Der Bastian der Pflanzung brachte uns auf den äussersten Damm derselben,

von dem aus ein unabsehbarer, mit Binsen bewachsener Morast sich ausdehnte,

den wir nun in südwestlicher Richtung durchwaten sollten. Wir marschirten

auch meistens bis um die Kniee im Schlamme durch den Schilf, der so dicht

wie Waizen stand und wohl 12' hoch war. Millionen Ameisen kletterten

daran herum und fielen uns auf den Leib, wo sie ein unerträgliches Jucken

verursachten. Abwechslungsweise musste einer von uns der vorderste seyn,

mit dem Hauer den Schilf abhauen, oder, wenn derselbe zu dicht stand, auf

den Boden drücken, um uns einen Weg zu bahnen. Man kann sich denken,

wie beschwerlich und ermüdend ein solcher Marsch ist, und wie langsam es

voranging.

Gegen Mittag erreichten wir eine Sandritze, die wohl 4' höher als der Sumpf

mit Hochwald bedeckt war, und wo wir einige reife Papayas (Früchte des

Melonenbaumes) fanden. Ich kletterte auf einen der äussersten Bäume, um

mich in der Gegend umzusehen, und fand dass der Hochwald, wo wir wenigstens

trockenen Fuss zu haben glaubten, wohl noch vier Stunden entfernt war.

Bisher waren wir immer südwestlich gegangen, in welcher Richtung die

Nannaykreek liegen musste; aber jetzt weigerten sich meine Soldaten

einstimmig, mir in dieser Richtung weiter zu folgen, weil nach Westen zu

der Hochwald bedeutend bälder zu erreichen war. Wir verliessen desshalb die

Ritze wieder und setzten unsern Marsch im Sumpfe fort. An manchen Stellen

war dieser mit Bäumen bewachsen, welche über und über mit Stacheln

bedeckt sind. Sie haben rothe Schmetterlingsblüthen und werden auf

vielen Caffeeplantagen reihenweise gepflanzt, um unter ihrem Schatten

das Wachsthum der Caffeebäume, welche die Sonne nicht ertragen können, zu

fördern. In derselben Gegend werden kleine, etwa 8' hohe Palmen getroffen,

welche ebenfalls mit 4" langen, nadelscharfen Stacheln besetzt sind. Sie

standen manchmal so dicht, dass man sich durch sie einen Weg hauen musste,

und dann doch noch von allen Seiten gestochen wurde. Unsere Hosen und

Hemden, von welchen wir freilich nicht die besten mitgenommen hatten,

wurden zu Fetzen zerrissen.

Ausser einer grossen Abomaschlange, die ihren Kopf aus dem Wasser

herausstreckte, und einigen Raubvögeln, welche auf alten, abgebrannten, von

Termiten ausgefressenen Bäumen sassen, sahen wir kein Wild.

Abends 6 Uhr hatten wir den Hochwald noch nicht erreicht, und wir waren

genöthigt, im Sumpfe unser Nachtquartier zu nehmen. Wir hieben desshalb

bei einem alten trockenen Baume mit unsern Hauern einen ungeheuren Haufen

Schilf ab, um eine trockene Lagerstätte zu haben, und liessen den Baum,

der vom ersten Hieb eines Hauers stürzte, darauf fallen. Bald loderte

ein lustiges Feuer empor, an dem wir Speck und Bananen rösteten, und

Trinkwasser gab uns der Sumpf genug. Müde vom Marsche des Tages, legten wir

uns um das Feuer, und wir schliefen, nachdem wir unsere Gewehre um den Leib

geschnallt hatten, bald so gut, als in der Hängematte, ungeachtet aller

Ameisen und Termiten des Baumes, die sich an uns hinauf flüchteten.

Mit anbrechendem Tag verliessen wir unsern Bivouac und wanderten weiter.

Allmählig wurde der Sumpf trockener und an die Stelle des Schilfes traten

Gesträuche und Gras. Wir füllten unsere Feldflaschen zum letztenmal aus dem

Sumpfe, tranken noch zum Ueberfluss so viel, als wir verschlucken konnten

und marschirten im Gesträuche, durch welches man noch immer mit dem Säbel

den Weg bahnen musste, dem Hochwalde zu.

