Reiher, Löffelgänse, Jabirus, Enten und Schnepfen finden da ihre Nahrung,
und nisten theilweise. Auf den höheren Stellen findet man viele Hirsche
(Cervus mexicanus) und Krebshunde (Procion cancrivorus), und nur selten
verirren sich ausser dem Jaguar andere Vierfüsser dahin.
Grosse Sandritzen durchziehen diese Moräste und dienen seit undenklichen
Jahren weggelaufenen Negern, die in kleinen Dörfern leben, und in dem
äusserst fruchtbaren Boden alle Arten Erdfrüchte im Ueberflusse ziehen,
auch Wild, Fische und Federvieh in Menge haben, zum Schlupfwinkel[3].
Vom Posten Oranje bis zur Mündung der Motkreek, einem Arme der
Cottica, rechnet man vier Stunden und von da bis zu den Ausflüssen des
Matappica-Canals ebenfalls vier. Eine Stunde weiter mündet ein anderer Arm
der Matappica, die Warappa-Kreek, in die See. Von letzterer Kreek bis
an die Mündung des Surinam sieht man keine Spur von Cultur.
Uebereinandergestürzte Bäume, durch die Kraft der Brandung ausgerissen,
bedecken den Seestrand, und aus dem sumpfigen Innern ragen trockene,
halbverkohlte Bäume hervor, die traurigen Ueberreste früherer, durch das
Feuer verzehrter Wälder.
An der sechs Stunden von der Warappa-Kreek entfernten Mündung des Surinam,
Braamspunt genannt, verliert sich der sandige Seestrand in grossen
Schlammbänken, und die Ufer dieses Stromes werden durch Waldungen von
Mangrovebäumen, deren zahllose Wurzeln und Schösslinge ein beinahe
undurchdringliches Bollwerk bilden, gegen die Gewalt der Brandung
geschützt.
Der Ausfluss des Surinam ist etwa eine halbe Stunde breit. Das Fahrwasser
in denselben wird den Schiffen durch drei an den Ecken der Bänke liegende
eiserne Buien angewiesen. Eine grosse Kreek, die Jonkermans-Kreek, mündet
sich eine Stunde von der Mündung auf dem östlichen Ufer, und etwas weiter
liegt die schöne und fruchtbare Zuckerpflanzung Resolutie. Zwei Stunden
von Braamspunt verbindet sich die von Osten her kommende Comewyne, ein
stattlicher, beinahe ebenso breiter Fluss, mit dem Surinam. Auf der
südlichen Ecke, wo beide Ströme zusammenfliessen, liegt das stark
befestigte Fort New-Amsterdam, das mit seinen Geschützen beide Ströme
bestreichen kann. Zwei kleine Redouten, Purmerend und Leyden, die gegenüber
dem Forte auf dem westlichen Ufer des Surinam und dem nördlichen der
Comewyne lagen, sind jetzt verlassen.
Auf beiden Seiten der prächtigen Comewyne, die ohne bedeutende Buchten
bis zu dem fünf Stunden von Forteress-Amsterdam entfernt liegenden Posten
Sommelsdyk in östlicher Richtung ausläuft, liegen die schönsten und
reichsten Zucker- und Caffeepflanzungen der Colonie. Die freundlichen,
weissen Gebäude der Pflanzungen, die Zuckermühlen mit ihren hohen
Schornsteinen, die Alleen von Palmen, Tamarinden- und anderen südlichen
Obstbäumen, an welche grosse Zuckerrohr-Felder grenzen, oder die unter
dem Schutze der Bananen versteckten Caffeebäume mit ihren saftigen,
dunkelgrünen Blättern, dabei die hohen, dunkeln Wälder des Hintergrundes
gewähren einen prachtvollen Anblick. Ehe man das Fort Sommelsdyk erreicht,
ergiesst sich auf dem rechten Ufer die Matappica-Kreek in den Fluss. Sie
theilt sich in mehrere Arme, und in zwei in die See mündende Canäle,
die kleine Matappica und die Warappa-Kreek. Zucker-, Caffee- und
Baumwollen-Pflanzungen liegen hier so nahe beieinander, dass aller Wald
ausgerottet ist: man würde in einer reichen Gegend Hollands zu reisen
glauben, wenn nicht die tropischen Gewächse und die nackten Neger die
Illusion stören würden.
