Krankheiten beifügen, die ich freilich nur als Laie, nicht als Arzt
beschreiben kann.
Die häufigsten Krankheiten, denen der Europäer wie der Creole unterworfen
ist, und die unter Buschnegern und Indianern gleich stark grassiren, sind
Wechselfieber, welche, wenn der Patient nicht gleich in geschickte
Hände kommt, Monate und Jahre lang anhalten. Es ist gewöhnlich die erste
Krankheit der Neuangekommenen oder das Aklimatisationsfieber. Gallenfieber
sind ebenfalls häufig und machen ganz kurzen Prozess. Eine andere häufige
Krankheit höchst beschwerlicher Art ist der sogenannte Kuk oder Kuchen,
eine Anschwellung der Milz. Man fühlt sich dabei immer ermattet, hat kurzen
Athem, unruhigen Schlaf und ist ausserordentlich reizbar. Dieses Unwohlsein
dauert manchmal Jahre lang. Meistens befolgt man dagegen den Rath
eines inländischen Quacksalbers, der stark abführende Mittel gibt. Die
Wassersucht ist ebenfalls nicht selten, zeigt sich aber meist nur bei
Individuen, welche dem Trunke ergeben sind.
Die Hauptkrankheit, die fürchterlichste von allen, weil sie zugleich die
anstrengendste ist, ist die Lepra. Bei den von ihr Befallenen zeigen sich
zuerst weissfarbige Flecken auf der Haut. Die Ohren, Nasen, Augenlieder
u. s. w. schwellen auf; es zeigen sich Beulen im Gesichte und am Körper,
welche manchmal aufbrechen; Finger, Zehen, Ohren, Nase oder einzelne
Glieder fallen ohne Schmerzen ab; das Gesicht verzerrt sich aufs
Scheusslichste und verräth nichts Menschliches mehr. Die meisten Kranken
sind dabei innerlich gesund, können arbeiten und dabei selbst alt werden,
während bei anderen die Krankheit schnellere Fortschritte macht.
Die damit Behafteten, seyen sie Freie oder Sclaven, werden, sobald die
Behörde davon unterrichtet ist, nach einem, dem Lande gehörigen und eigens
dazu bestimmten Etablissement, Batavia, abgesandt, wo sie, entfernt von der
übrigen Welt, auf Kosten des Landes so lange verpflegt werden, bis der
Tod sie von ihren Leiden erlöst. Noch nie ist ein Kranker von dieser Qual
befreit worden, obgleich man neuerdings in Para in Brasilien Versuche mit
dem Safte der Hura crepitans machte, die befriedigend ausgefallen seyn
sollen. Leute von Vermögen oder höheren Ranges, welche davon befallen
werden, leben einsam in ihren Häusern, oder reisen nach Europa, wo ihnen
aber ebenfalls nicht geholfen werden kann.
Das Etablissement _Batavia_, das am Copenamstrom liegt, ist der Leitung
des katholischen Präfecten anvertraut, hat eine hübsche Kirche und einen
Priester, der die Kranken tröstet und lehrt, wobei er sich jeglicher
Gefahr aussetzt. Die Zahl dieser Unglücklichen beläuft sich dort auf circa
700[12].
In Paramaribo befinden sich heimlich viele Leprosen, die von ihren Familien
versteckt gehalten werden, wodurch diese entsetzliche Krankheit immer mehr
verbreitet wird, was auch in der Nachbar-Colonie Cayenne der Fall ist, wo
viel weniger auf Absonderung gesehen wird. Eine andere Krankheit, genau mit
dieser verwandt, aber nicht ansteckend, ist die Elephantiasis. Es schwellen
dabei die Beine, oder oft nur ein Fuss auf fürchterliche Weise an, und
erhalten ganz das Aussehen von Elephantenfüssen. Häufig kommen noch
Auswüchse und Knollen dazu, und eine rauhe, chagrinartige Haut überzieht
das Ganze. Die Zahl der davon Angesteckten ist sehr gross, und besonders
bei der Sclavenbevölkerung, die sich nicht so gut bekleiden kann, ins Auge
fallend. Man sieht häufig Kinder von zehn Jahren mit solchen Klumpfüssen,
die meistens bis zum Knie eine unförmliche Dicke haben. Auch dagegen hat
man kein Mittel.
