Abenteuer höchst interessant. Auch in Handarbeiten, als Nähen,
Strohflechten, Formschneiden u. s. w. war er vollkommener Meister.
Holländisch wollte er nie lernen; wir sprachen desshalb immer französisch,
und zugleich unterrichtete er mich im Englischen, wozu Popes Homer-Lexicon
und Dictionair diente.
Mein Aufenthalt auf Mauritzburg dauerte nur fünf Monate; denn Anfangs Juni
wurde ich abgelöst, um in die Garnison zurückzukehren.
Diess war nun wieder nicht nach meinem Sinn; doch hatte ich lange genug
auf Posten gelegen, um darüber nicht mit Recht unzufrieden seyn zu können.
Ausser mir wurden auch ein Corporal und sieben Mann dazu bestimmt, mit mir
nach Paramaribo zurückzukehren. Es war gerade in der grossen Regenzeit. In
Folge der heftigen Regengüsse, welche verschiedene Tage lang andauerten,
war die Cassawinika so angeschwollen, dass die ganze Ebene von Mauritzburg
bis Gouverneurslust einem See glich. Der Cordonweg zwischen beiden Posten
war 2' tief unter Wasser, und nur der obere Theil der Cassawinikabrücke
ragte noch als erhabener Punkt hervor.
Die Pont, welche uns nach Paramaribo bringen sollte, lag bei der Brücke und
wir mussten desshalb bis um die Hüfte im Wasser marschiren, wobei man die
Brücke immer im Auge zu behalten hatte, um nicht in die längs des Weges
laufenden tiefen Gräben zu fallen, in welchen das Wasser über 10' tief
stand. Aus Missverstand oder aus allzugrossem Diensteifer hatte der
Sergeant des Postens befohlen, dass wir bewaffnet und in Uniform dahin
marschiren sollten. Dieser Befehl war aber durchaus nicht nach unserem
Geschmacke; denn einige Tage zuvor hatten wir allen unsern militärischen
Putz gereinigt, um bei unserer Ankunft in der Garnison Alles in Ordnung
zu haben. Dagegen half natürlich kein Schelten und Fluchen. Man nahm das
Wohlverpackte wieder aus den Kisten und trat Morgens 9 Uhr den Marsch nach
der Brücke an.
Der Regen fiel in Strömen herab und das Wasser eilte mit reissender
Schnelligkeit nach der Kreek. Der Kommandant, der uns durch das Fernrohr so
aufgeputzt durch das Wasser marschiren sah, ahnte die Sotise des Sergeanten
und kam zu Fusse von der andern Seite her an die Brücke, weil sein Pferd
nicht durch das Wasser wollte. Der Sergeant war zu Hause geblieben, weil er
nasse Füsse scheute und musste geholt werden. Er bekam eine derbe Nase,
zu welcher wir von der Pont aus ein Hurrah beifügten, und dann unter
schrecklichem Regen abzogen.
Pfeilschnell ging es auf der Cassawinika hin, die in den vielen Krümmungen
nordöstlich nach der Comowyne läuft.
Vor 2 Uhr befanden wir uns bereits auf dem Posten l'Espérance, der an der
Ueberseite der Comowyne, oberhalb der Mündung der Cassawinika, liegt. Hier
wurden wir von einem Sergeanten erwartet, der uns nach der Stadt bringen
musste. Wir verliessen mit anbrechender Nacht den Posten und hielten
des andern Mittags bei beginnender Fluth an der jetzt verlassenen
Caffeepflanzung Bergerac. Ein heftiges Gewitter nöthigte uns, in der Pont
zu bleiben; denn der Regen stürzte, wie aus Eimern geschüttet, vom Himmel.
Plötzlich erfolgte ein Donnerschlag, der so heftig war, dass uns Hören
und Sehen verging. Der Blitz hatte kaum fünf Schritte von uns ins Wasser
geschlagen. Zugleich sahen wir, dass der vordere Giebel des Caffeemagazins,
sowie das Dach der Mühle durch die Gewalt der Blitze zertrümmert waren.
Im oberen Stockwerk, aber glücklicherweise auf der andern Seite, waren
etwa 15 Kinder mit Caffeeschäufeln beschäftigt, so dass keines von ihnen
beschädigt wurde.