Bei Sommelsdyk theilt sich der Fluss; der südöstlich auslaufende heisst
die obere Comewyne; man fährt sie in vielen Krümmungen etwa 15 Stunden
weit aufwärts, wo sie sich nahe bei dem verlassenen Posten Oranjebo in vier
bedeutende Kreeken, Peninica, Tampati, Mapana und Comewyne vertheilt. Das
Befahren dieser Gewässer, an denen früher viele bedeutende Pflanzungen
lagen, ist sehr mühsam, da übereinander gefallene Bäume und Felsen den
Weg versperren. Das Land ist hier hügelig, auf seiner westlichen Seite
unterbrochen durch grosse Sandsavannen, die von hier an sich bis an den
Essequibo im brittischen Guyana erstrecken, und den Scheidegürtel machen
zwischen dem ebenen bewaldeten Küstenlande und den bergigen Waldungen des
Innern.
Die Kreeken und Sümpfe des obern Comewyne sind sehr fischreich, und der
köstliche Haimura kommt hier in Menge vor.
Die Cottica läuft in grossen Krümmungen stets parallel mit der Seeküste,
und hat auf eine Länge von acht Stunden Zucker- und Caffeepflanzungen. Das
umliegende Land ist niedrig, ja bedeutend unter dem Niveau des höchsten
Wassers, und nur gute Dämme und Schleussen halten das unruhige Element im
Zaume. Auch in sie münden bedeutende Kreeken: von Süden die Perica, an der
viele und bedeutende Pflanzungen liegen, und die früher durch einen Canal,
die Bottelskreek, mit der oberen Comewyne sich verband.
Von Norden fliesst die Motkreek in die Cottica, an der nur noch zwei
Baumwollen-Pflanzungen liegen; sie mündet durch einen Canal in die See.
Nach einem mit der Küste parallelen Laufe von 16 Stunden wendet die Cottica
sich südlich, und verliert sich in Sümpfen in der Nähe der oberen Comewyne.
An der Stelle, wo sie ihren Lauf verändert, fliesst eine schöne und grosse
Kreek, die Courmotibo, aus Südosten in sie, und mit dieser vereinigt sich
zehn Stunden aufwärts die Wanekreek, oder der Ausfluss der Sümpfe, die ihr
Wasser nach dem Surinam und der Marowyne senden.
Die Ufer der Cottica und Courmotibo sind meistens nieder, mit Mauritien-
und andern Palmen bewachsen, nur im obern Lande werden die Ufer hügelig.
Ein Theil der Aucaner-Buschneger bewohnt beide Flüsse; sie bearbeiten das
Holz der umliegenden Wälder, und verkaufen es in der Colonie. Der Surinam
kann, obwohl er an Grösse der Marowyne und dem Correntin nachsteht, wegen
den vielen Pflanzungen, die an ihm liegen, als der Hauptfluss des Landes
angesehen werden.
Seine Ländereien, schon seit so vielen Jahren bebaut, stehen aber an
Fruchtbarkeit denen des Comewyne und besonders der Nickerie-Distrikte nach.
Von Forteress-Amsterdam aus zieht er sich in einem Halbzirkel nach der
Bucht, an welche die Stadt Paramaribo gebaut ist. Sein Lauf zieht sich
unter vielen bedeutenden Krümmungen südlich. Eine Stunde von Paramaribo
empfängt er die aus Südwesten strömende Parakreek, an der drei
Zuckerpflanzungen und verschiedene Holzgründe liegen. Dieser gegenüber
mündet sich am östlichen Ufer die Pauluskreek, deren Pflanzungen jetzt bis
auf eine verlassen sind. Zehn Stunden von der Stadt liegt ebenfalls auf
dem östlichen Ufer das Dorf »Juden-Savanne«. Die Ufer werden von hier an
bergig, sind mit dem herrlichsten Urwalde bedeckt, während landeinwärts
grosse Savannen sich ausdehnen. Die Pflanzungen, meist verarmte Holzgründe,
zeigen sich sparsamer, und die wilde Natur behält die Oberhand.
