten ein Bäcker dem andern überlieferte und blos

für einen Mann bestimmt war, brach unter seiner Last und fiel mit derselben

auf die, unter ihm liegenden Mehlfässer.

Diese (der Teufel hatte offenbar sein Spiel dabei) waren mit der

Schlafmaschine einige Schritte fortgerollt und stiessen an den Backofen an,

der, ebenfalls schon lange im schlechten Zustande, einige Risse bekam. Die

Matrosen und ihre Schönen waren bei dieser Rutschparthie mit heiler Haut

davon gekommen; dem Bäcker aber, der sich im Backtroge gebettet hatte,

fiel in Folge der Erschütterung der Deckel desselben auf den Kopf und

verursachte ihm einige Beulen.

Ich fand, als ich mit dem Lichte kam, noch Alle voll Bestürzung. Die

Indianerinnen schoben ihre Feigenblätter (Kwejus) wieder zurecht, und

die Matrosen tranken auf diesen Schrecken mit dem Bäcker einige Gläser

Branntwein.

Nach etwa vierzehntägigem Aufenthalt, während welcher Zeit der Kapitän

seine legale und nicht legale Arbeit verrichtet hatte, zog auch er mit

seinen Matrosen von dannen.

Jetzt hatte ich wenigstens einige Wochen vor Besuchen Ruhe, und wendete

diese Zeit zu häufigen Besuchen bei meinen Nachbarn, den Indianern, an, um

ihre Sitten und Gebräuche kennen zu lernen.

Sie gehören, wie die meisten der Indianer, zum Stamme der Caraiben; ihr

ganzes Dorf mochte etwa 100 Köpfe stark seyn. Das Oberhaupt, ein 55-60

Jahre alter Mann, hiess Christian. Er hatte von verschiedenen Weibern

wenigstens 12 Kinder, von welchen die meisten erwachsen und verheirathet

waren. Er stand bei allen Indianern als Piaiman, d. h. Doctor oder

Zauberer, in grossem Ansehen und wurde, wenn Jemand ernstlich krank war,

sogleich gerufen. Ich hatte später Gelegenheit, seine Beschwörungen mit

allen Zubereitungen in bester Form zu sehen.

Die Lebensweise der Caraiben ist im Allgemeinen von der der Arowacken

nicht sehr verschieden, nur sind diese sanfter von Character. Auch die

Gesichtszüge der Arowacken, besonders die der Frauen, sind feiner und

gefälliger und haben nicht den derben Ausdruck der Caraiben.

In Beziehung auf die Reinlichkeit ihrer Haushaltungen und ihres Körpers

sind die Caraiben viel pünktlicher, und obgleich beide Stämme in

Freundschaft mit einander leben, verachtet doch einer den andern. Die

Arowacken sind meist gute Jäger; dagegen scheinen die Caraiben den

Fischfang besser zu verstehen, auch sind letztere im Bau der Corjaalen und

in der Führung derselben bei stürmischem Wetter jenen überlegen.

Die Caraiben sind ein schöner, kräftiger Menschenschlag; die Männer sind

selten über 5½' hoch, die Weiber aber bedeutend kleiner. Sie tätowiren

sich nicht, bemalen aber zur Zeit ihrer Feste, und besonders, wenn sie von

Reisen zurückkommen, den Leib mit dem Safte einer Frucht (Taburiba), der

das Eigenthümliche hat, dass er sich durch nichts abwaschen oder

ausbeizen lässt, aber täglich blässer wird, und mit dem achten Tage ganz

verschwindet. Die Farbe dieses Saftes ist schwarz und wird mit einer

Federspule auf den Leib aufgetragen. Das Bemalen aber, dem sich Männer

und Weiber unterziehen, ist ein langweiliges Geschäft, das mehrere Stunden

dauert, weswegen man auch nur wenige so bemalte Indianer sieht. Die Meisten

begnügen sich damit, dass sie den Saft auf den Leib spritzen und denselben

mit der Frucht einreiben.

