Abends um 10 Uhr hatten wir nach achttägiger Fahrt den Posten erreicht.

Nickerie oder Nickeriepunt ist der Grenzposten gegen Westen zwischen

Surinam und der englischen Kolonie Berbice. Da mehrere Pflanzungen in

seiner Nähe liegen, so ist er von ungleich grösserer Wichtigkeit, als der,

von allen Pflanzungen weit entfernte Posten Prinz Willem Frederik, der an

der Grenze von Französisch-Guyana liegt.

Er ist auch desswegen mit 60 Mann besetzt, um die Neger am Entfliehen nach

der andern Seite der Correntin, wo sie frei sind, zu verhindern. Der Posten

liegt auf einer Sandritze, die sich mehrere Stunden östlich ausdehnt.

Ausser einer grossen Kaserne, den drei Offizierswohnungen, dem Hospital,

der Bäckerei u. s. w. befinden sich hier auch eine Kirche und mehrere

Privathäuser. Die Lage des Postens ist eine sehr gesunde, nur fehlt es an

gutem Trinkwasser, auch ist an Mosquittos kein Mangel.

An einem etwa drei Stunden langen Fahrweg, der sich von Osten nach

Westen längs der Küste hinzieht, liegen verschiedene jetzt verlassene

Baumwollenpflanzungen. Ein gegrabener Canal von etwa 3' Tiefe, der längs

dieses Weges läuft, dient zum Transport der Baumwolle nach dem Posten, wo

sie auf die Schiffe verladen wird. Auch werden die Lebensmittel für

diese Pflanzungen, die auf eigenen, weiter aufwärts an der Nickeriekreek

gelegenen Kostgründen gebaut werden, auf diesem Canale dahin gebracht.

An der Kreek befinden sich noch ausser diesen Kostäckern drei grosse

Zucker- und zwei Kaffeepflanzungen.

Das Land längs der Seeküste besteht aus grossen morastigen Savannen, die

bis an den obern District reichen und durch jede Springfluth unter Wasser

gesetzt werden.

Obgleich die Entfernung zwischen dem Ober- und Niederdistrikt kaum neun

Stunden beträgt, so ist es doch höchst mühsam und gefährlich, dahin zu

gelangen, da am Ufer der See weicher Schlamm und Mangel an süssem Wasser,

im Innern aber die Moräste den Marsch sehr erschweren.

Ebenso ist die Küste längs des Ufers der Correntin; grosse Sümpfe, mit

Binsen und dornigen Bäumen bewachsen, bedecken die Fläche zwischen diesem

Strome und der Nickeriekreek.

Dessenungeachtet entflohen schon viele Sklaven, die durch diese Sümpfe bis

zum holländischen Ufer der Correntin durchdrangen. Hier verfertigten sie

Flösse, auf welchen sie sich zur Fluthzeit nach dem englischen Ufer treiben

liessen. Kluge Massregeln haben indess in der Folge solche Fluchtversuche

verhindert.

Die grosse Fruchtbarkeit des Niederdistrikts gibt den Pflanzungen ein

höchst blühendes Aussehen. Auch die Gebäude und Maschinen befinden sich im

besten Zustande und Alles ist zum Nutzen und zur Bequemlichkeit des Lebens

eingerichtet, weil die Eigenthümer immer anwesend sind und ihre Effecte

selbst verwalten.

Der mir günstige Kommandant, der, wie bereits gesagt wurde, Landdrost des

Distrikts war, gab mir ein kleines Zimmer in der Kaserne, eine Wohlthat,

die ich erst recht empfand, als ich mich =à mon aise= eingerichtet hatte.

Der frühere kränkliche Kommandant liess die beiden Sergeanten machen, was

sie wollten, und diese errichteten zu ihrem grossen Vortheil eine Herberge,

wo jeder nach Herzenslust trinken konnte, so lange er Geld oder Credit

hatte. Der Militärdienst war ihnen Nebensache, daher kam es auch, dass

sechs Neger unter den Augen der betrunkenen Schildwache des Nachts das

Boot des Postens losmachten und nach Berbice fuhren. Dieses fand man

durchlöchert an der englischen Seite. Die Neger aber hatten keine Lust

zurückzukehren, und liessen ihren früheren Direktor herzlich grüssen.