Fünf Stunden oberhalb des Judendorfes fliesst von der westlichen Seite die
bedeutende Mareschalls-Kreek in den Surinam, deren viele Holzgründe schon
längst verlassen sind. Durch diese Kreek kann man in die obere Saramacca
gelangen, was übrigens, da sich in der Umgegend viele weggelaufene Sclaven
aufhalten, noch Niemand unternommen hat. Vier Stunden weiter liegt der
ansehnliche Holzgrund Bergen-Daal am Fusse eines etwa 200 Fuss hohen
nackten Gebirges. In den Trockenzeiten ist der Strom sehr seicht, und
manchmal stellenweise nicht über zwei Fuss tief, so dass die Verbindung mit
Paramaribo sehr schwierig ist.
Vier Stunden weiter ist die unbedeutende Pflanzung und der Posten Victoria.
Der Strom, durch ein hohes Ufer eingezwängt, ist höchstens 200 Fuss breit
und voll Klippen und Sandbänken. Dicht bewaldete Hügel und Berge umgeben
ihn an beiden Seiten; nach weiteren drei Stunden fliesst aus Osten die
bedeutende Sarakreek in den Surinam, der jetzt wieder breit und ausgedehnt
mit Klippen, Inseln und Sandbänken bedeckt ist. Der Charakter der Umgegend
ist ganz der der obern Marowyne, wiewohl der Fluss bedeutend kleiner, und
die Scene desshalb nicht so grossartig ist. An der Sarakreek und in der
Nähe derselben haben sich ebenfalls Aucaner niedergelassen. Diese Kreek
läuft südöstlich weit landeinwärts, und die Buschneger kommen durch
dieselbe nach acht Tagen, nachdem sie aber einige Tage über Land reisen, an
die Dörfer ihres Stammes am obern Tapanahoni.
Vier Tagreisen über Victoria und zwischen dem dritten und vierten Grade
liegen die Dörfer der Saramaccaner Buschneger. Wie in der obern Marowyne,
so hindern in der Trockenzeit eine Menge Klippen und Bänke die Fahrt.
Dagegen ist im Innern der Wasserstand stellenweise in grossen Regenzeiten
bei 50 Fuss höher, als in der trockenen Jahreszeit, und die Schnelligkeit
der Strömungen ausserordentlich. Fallen heftige Regen im obern Lande, so
kann in einer Nacht das Wasser um acht Fuss anschwellen, wie ich es
selbst auf dem Posten Victoria gesehen habe. Das letzte Dorf der
Saramaccaner-Buschneger, Mongo (Berg), kann 40 bis 50 Stunden von Victoria,
und der Höhe der Wasserfälle nach zu urtheilen, 500 Fuss höher als Victoria
liegen. Auch sie haben über die bewaldeten Gebirge einen Weg zu den
Aucanern am Tapanahoni, so wie eine andere Verbindung mit den Matuari-
und Becu-Musiuga-Buschnegern, die den obern Saramacca bewohnen. Auf
alten Karten findet man die Lage eines Salzberges angegeben, der aber
wahrscheinlich blos in der Phantasie existirt, weil die Buschneger mit
vieler Mühe ihr Salz von Paramaribo holen, und in Ermanglung desselben die
Asche der Pinapalme auslaugen, welche Soda ähnliche Substanz ihnen das Salz
ersetzen muss.
Sieben Stunden westlich von Surinam ergiessen sich die Saramacca und
Coppename in die See. Beide machen durch weit auslaufende Schlammbänke die
Einfahrt mühsam. Ihre Wandungen sind nieder und mit Gesträuch bewachsen.
Die Saramacca wurde erst in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts
angebaut und steht durch den bei Paramaribo mündenden vier Stunden langen
Wanicakanal mit dem Surinam in Verbindung. Die Erzeugnisse der Pflanzungen
an der Saramacca, meist Zucker und Kaffee, werden auf diesem Wege nach
Paramaribo gebracht, wiewohl kleinere nicht tiefgehende Schiffe ihre Ladung
manchmal selbst in Saramacca einnehmen.