Als der Regen aufhörte, besichtigten wir den Schaden. Ein sehr pfiffiger
Soldat suchte eifrig den Donnerkeil, der das Gebäude sollte getroffen
haben. Er griff desswegen in alle Krötenlöcher, die er in der Nähe
desselben antraf und fand endlich zu unsrer grossen Belustigung in einem
derselben einen grossen eisernen Thürangel, den er endlich, aber erst nach
genauer Untersuchung, für einen solchen erklärte.
Gegen Mittag des andern Tages überfiel uns im Surinam ein so heftiger
Sturm, dass wir in grosser Gefahr waren, zu sinken; denn die plumpen,
platten Ponten füllen sich bei starkem Wellenschlag leicht mit Wasser.
Aber auch hier begünstigte uns das Glück. Wir erreichten das jenseitige
Ufer des Stroms und hielten uns an den Zweigen, bis der Sturm sich gelegt
hatte.
Mittags 3 Uhr waren wir am Orte unserer Bestimmung, in Paramaribo,
angekommen. Hier erwartete mich nun wieder ein ganz anderes Leben als das,
welches ich bisher geführt hatte.
Es waren nur wenige Corporale in der Stadt und desshalb der Dienst ziemlich
schwer. Wir mussten jeden andern Tag auf die Wache und wurden, besonders
bei der jetzigen Regenzeit, zuweilen bis auf die Haut durchnässt, was keine
Kleinigkeit war.
Kaum von der Wache in die Compagnie zurückgekommen, bekam man den Dienst
der Woche, bei welchem man für Alles zu sorgen hatte, was Reinlichkeit und
Ordnung betraf, wenn man sich nicht die grässlichen Flüche der Sergeanten
auf den Hals laden wollte. Kurz, es gibt keine geplagtere Charge bei dem
Militär, als den Korporal, der mit den Soldaten sich nicht gemein machen
darf und doch von den Unteroffizieren entfernt gehalten wird. Es ist dieser
Rang so ziemlich analog dem der Blankoffiziere und ein trauriges Mittelding
zwischen Seyn und Nichtseyn.
Zum Glück dauerte mein Aufenthalt in der Garnison nicht lange; denn gegen
die Mitte Augusts 1838 erhielt ich den Befehl, mich mit einem bereit
liegenden Tentboote nach dem Posten Nickerie zu begeben.
Mein Kommandant auf Mauritzburg war zum Landdrost des Niederdistrikts
Nickerie ernannt und hatte die Güte, mich dahin kommen zu lassen.
Ein Sergeant, der auf Urlaub in der Stadt gewesen war, kehrte mit dem Boote
nach dem Posten zurück. Die Wittwe eines kürzlich verstorbenen Offiziers
benützte ebenfalls diese Gelegenheit, um einer Freundin, die auf einer
Pflanzung am Coppename wohnte, einen Besuch abzustatten. Die Bagage
dieser Dame nahm den grössten Theil des Tentes ein, und ihre Hut- und
Haubenschachteln bildeten kleine Pyramiden, welche an die Decke stiessen.
Gerudert von acht kräftigen Indianern, fuhren wir Abends 4 Uhr von
Paramaribo ab.
Ein Schiff, das nach den Nickeries geht, macht die Reise dahin meistens
in einem Tag, weil Strom und Wind gleich günstig sind. Ein Boot aber, das
durchs Innere geht und alle Krümmungen verschiedener Flüsse und Kreeken zu
passiren hat, braucht 8-10 Tage zur Reise.
Wir kamen nach den letzten Häusern der Stadt in den Wanika-Kanal, an
welchem ½ Stunde von Paramaribo der Invalidenposten Poelepantje (deutsch:
zieh deinen Unterrock aus) liegt.
Bei dunkler Nacht erreichten wir den Invalidenposten Bakra Masango, der,
rings umgeben von Sümpfen, am Canale liegt. Myriaden Mosquittos machen
diesen Platz zu einer wahren Hölle.
Es ist hier die Wasserscheide des Kanals, der seinen Zufluss aus dem
Surinam und dem Saramanka erhält, und wir mussten eine Stunde warten, ehe
die Ebbe in dem Canale eintrat.