Grosse Trunkenbolde, die wie die Vielfrasse nicht satt werden konnten,

verkauften das Wenige, das sie hatten, um bei den Sergeanten trinken zu

können und liefen lieber zerlumpt auf dem Posten herum. Es war beinahe

keiner, der nicht tief in Schulden steckte. Daher war es leicht möglich,

dass einer der Sergeanten, der zwei Jahre dieses einträgliche Geschäft

betrieben hatte, 4000 Gulden gewinnen konnte, was er selbst äusserte.

Dieser Handel wurde gleich bei der Ankunft des Kommandanten aufs

Strengste untersagt und eine Disciplin eingeführt, durch welche nicht nur

Pünktlichkeit des Dienstes bezweckt, sondern auch das Wohl des Soldaten

gefördert wurde.

Freilich war Manchem das Neue ungewohnt und nicht willkommen; aber die

Störrigen kamen haufenweise ins Loch, wo sie einsehen lernten, dass

Nachgeben besser sey, als Raisonniren.

Zwei Boote auf der Nickeriekreek und ein Häuschen auf der andern Seite

derselben waren des Nachts von Schildwachen besetzt, die jede halbe Stunde

ihre Wachsamkeit durch ein Feldgeschrei anzeigen mussten. Ausser den zwei

Schildwachen auf dem Posten befanden sich noch fünf Mann und ein Korporal

an Bord eines Schooners, der zu gleichem Zwecke eine halbe Stunde vom

Posten entfernt vor Anker lag. Auf diese Weise konnte also ein Neger zu

Wasser nicht leicht entschlüpfen.

Kurze Zeit nach meiner Ankunft wurde mir die Verwaltung der Menage des

Detachements übertragen. Ich hatte jetzt des Morgens die Ration Genever

auszutheilen und musste die Lebensmittel, als Bananen u. s. w. auf den

Plantagen einkaufen. Als die Sergeanten keinen Schnaps mehr verkaufen

durften und den wenigen Bürgern bei schwerer Strafe untersagt war, solchen

auszuschenken, war ungemeine Betrübniss unter der nassen Gemeinde des

Postens. Es kauften nun die Liebhaber desselben, welche an einer Ration

nicht genug hatten, die ihrer Kameraden, welche das Geld dem Genever

vorzogen. Dadurch gab es nun wieder manchen Betrunkenen, wesswegen der

Kommandant endlich befahl, dass jeder vor meinen Augen seine Ration

austrinken musste und dieselbe nicht mehr in Fläschchen empfangen durfte.

Es war nun beim Detachement ein deutscher Jude, der aus grosser Sparsamkeit

seine Ration stets verkauft hatte, eine geschenkte aber ohne Scheu

hinunterschluckte. Er wollte nun schlechterdings seine Ration nicht missen,

noch weniger des Gewinns, welchen ihm dieselbe bisher eingebracht hatte,

entbehren. Der Schlaue nahm desshalb seine Ration in den Mund und spuckte

dieselbe von mir entfernt heimlich in ein Fläschchen aus, das er seinem

Kunden, einem geschickten Schneider des Detachements, überbrachte.

Jeden Samstag musste ich auf der etwa vier Stunden entfernten Pflanzung

Botanybai die nöthigen Bananen fürs Detachement einkaufen. Ein offenes, von

drei Mann gerudertes Boot war hiezu bestimmt. Ich fuhr nun, je nachdem die

Fluth eintrat, manchmal des Nachts, oft aber auch in der glühenden Hitze

des Tages dahin.