Wenig kleiner als der Surinam läuft die Saramacca in den langweiligsten
Krümmungen südlich; diese hat oberhalb des Wanicakanals nur wenige
unbedeutende Holzgründe an ihren Ufern. Eine Menge Kreeken, die ihren
Ursprung in den Savannen nehmen, fliessen von beiden Seiten in den Fluss.
Der letzte bewohnte Platz, ein früherer Militärposten, Saron, und in alten
Zeiten eine Station der Herrnhuter Missionäre, liegt etwa 18 Stunden von
der See ab, was aber durch die bedeutenden Krümmungen wohl eine Reise von
30 Stunden erfordert.
Von Saron führt ein Weg von acht Stunden durch Savannen und Wälder nach der
Pflanzung Berlin am obern Para, von wo ein anderer Communicationsweg von 13
Stunden bis nach Paramaribo geht.
Etwa fünf Stunden über Saron liegt am Flusse ein göttlich verehrter
Hügel, den die Buschneger im Vorbeifahren mit Flaggen und bunten Tüchern
schmücken, und dabei nie versäumen, ihre Opfer darzubringen. Etwas
weiter findet man die Mindrinetti- (Mitternacht-) Kreek, die durch die
Mareschalls-Kreek den Surinam mit der Saramacca verbindet.
Fünf Tagreisen von Saron wohnen die Becu-Musinga- und Matuari-Neger, 5-600
an der Zahl. Ihren Aussagen nach müssen die Gebirge und Wasserfälle um
vieles höher, als die der andern Flüsse, und die Savannen des Inlandes
nicht so entfernt seyn. Die Coppenami, welche mit der Saramacca in die
See fliesst, kommt ebenfalls aus dem Süden, und hat an ihren reichen
und schönen Ufern blos das Leprosen-Etablissement Batavia, das etwa zwei
Stunden von der See entfernt ist. Sechs Stunden weiter liegt die dem
Gouvernement gehörende Holzsägerei Andresen, wo durch Sclaven feine Bau-
und Möbelhölzer bearbeitet und nach den Antillen verkauft werden. Bei
Batavia fliesst die grosse und sehr fischreiche Cusuwini-Kreek, die beinahe
parallel mit der Saramacca in den wunderlichsten Krümmungen von Süden
kommt, in die Coppenami. Mehrere grosse Kreeken, theilweise von Indianern
bewohnt, münden in den Coppenami, dessen weiterer Lauf und Ursprung nicht
bekannt ist.
Die Seeküste zwischen dem Coppenami und dem westlichen Gränzfluss Correntin
wird in zwei Distrikte eingetheilt: Ober- und Nieder-Nickerie. Das niedrige
Land ist dem Anbau der Baumwolle besonders günstig, und erst im Anfang
dieses Jahrhunderts in Cultur gebracht. Der Oberdistrikt fängt etwa
sechs Stunden westlich von der Coppenami an, und besteht aus einer Anzahl
Pflanzungen, die längs der Seeküste liegen, und durch einen vier Stunden
langen Fahrweg mit einander verbunden sind. Die Erzeugnisse werden mit
Küstenfahrzeugen abgeholt und zum Weiterversenden nach der Stadt gebracht,
was sehr schwierig ist. Der Boden ist ungemein fruchtbar, nur leidet dieser
District, da er an keiner Kreek gelegen ist, in den Trockenzeiten manchmal
grossen Mangel an Trinkwasser, das man aus den weiter abgelegenen Sümpfen
manchmal 2-3 Stunden weit auf dem Kopfe herbeischleppen muss. Neun Stunden
westlich vom Oberdistrikt und von diesem durch grosse Sümpfe abgeschieden,
fängt der Niederdistrikt an, an dessen Seeküste sich ebenfalls verschiedene
Baumwollen-Pflanzungen befinden. Auf der Landspitze, die durch die Mündung
der Nickerie-Kreek gebildet wird, ist ein bedeutender Militärposten der
Sitz des Landdrostes und verschiedener Kaufleute und Handwerker.
