ein Tälchen hinweg. Der Damm hat einen mannshohen, gemauerten Durchlaß
für ein im allgemeinen nur bei Regen und Tauwetter fließendes Bächlein.
An diesem Durchlaß sind drei weitere Denksteine. Da steht auf dem
nach Osten gelegenen Ausgang am Schlußsteine: Johann Adam Schmidt,
Floßverwalter in Zeitz, Samuel Brohl (?) (s. o.!) Floßverwalter in
Pegau, Gottfried Lindenhayn, (Maurer)meister anno 1729. Am Schlußstein
der entgegengesetzten Seite entzifferte ich nur die Worte: Carl …
von … Floßdirektor … Floßmeister 1729. Nach Dr. Riedel (a. a. O.)
lautet die Inschrift: »Karl Gottlob von Leubnitz, Floßdirektor und
Inspektor, und Philipp Ferdinand von der Heyde, Oberaufseher der
Flöße …« Interessanter ist ein Mauerstein an der westlichen Seite
mit den Worten: Anno 1728, den 29. August (ist dieses) Gewölbe durch
einen entstandenen (Hoch)wasserfluß von Grund aus umgerissen und
das darauffolgende Jahr hinwieder ganz neu erbaut. Michael Pauli,
Floß(meister) (n. Dr. Riedel). Irgendein Naturereignis hat also damals
das kleine Bächlein zum zerstörenden Strome anschwellen lassen.
Eine ähnliche Katastrophe hat übrigens 1712 in Näthern bei Zeitz den
Floßgraben heimgesucht (a. a. O.).
[Illustration: Abb. 5. =Der Floßgraben.= Rechts die talartige
Erweiterung. Am rechten Ufer der Denkstein]
Da der große Floßgraben noch heute von dem erwähnten Interessenverbande
in gutem Stande gehalten wird, hat er offenbar auch noch irgendwelche
Aufgaben zu erfüllen. Die Flößerei selbst ist seit 1864 eingestellt.
Die Eisenbahn, die so manchem alten Verkehrsmittel ein Ende bereitete,
lieferte das Holz billiger, als es mit dem Floßgraben möglich war. In
der Blütezeit dagegen hat die Flößerei große Gewinne erzielt, die den
sächsischen Fürsten willkommen waren.
[Illustration: Abb. 6. =Der Denkstein=]
Der kleine Floßgraben ist verfallen; nur zu Regenzeiten ist er
stellenweise mit Wasser gefüllt. Einen zusammenhängenden Wasserlauf
stellt er nur ganz selten dar.
[Illustration: Abb. 7. =Floßgraben mit Denkstein=]
Erwähnt werden mag noch die Bedeutung des Floßgrabens für das
Landschaftsbild der Pegauer Pflege. Er ist an beiden Ufern von meist
hohen Bäumen bestanden. Vor allem wechseln Erlen, Weiden, Pappeln,
Eschen einander ab. Diese Baumreihe fällt in unsrer baumarmen Gegend
um so mehr ins Auge, so daß man den Verlauf des Floßgrabens aus großer
Entfernung verfolgen kann; als besonders geeignete Punkte wären
Pegauer und Zeitzer Rathausturm zu empfehlen. Auch dem aufmerksamen
Eisenbahnreisenden, der etwa von Leipzig nach Gera zu fährt, wird die
auffällige Baumreihe im Westen nicht entgehen. Einige Male kann er
sogar den Spiegel unsres alten Floßgrabens sehen.
[Illustration: Abb. 8. =Floßgraben mit Baumreihe=]
Fußnote:
[2] Auf den Floßgraben sich beziehende geschichtliche Daten
sind einem Aufsatz von Studienrat Dr. Riedel, Leipzig,
entnommen: »Wanderungen am Floßgraben.« (Wanderbuch: »Rund
um Leipzig«.)