Wir hörten jetzt deutlich die Brandung der See.

Plötzlich hieb der Vorderste in ein Nest blauer Capassi-Marabonsen[9].

(Diess sind grosse blaue Hornisse, deren Nester manchmal zwei Fuss lang

sind, und an der Aussenseite wie von Ringen umgeben scheinen, die einige

Aehnlichkeit mit der Schaale des Armadills (Capassi) haben, daher ihr

Name.) Er sah die Gefahr, warf sich auf den Boden und versteckte sein

Gesicht so gut als möglich. Ich war unmittelbar hinter ihm und bekam von

den erzürnten Insekten fünf bis sechs Stiche in Gesicht und Schulter, dass

ich vor Schmerz meinte, rasend zu werden.

Die verletzten Theile schwollen fürchterlich an; doch entstand

glücklicherweise kein Fieber, und Schmerz und Geschwulst verminderten sich

durch Reiben mit Genever.

Wir waren nun endlich im Hochwald, der das Ufer des Correntin in einer

Breite von etwa einer Viertelstunde umzog. Unzählige Krabbenlöcher befanden

sich im Boden, der aus einem lehmartigen Schlamme bestand, in welchem man

manchmal bis um die Kniee einsank. Oft blieben unsere Schuhe darin stecken,

und es kostete viele Mühe, sie wieder herauszuziehen.

Wir erreichten den Strand, und es zeigte sich nun, was ich vorausgesagt

hatte, dass wir durch unser, zu viel nach Westen gerichtetes Marschiren

viel zu weit entfernt vom Orte unserer Bestimmung herausgekommen waren. Wir

sahen die Schornsteine von Maryshope an der andern Seite des Flusses,

und weit, weit entfernt die Papageyeninsel, die in der Gegend lag, wo die

Mündung der Nannaykreek sich befand.

Auf einer Sandbank kletterten wir über Tausende von abgeschälten Bäumen,

die uns den Weg versperrten, und marschirten nach Süden. Es herrschte

eine glühende Hitze, desshalb stellte sich bald der Durst ein, der nicht

gelöscht werden konnte, weil unser Wasser schon ausgetrunken war. Alle

Baumblätter waren in Folge der lange anhaltenden Trockenzeit wie mit einem

Reifen von Salz überzogen, und das Stromwasser war so salzig, wie das des

todten Meeres. Den noch übrigen Genever theilte ich löffelweise aus, um den

Mund befeuchten zu können.

Abends 5 Uhr kamen wir an das Ende der Sandbank und mussten nun wieder

unsere Reise im Schlamme fortsetzen. Aber die aufsteigende Fluth trieb uns

bald wieder in den Wald zurück, wo wir genöthigt waren, unser Nachtlager

aufzuschlagen.

Muthlos und beinahe ausser Stand, ein Wort zu sprechen, durchliefen wir

den Wald nach einem Tröpfchen Wasser, bis die anbrechende Dunkelheit uns

am weitern Suchen hinderte. Mit einem Löffel schöpfte ich aus allen

Krabbenlöchern, aber das Wasser in denselben war ungeniessbar, und

das wenige, welches wir in einem hohlen Baume gefunden hatten, erregte

augenblicklich heftiges Erbrechen und Durchfall. Um uns vor den Mosquittos

zu schützen, machten wir vier Feuer an, in deren Mitte wir unsern

Schlafplatz anlegten. An's Essen dachte Niemand.

Ich erinnerte mich, früher gelesen zu haben, dass man in Holland am Rande

der See Cisternen graben kann, die ein gutes trinkbares Wasser geben,

wenn sie tiefer, als die niederste Ebbe, und höher, als die höchste Fluth

angelegt sind.

