Orangen- und Sauersackbäumen grässlich schnarrende Töne von grossen
Laubfröschen, accompagnirt von dem tiefen Bass einer ungeheuren Kröte, die
auch im Sumpfe sich ihres Lebens freut und ihren feierlichen Gesang durch
ein schallendes Gelächter oder Pausen endigt. Kleine Kröten, die in den
Gräben zu Hunderten sitzen, quacken unaufhörlich im höchsten Diskant, und
Legionen Scheerenschleifer (Cicaden), die im Wald herumschwärmen und die
man ¼ Stunde weit hören kann, ersetzen den Chor. Von Zeit zu Zeit ertönt
aus der Ferne der melancholische Gesang einer Nachtschwalbe (Caprimulgus
lud.), der sechs Töne der abwärts gehenden Scala umfasst, oder der kleinen
Eule, »Urukuku«, nach ihrem Rufe so genannt. Zählt man noch hiezu die
lieblichen Stimmen von einigen Brüllaffen, deren Geschrei selbst das
Gebrüll eines Löwen übertönt, so ist ein Orchester besetzt, wie man kein
zweites in der Welt finden wird.
Ich bin später noch auf andern Posten gelegen und habe viele Plätze
besucht, aber den Lärm von Nepheusburg habe ich nie wieder gefunden; denn
seine niedrige, ganz von Gebüsch umgebene Lage begünstigt diese Schreier.
Etwa einen Monat nach meiner Ankunft auf dem Posten wurde unser schwarzer
Kamerad abgelöst, und ein anderer kam an seinen Platz. Dieser hiess
Liverpool, sein Neger- oder gewöhnlicher Name aber war Brokkodjokko.
Er galt für einen grossen Wisiman (Zauberer), guten Jäger und grossen
Trunkenbold. Die beiden letzteren Eigenschaften besass er gewiss, von
ersterer aber sah ich nie etwas. Er ging häufig auf die Jagd, war nicht so
geizig, wie sein Vorgänger, liess es nie an Cumu fehlen, und war um einen
Schnaps zu Manchem bereit. Ich verstand sehr wenig, beinahe nichts von der
neger-englischen Sprache, und unser Diskours musste häufig pantomimisch
geführt werden.
Mein blanker Kamerad wurde ebenfalls abgelöst und nicht ersetzt. So war ich
denn nun allein mit meinem Schwarzen und es vergingen desshalb Tage, ohne
dass ein Wort über meine Lippen kam. Ich führte, seitdem ich allein war,
meine eigene Menage, und mein Frühstück bestand aus Buschthee (Blätter
eines Heliotrops) oder Cumu, wozu geröstete Bananen oder Brod mit in
heisser Asche gebratenen Buschfischen genossen wurde. Des Mittags kochte
ich die Universalkost, Bananen, entweder ganz, mit Speck, oder zerschnitten
und im Wasser zu einer Art Brei gekocht, mit Fleisch oder Fischen. Das
Abendessen bestand aus den Ueberbleibseln der Mittagskost. Dies war mein
Küchenzettel für alle Tage der Woche, die ausgenommen, an welchen ich nach
Mauritzburg musste, oder Brokkodjokko etwas schoss. Affen und Faulthiere
brachte er häufig nach Hause, und Abomas (Riesenschlangen) wurden gut
geräuchert, und mit grossem Appetit verspeist. Obwohl Soldat, war ich doch
im Besitz einer uneingeschränkten Freiheit, nie jagte mich die Ladenglocke,
die ich so oft verwünscht, von meinem frugalen Mahle auf. Der Insektenfang
und die Fischerei beschäftigten mich den ganzen Tag. Die freie Luft und das
kalte Wasser des Kreek erhielten mich gesund und munter, und jetzt noch,
nach 15 Jahren, denke ich sehr gerne an jenes freie, sorgenlose Leben
zurück.