Besonders freundlich wurde ich auf der Zuckerplantage The Nursery

empfangen, wesswegen ich nie versäumte, dort anzukommen. Die Frau des

Hauses beschenkte mich jedesmal mit Früchten aller Art, und für einige

Pfunde Brod, welche sie sodann unter die Negerkinder austheilte, bekam ich

jedesmal von ihr ein kleines Fässchen Zucker, so dass ich das manchmal

so schlechte Wasser des Postens immer als Limonade trinken konnte. Die

Pflanzung selbst ist eine der schönsten im Lande und ich glaube, dass die

grosse Fruchtbarkeit des Bodens und die gute Gesinnung der Neger sie zu

einer der einträglichsten machen. Gebäude, Gärten und Negerhäuser sind

zweckmässig und mit Geschmack angelegt. In einem Theile des prächtigen

Kochhauses befindet sich die Dampfmaschine, welche den Saft auspresst und

denselben in das zweite Stockwerk hinaufpumpt, wo in einem geräumigen Saale

zwei Reihen Kessel stehen, in denen der Likker (ausgepresste Saft) gekocht

und zu Zucker gemacht wird. Dieser wird im untern Raume aufbewahrt. Ein

langer Kanal, dem entlang die Zuckerfelder liegen, führt vom Kochhause

nach dem etwa zehn Minuten entfernten Landungsplatz, wo ein kleines

Sommerhäuschen in die Nickeriekreek hineingebaut ist.

Die Schiffe legen hart an diesem Häuschen an. Die Zuckerfässer werden

nun mittelst einer Winde aus dem innern Kanal ins Häuschen und von da ins

Schiff gehoben. Hinter der Mühle sind die Gebäude für die Fabrikation des

Rums, sowie die Traslogen, in welche das ausgepresste Rohr zum Feuern der

Kessel hineingeworfen wird.

Ein anderer Kanal trennt das höchst elegante und in einem Garten stehende

Wohnhaus von den Fabrikgebäuden und andere Kanäle scheiden es wieder

vom Dorfe der Neger, das drei Strassen bildet, die mit Kokos- und

Pomme-de-Cythere-Bäumen besetzt sind. Die Negerhäuser sind von Pina und

theilweise von Brettern dauerhaft aufgeführt, auch jedes mit einem Gärtchen

versehen.

Unmittelbar an dieser Pflanzung liegt die grosse Zuckerpflanzung Waterloo,

deren Eigenthümer einer jener sonderbaren Menschen war, die bei ungeheurem

Reichthum stets noch mehr zu erlangen streben. Hoch in Jahren, Eigenthümer

von drei schönen Pflanzungen mit mehr als 700 Sklaven, lebte dieser Mann

einsam auf seiner Pflanzung, ohne Frau und Kinder. Eine Mulattin, die er

mit einer seiner Negerinnen gezeugt hatte, war selbst auch Sklavin und

versah sein Hauswesen. Ich kam manchmal zu ihm; er war in der Folge sehr

für mich eingenommen und wollte mich sogar vom Militär loskaufen und auf

seiner Plantage als Blankoffizier mit 500 fl. Gehalt anstellen. Doch

ich hatte keine Neigung fürs Pflanzerleben und war mit meiner Lage

zufrieden[5].

Ungeachtet die Mosquittos auf Nickerie für eine grosse Plage anzusehen

sind, so ist doch der Mangel an Trinkwasser in den Trockenzeiten ein noch

ärgeres Uebel. Ein grosser eiserner Behälter, in welchem das Regenwasser

sich sammelt, befriedigt nur auf kurze Zeit das Bedürfniss des

Detachements. Wenn es aber einige Zeit nicht regnete und die Cisterne leer

war, so musste man in Fässern Flusswasser aus dem oberen Nickerie und zwar

oft zwölf Stunden weit herbeischaffen. Bleibt die Pont, welche mit etwa

dreissig Fässern beladen ist, über die bestimmte Zeit aus, so ist die Noth

sehr gross und ich habe selbst bei einer solchen Gelegenheit auf einer

anderen Pflanzung für eine Calabasse Sumpfwasser ein Sacktuch gegeben, das

ich Tags zuvor um 1 fl. 25 kr. gekauft hatte. Das Wasser wurde jeden Morgen

durch den Corporal der Wache an den Koch und die Soldaten ausgetheilt.

Diese Austheilung fand unter einem Gedränge von Kühen, Schafen, Schweinen

und Federvieh statt, die sich um die herunterfallenden Tropfen stritten.