Die Haare werden mit einer Salbe von Rocou (Orlean) und Crapatöl

beschmiert, und diese besonders auf der Stirne beinahe fingersdick

aufgetragen. Die Füsse werden ebenfalls bis zu den Knieen roth gefärbt. Auf

dem Gesichte werden mit einer Farbe, Crawaru, vermischt mit dem angenehm

riechenden Harze (Arakasiri), Striche und Punkte angebracht. Federkronen,

Colliers von Affen-, Pakir-, oder Caimanzähnen vollenden den Putz.

Ihre Weiber sind von denen der Arowacken besonders leicht zu unterscheiden,

denn die Caraibinnen tragen statt des niedlichen Perlenschürzchens, das

deren einzige Bedeckung ist, ein langes, dunkelblaues Tuch, das durch einen

Gürtel von Affenhaaren (vom Stentor ursinus) befestigt ist, und durch die

Beine gezogen, zu demselben Zweck dient. Ihre schönen, schwarzen Haare sind

auf der Stirne glatt abgeschnitten, meistens los, aber auch oft in Zöpfe

gebunden. Die Unterlippe ist von einer grossen Stecknadel durchbohrt, deren

Spitze nach aussen gekehrt ist und als Waffe gegen unerlaubte Freiheit

dienen kann.

Manche caraibische Schöne trägt in ihren Ohrläppchen Pröpfe oder Knochen,

welche zuweilen daumendick sind. Das Auffallendste aber sind ihre Waden,

welche gleich kleinen Fässchen hervorstehen. Die starken baumwollenen, 3"

breiten Bänder, mit welchen das kleine Mädchen oberhalb der Knöchel und

unterhalb der Kniee gebunden wird, und die nie abgenommen werden,

hindern das natürliche Wachsthum und machen, dass die Waden so unförmlich

heraustreten.

Die jungen Mädchen sind, diesen Misswachs abgerechnet, niedliche Geschöpfe,

werden aber, wenn sie älter werden, übermässig breit, platt wie eine

Bratpfanne, und ihre Brüste, an welchen manchmal Kinder, Affen und

junge Hunde zugleich saugen, haben besonders in ihren späteren Jahren so

ziemliche Aehnlichkeit mit schweinenen Tabaksblasen.

Wie ganz anders ist dagegen eine junge Buschnegerin gestaltet! Welches

Ebenmaas, welche Fülle der Glieder! Die schwarze, atlasfeine Haut, die

üppigen Verhältnisse der Glieder würden einem Bildhauer das reinste Modell

eines schönen Weibes liefern. Nur Schade, dass diese schwarzen Schönheiten

einen Geruch um sich verbreiten =witch all the perfums of Arabia not can

sweeting=, eine Eigenschaft, welche die Indianer nicht besitzen.

In ihren häuslichen Verhältnissen findet zwischen den Caraiben und

Arowacken wenig Unterschied statt. Die Meisten begnügen sich mit Einem

Weibe. Man findet aber auch solche, die zwei, drei oder mehr Weiber haben,

von welchen jede eine besondere Hütte für sich und ihre Kinder hat. Kommt

nun ein Mann, der einen solchen Harem besitzt, nach Hause, so wird ihm von

seinen Weibern sein Essen vorgesetzt, das immer in Cassavebrod und einer,

aus zahllosen spanischen Pfeffern gekochten Sauce, nebst Wild und Fischen

besteht, wenn er solches mitbrachte. Jede dieser Weiber bringt ihr Essen

dem Mann, setzt es vor ihm nieder und entfernt sich sogleich wieder,

ohne ein Wort zu sprechen. Man kann desshalb aus der Anzahl der Schüsseln

errathen, wie viele Weiber ein Mann hat. Nach dem Essen nimmt jedes Weib

wieder ihre Schüssel weg und verzehrt den Ueberrest mit den Kindern in

ihrer Hütte.

