Paramaribo entfernt), ist der erste Platz, wo sich das Land bedeutend
erhöht und die Einförmigkeit der Ebenen durch Sandhügel unterbrochen wird.
Auf einem, etwa 70-80' über den gewöhnlichen Wasserspiegel des Surinam
erhabenen Hügel liegt ein sehr in Verfall gerathenes Dorf: der Portug,
Judengemeinde, dessen aus Backsteinen gebaute Synagoge von früherem
Wohlstand zeugt. Das Dorf war von mehr als 200 Familien bewohnt, jetzt aber
leben nur noch einige in alten, halbverfallenen Häusern von den Wohlthaten
ihrer Glaubensgenossen in Paramaribo, und dem Nutzen einiger Kühe, die in
den dürren Savannen ein spärliches Futter finden. Das hohe Alter dieser
Menschen, deren einige tief in den achtziger Jahren sind, ist eine Folge
ihrer einfachen Lebensweise und der gesunden Lage ihres Orts.
Der Posten und die Wohnung des Kommandanten liegen im Thale am Strom. In
einer Schlucht des Hügels entspringt eine Wasserquelle dem Felsen,
welche einen Sumpf bildet, der mit der üppigsten Vegetation bedeckt
ist. Baumfarnen, viele Arten Melastomen und Aroideen, durchschlungen von
schönen, blühenden Lianen, wachsen an den Felsen herauf, während am Rande
der Savanne zahllose Bromeliaceen undurchdringliche Büsche bilden. Der
blendend weisse Sand der Savannen bildet einen mächtigen Contrast mit den
dunkeln Wäldern, die sie umsäumen, und schmerzt das Auge ebensosehr, als
er durch seine Hitze dem Wanderer beschwerlich ist, der an schwülen Tagen
darin marschiren muss.
Oben auf dem Hügel sieht man in südwestlicher Richtung ein hohes, blaues
Gebirge sich über den dunkeln Waldungen ausdehnen. Eine Insel im Flusse
verbirgt zur Hälfte einen kleinen Wachposten, der an der jenseitigen Seite
sich befindet. Einige Caraibendörfer lagen zerstreut in den benachbarten
Savannen.
Ich und ein anderer Soldat waren nach dem Hauptposten Mauritzburg bestimmt,
und wir mussten, ohne auf Gelderland verweilen zu dürfen, dahin abgehen[1].
Der rechte Flügel des Cordonwegs, der in einer achtstündigen Entfernung von
den Ufern des Surinam nach dem obern Comowyne sich hinzieht, wurde um
das Jahr 1770 desswegen angelegt, um die Colonie vor den Einfällen der
Buschneger zu bewahren, und dem Weglaufen der Sklaven vorzubeugen. Mehrere
grosse Posten und viele kleine Pikete zogen sich längs desselben hin, und
waren mit vielen Truppen besetzt. Die meisten sind übrigens eingegangen,
und bloss Gelderland am Surinam, Mauritzburg am Casawinika und Imotappie am
obern Comowyne bestanden noch und waren unter dem Commando von Officieren.
Zwei kleine dazwischen gelegene Posten dienten zur Beförderung von Briefen.
Der Weg geht grossentheils durch Savannen, in welchen man alles Schattens
beraubt ist und eine erstickende Hitze herrscht; nur in Niederungen, wo
Bäche und Wasser sich sammeln, ist Hochwald und üppige Vegetation. Die
Savannen gewähren einen wunderbaren Anblick. Grosse, stundenlange Flächen
sind mit niederem Strauchwerk und falbem Grase bedeckt, und gestatten
dem Auge eine ungeheure Uebersicht. Einzeln und gruppenweis stehende
Mauritzenpalmen geben durch ihr mattes Grün und ihre welken Blätter einen
melancholischen Anblick. Der Saum der Savannen besteht fast ganz aus diesen
Bäumen, in denen Schwärme von Raben und Papageyen nisten.