Ausser den angeführten ist noch eine andere Hautkrankheit nicht selten,
die Jaws, eine Art Krätze, bei welcher sich einzelne runde Flecken auf dem
Leibe zeigen, die aufbrechen. Auch sie ist eine langwierige, ansteckende
Krankheit, zu deren Heilung Monate erfordert werden.
Dritter Abschnitt.
Geschichtliche Bemerkungen im Allgemeinen. Ursache des Verfalles des
Wohlstandes der Colonie Surinam. Beschreibung des Landes. Gränzen.
Ströme: Marowyne, Comewyne, Cottica, Surinam, Saramacca, Coppename,
Correntin.
Für Manchen wird es nun von Interesse seyn, hier eine kurze Geschichte der
Colonie Surinam zu finden. Ich hatte zwar im Sinne, dieselbe zu übergehen,
weil ich mich nicht mündlicher Ueberlieferungen oder Auszüge aus früheren
Schriften bedienen, sondern mich blos auf die Erzählung meiner
Erlebnisse beschränken wollte; allein ich halte nun doch für nöthig, eine
oberflächliche historische Skizze des Landes zu geben, damit ich in der
Folge ohne weitere Erläuterungen bei der Beschreibung meiner ferneren
Abentheuer verweilen kann.
Es ist hinlänglich bekannt, dass bei der Entdeckung von America _Guyana_
und die umliegenden Länder von verschiedenen Indianerstämmen bewohnt waren,
unter denen sich die _Caraïben_ durch ihre Menge und ihren kühnen Charakter
besonders auszeichneten.
Gegen die Mitte des siebenzehnten Jahrhunderts, nachdem man das Innere des
Landes fruchtlos nach Gold durchforscht hatte, setzten sich europäische
Pflanzer an dem Küstenlande fest, um diejenigen Produkte anzubauen, die man
auf gefährlichem Wege nur allein aus Ostindien hatte beziehen können. Durch
die Fruchtbarkeit des Bodens und die leichte Fahrt ermuthigt, zogen
viele unternehmende Europäer nach dem neuen Lande, und im Laufe weniger
Jahrzehnte bildeten sich französische, englische und holländische
Niederlassungen.
Da die Indianer zur Arbeit nicht kräftig genug waren, so entstand der
Sclavenhandel, indem von den Regierungen ermächtigte Schiffe bei den
kleinen Fürsten in Afrika, die in immerwährenden Zwisten miteinander
lebten, für Tauschartikel die gegenseitig gemachten Kriegsgefangenen
kauften und dieselben nach Amerika brachten, wo man sie zur Feldarbeit
verwendete. Da der Ankauf eines Sklaven nicht viel kostete, und man sich
mit dieser Waare immer versehen konnte, so lockte der Gewinn manchen
unternehmenden Mann nach dem heissen und feuchten Küstenstriche, und es
bildeten sich Vereinigungen (Maatschappye) von beträchtlichem Kapital, um
den Unternehmern, die ihr Leben dabei wagten, kräftig beizustehen.
_Surinam_ selbst wurde zuerst von den Engländern in Besitz genommen, die
sich am Surinamstrom festsetzten und die Stadt Paramaribo anlegten. Erst im
Jahre 1667 wurde die Colonie durch Vertrag an die Holländer abgetreten[1].