Obgleich ich nun voraussah, dass, wenn man diess hier anwenden wollte,

man 15-18' tief graben müsse, so wollte ich doch das unmöglich Scheinende

wagen, wenn wir gleich mit keinen Werkzeugen versehen waren. Auf die Hilfe

der Soldaten durfte ich hiebei nicht rechnen, da sie es lächerlich fanden,

sich für nichts zu plagen. Ich schnitt nun mit meinem Messer alle Wurzeln

in einem Kreise von etwa 3' Durchmesser aus dem Boden, wühlte die Erde

heraus, was nicht besonders schwer ging und traf auf eine Lage lehmartigen,

harten Schlammes, der etwa 3' tief war und schnell sich herausschaffen

liess. Jetzt fand ich Sand, und bei einer Tiefe von etwa 5' quoll mir

Wasser entgegen, das süss und trinkbar war. Da die Soldaten den Erfolg

meiner Mühe sahen, halfen sie mir nun auch. Der Sand wurde in Mützen

herausgeschafft, wobei sich die oben Befindlichen auf den Bauch legen

mussten, um ihn aus meinen Händen zu nehmen. Ich stieg nun aus meinem

Loche, liess das Wasser sich sammeln und die Unreinigkeiten sich setzen.

Hierauf reinigte ich mich selbst im Strome, und erquickte mich sodann mit

den Uebrigen am Wasser unserer Quelle. Diess war freilich nicht so gut,

wie das Regenwasser, aber sehr klar und trinkbar. Hiezu zogen wir noch den

übrigen Vorrath von Bananen und Speck hervor und speisten nach Herzenslust.

Die hell brennenden Feuer und ein günstiger Seewind trieben die Mosquittos

von uns weg, und wir schliefen, unbekümmert um den Rest des Weges, den

wir den folgenden Tag noch zurückzulegen hatten, als gegen Mitternacht ein

Trupp Brüllaffen auf den Bäumen über uns ein höllisches Geschrei anhuben

und wir erschrocken aus dem Schlafe fuhren. Wir fachten nun die beinahe

erloschenen Feuer wieder an, deren Schein diese unwillkommenen Ruhestörer

in eilige Flucht trieb.

Des Morgens, nachdem wir statt des Kaffees uns mit Wasser erfrischt, und

auch unsere Feldflaschen damit gefüllt hatten, verliessen wir mit schwerem

Herzen unser Lager und marschirten durch Dick und Dünn weiter. Eine

Sandritze, die einige Schritte längs des Ufers hin sich erstreckte,

erleichterte uns Anfangs den Marsch, obgleich wir uns bei jedem Schritte

durch Lianen und stachlichte Palmen winden mussten. Ich fand hier eine

grosse Schildkröte, die ich mit dem Säbel aufhieb, um wenigstens das

Fleisch im Brodsack mitnehmen zu können, da sie zum Tragen zu schwer war.

Der Wald wurde immer dichter, und die Fluth erlaubte uns nicht, längs

des Strandes zu marschiren. Jeder Schritt, den wir durch diese Wildniss

machten, kostete vorher fünf Minuten Arbeit mit dem Säbel.

Wir waren auf drei Seiten von Lianen umgeben, die von der Dicke eines

Bindfadens, bis zu der eines Ankertaus sich vorfanden, alle Gesträuche und

Bäume umstrickten, und auf der vierten rollten die Wellen der Fluth

durch die Wurzeln des Gesträuches, sodass wir von Zeit zu Zeit von

dem schmutzigen Wasser über und über bespritzt wurden. Wir machten, so

unglaublich diess auch scheint, wohl einige 100 Schritte auf den Zweigen

und Luftwurzeln der Bäume, ohne den Boden zu berühren, ja manchmal

waren wir 15' über ihm, und es kostete uns keine kleine Mühe, das Gewehr

nachzuziehen.

In die Länge auf diese Affenart zu reisen, war unmöglich; wir beschlossen

desshalb, die Ebbe abzuwarten, und dann entweder zurückzukehren, oder

weiter zu reisen, wenn der Strand nicht aus zu weichem Schlamme bestände.

Wir blieben so in den Zweigen sitzen und erblickten glücklicherweise bald

ein Boot, das den Correntin aufwärts fuhr.

Ein Hemd, das ehemals weiss gewesen war, wurde an einen Stock gebunden

und mit diesem geweht, auch waren wir so glücklich, unsern, mit Schlamm

bedeckten Gewehren zwei Schüsse zu entlocken, worauf die Mannschaft des

Bootes, die aus vier, nach der Nannaykreek bestimmten Indianern bestand,

uns bemerkte und aufnahm. Kaum sassen wir im Boote, so wusch ein gewaltiger

Platzregen, der erste nach vielen Monaten, uns allen Schlamm vom Leib.