Die Mauritza (Mauritia flexuosa) ist die höchste der surinamischen Palmen
und besonders auf Savannen und sandigen, feuchten Plätzen in ungeheurer
Anzahl zu finden. Etwa ein Dutzend Blätter, die sich am Ende des Stiels
fächerförmig ausbreiten, und gegen 18' lang sind, zieren ihren Gipfel. Ihre
Höhe beträgt manchmal über 100'. Sie liefert den Indianern viele Dinge
zu ihrem Lebensunterhalt: die Blätter werden gespalten und zu Tauen
und Bindfäden verarbeitet; das Mark der Stiele reihenweise mit den aus
Blattfasern gedrehten Schnüren zusammengebunden, gibt leichte und sehr
zweckmässige Segel.
Ehe die Blüthentrosse sich öffnet, läuft aus einem, zu diesem Zweck unten
in den Baum gemachten Einschnitt eine Menge süssen Saftes, welchen die
Arowaken wie Wein trinken. Wenn der Stamm umgehauen und ein, etwa 4' langes
Loch hinein gemacht ist, wird das Mark desselben von den Larven eines
grossen Rüsselkäfers (Curculio palmarum), welche Cabbiswürmer genannt
und für eine grosse Leckerei gehalten werden, zernagt gefunden. Sie sind
fingerslang, daumendick, nankinfarbig, fühlen sich fett an, und haben einen
braunglänzenden harten Kopf. In Butter gebacken und mit Pfeffer bestreut
gehören sie gewiss zu den feinsten Delicatessen Surinams.
Die Früchte dieser Palmen sind von der Grösse eines mittelmässigen Apfels,
braun von Farbe, zierlich wie ein noch nicht reifer Tannenzapfen geformt,
und sitzen zu Hunderten an der Blüthentrosse. Sie wachsen manchmal in
solcher Menge am Stamm, dass ich das Gewicht mancher Rispe zu 400 Pfund
schätze. Die Indianer essen diese Früchte, obwohl sie nicht besonders gut
schmecken.
In den Savannen sind viele Termitennester, die in kleinen, spitzigen Kegeln
aus der Erde steigen, jedoch nie über 4' hoch sind. Hier nennt man diese
kleinen, den Ameisen ähnlichen Insekten, deren Hinterleib weisslich und
weich, der Kopf aber mit scharfen Zangen bewaffnet ist, Holzläuse. Sie
leben gesellig wie die Ameisen und in solcher Anzahl, dass sie dieselben an
Menge noch zu übertreffen scheinen. In den Wäldern findet man ihre Nester
beinahe an jedem Baum und zuweilen so gross, dass alte Bäume unter ihrer
Last erliegen. In alten Häusern, wo sie ihre centnerschweren Nester, welche
oft zwei bis drei Fuss im Durchmesser haben, ans Gebälke bauen, sind sie
eine grosse Plage. Die Nester bestehen aus zernagtem Holz oder Erde; das
Material hiezu wird manchmal weit hergeholt. Nichts ist vor ihnen sicher,
und man hat Beispiele davon, dass Kleidungsstücke, welche in einem
verschlossenen Koffer waren, in einer Nacht total aufgefressen wurden. Man
bekommt sie aber nie zu sehen, weil sie bei ihren Raubzügen von zernagtem
Holze oder Erde einen Gang bilden, der nach bestimmten Orten hinleitet.
Bäume, Balken und dergleichen werden auch nur von innen ausgefressen,
so dass man von aussen nichts bemerkt, obwohl diess bis zur Dicke eines
Kartenblatts geschieht. Sie sind immer thätig und arbeiten Tag und Nacht
an ihren Nestern, in welche, wenn sie verlassen werden, die Sabacarra (eine
grosse Eidechse) häufig ihre Eier legen. Hühner werden von ihnen fett.
Tiger, Ameisenfresser und Hirsche sind die Bewohner der Savannen, und
in den sie begrenzenden Wäldern sind Armadille und Kaninchen, sowie
hühnerartige Vögel, als Powisen und Agamis, sehr häufig.
An manchen Stellen, wiewohl selten, findet man die Agave americana mit
ihren manchmal 30' hohen Blüthenstengeln. Man macht von dieser nützlichen
Pflanze keinen Gebrauch; nur Buschneger und Sklaven gebrauchen zuweilen
ihre dicken Blätter als Seife, wesshalb man sie hier Ingisopo nennt.