In solchen polygamischen Ehen gibt es aber manchmal Mordspektakel, und die

Autorität des Mannes wird, wenn die Damen einmal in der Wuth sind, wenig

mehr beachtet. Ehliche Treue ist unter ihnen gar nicht zu finden, und es

geschieht häufig, dass ein Weib monatelang sich bei einem andern Indianer

aufhält, und nachher wieder zu ihrem Manne zurückkehrt. Ebenso ist es nicht

selten, dass Männer ihre Weiber und Kinder verlassen und sich an andern

Plätzen wieder ansiedeln.

Es gibt gewiss kein unbeständigeres Volk, als die Indianer. Der kleinste

Umstand kann ihre Laune ändern und machen, dass sie Aecker und Wohnungen,

selbst wenn diese erst neu angelegt sind, sowie ihre Familien verlassen,

und sich lieber mit unsäglicher Mühe an andern Plätzen wieder anbauen, die

ihnen bei weitem den Vortheil ihrer verlassenen Heimath nicht geben. Und

wie die Alten, so die Jungen!

Es ist nichts Ungewöhnliches, dass Kinder von 10-12 Jahren von ihren Eltern

weglaufen, und nach andern, oft weit entfernten Dörfern, wo sie Bekannte

haben, gehen. Eine Hängematte, Pfeil und Bogen und vielleicht noch ein

altes Messer sind der ganze Reichthum eines solchen kleinen Vagabunden, der

aus jeder Eidechse, jedem Vogel oder Fisch, den sein Pfeil erreicht, seine

Mahlzeit zu bereiten weiss.

Eltern- und Kinderliebe gehört zu den Seltenheiten, und für Alte und Kranke

scheint man ganz gefühllos zu seyn. Selbst Mütter, deren Kinder des Nachts

aus ihrer Hängematte ins Feuer fielen und sich auf schauderhafte Weise

verbrannten, liessen diese armen Würmer ohne Hülfe wimmern und tanzten

ungerührt beim Tapanafeste in den Reihen der Uebrigen.

Solche Brandwunden kommen sehr häufig vor, weil die Indianer immer Feuer

unter der Hängematte haben, und manches Kind, das von der betrunkenen

Mutter wegkroch, ins Feuer fällt.

Die Dörfer sind ohne alle Symmetrie, meist dicht an einem Flusse oder einer

fahrbaren Kreek angelegt, und die Häuser stehen ohne alle Ordnung in die

Kreuz und Quer da, wo sie eben die Laune des Eigenthümers hinstellte.

Jede Familie hat ihre eigene Hütte, die so lange benützt wird, bis sich

kein Plätzchen mehr findet, an welchem die Hängematte vor Regen geschützt

ist. Der Bau dieser Hütten ist zweckmässig und sehr einfach. Zwei oder drei

etwa 8 Zoll dicke Pfosten von schönem, geradem Holze werden so weit von

einander in die Erde eingegraben, als die Hütte lang werden soll. Sie sind

10-12' hoch und tragen eine starke Querstange, die so lang ist, als das

Haus, und zum Tragen des Daches bestimmt ist. Vier Pfosten von etwa 4'

Höhe sind an vier Ecken in die Erde eingerammt, und tragen zwei mit der

Mittelstange parallel laufende Stangen von gleicher Länge. An dieses

Rahmenwerk wird eine gewisse Anzahl leichter Stangen mit Buschtau

festgebunden und im Gipfel des Hauses an die grosse Querstange befestigt.

Die Blätter der grossen Heliconie werden in der Mittelrippe zusammengelegt,

und ein Blatt neben das andere mit Lianen angereift.

Nachdem durch das Zusammenfügen vieler dieser grossen Blätter ein

ansehnliches Stück des Daches gemacht ist, wird dieses mit Sparren und

Stangen beschwert und bleibt so lange auf dem, zuvor sorgfältig gesäuberten

Boden liegen, bis die steifen Blätter etwas welk geworden sind und das

ganze Stück sich zusammenrollen lässt. Man befestigt sodann das eine Ende

am Giebelbalken mit starken Lianen, und entrollt die Decke. Diese Stücke

sind gerade so lang, als die Blätter breit sind, etwa 7-8' lang, und

es werden desshalb ihrer so viele verfertigt, als die Länge des Hauses

erfordert. An das erste wird das zweite, etwas über jenes, und so jedes

Stück gelegt, damit der Regen nicht eindringen kann.