Deutsche Volkskunde
Von _E. Mogk_, Leipzig
Als im Mai dieses Jahres die Gesellschaft für Deutsche Bildung, die
Deutschkundler, in Düsseldorf tagte, fand unter anderem auch eine
Aussprache über die Behandlung der Volkskunde auf unseren höheren
Schulen statt. Besonders erfreut hat mich der Bericht über diese
Aussprache nicht. Denn er zeigte klar, wie unklar über die Volkskunde
als Wissenschaft die Redner gewesen sind, obgleich doch gerade unter
den Lehrern des Deutschen über sie und ihre Verwertung in der Schule
Klarheit herrschen sollte. Daher fragte ich mich, ob es überhaupt
schon an der Zeit ist, die Volkskunde allgemein in den Schulen
einzuführen, wie es der Verband deutscher Vereine für Volkskunde
anstrebt. Notwendig dünkt mich vor allem die Heranbildung von Lehrern,
die in der wissenschaftlichen Volkskunde, in der historischen und
psychologischen Erklärung der Tatsachen ebenso zu Hause sind wie in der
praktischen, im Leben und Fühlen unseres Volkes. Sich hier heimisch
zu machen, verlangt unsere Zeit. Wie die Pilze schießen jedes Jahr
volkskundliche Werke mit örtlicher Umgrenzung auf, und wohl kein
deutsches Land, keine preußische Provinz gibt es, die nicht schon
jetzt ihre Volkskunde hätte. Freilich auch in diesen Werken ist die
Umreißung des Gebietes öfter recht unklar, und manches ist eigentlich
mehr eine Heimatskunde als eine Volkskunde. Auch Bücher, die die
Volkskunde ganz Deutschlands behandeln, sind in letzter Zeit neben E.
H. Meyers Werk mehrere erschienen. Ich erwähne nur die Bändchen von
K. Reuschel und H. Naumann, recht erfreuliche Leistungen, die aber
doch auch ihre Schwächen haben, weil ein einzelner nicht auf all den
zahlreichen Teilgebieten der Volkskunde heimisch sein kann. Daher ist
es freudig zu begrüßen, daß John Meier, zurzeit der Vorsitzende des
Verbandes deutscher Vereine für Volkskunde, eine Anzahl auf ihrem
Gebiete bewährter Kräfte zu gemeinsamer Herausgabe einer Deutschen
Volkskunde veranlaßt hat[3]. Selbstverständlich sind nicht alle
Teile gleich ausgefallen, aber jeder hat geleistet, was in seinen
Kräften steht. Aufgefallen ist mir bei den ersten Abschnitten, daß
diese ausschließlich auf das Bauerntum eingestellt sind. Aber in den
Städten lebt doch auch noch Volkstum fort, und gerade die Umwandlung
agrarischer Sitten und Gebräuche in den Städten ist eines der
anziehendsten Kapitel auf dem Gebiete der historischen Volkskunde. So
ist gleich _Boettes_ Einführung nichts anders als eine Charakteristik
des deutschen Bauern, wobei man l’Houes Psychologie des Bauerntums hier
wie in der Bibliographie ungern vermißt. Über das Wesen der Volkskunde
und ihre Aufgaben wird nichts gesagt. Auch _Lauffer_ hat seinen an
und für sich trefflichen Beitrag auf das bäuerliche Gehöfte und die
Dorfanlage beschränkt. In einer neuen Auflage, die sicher bald zu
erwarten ist, berichtet er hoffentlich auch über den Hausrat, der ja zu
seinem besonderen Forschungsgebiete gehört. Selbst _Sartori_, der doch
in der Geschichte von Sitte und Brauch wie selten einer heimisch ist,
läßt nur ganz selten seine Blicke über die bäuerlichen Verhältnisse
hinausschweifen. In dankenswerter Weise geht er aber auf Sinn, Ursprung
und Entwicklung der Bräuche ein und tritt hier manchem landläufigen
Irrtum entgegen. Recht gut ist der Abschnitt über den Aberglauben von
_Bächtold-Stäubli_, wenn auch natürlich der Volksglaube nicht in seinem
vollen Umfange behandelt wird. Ganz besonders hervorgehoben werden
möchte die vierfache Wurzel des Aberglaubens, da sie fast für alle
Zweige der Volkskunde Geltung hat: das germanische Heidentum, antiker
(griechisch-römischer) Glaube, wissenschaftliche Anschauungen früherer
Zeiten (höherer Kreise?), neuer Aberglaube, wie er in der menschlichen
Psyche jederzeit entstehen kann. – Mit _John Meiers_ Namenkunde betritt
man das physiologische Gebiet der Volkskunde. Personen-, Familien-,
Flur- und Ortsnamen werden in gründlicher Weise geschichtlich verfolgt
und erklärt, wobei für die Siedlungsgeschichte manch dankenswerter
Brocken abfällt. Etwas anders hatte ich unter _Jos. Müllers_ »Rede
des Volkes« erwartet. Ich dachte an eine neue Aufnahme der seiner
Zeit von Polle behandelten Frage: »Wie denkt das Volk über die
Sprache?«, wozu ja die volkskundlichen Zeitschriften, namentlich die
Berliner, öfter Stoff geboten haben. Statt dessen gibt Müller nur eine
Skizze dialektischer Erscheinung und stellt das Verhältnis zwischen
Dialektforschung und Volkskunde in klarer verständlicher Weise fest.