Die Enten aber flogen auf die Fässer und streckten ihre langen Hälse zu

den Spontenlöchern hinein, um ihren Durst zu löschen. Es hatte seit acht

Monaten nicht geregnet, so dass alle Pflanzen durch die Trockenheit Noth

litten. Wie sehr alsdann ein plötzlicher Regen erquickt, und wie wenig

man die Mühe scheut, das kostbare Wasser in allerlei Gefässen aufzufangen,

lässt sich nicht beschreiben.

Gewöhnlich haben die Seeposten Ueberfluss an Wild und Fischen, was auch

hier der Fall war. Auf einer grossen Bank, die sich bei dem Posten weit

in die See erstreckte, gebraucht man zum Fang der Seefische ein etwa 100'

langes und 6' hohes Netz; mit aufsteigender Fluth liefen zwei Männer mit

dem einen Ende bis um den Hals ins Wasser, während zwei andere mit

dem andern Ende ganz nahe und langsam am Lande marschirten. Plötzlich

schwenkten die äussersten dem Lande zu, und die Fische fingen sich in einem

grossen, in der Mitte des Netzes angebrachten Sacke. Zog man sie ans

Land, so sah man ein Gewimmel von den wunderlichsten Gestalten. Rochen

mit ungeheuren, stachlichten Schwänzen, Hai- und Sägefische, und den

sonderbaren Hammerfisch sah man mit allerlei Arten von Welsen, die im

süssen und salzigen Wasser vorherrschen, beisammen.

Hatte man so einige Stunden gefischt, so wurde die Beute getheilt und von

jedem auf beliebige Weise zurecht gemacht.

Auf andere Weise wurde das Fischen in den Gräben der Cattunfelder

betrieben. Hier fängt man mit 6' breiten und eben so langen Netzen, welche

die Neger aus Cattun stricken, eine Menge Kwikwi, welche an Güte und Grösse

die der übrigen Colonien übertreffen[6]. Die Suppen von diesen Fischen

gehören zu den Leckereien Guyana's. Wir brachten stets von diesen

Fischpartien so reichlichen Fang nach Hause, dass wir ihn kaum schleppen

konnten. Häufig fing man auch in den Gräben junge Kaimans, die ebenfalls

auf ihre Manier fischten und durch gewaltige Schläge mit dem Schwanze uns

zuweilen grossen Schrecken einjagten.

Man findet den Kaiman (Alligator sclerops) überall sehr häufig und zwar

immer im Wasser, aus welchem er die Hälfte seines Kopfes streckt. Nie habe

ich einen gesehen, der über 6' lang gewesen wäre, schon solche von dieser

Länge sind sehr selten. Weibchen von 4', die jedoch noch lange nicht

ausgewachsen sind, legen Eier an den Ufern der Flüsse und Kreeken in

angeschwemmtes Reisach, sowie an feuchte Plätze. Diese Eier sind etwas

grösser, als Hühnereier, an beiden Enden gleich abgerundet, schmutzig

weiss, und mit einer porösen Kruste überzogen.

Die Indianer essen das Fleisch und die Eier sehr gerne; auch die Franzosen

sind grosse Freunde von ersterem. Einmal brachte man mir ein weibliches

Beutelthier (Didelphis tricolor). Es war von der Grösse eines

Eichhörnchens, hatte einen spitzigen Kopf, grosse nackte Ohren, grosse,

schwarze, wie bei den Ratten hervorstehende Augen und einen langen, nackten

Wickelschwanz. Es hatte eine bräunliche Farbe, über jedem Auge einen

schwarzen Flecken; Brust und Bauch jedoch waren ockergelb. Ich sperrte es

in einen Käfig, in welchem man es beobachten konnte, ohne von ihm gesehen

zu werden. Als Nahrung gab ich ihm Wasser und gekochte Fische. Des andern

Tages fand ich ein Junges von der Grösse einer Maus, das nach Herzenslust

mit seiner Mutter frass. Nach und nach erschienen noch drei, die alle den

Tag zuvor im dichtverschlossenen Beutel der Mutter verborgen gewesen waren.