Sind beide Seiten des Daches auf diese Weise gedeckt, so wird mit künstlich

zusammengeflochtenen Cumublättern der Giebel bedeckt.

Alles dieses wird mit Lianen ans Rahmwerk festgebunden. So leicht diese

Dächer auch sind, so undurchdringlich sind sie doch für den Regen. Eine

solche Hütte ist 2-3 Jahre in gutem Zustand, und wenn sie dem Winde nicht

zu sehr ausgesetzt ist, noch von längerer Dauer.

Fleissige Indianer pflegen auch noch ein Schlafgemach zu bauen. Die Hütte

wird dann bedeutend höher, und etwa 6' vom Boden sind über die ganze Breite

desselben sogenannte Pallisaden gelegt, die den Fussboden bilden.

Die Giebelseiten werden sorgfältig mit Tas oder andern Palmblättern

verschlossen, und nur auf einer Seite wird eine Oeffnung, welche die Thüre

vorstellt, gelassen, die des Nachts mit einer, ebenfalls aus Palmblättern

geflochtenen Decke verschlossen wird.

Zu diesem Schlafzimmer führt eine Treppe, welche aus einem Baumstamme roh

gearbeitet ist.

Auch hier hat jedes Individuum sein Feuerchen unter der Hängematte, und es

ist in der That unbegreiflich, dass nicht mehr Brandunglück entsteht. Die

Palissaden werden zu diesem Zwecke mit alten Scherben bedeckt, auf diese

wird etwas Erde geschüttet und hierauf das Feuer angemacht. Das Holz hiezu

schaffen die Weiber herbei, deren Aufgabe auch das Anmachen der Feuer ist.

Am frühen Morgen (denn mit anbrechendem Tage verlässt alles die Hängematte,

um sich im Strome zu waschen) reinigen die Weiber die Hütte, backen Brod

und kochen das Essen.

Die Männer gehen hierauf auf die Jagd, fischen manche Körbe, oder liegen

wieder in die Hängematte und bekümmern sich nicht im mindesten um die

Haushaltung.

Die Caraibinnen sind sehr geschickt im Verfertigen von Krügen, Töpfen und

grossen Trögen, worin Casiri und Tapana gebraut wird. Ebenso haben sie

eine grosse Geschicklichkeit in der Verfertigung von Hängematten. Die Töpfe

werden aus einem grauen oder röthlichen, sehr fetten Lehm gemacht, den

sie meist weit her holen. Dieser Lehm wird zuerst von allen Unreinigkeiten

gesäubert und mit dem Pulver der zu Kohlen verbrannten Rinde des

Kwepiebaumes vermischt und dann mit den Händen so lange gerieben, bis sich

alles gleichmässig vermengt hat. Die Werkzeuge zu dieser Töpferarbeit sind

sehr einfach und bestehen bloss aus einem Brettchen, auf welches das zu

Verfertigende gestellt wird, einigen Stücken Calabassen, die wie Löffel

oder Spatel gestaltet und zum Abkratzen des überflüssigen Thons, sowie zur

Glättung des Werks bestimmt sind, auch aus einer Calabasse mit Wasser, um

das Werk zu befeuchten.

Der Thon wird zu dünnen, langen Würstchen ausgerollt, auf dem Brettchen ein

runder Boden verfertigt, an den diese Würstchen angeklebt und immer in der

Runde mit dem Spatel bearbeitet werden. Ist die Arbeit fertig, so stellt

man sie an einem luftigen Ort zum Trocknen auf.

