nicht zu betrinken, mir in Allem getreulich beizustehen, setzte ihnen auch
auseinander, welchen Vortheil wir aus diesem unglücklichen Zufall ziehen
könnten, und gebrauchte dabei alle Ueberredungskunst, die mir zu Gebot
stand. Hierauf erhielt ich von ihrer Seite das heiligste Versprechen, dass
sie sich lieber die Zunge abbeissen, als einen Schnaps trinken wollen, um
diese Vortheile doch ja nicht entschlüpfen zu lassen.
Die Matrosen waren gegen Mittag in ihrem Boote abgefahren, um, wie sie
vorgaben, ihre zurückgelassenen Kleidungsstücke abzuholen.
Voll vom Gedanken an Reichthum und Ehre, lief ich, wiewohl es beinahe
Hochwasser war, und ich stellenweise bis um den Hals in demselben gehen
musste, nach dem ersten Indianerdorf, um noch denselben Abend so viel
als möglich von dem Schiff abholen zu können. Es war aber gerade
Tanzunterhaltung im Dorfe und ein ganzes Boot stand voll Tapana zum Labsal
der Tanzenden in der grossen Hütte. Desswegen war es für heute nicht
möglich, weder durch Belohnung noch Drohung Corjaalen zu bekommen, weil sie
sich in ihrer Freude nicht stören lassen wollten. Doch versprach mir der
Kapitän des Dorfes, am andern Morgen mit wohlbemannten kleinen und grossen
Corjaalen zu kommen.
Schon glaubte ich, meinen Plan, noch diesen Tag an Bord zu gehen, aufgeben
zu müssen, als sich ein fremder Indianer anbot, mich in seinem kleinen
Corjaal, das kaum zwei Menschen fassen konnte, auf das Schiff, das wohl
eine Stunde seewärts vom Posten lag, zu bringen.
Glücklicherweise war es stilles Wetter und bei der Ebbe, die unterdessen
eingetreten war, gelangten wir schnell an Bord.
Es bemerkte mich kein Mensch; denn alle Matrosen waren unterm Verdecke, wo
Kisten und Ballen aufgeschlagen und aufgeschnitten wurden, um so viel als
möglich plündern zu können. Das war eine Haushaltung zum Entzücken! Hier
ward eine Kiste mit Leinwand, dort eine Porzellankiste erbrochen und was
den rohen Kerls nicht anstand, wurde in Scherben zerschlagen. Fässchen
Butter, die ihnen im Wege standen, wurden nicht auf die Seite gesetzt,
sondern muthwillig zertrümmert, so dass die schöne Butter, welche sonst für
die Soldaten meist nur ein Schauessen blieb, in allen Ecken herumspritzte.
Lampenballons, von welchen das Stück 4-5 fl. kostete, hatten, wie so
manches andere Werthvolle, dasselbe Schicksal.
Kaum hatte man mich erblickt, so wurde ich mit einem Hurrah empfangen
und vom Bootsmann mit einer diesen Leuten eigenen Höflichkeit zum Essen
eingeladen. Das Aufgetischte war freilich nichts Warmes, bestand aber doch
in Sachen, die nie auf dem Küchenzettel eines Korporals figuriren. Man
hatte nämlich eine Kiste voll blecherner, luftdicht verschlossener Büchsen
gefunden, welche gebratene Feldhühner, Gänse, Fleischspeisen, Salm und
andere Leckereien enthielten und man las mir, während ich mit einem alten
Messer eine Büchse Feldhühner öffnete, all' das Köstliche vor, wovon ich
Gebrauch machen könne, verbunden mit der Aufforderung, zu essen, bis mir
der Bauch berste. Zugleich holte der Küchenjunge weissen Zwieback und der
Steuermann öffnete eine Kiste mit feinem Rheinwein, wozu der dienstfertige
Bootsmann noch als Dessert eine grosse Flasche Confect beifügte, von
welchem man gerade eine Kiste gefunden hatte.