Mit anbrechendem Tage kamen wir in die Saramacca und blieben auf dem Posten
Uytkyk, der an der Mündung des Canals liegt, einige Stunden. Es sind hier
10 Mann unter dem Kommando eines Sergeanten. Die Plantagen in der Nähe
bieten hinlänglich Gelegenheit, sich mit Erdfrüchten, Zucker, Caffee
u. s. w. zu versehen.
Wir fuhren mit dem Abletzen der Ebbe bis auf den ½ Stunde weiter entfernten
Posten Groningen. Dieser Platz, wie Paramaribo, auf einer hohen Sandritze
gelegen, war zu einer Stadt bestimmt, welche den Namen Columbia erhalten
und als Stapelplatz für die Erzeugnisse der Saramacca dienen sollte.
Es sind einige Strassen vorhanden, welche, wie die von Paramaribo, mit
Orangebäumen besetzt sind. Die Hauptsache aber, nämlich Häuser, sucht man
vergebens.
Das Land ist ziemlich hoch, und grosse Klippen, die aus
zusammengetrockneten Muscheln bestehen, werden zu Bausteinen bearbeitet und
dienen in Paramaribo zu Fundamenten von Schutzmauern gegen das Abspülen.
Eine Quelle eiskalten Wassers strömt aus diesen Klippen. Gegenüber dem
Posten ist das Land in verschiedene gleichgrosse Stücke eingetheilt, welche
denjenigen gegeben wurden, die sich dort anzusiedeln gedachten. Zugleich
unterstützte das Gouvernement die Unternehmer mit Werkzeugen und
Lebensmitteln. Aber, da Fleiss und Industrie hier nicht zu Hause sind, so
konnte man sich keines guten Erfolges erfreuen.
Nachdem wir die halbe Nacht durch gefahren waren, kamen wir am Morgen auf
einer Caffeepflanzung, Huwelykszorg, an, wo wir mit aller Freundlichkeit
bewirthet wurden.
Gegen Mittag waren wir auf dem Posten Nassau, an der Mündung des Flusses
gelegen.
Einzelne rothe Ibise, hier Flamingos genannt, spazierten längs des
schlammigen Ufers, in dem man bis um den Leib einsinken würde, wenn man auf
dem schmalen Baum, der zur Landung dient, fehl träte.
Ich sah hier einen Neger, der am Strande auf eben diesem schlammigen Ufer
Krabben fing. Ein etwa 2' langes Brett, das er sich um den Fuss gebunden
hatte und worauf er kniete, hinderte das Einsinken, und indem er sich
mit dem freien Fuss fortstiess, schnellte er mit grosser Geschwindigkeit
weiter.
Der Posten Nassau, ebenfalls im niedern Sumpfland angelegt, ist wegen
der Seewinde gesund und hat Ueberfluss an Fischen und Wild, sowie an
Lebensmitteln, welche man von den umliegenden Pflanzungen bekommen kann.
Diess ist der Grund davon, dass alle Soldaten, ungeachtet der vielen
Mosquittos, gerne hier sind. Es befanden sich hier 12 Mann unter dem
Kommando eines Sergeanten. Wir wurden sehr freudig aufgenommen, hatten
aber Gelegenheit, bald zu bemerken, dass der grösste Theil der Soldaten
betrunken war. Der monatliche Sold war Tags zuvor ausbezahlt worden und man
konnte desshalb aufs Neue wieder beim Sergeanten borgen, der eine kleine
Herberge hatte, von welcher er selbst ein guter Kunde zu seyn schien.
Die beiden Sergeanten fuhren, um den Tag lustig zubringen zu können, nach
einer naheliegenden Pflanzung und überliessen mir die Sorge für meine
Reisegefährten, der ich sehr gerne enthoben gewesen wäre.
Es war nun drollig, mit anzusehen und anzuhören, wie die Soldaten des
Postens der guten Frau ihr Leid bezeugten über den Tod ihres Mannes (eines
zweiten Lieutenants der Colonie, der an einem Delirium gestorben war
und seine Frau aufs Aergste misshandelt hatte) und welche Bonmots und
Galanterien sie dabei mit einfliessen liessen.