Bei dem Fleisse dieser Ansiedler und der grossen Fruchtbarkeit des Bodens
hätte Surinam gewiss der Maatschappy grosse Vortheile abgeworfen, wenn
die noch im Werden begriffene Colonie zweckmässig organisirt und gegen
Eingriffe von Aussen beschützt gewesen wäre. Die vielen Kriege der
Franzosen und Engländer mit den Generalstaaten, in welchen von ersteren
die Colonien der Holländer überfallen, und mit kaum zu erschwingenden
Contributionen beschwert wurden, so wie die Wegnahme der mit den
Erzeugnissen der Kolonie geladenen Schiffe machte, dass, ungeachtet aller
Bemühungen, die Vortheile des Mutterlandes sehr unbedeutend waren. Erst
nach beendigten Kriegen erhob sich Surinam; sein Reichthum übertraf den
jeder andern Colonie, und unterlag keinem innerlichen Zwiespalt, und
keinem Aufruhr rebellischer Sclaven, wie viele Kosten auch die im Laufe des
vergangenen Jahrhunderts geführten Feldzüge gegen jene verursachten. Den
empfindlichsten Stoss erhielt der Wohlstand durch das Verbot der Einfuhr
von Sclaven im Jahre 1824. Durch die Verminderung der Arbeitskräfte, die
von Aussen nicht mehr ersetzt werden können, eilt die Colonie mit raschen
Schritten ihrem Untergange entgegen. Viele einst so blühende Pflanzungen
sind verlassen; ihre Zucker- und Caffeefelder, einst mit so vieler Mühe
bepflanzt und unterhalten, sind jetzt mit baumhohem Gesträuche bedeckt; die
schönen Alleen von Königspalmen oder hohen Tamarindenbäumen, die nach den
Wohnhäusern der Pflanzungen leiteten, ragen jetzt einsam aus dem Gebüsche
wildwachsender Pflanzen hervor, und der Landungsplatz, wo schön gefärbte
Barken an- und abfuhren, liegt öde und verlassen.
Der grosse Landstrich, der umschlungen von den zwei grössten Flüssen
Amerika's, dem Amazonenfluss und dem Orinoko, vom 0. Grade südlicher bis 9°
nördlicher Breite und vom 49. bis 67° westlicher Länge von Greenwich sich
ausbreitet, dessen Ost- und Nordküste der atlantische Ocean ist, der im
Süden durch Brasilien, im Westen aber durch die Republik Columbia begrenzt
wird, und dessen Küstenländer schon seit zwei Jahrhunderten Europa die
köstlichen Erzeugnisse ihres milden Bodens zusenden, wird ins englische,
holländische, französische und portugiesische Guyana eingetheilt.
Durchschnitten von grossen, schiffbaren Strömen und zahllosen, natürlichen
Canälen, die untereinander in Verbindung stehen, macht es seine
geographische Lage und ausserordentliche Fruchtbarkeit des Bodens zum
wahren Eldorado, das seine Schätze über der Erde und mit weniger Gefahr
bietet, als das in seinem Innern geträumte Goldland.
Auf seiner 7000 Quadratmeilen grossen Oberfläche leben sparsam verbreitet
die Ueberreste mehrerer indianischer Stämme, die, roh und wild, die Bildung
nicht mehr besitzen, die ihre Vorfahren gehabt zu haben scheinen.
Viele dieser Stämme, so wie der grösste Theil des Innern, sind uns noch
unbekannt, und nur durch Aussagen anderer und befreundeter Indianer, die
das Binnenland bereisen, oder der Buschneger, welche mit jenen Stämmen
Handelsverbindungen unterhalten, wissen wir, wie ungeräumt auch die
Berichte über sie seyn mögen, dass sie existiren.
Wie schwierig und mit wie vielen Gefahren verknüpft Reisen ins Innere
eines so wenig bevölkerten Landes auch sein mögen, so bleiben sie doch noch
ausführbar, wenn blos Hindernisse zu besiegen sind, die die Natur in den
Weg legt; wenn aber hiemit noch die Unwilligkeit und der Widerstand roher
Völker sich verbindet, die den wissenschaftlichen Zweck solcher Reisen
nicht verstehen, durch abergläubische Vorurtheile sich feindlich zeigen,
oder ihre Handelsverbindungen mit den Völkern des Inlandes beeinträchtigt
glauben, so kann man begreifen, dass, während die Welt in allen Richtungen
durchreist wird, das Innere von Guyana noch grösstentheils eine terra
incognita ist. Die bestbebaute, älteste und blühendste seiner Colonien,
Surinam, ist in wissenschaftlicher Beziehung noch die unbekannteste. Ob nun
dieses dem Materialismus, der blos die Speicher der Amsterdamer Kaufleute
füllt, zuzuschreiben, oder in andern Verhältnissen zu suchen sey, wage ich
nicht auseinander zu setzen.