Dieses kleine Dörfchen, das aus zwei Strassen besteht, führt den Namen
New-Rotterdam. An der Nickerie-Kreek, die durch die Waiambo mit der
Coppenami in Verbindung steht, liegen verschiedene Zucker- und einige
Kaffeepflanzungen, deren Erzeugnisse durch holländische oder amerikanische
Schiffe direct abgeholt werden.
Die letzte Pflanzung Krabbehoek ist ungefähr sechs Stunden von der Mündung
entfernt, und die ganze bedeutende Kreek, so wie die in sie mündende
Maratacca nur spärlich von Indianern bewohnt.
Die Correntin strömt, an ihrer Mündung mit der Nickerie-Kreek vereinigt,
hier in die See. Beider Breite beträgt vom Posten Nickerie bis an das linke
Ufer des Correntin etwa drei Stunden. Auf der englischen Seite sind zwei
Zuckerpflanzungen, Mary's-hope und Skeldon. Die holländische ist aber
gänzlich unbewohnt. Die Maratacca soll nach Aussage der Indianer mit der
Correntin in Verbindung stehen.
Der Ursprung dieses grossen Stromes ist ganz unbekannt, vermuthlich
entspringt auch er in den waldigen Gebirgen am Aequator. _Richard
Schomburgh_ hat diesen Strom befahren und hieroglyphenartige Schriftzeichen
in den Felsen eingehauen entdeckt, woraus man schliessen kann, dass die
Bewohner der Vorzeit den jetzigen an Bildung voraus waren. Im Correntin,
bei den früheren Herrnhuterstationen Semira und Oreala, findet man einen
weissen Thon, der der Kreide sehr ähnlich kommt, und im Flussbette einen
rothen jaspisartigen Stein, der eine vortreffliche Politur annimmt, und den
die Caraibenweiber zum Poliren ihrer Töpfe gebrauchen.
Vierter Abschnitt.
Beschäftigungen in Garnison. Abreise nach dem Posten Mauritzburg.
Reiseabentheuer. Posten Gelderland und Dorf Judensavanne. Die
Mauritienpalme. Termitennester. Posten Gouverneurslust. Markette.
Mauritzburg. Kurzer Aufenthalt daselbst. Abmarsch nach Nepheusburg.
Beschäftigungen. Die Cumupalme. Bienen. Ameisen. Thiere der Umgebung.
Der Bananenvogel. Natürliche Abendconzerte. Brokkodjokko. Fund eines
jungen Tigers. Bau des Hauses. Die Capasischlange. Affen. Urlaub und
Abreise nach Armina. Der Posten Oranjebo. Fang des Haimurafisches.
Leuchtkäfer. Kwattas. Posten Armina. Fruchtbarkeit desselben. Der
Cottontree. Fledermäuse. Zurückkunft auf Nepheusburg. Ueberfluss an
Fischen. Vampyre. Avancement.
So leicht der Garnisonsdienst auch war, und so viel freie Zeit wir auch
hatten, um in der Stadt und Umgegend herumzuschwärmen, so sehnte ich mich
doch recht herzlich nach noch grösserer Freiheit. Die Erzählungen
meiner Kameraden von der Lebensweise auf den Militärposten, von Jagd und
Fischerei, hatten meine Phantasie so sehr aufgeregt, dass ich das Ende des
Jahres 1836, zu welcher Zeit die Posten abgelöst wurden, und nun auch die
Reihe an mich kommen sollte, kaum erwarten konnte.
Das Maschinenmässige des Dienstes, so gliederpuppenartig es auch ist,
hatte für mich bei weitem das Langweilige nicht, als für die meisten meiner
Kameraden. Nie kam mir, wenn ich Schildwache war, Schlaf in die Augen; denn
immer gab es etwas bei Tag oder bei Nacht, das meine Sinne beschäftigte.