Nachdem sie sich davon überzeugt hatten, dass ich mit allem zu einem guten
Diner Nöthigen versehen war, gingen sie an ihre fernere Untersuchung,
während welcher ich bei schrecklichem Appetit, da ich seit dem Morgen
nichts mehr gegessen hatte, eine treffliche Mahlzeit hielt, obgleich Löffel
und Gabel mir dabei fehlten.
Wein trank ich wenig; denn ich hatte mir fest vorgenommen, mir in diesem
Wirrwarr meine fünf vollen Sinne zu erhalten.
Kaum war ich fertig, so gab man mir durch ein Freudengeschrei aus dem
untern Raum zu erkennen, dass man einen angenehmen Fund gethan habe. Dieser
bestand in einer Kiste seidener Tücher und Westenzeuge, wovon man mir mit
einem halben Dutzend Foulards ein Geschenk machte. Leider wurde mir dieses,
wie noch so manches Andere von Matrosen oder Soldaten aus meiner Kiste
gestohlen, und es blieb mir von allen diesen Kleinigkeiten am Ende beinahe
nichts übrig. Endlich hatten die Matrosen ihre Kisten vollgepfropft, an
Lebensmitteln und Getränken so viel mitgenommen, als man laden konnte und
segelten damit nach dem Posten, während meine ganze Ladung nur in drei
Fässchen Butter bestand, weil ich nicht mehr mitnehmen konnte.
Zu Hause traf ich schon Alle betrunken an, und Nachts sah ich Bacchanalien,
worüber ich erstaunte, obgleich ich doch schon manche solche Partie mit
angesehen hatte. Kapitän, Passagiere und Steuermänner logirten in meiner
Wohnung; die Matrosen aber, deren es etwa acht waren, bei den Soldaten in
einer Kammer von 16' Länge und 9' Breite, aus der die Kaserne bestand, in
welcher nun zwölf Personen campiren sollten. Ans Schlafen wurde natürlich
bei dem Ueberfluss an Genever nicht gedacht; denn jeder wollte diese
Gelegenheit benützen, um sich einmal wieder etwas zu gut zu thun. Alles
lagerte sich im Kreise um ein Licht, das alle Augenblicke auslöschte, weil
der Wind von allen Seiten durch die Wände blies. Endlich stellte man es in
eine leere Geneverkiste, wodurch die Hälfte der Gesellschaft sich immer
im Dunkeln befand. Zwei offene Kisten Genever und Branntwein, nebst acht
grossen Gläsern Confect, von deren einem ich schon auf dem Schiff gegessen
hatte, standen zur Verfügung der ehrbaren Gesellschaft.
Gesang und sittsame Erzählungen wechselten ab, und um diese Soirée noch
interessanter zu machen, zog sich einer der Soldaten nackt aus, theils
um die Gesellschaft durch allerlei gymnastische Sprünge und Stellungen
zu unterhalten, theils um den Schiffsjungen, die über Mosquittosstiche
klagten, zu zeigen, wie wenig er darauf achte. Ich liess sie machen, was
sie wollten, weil ich fest davon überzeugt war, dass ein Verbot nichts
helfen würde. In der Bäckerei sass ich die halbe Nacht, mit dem Schreiben
eines langen, ausführlichen Rapports an den General-Gouverneur beschäftigt,
was bei der Unzahl von Mosquittos, die in Legionen mich umschwärmten, keine
Kleinigkeit war. Meine Hände waren auch in Folge unzähliger Stiche so rauh,
wie ein Reibeisen geworden und das Papier war mit Blutflecken besäet. Zum
Glück war es jedoch nur das Concept, das ich bei Tag ins Reine schrieb. Es
war bereits nach Mitternacht, als ich in meine Wohnung mich zurückzog, um
da eine Schlafstelle zu suchen.
Der Lärm in der Kaserne war verstummt; denn die meisten lagen wie
bewusstlos am Boden und fühlten keine Mosquittosstiche mehr; nur die
Schiffsjungen, welche noch keine solche Säufer waren, liefen heulend und
fluchend umher.