Auf dem 2½ Stunden von Gelderland entfernten kleinen Posten Frederiksdorp
blieben wir während der grössten Hitze des Tages. Drei Soldaten, zwei
weisse und ein schwarzer, sind die ganze Besatzung. Sie müssen wechselweise
die von Mauritzburg und Gelderland kommenden Briefe nach beiden Posten
besorgen und ihren Lebensunterhalt von ersterem Posten auf dem Rücken
herbeitragen; sonst lebt jeder nach seiner Weise. Manchmal passirt in 14
Tagen kein Mensch diesen Posten.
Das Land ist unfruchtbar und bringt nichts hervor; dennoch hielten diese
Menschen wohl 100 Hühner auf dem Posten, die sich beinahe allein von
Termiten und Heuschrecken nährten.
Zwei kleine Stunden weiter befindet sich der Posten Mauritzburg, an welchem
wir Abends 5 Uhr ankamen. Dieser liegt in einer weiten, sumpfigen Savanne,
und besteht eigentlich aus drei Plätzen, von welchen der erstere Wohnort
des kommandirenden Officiers ist und Gouverneurslust heisst. Durch
Citronenhecken ist er von dem andern, einem nahe gelegenen einzelstehenden
Haus, »Markette«, abgesondert, in welchem die weissen Verbrecher der
Colonie aufgehoben werden. Der dritte, eine Viertelstunde davon abgelegene
heisst Mauritzburg, wo sich die Kaserne und Bäckerei, das Hospital und
die Magazine befinden. In der Mitte des Weges führt eine Brücke über die
Casiwinika, welche aus nahe gelegenen Sümpfen entsteht und in die obere
Comowyne sich ergiesst. Unterhalb des Postens liegen an ihr zwei armselige
Holzgründe, und auf den Savannen zwei Arowakendörfer. Etliche zwanzig Kühe
waiden auf den Savannen und versehen die Haushaltung des Commandanten
mit Milch. Ein Pferd ist zu seinem Dienste, und ein, von drei Mauleseln
gezogener Wagen zum Transport der Kranken bestimmt, welche von den
andern Posten, wo sich keine Aerzte befinden, abgeholt, und bei erlangter
Gesundheit wieder zurückgebracht werden. Ein zweckwidrigerer Transport
lässt sich nicht leicht auffinden; denn das Gerüttel auf den manchmal
abscheulichen Wegen ist selbst für Gesunde unausstehlich, und für Kranke
entweder eine Parforcecur, oder wenigstes ein Mittel, um sie noch kränker
zu machen. Im Blockhause werden sowohl Civil- als Militärverbrecher
verwahrt und zur Unterhaltung der Wege und Posten angehalten. Doch wird ihr
Loos durch gutes Betragen sehr erleichtert.
Ich wurde schnell mit der Umgegend bekannt. Der Dienst war leicht und
angenehm und alles lebte im Frieden, weil der allgemeine Friedensstörer,
der Branntwein, nicht zu bekommen war.
Doch schon nach 14 Tagen wurde ich nach dem zwei kleine Stunden entfernt
liegenden Posten Nepheusburg detachirt, um einen der zwei blanken (weissen)
Soldaten, der nach der Stadt musste, abzulösen.
Dieser kleine, nur von zwei Weissen und einem Schwarzen besetzte Posten
hat denselben Zweck, wie der, an der andern Seite sich befindliche
(Frederiksdorp), und liegt in einer morastigen Gegend mitten im Walde.
Ein grosses Haus, das einzustürzen drohte, war unsere Wohnung, und in den
Regenzeiten schwammen Buschfische beinahe vor die Thüre.
Vor Gras und Strauchwerk sah man den Posten erst, wenn man sich ihm auf
15 Schritte genähert hatte. Früher, als die Besatzung stärker war, wurden
bedeutende Gärten und Aecker unterhalten, und davon die andern Posten mit
Gemüse versehen; denn der Boden ist sehr fruchtbar und ergiebig.