Bei Tage unterhielten mich die Colibris, die in den Tamarindenbäumen,
unter denen ich mit meinem Gewehr hin- und herspazierte, pfeilschnell
herumschwirrten, oder die Aasgeyer, welche vor der Küchenthüre lauerten,
und, wenn der Koch nicht auf seiner Hut war, sich selbst ein Stück Fleisch
vom Tisch nahmen und damit aufs Dach der Kaserne flüchteten; bei Nacht war
es das Spiel Tausender von Feuerfliegen, die in allen Richtungen über die
Savannen und Gärten flogen, oder die Musik unzähliger Kröten, welche in den
Gräben sich aufhielten; oder das Schwirren enormer Fledermäuse, welche auf
Insekten Jagd machten.
Die Hälfte unseres Corps waren Deutsche; und man sah viele sehr gebildete
Männer, die in bedeutend besseren Verhältnissen in ihrem Vaterland gelebt
hatten, hier Schildwache stehen. Aber die meisten waren unerträgliche
Trunkenbolde, die aus Verdruss oder Langeweile ihre Grillen im Schnapse
ersäuften und jeden Cent, der ihnen beim sparsamen Solde übrig blieb, in
die Kneipe trugen. Die Natur zog keinen an, für ihre Genüsse hatte keiner
Gefühl. Desshalb war ich auf meinen Wanderungen auch immer allein, und die
hier so ergiebige Insektenjagd hielt mich entfernt von Gesellschaften
und lustigen Parthien, zu welchen ich nie Neigung fühlte. Da wir immer in
weissen Hosen, in Uniform und bewaffnet ausgehen mussten, so führte ich im
Tschako ein Kistchen und Hosen mit, auf dem Rücken stak unterm Wamms mein
Schmetterlingsnetz, und auf der Brust trug ich eine alte Mütze. Ausserhalb
der Stadt legte ich meine guten Kleider ab und gab sie in bekannten Häusern
in Verwahrung; dann zog ich mit Netz und Säbel bewaffnet in den Wald. Es
war eine glückliche Zeit; denn auf jeder Wanderung entdeckte ich neue, mir
unbekannte Specien. Kam ich dann Abends mit meinem Fang nach Hause, so fand
ich das delicate, für mich bewahrte Essen, und die kalten Bananen, mit 1/14
Pfund Speckfett übergossen, schmeckten vortrefflich.
Ich genoss stets der besten Gesundheit, wozu freilich mein diätes Leben
viel beitrug.
Endlich, obwohl die Zeit mir schnell verging, wurde ich beordert, mich
reisefertig zu halten, um nach den so gepriesenen Posten abzugehen.
Eine Pont vom Posten Gelderland, welche die Lebensmittel auf drei Monate
abzuholen hatte, sollte mich mit fünf andern Soldaten mitnehmen. Wir
kauften uns desshalb beim Sergeant-Major der Compagnie, welcher den
Soldaten verkaufen durfte, was sie nöthig hatten, Seife, Speck, Hosenzeug,
kurz dasjenige ein, was wir auf dem Posten nöthig zu haben glaubten.
Den Betrag dieser Gegenstände, die nicht sehr wohlfeil geliefert werden,
zieht der Sergeant-Major von dem Solde ab, der den Soldaten jeden Monat
nach den Posten geschickt wird.
Fast immer ist eine solche Abreise die Veranlassung zu einem Trinkgelage,
das der Abreisende seinen Kameraden gibt. Fehlt es ihm, was beinahe immer
der Fall ist, an Geld, um Branntwein zu kaufen, so werden die noch nicht
bezahlten, theuren Waaren des Sergeant-Majors um Spottpreise verkauft und
der Erlös vertrunken.
So treten denn die Meisten mit nacktem Leib, ohne Sold, arm und voll
Schulden die Reise nach dem Bestimmungsorte an, um dort so lange Mangel zu
leiden, bis sich der Sergeant-Major bezahlt gemacht hat. Diess war auch
bei meinen Kameraden der Fall, von welchen zwei in die Pont getragen werden
mussten. Sie war mit Kisten und Fässern so vollgepfropft, dass man beinahe
keinen Fuss vorsetzen konnte.