Die Colonie Surinam liegt zwischen dem 3. und 6. Grade nördlicher Breite,
und 53. bis 56° westlicher Länge von Greenwich. Im Osten grenzt es an das
französische Guyana, von dem es durch den Maroni oder Marowyne getrennt
ist, im Westen scheidet es der Correntin von der früheren holländischen,
jetzt englischen Besitzung Berbice, im Süden, wo dessen Grenze noch nicht
einmal richtig bestimmt ist, stösst es an die gebirgigen Savannen, die
die Wasserscheide der in den Amazonenstrom fliessenden Flüsse und der nach
Norden zu mündenden Gewässer ausmacht. Im Norden bespült der atlantische
Ocean seine Küste.
Die Hauptströme sind der Maroni, Surinam, Saramacca, Coppename und
Correntin, wiewohl noch eine Menge anderer Flüsse das Land bewässern, und
in allen Richtungen durchschneiden.
Alle diese Flüsse stehen durch natürliche Kanäle, hier Kreeks genannt, mit
einander in Verbindung, so dass man aus dem Correntin in den, 56 Stunden
(in gerader Linie) östlicher gelegenen, Maroni kommen kann, ohne sich den
Beschwerlichkeiten einer Seereise aussetzen zu müssen.
Die ganze Küste Surinams ist eben und angeschwemmtes Land, das, bedeckt mit
Bäumen und niederem Gesträuche, mit jeder hohen Fluth unter Wasser kommt,
und Veränderungen erleidet.
Durch diese niedrige Beschaffenheit des Bodens erstrecken sich die Bänke,
die eigentlich blos eine Fortsetzung der Küste bilden, meilenweit in das
Meer; sie bestehen aus einem weichen Schlamm, den Alluvionen der Flüsse,
und sind also meist vegetabilischen Ursprungs.
Parallel mit der Seeküste ziehen sich Sandritzen oder Muschelbänke, die
bisweilen sich bis an das Meer ausdehnen, und auf denen eine manchfaltige
und üppige Vegetation, der des Inlandes ähnlich, herrscht. Sie sind höher,
als der umliegende sumpfige Boden, von geringer Breite, aber manchmal
bedeutender Länge, und scheinen die zurückgewichenen Meeresufer einer
früheren Periode gewesen zu seyn. Diese Ritzen sind mit Hochwald bedeckt,
in dem der Copalbaum (Hymenaea courbaril), die Weihrauchbäume, die Awara-
und Cumu-Palmen und der indianische Pflaumenbaum (Spondias?) vorkommen.
Hinter diesen Ritzen dehnen sich grosse Süsswassersümpfe aus, die in
den Regenzeiten beinahe undurchdringlich sind. Stundenlange Wälder der
Mauritien-Palme (Mauritia flexuosa) und grosse Flächen des baumartigen
Arons (Calladium arbor.) bedecken hier das Land; nur in heissen Sommern
trocknen diese Sümpfe aus.
Der Seestrand selbst bietet dem Auge überall eine einförmige, traurige
Scene dar: Tausende von abgestorbenen, entwurzelten und angeschwemmten
Bäumen liegen in allen Richtungen umher; der Boden, ein weicher Schlamm, in
dem man bis an die Kniee einsinkt, ist von Millionen Krabben durchlöchert,
und in dem Gebüsche, mit welchem diese traurige Küste bewachsen ist,
hausen Schwärme von Mosquittos und anderen stechenden Mücken. Schaaren von
Wasservögeln aller Art finden zur Zeit der Ebbe in ungestörter Ruhe hier
reichliche Nahrung, während bei der Fluthzeit Hai- und andere Raubfische
in den von Wasser bedeckten Gebüschen umherirren. Eben so niedrig sind die
Mündungen der Ströme, deren Ufer aber durch Waldungen von Mangrove-Bäumen,
welche durch ihre Wurzeln und Schösslinge undurchdringliche Verschanzungen
bilden, vor der Gewalt der Brandungen geschützt sind.