Die zwei weggelaufenen Neger hatten beinahe den gleichen Weg, wie wir, nach

dem Correntin eingeschlagen, und, nachdem sie den Strand erreicht hatten,

eines unserer kreuzenden Boote angerufen, in der Meinung, es sey ein

englisches von der gegenüberliegenden Pflanzung.

Man nahm sie auch willig ein, und sie konnten bald ihren Irrthum

wahrnehmen, weil man auf ihre Bitte, sie nach dem jenseitigen Ufer zu

führen, dem Posten Nickerie zusteuerte.

In der Nannaykreek trafen wir nun das unserer harrende Detachement.

Eine volle Schüssel warmer Bananen und das Fleisch der Schildkröte wurde in

Gemeinschaft verzehrt, und des Abends fuhren wir in drei Stunden nach

dem Posten zurück, während uns diese Entfernung einen dreitägigen, höchst

schwierigen Marsch gekostet hatte.

Wenige Tage nach meiner Zurückkunft von dieser ermüdenden Expedition fuhr

ich mit der Wasserpont, welche während der Trockenzeit alle acht oder

zehn Tage nach dem obern Nickerie fuhr, um süsses Flusswasser für das

Detachement zu holen. Das Fahrzeug war ohne Dach und hatte etwa 30 Fässer

geladen, die oberhalb der Mündung der Maratacca, wenn die Zeit der Ebbe

beinahe vorüber, somit das Wasser am reinsten war, gefüllt wurden.

Wir waren am Abend des dritten Tages auf der Heimreise begriffen und nahe

bei der Pflanzung Krabbahoek, als die Neger mich auf eine grosse Schlange

aufmerksam machten, die im Schlamme am Ufer lag. Ich sah anfangs nichts,

als einen mit Schlamm und angeschwemmtem Laube bedeckten, unförmlichen

Haufen, und erst, als der Steuermann mit der Ruderstange hineinstiess,

konnte man die gefleckte Haut des Thieres unterscheiden. Ein Stoss, wie der

mit dem Ruder geführte, hätte einem Menschen sicher alle Rippen im Leibe

gebrochen; das Ungethüm schien ihn aber nicht gefühlt zu haben. Ich war

desswegen der Meinung, es sey todt und von der Fluth angeschwemmt, und

wollte es in das Fahrzeug ziehen. Die Neger aber versicherten mich, dass

das Thier weder krank noch todt wäre, und ein Schuss nach ihm mich schon

von seiner Activität überzeugen würde. Desshalb schoss ich mit leichtem

Hagel auf Gerathewohl in den Klumpen, worauf sich der Kopf aus der Mitte

des verschlungenen Körpers hob und auf eine andere Seite legte. Jetzt

fuhren wir so nahe als möglich an's Ufer, und ich schoss in einer

Entfernung von kaum drei Schritten abermals. Mit einer Schnelligkeit, die

man einem so trägen Thiere nicht zutrauen sollte, schoss jetzt die Schlange

wohl 12' in die Höhe, um mit offenem Rachen auf mich hereinzustürzen.

Dieser Angriff kam mir so unerwartet, dass ich über Hals und Kopf in's

Fahrzeug fiel, während der Steuermann, ein baumstarker Neger, das wüthende

Thier mit der Ruderstange anfiel, das endlich in seiner blinden Wuth sich

um diese schlang und in das eisenharte Holz biss.

Ich hatte mich unterdessen wieder von meinem Schrecken erholt und mein

Gewehr zum drittenmal geladen. Den Lauf desselben setzte ich jetzt der

Schlange auf den Kopf, die nun auch auf den Schuss sogleich todt war.