Die Regenzeit hatte Anfangs Juni ihren höchsten Grad erreicht, und der Weg
nach Imotappie glich seiner ganzen Länge nach einem grossen Sumpfe. Des
Tages zweimal untersuchte ich auf demselben meine Maschoas, deren letzte
eine Viertelstunde vom Posten entfernt war[2]. Häufig sah ich ganze Truppen
von Fischottern, hier Wasserhunde genannt, welche in den Kreeken Fische
fingen. Sie gleichen an Gestalt und Grösse den europäischen; ihr Fell ist
äusserst fein, oben graubraun, unten gelb. Obwohl sehr neugierig, sind
sie doch äusserst schlau, und man bekommt sie nur selten, weil sie gleich
untertauchen.
Eines Tages sah ich, als ich das Gras auseinanderschob, um durchzukommen,
einen grossen Tapir vor mir auf dem Wege stehen, der, nicht weniger
erschrocken als ich, in die Kreek sprang und mich über und über bespritzte.
Einige Zeit lang jagte Brokkodjokko sehr unglücklich; er schrieb sein
Missgeschick der Schwangerschaft eines seiner Weiber zu. Dieser wunderbare
Glaube herrscht unter den Negern und Eingebornen allgemein. Kaum war auch
sein Weib, eine Sklavin des Holzgrundes Copie, niedergekommen, so brachte
er den ersten Pakir mit nach Hause. Es war ein grosses, gegen 60 Pfund
schweres Thier, von dessen Fleische wir mehrere Tage lang gut lebten.
Vieles davon räucherte er, und versah mit diesem die Kindbetterin.
Nachdem er wieder die ganze Woche nichts geschossen hatte, ging er Freitags
darauf mit der Versicherung in den Busch, abermals einen Pakir zu bringen,
den er nur heute, sonst nie schiessen werde. Gegen 11 Uhr schleppte er
wirklich einen, der den ersten noch an Grösse übertraf, nach Hause. Es war
mir diess unbegreiflich, da ohne Hunde selten Pakire geschossen werden.
Sein Versprechen konnte wohl für Prahlerei gehalten werden, das der Zufall
in Erfüllung gehen liess. Doch wunderbar ist es, dass er den dritten
Freitag nach abermaliger Voraussage den dritten heimbrachte. Aufschlüsse
über die Art und Weise seiner Jagdkunst erhielt ich nie; das einzige, was
ich sah, war die Unterhaltung mit seinen Obias, deren er am Leibe und in
seinem Pakara verschiedene hatte.
Er war ein wunderlicher, von Aberglauben vollgepropfter Kerl, übrigens
ein guter Christ; unter Anderem verstand er auch das Schneiden gegen den
Schlangenbiss. Sein Treff verpflichtete ihn, kein Schildkrötenfleisch zu
essen.
Anfangs Juni an einem Sonntage musste ich Briefe nach Imotappie bringen.
Der Weg war schlecht, und überdiess hatte ich noch 36 Pack Patronen bei
mir, die für die Besatzung dieses Postens bestimmt waren. Ein Fuss langer,
alter Hauer war meine einzige Waffe. Schon hatte ich die Hälfte des Weges
zurückgelegt, als ich auf einem etwas trockenen Platze einen ganz jungen
Tiger von der Grösse einer Katze liegen sah, der, sobald er mich erblickte,
sich auf den Rücken legte, und nach Katzenart mit den Pfoten um sich
schlug. Ich steckte ihn in meine Mütze, welche ohne Futter einen grossen
Sack bildete. Ausser mir vor Freude, dachte ich gar nicht an die Gefahr,
von seiner Mutter, die sicher in der Nähe war, aufgespürt zu werden.
An Vertheidigung wäre nicht zu denken gewesen; denn obgleich der Jaguar
niemals Menschen angreift, hätte er mich doch in diesem Falle zerrissen.
Daran zu denken, hatte ich aber keine Zeit. Ohne Kopfbedeckung und nur mit
dem Thierchen beschäftigt, das unaufhörlich schrie und miaute, lief ich aus
Leibeskräften, um so schnell als möglich nach Imotappie zu kommen. Ich kam
daselbst so erhitzt an, dass ich keinen Laut von mir geben konnte.