Apfelsinen-, Orangen-, Citronen- und Sauersackbäume waren hier in Menge.
Ich, mein weisser und schwarzer Kamerad hatten gleichviel zu sagen, und es
brachte desshalb jeder den Tag nach seiner Weise zu.
So angenehm auch das Nichtsthun Jedem war, waren es doch ein paar Dinge,
die zu diesem Schlaraffenleben gerade nicht passen wollten, z. B. das
Uebertragen der Briefe, welches von uns wechselweise, oft mitten in der
Nacht, oder beim heftigsten Regen besorgt werden musste. Ferner war man
genöthigt, die Lebensmittel in Mauritzburg zu holen, was jede Woche zweimal
geschah. Hiezu bedienten wir uns eines aus Palmblättern geflochtenen
Tragkorbs, Balatta genannt, den ich gar oft, mit zwei Boschen Bananen und
zwölf Pfund Brod befrachtet, durch Dick und Dünn trug, oder bei brennender
Hitze nach Hause schleppte. Unsere Kleidung war daher auch diesem Geschäfte
angemessen. Schuhe wurden beinahe nie gebraucht, da sie leicht im Koth
stecken blieben, und die Hosen wurden durch das Schneidgras so zerfetzt,
dass sie wie mit Spitzen besetzt aussahen. Das Hemd zog ich blos an, wenn
ich mich dem Posten Mauritzburg näherte, oder wenn wir Besuch erhielten,
was jedoch wenig der Fall war. Daher sah auch meine Haut so braun aus, wie
die eines Mulatten. Doch hatten diese Beschwerden auch ihre guten Seiten.
Auf den Wegen nach beiden Posten fing ich manches schöne Insekt, und beim
Nachhausekommen fand ich stets eine Schüssel Bananen, welche von meinen
Kameraden gekocht waren, und wobei mir das Herz im Leib lachte. Besonders
schlecht war der Weg nach dem Posten Imotappie. An beiden Seiten desselben,
der etwa 50' breit ist, sind zwei tiefe Gräben, in denen sich die
Waldwasser sammeln, die bei anhaltendem Regen austreten und den Weg
überschwemmen. Breites, schneidendes Gras, das bei der üppigen Vegetation
wohl 12' hoch wächst, bedeckt den ganzen Weg so dicht, dass man kaum
einen Schritt voraussehen kann. Es ist überhaupt nicht möglich, die
Mühseligkeiten dieser, obwohl nur zwei Stunden langen Strecke zu
beschreiben; oft watet man bis um die Kniee im Morast; beinahe jeden
Augenblick wird man ins Gesicht, in die Füsse oder Hände geschnitten; dabei
erfrischt kein Windzug in dieser drückenden Schwüle. Der ganze Cordonweg
wird alljährlich durch Plantagen-Neger, welche das Gouvernement bezahlt,
abgemäht und ausgebessert; aber dennoch kann man die Einflüsse der
Witterung nicht unterdrücken.
Einige Tage nach meiner Ankunft bereitete mein Kamerad einen mir noch
unbekannten Trank aus einer Palmenart, den ich zwar noch nicht gekostet,
aber schon oft hatte rühmen hören; man nennt ihn Cumu.
Eine, etwa 60' hohe Palme (Oenocarpus Comon. Aube), welche der Königspalme
ähnlich ist und in sandigen Wäldern wächst, treibt eine über 3' lange
Traube in Gestalt eines Pferdschweifes, an deren Stielen oder Schnüren
Tausende von Beeren sitzen, welche so gross wie eine Flintenkugel und von
dunkelbrauner Farbe sind. Die Frucht ist eigentlich nur ein runder, harter,
von einer fleischigen Haut überzogener Stein. Sie wird von Vögeln und Affen
sehr gerne gefressen, und ist ein vortreffliches Futter für die Schweine.