Der Kommandant über uns und das Fahrzeug war ein Sergeant, der auf dem
Hauptposten detachirt lag. Ausserdem machte die Frau eines Corporals, der
auf dem Posten Gelderland eine Herberge hatte, die Reise mit. Sie hatte
unter andern Dingen zwei Kisten Genever eingekauft, die ebenfalls im
Fahrzeuge waren. Für uns Soldaten blieben blos zwei Plätze übrig, um zwei
Hängematten zu hängen; denn der meiste Raum wurde von dem Sergeanten
und der Frau eingenommen, welche die Nacht bequem in ihren Hängematten
durchbrachten. Ich war seit einigen Wochen mit einem Hautausschlag, dem
sogenannten rothen Hunde, so geplagt, dass mein Leib wie Eine Wunde aussah,
und meine Kleider mir überall anklebten. Es war desshalb beim Liegen auf
den Fässern an keinen Schlaf bei mir zu denken, und das Krähen der Hähne
auf den Plantagen, an welchen wir vorbeifuhren, mir eine erwünschte Musik.
Kaum erhellte der anbrechende Tag das Chaos unseres Nachtlagers, als ein
Zetergeschrei der Corporalsfrau uns Alle ermunterte.
In der Dunkelheit der Nacht hatte nämlich ein Durstiger einen ihr
gehörenden Kelder (Kiste) Genever erbrochen und zwei Flaschen von diesem
Lebenswasser gestohlen. Eine grosse Untersuchung ihrerseits und unser
fürchterliches Raisonniren zauberten die fehlenden Flaschen nicht herbei.
Ihr Verdacht fiel auf einen alten Soldaten, der schon seit ein paar Tagen
nicht nüchtern geworden war und eben vom Boden der Pont aufstand, wo er die
Nacht zugebracht hatte. Die Frau, welche schon seit 16 Jahren in Ostindien
gedient hatte, und ihre Zunge zu gebrauchen wusste, beschuldigte unter
argen Scheltworten den armen Kerl des Diebstahls. Da es ihm nun nicht
möglich war, mit nüchternem Magen gegen eine solche Fluth von Ehrennamen,
mit welchen sie ihn überhäufte, zu protestiren, so wirkten gekränktes
Ehrgefühl, Alteration und Katzenjammer dermasen auf seine Sinne ein,
dass ein Anfall von Epilepsie erfolgte, und wir kaum im Stande waren, ihn
festzuhalten.
Heulend betheuerte er, als er sich ein wenig erholt hatte, seine Unschuld;
er zerschlug sich die Brust, welche so haarig, als das Fell eines Bären
war, und rief seine verstorbene Mutter zum Zeugen seiner Unschuld auf. Uns
standen vor Rührung Thränen in den Augen.
Gegen Mittag, nachdem alle Geister beruhigt waren, hielten wir an einer
Zuckerpflanzung, auf welcher der Sergeant und die Frau beim Director
assen, während wir in der Mühle unser Essen bereiteten, zu welchem uns
der Director einen Busch Bananen und eine Flasche Rum sandte. Da wir der
Meinung waren, wir würden des andern Morgens auf Gelderland ankommen, und
uns auf die Gastfreundschaft der dortigen Kameraden verliessen, so warfen
wir unsere sämmtliche Ration an Fleisch und Speck in den Topf.
Mit anbrechender Nacht fuhren wir weiter, hatten aber am zweiten Mittag
den Posten noch nicht erreicht. Die Ebbe trat ein, und an einem armseligen
Holzgrunde mussten wir die Fluth erwarten.
Jetzt bereute man es, den Tag zuvor so flott gelebt zu haben. Mit vieler
Mühe bekamen wir einen Busch Bananen, wozu die mitleidige Corporalsfrau
einen Häring beifügte, an welchem sich keiner den Magen überlud, da wir ihn
unter sechs theilen mussten. Endlich in der Frühe landeten wir am ersehnten
Posten, wo unsere Kameraden, so wenig sie auch für sich hatten, doch ihr
Essen mit uns theilten.