Wir zogen sie nun mit vereinten Kräften ins Fahrzeug, wo ich ihr auf

dringendes Bitten der Neger den Kopf und Schwanz abhieb. Des Morgens

schleppten wir sie an's Land und an die Kaserne, wozu sechs Mann nöthig

waren; denn sie mass ohne Kopf und Schwanz 26' und hatte die Dicke eines

mässigen Mannsleibes. Ich war der Meinung, dass ihre Trägheit Folge eines

tüchtigen Frasses sey, in welcher mich die unverhältnissmässige Dicke des

Körpers bestärkte. Wie erstaunt waren wir daher, als man den Magen ganz

leer fand, jedoch 78 Blasen von der Grösse eines Gänseeies herausholte,

deren jedes eine 1½' lange Schlange enthielt, und die alle wie ein

Paternoster aneinandergereiht, in einem Darm sich befanden. Sie war sonst

sehr mager; denn das ausgebratene Fett betrug blos zwei Pinten. Um die Haut

abziehen zu können, zogen wir sie mit vieler Mühe an dem Balken der Kaserne

hinauf, der etwa 20' über dem Boden war. Einer kletterte dann, so »=à la

Stedman=« an der Schlange empor, um das Fell abzulösen. Vom Fleische nahm

ich einige Stücke, die als Beefsteaks und Ragout behandelt wurden.

Hiezu fanden sich aber wenig Liebhaber, wiewohl das Fleisch weiss

und wohlschmeckend war. Den Rest warfen wir auf die Sandbank, wo mit

aufsteigender Fluth die Haifische ihr Gaudium daran hatten. Die Haut hatte

ich an der Aussenseite der Kaserne aufgenagelt; sie schrumpfte aber so

zusammen, dass sie zu nichts mehr brauchbar war.

Der Militärdienst des Postens war ziemlich strenge und ermüdender, als der

in Paramaribo. Besonders litten wir Korporale darunter, da wir nur zwei,

höchstens drei Nächte frei hatten, und auf der Wache, besonders wenn der

Wind weniger stark wehte, und die Mosquittos freies Spiel hatten, keinen

Augenblick schlafen konnten.

Die Wachstube glich an Schwärze einem Schornstein; denn nur durch Rauch

konnte man das höllische Ungeziefer verjagen. Auf Spaziergängen war man

beständig in Wolken dieser lästigen Insekten eingehüllt, und stille zu

stehen war gar nicht möglich.

Auf dem Posten war eine kleine Kirche, an welcher ein protestantischer

Missionär angestellt war, der den Negern das Wort Gottes an's Herz zu legen

hatte. Auch wir Soldaten mussten manchmal die Kirche besuchen, und

jeden Sonntag hatte der Korporal der Wache den Befehl des Landdrostes zu

überbringen, welcher bestimmte, ob Predigt für die Soldaten seyn sollte,

oder nicht. Es war meistens keine für uns abzuhalten; dem guten Pfarrer

fiel jedesmal ein Stein vom Herzen, wenn der Korporal die Nachricht

brachte, und ein guter Schnaps war jedesmal die Belohnung des Ueberbringers

dieser Nachricht. Wenn Kirche war, so studirte sich der gute Mann halbtodt,

um uns mit lehrreichen Geschichten zu unterhalten. Kaiser Nero und andere

stockblinde Heiden spielten desshalb in seinen Vorträgen immer grosse

Rollen, und die ungezogene Gemeinde lachte zuweilen überlaut.

In den ersten Monaten des Jahrs 1839 kam an die Stelle des wachhabenden

Schooners eine kleine Kriegsbrigg, und in das einförmige Leben der Bewohner

auf Nickerie kam dadurch einige Abwechslung.

Die Seeofficiere besuchten häufig den Posten und die Pflanzungen, und man

hörte von Bällen und Soirées.

Ich hatte längst gewünscht, die Dörfer der Indianer an der obern Maratacca

besuchen zu können, und bekam durch die Güte meines Kommandanten, der

beim Gouvernement um seine Entlassung als Landdrost gebeten und diese auch

erhalten hatte, die Erlaubniss dazu. Da er die Reise zur Stadt durch

das Innere machte, so benützte ich diese Gelegenheit, mit ihm bis an den

indianischen Posten an der Maratacca zu fahren.

Wir verliessen den Posten zu Ende Mai's unter einem heftigen Regenguss, und

kamen mit anbrechendem Tage bei den Indianern an.