Ich hatte mein Bett an den Schiffskapitän, einen schon bejahrten
Mann abgetreten; die zwei Passagiere hatten sich aus meiner und den
Schiffsflaggen eine Art Zelt über ihre Matratzen gemacht, die Steuerleute
aber und ich lagen auf dem Fussboden der Aussenkammer, wo es nicht möglich
war, vor dem Gesumse und den Stichen dieser diabolischen Insekten ein Auge
zu schliessen.
Mit Sehnsucht erwartete ich den Morgen. Plötzlich vernahm ich ein
jammervolles Angstgeschrei, das auf dem Platze erscholl, und eilte hinaus,
um die Ursache zu erfahren. Einer der Schiffsjungen, der noch nie in einem
Tropenlande gewesen war, kam mir zitternd entgegen und erzählte von einem
schrecklichen Thiere, das unter einem Stapel Bretter, worunter er sich
vor den Mosquittos habe verstecken wollen, sässe. Ich untersuchte nun den
Stapel und fand eine grosse Kröte, die durch ihren dumpfen Schrei den armen
Jungen so erschreckt hatte.
In der Frühe des andern Morgens kamen beinahe alle Indianer des Dorfes
mit ihren Corjaalen, von welchen die grösste, dem Kapitän der Indianer,
Christian, gehörig, wenigstens 50' Länge und 5' Breite hatte. Er selbst,
neugierig gemacht durch die Erzählungen des Indianers, der mich den vorigen
Tag aufs Schiff brachte, hatte seine drei Weiber mitgenommen, von welchen
die jüngste, kaum 16 Jahre alte, ihm besonders ans Herz gewachsen zu seyn
schien.
Wir kamen schnell an Bord, und jetzt sah ich erst, wie gräulich die
Matrosen den Abend zuvor hier gehaust hatten. Im Schiffsraum lag Alles
durcheinander, wie Heu und Stroh, und vor den Glas- und Porzellanscherben
war den Indianern besonders bange. Ich fand glücklicherweise einen Korb mit
Stiefeln und Schuhen, von welchen ich den Männern austheilte, die freilich
für ihre niedlichen Füsse die meisten zu gross fanden. Nun zog man ans
Licht, was mir von Bedeutung zu seyn schien, und es wurden so schnell als
möglich alle Corjaalen damit beladen. Es kostete wirklich keine geringe
Mühe, das Völkchen im Zaume zu halten und grössere Trunkenheit zu verhüten.
So verschiedene Getränke und Leckereien auch an Bord waren, so machte doch
nichts auf diese Menschen Eindruck; nur Genever, Zwieback und Stockfische
wurde von ihnen in Anspruch genommen.
Gleichgültig luden sie Alles, was ich ihnen bot, in ihre Corjaalen; nur
als ich zufälliger Weise einige grosse Schachteln mit seidenen Frauenhüten,
Blumen und Bändern fand, kamen Alle auf mich zu, mich darum zu bitten. Als
ich ihnen den Plunder, der doch nicht viel werth war, überliess, fielen
sie wie reissende Thiere darüber her, und die Vordersten, welche das Glück
hatten, mehrere zu bekommen, setzten sie übereinander auf, während die,
welche keine bekamen, sich nicht zufrieden geben wollten.
Mehrere blechene Büchsen voll sogenannter St. Nicolas-Kuchen, welche
allerlei Figuren, als Dampfboote, Thiere u. s. w. vorstellten und mit
kleinen Stückchen Schaumgold beklebt waren, erregten ihre Aufmerksamkeit
in ebenso hohem Grade und zwar nicht wegen seines feinen Geschmackes, denn
keiner wollte auch nur die Probe machen und davon essen, sondern wegen der
Figuren, die sie so drollig fanden. Sie machten Schnüre daran und
trugen sie so lange um den Hals, bis der Kuchen, von Schweiss und Wasser
durchnässt, als Brei an ihnen herabfloss. Man denke sich nun ein paar
Dutzend rothe, nackte Menschen in Stiefeln und Schuhen, mit stapelweise
übereinander gesetzten und mit Blumen garnirten Damenhüten, behangen mit
Colliers von Lebkuchen, die Masten und Schiffsleitern auf- und abklettern,
Kisten und Fässer einladen und die Flaschenzüge versetzen, so kann man
wirklich nichts Barockeres sich vorstellen.