Die letzten drei Abschnitte behandeln die literarischen Erzeugnisse
des Volksgeistes, wenn man sich so ausdrücken darf, alle drei von
besten Kennern des Sondergebiets bearbeitet: Die Sage von _Fr. Ranke_,
Das Märchen von _Fr. Panzer_, Das Volkslied von _Erich Saemann_. In
allen diesen Abschnitten wird über Inhalt und Form, sowie über den
Ursprung und den Wandel dieser Volkspoesie gehandelt, zur Sammlung
von Volkssagen werden gute Fingerzeige gegeben, die Geschichte der
Märchenforschung, die zum Verständnis des Märchens unbedingt notwendig
ist, wird skizziert, für die Behandlung des Volksliedes in der Schule
wird eine Lanze gebrochen. So belehren sie und regen zugleich zu
weiterer volkskundlicher Tätigkeit an. Und das ist der Zweck des
ganzen Buches, wozu auch der reichliche, wenn auch nicht vollständige
bibliographische Anhang die Hand bietet.
Fußnote:
[3] _Deutsche Volkskunde_ im besonderen zum Gebrauch des
Volksschullebens. Im Auftrage des Verbandes deutscher
Vereine für Volkskunde herausgegeben von _John Meier_. 344
Seiten 8°. Berlin und Leipzig, Walter de Gruyter & Co.,
1926.
Schützenfest in der Kleinstadt
Von _W. Rudolf Leonhardi_, Wilsdruff
Acht Tage lang steht Dresden im Zeichen seiner Vogelwiese, acht Tage
lang ist der große Rummel- und Tummelplatz an der Elbe erfüllt von
jenem Vielklang von Stimmen, Instrumenten und jenem Lärm, den man mit
mehr oder minderem Recht als Musik bezeichnet. Zu Tausenden pilgern
dann die Dresdner und die Fremden hinaus, um an dem fröhlichen Treiben
teilzuhaben. Und der Chronist notiert einen schönen Verlauf dieses
»Volksfestes«.
Aber – Hand aufs Herz – sind sie alle draußen, die Dresdner, die in
ihrer Gemeinsamkeit das »Volk« darstellen? Steckt nicht manch einer,
ob nun jung oder alt, in seiner Behausung, in seiner Werkstatt, hinter
seinem Ladentische und spürt nichts, aber auch gar nichts von dem
bunten Treiben? Vielleicht, daß einmal eine vollbesetzte Straßenbahn
oder ein knarrender Omnibus mit unternehmungslustigen Insassen an ihm
vorbeifährt, oder die mißgestimmten Töne eines auf dem Festplatze
erstandenen Blasinstrumentes, einer Fiepe[4], wie der Dresdner sagt,
ihn aus seiner Ruhe schrecken. Wer nicht zur Vogelwiese gehen will,
wer nicht zu ihr kommt, der spürt sie wenig oder gar nicht.