Der Lieutenant, dem ich meine Briefe übergab, sowie alle umstehenden
Soldaten des Postens, wunderten sich theils über das niedliche Thier,
theils über meine Kühnheit, es mitgenommen zu haben. Man rieth mir, es zu
tödten und erst den andern Morgen nach meinem Posten zurückzukehren, um
nicht der Alten, die das Junge suchen werde, in die Klauen zu fallen;
allein ich schämte mich, Furcht zu verrathen und trat Nachmittags gegen
2 Uhr den Rückweg an. Ich setzte den jungen Jaguar, der immer noch schrie,
in den Batatta, worin ich die Patronen gebracht hatte, und lief so schnell,
als es der schlechte Weg erlaubte. Doch schon beim Anfange des Weges
bereute ich es, mich so unnöthig in solche Gefahr begeben zu haben. Das
kleinste Geräusch im Busche trieb mir die Haare in die Höhe, und ich
bekenne, dass ich nie herzlicher gebetet habe, als wie ich mich der Stelle
näherte, wo ich den kleinen Schreier gefunden hatte. Glücklich erreichte
ich mein Haus, wo Brokkodjokko, nichts vermuthend, mir den Batatta abnahm,
dann aber, als er des Tigers ansichtig wurde, wie ein Narr vor Freude in
der Kammer herumsprang und mich mit Lobeserhebungen überhäufte. Er wollte
sogleich nach Mauritzburg, um das Wunder zu erzählen und die Briefe zu
überbringen.
Ich schlachtete alsbald einen Hahn, von welchem mein kleiner Gast etwa den
vierten Theil frass.
Am andern Morgen fand ich rund um das Haus die Fussspuren eines grossen
Jaguars, der verschiedene Male um dasselbe gelaufen seyn musste. Doch,
obwohl Brokkodjokko mit schwergeladenem Gewehr die Umgegend durchstreifte,
konnte er ihn nicht mehr finden.
Denselben Tag waren 10 Zimmerneger unter der Leitung eines gleichfalls
schwarzen Meisters angekommen, um aus dem alten Hause ein kleineres neues
zu machen, freilich so wohlfeil als möglich. Dieses sollte, 18' im Quadrat,
unten und oben eine Kammer enthalten und 27' im Giebel hoch seyn. Unter das
Dach der Küche, das ohne alle Seitenwände blos auf vier 12' hohen Pfosten
ruhte, wurden Bretter gelegt, um mir indessen zur Wohnung zu dienen, die
man vermittelst einer Leiter bestieg. Sie war gerade so lang, dass man eine
Hängematte hängen, und so hoch, dass man in der Mitte etwas gebückt stehen
konnte; dabei wimmelte es von Fledermäusen, die Jahre lang diess Haus in
ungestörter Ruhe besessen hatten, und hundertmal von mir verjagt, immer
wieder zurückkamen. (Hier habe ich die zwei grössten Tausendfüsse gefangen,
die über 10" lang waren.) Fenster gab es nicht, auch hatte ich sie nicht
nöthig, da ich mich meistens unter dem Hause im Freien aufhielt.
Der Guide schlief in dem Schuppen, den die Zimmerneger für sich
aufgerichtet hatten. Ich war also mit meinem Tiger, der schon den zweiten
Tag viel von seiner Wildheit verloren hatte, und sich ganz wie eine junge
Katze betrug, des Nachts allein. Seine Stimme war rauher und sein Gang
unbeholfener als bei einer Katze. Alle zwei Tage schlachtete ich ein Huhn
für ihn, da er durchaus nichts anderes fressen wollte. Er hielt sich stets
in meiner Nähe auf und spielte mit dem kleinen Hund des Guide wie mit
seines Gleichen.
Eilf Morgen hintereinander sahen wir die Spuren des Alten, der ums Haus
herumschlich und sich sogar in den Kamp der Zimmerneger wagte, wo er einen
Neger, der Bananen röstete, so erschreckte, dass dieser ein Zetergeschrei
erhob, und Alles mit Aexten und Hauern bewaffnet herbeieilte. Da ich etwa
50 Schritte davon entfernt allein schlief, so hielt ich es für rathsam,
jede Nacht die Leiter heraufzuziehen, und mich so auf diese Weise förmlich
zu verschanzen. Weder der Wachsamkeit Brokkodjokkos, noch der Zimmerneger
gelang es, auf den Tiger schiessen zu können, der endlich von
selbst wegblieb. Fünf Wochen lang hatte ich den jungen Tiger beinahe
ausschliesslich mit Hühnern gefüttert; als diese zu Ende waren, musste ich
ihm abgezogene Fledermäuse vorsetzen. Er frass sie zwar, doch bekamen sie
ihm so schlecht, dass er vier Tage nachher starb. Für seinen Kopf bekam ich
acht Gulden Schussgeld vom Gouvernement.