Die Beeren werden in warmem Wasser eingeweicht, und dadurch wird in einer
Viertelstunde das Fleisch so weich, dass es sich vom Stein durch Drücken
abschälen lässt. Durch fortwährendes Drücken der Steine im Wasser wird
dasselbe dick, chocoladfarbig, und man lässt es, wenn kein Fleisch mehr
an den Steinen sitzt, durch ein indianisches Sieb, Menari, laufen, wodurch
Haut und Steine zurückbleiben. Mit etwas Zucker vermischt ist der Trank
fertig, gesund, nahrhaft, und mit dem Rahm der Milch zu vergleichen.
Die breiartige, von den Steinen abgeriebene Masse wird von den Indianern
ausgepresst, worauf sich auf der Oberfläche der erhaltenen Brühe ein
klares, gelbes Oel zeigt, das gereinigt gut zum Bereiten der Speisen dienen
könnte, von den Indianern aber zum Einschmieren der Haare verwendet wird.
Um die Frucht zu bekommen, wird der Baum umgehauen; die meisten haben bloss
eine, manche zwei, aber selten drei Trossen und vom December bis Junius
Frucht. Sie wachsen, wie alle Palmen, schnell, haben aussen hartes Holz,
innen eine markige Substanz, die schnell voll Cabbiswürmern, essbaren
Larven, ist.
Den Werth dieses Trankes lernte ich erst schätzen, als einmal auf
Mauritzburg die Bananen unglücklicher Weise fehlten, und die dortige
Besatzung von Reis, Mais und Maniok leben musste.
In dieser Zeit des Mangels assen wir bloss all ander Tage, und in der
Zwischenzeit wurde von Cumu gelebt; Mais assen wir bloss zweimal, weil
viele süsse Bataten (Convolvula batata) auf dem Posten wuchsen, die zwar
hart und faserig, aber doch besser als Gänsekost waren.
Mein Aufenthalt in dieser Einöde gab mir manchfache Gelegenheit,
Naturmerkwürdigkeiten mancherlei Art zu beobachten.
Im Gemäuer, auf dem unser baufälliges Haus ruhte, befand sich ein
Bienennest von inländischen sogenannten Honig-Waschiwaschis. Sie gleichen
in der Gestalt ganz den Bienen, sind aber schwarz, nur halb so gross und
stechen nicht. Sie leben meistens in hohlen Bäumen oder in den von Termiten
verlassenen Nestern, manchmal in so grosser Menge, dass ein Nest zwei
europäische Bienenkörbe übertrifft. Ihr Honig, der klar, säuerlich und
von vortrefflichem Geschmack ist, befindet sich nicht in Waben, sondern in
runden, aus Wachs verfertigten Blasen, welche klumpenweise zusammenhängen,
während die Waben, welche aus einer gelben und schmierigen Substanz
bestehen, und geschmolzen nicht die geringste Aehnlichkeit mit Wachs haben,
zum Aufenthalt der Jungen dienen. In Savannen, wo viele Blumen wachsen,
findet man sehr viele Bienen, welche auch vorzugsweise die Blüthe der
Palmen lieben.
Das schwarze Wachs wird von den Indianern zum Verpichen ihrer Corjaalen und
zu Wachslichtern gebraucht; den meisten Honig findet man um die Zeit des
Vollmondes. Man findet dreierlei verschiedene Arten Bienen von gleicher
Grösse, nämlich zwei schwarze und eine gelbliche. Ob sie sich in der
Lebensart von einander unterscheiden, weiss ich nicht. Sie vertheidigen
ihre Wohnungen sehr tapfer, setzen sich in Haare und Kleider und beissen
wacker darauf los.
Um die verschiedenen Arten Ameisen, welche ich sah, richtig zu beschreiben,
musste ich die Erfahrung vieler Jahre haben, da sowohl ihre Anzahl als ihre
Verschiedenheit unbeschreiblich gross ist.
Die merkwürdigsten sind ohne Zweifel die Wander-Ameisen, die zu sehen ich
nur einmal Gelegenheit hatte. Sie waren eines Morgens in ungeheurer
Menge in der Kaserne in allen Löchern und Ritzen verbreitet; nicht ein
Tausendfuss, Kackerlack oder Scorpion, wie flink sie auch sein mochten,
entkam diesen mörderischen Insekten. Was sie einmal fassten, hielten sie so
fest, dass sie sich lieber den Kopf abreissen liessen, als es loszulassen.