Je weiter man sich von der See entfernt, um so mehr verändert sich die
Scene. Die Ufer schmücken sich mit anderen Gewächsen; grössere Bäume treten
aus dem niedrigern Gebüsche hervor; die schlanke Pinapalme, das sichere
Zeichen eines fruchtbaren Bodens, zeigt sich in Menge. Schling- und
Schmarotzerpflanzen bedecken die Bäume und winden sich guirlandenartig von
Zweig zu Zweig. Das Ufer, bewachsen mit stachlichten Papilionaceen, ist
nicht sichtbar vor der Masse von Laubwerk, das bis weithinein ins Wasser
hängt. Etwa 8-10 Stunden von der Meeresküste ab, da wo das Flusswasser
rein, und nicht mehr vom Salze der See getrübt die schon höheren Ufer
bespült, prangt der Grünhart mit seinen gelben Blumen. Die Heliconien
entfalten ihre riesenartigen Blätter und die prächtige Maripapalme
(Maximiliana regia) ragt aus dem dunkeln Laubgewölbe empor.
Doch ist Alles noch eben; nur selten unterbrechen kleine bewaldete Hügel
die Fläche. Ueberall in allen Strömen herrscht dasselbe Bild der üppigsten
Vegetation, und das klare, schwarze Wasser spiegelt die Landschaft herrlich
zurück. -- Nur wo Hügel den Lauf der Flüsse bestimmen, wo Felsen und
Klippen diesen einengen, und den Transport von Produkten gefährden würden,
ist auch die Grenze der Cultur, und die Pforte zum unbekannten Lande.
Der östliche Grenzstrom der Colonie, die Marowyne, Maroni oder indianisch
Marauni, ein grosser, an seiner Mündung eine Stunde breiter Strom, ist
durch die Menge von Sandbänken beinahe nicht befahrbar. Es mag diese
gefährliche Einfahrt die Ursache davon seyn, dass, obwohl seine Ufer höher
und ebenso fruchtbar, ja gesünder als die des Surinam sind, sie gleichwohl
noch ganz unbebaut sind, und nur in der Nähe der See von Indianern, und
im Innern waldiger Gebirge von den Aucaner-Buschnegern bewohnt werden.
Die Mündung desselben hat nicht die einförmigen Mangrovegebüsche, wie
die andern Ströme, sondern hohe Sandritzen, auf denen eine überaus üppige
Vegetation von Palmen, Cactus, Weihrauch- und Copalbäumen, und Caschu's
(Anacardium occidentale L.) sich längs den Ufern der See hinzieht. Ein
kleiner Militärposten auf der holländischen Seite liess beim Vorübersegeln
von Schiffen die holländische Flagge wehen.
Ohne Bucht oder Krümmung zieht sich der stattliche Strom in gleicher Breite
drei Stunden aufwärts, wo er sich bei einer Gruppe von fünf niedrigen, mit
Palmen und andern Nutzhölzern dicht bewaldeten Inseln südwestlich wendet.
Das Land auf beiden Seiten des Flusses ist meist über dem Niveau der
höchsten Meeresfluth gelegen, und ein mit schwarzer Erde vermischter Sand,
der dem Anbau der Maniok-Wurzel (jatropha) besonders günstig ist. Etwa eine
Stunde den Fluss aufwärts, vom Posten Prinz Willem Frederik, zieht sich ein
Riff von sehr eisenhaltigen Felsen weit in das Flussbett. An der Ecke des
sandigen Strandes, die die Mündung des Stromes auf dem rechten Ufer bildet,
findet man häufig helle krystallartige, abgerundete Steine, die sehr
hart, und geschliffen wasserhell und glänzend sind; man nennt sie
Marowyne-Diamanten. Sie sind aber nichts als Topase, und selten wird einer
gefunden, der von einigem Werthe wäre.