Es war allerliebst, die Spässe dieser Thierchen zu sehen, unter welchen

sie sich um die Mutter herumtrieben, aber beim geringsten Geräusche in den

Beutel flüchteten. In Folge der reichlichen Nahrung wurden die Jungen bald

gross, so dass zuletzt die Mutter nicht mehr alle vier beherbergen konnte,

und eines, zwei und zuletzt drei dieses Schutzes entbehren mussten; doch

schlangen die Aussenbleibenden ihre Schwänzchen um die Mutter.

Das Wasser schlappten sie wie die Hunde, frassen auch wie diese; doch

gebrauchten sie häufig die Vorderpfoten, wie die Affen. Sie wurden nie

zahm; sondern zischten und pfeuchten, wenn man sich dem Käfig näherte. Sie

haben ein ungemein zähes Leben; denn sie wehren sich noch, wenn schon Hirn

und Eingeweide herausgenommen sind. Nach und nach entschlüpften mir alle.

Ebenso reichlich, doch mühsamer ist die Jagd auf die Wasservögel.

In den zwei ersten Monaten der Trockenzeit, wenn das Wasser der grossen,

morastigen Savannen, welche hinter den Cattunpflanzungen liegen,

eintrocknet, versammelt sich dort eine unglaubliche Menge von Wasservögeln,

welche alle reichliche Nahrung finden und um diese Zeit am fettesten sind.

Da diese Savannen über drei Stunden weit vom Posten entfernt liegen, und

dort kein Trinkwasser zu finden ist, so fand sich blos _ein_ Soldat beim

Detachement, der die Mühe dieser Jagd nicht scheute und viel Geld durch

den Verkauf seiner Beute erwarb. Ich war neugierig, auch diese Art der Jagd

kennen zu lernen und begleitete ihn eines Tages.

Des Abends verliessen wir den Posten und übernachteten auf der Pflanzung

Providence. Mit Sonnenaufgang waren wir auf dem Damme, der die Ländereien

dieser Pflanzung von der Savanne trennt. Von dieser lässt sich kein

reizendes Bild entwerfen. Eine grosse, stundenweite Ebene dehnt sich nach

allen Seiten aus. Sie ist theilweise mit falbem Grase, Schilf und niederem

Gesträuche bedeckt, über welches einzelne ganz trockene und halbverbrannte

Baumstämme hervorragen, welche traurige Ueberreste eines schrecklichen

Waldbrandes sind, welcher vor mehreren Jahren vom Ober- bis Niederdistrict

um sich griff. An manchen Stellen hauchen Pfützen den widerlichsten Geruch

von abgestandenen Krebsen und Fischen aus, deren Ueberreste überall herum

liegen, während man an andern Stellen bis um die Knie in teigartigem

Schlamme watet. Dabei leidet man sehr von der glühenden Hitze, und im

Schatten von den Stichen unzähliger Mosquittos. So arm sich auch die

Vegetation in diesen Sümpfen zeigt, um so belebter sind dieselben von

Thieren. Grosse, weisse Reiher (Ardea alba), hier Sabaccu genannt, rothe

Ibise, Schnepfen und Enten sind in unzählbaren Schaaren hier versammelt,

während auf dem Boden die Fusstapfen vom Krebshunde (Procion cancrivorus),

dem Hirsche (Cervus rufus), dem Jaguar und den Beutelthieren den Beweis

dafür geben, dass auch vierfüssige Thiere hier ihrer Nahrung nachgehen.

Wir marschirten wohl eine halbe Stunde über Pfützen und gestürzte

Baumstämme in grösster Stille, als wir auf einmal, als wir um die Ecke

eines kleinen Busches kamen, die ganze Fläche, so weit das Auge reichte,

mit Reihern wie beschneit sahen. Der Lärm der Stimmen so vieler Tausende

ist betäubend, und mit einem donnerähnlichen Geräusche flogen sie auf, als

wir näher kamen.