Zu Zwanzigen hingen sie an einem Tausendfuss, und bissen ihm seine
Füsse ab. Unter dem Dach hatten sie ihr Hauptquartier, wohin sie auf den
Seitenbrettern der Treppe liefen und sich in einer Ecke an einen Balken wie
ein Bienenschwarm anhingen, welcher Klumpen wohl 2' lang und 1' dick war.
Die immer auf- und abmarschirenden Ameisen trugen übrigens nichts in ihr
Nest, sondern frassen wahrscheinlich Alles gleich auf. Sie schienen viele
Anführer zu haben, die sich durch ungeheuer dicke Köpfe und gewaltige
Fresszangen auszeichneten. Der ganze Haufen blieb zwei Tage auf dem Posten
und verschwand eben so schnell, als er gekommen war. Eine andere Art von
derselben Grösse, doch braunrother Farbe, nennt man Cassave-Ameisen. So
nützlich die vorigen sind, da sie die Häuser vom Ungeziefer reinigen, so
schädlich sind diese, weil sie oft in einem Tage einen Acker total kahl
fressen können. Sie leben gemeinschaftlich in Nestern unter der Erde. Man
erkennt diese an kleinen Hügeln, welche manchmal bei einer Höhe von 6' oft
20 Schritte im Umkreise haben. Die einzelnen Nester sind von der Grösse
eines Kopfes, und von einer aschfarbenen, leicht zu zerreibenden,
blätterartig auf einander liegenden Substanz zusammengestellt. Junge und
Eier sind nicht in den Waben, sondern in den unregelmässigen Zellen der
Zwischenräume. In der Mitte findet man Blätter, Körner und Knospen, die sie
zusammentragen, und in Ruhe zum Nahrungsbrei für die Jungen zernagen. Alle
diese einzelnen Nester stehen durch Gänge mit einander in Verbindung, und
es befinden sich manchmal 200 an der Zahl in verschiedener Tiefe, 1-6 Fuss
unter dem Boden, so dass man tagelang arbeiten muss, um ein solches Nest
auszurotten. Dabei vertheidigen sich die mit grossen, scharfen Zangen
bewaffneten Ameisen aufs Hartnäckigste, beissen aufs Grimmigste in Hände
und Füsse und lassen sich lieber den Kopf abreissen, ehe sie loslassen.
Zu diesen gemeinschaftlichen Nestern führen über der Erde regelmässige,
einen halben Fuss breite Wege von wenigstens einer Viertelstunde Länge nach
dem Platze, wo sie ihre Verheerungen anrichten. Diese Wege sind von Gras
und allen Blättchen gereinigt, damit die mit Raub beladenen Insekten nicht
gehindert sind. Ihr Fleiss, sowie ihre bei der Arbeit beobachtete Ordnung
und Ueberlegung sind bewundernswürdig.
Ein Baum wird bloss von einer Seite bestiegen, worauf sie sich in die
Blätter vertheilen und mit ihren Zangen so grosse Stücke abschneiden, als
sie zu tragen vermögen. Ist das Blättchen abgesägt, so wird es mit der
Fresszange gehalten und mit den Vorderfüssen so gerückt, dass es aufrecht
zu stehen kommt; hierauf wird schwankend unter der Last der Rückweg
angetreten. Es kostet viele Mühe, den Baum hinabzukommen; sie lassen aber
dessenungeachtet ihr Blättchen nicht fahren, und treten unverdrossen den
manchmal eine Viertelstunde langen Rückweg an. Wenn der Weg übers Wasser
geht, klettern sie an Bäumen hinauf, um durch die Zweige auf andere, an
der Ueberseite sich befindliche Bäume zu kommen und ihren Weg fortsetzen
zu können. Im Innern des Landes halten sie sich sehr häufig auf. Sie haben
kein bestimmtes Futter, sondern tragen Mais, Cassaven, Orangen, Mangos und
Blätter verschiedener wilder Bäume weg.