Gesang, Händel und Schlägereien dauerten den ganzen Mittag fort und als die
Nacht anbrach, trieben uns die Mosquittos ins Haus zurück, wo man, um das
lästige Ungeziefer zu verscheuchen, einen Rauch machen musste, dass man
beinahe erstickte.
So sass ich nun in der Stube des Sergeanten mit meiner Anvertrauten und
den zwei Korporalen des Postens, die, um der Frau Zeichen ihrer Achtung zu
geben, die Tugenden ihres seligen Mannes herausstrichen, den die Geplagte
wahrscheinlich hundertmal zum Teufel gewünscht hatte.
In Folge der zwei Nächte, welche ich auf der Reise schlaflos zugebracht
hatte, fühlte ich das Bedürfniss nach Ruhe und ich wurde um so schläfriger,
je mehr mir das Gespräch meiner zwei betrunkenen Kameraden in den Ohren
klang.
Meine Hängematte war oben auf der Bühne, wo einige grosse Rauchtöpfe
die Mosquittos verscheucht hatten und ich wünschte, dass die Ankunft der
Sergeanten erfolgte, um mich schlafen legen zu können. Die Frau aber,
welche mehr Erfahrung hatte, befürchtete, dass die Sergeanten nicht
nach Hause kommen würden. Unbemerkt schlich ich nach oben, wo mich ein
herrlicher Schlaf erquickte.
Des Morgens sah ich Madame S. auf einer Bank am Wachtfeuer liegen,
zugedeckt mit den Mänteln der wachthabenden Soldaten und jämmerlich
zugerichtet von den Mosquittos.
Die Sergeanten waren um Mitternacht sehr lustig nach Hause gekommen und
sie suchte, um allen Beileidsbezeugungen zu entgehen, ein Plätzchen am
Wachtfeuer.
Wir verliessen gegen Mittag den Posten, um noch mit dem letzten Wasser der
Ebbe die Mündung des Copename zu erreichen.
Es war schönes, helles Wetter und die weissen Häuser des
Leprosen-Etablissements blickten uns freundlich aus dem dunkeln Wald
entgegen.
Es war Springzeit[1] und unsere Ruderer, die ihr Möglichstes thaten, wurden
durch die rasch anschwellende Fluth begünstigt.
Das Boot flog wie ein Pfeil dahin und gegen 8 Uhr hatten wir den Kostgrund
De Hoop, ein dem Lande gehöriges Etablissement, wo die Bananen für die
Neger der ebenfalls dem Gouvernement gehörenden Holzfällerei Andresen
gepflanzt werden, erreicht.
Hier blieb unsere Reisegefährtin; wir aber setzten, nachdem wir etwas
gegessen hatten, unsere Reise fort.
Der Director dieses Platzes, ein Schotte, nahm sich kurze Zeit nachher,
einer sonderbaren Ursache wegen, das Leben. Ein Negermädchen dieses Ortes
war durch eigene Nachlässigkeit sehr mit Siccas oder Sandflöhen (Pulex
penetrans) geplagt, von welchen sich ganze Regimenter in ihren Füssen
angesiedelt hatten, wesshalb sie zur Arbeit untauglich war. Der Director,
obwohl er von der Heilkunde blutwenig wissen mochte, beschloss dennoch,
das Mädchen zu kuriren. Die Geplagte musste ihre Füsse in einen Kübel voll
siedenden Wassers stellen. Die Flöhe starben sogleich, das Mädchen war
aber auch am andern Tage eine Leiche. Da er nun kein Doctorpatent hatte
und desswegen zum Heilen auf diese Weise nicht befugt war, so wurde er vom
Gouvernement nach Paramaribo gefordert, um sich desshalb zu vertheidigen.
An Bord des Fahrzeuges de Beschermer, das ihn dahin bringen sollte, schnitt
er sich den Hals ab.
Mit Tagesanbruch waren wir am Holzgrunde Andresen, der nahe an der Mündung
der grossen Vaiambokreek, durch welche unsere Reise gehen musste, liegt.