Und das ist der große Unterschied zwischen diesem Volksfest in Dresden
und jenem in der Kleinstadt. Das Schützenfest, wie es dort heißt, kommt
zu jedem. Es trägt seinen Zauber in die Straßen des Städtleins und in
die Häuser selbst hinein. Und wird so zum wirklichen Volksfest. Das
alte Mütterlein, welches sonst müde aus dem kleinen Fenster über das
Gäßchen schaut, und dessen ganze Welt die vier Häuschen sind, die ihr
Blick umfaßt, der Meister, der von früh bis abends an seiner Werkbank
um’s tägliche Brot arbeitet, die Männer in den Amtsstuben, die Frauen
in ihren schwülen Küchen, durch deren Fenster das grüne Gemüsegärtchen
blickt – sie alle, alle haben teil am Schützenfest, denn es sendet
seinen Gruß in jeden Winkel der Stadt, und jedes Fenster grüßt
freundlich zurück.
Schon ein paar Tage vor dem Festsonntag ziehen die Schützen zur »Revue«
und zum Exerzieren auf den Schützenplatz hinaus. Musik hallt durch die
Straßen, die Fenster gehen auf, Groß und Klein, was nur immer Zeit
und Beine hat, marschiert mit zu dem grünen Wiesenplan hinaus. Und
mit diesem Auftakt wird’s im Städtchen lebendig. Alles rüstet sich
zum Feste. Am emsigsten Hausfrauen. Freilich, die weißen Uniformhosen
des Gatten sind schon lange gewaschen und gebügelt, die Knöpfe sind
blank geputzt, und der Gestrenge selbst hat seinem Gewehr mit eifrigem
»Flimmern« neuen Glanz verliehen. Aber nun geht es an’s Backen, an’s
Zurichten und an’s große Reinemachen, denn der Festtag bringt Gäste.
Und die Kinder winden derweilen Kränze und Girlanden zum äußeren
Schmucke des Häuschens und der Straße. Nach des Tages Arbeit treffen
sich am Abend die Schützenfrauen, winden und binden, sinnen und spinnen
wie weiland die Parzen, um den besonders schönen Schmuck des Hauses und
der Straße herzustellen, wo der Schützenkönig wohnt. Und nach Art der
Schicksalsgöttinnen weissagen sie wohl auch während der guten Reden,
die die Arbeit begleiten, wer dessen Nachfolger wird – ob’s stimmt,
ist freilich eine andere Frage. Vorerst aber gilt ihrer Hände Werk dem
bisherigen. Die Ehrenscheibe, die ihm im Vorjahre die majestätische
Würde einbrachte, wird umrankt und über des Hauses Tor angebracht. Eine
fahnengeschmückte Ehrenpforte grüßt ihn auf der Straße.
Am Sonnabend abend ertönt der Zapfenstreich auf dem Marktplatze, des
Sonntags in aller Herrgottsfrühe wird geweckt. Durch alle Straßen
des Ortes zieht die nimmermüde Stadtkapelle, eine Begleitmannschaft
der Schützen gibt ihr das Geleit. Gar festlich und feierlich ist der
Anblick des Kirchleins, in dem sich die Vereine mit ihren Fahnen zum
Festgottesdienste eingefunden haben. Ihm folgt das Königsfrühstück im
ersten Gasthofe der Stadt, und kaum hat die Mittagsglocke geläutet
und die vielgeplagte Hausfrau die um zahlreiche liebe Gäste vermehrte
Tischrunde gespeist, beginnt der große Königsauszug. Das Städtlein
hat seinen Festschmuck vollendet, Fahnen, Girlanden, Ranken und
Kränze heißen die Schützen willkommen. Würdevoll schreitet der
Schutzmann voran, dann folgt ein Spielmannszug und die Kapelle,
die den traditionellen Schützenmarsch des Ortes – und welche Stadt
hätte nicht ihren eigenen Schützenmarsch – erschallen läßt. Hoch zu
Pferde folgen der Kommandant und sein Adjutant, schmuck steht ihnen
die grüne Paradeuniform, die erworbenen Medaillen und Ehrenzeichen
der Schützengilde schmücken ihre Brust. Aber manch ein Eisern’ Kreuz
zeugt auch davon, daß auch im blutigen Ernst Aug’ und Hand fürs
Vaterland erprobt worden sind. Schwarz und im Schlot schreitet das
Präsidium der Gesellschaft hinter ihnen her und fährt mit dem König
im blumengeschmückten Wagen. Und dann kommt die Kompagnie. Weiße
Hosen, grüner Rock, federgeschmückter Schützenhut, so marschiert
sie im gleichen Schritt daher. Alte, wetterharte Gesichter oder
zielbewußte junge. Schwielige Fäuste, die von des Werktags fleißigem
Schaffen Zeugnis geben, halten die Büchsen. Vereine mit ihren Fahnen
und oft eigner Musikbande, folgen. Über allem aber weht die Fahne der
Schützengilde, alt, traditionsreich, von den Besten der alten Krieger
getragen. Noch immer – wie einst – hat die Fahne ihre sammelnde,
führende Wirkung. »Es weht eine Fahne vor uns her, herrliche Fahne!«
sang Richard Dehmel anno 1914.