Indessen wir Alle aus Kräften arbeiteten, sass das Oberhaupt mit seiner
Frau in der Kajüte und trank eine Flasche nach der andern aus. Die
mancherlei Getränke, welche sein junges Weibchen getrunken hatte,
verursachten ihr einen solchen Rausch, dass sie ohne Bewegung am Boden
lag, und mit starren Augen wie ein Schaf blöckte. Trostlos sass der total
betrunkene, alte Mann neben seiner Liebsten, unvermögend, ihr beizustehen.
Das Boot war unterdessen geladen und die Indianer drangen auf die Abreise,
weil die Fluth mit Gewalt heraufkam, und es gefährlich war, länger
zu verweilen. Nach manchem vergeblichen Versuche, die Frau wieder zur
Besinnung zu bringen, rieb ich ihr das Gesicht mit Eau de Cologne, von
welchem eine Kiste voll der schlechtesten Sorte sich an Bord befand. Es
mochte ihr vielleicht etwas davon in die Nase gekommen seyn, denn sie
fing an, schrecklich zu niesen und machte ein Gesicht, das mir so komisch
vorkam, als ihr mit Lebkuchen geschmücktes Volk.
Mit Mühe klomm endlich Christian in die Corjaal und empfing sein Weibchen
sanft in seinem Schoos. Wir hatten ihr ein Tau um den Leib gemacht und sie
wie ein Fass in die Corjaal gelassen.
Die See war unterdessen so ungestüm geworden, dass mir für die Ladung und
mein Leben bange war und das Jammern und Streiten der furchtsamen Weiber
war gar nicht geeignet, mir Muth einzuflössen. Die Corjaal war übermässig
geladen; denn ausser 400 Fässchen Butter, à 14 Pfd., 10 Fässern Madeira
im Werthe von 1200 fl., war noch eine Menge Wein und Lebensmittel,
Quincaillerie und Federbetten aufgethürmt. Dabei sassen mit Alt und Jung
gewiss 40 Personen darin. Endlich waren Alle eingestiegen und schon liess
man das Tau los, um abzufahren, als eine Welle das Brett (den Stern),
woran an grossen indianischen Corjaalen das Steuerruder befestigt ist,
herausschlug und das Wasser wie durch eine geöffnete Schleusse in die
Korjaal strömte. Ein Zetergeschrei der Weiber erfüllte die Luft. Schnell
aber hatte der Steuermann sich mit seinem Hintern in die Oeffnung gesetzt,
um das weitere Eindringen von Wasser zu verhüten, während ein anderer
Brett und Steuer wieder befestigte und die Risse mit Stücken seines Camises
ausstopfte, wodurch dem Schaden abgeholfen war. Ich dankte Gott, als ich zu
Hause ankam.
Hier wurde nun Alles in grösster Eile ausgeladen und am Strand
niedergelegt. Die Sorge für Weiterschaffung und Aufbewahrung des
Mitgebrachten wurde mir allein überlassen. Mit zwei Kisten Genever fuhr
mein Völkchen nach seinem Dörfchen, um sich da recht gütlich zu thun. Meine
Soldaten waren wieder in dulci jubilo und konnten sich kaum auf den Füssen
halten.
Die Matrosen schliefen, somit war ich genöthigt, Alles selbst zu thun.