Der Strom ist hier bedeutend schmäler, als weiter unten, und der schönste
Hochwald ziert seine Ufer. Schwarzes, klares Wasser füllte sein Bett, das
durch die häufigen Regen übervoll war.
Der Anblick dieses Etablissements war für uns ein sonderbarer und
ungewohnter. Wir sahen einen halb ausgehauenen Wald, in dem die Negerhütten
zerstreut und ohne Ordnung umherstanden. Ebenso war das Haus des Directors
blos aus rohen, ungehobelten Brettern zusammengesetzt; einige andere
Gebäude derselben Art dienten zu Magazinen und zu Wohnungen der
Blankoffiziere. Das Effect war noch nicht lange angelegt und desshalb Alles
erst im Werden begriffen. Das Holz, welches man hier fällt, wird meist
durch englische Schiffe abgeholt und zum Maschinenbau auf den Antillen
verwendet.
Später wurde mit ungeheuren Kosten eine Dampfsägmühle errichtet, die auf
einem eigens dazu eingerichteten flachen Fahrzeuge dahin gefahren werden
konnte, wo man das Holz vom Wald an den Strom schleppte, es dann sogleich
aufnahm und zu Brettern sägte. Diese Maschine war aber, wie es scheint,
für den Debit des Holzes zu grossartig und ist desshalb jetzt ausser
Thätigkeit.
Einer der blanken Aufseher hatte denselben Morgen einen kleinen Zitteraal
gefangen[2]. Ich bekam von diesem, etwa 1' langen und fingerdicken
Thierchen, einen solchen Schlag, dass ich wohl noch zwei Stunden nachher
das prickelnde Gefühl am Arme hatte.
Nach dem Mittagessen fuhren wir in die Vaiambo, welche die Copename mit der
Nickerie verbindet. Es sollten nun vier Tage vergehen, ehe wir wieder einen
von Weissen bewohnten Ort fänden.
Nur Indianerdörfer der Arowaken liegen unterwegs und zwar nicht am Wasser,
sondern in den Savannen, die sich ungefähr ¼ Stunde von den Ufern der
Kreeken befinden und wohin kleine, kaum bemerkbare Wege führen.
Des Abends schliefen wir im Boote, während die Indianer ihre Hängematten an
Bäumen befestigten und unter grosser Fröhlichkeit ihr Essen bereiteten, das
aus Bananen und gesalzenem Fisch bestand. Ein solches Bivouac im Walde hat
besonders im Innern des Landes, wo man vor Mosquittos gesichert ist, einen
ganz eigenen Reiz. Man liegt so bequem in der Hängematte, erwärmt vom
Feuer, das man unter sich brennen hat. Der stille Wald, aus dem nur
manchmal sich die klagenden Töne der Nachtvögel hören lassen, verbirgt
beinahe ganz das Licht der Sterne. Grosse Feuerfliegen schwärmen durch die
Gebüsche und Fledermäuse schwirren rechts und links vorbei. Zuweilen
hört man aus der Ferne das Gebrüll der Brüllaffen oder wird die
Stille unterbrochen durch den Fall alter, verfaulter Bäume, die mit
donnerähnlichem Getöse alle kleinen, unter ihnen stehenden Bäume und
Gesträuche niederreissen. Ehe der Morgen tagt, ertönen schon die gellenden
Stimmen der Wackagos (Ortalida parragua) und die flötenartigen Töne der
kleinen Anamu (Tinamus variegatus).
Jetzt wird eine Tasse heissen Caffees, nebst einem Stück Zwieback mit dem
besten Appetit in der Hängematte genossen, während die Indianer sich mit
Bananen begnügen, die sie an ihrem halberloschenen Feuer rösten.
In weniger als zwei Minuten ist die ganze Wirthschaft wieder im Boote, und
nur die Ueberreste des verbrannten Holzes und die versengten Blätter des
Bodens zeigen dem Vorübergehenden die Stelle eines Lagerplatzes an.