Am Zimmermeister, der holländisch sprach, hatte ich nun wieder einen
Gesellschafter. Seine Neger besuchten frühe, ehe ich aufstand, meine
Maschoas und stahlen die Fische. Dagegen konnte ich nichts thun, als ihnen
zuvorzukommen; desswegen lief ich häufig, noch ehe der Tag anbrach, dahin,
um nicht bestohlen zu werden.
Der Bau des Hauses wurde wenig gefördert; denn Meister und Gesellen machten
es sich so gemächlich als möglich. Vieles Holz zu Balken musste aus dem
Walde geholt werden.
Dabei geschah es einmal, dass die Neger eine 14' lange Capassischlange
(Trigonocephalus rhombeatus) tödteten und nach Hause brachten[3]. Es
ist diess die giftigste der einheimischen Schlangen, die mit der
Klapperschlange in der Zeichnung und Farbe grosse Aehnlichkeit hat, doch
bedeutend länger und im Verhältniss nicht so dick ist. Sie ist braun,
hat grosse, viereckige, schwarze Flecken und Schuppen, welche oben einen
erhöhten Kiel oder Rücken haben. Ihr Unterleib ist gelblich, die Giftzähne
sind wohl 1½" lang. Der Tod soll manchmal augenblicklich auf ihren Biss
erfolgen, Blut aus allen Poren und Oeffnungen des Körpers fliessen, und der
getödtete Körper von keinem Aasvogel gefressen werden. Aus der Haut machte
ich eine Mütze, den Kopf aber hatte Brokkodjokko abgeschnitten, um ihn zu
dörren. Getrocknet und ganz zu Pulver gestossen, wird er noch mit Asche von
gewissen Pflanzen vermengt und alsdann in die Schnitte gerieben, die vor
dem Biss der Schlangen sichern sollen; darin war nun Brokkodjokko Meister.
Er hing den Kopf über den Rauch, doch so nieder, dass ihn sein kleiner Hund
erreichen konnte. Dieser, nicht so gelehrt wie sein Herr, wollte den
Kopf fressen und blieb unglücklicherweise in den Zähnen des bereits
halbgeräucherten Kopfes hängen. Er hing nun wie ein Fisch in der Angel; auf
sein klägliches Geschrei eilten wir sogleich herbei, um ihn loszumachen. Er
hatte eine kaum bemerkbare Wunde, aus welcher nicht einmal Blut floss,
und doch war er nach einer halben Stunde todt; der todte Kopf hatte ihn
getödtet.
Auf meinen Märschen nach Mauritzburg oder Imotappie sah ich stets eine
Menge Affen, die sich in grossen Truppen hier aufhalten. Nie ging ich nach
einem dieser Posten, ohne Hunderte von sogenannten Mungi-Mungis (Simia
sciurea) zu finden, die auf den Bäumen herumgaukeln und sich unter tausend
Fratzen entfernen, wenn sie Jemand erblicken. Sie sind die niedlichsten
Affen Surinams, nicht viel grösser als ein Eichhörnchen, grünlichgrau, mit
weissem Bauche und orangegelben Händen. Ihr rundes Köpfchen hat ein weisses
Gesicht, einen schwarzen Mund und grosse, dunkelbraune, freundliche Augen.
Der kurzhaarige Schwanz, dessen Ende schwarz ist, ist länger, als der
Leib. Sitzt das Thierchen, so hält es ihn über den Rücken geschlagen. Diese
zärtlichen Thierchen leben von Früchten und Insekten, und sind schwer nach
Europa zu bringen.