Auf Brettern, welche ich in den Sand gelegt hatte, rollte ich die schweren
Fässer aufwärts in die Mitte des Platzes. Mit schweren Kisten formte
ich ein Carré, in dessen Mitte die kleineren Gegenstände, als Butter-,
Weinfässchen, Kisten u. s. w. niedergelegt wurden. Hierauf überdeckte
ich Alles mit Brettern, um den Regen und die Sonnenhitze abzuhalten. Es
herrschte nun ein Ueberfluss auf dem Posten, bei welchem die Soldaten weder
Maas noch Ziel kannten. Was sie nicht von den Matrosen bekommen konnten,
suchten sie von meinen mitgebrachten Waaren, über welche ich ein geregeltes
Inventarium führte, wegzunehmen. Sie assen und kochten gemeinschaftlich
mit den Matrosen, wobei die vielen, vom Schiffe abgeholten Lebensmittel die
besten Mahlzeiten gegeben hätten. In Folge des beständigen Trinkens aber
verwendete man keine besondere Sorgfalt auf die Küche. So wurde einmal ein
ganzes etwa 10 Pfd. schweres Fässchen gesalzener Bratwürste in den Topf
gethan; dadurch wurde das Essen so salzig, dass man es nicht mehr geniessen
konnte, und man vor Zorn den ganzen Frass zur Thüre hinauswarf, wo die
auflauernden Stinkvögel königlich schmausten, und wobei es lustig anzusehen
war, wie sie sich um die noch aneinandergereihten Bratwürste herumzerrten.
Den zweiten Tag fuhr ich mit so vielen Corjaalen, als aufzutreiben waren,
wieder an Bord, und weil da die grosse Corjaal von den zwei Passagieren,
welche den andern Tag nach Paramaribo fahren wollten, gemiethet wurde, so
fuhr ich des Abends abermals ans Schiff, um heute noch so viel als möglich
abzuholen.
Von jetzt an gebrauchte ich die Vorsicht, alle feineren Weine und theuren
Leckerbissen in der Vorkammer meines Hauses niederzulegen und so aus den
Klauen der Soldaten und Matrosen zu retten. Mit diesen hatte ich meine
liebe Noth; denn sie waren nicht mehr mit Genever und rothem Wein, von
welchem ein Fass offen dalag, so dass sie trinken konnten, so viel sie
wollten, zufrieden, sondern verlangten Rheinwein und Madeira, wovon ich
Fässer und Kisten im Hause aufbewahrte.
Da ich ihnen erklärte, dass ich nicht befugt sey, über diese Güter,
welche der Assecuranz gehörten, zu disponiren, und natürlich das Verlangte
verweigerte, so beschlossen sie, mich zu zwingen und das Haus zu stürmen.
Diess wäre nun gerade kein Hexenwerk gewesen; denn ausser dem alten und
kränklichen Kapitän und den zwei Passagieren befanden sich darin nur noch
die zwei Steuermänner, welche aber geheime Ursachen dazu hatten, auf Seiten
ihres Schiffsvolkes zu bleiben. Sie marschirten nun mit Aexten und Säbeln
bewaffnet, heran, und forderten mich noch einmal zur Herausgabe von
Rheinwein auf. Statt der Antwort lud ich meine zwei Gewehre und drohte, den
ersten, der über meine Schwelle käme, niederzuschiessen. Der Kapitän kramte
gegen sein Volk alle seine Beredtsamkeit aus und stellte ihnen vor, welchen
Strafen sie verfallen würden.
Sie zogen sich endlich unter allerlei bekannten Einladungen, die sie an
mich ergehen liessen, zurück, und tranken nun wieder Schiedams edlen Trank,
der ihnen kurz zuvor viel zu schlecht gewesen war.
Bei dieser Scene waren die Matrosen die Aergsten gewesen, und sie hatten
offenbar die Soldaten dazu aufgewiegelt.
Am dritten Tag kam Christian mit seiner Corjaal, um die beiden Passagiere
nach Paramaribo zu bringen. Ich setzte durch, dass auch zwei der
schlimmsten Matrosen, welchen ich nicht trauen konnte, mitgeschickt wurden.
Der Kapitän wollte noch einige Zeit bleiben, um das Schicksal seines
Schiffes abzuwarten.
Sonderbar schienen mir die Gesetze der Assecuranz zu seyn, weil er es nicht
wagte, etwas von Bord zu holen. Eine grosse Barkasse, mit welcher man
in 4-6 Tagen bei anhaltender Thätigkeit die ganze Ladung ausser den
Backsteinen, welche als Ballast dienten, leicht hatte retten können,
lag unbenützt am Strand, und so war ich genöthigt, ohne die mindeste
Hülfeleistung von Seiten des Schiffsvolks, die Sachen nach und nach ans
Land zu bringen.