Die Schüsseln werden sodann von innen mit Orlean und einer Art Firniss von

Copal bestrichen, nachdem sie zuvor mit einem rothen, jaspisartigen Stein,

der in der Correntin oder dem Maho gefunden wird, geglättet wurden.

Sind die Töpfe oder Krüge trocken genug, so wird ein Feuer aus Baumrinde um

sie angemacht, und sie dann, wenn sie vortheilhaft ins Auge fallen sollen,

mit dem Safte eines Käfers, welcher braun färbt, bemalt.

Diese Wasserkrüge sind in der ganzen Colonie im Gebrauche, und es erhält

sich das Wasser auch sehr kühl in ihnen, weil sie porös sind und immer

schwitzen.

Eine andere bedeutende Beschäftigung ist die Verfertigung von Hängematten.

Cattun, den sie theils selbst um ihre Hütten pflanzen, theils von den

Plantagen eintauschen, wird in müssigen Stunden von ihnen gesponnen, und

dann, wenn eine hinreichende Quantität, etwa 10-15 Pfund Garn vorhanden

sind, der Webstuhl aufgeschlagen. An zwei aufrecht stehenden Pfosten

sind zwei andere so weit auseinander befestigt, als die halbe Länge der

Hängematte betragen soll. Um diese Pfosten wird nun der Zettel gewunden,

der Eintrag durch Aufhebung der Zettelfäden durchgeschoben und mit einem

harthölzernen, glatten Lineal festgeklopft.

Dass diese Arbeit sehr langsam fortschreitet, ist leicht begreiflich.

Diese Hängematten sind aber sehr dicht und warm, und werden mit 25-30 fl.

bezahlt. Die andern Hängematten werden aus Schnüren, welche aus den

Blättern der Mauritia geflochten sind, gewoben, gleichen aber einer Art

Netzwerk, und sind nicht dauerhaft.

Die Bebauung der Felder ist ebenfalls den Weibern überlassen. Die Männer

fällen zwar die schweren Bäume mit der Axt, aber die Weiber müssen das

kleinere Gesträuch mit den Hauern abschlagen. Nachdem nun alles in vier bis

sechs Wochen gut ausgetrocknet ist, steckt man den Haufen an der Windseite

in Brand. Was nicht verbrannte, wird in kleinere Stücke gehauen und wieder

angezündet, und das thut man so lange, bis man einen hinlänglichen Platz

zur Anpflanzung der Cassavestöcke hat. Auf einem solchen Acker sind bei

weitem nicht alle Bäume verbrannt, sehr viele liegen noch durcheinander

am Ort, wo sie gefällt wurden, und es ist desshalb eine Promenade in einem

indianischen Acker sehr ermüdend, weil man bald über Bäume klettern, bald

unter ihnen durchkriechen muss.

Beim Beginn der kleinen Regenzeit, Anfangs December, wird der Acker mit

Cassave oder Maniok bepflanzt. Die knotigen Zweige dieses Strauches werden

in 3-4 Fuss lange Stücke zerbrochen, und zwei oder drei derselben etliche

Zoll unter dem Boden kreuzweise übereinandergelegt und vergraben. In

einigen Tagen schon schlagen die Stöcke aus und wachsen sehr schnell, so

dass bei gutem Boden die Wurzeln oder Knollen in neun Monaten reif sind.

Mais und Ananas wird zwischen den Maniok hinein gepflanzt, auch Yamswurzeln

oder dergleichen, aber alles ohne die mindeste Ordnung.

Wird ein solcher Acker nicht fleissig gejätet, so findet man nach zwei

bis drei Monaten mehr Unkraut als Früchte darauf. Stachlichte Solaneen,

Brennnesseln und schneidende Grasarten überziehen den Boden und die

Gewächse, und ein Indianer nur kann sich in solcher Wildniss zurecht

finden.

Das Reinigen dieser Felder, ein nicht gar leichtes Geschäft, bleibt den

Weibern überlassen, welche auch die Wurzeln ausgraben und nach Hause

bringen. Die Körbe, in welchen diese Feldfrüchte, Holz und andere

Gegenstände getragen werden, hängen auf dem Rücken und sind mit einer

starken Liane um die Stirne befestigt.