Eines Morgens ging ich nach Mauritzburg. Als ich auf einem Platze ankam,
wo sehr viele Ananas stehen, hörte ich ein mörderisches Geschrei von Affen,
die, wie es schien, Händel mit einander hatten. Ich war neugierig, die
Ursache zu wissen, legte desswegen meine Batatta auf die Erde und schlich
in den Busch. Hier sah ich, wie sich etwa 20 Affen von der Art, welche man
Kesi-Kesi (Cebus niger) nennt, und die von der Grösse einer Katze sind, um
eine grosse, reife Ananas, welche sie gefunden und abgerissen hatten, auf
dem Boden herum balgten. Sie war zu gross, um auf die Bäume geschleppt
werden zu können, und zu stachlicht, um sie so =stante pede= aufzufressen.
Ich trat hervor, und blitzschnell flogen alle auf die Bäume, von wo aus sie
mit Verwunderung zusahen, wie ich ihre Ananas mitnahm und aufass.
Etwa hundert Schritte von der Kaserne stand am Rande des Waldes ein sehr
hoher Baum, der, von keinen Lianen umgeben, in einer Höhe von etwa 60'
seine ersten Aeste ausbreitete. An die äussersten Zweige hatten seit langer
Zeit grosse, schwarze Ameisen ihre Nester angehängt, die aus einer gelben,
schwammigen Substanz bestehen, welche man als Zunder gebraucht und in
Paramaribo in kleinen Ballen verkauft. Die Quantität dieser Nester mochte
wohl 6 Simri betragen haben. Viele Neger hatten schon versucht den Baum
zu fällen, hatten dieses aber, seiner vielen Ausläufer und seines harten
Holzes wegen, gehen lassen. Das Hinaufklettern hatte noch keiner versucht,
weil diess eine reine Unmöglichkeit zu seyn schien.
Der Kommandant des Flügels hatte mir nun zur Säuberung des Postens zwei
Neger gesendet, die einige Tage hier verweilten, und deren Arbeit ich
nachzusehen hatte.
Eines Morgens ging ich mit der Flinte in den Wald und sah über mir auf dem
genannten Baum etwas Schwarzes, das halb sichtbar durch die Blätter in den
Bäumen herumkletterte. Ich hielt es für einen Kwatta (grosser schwarzer
Affe, Ateles coaita) und legte darauf an, als eine klägliche Stimme mich
bat, nicht zu schiessen. Ich erkannte nun einen der zwei Neger, welcher
den Zunder herunterholen wollte. Mit seinem Hauer hieb er die Aeste, welche
Nester trugen, ab, und kam mit denselben auf den Posten. Wie der zwischen
60 und 70 Jahren alte Neger auf den Baum gekommen war, erfuhr ich nie; er
ertrank auch kurze Zeit nachher in der Casawinika.
Ein guter Freund, der auf dem Posten Armina lag, hatte mir schon vieles
Schöne von diesem Platze geschrieben und den Wunsch in mir erregt, ihn zu
besuchen. Es war der äusserste Posten des Landes, welcher einsam an der
Buschnegergrenze am Marowyne lag. Eine Patrouille von schwarzen Soldaten
ging jeden Monat dahin ab, um den Sold zu bringen und die Militärrapporte
zu holen. Man sprach viel von dem mühsamen Weg, der durch grosse Moräste
und tiefe Kreeken und über 72 Berge führen sollte, daher besonders in der
Regenzeit schwierig sey. Aus diesem Grunde werden nur Guiden zu diesen
Patrouillen gebraucht, und nur in besonderen Fällen macht ein Blanker die
Reise mit. Mein Kommandant erlaubte mir aber, statt eines Guiden dahin
gehen zu dürfen, worauf ich für acht Tage, denn so lang dauerte die Reise,
Lebensmittel erhielt. Diese bestanden in 8 Pfund Zwieback, 4 Pfund Speck,
4 Pfund Fleisch und 8 Pfund Reis, wozu ich noch Caffee, eine Flasche Zucker
und Cacao beifügte. Ein Ränzel mit Kleidungsstücken, ein blechener Topf zum
Kochen, ein Kistchen und Netz zum Schmetterlingsfang, ein Gewehr und ein
Hauer mussten ebenfalls mitgenommen werden. Als diese Wirthschaft auf
meinem Rücken rangirt war, schien es mir selbst unmöglich, so weit kommen
zu können.
Für die Dauer meiner Reise wurde ein anderer Soldat nach meinem Posten
gesandt.