Von den ersten Inseln, die von Sandbänken umringt und von untiefen Canälen
durchschnitten sind, schifft man den Fluss in einer wenigstens zehn Stunden
langen Bucht südwestlich hinauf. Eine Menge Inseln, theils niedrig und mit
Palmen bewachsen, theils hoch und steinig, und mit Hochwald bedeckt, bilden
prächtige Gruppen auf der weiten Wasserfläche. Die Ufer sind höher, an
manchen Stellen hügelig und dicht bewaldet, und malerisch erheben sich an
steilen Stellen kleine Indianerdörfer, deren Hütten halb versteckt sind
unter Bananen und Papaia- (Carica-) Bäumen und Baumwollensträuchern. Grosse
Sandbänke ragen mitten aus dem Flusse, es zeigen sich Klippen und
kleine Cascaden. Das Wasser ist besonders in den trockenen Jahreszeiten
krystallhell, und man kann bei zwölf Fuss Tiefe die Steine des Bodens
sehen. Aus der Ferne erblickt man die hohen Gebirge des Inlandes gleich
blauen Wolken. So nähert man sich, indem man bei den unmerklichen
Krümmungen des Stromes stets eine Fernsicht von drei bis vier Stunden vor
sich hat, dem 16 Stunden von der Mündung entfernten Militärposten _Armina_.
Der Fluss, der plötzlich einen Halbzirkel von Südost nach Nordwest bildet,
stürzt über zahllose Cascaden, Klippen und Sandbänke braussend herab.
Ungeheure Granitblöcke liegen in seinem Bette; sie sind mit stachlichten
Palmen und einer wohlriechenden Guiaba (Psidium aromaticum) bewachsen. Am
französischen Ufer, das eine ununterbrochene Hügelkette bildet, ergiesst
sich der kleine Fluss Armina, der dem holländischen Posten seinen Namen
gab, in den Strom. In den Trockenzeiten steigt die Meeresfluth bis
unterhalb der ersten Fälle, wo bei einer Länge von etwa 80 Fuss der Fluss
6 Fuss hoch herabstürzt. Bis unterhalb dieser Fälle kann man mit grossen
Booten kommen, doch ist bei den starken Strömungen viel Vorsicht nöthig,
um nicht auf die unter dem Wasser verborgenen Klippen zu stossen. Fahren in
den Trockenzeiten Buschneger oder Indianer den Fluss hinauf, so laden sie
unterhalb der Fälle ihre Canots aus, und tragen ihre sieben Sachen auf dem
Kopfe über die Klippen. Die leeren Canots werden mit Tauen heraufgezogen,
und oben wieder eingeladen.
In den Regenzeiten aber, wo der Strom durch den ungeheuren Wasserzuwachs
aus dem Innern angeschwollen ist, sind beinahe alle Klippen unter Wasser,
und die Boote werden aus Leibeskräften gegen die Strömungen gerudert.
Der Unterschied zwischen dem hohen Wasserstande der Regen- und dem
niedrigsten der Trockenzeit mag bei Armina wohl 20 Fuss betragen, wird
aber, je höher man den Fluss hinaufsteigt, um so beträchtlicher.
Aus beiden Ufern vermehren beträchtliche Kreeken oder kleine Flüsse, die
meist aus den Sümpfen des Inlandes entstehen, die Wassermasse des Flusses
bedeutend. Auf der französischen Seite findet man nahe an der Mündung
die grosse Waragama, oder Seekuhkreek; weiter aufwärts die Maipuribi oder
Tapirkreek. Ihnen folgt die Balete; vier Stunden unterhalb Armina fliesst
der Siparawinifluss in den Strom. Dieser, den man in den Regenzeiten Tage
lang aufwärts fahren kann, kommt aus dem Südosten, und scheint in geringer
Entfernung von der Lava zu entspringen. Indianer haben mich versichert,
diesen Fluss vier Tagereisen aufwärts gefahren zu seyn, und bei Nacht in
südlicher Richtung ganz deutlich den Klang von Negertrommeln und Schiessen
gehört zu haben. Man kann daraus abnehmen, dass diese Indianer sich in der
Nähe des Aufenthaltes von Boninegern befanden, welche die Ufer der Lava
etwa unter dem dritten Breitegrad bewohnen. Auf die Siparawini
folgt, unterhalb Armina, die Ruarua und auf diese die Armina. Auf der
holländischen Seite sind bis Armina die Kreeken weniger bedeutend, weil
das, zwischen der Marowyne und dem Cottica gelegene Land sich nach Westen
zu mehr abflacht, wesswegen auch die Waldwasser und Entleerungen der Sümpfe
nach Westen zu fliessen.