Auf dem Kopfe wird nichts getragen, während die Neger die grössten Lasten

auf dem Kopfe schleppen.

Die Männer sind sehr geschickt im Verfertigen von Pagaals, einer Art

viereckiger Körbe, die aus der Rinde eines Rohres (Warimbo) gemacht werden.

In die Deckel dieser Körbe werden verschiedene Figuren eingeflochten. Da

sie sehr dicht geflochten sind und den Regen nicht durchlassen, so sind sie

überall im Gebrauche und der Haupthandelsartikel der Indianer.

Andere kleine Körbe, welche zur Aufbewahrung von Krabben, Maniokwurzeln

und dergleichen bestimmt sind, nennt man Kurikuri und sind ebenfalls

aus Warimbo geflochten. Bogen, Pfeile, Corjaals und Pagait werden

ausschliesslich von den Männern gemacht, die trotz ihrer unvollkommenen

Werkzeuge in der Verfertigung sehr behend sind.

Die Bogen werden aus 6' langen Stöcken eines harten Holzes, meist Letter

oder Konordeppi, geschnitzt. Sie haben in der Mitte etwa 1¼" Durchmesser,

sind halbrund und laufen von der Mitte aus allmählig spitzig zu. Die meist

schlaffe Bogensehne ist aus Bromelienflachs gedreht. Die etwa 3' langen

Pfeile werden aus einer Art Schilfrohr gemacht; am einen Ende sind zwei

durchschlitzte Federn, um den Flug zu regeln, am andern aber ist die, etwa

1½' lange, aus sehr hartem Holze gemachte Spitze. Pfeilspitzen für grössere

Fische sind von Eisen, und werden aus alten Reifen, zerbrochenen Hauern und

Messern gefeilt. Sie haben zwei Widerhaken und werden Tokosi genannt. Man

bindet sie an die hölzerne Verlängerung des Pfeils mit Bromelienflachs, den

man mit einer Pechart, Mani, dem Harze des Manibaumes (Symphonia coccinea)

bestreicht, Pfeile für Tiger, Pakire und grosses Wild sind ebenfalls von

Eisen, aber stärker, während die Pfeile für Vögel und kleinere Fische

verschiedene, auseinander laufende Spitzen von Palmholz haben.

Die Pfeile, welche beinahe so lange als die Bogen sind, werden mit

demselben in einer Hand getragen, während das Jagdmesser im Gürtel steckt.

Auf der Jagd gehen die Indianer so geräuschlos, dass man sie kaum hört,

und Gehör und Geruch sind so fein, dass sie beim geringsten Geräusch im

Gesträuch oder auf den Bäumen augenblicklich wissen, welches Thier dasselbe

verursachte. Ich habe diess mit Verwunderung manchmal beobachtet. Nie, wie

sehr ich auch meine Augen anstrengte, konnte ich die Fische bemerken, auf

welche sie schossen, und wenn auch nicht immer, doch meistens trafen.

Sehr selten ist es, dass ein Indianer ohne Beute von der Jagd nach Hause

geht. Findet er auch kein Wild, so bringt er doch Eidechsen, Anamueier

(vom Pesus serratus) oder Kabbiswürmer in seinem Jagdsacke, und er ist doch

nicht genöthigt, ohne Wild die unentbehrliche Pfeffersauce zu essen. Aber

meistens sind sie zum Jagen zu faul und bleiben tagelang zu Hause, wo sie

sich mit Kindereien beschäftigen und meistens in der Hängematte liegen.

Wie bei den Weibern die Verfertigung einer Hängematte vor allen andern

Beschäftigungen hervorgehoben zu werden verdient, so ist bei den Männern

der Bau einer Corjaal das wichtigste Geschäft, und Hängematten und

Corjaalen werden daher nur im dringenden Falle verfertigt.