Erst gegen 11 Uhr verliess ich Mauritzburg in Begleitung zweier Guiden, und
zog abwechselnd durch Savannen und Hochwald nach dem sechs Stunden weiter
entfernten Posten Oranjebo. Unterwegs findet man weder einen Posten, noch
eine Pflanzung. Etwa noch eine Stunde vom Posten entfernt, kamen wir gegen
Abend an zwei Moräste, durch welche man bis an die Hüften nicht bloss im
Wasser, sondern in einem Brei von stinkendem Schlamm marschiren musste.
Gegen 7 Uhr kamen wir auf dem Posten an, wo mich meine Kameraden durch ihre
Gastfreundschaft für die Mühseligkeiten meiner Reise entschädigten.
Oranjebo, am obern Comowyne, liegt gerade über dem Fussweg nach Armina, und
dient, da es seiner geringen Besatzung wegen, die nur aus einem Korporal
und 5 Mann besteht, doch nicht als Vertheidigungsposten zu betrachten
ist, blos dazu, die Patrouillen über den Fluss zu setzen. Es liegt keine
Pflanzung in der Nähe, und der nächste Posten Imotappie, wo sie ihre
Lebensmittel holen, ist vier Stunden entfernt. Fische und Wild sind im
Ueberfluss vorhanden, und der obere Comowyne ist wegen seiner köstlichen
Haimuras bekannt, eines 10 und mehr Pfund schweren Schuppenfisches, der
sehr theuer bezahlt wird. Man fängt sie in zuckerhutförmigen Körben,
durch die ein elastischer Stab läuft, der einen, am untern, breitern Ende
befestigten Deckel aufgespannt hält. Ein Frosch oder ein Stück Fleisch ist
daran befestigt, und so wie der Fisch hineingeräth, fällt der Deckel zu.
Der Korb wird unter Sträucher in's Wasser gesetzt und jeden Morgen nach ihm
gesehen. Ein Soldat beschäftigte sich ausschließlich mit diesem Fang, und
hatte stets einen Vorrath von Fischen.
Des andern Morgens um 7 Uhr betraten wir das jenseitige Ufer und kamen nach
einer Stunde an eine grosse, stets unter Wasser stehende Savanne, welche
mit Binsen und einzeln stehenden Mauritzen bedeckt war, in denen Legionen
Papageien nisteten. Beinahe eine Stunde zogen wir, bis zur Hüfte im Wasser,
über diesen Sumpf, welcher von der in der Regenzeit überströmenden Peninika
und dem Tempati gebildet wird, und selbst in langen Trockenzeiten nicht
austrocknet.
Durch eine Sandsavanne voll niederen Buschwerks war der Weg beinahe nicht
zu finden, und nur an abgebrochenen Zweigen erkannten meine Schwarzen den
Pfad. Dieser ging, wiewohl in steten Krümmungen sich hinziehend, doch stets
südöstlich und von nun an durch einen Hochwald, der so dicht war, dass wir
die Sonne nicht sehen konnten. Allmählich erhöhte sich das Land, und
wir kamen über Hügel, an deren Fuss sich immer eine Kreek oder ein Sumpf
befand.
Oft nöthigten uns umgefallene, ungeheure Bäume, sie zu umgehen oder über
sie zu klettern. Ueber tiefe und reissende Kreeks lagen manchmal blos
armsdicke Stangen, über welche man seiltänzerartig balanciren musste.
Wir fanden zwei grosse Schildkröten, die wir zur Abendmahlzeit mitnahmen.
Abends 5 Uhr kamen wir an einige, aus Palmblättern verfertigte Hütten oder
Kampen, die zum Nachtlager von früheren Patrouillen gemacht worden waren.
Hier hielten wir an, um zu übernachten. Bald brannte ein lustiges
Feuer; die Schildkröten wurden geschlachtet; Bananen, welche die Guiden
mitgebracht hatten, gekocht und in Schildkrötenbast, Tum Tum (Pudding von
Bananen), gestampft. Es war diess eine herrliche Mahlzeit.