Am andern Tag machten uns die Indianer, während wir unser Mittagessen
kochten, auf ein grosses Dorf aufmerksam, das eine halbe Stunde von hier
entfernt in der Savanne liegen sollte. Während das Essen kochte, ging ich
durch den Wald dahin und hatte bald die ersten Hütten erreicht, in denen
aber, ausser einigen gezähmten Waldvögeln, Niemand zu sehen war. In den
hintersten Hütten aber hörte ich Geräusch und Stimmen und fand auch eine
Arowakenfamilie in der grössten Einigkeit in ihren Hängematten liegend und
ihren Lieblingstrank, den Casiri, schlürfend[3].
Kaum hatten mich die Kinder erblickt, so erhoben sie ein Zetergeschrei und
wollten sich lange nicht beruhigen lassen. Auch zwei Affen, denen ich eben
so fremd war, hielten zu ihrer Partie, schrieen und fletschten die Zähne
auf alle Weise, während die Weiber einige schattenähnliche Hunde, die
wüthend bellten, zurückhielten und ihnen mit Mauritzenfasern das Maul
zubanden.
Da die Indianer nur wenig nach der Stadt kommen und Weisse ebenso
wenig Visiten bei ihnen machen, so war mein Besuch freilich ein sehr
unerwarteter. Man bot mir Casiri an und eine grosse hohle, damit gefüllte
Calabasse (Gotto) wurde nun zum Geschenk für ihre Freunde, die ihr Essen
kochten und eben nicht sehr eilten, sie zu besuchen, mitgenommen. Die ganze
Familie begleitete mich zum Landungsplatze zurück, wo ich sie mit Dram
tractirte und wir als die besten Freunde von einander schieden.
Aus der Vaiambo, die südlich läuft, kommt man nach zwei Tagen in die
Aracacouakreek, eine kleine aber tiefe Kreek, wo die Ruderstangen nicht
Platz hatten und das Boot pagait wurde[4].
Die grossen Krümmungen, welche diese Kreeken machen, verlängern den Weg
bedeutend; denn die Nickerie ist über die See höchstens 30 Stunden von
Paramaribo entfernt.
Oben in der Aracacouakreek wurden wir bei hellem Tage plötzlich von
Schwärmen Mosquittos angefallen, die klein und mager und sehr gierig nach
unserem Blute waren. Wir mussten Rauch im Boote unterhalten, um diese
lästigen Gäste los zu werden. Man findet dieses Ungeziefer im obern Lande
manchmal stellenweise und selbst die Buschneger, die wohl 60 Stunden von
der Küste entfernt wohnen, klagen darüber.
Aus der Aracacouakreek kommt man in die Nickerie, eine schöne und tiefe
Kreek, die wohl den Namen Fluss verdiente. An ihren Ufern findet man
hauptsächlich viele Maripapalmen (Maximiliana regia), die hier ganze Wälder
bilden, während sie in andern Theilen des Landes zwar auch häufig, aber nur
einzelnstehend vorkommen.
Den 25. August erreichten wir mit anbrechendem Tage den indianischen
Posten an der Mündung der Maratacca. Die Indianer dieses Postens, sowie der
Dörfer, welche in den Savannen und am Maratacca liegen, sind meist Waraus,
weniger Arowaken und stehen im Dienste des Gouvernements, das an sie
Lebensmittel und Geschenke austheilt, wofür sie verpflichtet sind, als
Ruderer mit den Booten nach Paramaribo zu gehen, etwaige Patrouillen zu
machen u. s. w. Auch sind auf dem Wachtschiffe immer einige derselben. Sie
sind übrigens sehr launisch und laufen, wenn ihnen etwas nicht ansteht,
nach ihren Dörfern zurück.
Unsere Indianer, die hier zu Hause waren, machten nun im Boote ihre
Toilette, um mit Anstand wieder vor den Ihrigen zu erscheinen. Ihr Haar
beschmierten sie mit einer Mischung von Palmöl und Roccu (Bixa ovellana),
wodurch dasselbe zinnoberroth gefärbt wurde. Weisse Flaumfedern aus der
Brust von Raubvögeln wurden in diese teigartige Pomade eingedrückt. Das
Gesicht ward mit einem wohlriechenden Harze Aracasiri mittelst eines
zugespitzten Hölzchens tätowirt und alle ihre Kostbarkeiten an Affen- und
Pakirzähnen, Glaskorallen und Federschmuck wurden umgehängt.