So geht es von Straße zu Straße, überall miterlebende Menschen, überall
Gruß und Freude, Blumen aus den Fenstern, Heilrufe. Denn das Fest ist
in die Stadt zu den Menschen gekommen und nimmt sie mit hinaus auf den
Festplatz vor den Toren. Das alte Mütterlein hat das Fest begrüßt und
den arbeitsgebundenen Mann hinterm Ladentisch, und das Klingen tönt
weiter in den Straßen, in den Häusern und in den Herzen. Ihr lächelnden
Großstädter mit eurer Vogelwiese, mit eurem geringschätzigen Blick auf
die kleine Stadt, kommt her und seht’s euch an.
Nicht nur das bunte Treiben auf dem Festplatze draußen, nicht nur den
eifrigen, wehenden Tanz im geschmückten Saale des Schützenhauses, nein,
am Montag abend müßt ihr kommen, wenn das Knallen der Büchsen verstummt
ist und der neue Schützenkönig seinen Einzug hält. Längst ist schon
die Sonne gesunken, sternenübersät (wer schaute wohl auf der Dresdner
Vogelwiese nach den Sternen?) breitet sich der dunkle Nachthimmel über
das Städtlein, fast verschlafen liegt es da. Vom Rummelplatze her trägt
der Abendwind zerrissene Töne über die Dächer. Und da – mit einem Male
wird’s lebendig. »Sie kommen! Sie kommen!« Mit einem Schlage ist das
Städtlein quicklebendig. Buntfeuer steigen auf, nicht wenige nur, jedes
Haus erstrahlt in anderem Glanze. Lampions in allen Farben und Formen
erglimmen, ganze Fensterreihen tragen Illuminationslichtlein, Flämmchen
an Flämmchen, straßenlang und um den ganzen sonst so stillen Marktplatz
herum. Musik! Musik! Das Leben, die Freude! Tausende ziehen mit – wie
der Schritt durch die Straßen hallt! Der glücklich lachende König grüßt
aus seinem Wagen und Unzählige grüßen wieder. Sie kennen einander ja
alle in dieser kleinen Stadt. Die Frau Königin dünkt sich die Schönste
heut, wie einst die Königin im Märchen. Und wie ein Märchen ist ja das
alles. Der ahnungslose Fremde glaubt sich in eine sagenhafte Stadt
versetzt, so viel Licht, so viel Leben. Denn wieder kam das Fest zur
Stadt herein, bis zu dem Mütterchen, das an’s Stübchen gefesselt ist.
Der große, ungefüge Kraftomnibus auf dem Marktplatze schaut verwundert
drein. Was will er, der Moderne, in diesem weltabgeschiedenen Idyll?
Auf diesem strahlenden Markte, wo eine unübersehbare Menge schweigend
nun den Zapfenstreich anhört – »Ich bete an die Macht der Liebe« – da
reichen sich Neuzeit und Vergangenheit die Hand. Bringt uns herein
das Neue, Fördernde, Fortschrittliche, was uns aufbauen hilft, ins
Städtchen, aber rührt nicht an das, was uns lieb und wert ist. Rührt
nicht an die alte, schöne Tradition, an dieses Stück Heimatpflege
und Volksgebrauch, das ihr uns da drin in den großen Städten nimmer
nachmachen könnt, weil es viel, viel zu – schön ist.