Der Kommandant setzte seine Reise weiter fort, und ich miethete einige

Indianer, die mich nach den höherliegenden Dörfern bringen sollten.

François, der Posthalter wollte mich selbst dahin begleiten, und wir fuhren

gegen Mittag auf einer kleinen Corjaal in die Maratacca. In Folge heftigen

Regens war der Wasserstand ungemein hoch, und nur wenige Fluth begünstigte

uns.

Wir hatten sechs kräftige Indianer, die unter immerwährenden Scherzen aus

Leibeskräften ruderten. Es war ein trüber, regnerischer Abend, und wir Alle

waren froh, als wir den Werkplatz einiger Zimmerneger, die hier Bretter

sägten, erreicht hatten.

In der Hütte dieser Leute hingen wir unsere Hängematten auf und schliefen

einige Stunden, bis der Mond aufgegangen war. Der Regen hatte aufgehört und

der Himmel war mit Sternen bedeckt. Todesstille herrschte um uns her, und

nur Laubfrösche quackten in verschiedenen Melodieen auf den Bäumen.

Um einen grossen Umweg, den die Maratacca bildet, abzuschneiden, fuhren die

Indianer durch eine, höchstens 4' breite Oeffnung, die mir am hellen Tage

entgangen seyn würde, in einen kleinen Kanal. Da manchmal Bäume über ihn

gefallen waren, so musste man sich oft platt in die Corjaal legen, um den

Kopf nicht anzustossen.

Der Mond bildete nur eine schmale Sichel, und auf allen Seiten umgab uns

der dichteste Hochwald; desswegen war es hier stockfinster. Hier sah ich

Sträucher leuchtender Pflanzen an dem etwas hohen Ufer. Diese waren 2-2½'

hoch, an Gestalt so ziemlich der Asclepias carrasaviva ähnlich, und hatten

lange, spitzige Blätter. Ihr Glanz war bei weitem nicht so stark, wie der

der Feuerfliegen, und hatte etwas bläulich Phosphorartiges; doch konnte

man alle Umrisse deutlich unterscheiden. Weil ich ganz der botanischen

Kenntnisse entbehrte, habe ich vergessen, ein Exemplar dieser so

merkwürdigen Pflanze mitzunehmen.

Mit anbrechendem Tag kamen wir wieder in die Maratacca. Das Land erhöhte

sich allmählig, und der schönste Hochwald säumte die Ufer der Kreek, die in

den wunderlichsten Krümmungen sich südwestlich zog.

Regenschauer durchnässten uns auch heute, wie überhaupt in dieser Beziehung

der Monat Mai der schlimmste des Jahres ist.

Wir fanden gegen Mittag eine kleine Hütte, die von einer Arowackenfamilie

bewohnt war. Das Mittagessen wurde hier gekocht, und ich überdiess mit

Cumu tractirt, den man in Ermanglung von Zucker mit dem süssen Mehl der

Lokus-Bohne gewürzt hatte[10]. Die halbe Nacht brachten wir wieder in

einigen leerstehenden Hütten zu, und vor Tagesanbruch kamen wir an den

Landungsplatz der Savannendörfer.

Wir hatten vom Nachtlager Feuer mitgebracht, und es loderte desshalb bald

eine kräftige Flamme auf, um die wir im Kreise herumsassen und den Tag

erwarteten. Unsere Indianer gaben mit ihren Pfeifen ein Concert, um ihre

Ankunft ihren Freunden mitzutheilen.

Die Maratacca mochte hier etwa 60' breit seyn. Ihre Ufer waren hügelig und

mit Hochwald bewachsen, hinter dem unabsehbare Savannen, wahrscheinlich

bis zur Correntin, sich erstreckten. Das Durchwaten der Kreek ist in

der Trockenzeit leicht. Nach der Aussage der Indianer soll sie mit der

Correntin in Verbindung stehen; wenn diess der Fall ist, so bin ich davon

überzeugt, dass der Zusammenfluss nicht weit entfernt von hier stattfindet.