Zur Lagerstätte (die Guiden hatten ihre Hängematten bei sich) schnitt ich
eine Menge Blätter ab und machte neben das Feuer mein Lager. Man band
die Gewehre zusammen, und jeder legte sich schlafen, so unbesorgt, als
zu Hause. An das Feuer kam eine Menge grosser, leuchtender Käfer (Elater
noctilucus) brummend geflogen, von denen ich ein Dutzend fing und mit nach
Mauritzburg nahm. Sie sind etwa 1¼" lang und olivenbraun; der Brustschild
ist oben mit zwei bleichgelben, runden, an jeder Seite wie Augen
aussehenden und etwas erhabenen Flecken besetzt, deren Licht so stark
ist, dass man es selbst im hellen Sonnenschein bemerken kann. Die feinste
Schrift lässt sich lesen, wenn man mit dem Insekte über das Gedruckte
fährt, mehrere zusammen in ein Fläschchen gethan, machen ziemlich helle. Im
Fluge zeigt sich ausser den Augen noch ein starkes, rothes Licht unter
den Flügeln auf dem Rücken, das von den mittelsten Ringen herrührt und im
Laufen bedeckt ist. Das Licht der Augenflecken kann der Käfer vermindern
oder vermehren.
Die Nacht war ziemlich kalt, so dass mir ein warmer Caffee, der schnell
bereitet war, gut bekam. In der Hütte liessen wir einen Theil unserer
Provision für die Rückreise, und zogen nach beendigtem Frühstück weiter.
Beim Herabsteigen eines ziemlich hohen Bergs wurden wir auf einem wenig
belaubten, hohen Baume zwei Kwattas (Ateles coita) gewahr, die sich in
der Morgensonne wärmten. Der eine erblickte uns, ergriff den andern beim
Schwanze und machte ihn auf uns aufmerksam. Sie sahen uns bedächtig an
und machten sich erst, als ein Guide auf sie anlegte, mit einem
verwunderungsvollen O! O! aus dem Staube.
Das Land wurde nun immer höher. Mittags kamen wir an den sogenannten rothen
Berg, der auf der einen Seite sehr steil, beinahe lothrecht ist und durch
Klettern erstiegen werden muss. Er kann etwa 150' hoch seyn. Auf seinem
Gipfel befinden sich mehrere grosse Bäume, in welche man gewöhnlich den
Namen einschneidet, um die Heldenthat, diesen Berg erstiegen zu haben, zu
verewigen.
Eine klare, eiskalte Kreek fliesst an seinem Fusse. Abends 5 Uhr hörten wir
das Brausen der Marowyne, die über zahllose Klippen cascadenweise stürzt.
Unsere Abendmahlzeit bestand wieder in Schildkröten, deren es in dieser
Gegend sehr viele gibt. Die Nacht ward ebenfalls im Kampe zugebracht. Gegen
9 Uhr des andern Morgens sahen wir von einer Anhöhe aus den prächtigen
Strom mit seinen Inselchen und Klippen, sowie den Posten in einem Walde von
Bananenbäumen vor uns liegen. Ungesehen kamen wir in den Bananengrund, wo
wir drei Schüsse, das Zeichen der Patrouille, abfeuerten. Alles stürzte uns
entgegen; denn Jedermann verlangte nach Neuigkeiten, deren man auf diesem
so einsamen und abgelegenen Posten so wenig erfährt. Mein Freund aber, um
dessenwillen ich die Reise gemacht hatte, war vor 14 Tagen gestorben.
Der Posten, von einem Lieutenant commandirt, bestand etwa aus 24 Mann,
8 zum Transport der Lebensmittel bestimmte Neger ausgenommen. Auch ein
Hospital und ein Doctor befanden sich hier. Alle Gebäude, meistens
aus Pinapalmen (Oenocarpus?) errichtete Hütten, unter denen bloss das
Kommandantenhaus aus Brettern besteht, waren von Pallisaden umgeben, und
umschlossen einen viereckigen Platz, um welchen gut erhaltene Hecken von
Lianen sich zogen, und in dessen Mitte ein Flaggenstock und Sonnenweiser
standen.
Die Kaserne war höchst baufällig, hatte nicht einmal einen Fussboden, und
war auch desshalb, wenn der Strom austrat, nicht bewohnbar.
Das Land ist ausserordentlich fruchtbar, und die Gärten der Soldaten, deren
jeder einen hatte, lieferten Gemüse und Feldfrüchte im Ueberfluss.