Fußnote:
[4] Fiepen nennt der Waidmann das Schreien der Rehkitzen.
Wert und Bedeutung lokalhistorischer Forschung für die allgemeine
Geschichte
Gegenwärtig ist man an vielen Orten bestrebt, längst vergangene
Zeiten dem Volke nahe zu bringen und so den Sinn für die
Vergangenheit zu erwecken. Diesen Zweck zu erreichen, greift man zu
verschiedenen Mitteln. Man begründet örtliche Geschichtsvereine,
Vereine für Heimatgeschichte oder Volkskunde, die durch Vorträge,
Veröffentlichungen in Zeitungen oder Sonderheften die Verhältnisse
der Heimat historisch erläutert, zur Kenntnis zu bringen suchen. Man
öffnet dem Publikum Museen, welche durch eifrige Bemühungen einzelner,
sowie durch die Opferwilligkeit mancher Ortsbewohner in kurzer Zeit
verhältnismäßig mannigfaltige und dabei reichhaltige Ausstattung
erhalten haben. So ist jedem sich für Geschichte Interessierenden die
Möglichkeit gegeben, die Kulturverhältnisse und damit das Leben vor
mehreren Jahrhunderten an seinem Auge vorüberziehen zu lassen. Nicht
minder will auch die Veranstaltung der Heimatfeste diesem Bedürfnis
gerecht werden.
Man könnte fragen, ob lokalgeschichtliche Erörterungen und Bestrebungen
nicht nur einen volkstümlichen, sondern vor allem auch einen
wissenschaftlichen Wert haben, ob es also einen Gewinn verspricht,
ein lokalgeschichtliches Thema wissenschaftlich zu bearbeiten. Die
Lokalgeschichte will zur Hebung der Volksbildung, besonders zur
Erhaltung und Belebung des historischen Sinnes als einer starken Stütze
wahren Heimatgefühls beitragen. Doch damit ist noch lange nicht gesagt,
daß derartige Erörterungen auch für den Historiker vom Fach wertvoll
sind. Und dennoch! Sie liefern der Wissenschaft das Quellenmaterial,
das sie zu ihren zusammenfassenden Darstellungen braucht; dazu aber
gehört die stille, entsagungsvolle Gelehrtenarbeit von Jahren. Nur
dann kann die Lokalgeschichte in den Dienst der allgemeinen Geschichte
treten, wenn sie wissenschaftlich und nicht populär betrieben wird.
Als Quellen für dieses historische Forschen kommen vor allen Dingen die
Hauptstaats[5]-, Ratsarchive und Bibliotheken in Frage. Hier finden wir
die Urkunden und Akten, die Zeugen früheren Rechts-, Wirtschafts- und
politischen Lebens sind. Nur wer auf diese Weise forscht und darstellt,
kann der Nachwelt wissenschaftliche Werte hinterlassen.
Herb. Pönicke, ~cand. phil.~
Fußnote:
[5] Dr. _W. Lippert_: Das Sächsische Hauptstaatsarchiv. Sein
Werden und Wesen. Dresden 1922.
Das Liebenauer Christspiel
Von Pfarrer i. R. _Richter_, Zwickau-Schedewitz
Volkstümliches zu pflegen und volkstümliche Einrichtungen zu fördern
und zu unterstützen, muß jedem Freund seines Volks und seiner Heimat
am Herzen liegen. Für die kommende Weihnachtszeit möchte ich zur
Betätigung solcher Heimatgesinnung auf das von schlichten Landleuten
in echt volkstümlicher, dabei aber sehr würdiger und feierlicher Weise
aufgeführte Liebenauer Christspiel hinweisen. Es ist in dem Kirchdorf
Liebenau bei Lauenstein (oberes Müglitztal) seit vielen Jahren
eingebürgert und erfreut sich großer Beliebtheit in der Gemeinde, wie
in weitem Umkreis. Der frühere Ortspfarrer Dr. Johannes Müller verfaßte
es nach dem Vorbild des ursprünglichen Lößnitzer Christspiels unter
Zuhilfenahme anderer Weihnachtsdichtungen.