Ihrer Magerkeit wegen werden sie wenig geschossen, doch sind ihre Federn zu

Betten sehr brauchbar. Es zeigte sich auch ein Häufchen rother Ibise, deren

17 mit einem Schuss getödtet wurden. Mit Verwunderung musste ich sehen, wie

mein Kamerad eine Anzahl Schnepfen, die zerstreut herum liefen, zusammen

lockte. Sie kamen, obwohl sie ihn sehr gut sahen, auf einen leisen,

eigenthümlichen Pfiff dicht zusammen und waren so leicht in Haufen zu

schiessen. Es fielen über 40 auf einen Schuss. Sie hatten die Grösse

einer Taube und waren äusserst fett und delicat. Man nennt diese Art hier

Pluviere[7].

Weiter landeinwärts stiessen wir auf grosse Flüge wilder Enten, von welchen

mein Jagdgefährte ebenfalls einige Dutzende schoss.

Man findet hier vier Arten derselben, von welchen eine der grössten, die

Moschusente, wohl 12 Pfund schwer wird[8]. Die andern sind viel kleiner,

als die gewöhnliche Hausente, doch haben sie höhere Beine und fliegen immer

in grossen Zügen unter immerwährendem Gepfeife, während die Moschusente nur

in kleinen Truppen oder paarweise getroffen wird. Alle nisten in Sümpfen

auf den Boden. Nachdem noch einige, beinahe mannshohe, storchartige Vögel

mit langem dickem Schnabel (Negerköpfe genannt) geschossen waren, traten

wir gegen Mittag den Rückweg an. Es war uns beiden nicht möglich, diese

Menge Wild weiter, als auf den Damm zu tragen. Mein Gefährte holte

desswegen einen Neger auf der Pflanzung Providence, der uns die Beute nach

dem Posten bringen half.

Nachdem ich meine Portion bekommen hatte, verkaufte mein Kamerad den Rest

an das Detachement und die Bürger. Ich habe noch einigemal allein diese

Savanne besucht, hatte aber zu wenig Geschicklichkeit und Geduld, um grosse

Beute zu machen, und konnte ganz leicht ohne Neger dieselbe nach Hause

bringen.

Wir waren unserer sechs Korporale auf dem Posten, von welchen immer einer

abwechslungsweise sich an Bord des Kolonialschooners befand, und alle 8

Tage von einem andern abgelöst wurde.

Die Reihe kam nun auch an mich, obschon ich eben kein Verlangen darnach

hatte; denn es ist sehr unangenehm, in dem kleinen Raume des Schooners mit

Negern und Indianern logiren zu müssen, die Ausdünstungen dieser Leute und

den Geruch von Thee und Schiffsprovision immer in der Nase zu haben. Ausser

dem Kapitän und Steuermann waren 6 Soldaten, 6 Neger und 8 Indianer an

Bord.

Durch das immerwährende Schaukeln des Fahrzeuges, das jedoch vor Anker lag,

litt ich beständig an der Seekrankheit. Beschäftigung hatten wir natürlich

keine. Die Soldaten schliefen oder spielten den Tag über, die Neger

thaten dasselbe, und die Indianer lagen in ihren Hängematten, wo sie

sich gegenseitig das im Gesicht und am Leibe keimende Haar mit zwei

Muschelschalen herauszogen. Den Tag über schützte uns ein über das Fahrzeug

ausgespanntes Segeltuch vor den Strahlen der Sonne und in der Kühlung

schöner Abende erfreuten wir uns durch gegenseitiges Erzählen.

Die Indianer waren lauter junge Kerls, welche uns viel Spass machten.

Eines Tages hatte ich Gelegenheit, ihre Geschicklichkeit im Schwimmen zu

bewundern. Der Kapitän war mit ihnen auf dem Posten gewesen, von welchem

sie betrunken zurückkamen.

Zwei von ihnen bekamen mit einander Händel, und der eine verlangte vom

Kapitän, nach dem Posten zurückgebracht zu werden, weil er nicht mehr bei

seinen Kameraden bleiben wolle. Man lachte natürlich über seine Forderung.

Er aber packte Hängematte, Pfeife, Bogen und Pfeile zusammen, kletterte

damit auf der Ankerkette bis in die See und schwamm plötzlich dem Lande zu.