Der Indianer, welcher sich entschlossen hat, eine Corjaal zu bauen, sucht

einen schönen, geraden, so dicht als möglich am Wasser stehenden Wanabaum.

In der Nähe desselben wird nun eine temporäre Hütte errichtet und der

Baum gefällt. Ist derselbe gesund, ohne Risse und Höhlungen, so wird das

tauglichste Stück in derjenigen Länge abgeschnitten, welche die Corjaal

erhalten soll. Die Werkzeuge, deren sie sich dabei bedienen, sind ein

Beil und eine Hohlaxt. Der Baum wird nun von aussen so zugehauen, wie die

Corjaal werden soll. Ist man mit der äussern oder untern Seite fertig, so

wird der ganzen Länge nach Holz heraus ausgehauen, und wenn eine genügende

Höhlung entstanden ist, Feuer darin angemacht. Nun sorgt man, dass die

Seiten der Corjaal, noch ehe sie auseinandergetrieben werden, die nöthige

Dicke erhalten. Ist diese Arbeit alle gethan, über welcher manchmal mehrere

Wochen, ja Monate hingehen, so werden die Seiten der Corjaal, welche bis

jetzt noch einer zugespitzten Walze gleicht, durch Stöcke, welche man quer

über hineinzwängt, auseinandergetrieben. Damit nun durch das gewaltsame

Auseinandertreiben der Seiten keine grossen Risse entstehen, wird in und

unter derselben immer Feuer unterhalten. Es werden nun immer längere Stöcke

hineingetrieben, so lange, bis die Corjaal ihre gehörige Weite hat. Diess

letztere Geschäft erfordert grosse Aufmerksamkeit und Sorgfalt; denn obwohl

alle Corjaalen dabei Risse erhalten, so kann ein Sachkundiger es doch so

einrichten, dass diese auf Stellen fallen, wo sie weniger nachtheilig sind.

Ist das letzte Geschäft gethan und das Boot so weit vollendet, dass es

in's Wasser gebracht werden kann, so wird ein Weg bis zu dem Fluss oder

der Kreek geebnet, runde Stöcke oder Rollen werden auf ihn gelegt, und dann

wird die Corjaal von einer gehörigen Anzahl Indianer in's Wasser geschafft.

Die Risse werden mit Bienenwachs oder Mani bestrichen, und Bänke,

Querstangen u. s. w. mit Lianen befestigt.

Hat nun eine Familie sich einen Vorrath von Schüsseln, Krügen, Pagaals

u. s. w. verfertigt, und ist sie im Besitze eines Boots, so wird eine Reise

nach Paramaribo oder den Pflanzungen unternommen. Da diese meist über See

geht, so werden an der Corjaal lange, dünne Bretter, die aus dem weichen

Holz des Trompetenbaumes (Cecraphia peltata) gehauen sind, an beiden

Seiten befestigt, um dieselbe dadurch ein wenig höher zu machen und die

überschlagenden Wellen abzuhalten. Diese Brettchen sind so lange als die

Corjaal und 6-12" breit, durch Lianen und Querhölzer an diese befestigt.

Die Fugen zwischen den Brettern und der Corjaal werden mit harzigen Fasern,

die man aus einer gewissen Baumrinde schabt, und welche die Stelle des mit

Theer getränkten Werges vertreten, ausgefüllt.

Segel werden verfertigt, indem man die Blattstiele der Mauritia trocknen

lässt, den äussern Bast abzieht und die markige Substanz mittelst eines

Bindfadens in ¼" dicke, 1½" breite und 4' bis 6' lange Latten schneidet.

Diese, mit Bindfaden aus Bromelienflachs so dicht als möglich aneinander

befestigt, geben ein gutes und leichtes Segel von beliebiger Länge, das man

leicht zusammenrollen kann.

Sechs Jahre in Surinam Bilder aus dem militärischen Leben dieser Colonie und Skizzen zur Kenntniss seiner socialen und naturwissenschaftlichen Verhältnisse · 第 14 / 23 段