In vier Abteilungen wird uns das Weihnachtserlebnis vor Augen, zu
Ohren und zu Gemüt geführt als Weissagung, Verkündigung, Anbetung
und Beherzigung. Gesprochenes Wort und Lied, Einzel-, Gruppen- und
Chorgesänge, sowie szenische Bilder wechseln in gestaltungsvoller
Weise ab. Propheten, Engel, Evangelist, Hirten, Fremdling, Pilger und
Pilgerinnen, Herold, Könige, Töchter von Jerusalem, Bethlehemiten sind
die darstellenden Personen.
Wer künstlerisches Theater erwartet, bleibe fern. Wem aber Sinn für
Volkstümliches geblieben ist, der wird an diesem Christspiel seine
helle Freude haben.
Näheres über Tage und Stunden der Aufführung ist zu erfahren beim
Vorsteher der Christspielgesellschaft, Herrn Gutsauszügler Karl Kühnel,
Liebenau bei Lauenstein in Sachsen.
Galgenmauern
Zu den »Federzeichnungen des kursächsischen Oberlandbaumeisters Dilich«
(Mitteilungen, Band XIV, Seite 5–6) teile ich mit, daß die hohen und
festen Mauern, wie sie um dem abgebildeten Galgen von Bischofswerda
zu sehen sind, nicht bloß das Entwenden der Leichname seitens der
Verwandten zwecks Beerdigung hindern sollten, sondern den vielfachen
Mißbrauch mit Leichenteilen und anderem.
In dem Werke: »Das Deutsche Gaunertum usw.« von Friedrich Christian
Benedict Avé-Lollement, Leipzig, F. A. Brockhaus, 1858, I. Band, Seite
168, findet man in dem dort abgedruckten »~Liber vagatorum~« (um das
Jahr 1500 verfaßt) in dem Abschnitte »Von den Klonckern« folgenden
Gaunerstreich:
»Item ein ander warlich exempel, zu Schletstat saß einer vor der
Kirchen derselbe hat einem Dieb einen Schennckel an dem Galgen
abgehawen vnd hat jn für sich gelegt, vnd hat seinen guten schenckel
auffgebunden, derselb wardt mit einem andern Betler vneins, der lieff
baldt vnd sagt das einem Statknecht, alsbald er den Statboten ersehen
hat, wuscht er auff vnd ließ den bosen schenckel ligen, vnd lieff zu
der Stat hinaus ein pferd mocht jn kaum erloffen haben. Er ward darnach
bald zu Achern an den Galgen gehenckt, vnd der durr schenckel hangt
neben jm, vnd hat geheissen Peter von Kreutzenach.«
Bekannt ist ferner der schon Jahrhunderte alte Volksaberglaube, der
sich an den Strick der Gehenkten, das Fett und Blut von Armesündern,
ja sogar an das Holz des Galgens selbst knüpft, und der eine gehörige
Verwahrung des Galgens und der Leichname notwendig machte, um
abergläubischem Mißbrauch entgegen zu wirken.
Ummauerte Galgen hatte auch Leitmeritz, und noch steht der steinerne
Unterbau auf der Stätte des Hochgerichtes der Stadt Aussig a. E., der
auf der Ferdinandshöhe als Wahrzeichen alter Rechtspflege gut erhalten
ist.
_Leitmeritz_, am 26. Juli 1926.
_Franz Kreysa_, Landesgerichtsrat i. R.
Bücherbesprechungen
=Erich Haenel und Eugen Kalkschmidt, Das alte Dresden.= Bilder und
Dokumente aus zwei Jahrhunderten. 316 Seiten und über 200 Bilder.
Verlag von Franz Hanfstaengl, München 1925. In Leinenband 20 Mark, in
Halblederband 26 Mark.