Im December fliegen die Weibchen in grosser Anzahl umher. Sie sind viel
grösser, als die Männchen und haben einen dicken Leib. Ihre Flügel sind
ihnen mehr zur Last als zur Hülfe gegeben, weil sie leicht abbrechen,
und das nun hilflose Geschöpf von allerlei Vögeln aufgefressen wird. Die
Buschneger fangen sie in Masse und essen den dicken Leib gebacken oder
geröstet. Sie schmecken ungemein angenehm; doch braucht man viel, um satt
zu werden.
Diese Ameisen sind eine furchtbare Plage für den Landbau; man umgibt
desswegen im niedern Lande ihre Hügel mit Gräben, in welchen das Wasser
sich sammelt und so die Nester durchdringt, im höhern aber ist Ausgraben
schlechterdings nöthig.
Indianer und Neger glauben, dass sich die blinde Schlange, eine wurmförmige
Eidechse (Coecilia --?) in den untersten Nestern aufhalte und von den
Ameisen gefüttert werde.
Andere Ameisen erregen durch ihren Biss ein heftiges Brennen auf der Haut.
Sie sind meistens so klein, dass man sie erst dann bemerkt, wenn man
sie fühlt. Diese sind in den Häusern die lästigsten, weil sie an alle
Esswaaren, sie seyen gesalzen oder süss, gehen, so dass man sie kaum vor
diesen Thieren sichern kann.
Ausser Ameisen und Holzläusen hatten einige hundert Fledermäuse den Giebel
in verjährtem Besitz, und belästigten uns durch den immerherabfallenden
Unrath, noch mehr aber durch ihr unaufhörliches Gezwitscher, und so wenig
Gesellschaft wir auch von Menschen hatten, um so mehr war unsere Einöde von
Thieren aller Art belebt. Kaum graute der Morgen, als im nahen Busch die
Wakagos (Ortalida paragua), hühnerartige, bräunliche Vögel mit langem
Schwanze, ihr gellendes Geschrei anhoben. Raben und Papageien, die im
Mauritzenwäldchen, das an's Haus stiess, nisteten, schrieen uns den ganzen
Tag die Ohren voll.
In einer Citronenhecke hingen einige Dutzende, drei Fuss lange, sackförmige
Nester von Bananenvögeln (Cassicus), die gar nicht wild sind und gern
in der Nähe der Menschen wohnen. Diese Vögel, wahre Affen unter den
Luftbewohnern, ahmen alle möglichen Stimmen nach; bald schreien sie wie
Hühner, bald wie Affen, verdrehen dabei ihre Augen und machen tausenderlei
Possen. Sie sind immer in Truppen beieinander, und bauen ihre Nester immer
an's Ende von meist dornigen Zweigen, wobei sie diejenigen vorziehen, an
welchen grosse Wespen sich angesiedelt haben. Es herrscht zwischen beiden
so ungleichen Thierarten eine merkwürdige Freundschaft; denn ich habe
häufig bemerkt, dass, wenn die Vögel beim Durchfliegen ihre Nester auch
berührten, sich diese Insekten nicht darum bekümmern, es aber einen
Menschen, der diess zu thun wagen würde, schwer büssen lassen würden.
Der Bananenvogel hat die Grösse einer Amsel; er ist schwarz, hat jedoch
einen goldgelben Schwanz und Rücken, einen weissen Schnabel und hellblaue
Augen.
Eine andere Art derselben Grösse ist statt gelb brennendroth, lebt aber
ebenso. Die Nester sind sehr merkwürdig und bilden einen zwei bis drei Fuss
langen Sack, dessen Oeffnung aber wie ein Backofen überwölbt ist; sie sind
netzartig, mit einer Art Gras überflochten und elastisch. Pfefferfrasse
sind ebenfalls sehr häufig; sie sitzen gegen Abend auf den höchsten
Bäumen, wo sie sich bald nach dieser, bald nach jener Seite wenden und ihre
gellende Stimme erschallen lassen.
Doch all diess Geschrei ist nichts gegen das Concert, das in der Regenzeit
des Nachts ertönt, und keine Feder ist im Stande, davon eine richtige Idee
zu geben.