Wir stiegen ans Land. Die meisten Indianer lagen noch in der Hängematte,
obgleich es heller Tag war: denn den Tag zuvor war des Königs Geburtstag,
an dem sie einige grosse Krüge Dram vom Landdroste bekommen hatten und sie
schliefen nun den Katzenjammer von gestern aus.
Ein alter Mulatte vom Eiland Granada ist als Posthalter hier angestellt.
Seine Eitelkeit schuf sich eine eigene Uniform, indem er abgetragene
Kleidungsstücke von Offizieren kaufte, in welchen er stets ausging, wenn er
den Posten oder die Pflanzungen besuchte. Er war übrigens nicht zu Hause,
sondern wohnte den Lustbarkeiten auf dem Posten bei.
Nach und nach sah man das Völkchen sich aus seinen Hängematten erheben,
worauf das Erste war, nachzusehen, ob nicht noch etwas in der Flasche übrig
wäre.
Es dauerte auch kaum eine Stunde, so waren alle wieder betrunken und auch
unsere Indianer lagen mit all' ihrem Putze im Grase herum.
Ein hübsches Weib sass in ihrer Hütte beim Feuer und kochte aus reifen
Bananen einen Brei für ihr Kind, das in einer kleinen Hängematte ihr um die
Brust hing. Ihr Mann lag betrunken am Boden. Sey es nun, dass das Weib sich
über die Trunkenheit ihres Mannes ärgerte (was ich aber nicht glaube) oder
durch andere Ursachen erhitzt war, kurz, sie sprach mit einem Zorne und
einer Geläufigkeit gegen den besinnungslosen, geduldigen Ehegatten, dass
sie die beste Amsterdamer Fischdame beschämen würde. Unterdessen hatte sie
die reifen Bananen aus dem Topfe genommen und in einer grossen, mit heissem
Wasser gefüllten Kalabasse mittelst einer grünen Banane zerquetscht.
Wie nun durch Gleichgültigkeit und Schweigen hitzige und streitsüchtige
Personen nur noch erboster werden, so war diess auch bei ihr der Fall; denn
sie sprang plötzlich rasch und unter immerwährendem Schimpfen, das für mich
natürlich unverständlich war, auf, ergriff ein brennendes Stück Holz,
mit welchem sie ohne Zweifel den armen Mann schrecklich würde zugerichtet
haben, wenn nicht einige dabei stehende und weniger besoffene Indianer
dessen Partei ergriffen und die Frau zurückgehalten hätten. Während sie mit
diesen rang, glitt sie auf der schlüpfrigen Schaale einer reifen Banane aus
und fiel mit ihrem nicht unansehnlichen Hintern in die Kalabasse, worin
der für ihr Kind bestimmte heisse Brei war, welcher nun über ihr
zusammenspritzte. Sie erhob ein Jammergeschrei und eilte sogleich mit dem
verbrannten Podex zur Abkühlung ins Wasser. Es war diess eine Scene zum
Todtlachen.
Gegen Mittag fuhren wir weiter und sahen gegen 4 Uhr die erste oder
vielmehr letzte Pflanzung Krabbehoek.
Auf der Pflanzung Botanybai erwarteten wir die Ebbe. Der Eigenthümer war
abwesend und wir trafen nur zwei junge Mulattinnen, Schwestern seiner Frau,
zu Hause. Sie luden uns jedoch nicht ein, in das Haus zu kommen, sondern
man liess uns den mosquittenreichen Abend unter den Negern der Pflanzung
am Landungsplatze zubringen, wo wir unser Abendessen kochten. Ob diess
aus Furcht vor unsern grünen Röcken oder aus Verachtung des Militärstandes
geschah, weiss ich nicht; denn viele solcher Damen sind am Ende ihrer
Glanzperiode herzlich froh, wenn sie sich mit Leuten aus dem Militärstande
verbinden können. Es war diess das erste Mal, dass ich auf solche Weise
behandelt wurde und ich habe während der Zeit meines Aufenthaltes auf
Nickerie vielfache Beweise des Wohlwollens von den Pflanzern dieses
Districts bekommen, so dass Obiges als eine seltene Ausnahme anzusehen ist.