Die Passagiere hatten meinen Rapport an den General-Gouverneur, dem ich ein
Inventarium über alle bis jetzt ans Land gebrachten Güter beigelegt hatte,
mitgenommen. Einen andern Rapport hatte ich den Tag zuvor dem Kommandanten
auf Armina durch Indianer zugeschickt.
Mir war nun nach der Abreise der zwei Passagiere und Matrosen wieder
leichter ums Herz, weil ich einerseits mich vor Revolutionen auf meinem
Posten gesichert glaubte, anderseits desswegen, weil ich wieder in meiner
eigenen Kammer logiren konnte.
Täglich fuhr ich mit Corjaalen an Bord; aber da diese nur klein waren, so
war auch das ans Land Gebrachte von geringer Bedeutung.
Da das Schiff auf seiner Sandbank jedem Wellenschlag zu trotzen schien, und
selbst nach sechs Tagen noch kein Leck an ihm zu bemerken war, so war
ich auch fest davon überzeugt, dass bei eifriger Arbeit Ladung und Schiff
hätten gerettet werden können.
Acht Tage nach dem Stranden des Schiffes kam mein Kommandant von Armina
in Begleitung des Doctors. Er war sogleich nach Empfang meines Schreibens
abgereist; denn die Sache lag ihm sehr am Herzen, und er bedauerte nur,
dass ich die armen Schiffbrüchigen nicht genugsam unterstützen konnte. Auch
von dem, auf dem Posten herrschenden Wirrwarr und Wohlleben war er durch
meinen Brief und den Ueberbringer desselben hinlänglich unterrichtet,
und er hatte desswegen ausser einigen Boschen Bananen nicht das Mindeste
mitgebracht, das zur Unterstützung der Armen hätte dienen können.
Der Doctor, welcher den Kommandanten begleitete, merkte so gut wie dieser,
dass es hier etwas zu verdienen gäbe. Seine Menschenfreundlichkeit war
also nicht der geringste Grund, diese Reise zu machen, bei welcher ihn der
Kommandant nur mit Widerwillen mitgenommen hatte, und blos desswegen, weil
er sich auf keine Weise zurückhalten liess. Ich machte sogleich nach der
Ankunft des Kommandanten ihm den pflichtschuldigen Rapport, zeigte ihm das
Inventarium, und gab ihm auch das Concept des, an den General-Gouverneur
abgesandten Briefes. Letzteren missbilligte er höchlich, weil ich als
Korporal nur an ihn zu rapportiren, und durch mein eigenmächtiges Handeln
mich eines unverantwortlichen Fehlers gegen die Disciplin schuldig gemacht
habe, wesswegen auch ohne Zweifel ein ernstlicher Verweis wegen eines
solchen gesetzwidrigen Schritts vom Gouvernement erfolgen werde. Ich machte
mir darüber keine Sorgen, weil ich wohl einsah, dass der Unzufriedenheit
des Lieutenants über meine Anmasung ganz andere Motive zu Grunde lagen, als
die eines Versehens gegen die Dienstordnung.
So unangenehm ihm mein eigenmächtiger Schritt auch war, so beruhigte er
sich doch wieder bei der Masse von Gegenständen, welche theils noch an
Bord sich befanden und zu bekommen waren, theils seit der Absendung meines
Inventariums durch mich wieder abgeholt worden waren.
Das gemeinschaftliche Interesse, welches wir bei der Sache hatten, hob
so ziemlich die Scheidewand auf, welche zwischen mir als Corporal und den
beiden Officieren bestand, und es herrschte eine Vertraulichkeit unter uns,
als wären wir aus _einem_ Teige gebacken.
Inzwischen fuhren die zwei Boote, welche der Kommandant mitgebracht hatte,
alle Tage an Bord und holten den grössten Theil der Güter ab.