Drei Stunden von der Mündung der Marowyne ist am holländischen Ufer die
kaum bemerkbare Wanekreek, die in einem Sumpfe entspringt, der sein Wasser
gleichzeitig nach der Marowyne und dem Courmotibo sendet; da dieser in die
Cottica fliesst, und diese wieder in die Comewyne mündet, so kann man
in den Regenzeiten, wo die Sümpfe 4-5 Fuss Wasser haben, mit kleineren
Fahrzeugen in fünf bis sechs Tagen Paramaribo erreichen. In der Trockenzeit
aber sind diese Moräste ausgetrocknet, und es besteht dann keine andere
Verbindung als über See. Die weiteren bedeutenderen Kreeken sind die
Aramatta, Maturi und Aroarica, die man aber blos einige Stunden aufwärts
fahren kann.
Die Marowyne, die durch Hügel eingeengt bei Armina blos ¼ Stunde breit ist,
dehnt sich oberhalb dieses Postens bedeutend aus. Ihr Bett, mit Klippen,
Sandbänken und Inseln erfüllt, zieht sich mit wenig Buchten beinahe
südlich. 4-500 Fuss hohe, stark bewaldete Hügel liegen dicht am Strome.
Vier Tagreisen oberhalb Armina, unter 3° 40' nördl. Breite, und etwa 25
Stunden oberhalb dieses Postens theilt sich die Marowyne, nachdem sie
mehrere bedeutende Wasserfälle bildete, in zwei Arme, deren einer aus
Südosten strömt und Lava heisst, während der andere, aus dem Süden
kommende, Tapanahoni genannt wird. Auf der Ecke, welche durch die
Vereinigung beider Ströme entsteht, wohnen die Nachkommen der im Jahre 1806
von verschiedenen Militärposten weggelaufenen Guides (Negersoldaten),
die, nachdem sie zuvor ihre Officiere ermordet hatten, nach diesem
unzugänglichen Felsenneste flüchteten, und mit Mädchen der Boni- und
Aucaner-Buschneger sich verbanden. An diesem Platze, der durch seine
natürliche Lage geschützt, mit Felsen und Klippen umgeben ist, ist ein
bedeutender Wasserfall, Singa De De, und in der Lava das Ende der mehrere
Stunden langen Cascaden »Itepuou«. Am Ufer der Lava wohnen die Boni-Neger,
ebenfalls Abkömmlinge früher von den Pflanzungen entlaufener Sclaven,
die aber mit der Regierung nicht befreundet sind, und nur durch die
Aucaner-Buschneger, für welche sie Canots verfertigen, mit Geräthschaften,
Tüchern u. s. w. versehen werden. Die Lava, ein breiter, aber nicht sehr
tiefer Strom, steht in Verbindung mit dem Camopy, der in den Oyapok mündet,
und es kommt also auch hier die merkwürdige Gabeltheilung der Gewässer vor,
die sich beim Orinoco und Amazonenstrom in viel bedeutenderem Maase zeigt.
Der Tapanahoni, der viel tiefer ist, und weniger Klippen haben soll,
entspringt wahrscheinlich in der Nähe des Aequators, und kann als die
eigentliche Marowyne betrachtet werden[2].
Die Seeküste westwärts der Marowyne besteht bis zu dem 14 Stunden
entfernten Posten Oranje beinahe ganz aus ungeheuren Morästen, die mit
der Fluth unter Wasser gesetzt werden, und in denen nur Gesträuche und
unbedeutende Bäume wachsen.