Jedenfalls wird die Entfernung der Savannendörfer vom rechten Ufer des

Correntins nicht über zehn Stunden betragen, was in sofern von Wichtigkeit

ist, als viele Plantagenneger an der Maratacca arbeiten, und durch diese

Kreek, oder die Savannen derselben einen leichten, gefahrlosen Weg nach der

englischen Colonie hätten.

Mit anbrechendem Tage fanden sich mehrere Indianer ein, welche unserem Dram

fleissig zusprachen und uns dann nach ihren Dörfern begleiteten. Am Wege

dahin waren grosse Cassavefelder, die sich bis an die Savannen erstreckten.

Nachdem wir etwa zehn Minuten gegangen waren, öffnete sich der Wald, und

eine grosse Savanne lag vor uns, die stellenweise sich sanft erhob und

stundenweit nach Westen auszudehnen schien.

Wie in den Savannen der Casawinika und Saramacca die Mauritzenpalmen

vorherrschen, weil der mehr ebene Boden die Feuchtigkeit, welche diese

so sehr lieben, besser bewahrt, so waren hier die Awarrenpalmen ungemein

zahlreich. Man fand sie hier von einer Höhe, die sie anderswo nie

erreichten, sowohl am Rande der Wälder zerstreut, als in kleinen

malerischen Gruppen beieinanderstehend.

Aus dem Hochwald, der diese Flächen umzog, blickten die brennenden

Blumen des Grünhart hervor, und tausenderlei Blüthen schmückten das grüne

Laubwerk, das in Folge der häufigen Regen eine herrliche Frische zeigte.

Selbst Gras und Blumen, welche den sandigen, sonst unfruchtbaren Boden

schmückten, prangten in voller Blüthe, während in den Trockenzeiten, welche

Alles dürr und verwelken machen, dem Auge ein unfreundliches Bild sich

darbietet. Unter Bananen-, Papayas- und Awarrabäumen fanden wir die Dörfer

der Indianer versteckt. Zwei derselben waren von Waraus, und das dritte,

weiter entfernte von Arowacken bewohnt; und sie zählten zusammen etwa 200

Bewohner.

Wir wurden vom Oberhaupt dieser Dörfer, der als Zeichen seiner Würde einen

Stock mit grossem, silbernem Knopf erhielt, aufs Beste empfangen, und mit

Cassave und Ananas (mehr hatte er nicht) bewirthet, wogegen ich den Rest

meines Drames mit ihm theilte.

Die Merkwürdigkeiten des Platzes waren bald besehen, und bestanden, die

schöne Lage ausgenommen, in nichts Besonderem, wodurch er sich vor andern

Indianerdörfern ausgezeichnet hätte. Es war Alles mit dem Reiben von

Cassave und Ananas, sowie mit der Bereitung eines Trankes, den man

Casiri nennt, beschäftigt; denn in ein paar Tagen sollte ein grosser Tanz

stattfinden, und die Corjaal, nebst den Trögen, worin die Leckerei bereitet

wurde, standen bereits in der grössten Hütte. Die Sitzbänke sind aus

Cederblöcken geschnitzt und sehr massiv. Ihre Enden stellten Kaimans- und

Käferköpfe vor, und waren blau und roth bemalt. Es wurde mir hier ein Trank

gereicht, der aus den reifen Früchten der Awarra bereitet war und sehr

angenehm schmeckte[11]. Die reifen Früchte der Awarra werden einige Tage in

die Erde eingegraben, wodurch ihr Fleisch mürbe und weich wird, so dass

es sich in einem grossen Troge leicht von den Steinen abstampfen lässt. Es

wird dieses sodann in einen Kurikuri, einen Korb, der aus dem Baste einer

rohrartigen Pflanze, Warimbo genannt, gemacht ist, und der vorher dicht mit

Heliconienblättern belegt wird, eingedrückt, und sodann im kalten

Wasser der Kreek, das nicht durch die Blätter dringen kann, einige Tage

ausgesetzt, wodurch die ölige Substanz, die in dem faserigen Fleische

sitzt, mehr flüssig gemacht wird.

Sechs Jahre in Surinam Bilder aus dem militärischen Leben dieser Colonie und Skizzen zur Kenntniss seiner socialen und naturwissenschaftlichen Verhältnisse · 第 11 / 23 段