Das Schiff sank später immer tiefer, so dass bei hoher Fluth die Wellen
manchmal darüber hinschlugen und den untern Raum bald mit Wasser ausgefüllt
hatten. Man war desshalb genöthigt, einige grosse Löcher hineinzuhauen,
damit das Wasser mit der Ebbe wieder herauslaufen konnte. Viele hundert
Körbe mit Erdäpfeln und Zwiebeln füllten den vordern Theil des Raumes aus,
wo ich sie gelassen hatte, weil sie mir von zu geringem Werth waren.
Diese waren nun dem Seewasser ausgesetzt und verfaulten mit unerträglichem
Geruche, von welchem wir selbst auf dem Posten die Nase voll hatten, wenn
der Wind nordöstlich wehte.
Einige Tage nach der Ankunft des Kommandanten wurden die Soldaten, welche
sich so schlecht betragen hatten, mit Ausnahme von einem, der mir zuweilen
noch ein wenig geholfen hatte, nach dem Posten Armina gesandt. Ihre Kisten
wurden zuvor auf dem Platze vom Kommandanten untersucht und ihnen Genever
und Branntwein abgenommen, weil auf der Reise dahin leicht ein Unglück
hätte entstehen können.
Nun war unter den Abgehenden ein junger Kerl, der durch fröhlichen Humor
und seine Possenstreiche Jedermann belustigte.
Der Lieutenant hatte, um seinem Respecte nichts zu vergeben, die
leuchtenden Zeichen seiner Würde auf seinen Schultern hangen, und war
gerade an der Kiste des Possenreissers beschäftigt, als dieser hinter dem
Rücken des Officiers eine abscheuliche Maske mit langen, grauen Bärten
aufsetzte, die er wahrscheinlich von einem Matrosen bekommen hatte. Doctor,
Kapitän und ich sahen dem Spasse zu, und die Neger, Indianer, Matrosen und
Soldaten, welche den Kommandanten umstanden, erwarteten begierig das Ende.
Endlich wandte sich dieser um, und vor ihm stand die gräuliche Gestalt des
Spassvogels, der sich überdiess noch höchst barock herausgeputzt hatte.
Entsetzt wich der Kommandant zuerst etliche Schritte zurück, verfolgte
denselben aber sogleich unter dem schallenden Gelächter der Umstehenden bis
in die Savannen.
Nachdem der Kapitän, die Matrosen und Soldaten abgereist waren, war ein
stilles, angenehmes Leben, bei welchem man Alles recht untersuchen konnte,
ohne gestört zu werden, an die Stelle lärmender Bewegung getreten.
Es waren vier Neger zurückgeblieben, welche mit mir oder dem Doctor täglich
an Bord fuhren. Bei unserer Zurückkunft überraschte uns der Kommandant, der
ein Meister in der Kochkunst war, mit den delicatesten Mahlzeiten, welche
aus dem Ueberflusse unter seiner Leitung bereitet wurden.
Das Boot kam endlich von Armina an und brachte drei schwarze und einen
weissen Soldaten.
Zugleich kam ein Schooner mit einem Gouvernementsbefehl an mich, worin mir
das Gouvernement seine besondere Zufriedenheit über die von mir getroffenen
Maasregeln bezeugte, und mir zugleich befohlen war, die geretteten Güter
mit dem Schooner abzuladen, an dessen Bord sich sechs Kriegsmatrosen
befanden, um dem Kapitän, einem alten, schlauen Engländer, dem solche
Affairen nichts Neues waren, beizustehen. Jetzt machte sich der Kommandant,
nachdem er noch so viel als möglich in seine zwei Boote gepackt hatte, mit
dem Doctor davon, über die Unmöglichkeit seufzend, dass man nicht das ganze
Schiff nach Armina transportiren könne.
Der Kapitän war nun vor der Hand damit beschäftigt, Schiffsartikel, als
Segel, Tauwerk u. s. w., seinem Schooner anzupassen, so dass dieses alte,
gichtbrüchige Fahrzeug bald ein gar stattliches Aussehen hatte und
alle seine Räume und Ecken für die Zukunft mit brauchbaren Gegenständen
ausgefüllt waren.