Es war gerade die Zeit der Ebbe, und der Kapitän befürchtete desswegen, der

Strom möchte den närrischen Kerl weit in die See treiben, oder er könnte

von einem Haifisch gefressen werden, und liess ihm durch den Steuermann

und zwei Matrosen nachrudern, um ihn aufzufangen. Der Schwimmer merkte aber

kaum deren Absicht, als er untertauchte und ihnen so immer entkam, wenn

sie ihn schon zu haben glaubten. Plötzlich verschwand er wieder, und wir

glaubten, er sey verunglückt; aber bald sahen wir ihn ganz mit Schlamm

bedeckt, jedoch mit allen seinen Siebensachen, ans Land steigen. Er lief

nun, so schnell als er konnte, nach dem Wachthäuschen, von wo aus er über

die Nickerie schwamm, die hier so breit ist, als der Rhein. Des andern

Tages kam er wieder nüchtern zurück.

Ich machte verschiedene Male mit dem Kapitän kleine Reischen nach der

Correntin und ihren Inseln, und unsere Indianer, welche bei dieser

Gelegenheit auf die Jagd gingen, brachten immer etwas mit.

Dreimal war ich an Bord dieses Schooners, der Beschermer hiess, detachirt

und wir waren herzlich froh, als eine kleine Kriegsbrigg denselben ablöste

und dort keine Wache mehr zu besetzen war. Weil durch die vielen Wachen auf

dem Posten und dem vor der Mündung der Kreek liegenden Schooner den Sclaven

des Distrikts das Entfliehen zu Wasser, wenn auch nicht ganz unmöglich

gemacht, so doch sehr erschwert wurde, so versuchten einige zu Fusse nach

dem Correntin zu entkommen.

Anfangs November erhielten wir die Nachricht, dass zwei Neger von

der Pflanzung Waterloo auf diesem Wege entlaufen wären. Man löste

augenblicklich zwei Kanonenschüsse als Zeichen für den Schooner, der

sogleich eine Schaluppe nach dem Posten sandte. Drei Patrouillen wurden

alsbald beordert, den Flüchtigen nachzusetzen. Sechs Mann mussten sich

sogleich zu Wasser nach der Nannaykreek begeben, welche auf holländischer

Seite ist und oberhalb der ersten Insel in den Correntin mündet. Sie

blieben dort als Stationsposten. Drei andere mussten mit dem grossen Boote

des Postens immerwährend längs der Küste kreuzen, und vier Mann sollten

unter dem Commando eines Korporals durch die Sümpfe nach dem Correntin

zu kommen suchen, wo sie sich mit dem Detachement an der Nannaykreek

vereinigen mussten.

Da ich noch nie eine Buschpatrouille mitgemacht hatte, so bat ich den

Commandanten, mich mit der letzteren gehen zu lassen. Wir fuhren nun gegen

5 Uhr Abends nach der Pflanzung Margarethenburg, von welcher aus wir den

andern Morgen unsere Reise durch die Sümpfe antreten sollten. Wir hatten

Lebensmittel auf vier Tage und waren mit Gewehren und Säbeln bewaffnet. Als

Schlafplatz wies man uns eine Kammer an, in die wir ohne Licht eintraten,

um die Mosquittos nicht anzulocken. Unausgeschälter Kaffee lag einige Fuss

hoch auf dem Boden. Wir tappten im Finstern herum und machten uns unser

Nachtlager zurecht. Die Soldaten vergruben sich unter den Kaffee, um von

den Mosquittos nicht geplagt zu werden. Ich fand zufälligerweise in einer

Ecke einen Haufen Leinwand, welche ich auf dem Kaffee ausbreitete und mich

damit bedeckte.

Mit anbrechendem Tage machten wir uns reisefertig. Jetzt erst bemerkte ich

mit Schrecken, dass ich zu meiner Lagerstätte die frischgewaschenen Hemden

des Pflanzers benützt hatte, welche man den andern Tag bügeln wollte, und

die durch meine, mit Oel eingeschmierten Schuhe freilich nicht weisser

geworden waren.

Sechs Jahre in Surinam Bilder aus dem militärischen Leben dieser Colonie und Skizzen zur Kenntniss seiner socialen und naturwissenschaftlichen Verhältnisse · 第 10 / 23 段